Steine, auf welchen, den Ueberresten nach zu schließen, von früheren
Touristen manches Frühstück verzehrt worden ist. Sicherlich strengt er
seine Einbildungskraft an, um die einzelnen »Menus« zu reconstruiren, –
dann gähnt er zu wiederholten Malen, streckt sich aus und schläft. –
Stunden vergingen, bevor wir uns entschlossen, den Abstieg anzutreten.
X.
Den Pic d’Aurelle durften wir nicht unbeachtet lassen, ihn, unseren
nächsten Nachbar. Wir mußten denselben besteigen, wäre es auch nur jenem
Aurelius zu Ehren, nach welchem er den Namen führt. Was für ein Aurelius
das ist, dessen Name durch jenen Fels wie durch die alte römische Straße
verewigt wird, das läßt sich freilich nicht mit Sicherheit sagen. Die
Wahrscheinlichkeit spricht für Cajus Aurelius Cotta, weil er den Plan zu
dieser großen Straße entwarf und deren Bau auch, von Rom aus, im Jahre 241
vor Christus begann. Die Straße soll er aber nur eine kurze Strecke weit
ausgebaut haben; sie wurde dann von Aurelius Scaurus über Pisa und Savona
fortgesetzt, von Julius Caesar endlich bis zum heutigen Arles geführt.
Wir stiegen vom Hôtel geradeaus in die Höhe, überschritten in gewohnter
Weise den Bahnkörper und erreichten bald einen breiten Weg, der in
westlicher Richtung den Berg umkreist. Diesem Weg mußten wir längere Zeit
folgen, immer das grüne Thal vor Augen, das den Pic d’Aurelle vom Cap Roux
trennt. An dem nördlichen Abhang des Cap Roux profiliren sich scharf die
dunkelrothen Felsen, und deutlich ragt aus denselben der Thurm hervor, der
vor der Grotte des heiligen Honoratus wacht. – Wir wählen den ersten
Fußweg, der jetzt bergauf am Pic d’Aurelle sich wendet. Der Berg ist nur
etwa 300 Meter hoch, läßt sich somit ohne Anstrengung besteigen. Der Blick
von demselben ist jenem vom Gipfel des Cap Roux ähnlich, doch entsprechend
eingeschränkt. Denn das Cap Roux deckt die ganze Küste im Westen, und nur
das Thal an seinem nördlichen Abhang gestattet einen Durchblick bis zum
Maurengebirge. Da sieht man im Thale des Argens auch Fréjus liegen und
begreift es nun wohl, warum die Römer zunächst dieses Thal erwählten, um
ihre Straße von der Küste nach Forum Julii zu führen. In östlicher
Richtung schweift auch vom Pic d’Aurelle das Auge unbegrenzt über die
schneebedeckten Alpen und die weite Küste. Die nackten Porphyrfelsen, die
den Gipfel des Berges bilden, tief zerklüftet, gleichen den Ruinen einer
Titanenburg. Mit Vorsicht nur darf man den Felsenrändern sich nähern, denn
ganz unvermittelt fallen sie ab in die Tiefe.
Jede Wanderung im Esterel bot uns neue Reize. Mit seinem gepflegten Walde
und seinen sorgsam unterhaltenen Wegen gleicht dieses Gebirge einem großen
Parke, in welchem mit Kunstsinn, Geschmack und unerhörter Kraft die Natur
mächtige Felsmassen zum Schmuck vertheilt hätte.
Castor ist unser Freund, und ungeachtet ihn Fernsichten nicht fesseln,
begleitet er uns doch auf allen unseren Ausflügen; auch den Pic d’Aurelle
hatte er mit uns bestiegen.
Ein Weg führt an unserem Hôtel vorbei und setzt sich in westlicher
Richtung fort bis nach Agay. Auf ihm pflegen wir oft zu wandern. Er folgt
allen Windungen der Küste. Zerfallene Häuser stehen an demselben. Sie
bargen einst die Arbeiter, die beim Bau der Bahn beschäftigt waren. Ein
hartes Stück Arbeit, da die ganze Strecke hier aus dem Porphyr gesprengt
werden mußte. Die verlassenen Häuser ließ man in Wind und Wetter
zusammenstürzen. Der an das Hôtel zunächst grenzende Strand ist wiederum
Aurelius zu Ehren, »plage d’Aurelle« benannt. Hier war es, wo die alte
römische Straße den Strand verließ, um landeinwärts hinter dem Cap Roux im
Thale aufzusteigen. Jenseits der Bucht, in welche dieses Thal mündet, kann
man vom Wege aus nach Agay schon die ganze Schneekette der Alpen
überblicken. Hier verlassen wir den betretenen Weg, um an dem Ufer selbst
unsere Wanderung fortzusetzen. Da geht es bergauf und bergab nicht ohne
Hindernisse. Einmal erklimmen wir einen steilen Fels, dann steigen wir
wieder bis zum Meer hinab. Leise Wellen schlagen an das Ufer, kaum
umfranst von leichtem Schaum. Durch die krystallhelle Fluth dringt unser
Auge bis auf den tiefen Grund. Es sieht dort in purpurnen Mulden
räthselhafte Dinge liegen, die in bunten Farben gleich Edelsteinen
funkeln. Die provençalische Sonne übergießt uns mit ihrem Glanz; auch das
Meer und die Felsen strahlen uns Licht entgegen. Die ganze Luft zittert
über dem erhitzten Boden. Alles leuchtet und flimmert um uns her; die
Ferne schwindet in goldigem Nebel, und der weiße Schnee der Alpen scheint
wie über Abgründen zu schweben.
Wie kommt es nur, daß sie so rein und so klar sind, diese herrlichen
Fluthen des Mittelmeeres? tragen doch Flüsse und Bäche fort und fort
Schlamm und Erde dem Meere zu; nagen doch seine Wellen unaufhörlich an dem
weit ausgedehnten Ufer. Die Klarheit des Seewassers wird durch seinen
Salzgehalt bedingt. Trübes Flußwasser, sich selbst überlassen, braucht
sehr lange Zeit, um sich zu klären, doch genügt es, eine Spur Kochsalz
hinzuzufügen, damit diese Klärung äußerst rasch erfolge. Je mehr Salz das
Seewasser enthält, um so blauer pflegt es auch zu erscheinen, daher das
salzreiche Mittelmeer durch die Intensität seiner Färbung ausgezeichnet
ist. In vierhundert Meter Tiefe erlöschen die letzten Strahlen des
Lichtes, welches in das Seewasser dringt. Weiter hinab herrscht ewige
Dunkelheit. Die verschiedenartigen Strahlen, welche das weiße Sonnenlicht
zusammensetzen, und die unser Auge als verschiedene Farben empfindet,
werden nicht gleich schnell im Meere resorbirt. In zwei Meter Tiefe ist
schon die Hälfte der rothen und ein Drittel der orangegelben Strahlen
verschwunden; das Licht, das tiefer dringt, ist jetzt nicht mehr weiß, es
ist vorherrschend grün und blau geworden. Das bedingt die Färbung des
Meeres. Da der Salzgehalt des Wassers auf den Vorgang der
Strahlenabsorption einen Einfluß übt, so beeinflußt er auch die
Farbeneffecte. Die glatte Meeresfläche wirft das meiste Licht unverändert
zurück. Spiegelt sich in ihr die Sonne, so leuchtet sie daher in deren
Glanz, während sie der Abendhimmel in Purpurtönen färbt. Von den
aufsteigenden Wellen der bewegten See wird dagegen nur wenig Licht
zurückgeworfen, daher uns das Meer dann besonders dunkel erscheint.
Doch es gilt Abschied von Le Trayas zu nehmen. Castor begleitet uns zur
Bahn. Wir streicheln ihn vor der Trennung. Er sieht lange dem
Eisenbahnzuge nach, der uns davonträgt. Sein Blick trübt sich – fast
scheint es uns, er habe Thränen in den Augen.
XI.
Bald lag das Esterelgebirge hinter uns im Westen, und wir fuhren in
sanftem Aufstieg dem Norden zu. Der Schienenweg führte im Thal der Siagne
an Feldern von Rosen und Jonquillen, von Veilchen und von Jasmin vorbei;
dann folgte er wieder grauen Olivenhainen. So erreichten wir Grasse, eine
Stadt in mittelalterlichem Gewande. Sie klettert empor an den letzten
Ausläufern der Alpen. In Windungen führen die Straßen in die Höhe; steile
Treppen kürzen die Wege ab, Gewölbpfeiler verbinden in engen Gassen die
gegenüberliegenden Häuser, damit sie den steilen Abhang nicht abwärts
gleiten. Es drängen sich in solchen Gassen die Menschen an einander
vorbei; stellenweise stockt der Verkehr. Der moderne Inhalt der
Schaufenster an den Läden paßt nicht zu der alten Umrahmung. Manchem
Hausgang entweicht ein fettiger Dampf, gewürzt mit Zwiebel und Knoblauch.
Da gibt es Fritturen, unverfälschte mediterrane Wohlgerüche. Doch mit
jenem Oelduft mischt sich ein anderes durchdringendes Parfüm, das an
freieren Orten allein zur Geltung gelangt; es kommt vom Santalholz, das
aufgeschichtet in den Parfümfabriken liegt. Seine Verarbeitung hat jetzt
begonnen.
Grasse ist sehr alten Ursprungs, wurde aber zu wiederholten Malen
vollständig zerstört. Sein Wiederaufbau im sechsten Jahrhundert soll
eigenartiger Weise erfolgt sein durch Juden. Es waren, so heißt es,
Nachkommen jener Juden, die Tiberius gegen das Jahr 19 unserer
Zeitrechnung aus Rom vertrieb. Während der Judenverfolgung, die im
sechsten Jahrhundert in der Provence ausbrach, gingen diese Juden zum
Christenthum über und erhielten die Ruinen der alten römischen Stadt dafür
zum Lohn. Sie sind es, die ihr den Namen »Gratia« gaben. Das Stadtwappen
von Grasse führt ein silbernes Osterlamm in azurnem Feld; man sucht dies
in Verbindung zu bringen mit der einstigen Bekehrung seiner Wiedererbauer.
Wir finden Grasse nicht schön, und auch der Ausblick von seinen Plätzen
und Gärten in das ferne Meer entzückt uns nicht. Bilden doch den
Vordergrund jenseits der Hügel steife und nüchterne Kasernen, die jedes
ästhetische Empfinden stören. Doch anmuthig ist der Blick auf Grasse
selbst, vom Garten des Grand Hôtel, den man auf der neuen Avenue Thiers,
oberhalb der Stadt, in zwanzig Minuten erreicht. Die Agaven und Palmen des
Gartens rahmen da die alte Stadt in wirksamer Weise ein; sie verdecken die
unschönen neuen Gebäude und zeigen nur die eckigen alten Thürme und
Häuser, die sich über und durch einander an den Abhang drängen.
Das, was uns nach Grasse geführt hatte, war aber auch nicht die Hoffnung,
die zuvor empfangenen Natureindrücke zu steigern, vielmehr der Wunsch,
einen Einblick in die hier blühende Parfümherstellung zu gewinnen. Seit
mehr als hundertundfünfzig Jahren ist Grasse in dieser Richtung berühmt,
und selbst weiter noch reichen seine Erfolge auf diesem Gebiete zurück.
Man zeigt uns das Haus, in welchem ein Sieur Tombarelli aus Florenz schon
in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts ein Laboratorium für
Parfümerien eingerichtet hatte. Heute ist Grasse zu einem der Hauptorte
europäischer Parfümfabrikation geworden. Es stellt aber nicht die fertigen
Parfüms her, so wie sie schließlich als sogenannte »Bouquets« zur
Verwendung kommen, sondern die ersten Erzeugnisse für dieselben. Aus
diesen einfachen Bestandtheilen mischen die eigentlichen Parfümisten erst
jene verschiedenen Bouquets zusammen, wie sie eben die Mode vorschreibt
oder der Geschmack der Zeit verlangt. Grasse entnimmt seine Wohlgerüche
fast ausschließlich dem Pflanzenreich. Thatsächlich sind auch die meisten
natürlichen Parfüms pflanzlichen Ursprungs, nur Moschus, Ambra, Bibergeil
und Zibeth entstammen dem Thierreich. Neuerdings beginnt jedoch die
chemische Industrie wirksam in das Parfümgeschäft einzugreifen, indem sie
die wohlriechenden Stoffe in chemisch reinem Zustande darstellt. Im
Besonderen ist es gelungen, das Cumarin, jenen Stoff, der den Geruch des
frischen Heues bestimmt, aus Salicylaldehyd zu erzeugen. Das Verfahren ist
ziemlich umständlich, der aromatisch riechende Körper, den man in
farblosen, glänzenden Krystallen erhält, aber durchaus übereinstimmend mit
demjenigen, den die Tonkabohnen, die Samen des Tonkabaumes (_Dipterix
odorata_) von Guyana und auch die Stengel der _Liatris odoratissima_,
einer in Florida wachsenden Composite, die zum Parfümiren des Tabaks und
der Cigarren benutzt wird, enthalten. Mit etwa zwanzig Gramm künstlichen
Cumarins erreicht man heute in der Parfümerie ebenso viel, wie mit einem
Kilogramm Tonkabohnen. Ebenso verhält es sich mit dem natürlichen
Wintergrünöl, das aus dem nordamerikanischen, zu den Heidengewächsen
gehörenden Theebeerenstrauch (_Gaultheria procumbens_) gewonnen wird, und
das jetzt vollständig durch künstlich erzeugten Salicylsäure-Methylester
ersetzt ist. Nur unvollkommen gelang es hingegen bis jetzt, das in der
Parfümerie vielbenutzte Bittermandelöl durch das künstliche Benzaldehyd zu
verdrängen. Sehr großen Erfolg hat die Chemie mit dem Vanillin erzielt,
das aus dem Saft des jungen, noch in Entwickelung begriffenen Holzes der
Nadelbäume (Coniferen), doch auch aus dem im Nelkenöl enthaltenen Eugenol
und verschiedenen anderen Körpern dargestellt wird. Da die Früchte der
Vanille im besten Falle anderthalb bis zwei Procent Vanillin enthalten, so
ist mit zwanzig bis fünfundzwanzig Gramm Vanillin in der Parfümerie
reichlich derselbe Effect wie mit einem Kilo Vanille zu erreichen.
Künstliches Heliotropin wird jetzt aus Safrol, dieses selbst aus
japanischem Camphoröl dargestellt, außerdem aus
Steinkohlentheer-Derivaten. Da aus den Blüthen des Heliotrops
(_Heliotropium peruvianum_ und _grandiflorum_) nur äußerst wenig Parfüm
sich gewinnen läßt, so ist dieser Ersatz sehr willkommen. Den Maiglöckchen
ist ihr zarter Duft überhaupt nicht abzugewinnen, daher für die Parfümerie
sehr wichtig, daß jetzt ein ähnlich riechender Körper sich aus dem
Terpineol gewinnen läßt. Allgemein kommt jetzt auch krystallinisches
Thymol, das aber nicht aus dem Thymian, sondern aus dem Samen des
ostindischen Doldengewächses _Ptychotis Ajowan_ abdestillirt wird, zur
Verwendung, desgleichen Menthol, welches zwar in der eigentlichen
Parfümerie keine Rolle spielt, doch zur Darstellung von Migränestiften und
auch von Schnupfpulver dient. Neuerdings werden zwei gleich
zusammengesetzte Körper: das _Iron_ und _Jonon_, deren Aroma mit
demjenigen der Veilchenblüthen fast völlig übereinstimmt, künstlich
erzeugt. Es genügt, ein mit diesen Körpern erfülltes Proberöhrchen zu
öffnen, damit ein ganzes Zimmer mit Veilchenduft erfüllt werde.
Merkwürdiger Weise riechen diese Körper nicht zu allen Zeiten gleich
stark, und ähnliche Schwankungen im Duft zeigen auch frische Veilchen. Das
Iron gewinnt man aus der sogenannten Veilchenwurzel, das heißt aus dem
Wurzelstock von _Iris florentina_, doch es kommt sehr theuer zu stehen, da
100 Kilo Iris-Wurzelstock nur 8 bis 30 Gramm Iron ergeben. Um so
werthvoller für die Parfümerie ist es, daß die Darstellung des Jonons aus
Citral, einem im Citronenöl enthaltenen Körper gelang. – Vor Kurzem kam zu
diesem Allen noch die künstliche Darstellung des Orangenblüthenöls hinzu.
Auch den Moschus, der von den männlichen Moschusthieren stammt, hat man
versucht, durch das künstlich erzeugte _Musc Baur_ oder _Tonquinol_ zu
ersetzen, und es verbreitet sich dieses Product immer mehr.
Sehr werthvolle Parfüms werden uns auch aus wärmeren Himmelsstrichen
zugeführt, so von Alters her die Balsame und in neuerer Zeit das
Ylang-Ylang, welches aus den Blüthen eines zu den Anonaceen gehörenden, in
Südasien cultivirten Baumes, _Cananga odorata_, gewonnen wird. Der
Hauptsache nach bleibt es aber Südeuropa, dem die Parfümisten ihre besten
Wohlgerüche verdanken. – Die meisten pflanzlichen Parfüms werden als
ätherische Oele gewonnen, Oele, die im Gegensatz zu den fetten Oelen
flüchtig sind und auf Papier einen durchscheinenden Fleck bilden, der bald
wieder schwindet. Aetherische Oele werden von den Thieren nicht erzeugt.
Bei den Pflanzen sind es ganz vornehmlich die Blüthen, welche den
Riechstoff enthalten. Dort wirken ja Wohlgeruch und Farbe zusammen, um
jene Thiere anzulocken, die den Blüthenstaub von Blüthe zu Blüthe
übertragen sollen. Doch kann die duftende Substanz auch in der Wurzel der
Pflanze angesammelt sein, so das Opoponax, ein Gummiharz des
kleinasiatischen Doldengewächses _Opoponax Chironium_, oder es ist in dem
Wurzelstock der Pflanze vertreten, so bei der »Veilchenwurzel« und dem
Vetiver, welches letztere den Wurzelstock des ostindischen Grases
_Andropogon muricatus_ bildet. Auch das Holz der Stämme kann mit Parfüm
beladen sein, so das Holz der balsamliefernden Bäume, oder das des
ostindischen Santalbaumes (_Santalum album_). Die Stammrinde führt das
Parfüm beim Zimmtbaum (_Cinnamomum ceylanicum_). In anderen Fällen sind es
wieder die Blätter, die am stärksten duften, so bei unserer Pfeffermünze
(_Mentha piperita_) oder Melisse (_Melissa officinalis_) und dem
indisch-malayischen Patchuli (_Pogostemon Patchuly_); endlich können auch
Früchte und Samen den Riechstoff enthalten, so bei der Vanille oder dem
Kümmel.
XII.
Wir hatten uns mit den nöthigen Empfehlungen versehen und durften einige
der größten Parfümfabriken von Grasse besichtigen. Das angewandte
Verfahren blieb in der Hauptsache überall dasselbe. Ist der wohlriechende
Stoff in bedeutender Menge in einem Pflanzentheil vertreten und in
größeren Drüsen dort eingeschlossen, so kann er durch Auspressen befreit
werden. In anderen Fällen wird er durch Destillation aus den
Pflanzentheilen gewonnen, vorausgesetzt freilich, daß er bei der Erwärmung
nicht leidet. Wo er in sehr geringen Mengen vorhanden ist, wird er von
warmen oder kalten Fetten, in denen er löslich ist, aufgenommen und dann
mit Alkohol denselben entzogen.
Als wir in Grasse eintrafen, ging dort die Veilchenernte zu Ende, während
die Jonquillen in voller Blüthe standen. Die Veilchen enthalten nur Spuren
des wohlriechenden Stoffes, so wenig, daß man auf die Behandlung der
Blüthen mit Fett angewiesen ist. Im Allgemeinen wird dabei das
Macerationsverfahren angewandt. Das Fett muß sehr rein sein, und wir
konnten feststellen, daß die Fabriken selbst es aus frisch geschlachteten
Thieren gewinnen. Dann wird es geschmolzen und durch entsprechende
Behandlung mit Kochsalz und Alaun, durch Waschen, Abschäumen und Seihen
durch feine Leinwand gereinigt. So nur bleibt es geruchlos und gewinnt
eine Haltbarkeit, die man oft durch Zusatz von Benzoë, auch wohl von
Borsäure zu erhöhen sucht. Für Salben kommen auch feine Oele, besonders
Olivenöl und Mandelöl, seltener Ricinusöl, in Betracht.
Die Veilchen, die für die Parfümfabrik bestimmt sind, dürfen nicht naß
sein, wenn man sie sammelt. Diese Regel gilt auch für alle anderen
Pflanzen, die mit Fett behandelt werden sollen. Man pflückt die Veilchen
früh am Morgen, sobald der Thau verschwunden ist, bevor die Sonne Zeit
hatte, stärker einzuwirken. Gleich nach dem Einsammeln gelangen sie in die
Fabrik und werden in erwärmtes Fett geschüttet, das man flüssig bei 40–50
Grad Celsius erhält. Nach einer entsprechend langen Einwirkung filtrirt
man es von den Veilchen ab und versetzt es mit frischen Blumen. Das
wiederholt man so lange, bis das Fett mit Veilchenduft gesättigt ist. So
erhält man Veilchenpomade, deren Geruch völlig dem der Veilchen gleicht,
und der man den duftenden Stoff durch Weingeist oder durch sehr gut
gereinigten, geruchlosen Kornbranntwein entzieht, mit dem man sie
schüttelt. Da sehr große Mengen Veilchen nöthig sind, um eine stark
riechende Essenz zu gewinnen, so hat man von jeher schon nach einem Ersatz
für Veilchen gesucht. Daher die »Veilchenwurz« statt Veilchen in Sachets
so allgemeine Verwendung findet. Geschälte und getrocknete Stücke des
nämlichen Wurzelstockes von Iris wurden auch, wie Plinius erzählt, schon
zu römischen Zeiten den zahnenden Kindern um den Hals gehängt, so wie es
noch heute geschieht.
Jetzt wo das Jonon entdeckt ist, dürften aus der Gegend von Grasse die
Veilchenfelder verschwinden.
Der stark duftenden gelben Jonquille (_Narcissus Jonquilla_) wird das
Aroma ebenfalls durch Fett entzogen, doch in anderer Weise, nach einem
Verfahren, das man als »Enfleurage« bezeichnet. Wir fanden ganze Räume in
den Fabriken mit aufeinander gelagerten viereckigen Holzrahmen erfüllt. In
jeden derselben ist eine Glasscheibe gefaßt, die einseitig mit Fett
überzogen wird, doch so, daß es nur eine ganz dünne Schicht auf dem Glase
bildet. Auf dieses Fett legt man die Jonquillen und läßt sie so lange mit
ihm in Berührung, bis aller Duft extrahirt ist. Das dichte
Zusammenschließen der aufeinander gelegten Rahmen verhindert ein
Entweichen desselben in die Umgebung. Die Blüthen werden auch hier
wiederholt erneuert, bis schließlich die Pomade fertig ist, aus der man
dann mit Weingeist den Jonquillen-Extract herstellt.
Da die Jonquillen nicht in größeren Mengen bei Grasse angepflanzt werden,
stockte die Arbeit mit frischen Blumen zur Zeit in den Fabriken. Die
Orangenblüthen, die Rosen, Heliotrop und Reseda kommen erst im Mai, daher
man jetzt das Santalholz in Angriff genommen hatte. Wir sahen große Massen
dieses kostbaren braunen Holzes in den Lagerräumen aufgespeichert. Es
steht hoch im Preise, denn auch in seiner ostindischen Heimath wird es
sehr geschätzt. Man verfertigt dort kunstvoll geschnitzte Möbel, vor Allem
aber Schreine aus Santalholz. Denn sein Duft hält die Insekten fern und
verscheucht selbst die weiße, Alles zerstörende Ameise. Die Buddhisten
verbrennen große Mengen Santalholz als Räucherwerk, und stellenweise sind
die Santalbäume in Folge dessen ganz ausgerottet worden. In den Fabriken
wird das Santalöl durch die Destillation des zerkleinerten Holzes mit
Wasser gewonnen. Das Oel geht mit dem Wasserdampf aus der Blase des
Destillationsapparates in den Kühler über und fließt mit dem Wasser
zusammen in die Vorlage. Aus fünfzig Kilogramm Holz wird annähernd ein
Kilogramm Oel gewonnen, das dementsprechend theuer ist und nur für feine
Parfüms Verwendung findet.
Im Mai füllen Orangenblüthen die Stadt Grasse mit ihrem betäubenden Dufte.
Zwei bis dreimal hunderttausend Kilogramm Blüthen des bitterfrüchtigen
Orangenbaumes werden hier für Parfüms verarbeitet. Die Blüthen riechen
lieblicher und stärker als die der süßfrüchtigen Art und werden daher fast
ausschließlich verwandt. Ein Baum von zwanzig bis dreißig Jahren liefert
fünfzehn bis zwanzig Kilogramm Blüthen. Aus hundert Kilogramm werden durch
Destillation etwa vierzig Kilogramm Orangenblüthenwasser und etwa hundert
Gramm Orangenblüthenöl oder Neroliöl gewonnen. Völlig unverändert gibt die
Orangenblüthe bei dem Macerationsverfahren oder bei der Enfleurage ihren
Duft an das Fett ab. So erhält man die Orangenblüthenpomade und, nach
Behandlung derselben mit Weingeist, die Orangenblüthenessenz. Das
Orangenblüthenöl, sowie die Orangenblüthenessenz, sind immer noch theuer,
weil ihre Herstellung große Mengen von Blüthen verlangt. Die Preise werden
freilich jetzt auch auf diesem Gebiete, wie auf so vielen anderen, durch
Ueberproduction gedrückt. Es stellen sich daher Zeichen der Entmuthigung
unter den Producenten ein, welche die Parfümfabriken versorgen. Wie wird
es jetzt erst werden, wo das künstliche Neroliöl angekündigt ist. Wohl
möglich, daß überhaupt an manchen Orten der Riviera mit der Zeit die
Cultur der Parfümerie-Pflanzen ganz aufgegeben wird. Doch auch die Zucht
von Blumen für den Versand weist schon Ueberfluß der Erzeugung auf. Als
der Bedarf nach solchen Blumen stieg, beeilten sich die Landbesitzer, ihre
Olivenbäume zu fällen und Blüthenpflanzungen an deren Stelle anzulegen;
jetzt wissen sie kaum, wo sie ihre Blüthen unterbringen sollen. Die hohe
Temperatur förderte zudem im letzten Frühjahr die rasche Entwickelung der
Pflanzen, und so kam es, daß man auf den Märkten der Städte zu einem kaum
nennenswerthen Preise, sich mit großen Sträußen der herrlichsten Blumen
beladen konnte.
Wesentlich billiger als Neroliöl ist begreiflicher Weise das durch
Destillation der Blätter oder unreifen Früchte des bitterfrüchtigen
Orangenbaumes gewonnene Petitgrainöl. Es steht an Zartheit des Duftes dem
Neroliöl aber bedeutend nach. Das aus den Blüthen der *süßen* Orange
hergestellte Parfüm zeichnet sich wiederum durch besondere Eigenschaften
aus und wird als Neroli-Portugalöl bezeichnet. – Das den frischen Schalen
reifer Früchte des süßfrüchtigen Orangenbaumes entstammende Pomeranzenöl
wird im Winter gewonnen. Wie viel ätherisches Oel in den Orangenschalen
vorhanden ist, davon kann man sich überzeugen, wenn man eine solche Schale
in der Nähe einer Flamme zusammendrückt. Das leicht entzündliche Oel
sprüht dann entbrennend aus den Drüsen hervor. Die Oeldrüsen in der Schale
erkennt man schon mit dem bloßen Auge.