Die römischen Patricier bevorzugten überhaupt dieses schöne Land. Es war
das ihre Provincia Romana par excellence, diejenige, die sie meinten, wenn
sie kurzweg von Provincia sprachen, und sie behielt den Namen der
Provence. Am Strande von St. Raphaël ließen sich nach den Römern die
Tempelritter nieder und bauten jenen viereckigen Thurm, der auch heute
noch die alte Kirche zu schützen scheint. Im Jahre 1799 landete hier
Bonaparte, als er von Aegypten kam, und hier auch verließ er das Land, um
1814 nach Elba zu gehen. Es trifft somit nicht ganz zu, wenn behauptet
wird, Alphonse Karr habe St. Raphaël entdeckt: richtig aber ist, daß er
unter den französischen Schriftstellern der erste war, der sich hier
niederließ, daß ihm bald andere Celebritäten der Litteratur und Kunst
folgten, und daß der neue Aufschwung von St. Raphaël mit jener Zeit
begann. Was aber alle jene Künstler und Schriftsteller hier suchten, das
war der stille abgelegene Ort, an dem man Blumen, Sonne und Meer genießen
kann, ohne von anderen Menschen gestört zu werden. Sie alle flohen den
Lärm des großstädtischen Nizza und des übereleganten Cannes. »Wenn ich
eine große Stadt lieben möchte,« pflegte Alphonse Karr zu sagen, »zöge ich
zurück nach Paris.« Auch ist es im Sommer hier kühler als jenseits des
Esterel, und der sandige Strand ladet dann zum erfrischenden Bade ein;
daher sich St. Raphaël immer mehr zum sommerlichen Seebad entwickelt. Im
Winter ist es zu sehr den Winden ausgesetzt. Das sollten auch wir noch
erfahren. Schon am Abend bei unserer Ankunft begann sich Ostwind zu
erheben, am nächsten Tage wehte er mit Macht und war von heftigem Regen
begleitet. Gegen dieses Unwetter ließ sich im Freien nicht ankämpfen. Der
Wind trieb die Regentropfen fast wagrecht durch die Luft. Das dauerte so
zwei Tage. Starker Ostwind ist hier meist mit Regen gepaart, somit
traurig. Ganz verschieden gebärdet sich sein Widersacher, der nördliche
Mistral. Er ist trocken und daher weit heiterer. Er fegt den Himmel rein
und pfeift bei Sonnenschein. Er bläst nicht in langen Zügen, sondern in
abrupten Stößen, er klingt donnerartig und rüttelt an den Gebäuden. Der
Ostwind hingegen bläst stärker oder schwächer, doch ohne Unterbrechung
fort; seine Stimme ist mehr ein Klagen, so daß man bei Nacht langgedehnte
Schluchzer zu hören meint. In der zweiten Nacht, die auf unsere Ankunft
folgte, entlud sich ein polterndes Gewitter, das mit dumpfem Dröhnen die
Thäler erfüllte und zuckende Flammen auf die Meeresfläche warf; als der
Morgen aber kam, da strahlte die Sonne wieder hell in unser Zimmer hinein.
Das Meer tobte weiter, und wir zogen hinaus, um seinen Anprall gegen die
Felsen des Strandes zu sehen. – Zu den Wahrzeichen von St. Raphaël gehören
seine beiden Löwen: »_le lion de terre_« und »_le lion de mer_«, zwei
rothe Porphyrfelsen, die gleichsam Wache an dem Strande halten. Der
Seelöwe hat sich weiter in das Wasser hinausgewagt, der Landlöwe dicht am
Ufer gelagert. Sie lauern da wie apokalyptische Thiere und trotzen seit
Ewigkeit der nagenden Kraft der Wellen. Jetzt stürmt das Meer mit Macht
gegen diese Felsen an, wälzt seine Wogen über sie hinweg und wirft mit
Getöse schäumenden Gischt hoch an ihnen empor. Ueber den Porphyrlöwen im
blauen Himmelsraum, da wiegen sich aber die Möven. Wie gerne folgt ihnen
das Auge, diesen muthigen Vögeln, wenn sie mit breitem und mächtigem
Flügelschlag die Luft durchschneiden. Jetzt segeln sie gegen den Wind,
jetzt wiegen sie sich an der Stelle, jetzt schießen sie herab in die
Fluth, um ihre Beute zu fassen; mit ihr schwinden sie in der Ferne, oder
sie lassen sich nieder auf der schaukelnden Welle, ein weißer Punkt mehr
inmitten der weißen Kämme. Da hinten in der See taucht plötzlich eine
Herde von Delphinen aus den Wellen hervor. Sie zeigen zuerst ihren Kopf,
überschlagen sich fast in der Luft und schießen hinunter in die Tiefe. Sie
bringen Humor in das großartige Schauspiel: sie sind die Clowns des
Meeres.
Die Straße, die von St. Raphaël in östlicher Richtung dem Meeresstrande
folgt, führt an Landhäusern vorüber, die manchen bekannten Namen tragen.
Da ist die »_maison close_«, das geschlossene Haus, welches Alphonse Karr
sich schuf, um der aufdringlichen Welt zu entgehen. Hier in »_Oustalet dou
Capelan_« hat Charles Gounod sich abgesondert, und über der Eingangsthür
liest man: »_L’illustre maître, Charles Gounod composa Roméo et Juliette à
l’Oustalet dou Capelan, au printemps de 1866_«, und Jules Barbier, sein
Librettist, der nebenan ein Landhaus besitzt, fügte darunter hinzu: _Hic
Divum Romeo scripsit Gounod meus 1866. Ingenio haut amicitia impar_.«
Gounod weilte mit Vorliebe in St. Raphaël; »ich finde hier,« meinte er
oft, »den Golf von Neapel vor, mit der Campagna von Rom im Hintergrunde.«
Ist die Lage von St. Raphaël wirklich so schön, als es Gounod empfand? Ich
kann das nicht behaupten, so wenig ich auch sonst diesem Ort den ihm
zukommenden Reiz absprechen möchte. Mir fehlt hier der volle Blick auf das
Esterel, und ich fühle mich nicht hinlänglich dafür entschädigt durch die
Aussicht auf das Maurengebirge und jenes Thal des Argens, das Gounod mit
der Campagna von Rom vergleicht. Lieber würde ich doch dem Beispiel von
Carolus Duran folgen und mich dort drüben in St. Aigulf niederlassen, an
dem waldigen Strande, von dem aus man am Abend das zackige Esterel in
Purpur leuchten sieht.
V.
Hingegen bildet St. Raphaël einen vorzüglichen Standort für Ausflüge in
das Esterel-Gebirge. Und dieses Gebirge ist sicher des Besuches werth; es
gehört zu den Juwelen der Riviera: sein malerischer Reiz wird durch die
Porphyre bedingt, die als nackte Felsenmassen dem Boden entsteigen. Um
diese Porphyre und anderes eruptives Gestein sind Schiefer emporgerichtet.
Allseitig wird das Esterel durch tiefe Thäler von den Alpen und durch das
Thal des Argens auch von dem Maurengebirge getrennt. Noch zu Anfang dieses
Jahrhunderts wagte man sich nur mit Schrecken in das Esterel hinein, jetzt
wandelt man in demselben sicherer als in den Anlagen mancher großen Stadt.
– Unser erster Besuch sollte dem höchsten Punkt des Gebirges, dem Mont
Vinaigre gelten, dessen Gipfel sich 616 Meter hoch über den Meeresspiegel
erhebt. Wir hofften von dieser Höhe das ganze Esterel zu überblicken und
wollten dort unseren Plan für weitere Ausflüge entwerfen. – Wir brachen
von St. Raphaël auf, als der Morgen graute. Der Weg führte gegen Norden
zunächst nach Valescure. Dort am Abhang der Berge, in dem kühlen Walde,
pflegten schon römische Familien den Sommer zu verbringen, wenn die Hitze
des Tages in Forum Julii unerträglich wurde. _Vallis curans_, das Thal,
welches Genesung bringt, muß, wie sein Name sagt, als besonders gesunder
Aufenthaltsort gegolten haben. Diesen alten Ruf möchte man auch heute noch
ausnutzen und durch den verheißungsvollen Klang des Namens neue Bewohner
hier anlocken. Man wandert in Valescure auf fertig angelegten Straßen,
»_Grands Boulevards_« mit hochtönenden Namen; der Wald ist in Parkanlagen
verwandelt; große Hôtels hoffen auf Gäste, Musikpavillons warten auf
Musikanten. Doch die Besucher bleiben noch aus. Woher auch sollen sie
kommen, diese Millionäre, um allen Grundstückspeculanten zu Gefallen die
ganze Riviera von Toulon bis Ventimiglia mit Villen zu bedecken? Mit dem
Augenblick, wo der Bau der Südbahn beschlossen war, bemächtigten sich
Actiengesellschaften aller Punkte am Strande, die durch schöne Aussicht
aller Punkte auf der Höhe, die durch gesunde Lage, Kiefernadelduft, oder
sonst welche Vorzüge sich auszeichnen. Auch in St. Aigulf drüben im
Maurengebirge ist der Wald schon parcellirt, laufen »_Grands Boulevards_«
durch denselben und sind nicht allein mit schönen Namen, sondern auch mit
Laternen versehen. Den Laternen freilich fehlen die Scheiben; gebrannt hat
noch keine; manche warf der Sturm, manche auch Menschenhand schon um; nun
liegen sie da und rosten, ein trauriges Bild des Todes dort, wo niemals
Leben war. Dazwischen in möglichst auffälliger Stellung große Tafeln mit
bunten Inschriften und Plänen, die zum Ankauf der Grundstücke verlocken
sollen. – Wird Valescure jemals gedeihen? Es ist wohl möglich – einen
Anfang von Erfolg hat es schon zu verzeichnen: »_La nature sévère et
riante, l’odeur des pins agréable et salutaire_«, wie Stéphen Liegeard den
Ort preist, hat bereits die Künstlerin der »_Comédie française_« Suzanne
Reichemberg und die nicht minder berühmte Sängerin der Pariser komischen
Oper Miolan Carvalho veranlaßt, sich hier anzusiedeln. Der Ort ist
anmuthig, dicht von immergrünem Wald umhüllt, mit heiteren Ausblicken in
das Meer und das Gebirge: trotzdem athmeten wir freier auf, als wir die
»_Grands Boulevards_« verlassen hatten und uns in einer von der
Speculation weniger übertünchten Natur bewegten. – Die Sonne ging in
blaugrauem Nebel als rothe strahlenlose Scheibe auf; dann tauchte sie aus
dem Nebel hervor und strahlte hell an wolkenlosem Himmel. Die Erde schien
jetzt von Licht überströmt. Bald betraten wir jene ausgedehnten Wälder,
welche das Esterel fast ganz bedecken. Einst hatten sie oft vom Feuer zu
leiden; statt grüner Laubkronen starrten verkohlte Skelete den Wandrer an.
Jetzt sind die Wälder Staatseigenthum geworden und erfreuen sich so
sorgsamer Pflege, daß sie fast den Eindruck großer Parkanlagen machen. Die
dunklen Strandkiefern (_Pinus Pinaster_) wiegen bei Weitem vor: sie
schließen ihre Kronen oft so dicht zusammen, daß kaum ein Sonnenstrahl
durch das Dickicht dringt. Vorzügliche Kunststraßen führen durch den Wald,
und bis auf den Gipfel der Berge gelangt man auf gut gehaltenen Wegen.
Auffallend genug sieht man eine weite Kunststraße oft ganz plötzlich
enden, wenn sie die Grenzen des Gebirges erreicht. Da hört das Departement
der Forste nämlich auf, und es beginnt dasjenige der Brücken und
Chausseen. Die beiden Ministerien arbeiten sich, wie es scheint, nicht
immer in die Hände. Nach Wegweisern sieht man sich leider vergebens im
Esterel um, und wo mehrere Straßen sich schneiden, bleibt man auf seine
Orientirungsgabe ganz angewiesen. Die besten Karten der Gegend, die wir
uns zu verschaffen vermocht, Karten, welche das Ministerium des Inneren im
Jahre 1889 veröffentlicht hatte, reichten eben nur aus, um uns irre zu
führen. Der Weg zum Mont Vinaigre war übrigens nicht schwer zu entdecken.
Zunächst sahen wir ihn vor uns, dann brauchten wir im Walde nur der
breiten Straße zu folgen und uns nordwestlich zu halten, dort wo sich
dieselbe mit anderen gleich breiten Straßen schnitt. Sie stieg in
Windungen zwischen den Bergen empor. Meist war sie im Walde versteckt, und
wir wanderten im Schatten hoher Bäume, oder sie erreichte einen steilen
Abhang, und über den Gipfel der Bäume hinweg konnte der Blick dann über
grüne Thäler und Berge weithin sich verlieren. Doch kein Haus war zu
entdecken, nirgends verrieth aufsteigender Rauch eine verborgene Hütte:
nichts als Wälder, Thäler und Berge in endloser Einsamkeit. Seitdem wir
das Gebirge betreten hatten, war uns kein Mensch begegnet. Wir fühlten uns
ganz allein: es war fast unheimlich. Nach zwei Stunden erreichten wir eine
menschliche Behausung, das Forsthaus zu Malpay: »_M[=a]ou pays_«,
schlechte Gegend, wie es provençalisch heißt, in Erinnerung an jene Zeit,
wo es hier nicht geheuer war, zu reisen.
Die Frau Försterin schien sichtlich erfreut, sich wieder einmal
aussprechen zu können, und gab uns, während wir frühstückten, genaue
Auskunft über die Gegend. Sie zeigte uns auch in östlicher Richtung ein
Stück der römischen Straße, die man von hier aus auf eine längere Strecke
hin überblicken kann. Rom mit Gallien verbindend, endete sie in Arelate,
dem heutigen Arles, von wo die »_via Domitia_« nach Spanien führte. Zwei
römische Straßen, die als aurelianische bezeichnet wurden, führten durch
das Esterel. Die ältere folgte von Cannes aus der Küste und erst vor der
südlichsten Felsengruppe des Esterel drang sie landeinwärts, in ein Thal,
um in westlicher Richtung Fréjus zu erreichen. Später legten die Römer die
zweite Straße an, die, in gerader Richtung über die Berge laufend,
ungefähr der heutigen zwischen Fréjus und Cannes entspricht und von der
wir hier ein Stück vor Augen hatten. In einer verborgenen Schlucht unfern
derselben liegen in Malpay noch Porphyrsäulen aus alter Zeit, unvollendete
Arbeit der Römer. Der violettrothe Stein hat sich seitdem freilich mit
einer dicken schwarzen Kruste bedeckt. An die Benennung jener römischen
Straßen erinnern hier noch die Namen der Ufer und Berge. Dort, wo die
ältere der beiden Straßen das Meer verließ, heißt immer noch das Ufer
»Plage d’Aurel«, und »Pic d’Aurel« heißen die Porphyrmassen, denen sie
dann folgte. Dieses Gebirge war später von aller Cultur so abgeschnitten,
neuen Einflüssen so entzogen, daß das Volk bis auf den heutigen Tag eine
noch benutzte Strecke der älteren Straße »_lou camin Aurelian_« nennt.
Man verläßt in Malpay die breite Straße und folgt in östlicher Richtung
dem Fußweg, der in zahlreichen Windungen am südlichen Abhang des Mont
Vinaigre aufwärts steigt. – Wie kommt der Berg zu seinem merkwürdigen
Namen? Es heißt der saure Wein, der an seinen Flanken wuchs, hätte ihm
denselben verschafft. Spuren einstiger Weincultur sind freilich nicht mehr
zu entdecken, hingegen tritt man am Abhang in die herrlichsten Maquis ein.
Baumartige Heide, Ginster, Pistacien, Euphorbien, Asphodelen, sie alle
blühen zu gleicher Zeit und erfüllen die Luft mit würzigem Duft. Denn er
ist kurz, der provençalische Frühling, und die Pflanzen müssen sich
beeilen, bevor die Dürre naht; es ist als wenn die Natur ein Frühlingsfest
hier feiern wollte, und unbewußt dringt etwas von diesem Frühling auch in
die Seele des Wandrers ein. Er vergißt alles Vergangene, ihm ist, als
könne er das Leben von Neuem beginnen. Warum auch nicht? Ist doch die Welt
so alt und erwacht sie dennoch in jedem Frühjahr zu neuem Leben. – Was
duften nur die Heiden so schön nach bittren Mandeln? Jeder Windhauch trägt
uns ganze Fluthen dieses Aromas entgegen. Dieser Duft war uns früher kaum
aufgefallen, doch eine gleiche Fülle von Ericablüthen hatten wir auch noch
nie gesehen. Ein süßer Honiggeruch erfüllt jetzt die Luft: eine
unscheinbare kleine Wolfsmilch (_Euphorbia spinosa_) ist es, die ihn
verbreitet. Ihr fehlen auffällige Blüthen, und da muß sie sich besonders
bemühen, um in so farbenreicher Umgebung nicht unbeachtet zu bleiben. Sie
wird auch von zahlreichen Bienen besucht, während die bunten
Schmetterlinge um andere prächtigere Blüthen flattern. Hier lohnt es sich,
Biene und Schmetterling zu sein! Aus dieser Blüthenmasse ragen dunkle
Erdbeerbäume, zwerghafte Kiefern, immergrüne Eichen, stachelige
Wachholdersträucher (_Juniperus oxycedrus_) hervor. Und wo ein noch so
kleiner Platz unbesetzt geblieben an dieser reichen Tafel der Natur, da
drängen sich die Asphodelen (_Asphodelus cerasifer_) mit ihren weißen
Blüthenrispen ein. Auch sie wollen ihren Antheil an Licht und Wärme haben,
an jener Nahrung, die hier in solchem Uebermaß gespendet wird.
Wir steigen nur langsam in die Höhe, bleiben vor jeder einzelnen Blüthe
stehen, belauschen die Bienen bei der Arbeit. Erst nach einer Stunde sind
wir oben; da liegt eine ganze Welt zu unseren Füßen. Vor uns das grüne
Esterel mit seinen tief eingeschnittenen Thälern und seinen steilen Höhen,
wo aus dem Laub der Bäume die zackigen Porphyrfelsen in den Himmel ragen.
Im Westen die Ebene von Fréjus von ihrem Silberfluß durchströmt; über
dieser das Maurengebirge mit seinen dunklen Wäldern, und dann alle Buchten
der Küste, weit hin bis nach St. Tropez. Im Norden die Kalkalpen in
perlgrauem Ton; im Osten die Seealpen mit schneebedeckten Häuptern; davor
üppig grünes Land, mit leuchtenden Städten und Dörfern und wieder die
Küste, erst bei Bordighera in duftigen Nebel sich hüllend. Ganz in der
Nähe Cannes, vor ihm die Inseln von Lerins; weit vorspringend in die See
das schmale Cap von Antibes; endlich im Süden, scheinbar dem Himmel
entgegenstrebend, das unbegrenzte Meer.
Heute war es hier oben so windstill, daß auch die einsame Korkeiche, die
am Gipfel steht, sich in der Sonne *wärmen* konnte. Auch sie, die
bedauernswerthe, war ihrer schützenden Korkhülle beraubt worden. Zum
großen Theil entblößt, mußte sie an schlimmen Tagen dem Mistral hier
trotzen. In dem friedlichen Bilde, das uns umgab, störte diese nackte
Eiche wie ein Mißton die Harmonie.
Der Weg, den wir bei Malpay verlassen hatten, setzt sich in gerader
Richtung am Fuße des Mont Vinaigre fort und trifft bald auf die große
Straße von Fréjus und Cannes. Folgt man ihr in östlicher Richtung, so
gelangt man bald zu einer Häusergruppe, der Auberge des Adrets und dem
Gensdarmerieposten. Der Name, den das Wirthshaus führt, war in Paris einst
in Jedermanns Mund, als der berühmte Schauspieler Fréderic Lamaître im
Ambigu-Theater die Hauptrolle in einem Schauerdrama gab, das in einer
»Auberge des Adrets« spielte. Das war in den vierziger Jahren, und alle
sensationsbedürftigen Besucher von Cannes machten Ausflüge ins Esterel, um
in der »Auberge des Adrets« die Räume zu sehen, in denen ein Herr Germeuil
ermordet oder vielmehr *nicht* ermordet worden war. Denn abgesehen davon,
ob die ganze Geschichte sich jemals zugetragen, oder ob sie nur erfunden
war, handelte es sich thatsächlich in dem Drama nicht um diese, sondern,
wie das Textbuch deutlich angab, um eine Herberge gleichen Namens auf dem
Wege von Grenoble nach Chambéry. – Unter den Besuchern, die in fröhlicher
Laune von Cannes aus hierher gekommen waren, befand sich im Jahre 1868
auch Georges Sand. Die Bewohner des Hauses wurden damals schon sehr
ungehalten, wenn man sie über jenen Herrn Germeuil ausfragen wollte; sie
glaubten, man bezichtige sie des Mordes. Richtig ist, daß vor Jahren die
Gegend um jene »Auberge des Adrets« besonders berüchtigt war. In den
unzugänglichen Thälern und Schluchten des Esterel suchten alle jene
Verbrecher ihre Zuflucht, denen es gelungen war, aus den Galeeren von
Toulon zu entfliehen. Sie pflegten die Reisenden unfern von diesem
Wirthshaus anzufallen, an einer Stelle, wo die Straße von angrenzenden
Höhen beherrscht ist. »Als wir vorbeifuhren,« schreibt Horace Benedict de
Saussure, »zeigte uns der Courier von Rom, der mit uns reiste, einen
zertrümmerten Reisekoffer, der noch am Wege lag und einem Courier gehört
hatte, der vor einigen Tagen ausgeplündert worden war.« Als hingegen der
Erlanger Professor der Naturwissenschaften Gotthilf Heinrich Schubert 1822
»mit der Hausfrau, die, wie gewöhnlich, als Haushofmeister und Adjutant,
ihren alten Träumer begleitete«, die nämliche Stelle überschritt, hatten
sich die Zustände bereits geändert. In dem Wirthshaus war ein
Gensdarmerieposten errichtet. Doch fand er dort nur eine alte Frau und
zwei kleine Kinder vor. Während die Reisenden sich stärkten, kam die Alte
auf die verschollenen Räubergeschichten zu sprechen. »Wenn sich so ein
Räuber doch hier wieder sehen ließe,« meinte die Frau, »damit unsere
Gensdarmen zeigen können, daß sie ihr Brot nicht umsonst essen.« – Seitdem
die Eisenbahn Fréjus mit Cannes verbindet, ist diese Straße wie
ausgestorben, und Räuber würden ihr Auskommen da nicht mehr finden. Das
Wirthshaus zeigt aber noch deutlich an, daß es einst darauf eingerichtet
war, sich zu vertheidigen. Die Mauern sind ungewöhnlich dick, die Fenster
des unteren Stockwerks mit eisernem Gitter versehen. Durch eine Oeffnung
in der eichenen Thür wurde der Reisende erst genau betrachtet, bevor er
Einlaß erhielt, schräge Schießscharten in den Wänden sind gegen die Thür
gerichtet: das Haus gleicht einer Festung, die nur durch regelrechte
Belagerung genommen werden konnte. Jetzt steht seine Thür weit offen, und
kleine Kinder spielen vor dem Hause.
Wir kehrten nach Malpay zurück und wählten von dort einen Weg, der in
südöstlicher Richtung uns nach Agay führte. Bald waren wir in den _Vallon
de la Cabre_ gelangt. Dort breitete überall am Abhang der lorbeerartige
Schneeball (_Viburnum Tinus_) seine weißen Blüthendolden aus. Bis auf die
betretenen Wege wagten sich die blauen Schwertlilien (_Iris germanica_)
hervor. Die Dichternarcisse (_Narcissus poëticus_) schaute uns aus dem
Gebüsch mit ihren leuchtenden Blumenaugen an. Hochstengelige Tulpen
(_Tulipa Celsiana_) grüßten uns aus der Ferne mit ihren gelben Blüthen.
Die violetten Blüthenstände der doldenblüthigen Schleifenblume (_Iberis
umbellata_) überraschten uns durch ihre Pracht; hatten wir doch dieses
schöne Gewächs bisher nur in Gärten gesehen. Bald war in unseren Händen
_Ophrys aranifera_, die merkwürdige Orchidee, mit ihren spinnenartigen
Blüthen, und zu dieser konnten wir dann auch ihre bienenähnliche Schwester
(_Ophrys apifera_) gesellen. Am meisten aber erfreute uns das seltene
_Limodorum abortivum_, eine blattlose Orchidee, die in allen Theilen
hellviolett gefärbt, auch hellviolette Blüthen trägt. So wandelten wir im
Thale mit großen Blumensträußen in den Händen. Da plötzlich tauchte vor
uns ein großer Porphyrblock auf. Er steht auf schwachen Füßen und neigt
sich über den Bach, als wollte er stürzen. Das Volk hat ihn den
Taubenschlag, »_Pigeonnier_«, genannt. Dann führte unser Weg weiter an
anderen phantastischen Felsen vorbei; oft schienen sie das Thal zu
versperren und traten erst weit im Halbkreis auseinander, als wir den Fluß
von Agay erreichten. Dem folgten wir bis an das Meer. Zackig zerrissen, in
rothem Lichte glühend, schaut dort das Castel d’Agay in die See hinab. Wie
Zähne einer Riesensäge ragen in langgedehnter Reihe die steinernen Zacken
gegen den Himmel vor. Wir rasteten an der lieblichen Bucht von Agay, die
der rothe Porphyr in einen farbigen Rahmen faßt. Wir sind hier zehn
Kilometer von St. Raphaël entfernt, an der Station der Mittelmeerbahn, die
dem Seestrande folgt, um dem Gebirge auszuweichen.
Unfern von Agay, am Wege nach St. Raphaël, wird blauer Porphyr gebrochen.
Große Blöcke sprengt man aus dem Berge heraus, schneidet sie in Platten
und Würfel und verwerthet den Rest für Straßenbau. Der ganze Strand ist
mit blauem Porphyr bedeckt, und zahlreiche Arbeiter sind beschäftigt, ihn
auf Schiffe zu laden. Der Porphyr des Esterel ist ein Quarzporphyr, der in
dichter, mit bloßem Auge nicht unterscheidbarer Grundmasse, die aus Quarz
und Feldspath besteht, Krystalle oder crystallinische Körner aus Quarz
oder Feldspath führt. Der Feldspath ist meist fleischroth, doch wird die
rothe Färbung des ganzen Gesteins vornehmlich durch Eisenoxyd bedingt, das
als ein feiner Staub in der Grundmasse vertheilt ist. In den blauen und
andern hellgefärbten Porphyren tritt das Eisenoxyd gegen
Eisenoxydulverbindungen zurück. Der blaue Porphyr wird für Straßenbauten
besonders geschätzt und seine Gewinnung hier in großem Maßstab betrieben.
– Dem Steinbruch gegenüber springt eine Landzunge, »_Le Piton de
Dramont_«, vor in die See und trägt auf steil abfallenden Felsen einen
hohen Leuchtthurm. Er warnt den Schiffer schon aus der Ferne vor der
Gefahr, die ihn an dieser felsigen Küste bedroht. Die Bucht von Agay, die
bei ruhigem Wetter still ist und leer, füllt sich bei stürmischer See oft
mit vielen Schiffen. Sie warten hier, im sicheren Schutze der Berge, auf
günstigeres Wetter, und schon zur römischen Zeit hat der Agathon Portus
manches Schiff vor Untergang gerettet.
VI.