Der Frühlingsanfang des Jahres 1894, den ich an der Riviera verlebte,

prägte sich meiner Erinnerung in besonders glänzenden Farben ein.

Wochenlang blieb der Himmel ohne Wolken, so daß einzelne Regentage, wenn

sie kamen, fast willkommen erschienen. Da es an Schnee in den Bergen

fehlte, wehte fast nie der Mistral, den sonst die eisigen Flächen der

Alpen und Cevennen gebären. Das Meer blieb meist ruhig, und wenn die Nacht

kam, dann funkelte der Himmel und spiegelte sich so hell in der stillen

See, als wäre in deren Tiefen eine Saat von Sternen aufgegangen.

Mitte März fanden wir uns in Hyères ein mit der Absicht, unseren Weg bald

ostwärts in die Berge der Mauren fortzusetzen. Es war uns, als hätten wir

eine Entdeckungsreise angetreten, so unbekannt ist dieser westliche Theil

der Riviera. Und doch konnte Hyères, neben Montpellier und

Aix-en-Provence, sich einst rühmen, der berühmteste Kurort des südlichen

Frankreichs zu sein. Weiter gegen Osten an der Riviera vorzudringen,

schien damals kaum möglich, und erst in diesem Jahrhundert änderten sich

die Verhältnisse, begannen zuerst Nizza, dann Mentone und Cannes als

klimatische Stationen aufzublühen. In dem Wettstreit, der sich nunmehr

entspann, mußte Hyères unterliegen, denn es ist weniger gut gegen den

Nordwind als seine Rivalinnen geschützt. Auch steht es ihnen nach an

Schönheit der Lage und ist zu weit vom Meere entfernt. – »Die Hügel sind

hier zu klein und zu nah, das Ufer ist zu flach und das Meer zu fern,«

rief einst George Sand aus, als sie Hyères besuchte. Von dem Hügel, an den

Hyères sich lehnt, kann der Blick erst über eine weite Ebene das Meer

erreichen. Auf dieser stechen aber rothbraune, eckige Felder grell und

unvermittelt gegen gelbe und grüne ab. Die rothbraunen Felder sind mit

Rosen bedeckt; doch das bringt keine Harmonie in die Farben. Auch danken

diese Felder thatsächlich ihre Färbung nicht der Pracht der Blüthen,

sondern den jungen Trieben, die ihr zartes Grün vor der Gluth der

südlichen Sonne durch rothen Farbstoff schützen. In früheren Zeiten mag

der Blick auf diese Ebene lieblicher gewesen sein; vermochte sie doch das

Auge Horace Benedict de Saussure’s zu entzücken, als er 1787 nach Hyères

kam. Dieser hervorragende Geologe, Vater des noch berühmteren

Pflanzenphysiologen Théodore de Saussure, langte hier an einem schönen

Aprilabend an und war von der Lage des Ortes gefesselt. Von den Fenstern

der »Auberge du St. Esprit« blickte er hinab auf Orangengärten, deren

Bäume mit Früchten und Blüthen beladen und durch unzählige Nachtigallen

belebt waren. Sanft fiel, so schrieb er, das Land bis zum Meer ab, und den

Abhang schmückten vorne Gärten, weiterhin Olivenhaine und in der Ferne

Pappeln. Bewaldete Höhen bildeten den Rahmen zu dem schönen Bilde.

Hyères ist fünf Kilometer vom Strande entfernt. An diesem selbst lag einst

Olbia, das Hyères den Ursprung gab. Von Massiliern gegründet, ward Olbia

von Saracenen zerstört und baute sich dann, entfernter vom Meere, an der

Anhöhe auf, um den Angriffen der Corsaren nicht so unmittelbar ausgesetzt

zu sein. Der Strand, der einst Olbia trug, zeigt sich jetzt in Quadrate,

wie ein Schachbrett getheilt. Das Seewasser füllt diese Quadrate. Es wird

in dieselben geleitet, um zur heißen Sommerzeit dort zu verdunsten und so

der Salzgewinnung zu dienen. Dem Strand gegenüber tauchen aus dem Meere

die Hyèrischen Inseln empor. Sie strecken sich so lang dahin, als hätten

sie sich in die See zu ewigem Schlaf gelegt. Einst haben die Ligurer an

diesen Inseln die rothen Korallen gefischt, mit denen sie den Hals ihrer

Frauen und das Wehrgehänge ihrer Schwerter schmückten. Weil die Inseln in

einer Reihe angeordnet sind, hießen sie bei den Römern Stoechaden. Diesen

Namen vertauschten sie im Mittelalter gegen den weit vornehmeren der

goldenen Inseln. Waren es die goldenen Äpfel der Hesperiden, welche ihnen

die Benennung »_Iles d’or_« verschafften, oder der goldige Schimmer ihres

glimmerreichen Bodens – das läßt sich heute nicht sagen. Zum Marquisat der

_Iles d’or_ von Franz I. erhoben, sahen sie einst glänzende Zeiten. Heute

werden sie nur von ärmlichen Fischern und Gärtnern bewohnt.

Jene Früchte, nach welchen die goldenen Inseln ihren Namen führen sollen,

sind jetzt hier fast völlig verschwunden. Einst aber stand die

Orangenzucht von Hyères in hoher Blüthe. Mehr denn zweimalhunderttausend

Orangenbäume deckten das Land und konnten die Bewunderung der Reisenden

erwecken. Wie die Chronisten erzählen, blieb Carl IX. von Frankreich

staunend vor dem mächtigsten dieser Bäume stehen und forderte seine beiden

Begleiter, den König von Navarra und den Herzog von Anjou auf, mit ihm den

Stamm zu umfassen. Doch hierzu reichten, so wird weiter berichtet, die

sechs fürstlichen Arme nicht aus. Zur Erinnerung an diese erlauchte

Umarmung schnitt man in die Rinde des Baumes: »_Caroli regis amplexu

glorior_«, und jene Inschrift wuchs und vergrößerte sich mit den Jahren. –

Liegt dieser Angabe eine wirkliche Begebenheit zu Grunde? Wer kann das

heute wissen! Sicher aber ist, daß die provençalische Phantasie der

Chronisten sie die Maße des Stammes übertreiben ließ. Die stärksten

Orangenbäume, welche Europa jetzt kennt, befinden sich auf Sardinien;

manche derselben werden auf mehr denn siebenhundert Jahre geschätzt; ein

einzelner Mann vermag sie alsdann nicht mehr zu umspannen. Im Jahre 1564,

da Carl IX. in Hyères weilte, konnte er dort schwerlich selbst so starke

Stämme sehen, da die Orangenbäume erst durch die Kreuzfahrer, gegen Ende

des elften Jahrhunderts, nach Hyères gebracht wurden. Zunächst muß es der

bitterfrüchtige Orangenbaum gewesen sein, der zwar kaum eßbare Früchte,

aber sehr wohlriechende Essenzen liefert. Daher der Dichter Malherbe sich

in Hyères mit jenem »_huile de fleurs d’orange_« versorgen konnte, »das

sich die Frauen in die Haare einreiben und mit dem sie dort den Puder

festhalten.« Die Orangenkultur von Hyères litt sehr stark durch die

strenge Kälte des Winters 1709 und durch ähnliche harte Winter, die um die

Mitte des vorigen Jahrhunderts aufeinander folgten. Die Pflanzungen wurden

von nun an eingeschränkt, die bitterfrüchtigen Orangenbäume dann durch

süßfrüchtige ersetzt, da der Transport der Orangen von Hyères aus nach dem

Norden sich rascher vollziehen ließ, als von südlicher gelegenen Orten.

Das kam bei den mangelhaften Verkehrsmitteln jener Zeit wohl in Betracht.

Die Orangen mußten damals in Hyères im Herbst gepflückt werden, sobald an

ihrer noch grünen Schale sich die ersten gelben Punkte zeigten. Sorglich

in Papier gewickelt, traten sie die Reise auf dem Landwege oder dem

Seewege an. Sie reiften unterwegs langsam nach und wurden erst nach

vierzig Tagen genießbar. Jetzt sind die Orangenbäume fast vollständig aus

Hyères verschwunden. Sie konnten den Mitbewerb geschützterer Orte der

Riviera, vor Allem aber von Sicilien und Algier, nicht ertragen. Es erging

Hyères mit den Orangenbäumen nicht anders, als zuvor mit dem Zuckerrohr,

das im fünfzehnten Jahrhundert weite Strecken des Landes deckte, dann aber

verschwand, als der indische und der brasilianische Zucker in den

Wettstreit eintraten.

Mit berechtigtem Stolz kann sich hingegen Hyères noch immer

_Hyères-les-Palmiers_ nennen! Zwar sind die Palmen heute über die ganze

Riviera verbreitet, doch sieht man es den hohen Stämmen von Hyères wohl

an, daß in diesem alten Kurorte ihre sorgsame Pflege besonders weit

zurückreicht. Da streben in der _Avenue des Palmiers_ die schlanken Stämme

besonders mächtig zu beiden Seiten der Straße empor, gleich einer hehren

Säulenhalle, und wiegen ihre stolzen Kronen hoch oben in der blauen Luft.

– Doch hat sich Hyères schon seit langer Zeit auch einer zwar weniger

vornehmen, aber einträglicheren Cultur zugewandt. Wir fanden dort Mitte

März ganze Felder von Veilchen in Blüthe. Das waren auch freilich nicht

die bescheidenen, kleinblüthigen, die bei uns ihre Kronen zwischen den

Blättern verbergen, sondern eine großblüthige Form, das Veilchen _le

Czar_, das an langen Stielen seine Blüthen keck über die Blätter erhebt.

Es duftet sehr stark, und gerne ließen wir uns von den Lüften anwehen, die

über Veilchenfelder gestreift waren. Andere Felder sind mit »_Primeurs_«

bedeckt. Die Artischocken von Hyères standen schon zu Anfang dieses

Jahrhunderts in hohem Ruf; jetzt sind es auch die grünen Erbsen und vor

Allem die Erdbeeren, mit welchen Paris von hier aus versorgt wird. Täglich

geht ein ganzer Eisenbahnzug solcher Erzeugnisse von Hyères ab und wird

scherzhaft als »_Train de primeurs_« bezeichnet. Doch soll man sich nicht

etwa denken, daß unter dem Himmel von Hyères alle diese Culturen mühelos

gedeihen. Auch hier verlangen sie viel Umsicht und angestrengten Fleiß.

Den Furchen der Felder folgen niedrige Hecken, die deutlich anzeigen, von

welcher Seite Gefahr droht. Denn, trotz gegentheiliger Versicherungen, ist

Hyères nicht völlig vor dem Mistral gedeckt, und mit elementarer Gewalt

stürzt er durch die Lücke ein, welche die Berge nach Toulon hin offen

lassen. Anhaltende Dürre ist auch eine schwere Plage, welcher durch

künstliche Bewässerung nicht immer abgeholfen werden kann. – Immerhin

besteht ein großer klimatischer Unterschied zwischen Hyères und der

übrigen Provence, ja selbst dem nahen Toulon, weil diese dem Mistral weit

stärker ausgesetzt sind. Daher der Reisende, der von Westen kommend, hier

in früheren Zeiten zum ersten Mal Palmen und goldfrüchtige Orangenbäume

sah, sich an die Pforten des Paradieses versetzt wähnte. Alte Reisewerke

sind voll des Lobes von Hyères. So das Werk von Aubin-Louis Millin,

»_Conservateur des médailles, des pierres gravées et des antiques de la

Bibliothèque impériale_«, der im Auftrage des Ministers Chastal 1804

Südfrankreich bereiste. »Ich besuchte heute«, schreibt Millin, »den Garten

des Herrn Fille. Tausende von Blumen umgeben dessen Haus. Tuberosen

(_Polyanthes tuberosa_), Cassie (_Mimosa Farnesiana_), und Jasmin

(_Jasminum sambac_) würzen die Luft mit himmlischen Düften. Was Sänger und

Poeten einst gepriesen, jene Gärten der Alcine und Armide, welche der

fruchtbare Genius des Ariost und des Tasso schuf, so glänzend sie auch

unserer Einbildungskraft vorgeführt werden, sie treten zurück vor dem

Garten, den wir hier vor den Augen haben. Man glaubt nicht mehr auf Erden

zu wandeln, vielmehr in jene Laubgänge versetzt zu sein, in welchen die

Seelen der Gerechten ein ewiges Glück genießen. Die Bäume stehen so dicht

an einander, daß man nur auf künstlich angebrachten Pfaden zwischen

denselben durchdringen kann. Achtzehntausend Orangenbäume, beladen mit

Blüthen und Früchten, bergen in ihrem Laube unzählige Nachtigallen, und

Nachtigallengesang erschallt wie ein Hymnus an die Natur, um ihre Güte zu

preisen, ihr für einen so freudigen und duftigen Schatten zu danken.

Andere Vogelstimmen greifen in dieses glänzende Concert ein, während die

fleißigen Bienen summend die Blüthen umschwärmen, um reiche Nahrung zu

schöpfen aus so verschwenderischer Fülle.«

Ein ähnliches Gefühl des sinnlichen Behagens, welches ein milderes Klima

erweckt, mag es auch gewesen sein, das einst die Massilier bestimmte, ihre

Niederlassung an diesem Strande »Olbia«, die Glückliche, zu nennen.

Mit Vorliebe schweiften wir an sonnigen Nachmittagen auf den Maurettes

umher, jenen Höhenzügen, an welche Hyères sich anlehnt. Wir suchten uns

dort solche Orte aus, von welchen die alte Burg von Hyères sich in schöner

Umrahmung zeigte. Ein Stück blaues Meer bildete den Hintergrund, während

grüne Hügel die scheckige Ebene deckten. Da lagerten wir uns auf Rosmarin,

Myrten und Lavendel und vergaßen der fliehenden Stunden. Wir suchten im

Geiste jene Trümmer zu beleben, die so mächtig drüben auf den Felsen

thronen. Auch heute noch werden diese Trümmer von Wachtthürmen und Mauern

beschützt, die in bewegtem Umriß allen Vertiefungen des Berges folgen. –

In dem »Chastel d’Yères« herrschten seit dem zwölften Jahrhundert die

Herren de Foz, eine Nebenlinie der Vicomtes de Marseille. Manchen blutigen

Strauß mußten sie pflücken, um ihre Burg zu behaupten und oft rauchte aus

den Wachtthürmen angesichts der Feinde die Lunte der Arkebusen. In

friedlichen Zeiten, da füllten hingegen dieses Chastel die Gesänge des

Troubadours, und es erklang in ihnen die sechsseitige Viola. War doch

Mabille de Foz Präsidentin des Minnehofs von Pierrefeu, jenes Minnehofes,

der mit Romani, Avignon und Signe, die vier vornehmsten »_cours d’amour_«

der Provençe bildete! – Im Juni 1254 gab es hohen Besuch auf der Burg; da

kam Ludwig der Heilige, den aus Palästina der Tod seiner Mutter nach

Frankreich zurückgerufen hatte. Einige Jahrhunderte später wurde hier oben

auch Franz I. empfangen, während Ludwig XIII. nur noch die Ruinen der

Veste sah: Heinrich IV. hatte deren Zerstörung beschlossen. Heute ist das

alte Gemäuer in üppiges Grün gehüllt, und bunte Frühlingsblumen erklimmen

selbst die Zinnen der Thürme. – Scharf hebt sich der dunkle Berg vom

hellen Abendhimmel ab, wenn die provençalische Sonne sich hinter seinen

Trümmern zur Ruhe senkt. Dann tränkt sie mit ihrem Glanze das Land und das

Meer, umstrahlt die dunklen Felsen und bildet um die Burg einen goldenen

Glorienschein. – Geisterhaft aber mutheten uns die Trümmer zur Nachtzeit

an, da zur späten Abendstunde der Vollmond uns in die Berge gelockt hatte.

Tief drang sein Silberschein in die Fugen und Spalten des zerklüfteten

Gesteins und warf unheimliche Lichter in die Ruinen. Da belebten sich die

alten Mauern und Thürme, nahmen menschliche Form an, schienen ihre Glieder

zu bewegen und stierten mit unheimlichen Augen in die Ferne. Plötzlich war

dann Alles wieder todt; eine dunkle Wolke breitete ihre Schatten über den

Berg aus. Doch als der Mond wieder vortrat, da war es, als hätten die

Thürme in der Runde sich die Arme gereicht, und als führten sie um die

Trümmer einen infernalen Reigen aus. Da ging es bergauf, bergab über die

steilen Felsen und stöhnte und pfiff es dabei durch die Luft in

unheildrohender Begleitung. Für Augenblicke leuchtete die Burg so auf, als

stünde sie in Flammen, dann wieder versank sie in das Dunkel der Nacht.

Mit Wirbelwind und Sturm, mit Blitz und Donner zog ein Gewitter von Westen

heran: das mochte uns diese phantastischen Bilder vorgezaubert haben.

Rasch breitete sich Finsterniß über das Land aus, nur das Meer dort hinten

war noch in Silberglanz getaucht. Ein greller Lichtstrahl durchzuckte die

Luft, ihm folgte ein betäubender Schlag, der die Grundvesten der Erde zu

erschüttern schien. Wie geblendet standen wir da, während das Rollen des

Donners sich entfernte. Dumpf tönte es noch fort in den nahen Bergen,

prallte dort mit immer schwächerem Echo von den Felsen ab, kam dann wieder

näher, um endlich in der Ferne zu verhallen. Hatte dieser grelle Blitz

nicht die Burg getroffen, nicht jene schlanke Cypresse zertrümmert, die so

stolz aus den Ruinen dem Himmel entgegenragte, als wolle sie ihm trotzen?

– Doch dicke Regentropfen begannen zu fallen; es war hohe Zeit, den

Rückzug anzutreten.

II.

Jenes Gebirge, das sich im Osten von Hyères erhebt, bildete im neunten und

zehnten Jahrhundert ein Bollwerk der Mauren. Nach ihnen führt es mit Recht

den Namen; von seinen Höhen aus beherrschten sie die weite Küste. In

orographischer Beziehung bietet das Maurengebirge ein hohes Interesse. Es

stellt ein in sich abgeschlossenes Gebirgssystem dar, dessen Granite,

Gneiße und Schiefer von dem umgebenden Kalkgebirge durch tiefe Thäler

getrennt sind. Wie etwa die Alpen oder die Pyrenäen, besitzt das

Maurengebirge sein eigenes, wenn auch nur kleines Flußsystem, seine

eigenen Schluchten und Thäler. Es ist von der übrigen Provençe so

geschieden, daß es auch, ferne von derselben, eine eigene Insel im Meere

bilden könnte. Seit Kurzem folgt eine Eisenbahn (_Chemin de fer du Sud de

la France_) der Küste, an dem Gebirge entlang. Diese Bahn mündet in

St. Raphaël und schließt dort an die große Linie an, die Marseille mit

Genua verbindet. Von den Stationen der Südbahn aus dringt man leicht in

das Gebirge ein, und solche Ausflüge waren es, die uns in Hyères

festhielten. Wir wurden nicht müde, wiederholt dieselben Strecken der

Küste mit der Eisenbahn zu befahren; denn der Weg ist anmuthig und führt

entweder durch schönen Wald oder am Meeresstrande entlang, mit

fortwährendem Wechsel der Bilder. Der Anblick der Berge selbst bietet

hingegen geringe Mannigfaltigkeit, da alle Kuppen abgerundet sind, nur

wenig in ihrer Höhe schwanken und vierhundert Meter nicht übersteigen. Und

doch ladet der üppige Wald auch da zu immer neuen Ausflügen ein. Wer

Korkeichen zuvor nicht sah, wird freilich zunächst über diese Wälder

staunen. Er erkennt wohl die immergrüne Eiche, doch ihre geschälten Stämme

und Aeste bieten einen ungewohnten Anblick. Die Krone der Korkeiche

gleicht derjenigen immergrüner Eichen, auch die Blätter sind wie bei

diesen lederartig und nur durch ihre eiförmige Gestalt und geringe

Zähnelung ausgezeichnet. Befremdend ist aber die rothbraune Farbe der

abgeschälten Theile, die fast blutroth erscheinen, dort, wo die Sonne sie

trifft.

Die ganze Bevölkerung des Maurengebirges lebt von der Korkgewinnung. Steht

auch der Kork, der an dieser Küste wächst, dem spanischen und algerischen

an Güte nach, so bleibt er doch ein geschätzter Handelsartikel und bildet

eine einträgliche Quelle des Erwerbes. Die Korkeiche muß, bevor sie

geschält werden kann, eine bestimmte Dicke besitzen, die sie mit fünfzehn

bis zwanzig Jahren erlangt. Der erste Kork ist rissig, spröde und wandert

vorwiegend in die Gerbereien. Er wird, weil rauher und härter, als

männlicher Kork bezeichnet. Dann erst bildet sich der glatte, weniger

harte, brauchbare Kork, den man weiblichen nennt. Er wird alle acht bis

sechzehn Jahre entfernt, je nach der Dicke, welche die Korkplatten

erreichen sollen. Für gewöhnliche Stopfen reichen achtjährige Platten

schon aus, während noble Champagnerpfropfen weit stärkere, bis 5

Centimeter dicke verlangen; die Schälungen werden so lange wiederholt, bis

der Baum ein Alter von hundertundfünfzig, ja selbst zweihundert Jahren

erreicht hat. Dann sinkt der Werth seiner Produkte; es gilt, ihn durch

jüngeren Nachwuchs zu ersetzen. – Hundertjährige Korkeichen sehen schon

majestätisch aus und treten mit ihren mächtigen Kronen und knorrigen

Stämmen eindrucksvoll aus der Umgebung hervor. Besonders gerne ruht auf

ihnen das Auge, wenn sie am Bergesabhang stehen, oft malerisch um einzelne

Felsblöcke gruppirt. Die Korkeiche wächst mit Vorliebe auf einem Boden,

der aus verwittertem Granit und Schiefer entstand, während sie den

Kalkstein meidet. Daher die Korkeichenwälder des Maurengebirges eine

Culturinsel in der Provençe bilden, ähnlich wie das Gebirge selbst eine

orographische Insel dort darstellt. In den umgebenden Kalkalpen wird man

die Korkeiche nicht finden, nach ihr vergeblich in Mentone und in Nizza

suchen, nur um Cannes trifft man sie noch stellenweise. Wie die

Korkeichenwälder des Maurengebirges das Urgestein seiner Berge verrathen,

so zeigen Kalkpflanzen den Kalk der angrenzenden Alpen an. Unter Umständen

wird ganz vereinzelt eingestreutes Gestein in solcher Weise äußerlich

durch den Pflanzenwuchs kenntlich. So fiel vor einigen Jahren dem

Forstinspector de Saint-Venant in dem Walde von Orléans ein schmaler,

kilometerlanger Streifen kalkholder Pflanzen auf, während die übrige Flora

im Walde auf Kieselboden hinwies. Das regte ihn zu Ausgrabungen an, die in

wechselnder Tiefe das Vorhandensein einer alten, mit Kalksteinen

gepflasterten römischen Straße ergaben.

Die Korkeichen werden im Maurengebirge während des Sommers geschält. Es

geschieht das sowohl an den Stämmen wie an dicken Aesten, doch hier wie

dort gleichzeitig nur an einzelnen Theilen; denn es gilt als schädlich,

den ganzen Baum auf einmal zu entblößen. Besonders eigenartig sehen die

entblößten Theile gleich nach geschehener Schälung aus; sie zeigen die

Farbe des menschlichen Körpers. Erst allmälig dunkeln sie nach. Zur

Vornahme der Schälung, die als »_démaclage_« bezeichnet wird, führt der

Arbeiter zunächst zwei Schnitte rings um den Baum durch die ganze Tiefe

der Korkschicht aus und verbindet diese Kreisschnitte durch Längsschnitte,

deren Zahl sich nach der Dicke des Baumes richtet. Diese Operation führt

er mit einer Axt aus, die einen keilförmig zugeschärften Stiel besitzt.

Mit letzterem fährt er dann von den Einschnitten aus unter die Korkschicht

und hebt sie ab. Dann beschwert er die Korkplatten mit Steinen, damit sie

ihre Rundung verlieren, hält sie auch wohl über Feuer und kohlt ihre

Oberfläche ein wenig an. Unter allen Umständen müssen die Korkplatten

trocken werden, bevor man sie versendet.

Der Kork ist das natürliche Schutzmittel der Pflanzen: sie schließen sich

damit gegen die Umgebung ab. Die ältere Rinde aller unserer Sträucher und

Bäume ist mit Kork bedeckt und dankt ihm ihre Färbung. Der Kork läßt Gase

und Flüssigkeiten nicht durch, ist elastisch und sehr widerstandskräftig;

das befähigt ihn nicht nur zu seiner Aufgabe an der lebenden Pflanze,

sondern bedingt auch seine technische Brauchbarkeit. Wird eine Pflanze

verletzt, so bildet sich Kork an der Wunde und schließt dieselbe ab: daher

auch der neue Kork an der geschälten Korkeiche. Wie jedes andere Gewebe

besteht der Kork aus Zellen. Ja, ein Korkstück war es, in welchem Robert

Hooke im Jahre 1667 jene Kammern entdeckte, die er Zellen nannte, weil sie

ihm den Zellen der Bienenwaben zu entsprechen schienen. Den Zellen eines

fertigen Korkes fehlt freilich der lebendige Zellleib, jener Inhalt, der

das Wesen einer Zelle ausmacht. Den büßt die Korkzelle bald nach ihrer

Entstehung ein, um nur noch mit ihrer verkorkten Wandung als Schutzmittel

der Pflanze zu dienen. Eine bestimmte lebendige Gewebeschicht innerhalb

der Rinde, das sogenannte Korkcambium, bildet durch fortgesetzte

Vermehrung ihrer Zellen den Kork. Jüngere Korkzellen folgen in geraden

Reihen nach innen zu auf die älteren. Ihre Gestalt ist bei der Korkeiche

annähernd würfelförmig: gegen Schluß jeder Vegetationsperiode flachen sie

sich tafelförmig ab. Der »weibliche« Kork der Korkeiche zeichnet sich

durch die Dünnwandigkeit seiner Zellen und große Gleichförmigkeit in

seinem Bau aus; nur am Schluß jeder Vegetationszeit entstehen wenige Lagen

stärker verdickter, abgeflachter Zellen. Diese letzteren sind es, welche

die dunklen Streifen bilden, die man in jedem Flaschenstopfen erkennen

kann. Da die dunkleren Lagen die Grenzen des jährlichen Zuwachses

anzeigen, so kann man das Alter einer jeden Korkplatte an ihnen abzählen,

ganz ebenso wie sich aus der Zahl der Jahresringe im Holz dessen Alter

bestimmen läßt.

Ist eine Korkeiche geschält worden, so bildet sich ein neues Korkcambium

unter den freigelegten Flächen und hebt mit neuer Korkbildung an. Freilich

darf die Schälung nur den Kork entfernen, nicht den Bast oder gar den

Holzkörper erreichen, weil das schwere Wunden gibt, die sich nur langsam

schließen und lange die Korkproduction an der beschädigten Stelle

beeinträchtigen. Ist ein Stamm niemals geschält worden, so zeigt er gleich

anderen Eichenarten eine rissige Rinde, deren äußerste Schichten er nach

und nach als Borke abwirft. Auch der am geschälten Baum erzeugte Kork darf

nicht ein gewisses Alter übersteigen, da er sonst an der Außenseite rissig

und unbrauchbar wird.

Streifzüge an der Riviera · 第 9 / 18 段