Als ein Wunder des Esterels gilt das Malinfernet, ein versteinertes

Felsenmärchen. Eine Straße führt jetzt von Agay dahin, und drei Stunden

Wagenfahrt genügen, um es von St. Raphaël zu erreichen. Wir ziehen die

Fußwanderung vor und brechen von le Trayas auf, wohin wir mit der Bahn in

einer halben Stunde gelangen. Dort kreuzen wir sogleich die Schienen und

steigen am westlichen Abhang des vor uns sich erhebenden Berges in die

Höhe. Wir wandern in Maquis, noch üppiger als wir sie an andern Stellen

des Esterels gesehen. Vom süßen Honigduft der Euphorbien sind wir fast

betäubt. Weite Flächen werden gelb gefärbt von großblüthigen

Pfriemensträuchern (_Calycotome spinosa_). Cistusrosen (_Cistus albidus_)

beginnen eben ihre großen rothen Blüthen zu entfalten. Zunächst sind sie

zerknittert, so wie sie es in dem engen Raum der Knospenhülle waren, doch

breiten sie sich aus, verlieren bald alle Falten und locken nun die

Schmetterlinge durch ihren zarten Farbenreiz. Wir pflücken keine dieser

Blüthen, da sie zu vergänglich sind, der leiseste Windhauch trägt ihre

Kronenblätter davon. – Welche Fülle bunter Schmetterlinge belebt hier den

Abhang. Blüthen und Schmetterlinge gehören ja zusammen. Der sonst seltene

Falter _Anthocharis Eupheno_ ist hier fast gemein. Er gleicht unserem

Aurorafalter, ist aber schwefelgelb, nicht weiß wie jener. Dieselben

rothen Flecken zieren seine Vorderflügel. Unruhig und rasch fliegt er

durch die Lüfte. Ebenso behend ist der Osterluzeifalter (_Thaïs

Polyxena_), dessen bräunlich gelbe Flügel mit schwarzen Zacken sich

umrandet zeigen und rothe und blaue Flecken tragen. Er gleicht einem

Harlekin, so bunt und befranzt ist seine Tracht. Langsam schweben in allen

Richtungen die Segelfalter an uns vorüber. – Bald haben wir einen Kamm,

den Col Lentisque erreicht, den zahlreiche Korkeichen schmücken. Hier

schneiden sich mehrere Wege. Wir wählen denjenigen, der zur Rechten

abzweigt, überschreiten alsbald die Paßhöhe und beginnen in einem waldigen

Thale, dem »Ravin« des Baches Escalle, der hier abwärts fließt, langsam

abzusteigen. Schöne Stecheichen (_Ilex aquifolium_) ragen stellenweise aus

dem üppigen Dickicht hervor. Es sind das hier stattliche Bäume, während

wir sie in unseren Wäldern nur in Strauchform finden. Da fällt uns dann

wieder auf, was einst schon Chamisso bemerkte, daß die glänzenden,

lederartig starren Blätter nur in den unteren Theilen des Baumes mit

scharfen Zähnen besetzt sind, an den höher entspringenden Aesten aber

einen fast glatten Rand haben. Nur an denjenigen Blättern, die von den

weidenden Thieren erreicht werden können, bildet zum Schutz gegen

dieselben diese Pflanze Stacheln aus. Der Weg wendet sich plötzlich nach

Westen, und ganz unvermittelt stehen wir am Ausgang des Malinfernet. Da

ragen sie nun hervor aus dem dunklen Wald, alle die rothen Felsen hier in

der Sonne glühend, dort in den Schatten der Berge getaucht. Sie

verschieben sich gegeneinander bei jedem Schritt, den wir vorwärts

schreiten; die einen schwinden, die andern treten hervor, fast endlos. Und

der klare Bach, der das Thal durchströmt, rauscht entweder stark, oder

murmelt schwach, oder donnert laut in Wasserfällen. Einmal verbirgt er

sich ganz im grünen Laub der Bäume, dann tritt er wieder weit sichtbar vor

und spiegelt mit hellem Glanze den Himmel. Und erst die Felsen! Hier

glaubt man einen spitzen Thurm zu sehen, wie den Thurm eines gothischen

Domes, mit steinernen Blumen und Thieren und allerhand Schnörkeln

verziert; dort eine Burg mit ihren Schanzen und Zinnen, dort eine Orgel

mit riesigen Pfeifen, hier einen schlanken Kegel, dort einen kantigen

Crystall, hier wieder ein Standbild auf hohem Postament. Ist das nicht der

Gott Osiris, der auf diesen Felsen thront? Er trägt zwei junge Kiefern wie

Scepter in den Händen. Am Eingang jener Schlucht kauert eine Sphinx und

holt aus zum Sprunge. Und dort am fernen Abhang scheint eine wilde Jagd

den Berg hinabzurasen. Die phantastischen Thiere ragen hoch aus dem Wald

hervor, in letztem Todeskampf zu Stein erstarrt. Da hat die Natur ihrem

ungezügelten Gestaltungsdrang freien Lauf gelassen; sie schuf in

übermüthiger Laune. Und als bereue sie nachträglich diesen Uebermuth,

verbarg sie sorgsam das Thal zwischen hohen Bergen. Das Malinfernet mußte

thatsächlich erst entdeckt werden, und noch im December 1851, nach dem

napoleonischen Staatsstreich konnten politische Flüchtlinge sich dort

lange Zeit verborgen halten und den Nachforschungen der Gensdarmen

entgehen.

VII.

Gegen Abend zogen wir wieder hinaus zum Strande von St. Aigulf. Wir

wollten das Esterel noch einmal im Glanze der untergehenden Sonne glühen

sehen. Es war ein farbenprächtiger Abend, still und mild, einer jener

Abende, die das Gefühl des Glückes in der menschlichen Seele erwecken.

Kein Luftzug bewegte die Blätter der Bäume. Im See von Villepey spiegelten

sich dunkle, goldumstrahlte Wolken. Durch unser Nahen aufgeschreckte Vögel

flohen aus dem Dickicht des Ufers empor. Sie stiegen in die Lüfte und

schienen schwarze Furchen zu ziehen am hellen Abendhimmel. Die Wolken im

Westen nahmen Purpurfarben an, und in ihrem Widerschein röthete sich auch

der See. Er sah jetzt unheimlich aus, wie eine Lache von Blut; das dunkle

Dickicht aus Rohr umfaßte ihn mit schwarzem Trauerrand. Wir setzten unsern

Weg fort zum Strande. Bald stand der Westen in voller Gluth, und das

Maurengebirge glich einem Riesen in der Feuersbrunst. Die Bäume des Waldes

zeichneten sich schwarz auf hellem Grund, als wäre ihr Umriß mit Kohle

gezogen. Allmälig verblaßte der Himmel. Auf den spiegelnden Wellen des

Meeres begannen sich die weißen Strahlen der ersten Sterne mit dem rothen

Abglanz der letzten Abendlichter zu mischen. Als wir den Strand

erreichten, war es bereits so dunkel, daß wir den Umrissen des Meeres

nicht mehr folgen konnten. Der Himmel sprühte von Sternen und schien auch

ungezählte Lichter im Meere auszusäen. Wir lauschten dem Stöhnen und

Rollen der Brandung und frugen uns, warum es ewig klagt und grollt, dieses

länderumspülende Meer; ist es der Schmerz über all’ das Leid, das sich an

seinen Ufern zugetragen? Ist doch auch dieser Ort nach jenem Heiligen

benannt, der auf den Lerinischen Inseln gemartert ward. Manchmal glaubten

wir nahende Schritte zu hören; doch nein, es war nur ein reifer

Kieferzapfen, der vom Baum zu Boden fiel, oder eine größere Welle, die

sich über das Ufer ergoß und zischend dem Meer wieder zueilte. Die

silberne Mondsichel, ganz schmal, tauchte hinab in die Bäume. Starr

leuchteten uns von Osten her die Leuchtthürme von St. Raphaël und von

Drammont entgegen; der Phar von Camarat im Westen flammte auf und nieder:

es war, als öffnete und schlösse er abwechselnd sein großes Feuerauge. Im

Meere tauchten Barken auf in gelbem Fackelschein. Das waren Fischer,

welche mit Feuer die Tiefen erhellten, um Fische zu erspähen. Die

flackernden Flammen warfen lange zitternde Streifen auf die Wellen.

Plötzlich tauchte dicht vor unseren Augen, gespensterhaft groß, eine

riesige Barke auf, mit ausgespannten Segeln. Sie deckte uns die Sterne und

warf einen schwarzen Fleck über den funkelnden Himmel. Eben so rasch, wie

sie kam, war sie auch verschwunden, lautlos, unvermittelt, wie ein

Geisterschiff.

VIII.

Unfern vom Bahnhofe bei le Trayas schaut aus dem dunklen Grün der Bäume

ein helles Häuschen hervor. Schilder an der Station preisen es als »_Hôtel

du Trayas et restaurant de la Réserve_« an. Der Ort liegt so schön am

Wald, zwischen rothen Felsen, daß wir den Entschluß faßten, dort einige

Zeit zu weilen. So fanden wir uns am nächsten Tage auf der Station von le

Trayas mit unserem Gepäck wieder ein. Wir frugen nach dem Wege zum

»Hôtel«, und wurden auf einen Hund verwiesen, der sich in unserer Nähe

befand. »Sie brauchen ihm nur zu folgen, er wartet auf die Gäste«. Der

Hund hatte sich uns genähert, als wir mit Handgepäck beladen, aus dem

Eisenbahnwagen stiegen und sah uns verständnißvoll an. Es war ein großer

schwarzer Vorstehhund, mit langem seidigem Haar. Wir schritten zum

Ausgang; der Hund eilte uns voran, blickte oft sich um und wedelte dann

mit dem Schweife. Er führte uns den Weg an der Bahn entlang, hierauf in

den Wald. Einen Augenblick war er verschwunden: es galt einen kleinen

Pintscher im nahen Försterhause zu besuchen, vielleicht ihm mitzutheilen,

daß Fremde angelangt seien. Der kleine Freund kam mit bis auf den Weg, um

uns zu betrachten, dann zog er sich zurück. In einer Viertelstunde

erreichten wir das Gasthaus, einen bescheidenen Bau, doch mit ziemlich

weiter Glashalle. Augenscheinlich wurde die Restauration des »Hôtels« mehr

als seine Wohnräume in Anspruch genommen und somit wohl die Glashalle am

meisten benützt. Der Hund stellte sich vor die Eingangsthür und bellte. Es

war das aber nicht ein gewöhnliches Bellen, er stieß vielmehr gedämpfte,

rasch hinter einander gedehnte Töne aus, welche die Mitte zwischen Bellen

und Heulen hielten. Da stürzte der geschäftige Wirth mit seiner ganzen

Familie aus dem Hause und bot uns seine Dienste an. Die Zimmer im Hause

sind zwar äußerst klein, doch erträglich, der Aufenthalt auf der Terrasse,

bei so schönem warmem Wetter, wie wir es trafen, war aber geradezu

entzückend. Steht doch das Haus dicht am Meere, auf einem Porphyrfelsen,

und kann der Blick weithin der Küste folgen, an rothen Porphyrmassen, dann

dunkelgrünen Höhen vorbei Cannes erreichen und auf den Lerinischen Inseln

im Meere, oder dem weißen Schnee der Alpen über den Bergen, endlich ruhen.

Vorn ist der rothe Strand in scharfe Buchten zerschnitten und zu tiefen

Grotten ausgehöhlt; im Norden steigt, dicht über dem Hause, der Pic

d’Aurelle empor, im Westen schließt die mächtige Felsenmasse des Cap Roux

die Landschaft ab.

Viele Fremde kommen aus Cannes hierher, verweilen aber nur wenige Stunden,

um sich in der Glasveranda an »_Bouillabaisse_«, oder an den Austern und

Hummern der »Reserve« zu laben. Hin und wieder findet sich zu mehrtägigem

Aufenthalt ein leidenschaftlicher Liebhaber des Fischfangs ein. Denn das

Meer gilt für besonders fischreich an diesem felsigen Strande, und der

Fischer findet vollauf Gelegenheit, seine List und seine Gewandtheit zu

üben. Als besonders spannend gilt der Fischfang des Nachts bei Feuer und

verlangt, so wie er hier geübt wird, sehr viel Geschick. Eine solche Fahrt

muß man einmal mitgemacht haben!

Das Meer war so ruhig, so einladend, daß wir einen Fischer veranlaßten,

uns am Abend zu solchem Fischfang mitzunehmen. Es dunkelte schon, als wir

das Land verließen. Kein Mond am Himmel, doch unendlich viel leuchtende

Sterne, deren Zahl noch immer zu wachsen schien. Sie spiegelten sich in

den Wellen, die wir durchschnitten. Die Umrisse der Berge schwanden immer

mehr; bald bildeten sie nur noch einen dunklen sternenlosen Schatten am

Himmelssaum. Im Meere war es still; wir hörten nur den leisen Anprall der

Wellen gegen das Boot und den regelmäßigen Schlag der Ruder ins Wasser.

Die Brise aber, die des Nachts von den Bergen weht, trug die Stimmen des

Landes über das Meer. Wir hörten aus der Ferne die lauten Concerte der

Laubfroschscharen, das schrille Zirpen der Heuschrecken. Zugleich brachte

uns diese Brise alle die Wohlgerüche, welche den harzigen Kieferwäldern

und den würzigen Maquis entströmen. Nah und fern glänzten am Ufer, wie

große Sterne, die Leuchtthürme uns entgegen. Wir gaben uns diesen

Eindrücken ganz hin und athmeten mit Wonne die balsamische Luft. Der eine

Fischer beugte sich dann über das Boot, um das Feuer zu entzünden. Vorn an

einem Haken war der eiserne Gitterkorb befestigt, den er mit harzigem Holz

der Aleppokiefer gefüllt hatte. Knisternd entflammte dasselbe und

verbreitete ein grelleres Licht, wie Fackelschein. Dieses Licht drang in

die Tiefen des Meeres ein, während der Himmel über uns jetzt fast schwarz

erschien. Wir glitten über Felsenmassen, auf welchen Meeresalgen wahre

Zaubergärten bilden. Da mischen und durchdringen sich alle Farben, von

lebhaftestem Grün bis zu dunklem Braun und zu leuchtendem Roth. Hier

breite Blätter zu Rosetten aneinander gedrängt, dort lange fluthende

Fäden, wie aufgelöstes Haar, dort wieder rundliche Gebilde wie Muscheln.

Dazwischen schillernde Seeanemonen mit vorgestreckten Fühlern, rothe

Seesterne mit ausgebreiteten Armen und stachelige Seeigel, die dunkle

Flecke in einem bunten Teppich zu bilden scheinen. Kleine Fische fliehen

erschreckt nach allen Seiten, größere folgen in Scharen, wie durch das

Licht fascinirt, unserem Boot. Spähend steht am Vordertheil des Schiffes

der Fischer und schaut in die Tiefe. Er hält eine dreizinkige, an langer

Schnur befestigte Harpune in der Hand, bereit sie abwärts zu stoßen. Jetzt

gießt er einige Tropfen Oel auf das Wasser, um die Fluth, die der Luftzug

kräuselt, zu glätten. Die Ruderschläge verstummen. Plötzlich fährt der

Wurfspeer in die Tiefe, sein mit Widerhaken versehener Dreizack durchbohrt

einen Fisch, und zappelnd wird dieser emporgezogen, um im Boote bald zu

verenden. – Es gehört viel Uebung und Geschick zu einer solchen Jagd.

Nicht nur gilt es beim Wurf die Bewegung des Fisches, sondern auch jene

Lichtbrechung im Wasser zu berücksichtigen, welche den Fisch an einer

anderen Stelle zeigt, als die, an der er sich wirklich befindet. Wir gaben

die Jagd auf, es genügte uns dieses eine Opfer; langsam erlosch unser

Feuer und wieder glitten wir friedlich auf der weiten See, beschienen von

silbernen Sternen.

Gegen den Mistral ist le Trayas vollständig gedeckt, der Cap Roux fängt

ihn mit seinem breiten Rücken auf. Zu gleicher Zeit, da in Cannes und

Nizza dichte Staubwolken von den Straßen aufsteigen, merkt man hier kaum

einen Luftzug und kann sich behaglich im Freien vor dem Hause sonnen. Doch

darf der Ostwind nicht kommen; der rückt hier an, mit voller Gewalt; er

stürmt das Gebirge, das ihm Halt gebietet, prallt zurück von den hohen

Felsen und umwirbelt sie mit wüthendem Geheul. Das geängstigte Meer

scheint dann auf das feste Land sich flüchten zu wollen; mit Schaum

bedeckt versuchen es seine Wellen, die Felsen zu erklimmen, doch sie

zerschellen an dem harten Stein und sinken gebrochen zurück in die Tiefe.

In der Höhlung der Grotten fangen sie sich aber ein, suchen dort einen

Ausweg nach oben und schlagen mit solcher Gewalt gegen die Wölbungen an,

daß das ganze Ufer erdröhnt. Da ist von Schlaf kaum die Rede des Nachts in

dem kleinen Hause, – schlummert man endlich auch ein, so träumt man

Schauergeschichten und wacht dann plötzlich auf mit Schrecken und

Beklemmung. Staub gibt es freilich selbst dann nicht auf den

Porphyrstraßen des Esterel, und in einem vom Strande entfernteren, mehr

geschütztem Hause, könnte daher wohl mancher Lungenkranke im Frühjahr

besser aufgehoben sein, als in den von Kalkstaub erfüllten Kurorten. Im

Winter selbst wird es hier zu kalt und fehlen demgemäß auch die

empfindlicheren Pflanzen in der Flora.

IX.

Vor Allem galt es uns von hier aus den Gipfel des Cap Roux, den »Grand

Pic« des Esterel, zu besteigen. Gleichzeitig wollten wir die Grotte Sainte

Beaume d’Honorat besuchen und frugen nach dem Wege zu derselben. Der Wirth

bot uns den Hund als Führer an, denselben Hund, der uns am Bahnhof

empfangen hatte. »Castor« wurde herbeigerufen. Wir hatten schon nähere

Bekanntschaft mit ihm geschlossen, bei den Mahlzeiten seiner gedacht und

so seine Zuneigung gewonnen. Dieser Hund hatte merkwürdig viel Ausdruck im

Gesicht; seine Augen blickten so klar und treu, und wenn er uns von der

Seite ansah und das Weiß seiner Augen sichtbar wurde, da erschienen diese

so verständig und nachdenklich, so überlegt und klug, fast wie

Menschenaugen. Allem Anschein nach verstand Castor den Sinn vieler Worte

und staunten wir daher auch nicht, als der Wirth den Auftrag ihm

ertheilte, uns nach der Beaume zu führen und zu diesem Zwecke das Wort

»Beaume« drei Mal mit Nachdruck wiederholte. Castor wedelte mit dem

Schwanze zum Zeichen des Verständnisses, doch blieb er zunächst noch

stehen. Ah! sagte der Wirth, ich habe den Lohn vergessen, den er gewohnt

ist zu erhalten: die eine Hälfte hier, die andere an der Beaume. So wurden

denn Cakes geholt, für welche Castor eine besondere Vorliebe hatte. Die

eine Hälfte verzehrte er sogleich mit sichtlichem Behagen, die andere

Hälfte nahmen wir mit auf den Weg. Wir brachen jetzt auf, Castor voran,

die Schnelligkeit seines Ganges nach der unserigen richtend, häufig nach

rückwärts schauend, ob wir ihm auch folgen. Wir streiften den

Eisenbahndamm in westlicher Richtung und waren bald an die Mündung des

Thales gelangt, das den Pic d’Aurelle von der Bergwand des Cap Roux

scheidet. Das Meer dringt vor in dieses Thal, um eine der vielen Buchten

zu bilden, die hier Calanques heißen. Eine Eisenbahnbrücke überspannt im

Bogen die Bucht. Wir glaubten den Weg unter derselben einschlagen zu

müssen, doch Castor führt uns aufwärts, und ohne auf die Eisendrähte zu

achten, durchkreuzt er die Bahn. Wir glaubten seinem Beispiel folgen zu

müssen, und in der That schließt ja auch beiderseits der Weg an den

Bahndamm an. Die Drähte scheinen nur da zu sein, um überstiegen zu werden,

nur um die Bahn im Falle eines Unglücks vor der Verantwortung zu schützen.

Diese Einrichtung wiederholt sich hier längs der ganzen Bahnstrecke,

zahlreiche Wege münden beiderseits an dieselbe, und man wird zum

Uebersteigen der Drähte vom Bahnwärter selbst ermuthigt, wenn man ihn nach

dem Wege frägt. – Castor führte uns am Abhang des Cap Roux in

nordwestlicher Richtung weiter; er kehrte sich nicht an die vielen Wege,

die steiler am Berge aufstiegen, ging ruhig und sicher in gerader Richtung

vor sich hin. Das Thal wendet sich dann nach Westen, und wir folgten dem

nördlichen Abhang des Berges. Ein gemauertes Schutzhaus steht am Wege, das

den Forstbeamten als Zufluchtsstätte dient; nebenan entspringt am Berg

eine Quelle. Hier bog Castor seitlich ab, wählte den rechts aufsteigenden

Pfad und führte uns jetzt steil in die Höhe. Zunächst war der Weg noch

gut, doch nach einiger Zeit gelangten wir in Geröll und Felsen. Dann

folgten Stufen im Stein; stellenweise schwebten wir über dem Abgrund, doch

da waren eiserne Stäbe in den Fels geschlagen, an denen wir uns stützen

konnten. Castor war augenscheinlich nicht schwindlig; er kletterte behende

aufwärts, schaute oft an schwierigen Stellen sich um, als wenn er unserem

Geschicke nicht ganz traute. Vor uns auf der Felsenkante steigen die

Trümmer eines Thurmes auf, die Reste der früheren Einsiedelei. Ein Thorweg

durchsetzt den Thurm; wir bleiben an dessen Eingang stehen. Der Blick

taucht hier über die steilen Felsen in das üppige Thal hinab. Grüne Berge,

von zackigen Porphyrmassen gekrönt, steigen jenseits auf; über dem Col

Lèveque im Osten glänzen die Schneehäupter der Alpen. Und im Westen, in

bläulichem Dunst getaucht, begrenzt das Maurengebirge den Horizont. –

Jenseits des Thurmes ist der Eingang zur Grotte. Castor hatte sich vor

denselben gelagert. Nicht ohne Selbstgefühl schaute er uns an. Er hielt es

nicht einmal für nöthig mit dem Schweife zu wedeln, als wir ihm die Cakes

überreichten. Er hatte sie verdient; Demuth war nicht am Platze. Wir

traten in die Grotte ein. Rechts birgt sie eine Cisterne. Im Hintergrunde

ist ein bescheidener Altar errichtet, und noch bescheidenere Standbilder

der Heiligen zieren die Wände. Hier soll einst als Einsiedler der heilige

Honoratus gelebt haben, jener Heilige, der um das Jahr 408 auf den

Lerinischen Inseln ein berühmt gewordenes Kloster gründete. Zahlreiche

Pilger zogen Jahrhunderte lang und ziehen auch jetzt noch am ersten

Donnerstag im Mai den steilen Berg hinauf, um den Heiligen zu verehren.

Eine Nische in der Grotte soll des Heiligen Lager gebildet haben. Die

Pilger betrachten mit Andacht die Vertiefungen im Stein, die sie als

Spuren deuten, welche der Körper des Heiligen hinterließ.

St. Honoratus stammte aus dem nördlichen Gallien, wie es heißt aus einer

vornehmen Familie. Noch jung zog er sich in diese Einöde zurück. Sein

Beispiel regte zur Nachahmung an. Es folgte ihm der heilige Eucharius, ein

provençalischer Edelmann, Seigneur de Théol et de Mandelieu, der aber

später als der heilige Honoratus der Welt entsagte. Er mag manchen

bitteren Kummer und manche Enttäuschung zuvor erlebt haben. Denn, wie ich

der Geschichte der Diöcese Fréjus, die der Abbé Disdier veröffentlicht

hat, entnehme, war der heilige Eucharius zuvor verheirathet gewesen und

besaß zwei Söhne und zwei Töchter. Als ihm seine Frau durch den Tod

entrissen wurde, übergab er die Erziehung der Söhne dem heiligen Hilarius

und zog sich zunächst auf eine der Lerinischen Inseln und dann in die

Einsiedelei des Cap Roux zurück. Er bewohnte hier eine Grotte, die noch

unzugänglicher, noch abgeschlossener als diejenige des heiligen Honoratus

war. Hier »von Allen getrennt, der Ruhe und der Schweigsamkeit sich

weihend, hatte er weder den Willen noch die Gelegenheit zu sündigen«. Hier

verfaßte er auch einen begeisterten Tractat zum Lob der Einsamkeit. Doch

sollte er sein Leben nicht in dieser Einöde beschließen. Abgesandte der

Lyoner Gemeinde entführten ihn, um ihn als Erzbischof an ihre Spitze zu

stellen. – Schwer fällt es heute, sich in den Geist jener begeisterten

Asketen zu versetzen, denen als Ideal der Vollkommenheit nicht die

Erfüllung der sittlichen Pflichten des Lebens, sondern der Ertödtung aller

sinnlichen Gelüste vorschwebte. Doch damals waren die Zeiten anders, und

es sah so traurig aus in der Welt, daß mancher an ihr verzweifeln konnte.

Manch’ edel angelegter Mensch mochte glauben, daß sein ethisches Ideal

innerhalb einer solchen Welt nicht zu verwirklichen sei, und suchte es

darum in der Weltentsagung. Solches ideale Streben, das mit dem Opfer der

eigenen Person verbunden ist, zwingt uns Bewunderung ab; menschlicher

muthet uns ein späterer Einsiedler vom Berge des Cap Roux an, Namens

Laurentius Bonhomme, der dort die zweite Hälfte des siebenten Jahrhunderts

verlebte. Er betrieb allerhand kleines Gewerbe, war immer fleißig bei der

Arbeit, züchtete Bienen, verwerthete deren Wachs und Honig, und das Geld,

das er verdiente, vertheilte er unter die Armen. Er schloß sich von den

Menschen nicht ab, wanderte auch nicht selten nach Fréjus, gefolgt von

einem Reh. Der Bischof ließ sich das Reh von ihm schenken; es blieb in

Fréjus zurück. Später nun, als Laurentius wieder einmal in Fréjus war und

vor dem bischöflichen Palaste sich laut unterhielt, hörte das Reh seine

Stimme, sprang aus einem Fenster des Palastes zu ihm hinab und leckte

seine Hände. Da fühlte der Mann sich glücklich; er empfand »_le bonheur du

parfait solitaire_«, wie es in der Erzählung heißt. So auch war seine

Einsiedelei stets von zahlreichen Vögeln umgeben, die er zu Zeiten der

Dürre in den Vertiefungen der Felsen mit Wasser tränkte. Eines Tages

überraschte er Diebe, die ihm seine Bienenstöcke geraubt hatten.

Erschrocken sahen die Missethäter ihn nahen. Er aber trug ihnen auch noch

die übrigen Bienenstöcke zu und rief ihnen nach, sie hätten die besten

vergessen. Solche unerschöpfliche Güte rührte das Gemüth der Missethäter:

sie besserten sich, so heißt es, von dieser Stunde.

Wir blieben nochmals vor der Grotte stehen und verloren uns im Anblick

dieser schönen Gegend. So mag sie auch ausgesehen haben vor anderthalb

tausend Jahren, als der heilige Honoratus in dieselbe blickte. Auch damals

schon glänzten die rothen Porphyrfelsen so feurig im Sonnenschein, und

damals schon leuchtete der ewige Schnee so blendend weiß dort jenseits auf

den Alpen. Auch dasselbe Bedürfniß nach Idealen ist dem menschlichen

Geiste geblieben, nur hat sich die Form derselben verändert.

Wir stiegen hinab bis zur Quelle und schlugen einen anderen Weg dann ein,

um von Westen her den Gipfel des Berges zu erreichen. Wir suchten Castor

zur Heimkehr zu bewegen, doch zog er es vor, bei uns zu bleiben. Freilich

fühlte er sich nicht mehr verpflichtet, uns den Weg zu weisen, er ging

nicht mehr vor uns her, schweifte vielmehr ab nach allen Seiten. Oft sah

man ihn nicht, da war er im Gebüsch, um Vögel aufzuscheuchen; er schaute

ihnen in den Lüften nach. Einmal schien er einem größeren Thier

nachzujagen, vielleicht einem der vielen Füchse, die das Esterel bewohnen.

Auf dem Gipfel des Cap Roux, dem Grand Pic, der einst Vigie de Peyssarin

genannt wurde, entfaltete sich vor uns ein Bild so herrlich, wie wir es

kaum je gesehen. Der Eindruck, den wir empfingen, war erhaben und lieblich

zugleich, malerisch und von mächtiger Wirkung. Während vom Mont Vinaigre

aus unser Auge erst in der Ferne über grüne Berge das Meer erreichen

konnte, hatten wir hier die blauen Fluthen zu unseren Füßen. Die grünen

Abhänge des Cap Roux fallen langsam zum Meere ab; sie endigen in schroffen

Felsen, die sich senkrecht in die Wellen stürzen. Dort setzen sie sich

fort mit Zacken und Rissen, schneiden ein in das Meer mit scharfem Grat,

fassen es in ausgehöhlte Mulden, tauchen dann wieder wie steinerne Riesen

aus der Fluth empor. Das Wasser nimmt violette Töne an auf dem purpurnen

Grunde: es scheint flüssiger Amethyst zu sein in einem Becken von Rosso

antico. Um uns herum glühen die Felsen in hellem Sonnenschein. Gelbe und

graue Anflüge, von Flechten erzeugt, tönen das satte Roth ab in unzähligen

Schattirungen. Gegen diesen Vordergrund hebt sich die Ferne mit ganz

eigenem Colorit ab; man wird völlig berauscht von dieser Pracht, sie

klingt einem wie Musik in der Seele. Zunächst beachtet man kaum die Form

der Gegenstände und läßt nur ihre Farben auf sich wirken: wie sich die

Töne mischen und wie sie einander durchdringen, wie sie hier verschmelzen,

dort in effectvollem Contrast von einander absetzen. Wie wunderbar glüht

dieser braunrothe Coloß auf dem blauen Hintergrunde des Meeres, das hoch

hinter ihm am Horizonte aufzusteigen scheint! Wie hebt sich dieser andere

Porphyrfelsen von dem perlgrauen Grunde der Kalkalpen ab; dort springen

wieder rothe Zacken vor gegen den leuchtenden Himmel, im Osten über Nizza

krönt der blendend weiße Schnee der Alpen wie ein silbernes Diadem das

grüne Vorgebirge. Ihm wenden sich immer wieder von Neuem unsere Blicke zu.

Unten aber schillert am Strande das blaue Meer in purpurnen Tönen auf dem

rothen Grunde; fern im Süden spiegelt es die Sonne wider und strahlt

unermeßliches Licht zurück. Eine mächtige Felsenmasse im Westen deckt uns

das Thal von Fréjus, hinter ihm thürmt sich das Maurengebirge in

sammetgrünen Farben auf. Das Auge folgt der Küste bis zu den goldenen

Inseln. Im Osten liegt vor uns der Golf de la Napoule und Cannes fast in

greifbarer Nähe. Die Inseln von Lerin tauchen grün wie Smaragde hervor aus

der goldigen Fluth. Wir sehen sie jetzt alle zu einer leuchtenden Gruppe

vereinigt, voran die Insel St. Honorat, dann St. Marguérite, und neben

St. Honorat im Osten, nur als dunkler Streifen, die kleine St. Féréol;

dahinter taucht das Cap d’Antibes seine belaubten Ufer in die Fluthen; es

springt so weit vor in die See, als wollte es dieses eine Meer in zwei

Meere theilen. Jenseits der Baie des Anges, der breiten Engelsbucht,

glänzt das weiße Nizza im Halbkreis an grünen Hügelketten, und dann

erheben sich Berge hinter Bergen, bis jenseits Bordighera die Umrisse der

Küste verschwimmen.

Streifzüge an der Riviera · 第 12 / 18 段