als Bormes, von Hyères aus mit der Bahn in einer Stunde zu erreichen. Man
steigt dort vom Strande aus zum Hügel empor, an den das kleine Städtchen
amphitheatralisch sich lehnt. Seine Häuser sind in verschiedener Höhe
verstreut, hier einzeln, dort in Gruppen, als hätten sie um die Wette den
Berg zu erklimmen versucht. Den Ort beherrscht eine alte Burg, deren graue
Ruinen sich eindrucksvoll abheben von dem dunklen Grün des hinterliegenden
Waldes. Der Abhang ist mit aromatischen Kräutern bewachsen, und jeder
Schritt befreit aus ihnen duftende Oele. Ganze Flächen werden violett
gefärbt durch die wilde Lavendel (_Lavandula Stoechas_). Sie tritt hier so
massenhaft auf, daß ein benachbarter Ort den Namen Lavandou nach ihr
führt. – Wir steigen weiter hinauf in den Wald, in Korkeichen, Kiefern und
immergrüne Sträucher. Auch da steht jetzt Alles in Blüthe. Die Luft ist
erfüllt mit Wohlgerüchen, und den Kiefern, die man berührt, werden dichte
Wolken von Blüthenstaub entlockt. – Immer großartiger entfaltet sich die
Aussicht auf die dunklen Ruinen, das hellglänzende Städtchen und das blaue
Meer, in das eine Landzunge sich weit vor uns fortsetzt; gegen Osten
blicken wir in die Rhede von Bormes hinein; gegen Westen zeigt sich die
Rhede von Hyères, und über eine schmale Halbinsel hinweg erreicht das Auge
auch den Golf von Giens. In glänzender Färbung leuchten uns diese Buchten
entgegen. Die östliche Bucht tönt sich jetzt ab in hellem Blau, die Rhede
von Hyères scheint von flüssigem Silber zu sein, während die Fluthen des
Golfs von Giens den rothen Abendhimmel widerspiegeln. Wir sättigen uns an
dieser Farbenpracht und lassen das geblendete Auge dann auf dem dunklen
Grün der fernen Wälder ruhen. Sanft breitet der purpurne Schein sich aus
über das ganze Meer, und in dem Glanz der Abendsonne schimmern jetzt die
goldenen Inseln von Hyères wirklich so, als wären sie von Gold.
In Bormes sind vor den Häusern große Mengen von Kork aufgeschichtet. Wir
treten in ein Haus ein, in dem Kork geschnitten wird, und sehen uns,
freundlich empfangen, die Arbeit an. Der Mann macht Stopfen mit Hülfe
einer Drehbank. Er fügt eckige Korkstücke in dieselbe ein, versetzt sie in
Drehung und rückt eine Art Hobel heran, der das Korkstück schneidet. Große
Uebung verlangt das sichere und rasche Einfügen der Korkstücke in die
Drehbank, so daß sie gleich richtig centrirt sind. Ist der Arbeiter
geschickt, so macht er Hunderte von Stopfen in der Stunde, während er es
früher beim Schneiden aus freier Hand kaum auf tausend Stück im ganzen Tag
bringen konnte. Die Korkplatten müssen mit Wasser gebrüht werden, ehe man
sie in die eckigen Stücke zerlegt. Sie schwellen dabei nicht unwesentlich
an. Die Längsachse der Stopfen entspricht der Längsrichtung der Platten;
man muß sich somit die Stopfen in der Rinde des Baumes aufrecht stehend
denken.
Die Abfälle beim Schneiden der Stopfen sind durchaus nicht werthlos. Sie
können zum Polstern dienen und werden auch wohl verkohlt, um eine schwarze
Farbe, das _nigrum hispanicum_, oder um Zahnpulver zu liefern. Gepulverter
Kork, mit verdicktem Leinöl angerührt und auf wasserdichtes Segeltuch
aufgetragen, gibt den als Linoleum bezeichneten Korkteppich, mit dem man
die Fußböden deckt.
Die allgemeine Verwendung des Korkes für Flaschenverschluß greift nicht
weiter als in das siebzehnte Jahrhundert zurück. Sie fällt zusammen mit
der Verbreitung unserer enghalsigen Glasflaschen, die man kaum vor dem
fünfzehnten Jahrhundert herzustellen begann. Im Mittelalter wurden kleine
Gefäße aus Holz, Thon oder Metall verfertigt und mit Zapfen von gleichem
Stoff verschlossen oder auch nur mit Wachs verklebt. Die Fässer
verspundete man mit Holzpflöcken. Die Alten benützten zum Verschluß ihrer
Amphoren sowohl Holz- als auch Korkstopfen, die sie mit einem Kitt aus
Harz, Kreide und Oel oder auch mit Pech umgaben. Häufiger noch wurde die
Oeffnung dieser Gefäße nur mit Gyps, mit Harz, Pech oder Wachs
zugeschmiert. Auf den Wein gossen sie Oel, so wie das heute noch in
Italien geschieht, und suchten ihn so vor Luftzutritt zu schützen. Nach
Plinius dienten den Römern Korkstücke auch schon als Schwimmer an den
Fischnetzen und als Bojen an den Ankern; nicht minder wurden die
Schuhsohlen für Frauen aus diesem Stoffe bereits hergestellt.
III.
Tief in das Maurengebirge schneidet der Golf von St. Tropez, der Sinus
Sambracitanus der Alten, ein. An seinem Ufer sieht man schon aus der Ferne
die Häuser von St. Tropez in bunten Farben schimmern. Von dort aus
erscheint die Meeresbucht wie ein geschlossener See. Ihre azurnen Fluthen
haben die Klarheit und den Schmelz eines dunklen Saphirs. Man blickt über
dieselbe ins Maurengebirge hinein. Scharf stechen seine Höhen vom
nördlichen Himmel ab. Im Osten wird das Bild in duftiger Ferne durch die
zackigen Gipfel des Esterels begrenzt. Ueber diesen, hoch in den Wolken,
glänzt der Schnee der Alpen. Hier an dem blauen Golf hat einst die
Heraclea Cacabaria gestanden. Ein Herculestempel, so heißt es, gab der
Stadt den Namen. Das Land war von Camatullikern bewohnt. – Dann schildert
die Sage, wie im Jahre 66 n. Chr. an jenen Strand der Körper des heiligen
Tropez gelangte. Dieser hatte unter Nero hohe Würden bekleidet; sein
Vetter, Salvius Otho, wurde im Jahre 69 n. Chr. zum Kaiser proclamirt. Er
selbst legte alle seine Aemter nieder, nachdem ihn der Apostel Paulus zum
Christenthum bekehrt hatte, und zog sich nach Pisa zurück. Dort ließ eines
Tages Nero unter einer ehernen Himmelsdecke mit großem theatralischem Pomp
Diana und Apollo anbeten. St. Tropez weigerte sich dessen, er wurde
ergriffen, auf Befehl von Nero gemartert, enthauptet und sein Körper dann
auf einem schlechten Nachen in das Meer gestoßen. Ein Hund und ein Hahn,
die man zugleich in den Nachen setzte, sollten sich an dem Körper weiden.
Doch weder der Hund noch der Hahn berührten den Heiligen, sie stellten
sich als Wächter an dessen Körper auf. Ein Engel ließ sich am Steuer
nieder und führte den Nachen sicher durch die Fluth bis nach Heraclea.
Durch das Krähen des Hahnes gerufen, sammelten sich dort die Christen am
Strande und nahmen den Körper des Heiligen mit hohen Ehren auf.
Im neunten Jahrhundert wurde das alte Heraclea von den Saracenen zerstört,
und nur antike Mauern und Gräber zeigen den Ort noch an, auf dem es einst
gestanden. Das heutige St. Tropez reicht nicht weiter als bis in das
fünfzehnte Jahrhundert zurück. Es verdankte sein Aufblühen genuesischen
Familien, die sich hier niederließen. Zahlreiche Wachtthürme um die Stadt,
sowie die Festungswerke über derselben zeigen an, daß St. Tropez sich oft
noch gegen Seeräuber und andere Feinde zu vertheidigen hatte. Heute wird
es nur noch durch Zollwächter geschützt, die von den Höhen aus den Strand
überwachen. So verändern sich die Zeiten; früher mußte der Ort die
Corsaren abwehren, die ihn berauben wollten, heute sich gegen die
Schmuggler schützen, die ihn gern versorgen möchten.
St. Tropez ist ein Hauptort des Korkhandels geworden; zahlreiche Schiffe
werden mit dieser Waare beladen, die aus allen Theilen des Maurengebirges
hier zusammenströmt.
Zum klimatischen Kurort dürfte St. Tropez wohl schwerlich jemals erhoben
werden, denn es ist zu sehr den Winden ausgesetzt. Gegen das offene Meer
deckt das vorspringende Cap den Hafen, doch der Mistral und der Ostwind
treiben die Fluthen des Golfes in denselben hinein. Daß bei heftigem Sturm
die Wellen bis auf den Uferdamm vordringen, das zeigt der eigenartige Bau
mancher dort stehender Häuser an. Sie sind unten ohne Fenster, nur mit
kleinen, dicht schließenden Thüren versehen, zugleich ausgehöhlt, so wie
der Fuß eines Leuchtthurmes, der dem Meere trotzt. – Von den Winden
abgesehen, besitzt das meerumspülte Vorgebirge ein sehr mildes Klima. Der
bekannte Geologe Elie de Baumont hat dieses Stück Land als die Provençe
der Provençe bezeichnet. Seine Vegetation ist üppig. Kiefern und
immergrüne Eichen decken die Höhen; die Abhänge werden von mächtigen
Kastanienbäumen beschattet, deren Früchte in ganz Frankreich als »_Marrons
de Lyon_« beliebt sind. Hier und dort streckt auch eine Palme ihr
schlankes Haupt über eine Mauer hervor; doch man sieht es ihr an, daß sie
oft vom Winde gepeitscht wird. Den Ufern der Bäche folgen
Oleandersträucher und Vitexbüsche. Mit den schönen Blüthen des Oleanders
schmückten sich und schmücken sich heute noch in Griechenland auf dem
Lande die Frauen, auch benutzt man bei uns Oleanderblätter zur Verzierung
der Speisen, während thatsächlich der Milchsaft dieser Pflanze ziemlich
giftig ist. Von dem schmalblätterigen Vitexstrauch hieß es einst, daß er
die Sinnlichkeit unterdrücke, daher erhielt er seinen keuschen Namen:
_Vitex agnus castus_. Die atheniensischen Frauen bestreuten mit
Vitexblättern ihre Ruhelager zur Zeit der Thesmophorien, jenen mysteriösen
Festen zu Ehren der Göttin Demeter, von denen alle Männer ausgeschlossen
waren. Heute scheint der _Vitex agnus castus_ seine früheren Kräfte
eingebüßt zu haben; nur seine scharf gewürzhaften Steinfrüchte gebraucht
man im Süden noch häufig als Pfeffer. Der Oleander hat sich sogar einem
noch weniger poetischen Verlangen anbequemen müssen, denn die Landleute um
Nizza benützen seine gepulverte Rinde, um Ratten und Mäuse zu vertreiben.
Im Hôtel Continental zu St. Tropez wird noch nach alter Art gelebt. Guter
Tischwein steht zu gemeinsamer Benutzung auf der Tafel. Man fragt den
Nachbar erst, ob er zu trinken wünscht, bevor man sich selbst einschenkt.
Das Dienstpersonal wird in einige Verwirrung versetzt, wenn man nach der
Weinkarte verlangt. – Da figurirten als Vorspeisen bei der Mahlzeit außer
Salami, Oliven, Sardinen und anderen allgemein europäisch gewordenen
Dingen, auch Seeigel, ein Leckerbissen, den ich bisher an keiner
regelrechten »_table d’hôte_« gesehen hatte, und den ich auch gerne
Anderen überlasse; er dient mir nur als Beweis, daß der Mensch das ärgste
aller Raubthiere ist. Da werden Tausende weiblicher Seeigel gefangen,
aufgebrochen und im Grunde genommen vergeudet: man wirft den ganzen Körper
fort und verzehrt nur das Bißchen Eierstöcke. Dabei wird eine ungezählte
Brut zerstört. Diesen orangerothen, faden Schleimmassen konnten wir keinen
Geschmack abgewinnen; doch darüber läßt sich ja streiten. – In wahres
Entzücken wurden unsere Tischgenossen stets versetzt durch
»_Bouillabaise_«. – Nach dieser Speise sehnt sich stets der Provençale,
auch wenn er einen anderen Theil von Frankreich bewohnt. – Die Wirthin
suchte es ihren Gästen an den Augen abzusehen, ob ihnen die _Bouillabaise_
schmecke; kann diese doch allein das Renommée eines Hauses begründen. Wie
sie uns servirt wurde, bestand sie aus Langusten und Seefischen. Die
Wirthin machte aus deren Zubereitung auch kein Geheimniß. Sie habe, sagte
sie, zunächst etwas Knoblauch, Lorbeerblätter und weißen Pfeffer in
Olivenöl in einer Casserolle geröstet, dann ein Glas Weißwein darauf
gegossen, die Langusten, Fische und soviel Wasser, daß sie bedeckt waren,
dazu gethan, Alles mit Salz und Pfeffer weiter gewürzt, hierauf zwanzig
Minuten lang kochen lassen und mit einer Messerspitze Safran den Schluß
gemacht. Ihre _Bouillabaise_ war dann fertig. Die Langusten und Fische
kamen in eine tiefe Terrine und wurden mit der Brühe, in welcher auch
Weißbrodschnitte geweicht hatten, übergossen. – Die _Bouillabaise_ fand
ungetheilten Beifall. Die Wirthin meinte, für Franzosen allein lohne es
sich zu kochen, während Ausländer mit demselben Gleichmuth gute und
schlechte Speisen verschlängen: Das sei für eine sorgsame Wirthin
entmuthigend. Darauf mein Tischnachbar in längerer Rede entwickelte, daß
er nicht einsehen könne, weswegen man ein Sinnesorgan gegen die anderen
zurücksetzen solle. Man könne eine dumme Zunge haben, ebenso wie ein
dummes Auge oder ein dummes Ohr. Ein Mensch, der Karpfen von Steinbutte
nicht zu unterscheiden wisse, flöße ihm nicht mehr Ehrfurcht, als ein
solcher ein, der Van Dyck mit Raphael oder Gounod mit Wagner verwechsle.
War das Essen auch gut, der übrige Comfort des Hauses ließ doch etwas zu
wünschen übrig, so daß wir, trotz solcher culinarischer Genüsse, uns
zeitweise nach einem anderen Unterkommen sehnten.
Eine Straßenbahn verbindet jetzt St. Tropez mit La Foux, einer Station der
südfranzösischen Bahn. Der Weg führt an dem Schlosse von Bertaud und vor
dessen Thoren an einer mächtigen Pinie vorbei, deren Stamm wohl sechs
Meter im Umfang mißt. Es dürfte eine der größten Pinien sein, die jetzt
existiren, und wohl mancher Saracene hat schon in ihrem Schatten gelagert.
Der Baum steht mitten auf der Straße, der »_route nationale_«, und es ist
zu loben, daß ihn die Ingenieure schonten. Die Straßenbahn setzt sich über
La Foux nördlich bis Cogolin fort, und von da aus kann man auf der
Chaussee La Garde Freinet erreichen. Dort hatten einst schon die Römer
einen Militärposten errichtet, der die Verbindung zwischen dem Sinus
Sambracitanus und der etwas nördlicher durchs Gebirge ziehenden Via
Aureliana überwachen sollte. Der Ort liegt in einem Engpaß zwischen zwei
Bergen, und dort setzten sich auch die Mauren im Jahre 850 fest, nachdem
sie St. Tropez zerstört hatten. Sie sicherten sich so den Zugang zum Meere
und beherrschten zugleich das Gebirge. Die Festung, die sie erbauten,
wurde Fraxinetum genannt, und dieser Name dann auf alle ähnlichen
maurischen Festungen übertragen. Hier häuften sie die geraubten Schätze
an, um sie später übers Meer nach Afrika zu schaffen. Wilhelm I., Graf von
Arles, unterstützt von zwei provençalischen Edelleuten, Bavon und
Grimaldi, stürmte und eroberte im Jahre 973 die Veste. Alle Mauren, die
dem Schwert entgingen, wurden nebst Weibern und Kindern zu Sclaven
gemacht. Die Veste schwand von der Erde, und nur einige Mauerreste, die
Epheu heute deckt, sowie eine tiefe, in Fels gehauene Cisterne, zeugen
dafür, daß sie einst gewesen.
Als Preis der Tapferkeit und Lohn für die erwiesenen Dienste erhielt
Grimaldi von Wilhelm I. das ganze Land, welches die Mauren am Sinus
Sambracitanus besaßen. Da ragen denn noch heute, als Wahrzeichen aus jener
Zeit, auf dem Berge, der die Thalmündung beherrscht, die Trümmer der Burg
Grimaud in den Himmel. Zwei Thürme auf steilem Abhang, durch Mauerreste
verbunden, scheinen über dem Abgrunde zu schweben, die übrige Burg ist
zerstört; doch unter ihr, wenn auch ihres Schutzes beraubt, in üppiges
Grün gehüllt, klammert sich der kleine Ort Grimaud noch immer an den
Felsen.
Von La Foux aus östlich folgt die Südbahn weiter allen Ausbuchtungen der
Küste. Jetzt eilt sie dem Meere zu, und St. Tropez am jenseitigen Ufer
scheint immer näher zu rücken; dann wendet sie sich landwärts, und das
Esterel taucht plötzlich am Horizonte auf. Das Maurengebirge rückt dicht
ans Meer heran, der Wald erreicht die Küste. Immer schwelgerischer
entwickelt sich hier seine Pracht. Aus den immergrünen Eichen und
Seestrandkiefern leuchtet die baumartige Erica mit ihren weißen
Blüthenmassen hervor. Ueberall sieht man den Erdbeerbaum seine
lorbeerartigen Blätter ausbreiten. Dunkler Epheu rankt an den Stämmen in
die Höhe, und üppige Waldreben verbinden die Baumkronen durch helle
Laubguirlanden. Dieses herrliche Bild verlockt uns, die Fahrt zu
unterbrechen; wir steigen in La Gaillarde aus und setzen unseren Weg zu
Fuß fort. Wir folgen dem Ufer. Die Strandkiefer taucht ihre Wurzeln fast
in die Wellen; oft neigt sie sich über die Fluth, als wollte sie ihr Bild
in der spiegelnden Fläche betrachten. Das Land wird hier geschmückt von
der See mit einem Saum silberschäumender Wogen, dafür flicht ihr das Land
einen Kranz aus immergrünem Walde. Zerrissene Felsen springen am Strande
vor und verlieren sich weit in den Fluthen. Das Esterel ist uns ganz nahe
gerückt. Es zeigt denselben reich bewegten Umriß, dem wir so gerne von
Antibes aus folgten. Dieser Gebirgszug ist so schmal, daß die nämlichen
Höhen von Osten wie von Westen das Bild bestimmen. In Antibes sieht man am
Abend die Sonne hinter dem Esterel verschwinden; dann hüllen sich seine
Gipfel in dunkelblaue Schatten und stechen mit scharfen Umrissen gegen den
Abendhimmel ab. Hier sind sie jetzt mit Licht übergossen; die schwindende
Sonne senkt ihre Strahlen in die Thäler hinein, sie gestaltet und modelt
die einzelnen Berge, vergoldet die Gipfel, spart blaue Schlagschatten in
den Tiefen aus, entzündet ganze Dörfer, wirft Irrlichter in die einzelnen
Häuser hinein und taucht schließlich Alles in purpurne Gluth. – Hier bei
St. Aigulf am Strande ließ sich Carolus Duran nieder, und der Ort ist wohl
angethan, eines Malers Seele mit farbigem Glanz zu erfüllen! – Plötzlich
öffnet sich vor uns das weite, von dem Fluß Argens in zahlreichen
Windungen durchströmte Thal, durch welches das Maurengebirge von dem
Esterel geschieden wird. Der Teich von Villepey und die Windungen des
Flusses glänzen wie metallene Spiegel. In Fréjus ertönen die Abendglocken;
vom jenseitigen Ufer des Golfs sendet uns der Leuchtthurm von St. Raphaël
einen ersten noch blassen Strahl entgegen.
IV.
Wir wandern jetzt auf classischem Boden. Ist doch Fréjus das alte Forum
Julii, dem Julius Caesar den Namen gab. Augustus vollendete den Hafen, der
die Stelle von Lagunen einnahm, und gab dem Orte einen Pharus. Agrippa
ließ einen Aquäduct und ein Amphitheater erbauen; siedelte hier auch
Soldaten der achten Legion an, was zu der späteren Benennung Colonia
Octavanorum führte. Die Stadt wuchs rasch in Größe und Bedeutung; sie maß
fünftausend Schritte im Umfang. Der Hafen war so ausgedehnt, daß er im
Jahre 31 v. Chr. die zweihundert Galeeren aufnehmen konnte, die Octavian
in der Schlacht bei Actium Antonius abgenommen hatte. Was für ein
farbenprächtiges Bild mag das gewesen sein, als die Flotte des Antonius
diesen Hafen füllte, als mächtige römische Bauten sich in seinen Wellen
spiegelten, und weithin sichtbar durch das Thal der Aquaeduct in kühnen
Bögen den fernen Bergen zueilte. – Fréjus blieb unter den Kaisern die
wichtigste Flottenstation an diesem Gestade, dann aber begannen traurige
Zeiten. Der _Amnis argenteus_, der heutige Argens, füllte langsam den
Hafen mit Schlamm und Erde an. Im zehnten Jahrhundert konnten nur noch
kleine Schiffe Zuflucht in demselben finden. Dann kamen die Saracenen und
schleiften 940 die Befestigungen der Stadt. Im fünfzehnten Jahrhundert
wurde Fréjus von Corsaren verbrannt, dann im sechzehnten Jahrhundert
nochmals unter Carl V. geplündert. Der Hafen schwand allmälig, und an
seiner Stelle bildeten sich weite Sümpfe aus, welche mit tödtlichen
Miasmen die Gegend erfüllten. Ein Bild solchen Elends fand Aubin-Louis
Millin im Beginn dieses Jahrhunderts hier vor. Die Straßen waren leer, die
Häuser unbewohnt, die wenigen Menschen, die man sah, gingen mit blassen
fahlen Gesichtern, hohlen Wangen, eingefallenen Augen umher. Man meinte,
in einem großen Krankenhaus zu sein. »Wir nahmen Wohnung«, schreibt
Millin, »in der besten Herberge: es war ein verpestetes und ekelerregendes
Haus, in dem man den Aufenthalt als Strafe betrachten mußte. Schrecklicher
Schmutz herrschte in ihm. In schlecht gespülten Gefäßen wurde uns fauliges
Wasser dargereicht; ganze Schwärme von Fliegen belagerten die mit ranzigem
Oel bereiteten Speisen. Den Sümpfen entstiegene Mücken und Schnacken
peinigten uns mit ihren Stichen; des Nachts wurden wir von nicht minder
zudringlichen, aber noch ekelhafteren Thieren aufgezehrt. Unser Blut war
in fortwährender Wallung. Es können hier wirklich nur solche Menschen
leben, die an derartige Plagen gewöhnt sind; uns erschienen sie als das
größte Unheil, das einem menschlichen Wesen begegnen kann. Wir bedauerten,
daß der Wissensdrang, der uns trieb, historisch berühmte Stätten
aufzusuchen, uns an diesen elenden Ort geführt hatte, und wir wünschten
denselben so bald als möglich verlassen zu können.« – Seitdem haben sich
die Zustände in Fréjus gebessert. Abzugscanäle sind entstanden, welche die
Umgegend entwässern und dadurch gesünder machen; der Ort selbst ist zwar
auf ein Fünftel seiner früheren Größe zusammengeschmolzen, sieht aber
ziemlich freundlich aus. Wer freilich tieferen Eindruck von den
Ueberresten aus der classischen Zeit erwartet, der wird enttäuscht sein.
Es blieb nur wenig davon zurück, zu wenig, um Achtung zu gebieten oder gar
künstlerisch anzuregen. Nur die zerrissenen Bogen des Aquäducts draußen in
den Feldern, mit ihrem Schmuck von kletternden Pflanzen, sind ästhetisch
wirksam. Der Argens war so fleißig bei der Arbeit, daß heute eine weite
sandige Fläche Fréjus vom Meere trennt; die Trümmer des alten römischen
Leuchtthurms ragen jetzt anderthalb Kilometer vom Strande entfernt aus dem
Boden hervor. So ist der alte Glanz von Fréjus für immer geschwunden, und
was von demselben zurückblieb, vermag solchen Eindruck wie die Denkmäler
von Nîmes und von Arles auf uns nicht zu machen. Doch erhebt uns auch hier
das Gefühl, classischen Boden unter den Füßen zu haben. Wir schauen dann
hinaus in das blaue Mittelmeer, an dessen Ufern jene mächtige Cultur
erstarkte, welche die Welt erobert hat. Wir suchen das Band mit der
Vergangenheit enger zu knüpfen und werden uns im Geiste wieder bewußt, daß
jene allgemein menschlichen Gedanken und Gefühle, die hier zum ersten Mal
zur bewußten Empfindung und Gestaltung gelangten, auch heute noch unser
Denken und Fühlen beherrschen.