Beim Aufstieg zum »_Observatoire_« schneidet man einen Kanal, der Cannes,

Golfe Jouan und Antibes mit Wasser versorgt. Er führt das nämliche Wasser,

das die Römer einst in Forum Julii tranken. Sie hatten oberhalb Grasse

eine Quelle der Siagne gefaßt und führten das Wasser nach Fréjus in einem

gedeckten Aquäduct, der auf seinem Wege einen 50 Meter langen Tunnel, den

Tunnel von Roquetaillado, zu durchsetzen hatte. Der moderne Wasserkanal,

der in der Richtung von Cannes läuft, steht der römischen Wasserleitung

entschieden nach, denn er ist unbedeckt und vor Verunreinigungen somit

nicht geschützt. Man kann von La Maure aus diesem Kanal in nordwestlicher

Richtung meilenweit folgen. Ein Fußweg führt an demselben entlang. Er

steigt ganz unmerklich auf, so daß man fast eben zu gehen meint. In weiten

Bogenlinien zieht er sich längs der Berge hin und bietet wechselvolle

Ausblicke auf Cannes und das Esterel. Alsbald befindet man sich über Le

Cannet, einem Dorfe, das nördlich von Cannes, drei Kilometer entfernt vom

Meere liegt und durch nahe Hügel ganz besonders gut gegen Winde geschützt

wird. Man schaut da auf große Hôtels hinab, denn Le Cannet ist Station für

solche Kranke, die nicht am Meere weilen sollen, weil ihnen die Seebrise

angeblich Schaden bringt. Noch weiter gen Norden krönt Mougins einen 260

Meter hohen, isolirten Hügel; ein malerischer Ort, dessen compacte

Häusermasse nur von spärlichen Fenstern nach außen durchbrochen wird.

Dorthin sollen sich einst die Oxybier zurückgezogen haben, als die Römer

die Küste besetzten. Nur eine halbe Stunde Weges trennt Mougins von dem

Thurme von Castellaras, der die umfassendste Aussicht auf die Alpenkette

bietet.

Von dem Wege am Wasserkanal kann man alle jene Hügel ersteigen, welche Le

Cannet von Vallauris trennen. Von da oben sieht man jenseits von Mougins,

am Fuß der grauen Kalkalpen, Grasse im Sonnenlichte glänzen; unten im

Kessel, nach Osten zu, breitet sich Vallauris aus. Weiter sieht man Golfe

Jouan, Antibes, Nizza, die Küste bis in neblige Fernen und oberhalb der

Berge die Vallauris schützen, als herrlichsten Abschluß des Bildes, die

Schneemassen um den Col di Tenda. Dort baut Italien seit Jahren eine

Eisenbahn, welche Turin mit Ventimiglia verbinden soll. Die Bahn ist

fertig von Turin bis zum nördlichen Abhang des Passes, dem Orte Limone.

Unter dem Col di Tenda läuft jetzt schon ein langer Tunnel, der den

Verkehr der Wagen erleichtert. Dann beginnt das Thal der Roja, das bei

Ventimiglia das Meer erreicht. Der mittlere Theil dieses Thales ist im

Besitze Frankreichs. Ihn soll die Bahn umgehen, und das verursacht

bedeutende Kosten. Daher die Arbeiten langsam fortschreiten und die

Vollendung der Bahn sich noch kaum absehen läßt. Einst wird diese Bahn ein

herrliches Stück Land dem Verkehr eröffnen; denn die Gola di Gandarena, in

welcher die Roja zwischen himmelstürmenden Felsenmauern fließt, ist nicht

minder großartig wie die Via mala. Bis jetzt war dieser gewaltige Engpaß,

einer der imposantesten der Alpen, nur Jenen bekannt, welche den kleinen

Badeort St. Dalmazzo di Tenda zur warmen Jahreszeit besuchten, oder die es

gar unternahmen, allen Schneemassen zum Trotz, schon im Frühjahr die Fahrt

über den Col di Tenda zu unternehmen. Das haben wir einmal gethan und

einen unvergeßlichen Eindruck davon getragen. Ist einmal die Bahn von

Cuneo bis Ventimiglia in Betrieb, dann bildet sie zugleich die kürzeste

Verbindung zwischen der südlichen Schweiz und den Kurorten der Riviera di

Ponente. Die Straße über den Col di Tenda ist aber die älteste, die jemals

den Gallischen Strand mit den Ebenen des nördlichen Italien verband. Sie

existirte schon tausend Jahre vor Christus, zählt somit jetzt

achtundzwanzig Jahrhunderte und hieß die tyrrhenische Straße.

Der Ort Vallauris, so unscheinbar er auch ist, hat es verstanden, jetzt

eine gewisse Berühmtheit zu erlangen. Er dankt sie seinem farbigen

Halbporzellan, seinen »_Faïences d’art_«, die nicht nur an der Riviera,

sondern in allen größeren europäischen Städten jetzt die Schaufenster der

Läden zieren. Es sind das Thonwaaren mit Zinnglasur, die im starken Feuer

gebrannt werden. Die Familie Massier beherrscht diese Industrie. Ueberall

liest man diesen Namen über den Lagern und über den Fabriken. Den Fremden,

die auf der staubigen Landstraße zwischen Cannes und Antibes umherfahren,

fällt das große Lager im Orte Golfe Jouan am meisten in die Augen durch

seinen mit bunter Fayence verzierten oder verunzierten Garten.

Bietet Vallauris als Ort auch nur wenig, so bleiben doch die Ausflüge

anziehend, die man über die Höhen in dieser Richtung unternehmen kann. Von

Vallauris geht man durch eine anmuthige Schlucht hinab nach Golfe Jouan

oder durch den Wald, am Abhang der Berge, über Cannes-Eden, unmittelbar

nach Cannes. Vielfach begegnet man hier in den Wäldern noch Korkeichen,

die weiter nach Osten ganz fehlen. Es hängt das mit den Bodenverhältnissen

zusammen, da Glimmerschiefer und Gneis stellenweise bei Cannes noch an die

Oberfläche treten und dann die gleichen Vegetationsbedingungen schaffen,

wie sie im Maurengebirge gegeben sind.

IV.

Von der äußersten Spitze der Croisette ist die Insel St. Marguerite kaum

anderthalb Kilometer entfernt. In zwanzig Minuten kann man sie mit dem

Boote erreichen. Zweimal am Tage verkehrt auch ein kleiner Dampfer

zwischen dem Hafen von Cannes und den Lerinischen Inseln. Er berührt sie

beide, und man kann den Ausflug über die Mittagsstunden ausdehnen, wenn

man den ersten Dampfer zur Hinfahrt, den zweiten zur Rückfahrt benutzt. –

Wir wollten die Abendbeleuchtung der Küste von den Lerinischen Inseln aus

bewundern und nahmen am Nachmittag ein Boot an der Croisette. Voller

Sonnenschein füllte den Himmel mit einem Uebermaß von Licht und ließ das

glatte Meer gleich einer metallenen Platte erglänzen. Ein bläulicher Dunst

lag auf der Wasserfläche. Die gegenüberliegende Insel rückte immer näher.

Scharf zeichneten sich auf ihr die Mauern, die das Fort umgeben, welches

einst Richelieu erbaute. Oestlich über den Felsen blicken aus der Mauer

die Fenster jenes berüchtigten Gefängnisses hervor, das sonderbarer Weise

so oft schon die Gedanken der Menschen auf sich zu lenken wußte. Da war

der mysteriöse Gefangene eingeschlossen, der als »Mann mit der eisernen

Maske« die Historiker und Romanschreiber oft beschäftigt hat. Man nimmt

jetzt meist an, es sei das Hercules Anthony Matthioli gewesen, ein

Bologneser vom alten Geschlecht, der den Haß Ludwig XIV. sich zugezogen

hatte. Matthioli sollte bei Ferdinand Carl IV. von Mantua, dem letzten

Herzog aus dem Hause Gonzaga, den Verkauf der Festung Casale Monferrato an

Frankreich vermitteln. Nach der Eroberung der Festung Pinerolo

beherrschten die Franzosen den Zugang zum Piemont; ihnen hätte der Besitz

von Casale auch die fruchtbare Ebene von Mailand eröffnet. Matthioli, der

Senator von Mantua war und das Vertrauen seines Fürsten besaß, ließ sich

für den Plan gewinnen. Ludwig XIV. empfing ihn an seinem Hofe mit großen

Ehren und zeichnete ihn durch ein kostbares Geschenk aus. Dessen

ungeachtet verrieth Matthioli die französischen Pläne an Oesterreich und

brachte sie so zum Scheitern. Ludwig XIV. erfüllte das mit Zorn. Es gelang

ihm, Matthioli über die Grenzen von Turin zu locken. Er wurde dort

überfallen, gefangen genommen und in Fesseln gelegt. Man kerkerte ihn ein,

zunächst in Pinerolo, dann in jenem Gefängniß auf St. Marguerite. Da der

internationale Rechtsbruch geheim bleiben mußte, war es dem Gefangenen

unter Androhung des Todes verboten, sein Gesicht zu zeigen: er trug eine

Maske, die thatsächlich aber nicht von Eisen, sondern von schwarzem Sammet

war. Im Jahre 1687 kam Matthioli auf die Insel, um zehn Jahre später dem

Gouverneur der Festung, dem berüchtigten St. Mars, nach der Bastille zu

folgen. Dort starb er am 19. November 1703. – Es heißt, daß nach der

Revocation des Edictes von Nantes durch Ludwig XIV. auch protestantische

Geistliche in diesem Gefängniß geschmachtet hätten. Napoleon I. setzte

umgekehrt einen katholischen Geistlichen, de Broglie, Bischof von Gent,

hier ein. Dann gab es weniger vornehme Gefangene, Mamelucken und

dergleichen, erst die Einkerkerung Bazaines an dieser Stelle zog wieder

die Blicke der Welt auf St. Marguerite. Bazaine gelang es zu entkommen.

Seine Frau, eine noch junge Spanierin, und sein früherer Adjutant

Willette, der ihn nach St. Marguerite begleitet hatte, ermöglichten seine

Flucht. Er ließ sich des Nachts am Seil längs der Felsen nieder und

erwartete unten in zerfetzten Kleidern, mit wunden Händen und blutigem

Gesicht, seine Frau. Das stürmende Meer verhinderte die Landung des

Bootes, das ihn abholen sollte; er mußte sich in das Meer werfen, um es zu

erreichen. – Heut war es an diesen Felsen so still, wie auf einem See, und

wir landeten ohne Mühe an dem steinigen Ufer. – Der Besuch der Festung

lohnt kaum, will man sich nicht etwa an der außerordentlichen Dicke der

Mauern und an dem dreifachen Gitter des einzigen Gefängnißfensters

erbauen. Durch dieses Fenster hätte Bazaine nicht entkommen können. Er

benutzte die mangelhafte Aufsicht, um gegen Abend seine noch offene Zelle

zu verlassen. Er verbarg sich im Gefängnißhofe, während seine Zelle zur

Nacht leer verschlossen wurde.

Wir zogen in den schönen Kiefernwald, der den größten Theil der Insel

deckt, und lagerten dort unter den Bäumen. Die Aussicht landeinwärts ist

derjenigen ähnlich, die man von Antibes aus genießt. Nur steigt das

Vorgebirge in größerer Nähe auf, und das Bild wirkt heiterer durch die

große Nähe von Cannes. Die Schneemassen der Alpen scheinen in der Ferne

fast in der Luft zu schweben, gehüllt in jenen leuchtend azurenen Nebel,

der dem provençalischen Himmel eigen ist. Von der blauen Fläche des Meeres

und den grünen Hügeln der Küste steigt so das Bild in Stufen, bis zu den

schneebedeckten Riesen der Alpenwelt empor, in großartig eindrucksvollem

Contrast.

Wir ziehen nun quer durch den Wald, nach der entgegengesetzten Seite der

Insel, wo uns das Boot erwartet. Jetzt liegt dicht vor uns die Ile

St. Honorat. Es ist nur ein enger Meeresarm, der beide Inseln trennt, doch

ein Meeresarm, erfüllt mit gefahrbringenden Felsen, die kaum von den

Wellen des Meeres gedeckt werden.

Die Ile St. Honorat hieß bei den Römern Lerina. Der heilige Honoratus zog

von seiner Einsiedelei im Esterel zu Anfang des fünften Jahrhunderts nach

dieser Insel hin. Er fand sie, so berichtet die Sage, mit giftigen

Schlangen erfüllt, unter denen zu leben fast unmöglich schien. Doch der

Heilige bestieg eine Palme und vertrieb die Schlangen durch den großen

Bannfluch, den er über sie aussprach. Zu St. Honoratus gesellte sich bald

der greise Caprasius, den spätere Zeiten auch als Heiligen anerkannten. Es

strömten von allen Seiten Anhänger herbei, und das errichtete Kloster

hatte bald bedeutenden Ruhm erlangt. Der heilige Vincenz, einer der

hervorragendsten Mönche von Lérin, verfaßte dort das Commonitorium gegen

die Irrlehre, ein Werk, das man auch in unserer Zeit im Streit um das

Unfehlbarkeitsdogma öfters citirte, im Besonderen den Satz: »Was immer,

was überall, was von Allen geglaubt worden ist, das ist wahrhaft

katholisch.« Dem Kloster gehörten auch an: St. Hilarius, der wie

St. Honoratus später Bischof von Arles wurde, ebenso St. Maximus, der den

Bischofssitz von Fréjus bestieg, dann Faustus, Bischof von Reji, der zu

den Heiligen zwar gezählt, dessen Rechtgläubigkeit aber vielfach

angezweifelt wurde; dann St. Salvian, St. Valerian, auch die beiden Söhne

des heiligen Eucharius: St. Veranius und St. Salonius und viele Andere.

Von der kleinen Insel Lerina, die St. Honoré nach dem Begründer ihres

Klosters benannt wurde, gingen nicht weniger als zwölf heilige

Erzbischöfe, zwölf heilige Bischöfe, zwölf heilige Aebte und vier heilige

Mönche hervor. »O gesegnete Einsiedelei, o dreimal glückliche Insel, die

du so viel Sprößlinge des Himmels erzogen hast!« _Beata et felix insula

Lyrinensis …!_ rief daher schon im Jahre 542 der Erzbischof von Arles,

Caesarius, der Sohn des Grafen von Chalon, bei seinem Tode aus. Zu Ehren

aller dieser Heiligen wurde am 15. Mai ein eigenes Fest, das der

Allerheiligen von Lerina, gefeiert. Um das Jahr 690 zählte das Kloster

über 3700 Mönche. Wie mögen sie nur alle Platz gefunden haben auf der

kleinen Insel, die nur etwa tausend Schritte lang und vierhundert Schritte

breit ist! Dieses rasche Aufblühen des Klosters trug die Keime des

Verfalles auch in sich; die asketische Lebensweise schwand immer mehr. –

Zur Zeit, da der heilige Caesarius dem Kloster als Mönch angehörte, waren

die Ordensregeln äußerst streng. Jeder Mönch bewohnte getrennt seine

Zelle: es gab weder ein Schlafgemach noch eine Küche. St. Caesarius

ernährte sich von Kräutern und von Brühen, die er sich am Sonntag für den

Bedarf der ganzen Woche kochte. Das änderte sich später, und schon zu Ende

des siebenten Jahrhunderts mußten, wie der Abt Disdier erzählt, die Päpste

eingreifen, um der Zügellosigkeit der Sitten unter den Mönchen zu steuern.

– Der heilige Aigulf, hieher gesandt, um strenge Zucht im Kloster

einzuführen und die Mönche zu besserem Lebenswandel zu bekehren, wurde von

ihnen verstümmelt und Seeräubern übergeben. – Dann aber kamen die

Saracenen. Sie plünderten im Jahre 732 das Kloster und mordeten alle seine

Bewohner. Nur St. Eleutherius blieb am Leben, verborgen in einem

unzugänglichen Felsenspalt, in dem er acht Tage lang von Wurzeln und

Seethieren sich nährte. Das Kloster blühte noch mehrfach auf, doch die

alte Sicherheit und Ruhe waren von der Insel geschwunden, so daß der Abt

Adalbert im Jahre 1073 einen starken viereckigen Thurm erbauen ließ, der

vom Strande aus gegen Afrika schaut und dauernd das Meer überwachte. Der

Thurm war geräumig genug, um alle Mönche aufzunehmen; sie konnten die

Klosterschätze darin bergen, dort auch sich wirksam gegen die alten

Feinde, Seeräuber und Saracenen, vertheidigen. So kam es, daß das Kloster

nicht nur fortbestehen, sondern auch glänzende Zeiten erleben konnte: es

hatte noch manchen geistig hochstehenden Abt aufzuweisen. Im sechzehnten

Jahrhundert besaß es eines der reichsten Sanctuarien, und seine Bibliothek

war weit berühmt. Im siebzehnten Jahrhundert, unter dem Pontificat

Gregor XV. begann es endgültig zu verfallen. Als es im Jahre 1788

säcularisirt wurde, zählte es nur noch vier Mönche. Man vertheilte die

Klosterschätze an die Kirchen der benachbarten Regionen. Viele

Kostbarkeiten verschwanden während der französischen Revolution, so ein

silberner Reliquienschrein, der die Ueberreste des heiligen Honoratus

enthielt und nach Cannes gekommen war. Dieser kunstvoll gearbeitete

Reliquienschrein stammte von Franz I., der nach der Schlacht von Pavia als

Gefangener die Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1525 im Kloster zugebracht

hatte. Im Jahre 1791 wurde das Kloster versteigert und ging, eigen genug,

in den Besitz einer Schauspielerin über. Es war das Fräulein Alziary de

Roquefort, die unter dem Namen Sainval an der _Comédie française_

glänzende Triumphe gefeiert hatte.

Die Insel St. Marguerite hieß bei den Römern Lero. Strabon erzählt, daß

ein Heroentempel diese Insel schmückte und daß die Ligurischen Piraten

dort Opfer darbrachten. Den Namen St. Marguerite, den jetzt die Insel

führt, sucht eine Sage mit dem Namen der Schwester des heiligen Honoratus

zu verknüpfen. Von Sehnsucht getrieben, so wird erzählt, kam Margarethe

nach Lerina und fiel dem Bruder zu Füßen. Die Ordensregel schloß die

Anwesenheit von Frauen auf Lerina aus. Daher St. Honoratus die Schwester

nach der Insel Lero brachte, wo sie verblieb und Aebtissin wurde.

Margarethe nahm unter einem blühenden Kirschbaum von dem Bruder Abschied,

und er mußte ihr versprechen, daß er sie besuchen würde, so oft dieser

Kirschbaum blühe. Die Heilige erwirkte dann durch ihr Gebet, daß der

Kirschbaum allmonatlich in Blüthenschmuck prangte.

Jetzt gibt es wieder Mönche im Kloster St. Honorat. Das Bisthum von Fréjus

hat das Kloster im Jahre 1859 erworben, und zehn Jahre später zogen die

Cistercienser hierher. Im weißen Gewande, mit schwarzer Kapuze, schwarzem

Gurt und Scapulier schreiten sie in dem Kloster einher. Frauen ist der

Zutritt untersagt, doch viel verlieren sie nicht durch dieses Verbot, denn

von den älteren Theilen des Klosters blieb fast nichts erhalten, und die

Kirche in demselben ist ganz neuen Ursprungs. Weit höheres Interesse

beansprucht das außerhalb des Klosters am Meeresstrande aufgebaute, auch

den Frauen zugängliche Kastell. Ein mächtiger Bau aus Quadersteinen, der

den Angriffen der Zeit getrotzt hat. Nur von wenigen Fenstern nach außen

durchbrochen, mit Zinnen besetzt, trägt es deutlich seine einstige

Bestimmung zur Schau. Besonders stimmungsvoll hebt sich dieses dunkle

Kastell von dem blauen Hintergrund des Meeres ab, wenn es aus einiger

Entfernung betrachtet wird, und dunkelgrüne, über den Strand geneigte

Kiefern dasselbe umrahmen. Im Innern birgt das Kastell alle jene Räume,

die zu einem längeren Aufenthalt der Mönche nothwendig waren: zahlreiche

Zellen und ein Refectorium, eine Capelle und eine Bibliothek, vor allem

auch eine Cisterne. Diese Cisterne, ganz alter Construction, nimmt die

Mitte des offenen Hofes ein; Säulengänge, in mehreren Stockwerken, steigen

im Umkreis auf. Eingestürzte Gewölbe, halbverschüttete Räume, verborgene

Treppen, die in unterirdische Räume führen, folgen aufeinander und

durchschneiden sich in sinnverwirrender Weise. Die Burg ist Kloster und

Festung zugleich, so recht ein Product jener Zeit, wo das Kreuz und das

Schwert oft von derselben Hand geführt wurden, einer leidenschaftlich

erregten Zeit, stark und starr in ihrer Ueberzeugungskraft, der es an

schöpferischer That und eigenartiger Poesie nicht fehlte. Auf einer

Wendeltreppe besteigt man den Thurm, von dem aus sich eine herrliche

Aussicht entfaltet. Man sieht hinab auf die Lerinischen Inseln, die wie

grüne Flöße auf dem Meere schwimmen, und überblickt die ganze weite Küste

von St. Tropez bis zu den Bergen von Bordighera. Die Insel St. Honorat ist

viel kleiner als ihre Schwester; daß der heilige Honoratus sie

dessenungeachtet zur Anlage seines Klosters erwählte, war durch die Quelle

bedingt, die sie birgt.

Zerklüftete Felsen ragen in der Nähe des Kastells aus dem Meer hervor. Sie

heißen die Mönche und bilden einen natürlichen Schutz für die Insel. An

ihnen bricht sich die Macht der Wellen, wenn der Südsturm das Meer gegen

die Insel treibt. Einige Capellen schmücken den Strand, Ueberreste aus

alter Zeit; Marmorfragmente von Säulen und Capitälen sind zwischen Myrten

und Lentisken aufzufinden und mahnen an frühere Pracht. Fünfzehn

Jahrhunderte lang beherrschten die Mönche diese Inseln sowie auch das

gegenüberliegende Festland, jetzt gilt ihre Fürsorge vor allem einem

Waisenhaus, das in dem Kloster errichtet wurde und in welchem die Knaben

verschiedene Gewerbe erlernen. In diesem Waisenhause befindet sich auch

eine Druckerei, in welcher alte kirchliche Werke neu edirt werden. So hat

die Druckerei von Lerin dem Papst Leo XIII. zu seinem Jubiläum ein reich

verziertes Werk überreicht, welches das Magnificat in »hundertfünfzig«

Sprachen enthielt.

Oestlich von der Insel St. Honorat liegt die kleine Felseninsel

St. Féréol. Während die beiden größeren Lerinischen Inseln durch Legende

und Geschichte wie mit einem Heiligenschein umgeben werden, bildete sich

eine seltsame, fast dämonische Mythe um St. Féréol aus. Es hieß, und heißt

noch vielfach, daß auf St. Féréol das Grab von Paganini sich befunden

habe. Diese Angabe ist in französischen Werken verbreitet. Sie führen an,

Paganini sei in Nizza, im Mai 1840, an der Cholera verschieden; sein Sohn

Achille habe die Leiche auf einem Schiffe nach Genua geführt, um den Vater

an dessen Geburtsorte zu bestatten. Die Geistlichkeit verweigerte aber das

Begräbniß dem Manne, von dem es hieß, er habe sich dem Satan verschrieben.

Auch das Municipio ließ die Ausschiffung des Körpers wegen Choleragefahr

nicht zu. So versuchte der Sohn in Marseille zu landen, doch wieder ohne

Erfolg. Als er auch in Cannes abgewiesen wurde, entschloß er sich, den

Sarg des Nachts auf die kleine unbewohnte Insel zu bringen und dort, von

Stürmen oft umbraust, hat der Todte fünf Jahre lang gelegen. Erst im Mai

1845 kehrte der Sohn wieder, nachdem es ihm gestattet worden war, den

Vater zu begraben an der Kirche von Gajona bei Parma, unfern der Villa,

die Paganini dort erworben hatte. Diese Erzählung kam mir schon einmal in

den Sinn, als ich in dem herrlichen _Pallazzo Doria Tursi_, dem jetzigen

_Palazzo del Municipio_ in Genua, die Geige Paganinis sah. Das war in den

Tagen der Columbianischen Feste, wo die Mitglieder der wissenschaftlichen

Congresse im Municipio durch den Sindaco empfangen wurden. Die Geige, eine

Guarneri, der einst Paganini dämonische Töne zu entlocken gewußt, bewahrt

man wie eine Reliquie in einem kostbaren Schrein; man hatte sie zu dem

Feste mit seidenen Bändern in den italienischen Farben geschmückt. Daran

dachte ich jetzt, da ich die kleine Insel St. Féréol vor mir im Meere

liegen sah. Die heitere Landschaft stimmte freilich nicht zu dem

unheimlichen Geiste Paganinis. Wohl aber konnte es ihm behagen auf jenem

einsamen Riff, wenn die entfesselten Elemente die brandenden Wogen über

die Felsen trieben und der Wind klagend über der Meeresfläche pfiff. Da

war es die Natur, welche Schaudergeschichten auf ihrer _G_-Saite spielt,

so wie er sie einst auf jener Saite seinen erregten Zuhörern zu erzählen

wußte. Ja, das Grab Paganinis paßt sicherlich besser in die wilde

Brandung, als auf einen stillen Friedhof, das ist völlig klar! – Wie

schade, daß die Geschichte nur erdichtet ist! – In Wirklichkeit starb

Paganini in der _Via Santa Reparata_ zu Nizza an der Kehlkopfschwindsucht

und nicht an der Cholera. Er hatte lange zuvor schon, in Folge seines

Leidens, die Stimme eingebüßt. Da er die Sterbesacramente nicht empfangen

hatte, verweigerte die Geistlichkeit seine kirchliche Bestattung, und

diese konnte erst einige Jahre später erfolgen. Der Sohn Paganinis, der

heute noch in Parma lebt, theilt mir mit, daß sein Vater dort auf dem

großen Friedhof _della Villetta_, nachdem er, auch im Tode unstät, erst

nach Villa-Franca, dann nach Genua gewandert, seit 1876 seine endliche

Ruhe gefunden und er – der Sohn – ihm auf seinem Grabe ein würdiges

Denkmal habe errichten lassen, für welches in Genua kein geeigneter Platz

gewesen sei. Ueber Paganinis Leben hatten sich die merkwürdigsten Mythen

ausgebildet, die durch sein ungewöhnliches Aussehen, seine fast

gespensterhafte Magerkeit und sein blasses Gesicht, auf welchem, wie Heine

schreibt, Kummer, Genie und Hölle ihre unverwüstlichen Zeichen eingegraben

hatten, gefördert wurden. Paganini trug übrigens durch sein excentrisches

Benehmen selber nicht wenig zur Verbreitung dieser Mythen bei. Nur einmal,

in Paris, fühlte er sich veranlaßt, den Fabeln, die in den Zeitungen über

ihn berichtet wurden, entgegenzutreten. In einem Briefe, den er in der

»_Revue musicale_« veröffentlichen ließ, schilderte er selbst sein Leben

und führte dort den Nachweis, daß er weder seine Geliebte ermordet noch im

Gefängniß gesessen, noch sich dem Teufel verschrieben habe. Er schloß mit

der Hoffnung, man werde wohl seiner Asche einst die verdiente Ruhe gönnen.

Doch auch diese Hoffnung sollte sich nicht erfüllen! Selbst eine

Marmorbüste, die man Paganini in der _Villetta di Negro_ zu Genua geweiht

hatte, verschwand spurlos von jener Stätte.

Streifzüge an der Riviera · 第 16 / 18 段