In den westlichen Theilen des Maurengebirges gibt es keinen schöneren Ort

als Bormes, von Hyères aus mit der Bahn in einer Stunde zu erreichen. Man

steigt dort vom Strande aus zum Hügel empor, an den das kleine Städtchen

amphitheatralisch sich lehnt. Seine Häuser sind in verschiedener Höhe

verstreut, hier einzeln, dort in Gruppen, als hätten sie um die Wette den

Berg zu erklimmen versucht. Den Ort beherrscht eine alte Burg, deren graue

Ruinen sich eindrucksvoll abheben von dem dunklen Grün des hinterliegenden

Waldes. Der Abhang ist mit aromatischen Kräutern bewachsen, und jeder

Schritt befreit aus ihnen duftende Oele. Ganze Flächen werden violett

gefärbt durch die wilde Lavendel (_Lavandula Stoechas_). Sie tritt hier so

massenhaft auf, daß ein benachbarter Ort den Namen Lavandou nach ihr

führt. – Wir steigen weiter hinauf in den Wald, in Korkeichen, Kiefern und

immergrüne Sträucher. Auch da steht jetzt Alles in Blüthe. Die Luft ist

erfüllt mit Wohlgerüchen, und den Kiefern, die man berührt, werden dichte

Wolken von Blüthenstaub entlockt. – Immer großartiger entfaltet sich die

Aussicht auf die dunklen Ruinen, das hellglänzende Städtchen und das blaue

Meer, in das eine Landzunge sich weit vor uns fortsetzt; gegen Osten

blicken wir in die Rhede von Bormes hinein; gegen Westen zeigt sich die

Rhede von Hyères, und über eine schmale Halbinsel hinweg erreicht das Auge

auch den Golf von Giens. In glänzender Färbung leuchten uns diese Buchten

entgegen. Die östliche Bucht tönt sich jetzt ab in hellem Blau, die Rhede

von Hyères scheint von flüssigem Silber zu sein, während die Fluthen des

Golfs von Giens den rothen Abendhimmel widerspiegeln. Wir sättigen uns an

dieser Farbenpracht und lassen das geblendete Auge dann auf dem dunklen

Grün der fernen Wälder ruhen. Sanft breitet der purpurne Schein sich aus

über das ganze Meer, und in dem Glanz der Abendsonne schimmern jetzt die

goldenen Inseln von Hyères wirklich so, als wären sie von Gold.

In Bormes sind vor den Häusern große Mengen von Kork aufgeschichtet. Wir

treten in ein Haus ein, in dem Kork geschnitten wird, und sehen uns,

freundlich empfangen, die Arbeit an. Der Mann macht Stopfen mit Hülfe

einer Drehbank. Er fügt eckige Korkstücke in dieselbe ein, versetzt sie in

Drehung und rückt eine Art Hobel heran, der das Korkstück schneidet. Große

Uebung verlangt das sichere und rasche Einfügen der Korkstücke in die

Drehbank, so daß sie gleich richtig centrirt sind. Ist der Arbeiter

geschickt, so macht er Hunderte von Stopfen in der Stunde, während er es

früher beim Schneiden aus freier Hand kaum auf tausend Stück im ganzen Tag

bringen konnte. Die Korkplatten müssen mit Wasser gebrüht werden, ehe man

sie in die eckigen Stücke zerlegt. Sie schwellen dabei nicht unwesentlich

an. Die Längsachse der Stopfen entspricht der Längsrichtung der Platten;

man muß sich somit die Stopfen in der Rinde des Baumes aufrecht stehend

denken.

Die Abfälle beim Schneiden der Stopfen sind durchaus nicht werthlos. Sie

können zum Polstern dienen und werden auch wohl verkohlt, um eine schwarze

Farbe, das _nigrum hispanicum_, oder um Zahnpulver zu liefern. Gepulverter

Kork, mit verdicktem Leinöl angerührt und auf wasserdichtes Segeltuch

aufgetragen, gibt den als Linoleum bezeichneten Korkteppich, mit dem man

die Fußböden deckt.

Die allgemeine Verwendung des Korkes für Flaschenverschluß greift nicht

weiter als in das siebzehnte Jahrhundert zurück. Sie fällt zusammen mit

der Verbreitung unserer enghalsigen Glasflaschen, die man kaum vor dem

fünfzehnten Jahrhundert herzustellen begann. Im Mittelalter wurden kleine

Gefäße aus Holz, Thon oder Metall verfertigt und mit Zapfen von gleichem

Stoff verschlossen oder auch nur mit Wachs verklebt. Die Fässer

verspundete man mit Holzpflöcken. Die Alten benützten zum Verschluß ihrer

Amphoren sowohl Holz- als auch Korkstopfen, die sie mit einem Kitt aus

Harz, Kreide und Oel oder auch mit Pech umgaben. Häufiger noch wurde die

Oeffnung dieser Gefäße nur mit Gyps, mit Harz, Pech oder Wachs

zugeschmiert. Auf den Wein gossen sie Oel, so wie das heute noch in

Italien geschieht, und suchten ihn so vor Luftzutritt zu schützen. Nach

Plinius dienten den Römern Korkstücke auch schon als Schwimmer an den

Fischnetzen und als Bojen an den Ankern; nicht minder wurden die

Schuhsohlen für Frauen aus diesem Stoffe bereits hergestellt.

III.

Tief in das Maurengebirge schneidet der Golf von St. Tropez, der Sinus

Sambracitanus der Alten, ein. An seinem Ufer sieht man schon aus der Ferne

die Häuser von St. Tropez in bunten Farben schimmern. Von dort aus

erscheint die Meeresbucht wie ein geschlossener See. Ihre azurnen Fluthen

haben die Klarheit und den Schmelz eines dunklen Saphirs. Man blickt über

dieselbe ins Maurengebirge hinein. Scharf stechen seine Höhen vom

nördlichen Himmel ab. Im Osten wird das Bild in duftiger Ferne durch die

zackigen Gipfel des Esterels begrenzt. Ueber diesen, hoch in den Wolken,

glänzt der Schnee der Alpen. Hier an dem blauen Golf hat einst die

Heraclea Cacabaria gestanden. Ein Herculestempel, so heißt es, gab der

Stadt den Namen. Das Land war von Camatullikern bewohnt. – Dann schildert

die Sage, wie im Jahre 66 n. Chr. an jenen Strand der Körper des heiligen

Tropez gelangte. Dieser hatte unter Nero hohe Würden bekleidet; sein

Vetter, Salvius Otho, wurde im Jahre 69 n. Chr. zum Kaiser proclamirt. Er

selbst legte alle seine Aemter nieder, nachdem ihn der Apostel Paulus zum

Christenthum bekehrt hatte, und zog sich nach Pisa zurück. Dort ließ eines

Tages Nero unter einer ehernen Himmelsdecke mit großem theatralischem Pomp

Diana und Apollo anbeten. St. Tropez weigerte sich dessen, er wurde

ergriffen, auf Befehl von Nero gemartert, enthauptet und sein Körper dann

auf einem schlechten Nachen in das Meer gestoßen. Ein Hund und ein Hahn,

die man zugleich in den Nachen setzte, sollten sich an dem Körper weiden.

Doch weder der Hund noch der Hahn berührten den Heiligen, sie stellten

sich als Wächter an dessen Körper auf. Ein Engel ließ sich am Steuer

nieder und führte den Nachen sicher durch die Fluth bis nach Heraclea.

Durch das Krähen des Hahnes gerufen, sammelten sich dort die Christen am

Strande und nahmen den Körper des Heiligen mit hohen Ehren auf.

Im neunten Jahrhundert wurde das alte Heraclea von den Saracenen zerstört,

und nur antike Mauern und Gräber zeigen den Ort noch an, auf dem es einst

gestanden. Das heutige St. Tropez reicht nicht weiter als bis in das

fünfzehnte Jahrhundert zurück. Es verdankte sein Aufblühen genuesischen

Familien, die sich hier niederließen. Zahlreiche Wachtthürme um die Stadt,

sowie die Festungswerke über derselben zeigen an, daß St. Tropez sich oft

noch gegen Seeräuber und andere Feinde zu vertheidigen hatte. Heute wird

es nur noch durch Zollwächter geschützt, die von den Höhen aus den Strand

überwachen. So verändern sich die Zeiten; früher mußte der Ort die

Corsaren abwehren, die ihn berauben wollten, heute sich gegen die

Schmuggler schützen, die ihn gern versorgen möchten.

St. Tropez ist ein Hauptort des Korkhandels geworden; zahlreiche Schiffe

werden mit dieser Waare beladen, die aus allen Theilen des Maurengebirges

hier zusammenströmt.

Zum klimatischen Kurort dürfte St. Tropez wohl schwerlich jemals erhoben

werden, denn es ist zu sehr den Winden ausgesetzt. Gegen das offene Meer

deckt das vorspringende Cap den Hafen, doch der Mistral und der Ostwind

treiben die Fluthen des Golfes in denselben hinein. Daß bei heftigem Sturm

die Wellen bis auf den Uferdamm vordringen, das zeigt der eigenartige Bau

mancher dort stehender Häuser an. Sie sind unten ohne Fenster, nur mit

kleinen, dicht schließenden Thüren versehen, zugleich ausgehöhlt, so wie

der Fuß eines Leuchtthurmes, der dem Meere trotzt. – Von den Winden

abgesehen, besitzt das meerumspülte Vorgebirge ein sehr mildes Klima. Der

bekannte Geologe Elie de Baumont hat dieses Stück Land als die Provençe

der Provençe bezeichnet. Seine Vegetation ist üppig. Kiefern und

immergrüne Eichen decken die Höhen; die Abhänge werden von mächtigen

Kastanienbäumen beschattet, deren Früchte in ganz Frankreich als »_Marrons

de Lyon_« beliebt sind. Hier und dort streckt auch eine Palme ihr

schlankes Haupt über eine Mauer hervor; doch man sieht es ihr an, daß sie

oft vom Winde gepeitscht wird. Den Ufern der Bäche folgen

Oleandersträucher und Vitexbüsche. Mit den schönen Blüthen des Oleanders

schmückten sich und schmücken sich heute noch in Griechenland auf dem

Lande die Frauen, auch benutzt man bei uns Oleanderblätter zur Verzierung

der Speisen, während thatsächlich der Milchsaft dieser Pflanze ziemlich

giftig ist. Von dem schmalblätterigen Vitexstrauch hieß es einst, daß er

die Sinnlichkeit unterdrücke, daher erhielt er seinen keuschen Namen:

_Vitex agnus castus_. Die atheniensischen Frauen bestreuten mit

Vitexblättern ihre Ruhelager zur Zeit der Thesmophorien, jenen mysteriösen

Festen zu Ehren der Göttin Demeter, von denen alle Männer ausgeschlossen

waren. Heute scheint der _Vitex agnus castus_ seine früheren Kräfte

eingebüßt zu haben; nur seine scharf gewürzhaften Steinfrüchte gebraucht

man im Süden noch häufig als Pfeffer. Der Oleander hat sich sogar einem

noch weniger poetischen Verlangen anbequemen müssen, denn die Landleute um

Nizza benützen seine gepulverte Rinde, um Ratten und Mäuse zu vertreiben.

Im Hôtel Continental zu St. Tropez wird noch nach alter Art gelebt. Guter

Tischwein steht zu gemeinsamer Benutzung auf der Tafel. Man fragt den

Nachbar erst, ob er zu trinken wünscht, bevor man sich selbst einschenkt.

Das Dienstpersonal wird in einige Verwirrung versetzt, wenn man nach der

Weinkarte verlangt. – Da figurirten als Vorspeisen bei der Mahlzeit außer

Salami, Oliven, Sardinen und anderen allgemein europäisch gewordenen

Dingen, auch Seeigel, ein Leckerbissen, den ich bisher an keiner

regelrechten »_table d’hôte_« gesehen hatte, und den ich auch gerne

Anderen überlasse; er dient mir nur als Beweis, daß der Mensch das ärgste

aller Raubthiere ist. Da werden Tausende weiblicher Seeigel gefangen,

aufgebrochen und im Grunde genommen vergeudet: man wirft den ganzen Körper

fort und verzehrt nur das Bißchen Eierstöcke. Dabei wird eine ungezählte

Brut zerstört. Diesen orangerothen, faden Schleimmassen konnten wir keinen

Geschmack abgewinnen; doch darüber läßt sich ja streiten. – In wahres

Entzücken wurden unsere Tischgenossen stets versetzt durch

»_Bouillabaise_«. – Nach dieser Speise sehnt sich stets der Provençale,

auch wenn er einen anderen Theil von Frankreich bewohnt. – Die Wirthin

suchte es ihren Gästen an den Augen abzusehen, ob ihnen die _Bouillabaise_

schmecke; kann diese doch allein das Renommée eines Hauses begründen. Wie

sie uns servirt wurde, bestand sie aus Langusten und Seefischen. Die

Wirthin machte aus deren Zubereitung auch kein Geheimniß. Sie habe, sagte

sie, zunächst etwas Knoblauch, Lorbeerblätter und weißen Pfeffer in

Olivenöl in einer Casserolle geröstet, dann ein Glas Weißwein darauf

gegossen, die Langusten, Fische und soviel Wasser, daß sie bedeckt waren,

dazu gethan, Alles mit Salz und Pfeffer weiter gewürzt, hierauf zwanzig

Minuten lang kochen lassen und mit einer Messerspitze Safran den Schluß

gemacht. Ihre _Bouillabaise_ war dann fertig. Die Langusten und Fische

kamen in eine tiefe Terrine und wurden mit der Brühe, in welcher auch

Weißbrodschnitte geweicht hatten, übergossen. – Die _Bouillabaise_ fand

ungetheilten Beifall. Die Wirthin meinte, für Franzosen allein lohne es

sich zu kochen, während Ausländer mit demselben Gleichmuth gute und

schlechte Speisen verschlängen: Das sei für eine sorgsame Wirthin

entmuthigend. Darauf mein Tischnachbar in längerer Rede entwickelte, daß

er nicht einsehen könne, weswegen man ein Sinnesorgan gegen die anderen

zurücksetzen solle. Man könne eine dumme Zunge haben, ebenso wie ein

dummes Auge oder ein dummes Ohr. Ein Mensch, der Karpfen von Steinbutte

nicht zu unterscheiden wisse, flöße ihm nicht mehr Ehrfurcht, als ein

solcher ein, der Van Dyck mit Raphael oder Gounod mit Wagner verwechsle.

War das Essen auch gut, der übrige Comfort des Hauses ließ doch etwas zu

wünschen übrig, so daß wir, trotz solcher culinarischer Genüsse, uns

zeitweise nach einem anderen Unterkommen sehnten.

Eine Straßenbahn verbindet jetzt St. Tropez mit La Foux, einer Station der

südfranzösischen Bahn. Der Weg führt an dem Schlosse von Bertaud und vor

dessen Thoren an einer mächtigen Pinie vorbei, deren Stamm wohl sechs

Meter im Umfang mißt. Es dürfte eine der größten Pinien sein, die jetzt

existiren, und wohl mancher Saracene hat schon in ihrem Schatten gelagert.

Der Baum steht mitten auf der Straße, der »_route nationale_«, und es ist

zu loben, daß ihn die Ingenieure schonten. Die Straßenbahn setzt sich über

La Foux nördlich bis Cogolin fort, und von da aus kann man auf der

Chaussee La Garde Freinet erreichen. Dort hatten einst schon die Römer

einen Militärposten errichtet, der die Verbindung zwischen dem Sinus

Sambracitanus und der etwas nördlicher durchs Gebirge ziehenden Via

Aureliana überwachen sollte. Der Ort liegt in einem Engpaß zwischen zwei

Bergen, und dort setzten sich auch die Mauren im Jahre 850 fest, nachdem

sie St. Tropez zerstört hatten. Sie sicherten sich so den Zugang zum Meere

und beherrschten zugleich das Gebirge. Die Festung, die sie erbauten,

wurde Fraxinetum genannt, und dieser Name dann auf alle ähnlichen

maurischen Festungen übertragen. Hier häuften sie die geraubten Schätze

an, um sie später übers Meer nach Afrika zu schaffen. Wilhelm I., Graf von

Arles, unterstützt von zwei provençalischen Edelleuten, Bavon und

Grimaldi, stürmte und eroberte im Jahre 973 die Veste. Alle Mauren, die

dem Schwert entgingen, wurden nebst Weibern und Kindern zu Sclaven

gemacht. Die Veste schwand von der Erde, und nur einige Mauerreste, die

Epheu heute deckt, sowie eine tiefe, in Fels gehauene Cisterne, zeugen

dafür, daß sie einst gewesen.

Als Preis der Tapferkeit und Lohn für die erwiesenen Dienste erhielt

Grimaldi von Wilhelm I. das ganze Land, welches die Mauren am Sinus

Sambracitanus besaßen. Da ragen denn noch heute, als Wahrzeichen aus jener

Zeit, auf dem Berge, der die Thalmündung beherrscht, die Trümmer der Burg

Grimaud in den Himmel. Zwei Thürme auf steilem Abhang, durch Mauerreste

verbunden, scheinen über dem Abgrunde zu schweben, die übrige Burg ist

zerstört; doch unter ihr, wenn auch ihres Schutzes beraubt, in üppiges

Grün gehüllt, klammert sich der kleine Ort Grimaud noch immer an den

Felsen.

Von La Foux aus östlich folgt die Südbahn weiter allen Ausbuchtungen der

Küste. Jetzt eilt sie dem Meere zu, und St. Tropez am jenseitigen Ufer

scheint immer näher zu rücken; dann wendet sie sich landwärts, und das

Esterel taucht plötzlich am Horizonte auf. Das Maurengebirge rückt dicht

ans Meer heran, der Wald erreicht die Küste. Immer schwelgerischer

entwickelt sich hier seine Pracht. Aus den immergrünen Eichen und

Seestrandkiefern leuchtet die baumartige Erica mit ihren weißen

Blüthenmassen hervor. Ueberall sieht man den Erdbeerbaum seine

lorbeerartigen Blätter ausbreiten. Dunkler Epheu rankt an den Stämmen in

die Höhe, und üppige Waldreben verbinden die Baumkronen durch helle

Laubguirlanden. Dieses herrliche Bild verlockt uns, die Fahrt zu

unterbrechen; wir steigen in La Gaillarde aus und setzen unseren Weg zu

Fuß fort. Wir folgen dem Ufer. Die Strandkiefer taucht ihre Wurzeln fast

in die Wellen; oft neigt sie sich über die Fluth, als wollte sie ihr Bild

in der spiegelnden Fläche betrachten. Das Land wird hier geschmückt von

der See mit einem Saum silberschäumender Wogen, dafür flicht ihr das Land

einen Kranz aus immergrünem Walde. Zerrissene Felsen springen am Strande

vor und verlieren sich weit in den Fluthen. Das Esterel ist uns ganz nahe

gerückt. Es zeigt denselben reich bewegten Umriß, dem wir so gerne von

Antibes aus folgten. Dieser Gebirgszug ist so schmal, daß die nämlichen

Höhen von Osten wie von Westen das Bild bestimmen. In Antibes sieht man am

Abend die Sonne hinter dem Esterel verschwinden; dann hüllen sich seine

Gipfel in dunkelblaue Schatten und stechen mit scharfen Umrissen gegen den

Abendhimmel ab. Hier sind sie jetzt mit Licht übergossen; die schwindende

Sonne senkt ihre Strahlen in die Thäler hinein, sie gestaltet und modelt

die einzelnen Berge, vergoldet die Gipfel, spart blaue Schlagschatten in

den Tiefen aus, entzündet ganze Dörfer, wirft Irrlichter in die einzelnen

Häuser hinein und taucht schließlich Alles in purpurne Gluth. – Hier bei

St. Aigulf am Strande ließ sich Carolus Duran nieder, und der Ort ist wohl

angethan, eines Malers Seele mit farbigem Glanz zu erfüllen! – Plötzlich

öffnet sich vor uns das weite, von dem Fluß Argens in zahlreichen

Windungen durchströmte Thal, durch welches das Maurengebirge von dem

Esterel geschieden wird. Der Teich von Villepey und die Windungen des

Flusses glänzen wie metallene Spiegel. In Fréjus ertönen die Abendglocken;

vom jenseitigen Ufer des Golfs sendet uns der Leuchtthurm von St. Raphaël

einen ersten noch blassen Strahl entgegen.

IV.

Wir wandern jetzt auf classischem Boden. Ist doch Fréjus das alte Forum

Julii, dem Julius Caesar den Namen gab. Augustus vollendete den Hafen, der

die Stelle von Lagunen einnahm, und gab dem Orte einen Pharus. Agrippa

ließ einen Aquäduct und ein Amphitheater erbauen; siedelte hier auch

Soldaten der achten Legion an, was zu der späteren Benennung Colonia

Octavanorum führte. Die Stadt wuchs rasch in Größe und Bedeutung; sie maß

fünftausend Schritte im Umfang. Der Hafen war so ausgedehnt, daß er im

Jahre 31 v. Chr. die zweihundert Galeeren aufnehmen konnte, die Octavian

in der Schlacht bei Actium Antonius abgenommen hatte. Was für ein

farbenprächtiges Bild mag das gewesen sein, als die Flotte des Antonius

diesen Hafen füllte, als mächtige römische Bauten sich in seinen Wellen

spiegelten, und weithin sichtbar durch das Thal der Aquaeduct in kühnen

Bögen den fernen Bergen zueilte. – Fréjus blieb unter den Kaisern die

wichtigste Flottenstation an diesem Gestade, dann aber begannen traurige

Zeiten. Der _Amnis argenteus_, der heutige Argens, füllte langsam den

Hafen mit Schlamm und Erde an. Im zehnten Jahrhundert konnten nur noch

kleine Schiffe Zuflucht in demselben finden. Dann kamen die Saracenen und

schleiften 940 die Befestigungen der Stadt. Im fünfzehnten Jahrhundert

wurde Fréjus von Corsaren verbrannt, dann im sechzehnten Jahrhundert

nochmals unter Carl V. geplündert. Der Hafen schwand allmälig, und an

seiner Stelle bildeten sich weite Sümpfe aus, welche mit tödtlichen

Miasmen die Gegend erfüllten. Ein Bild solchen Elends fand Aubin-Louis

Millin im Beginn dieses Jahrhunderts hier vor. Die Straßen waren leer, die

Häuser unbewohnt, die wenigen Menschen, die man sah, gingen mit blassen

fahlen Gesichtern, hohlen Wangen, eingefallenen Augen umher. Man meinte,

in einem großen Krankenhaus zu sein. »Wir nahmen Wohnung«, schreibt

Millin, »in der besten Herberge: es war ein verpestetes und ekelerregendes

Haus, in dem man den Aufenthalt als Strafe betrachten mußte. Schrecklicher

Schmutz herrschte in ihm. In schlecht gespülten Gefäßen wurde uns fauliges

Wasser dargereicht; ganze Schwärme von Fliegen belagerten die mit ranzigem

Oel bereiteten Speisen. Den Sümpfen entstiegene Mücken und Schnacken

peinigten uns mit ihren Stichen; des Nachts wurden wir von nicht minder

zudringlichen, aber noch ekelhafteren Thieren aufgezehrt. Unser Blut war

in fortwährender Wallung. Es können hier wirklich nur solche Menschen

leben, die an derartige Plagen gewöhnt sind; uns erschienen sie als das

größte Unheil, das einem menschlichen Wesen begegnen kann. Wir bedauerten,

daß der Wissensdrang, der uns trieb, historisch berühmte Stätten

aufzusuchen, uns an diesen elenden Ort geführt hatte, und wir wünschten

denselben so bald als möglich verlassen zu können.« – Seitdem haben sich

die Zustände in Fréjus gebessert. Abzugscanäle sind entstanden, welche die

Umgegend entwässern und dadurch gesünder machen; der Ort selbst ist zwar

auf ein Fünftel seiner früheren Größe zusammengeschmolzen, sieht aber

ziemlich freundlich aus. Wer freilich tieferen Eindruck von den

Ueberresten aus der classischen Zeit erwartet, der wird enttäuscht sein.

Es blieb nur wenig davon zurück, zu wenig, um Achtung zu gebieten oder gar

künstlerisch anzuregen. Nur die zerrissenen Bogen des Aquäducts draußen in

den Feldern, mit ihrem Schmuck von kletternden Pflanzen, sind ästhetisch

wirksam. Der Argens war so fleißig bei der Arbeit, daß heute eine weite

sandige Fläche Fréjus vom Meere trennt; die Trümmer des alten römischen

Leuchtthurms ragen jetzt anderthalb Kilometer vom Strande entfernt aus dem

Boden hervor. So ist der alte Glanz von Fréjus für immer geschwunden, und

was von demselben zurückblieb, vermag solchen Eindruck wie die Denkmäler

von Nîmes und von Arles auf uns nicht zu machen. Doch erhebt uns auch hier

das Gefühl, classischen Boden unter den Füßen zu haben. Wir schauen dann

hinaus in das blaue Mittelmeer, an dessen Ufern jene mächtige Cultur

erstarkte, welche die Welt erobert hat. Wir suchen das Band mit der

Vergangenheit enger zu knüpfen und werden uns im Geiste wieder bewußt, daß

jene allgemein menschlichen Gedanken und Gefühle, die hier zum ersten Mal

zur bewußten Empfindung und Gestaltung gelangten, auch heute noch unser

Denken und Fühlen beherrschen.

Streifzüge an der Riviera · 第 10 / 18 段