noch manche Belehrung verdanke, enthält die Angabe, daß Europa an
flüssigen Parfüms allein jährlich über eine Million Liter verbraucht. An
der Deckung dieses Bedarfs ist Grasse mit etwa 100 000 Kilogramm
Lavendelöl, halb so viel Thymianöl, 25 000 Kilogramm Rosmarinöl, 2000
Kilogramm Neroliöl und sehr beträchtlichen Mengen anderer Oele und
Extracte betheiligt. Nicht wenig wird Grasse in der Parfüm-Erzeugung durch
das benachbarte Cannes unterstützt, das mehrere Parfümfabriken besitzt und
Hunderte von Arbeitern in ihnen beschäftigt. Der Verbrauch an Parfüms in
Europa, wiewohl immer noch groß, ist doch beträchtlich zurückgegangen und
wird, wenn überhaupt, nur in discretester Weise geübt. So verhält es sich
auch in anderen kühlen Ländern, während die heißen Erdstriche noch immer
ein hohes Bedürfniß nach persönlichem Parfüm bekunden. Obenan in dieser
Beziehung steht der Orient, dessen Leistungen trotzdem noch gegen
diejenigen des classischen Alterthums bedeutend zurückstehen. Bezeichnend
für jene Zeit ist die Erzählung des Plinius, daß an Lucius Plocius der
Duft zum Verräther geworden sei. Dieser Lucius Plocius, dessen Bruder
Lucius Plancus zweimal das Consulat bekleidet hatte, wurde von den
Triumvirn geächtet und mußte fliehen. Er verbarg sich im Salernitanischen,
wo man ihn entdeckte, weil er so stark nach Salben roch. Er mußte den Tod
erleiden, was Plinius nicht ohne einige Genugthuung erzählt, so empörte
ihn der Mißbrauch, den man mit Parfüms damals trieb. Daß heute Jemand von
wohlriechenden Salben und Oelen triefen sollte, wie es im Orient und in
Griechenland zu alten Zeiten oft der Fall war, können wir uns kaum
vorstellen. Wir empfinden eine entschiedene Abneigung selbst gegen fettige
Hände und suchen solche möglichst rasch zu säubern. Oel oder Pomade werden
allenfalls noch im *Haar* geduldet, sonst nur alkoholische Extracte
benutzt. Im Alterthum parfümirte man sich hingegen ausschließlich mit
duftenden Oelen. Das erste flüssige Parfüm, wie wir es jetzt benutzen,
soll Mercutio Frangipani dargestellt haben, der ein von seinen Vorfahren
erfundenes, aus Gewürzen und Moschus zusammengesetztes Riechpulver mit
starkem Weingeist extrahirte. Dieser Frangipani gehörte einem römischen
Adelsgeschlecht an, das sich im zwölften und dreizehnten Jahrhundert in
den Kämpfen der Guelfen und Ghibellinen ausgezeichnet hatte. Daß die
Neigung, sich mit Wohlgerüchen zu beschäftigen, in diesem Geschlechte
fortlebte, geht aus der Angabe hervor, daß ein späterer Nachkomme der
Frangipani in Frankreich, der Marquis de Frangipani, Feldmarschall unter
Ludwig XIII., eine Art parfümirter Handschuhe einführte, die »_Gants à la
Fragipane_« genannt wurden.
Die Griechen lernten es von den Orientalen, ihren Körper mit duftenden
Oelen einzusalben. Plinius möchte ohne Weiteres die Erfindung der
wohlriechenden Salben den Persern zuschreiben. Ihr König Darius soll in
seinem Trosse nicht weniger als vierzig Salbenbereiter geführt haben; sie
geriethen in die Gewalt Alexanders. Aus der Beute, welche dieser damals
machte, stammte, nach Plinius, auch jener mit Gold, Perlen und Edelsteinen
besetzte Salbenschrein, in welchem Alexander die Werke Homers aufbewahren
ließ, damit, so sagte er, das werthvollste Werk des menschlichen Geistes
auch die kostbarste Hülle erhalte. In Griechenland galt die Benutzung
wohlriechender Salben immerhin als Verweichlichung; der echte Mann
verpönte sie und rieb sich in den Gymnasien mit reinem Oele ein.
Theophrast, Plinius und Dioscorides haben uns erzählt, wie die
wohlriechenden Salben im Alterthum hergestellt wurden. Man mischte die
Aromata mit den Oelen und erwärmte sie zusammen. Theophrast gab schon im
dritten Jahrhundert v. Chr. an, man solle die Operation im Wasserbade
vornehmen, um ein Anbrennen der Aromata zu verhindern. Als Oel diente vor
Allem das der Olive, das man kunstvoll reinigte und bleichte, auch aus
noch unreifen Früchten preßte, um es möglichst farblos zu erhalten.
Außerdem wurde das Oel aus süßen und bitteren Mandeln, Sesamöl, Ricinusöl
und Behenöl benutzt. Das letztere schätzte man ganz besonders, weil es
geruchlos ist und nicht leicht ranzig wird. Auch heute würde man es zu
Haarölen gern verwenden, wäre es nicht aus dem Handel so gut wie
verschwunden. Der Baum, von dem man das Behenöl gewann, hieß im Alterthum
_Balanos_ oder _Myrobalanon_, somit Salbeneichel. Es ist die in Arabien
und Aegypten einheimische _Moringa aptera_, deren Früchte, die Behennüsse,
durch Auspressen das Oel liefern.
Dioscorides warnt in seiner »_Materia medica_«, einem Werk, das wohl um
die Mitte des ersten Jahrhunderts n. Chr. erschien, vor jeder Spur Wasser,
die im Oel zurückbleibt, und räth an, das Oel öfter umzugießen in Gefäße,
die mit Honig und Salz bestrichen sind. Durch das Salz werde dann alles
Wässerige dem Oele entzogen. – Myrrha und andere Balsame, Cardamomen,
Calamus, Wurzelstock der Iris, duftende Blüthen und Früchte, wohlriechende
Kräuter mußten ihre Aromata an die Oele abgeben. Auch war die Eigenschaft
thierischer Fette, sich mit Wohlgerüchen zu beladen, schon bekannt.
Allgemeiner Verbreitung erfreute sich namentlich die Rosensalbe, deren
Bereitung Dioscorides eingehend schildert. Man setzte den Salben meist
Gummi und Harz hinzu, um sie zu färben und auch, wie es hieß, ihren Duft
zu binden. Manche Salbe färbte man mit Drachenblut, dem blutrothen Harz
des Drachenbaumes (_Dracaena Draco_) oder mit _Anchusa_, wohl dem
Farbstoff, den wir aus der Wurzel der _Anchusa tinctoria_, unserer
Alkannawurzel, gewinnen. Letzterer wurde auch zum Färben des Rosenöls
empfohlen. – Die Zahl der benutzten Salben wuchs ganz außerordentlich, oft
mischte man sehr viele Substanzen in einer einzigen Salbe zusammen. Die
ägyptische Salbe »_Metopium_« stellte man aus Bittermandelöl her und
setzte »_omphalium_, _cardamomum_, _juncum_, _calamum_, _mel_, _vinum_,
_myrrham_, _semen balsami_, _galbanum_, _resinam terebinthinam_« hinzu.
Soweit die Bedeutung der Namen heute klar gelegt ist, enthielt somit diese
Salbe, außer dem Bittermandelöl, das Oel unreifer Oliven, die flüchtigen
Oele der Cardamomen, des wohlriechenden Geraniumgrases und des Kalmus,
dann Honig, Wein, den Balsam des nordafrikanischen Baumes _Balsamodendron
myrrha_, Balsamkörner, d. h. den Balsam der erbsengroßen Früchte des
arabischen Balsamstrauches _Balsamodendron giliadense_, das Gummiharz
eines persischen Doldengewächses, _Ferula galbaniflua_, endlich das
Terpentin der _Terpentin-Pistazie_. Von dem Duft dieser Salbe kann man
sich annähernd eine Vorstellung machen, sie muß vorwiegend nach bitteren
Mandeln und Balsam gerochen haben. – Man bezog die Salben von den
verschiedensten Orten, aus Aegypten, Delos, Mendesium, Corinth, Kilikia,
Rhodos, Kypros, später auch aus Neapolis, Capua, Praeneste. Das wechselte
je nach Geschmack und Mode. Die Salben waren zum Theil sehr theuer und
beschäftigten ein ganzes Heer von Verfertigern und Verkäufern. In den
Läden der Salbenhändler hielten sich die Müßiggänger auf. Man wählte
beschattete Orte zur Anlage solcher Läden, damit die Salben, die in Gefäße
von Blei oder Stein eingeschlossen waren, von der Sonnengluth nicht
litten. Der Stein, den wir Alabaster nennen, wurde viel für diese Gefäße
verarbeitet, doch scheint die antike Bezeichnung _Alabastron_, wie
Reinhold Sigismund in seinem Buch über die Aromata nachzuweisen sucht,
sich mehr auf die Gestalt, als auf das Material der Salbengefäße bezogen
zu haben.
Bezeichnend für den Mißbrauch, der mit wohlriechenden Salben in
Griechenland getrieben wurde, sind die zahlreichen, uns von Athenäus
überlieferten Berichte. Er erzählt, daß die Schwelger in Athen jeden Theil
ihres Körpers mit einer anderen Salbe einrieben. Aegyptische Salbe diente
für Füße und Schenkel, phönikische Salbe für Kinnbacken und Brust,
_Sisymbrion_-Salbe für die Arme, _Armaracon_-Salbe für Haar und
Augenbrauen, _Serpyllos_-Salbe für Kinn und Nacken. Man kann sich
vorstellen, wie so ein menschliches Wesen nach vollzogener Einsalbung
geduftet haben mag. Denn die _Amaracon_-Salbe roch nach Majoran, die
_Serpyllos_-Salbe nach Thymian, die _Sisymbrion_-Salbe wohl nach einer
Minze, die ägyptische und phönikische nach Bittermandelöl und Balsamen.
Das war ein ganzer Parfümladen! Dabei glänzte ein solcher Mensch von Fett
an seinem ganzen Körper. – Ueber Demetrius Phalereus wird bei dem
Symposion des Athenäus berichtet, er habe sich nicht nur den ganzen Körper
gesalbt, sondern auch das Haupthaar noch gelb gefärbt, um verführerischer
auszusehen. – Bei Trinkgelagen salbte man den Kopf, damit der Wein nicht
in die Höhe steige; denn wenn der Kopf trocken ist, hatte Myronides
gesagt, wandern die Dünste nach oben. Dazu kamen noch die Kränze, welche
den Rausch verhindern, den Kopf kühl erhalten und den Kopfschmerz abwehren
sollten. Das mögen die ursprünglichen Epheukränze gethan haben, schwerlich
die später benutzten aus duftenden Blumen. Denn diese wurden aus Rosen,
Lilien oder Violen (Goldlack und Levkoien) gewunden und von aufwartenden
Dienern vielfach mit duftenden Salben noch besprengt. In dem Symposion des
Athenäus wird berichtet, daß bei den prunkvollen Aufzügen des Königs
Antiochus Epiphanes auf Daphne zahlreiche Frauen mit goldenen Gefäßen
einherschritten und aus diesen duftende Salben auf die Menge verspritzten.
Derselbe König, den man später spottweise auch Epimanes, das heißt den
Verrückten nannte, pflegte in öffentlichen Bädern zu erscheinen, wenn das
ganze Volk dort versammelt war. Er salbte sich mit den köstlichsten Oelen.
Da sagte denn Einer: »Wie glücklich bist Du, o König, daß Du so
wohlriechende Parfüms benutzen und überall einen so angenehmen Duft
verbreiten kannst.« Antiochus antwortete ihm nicht, ließ ihm aber am
nächsten Tage nach dem Bade ein großes Gefäß mit Myrrhensalbe über den
Kopf gießen. Nun wälzten sich auch Andere in dem verschütteten Oele, viele
glitten aus und fielen zu Boden, sogar der König, was allgemeine
Heiterkeit erregte. Dieser Antiochus muß allerdings recht excentrisch
gewesen sein, denn auch die Geschenke, die er vertheilte, waren mehr als
sonderbar. Dem Einen drückte er Knöchel, dem Anderen Datteln, noch Anderen
Gold in die Hände.
Die Lacedämonier, heißt es, hätten die Salbenhändler und die Färber aus
Sparta verjagt, weil die Ersteren das Oel verdarben, die Letzteren die
Wolle ihrer ursprünglichen Reinheit beraubten. Lykurg und Sokrates traten
gegen den Mißbrauch wohlriechender Salben auf, erreichten aber eben so
wenig, wie später in Rom die beiden Censoren Publius Licinius Crassus und
Lucius Julius Cäsar, die, wie Plinius mittheilt, im Jahre 189 v. Chr. ein
Edict erließen, daß Niemand »exotische« Salben verkaufen solle.
Die Haare und Kleider der Römerinnen verbreiteten, nach Plinius, so starke
Düfte, daß sie schon aus der Ferne die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Daß
sei um so thörichter, meint er, als dieser theuer erkaufte Genuß weit mehr
Anderen zu Gute komme, als dem, der ihn bezahlt hat. Nicht minder beklagt
auch Plutarch diese Salbenverschwendung. Er erzählt, wie bei einem
Gastmahl, das Salvius Otto dem Nero gab, von allen Seiten her kostbare
Salben aus goldenen und silbernen Röhren flossen und die Gäste ganz
durchnäßten. Juvenal spottet in seinen Satiren über Crispinus, den
Günstling Domitians, daß er schon am Morgen mehr Amomumduft als zwei
Leichenbegängnisse von sich aushauche. – Ein besonders lebendiges Bild aus
Neronischer Zeit, das auch den Salbenluxus und die Vorliebe für
Wohlgerüche zeigt, hat Petronius in dem Gastmahl des Trimalchio entworfen.
Sind die Farben auch stark aufgetragen, so entspricht die Schilderung doch
den damaligen Sitten, wie sie bei prahlerischen Emporkömmlingen sich
besonders geltend machten. Während des üppigen, nicht endenwollenden
Mahles, bei welchem die seltensten Speisen in kunstvoller Zubereitung
aufgetragen werden, folgen die mannigfaltigsten Ueberraschungen
aufeinander. Da plötzlich senkt sich von der Decke ein gewaltiger Reifen,
an dem rund herum goldene Kränze nebst Flaschen wohlriechender Essenzen
hängen. Sie sind als Geschenke für die Gäste bestimmt. Gegen Ende des
Mahles wird die Ausgelassenheit groß, bis der trunkene Trimalchio auf den
Einfall kommt, sich die Todtenkleider bringen zu lassen, in denen er
wünscht, daß man ihn einst begrabe. Er befiehlt auch, wohlriechendes
Wasser zu holen und eine Probe zum Kosten von jenem Wein, mit dem seine
Gebeine gewaschen werden sollen. Er öffnet eine Flasche Nardenessenz,
bestrich mit derselben seine Gäste und spricht die Hoffnung aus, dieser
Wohlgeruch werde ihm nach dem Tode eben so gut thun, wie im Leben. –
Petronius gehörte zu den Lieblingsautoren des vorigen Jahrhunderts; um die
Mitte desselben hatte das »Gastmahl des Trimalchio«, wie ich Friedländers
Einleitung zum Petronius entnehme, schon sechs französische Uebersetzungen
aufzuweisen. Am Hofe von Hannover, im Carneval des Jahres 1702, wurde es
sogar von fürstlichen Darstellern aufgeführt. Auf Wunsch der Königin
Sophie Charlotte von Preußen mußte Leibniz der Fürstin von
Hohenzollern-Hechingen diese Aufführung schildern, was in einem
französisch geschriebenen Brief vom 25. Februar 1702 geschah.
Gleicher Luxus mit Parfüms wie im Alterthum ist wohl zu keiner Zeit wieder
getrieben worden, doch kamen sie an den Höfen von Frankreich und England
zeitweise in hohe Gunst. In Frankreich geschah das zur Zeit der
Renaissance unter dem Einfluß der italienischen Künstler, die Franz I. und
Katharina von Medicis an ihren Hof zogen. Da wurde in parfümirten Pasten,
Pomaden und duftenden Handschuhen vollauf geschwelgt. Die Cosmétiques
kamen zu jener Zeit als Schönheitsmittel auf und riefen eine besondere
cosmetische Literatur ins Leben. Daß Diana von Poitiers bis in das hohe
Alter sich den Reiz der Jugend zu bewahren wußte, ungeachtet sie schon mit
dreizehn Jahren an Ludwig von Breze, Großseneschal der Normandie, vermählt
worden war, schrieb man cosmetischen Geheimmitteln zu, die ihr Paracelsus
verrathen habe. Der Mißbrauch, der unter den Valois mit cosmetischen
Mitteln getrieben wurde, rief eine Reaction gegen dieselben hervor; erst
unter Ludwig XIII. wußte die schöne Anna von Oesterreich sie wieder in die
Gunst des Hofes zu bringen. Da kamen die Pâtes d’Amandes, die
verschiedenen Crêmes und Schminken auf, welche der Haut der Damen eine
künstliche Färbung verliehen. Ludwig XIV. liebte die Cosmétiques nicht:
ihr Gebrauch nahm ab, doch nur, um unter der Régence einen besonderen
Aufschwung zu erfahren. Jetzt blühten Geheimmittel, welche die Jugend und
Schönheit dauernd sichern sollten. Der berüchtigte Cagliostro nahm von der
eben so berüchtigten Dubarry und von anderen Schönen nicht geringe Summen
für solche Geheimmittel ein. Trotzdem schminkte man sich unter Ludwig XV.
wieder weniger als zuvor und das »_rouge de Portugal en tasse_« röthete
nicht so stark die Gesichter. Der Absatz an Schminke hielt sich immerhin
auf bedeutender Höhe, so daß im Jahre 1780 eine Gesellschaft fünf
Millionen Francs der Regierung für das Privilegium bot, ein Roth
besonderer Güte allein verkaufen zu dürfen. Selbst mit violetter Schminke
versuchte man es in den Gärten des Palais Royal und hielt ganz Paris
dadurch acht Tage lang in Aufregung. – Das hörte gegen Ende des
Jahrhunderts, unter dem Einfluß von Marie Antoinette auf; die schreienden
Farben verschwanden aus den Gesichtern, und zugleich verlor sich auch der
Geschmack an starken Wohlgerüchen; das Zarte mußte sich jetzt mit dem
Schwermüthigen, das Keusche mit dem Gefühlvollen im Aussehen der Frauen
paaren: so gewann die Parfümerie jenes discrete Gepräge, welches ihr auch
heute noch geblieben ist. Nur vorübergehend machte sich ein
entgegengesetzter Einfluß der Kaiserin Josephine geltend, die als Creolin
die starken Parfüms liebte. Napoleon I. selbst bediente sich nur des
Kölnischen Wassers, das er sich jeden Morgen über Kopf und Schultern goß.
Seit dem sechzehnten Jahrhundert war Frankreichs Geschmacksrichtung in der
Parfümerie maßgebend für die anderen Völker, im siebzehnten Jahrhundert
gelangte sie zur Alleinherrschaft zugleich mit den französischen Moden.
Frankreich und England waren es vorwiegend, welche die Welt mit ihren
Parfümerien versorgten. Nur dem Kölnischen Wasser gelang es, als
Weltparfüm gegen die Producte dieser Länder aufzukommen. Jetzt erst
beginnt Deutschland, wenn auch noch nicht in den »Bouquets«, so doch in
den ungemischten Parfüms in die erste Stelle zu rücken. Die Leipziger
Erzeugnisse haben in dieser Richtung einen ungeahnten Erfolg erreicht.
Außerdem steht Deutschland obenan mit seinen chemischen Producten, die
heute in so entscheidender Weise in die Parfümerie eingreifen. Ebenso
liefert es vornehmlich der Welt jene antiseptisch wirksamen Stoffe, welche
die Cosmétiques verdrängt haben und allein berufen sind, die Gesundheit
des Körpers und damit auch die Schönheit des »Teint« in Zukunft zu wahren.
Die Berge strahlten von allen Seiten Licht und Wärme auf die
Blumenpflanzungen von Grasse zurück. Es wurde heiß in der Stadt: feiner
Staub stieg bei jedem Windhauch in dichten Wolken auf: es roch zu stark
nach Santalholz in den Straßen, wir fühlten uns plötzlich reisemüde und
traten den Heimweg nach dem Norden an.
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FRÜHJAHR 1895.
I.
Der Winter war so lang und so traurig im Norden gewesen, wir sehnten uns
nach Wärme und nach Sonne. Doch auch vom Mittelmeer trafen unaufhörlich
Hiobsposten ein: die Kälte hielt dort an, die Vegetation hatte gelitten,
noch zu Anfang März fiel Schnee, der viele Orte der Riviera mit einem
weißen Gewand bedeckte. Da, endlich, siegte die Frühlingssonne: wir
erhielten günstige Nachricht, und waren einige Tage später in Cannes.
Schon oben in den Alpen begrüßte uns der Frühling, mit leuchtendem
Antlitz, mit einer Strahlenkrone ums Haupt. Die Fahrt in dieser sonnigen,
zu neuem Leben erwachenden Natur, glich jetzt einem wahren Triumphzug. So
kamen wir ans Mittelmeer.
Im Norden schneit es noch immer, und dunkle Wolken decken dort den Himmel,
hier aber glänzt die Sonne am blauen Firmament, sie spiegelt sich im
Meere, und ihre Strahlen dringen in unser Inneres ein und lösen die grauen
Nebel auf, die sich an dunklen Tagen dort angesammelt haben. Auch an der
Riviera di Ponente mußten Pflanzen und Menschen von der ungewohnten
Strenge dieses Winters leiden. Die meisten Pflanzen erholen sich wieder.
Die gebräunten Bougainvilleen an den Häusermauern beginnen stellenweise
auszutreiben, sie bilden carmoisinrothe Hochblätter in Büscheln an dem
todten Laub. Der Heliotrop durchbricht mit seinen Sprossen den Boden, bald
werden frische lebhaft grüne Blätter an den Fächerpalmen die braun
gefleckten alten ersetzen. – Auffällig gut haben die Acacien dem Schnee
und der Kälte getrotzt, sie sind mit gelben Blüthen über und über bedeckt,
wahre Blumensträuße in der sonst noch blumenarmen Landschaft. Denn die
Vegetation ist gegen sonst sehr weit zurück, die Rosenstöcke weisen nur
geschlossene Knospen auf, während sie sonst von Mitte Winter an hier im
Blüthenschmuck prangen. Eine Rose ist in keinem der vielen Blumenläden von
Cannes zu erblicken; man müßte sie wohl in den Gewächshäusern des Nordens
bestellen; Weniger gut als so viele Pflanzen erholt sich der leidende
Mensch, der hier in diesem letzten Winter Linderung, ja Genesung suchte.
Tage lang mußte er in Räumen verweilen, die nur dürftig zu erheizen waren.
Wie Manchem hat dieser Aufenthalt das Leben gekürzt. Schwerkranke sollten
hierher überhaupt nicht geschickt werden.
II.
Wir wollten nicht unten am Meere wohnen in den staubigen Theilen von
Cannes; wir zogen den Abhang hinauf, der im Osten die Stadt beherrscht,
zur Californie. Ueber den schönen Garten des Hôtel Californien hinweg
blicken wir auf die Croisette, jene schmale Landzunge, welche den Golfe de
la Nopoule vom Golfe Jouan scheidet. Weiter trifft unser Auge die Ile
St. Marguerite, und bei Morgenbeleuchtung zeichnet sich jedes Haus in dem
Fort ab, das diese Insel krönt. Von der Ile St. Honorat ist nur die Kirche
sichtbar, im übrigen wird sie von ihrer Schwesterinsel verdeckt. Im Osten,
über den blühenden Acacien, steigt an einem Hügel die alte Stadt Cannes
empor. Sie gipfelt in ihrem alten Schlosse und bietet dem Auge ein
malerisch bewegtes Profil. In weniger schöner Linie folgen die neuen
Stadttheile der Bucht, doch diese Linie wird, von hier oben aus
betrachtet, durch üppige Gärten der Hügel gebrochen und belebt. Besonders
gerne ruht aber unser Blick auf den zackigen Umrissen des Esterel. Dorthin
wendet sich unser Auge stets zuerst am Morgen, wenn die Sonne die Gipfel
der Berge vergoldet und jede Ortschaft sich blendend weiß am Fuße
derselben zeichnet; dorthin schauen wir auch zuletzt am Abend, wenn die
Sonne jenseits der langen Kette verschwindet, und ihre Strahlen sich wie
ein leuchtender Fächer am Abendhimmel ausbreiten. Dann entzünden sich auch
bald die Leuchtthürme längs der Küste, und schon in der Dämmerstunde
flammt Cannes mit Tausend Lichtern auf. Dieses Schauspiel wiederholt sich
jeden Abend, und wir wurden nicht müde, es zu betrachten.
Zugleich beginnt das Concert der Laubfrösche rings um das Hôtel, jenes
Concert, das Jeder kennt, der im Frühjahr die Riviera besuchte. In allen
Wasserbehältern versammeln sich um diese Zeit jene Thierchen und locken
sich aus der Ferne mit lauten Rufen an. Die auffallende Kraft des Tones
wird dadurch ermöglicht, daß das Männchen die schwärzliche Haut seiner
Kehle zu einer großen Schallblase auftreibt. Im Uebrigen leben diese
zierlichen, lebhaft grün gefärbten Geschöpfe auf den Sträuchern und
Bäumen. Es unterhielt uns, ihnen am Tage in dem Garten des Hôtels
nachzuspüren, und dann auch festzustellen, wie sehr der Ton ihrer Färbung
sich nach ihrer jeweiligen Umgebung richtet. Auf hellen Blättern sind sie
hell, auf dunklen dunkel gefärbt und daher stets schwer zu erblicken. Es
handelt sich auch thatsächlich bei diesem Farbenwechsel um eine
Schutzvorrichtung, die sie den Augen ihrer Feinde entziehen soll.
Andererseits werden sie auch nicht von der Beute bemerkt, auf die sie
lauern. Es ist belustigend zu sehen, wie der Laubfrosch auf Insecten jagt,
mit welchem Geschick er sie fängt und wie hoch er springt, um sie zu
erfassen.
Ungeachtet des Regens, der vor Kurzem reichlich gefallen war und trotz des
täglichen Begießens, zeichnet sich die Straße, die von Cannes nach Antibes
führt, von hier oben gesehen, meist wie ein langer Streifen von Staub
zwischen den grünen Gärten aus. Besonders hoch steigt dieser Staub an den
Nachmittagen auf, wenn eine Equipage der anderen folgt und neue
Staubwolken aufwirbelt. Dieser Staub, von zermalmtem Kalkstein stammend,
ist wie Mehl so fein. Ueberall dringt er ein, er erhebt sich zu so
bedeutender Höhe, daß er die angrenzenden Bäume bis in ihre Gipfel grau
färbt. Diesen Staub athmen nun tagtäglich die vornehmen Gäste von Cannes
ein, die meist nach dem Süden reisten, um ihre Lungen zu schonen. Derselbe
Staub herrscht nun leider an vielen Orten der Riviera, überall dort, wo
das Kalkgebirge bis an die Küste reicht. Doch wer zwingt auch den Kranken,
sich auf den Landstraßen zu bewegen oder an denselben zu wohnen! – Ich
kann den Staub nicht leiden, wenn ihn auch meine Lunge verträgt;
glücklicher Weise ermüde ich aber auch nicht leicht beim Gehen und fühle
mich wohler zu Fuß, als im Wagen. So war das Hôtel sehr günstig für mich
gelegen. Auf Fußwegen lassen sich von demselben schon in kurzer Zeit
Wälder und Maquis erreichen. Dort, auf den mit Kiefern bedeckten Gipfeln
von »_la Maure_«, 250 Meter hoch über dem Meere, eröffneten sich die
herrlichsten, überraschendsten Blicke in üppig grüne Thäler, nach den
schneebedeckten Alpen und über die blaue Küste. Ganz besonders großartig
erschienen in diesem Frühjahr die Seealpen. Der Schnee reichte tief an
denselben hinab. Man wähnte oft Bilder aus dem Berner Oberland vor Augen
zu haben, doch leuchtender, getaucht in den Glanz der italienischen Sonne.
So weilte ich denn mit Vorliebe unter den Aleppo-Kiefern oben auf den
Höhen von »_la Maure_«; doch mied ich grundsätzlich das »_Observatoire_«,
den officiellen Aussichtspunkt, auf welchen am Nachmittag, auf staubiger
Straße, die Wagen durch müde Pferde mühsam aufwärts gezogen werden. Dort
ist ein Aussichtsthurm errichtet, von dem aus, gegen Zahlung, man die
Natur bewundern kann. Meist ist man im Gedränge, und die Musik aus einer
nahen Wirthschaft trägt dazu bei, die Stimmung zu erhöhen.
III.