Überall drängt sich in die Maquis die immergrüne Steineiche, _Quercus

Ilex_, ein. Sie bleibt dort strauchartig. Ihre eiförmigen, vorn

zugespitzten Blätter sind an der Unterseite grau und an diesem Merkmal von

den benachbarten Sträuchern zu unterscheiden. Die scharfe Zähnelung des

Blattrandes kann auch fehlen. Außerhalb der Maquis ist die immergrüne

Steineiche ein mächtiger Baum. Aus ihrem Laube wurde im alten Rom die

Bürgerkrone geflochten, von der Plinius sagt, sie überstrahle alle anderen

Kränze, selbst die kostbarsten, an Würde. An einzelnen Sträuchern der

Maquis klettert eine zarte Spargelart (_Asparagus acutifolius_). Der

holzige, biegsame Stengel, der an abstehenden blattlosen Seitenästchen

kleine nadelförmige Zweige trägt, welche die Stelle der Blätter vertreten,

wird viel zu Guirlanden benutzt, und öfters findet man an der Riviera

Spiegel und Kronleuchter der Wohnräume von solchem Spargelkraut umwunden.

Die jungen Triebe dieser Asparagus-Art genießt man wie unseren Spargel. In

Sicilien werden in ähnlicher Weise als »Spargel« die jungen,

wohlschmeckenden, schon im Alterthum geschätzten Triebe des stechenden

Mäusedorns (_Ruscus aculeatus_) verzehrt.

Zu den Charakterpflanzen der Maquis gehört ferner der Phillyreastrauch

(_Phillyrea angustiflora_), daher ich ihn nicht übergehen darf. Er

erreicht ein bis zwei Meter Höhe und ist durch seine auswärts gerichteten,

lineal-lanzettlichen, lederartigen Blätter und die kleinen, weißlichen, in

sehr kurzen Trauben zusammengedrängten Blüthen ausgezeichnet. Dieser

Strauch gehört zu derselben Familie wie der Ölbaum, dem er auch ein wenig

ähnelt. – Botanisch sehr interessant als Vertreter der Cneoraceen, ist ein

Strauch mit glänzenden grünen, lanzettförmigen Blättern und kleinen,

gelben Blüthen, die zu zwei bis drei an den Enden der Zweige stehen:

_Cneorum tricoccum_. Seiner eleganten Tracht wegen wird er auch in den

Gärten der Riviera vielfach cultivirt; man sieht ihn sogar in den so

raffinirt gehaltenen Casinogärten von Monte Carlo einen, wenn auch

bescheidenen, Platz einnehmen.

Die mit großen, rothfarbigen Scheinbeeren beladene Wachholderart der

Maquis ist _Juniperus oxycedrus_. Ihre Scheinbeeren werden im Orient und

in Griechenland ganz wie die Scheinbeeren unseres Wachholders verwandt.

Das Holz widersteht sehr gut der Luft und den Würmern und diente im

Alterthum vielfach zur Darstellung von Götterbildern. – An offenen Stellen

strebt vom Boden empor _Globularia Alypum_ und trägt an den Enden der

Zweige schöne blaue Blüthenköpfchen. – Wird der Boden so unfruchtbar, daß

er andere Gewächse nicht zu ernähren vermag, so deckt ihn in dichtem Rasen

die _Caldonia alciornis_, eine graue Flechte, die auch sonst über Europa,

über Nordafrika, Nordamerika und einen Theil von Asien verbreitet ist.

Überall in den Maquis von Antibes begegnen wir der Myrte und der

Strauchform des Ölbaums. Der Ölbaum paßte sich wie die Steineiche den

Maquis an und wurde zum Strauch. Er veränderte sich so stark, daß ihn

schon die Alten in dieser Form als Oleaster unterschieden. Der Oleaster

wie die Myrte wagen sich ganz besonders weit an dem Strande vor. Sie

trotzen dem heftigsten Seewind und werden von ihm so abgerundet, als hätte

sie Menschenhand geformt. Ein Theil ihrer Zweige ist an der Seeseite kahl,

zuweilen wirklich abgestorben. Die Zweige des Ölbaums, ein Sinnbild des

Friedens, nehmen am Oleaster, in so exponirter Lage, dornartige Gestalten

an. Sie spitzen sich zu, ragen so als scharfe Waffen an der Seeseite vor

und machen den Strand dort unzugänglich. An der Landseite bewahrt die

Pflanze gleichzeitig ihren friedlichen Charakter. Dieser unmittelbare

Einfluß der Medien kommt auch in der Ausbildung der Blätter zum Ausdruck,

die an der Seeseite sehr klein bleiben, an der Landseite weit bedeutendere

Größe erreichen. – Bis zuletzt begleitet die Sträucher der Maquis am

Strande die »italienische Stechwinde« (_Smilax aspera_) und findet Schutz

zwischen ihren Zweigen. Blätter und Stengel dieser Schlingpflanze sind mit

Stacheln besetzt, die ihr das Klettern erleichtern. Im Frühjahr ist die

Stechwinde mit rothen Fruchttrauben geschmückt. Nach Blüthen muß man im

Herbst suchen. Diese duften sehr lieblich; daher wurde blühende Stechwinde

im Alterthum, mit Epheu in Kränze gewunden, oft bei Bacchusfesten

verwendet.

Diese Aufzählung mag genügen, um Denjenigen, der Freude hat an den

Erscheinungen der Pflanzenwelt, in das Leben der Maquis einzuführen. Er

wird bald die einzelnen Pflanzenformen unterscheiden lernen, sie beim

Wiedersehen als alte Bekannte begrüßen und innerhalb dieser duftigen

Umgebung sich um so heimischer fühlen.

Auf dem schmalen Vorsprung, der, den Stürmen preisgegeben, hier noch

einige hundert Meter weit das Cap fortsetzt, sieht man schließlich alles

Pflanzenleben schwinden. Immer härter wird der Kampf, den die Gewächse in

so exponirter Lage zu bestehen haben, und sein Einfluß macht sich in ihrem

Aussehen kenntlich. Da alle über die Bodenfläche sich erhebenden Theile

der Pflanze der Zerstörung ausgesetzt sind, sucht diese aus jeder

Vertiefung des Bodens Vortheil zu ziehen. Sie breitet sich flach an der

Erde aus, erhält knorrige, kriechende Stengel, eine ganz abenteuerliche

Gestalt. Auffallend ähnlich wird das Aussehen solcher Gewächse demjenigen

der Alpenpflanzen. Wir könnten, dem Vegetationsbilde nach, uns einige

tausend Meter hoch über dem Meeresspiegel denken, reichten die blauen

Wellen nicht fast bis an unsere Füße. Die verkrüppelten Gewächse der

Maquis weichen allmälig den Strandpflanzen. Auch diese finden alsbald nur

noch Schutz in Spalten oder hinter den Steinen. Dem nackten Felsen haftet

aber noch an vielen Stellen, in Gestalt runder Flecke, eine gelbe Flechte,

die _Lecidea_, an. Zuletzt dringt das Meer von allen Seiten zwischen die

zerrissenen Felsen ein, und wir stehen ganz anderen Vertretern des

Pflanzenreichs gegenüber, den form- und farbenreichen Seealgen, den

Bewohnern des Meeres.

In vollem Contrast tritt uns dann bei der Rückkehr die Fülle südlicher

Pflanzenformen in dem Garten des Hôtels entgegen. Vor dem Hause stehen

Chrysanthemen (_Chrysanthemum frutescens_) von ganz seltener Schönheit.

Sie bilden kugelige Sträucher von fast zwei Meter Höhe und sind mit

Tausenden strahliger Blüthenköpfchen, wie mit weißen Sternen besetzt. Über

die Mauern herab hängt mit ihren dicken, fleischigen Stengeln und Blättern

die südafrikanische Mittagsblume (_Mesembryanthemum acinaciforme_), die

ihre großen rothen Blüthen nur bei Sonnenschein entfaltet. In

unmittelbarer Nähe des Hauses ist der so überaus große Garten wohl

gepflegt, weiterhin aber sich selbst überlassen. Da entwickelt sich denn

ein merkwürdiger Kampf um Raum, um Licht und Nahrung zwischen den

Gewächsen aller Zonen, welche der Zufall hier zusammenführte. Die

australischen Casuarineen werden von dem amerikanischen Pfefferbaum

bedrängt, das japanische Pittosporum wehrt sich gegen die mediterrane

Tamariske. Siegreich dringen aber gegen sie alle die beiden Kieferarten

vor, denen wir überall an der Riviera begegnen, die zartnadelige

Aleppokiefer (_Pinus halepensis_) und die derbnadelige Strandkiefer

(_Pinus Pinaster_) und vermitteln den Übergang zu den Maquis.

Zwischen den Kiefern am Cap begegnet man, wie auch sonst an der Riviera,

nur zu häufig einer Processionsraupe, der Raupe des

Pinien-Processionsspinners, _Cnethocampa Pityocampa_. Diese schwarzen,

braun gestreiften Raupen ziehen im Gänsemarsch zu Hunderten über die Wege.

Die eine berührt die andere, und sie bilden so zusammen eine lange Schnur,

eine lebendige Kette, die sich als Ganzes vorwärts bewegt. Unterbricht man

die Kette, so bleibt der vordere Abschnitt derselben stehen, der hintere

Abschnitt rückt nach. Hin und her tastend sucht die erste Raupe dieses

hinteren Abschnittes wieder nach dem Anschluß. Gelang es ihr, die hintere

Raupe des vorderen Abschnittes zu erreichen, so setzt sich die ganze Kette

wieder in Bewegung. Diese Raupen richten großen Schaden an Kiefern und

auch Pinien an, sie berauben sie oft vollständig ihrer Nadeln. Des Tags

halten sie sich in jenen großen grauen Gespinnsbeuteln auf, die an Kiefern

und Pinien so in die Augen fallen, und in der Sonne seidig glänzen. Des

Nachts verlassen sie das Nest, um auf Futter auszugehen. Jene Raupen,

denen man am Boden begegnet, suchen nach einer passenden Stelle, um sich

in der Erde zu verpuppen. Man darf weder die Raupen noch ihre Nester

berühren, da die in die Haut eindringenden Haare derselben gefährliche

Entzündungen veranlassen. Daher auch Leute, welche die Nester von den

Bäumen entfernen, um sie zu verbrennen, sich gegen den Wind stellen und

auch sonst sehr vorsichtig zu Werke gehen. Als bestes Verfahren gilt,

Petroleum in die Nester zu gießen, ohne sie zu entfernen. – Die hängenden

Nester dieser Raupen und ihre langen Züge sind so auffällig, daß sie wohl

jeder Reisende an der Riviera bemerkte. Nur wenige werden hingegen

Gelegenheit haben, die Spinner kennen zu lernen, die sich aus den

verpuppten Raupen entwickeln. Sie sind auch weder auffällig noch schön,

grau, mit einigen dunkleren Flecken und Streifen. Sie fliegen im

Hochsommer, legen ihre Eier an die Unterseite der Kiefernadeln und

bedecken sie mit dünnen silbergrauen Schuppen.

X.

Ein Stück unverfälschte Maquis bietet uns auch das weite Grundstück,

östlich neben dem Hôtel. An Sonntagen steht das Thor den ganzen Tag offen,

um den Zugang zu der englischen Kapelle zu ermöglichen, die sich innerhalb

dieses Grundstücks befindet. Auch sonst gestattet die Besitzerin gern den

Besuch. Der schöne Garten, der das Wohnhaus umgibt, ist nur wenig

ausgedehnt, der meiste Boden noch in seinem früheren Zustand. So gelangt

man nach Eintritt in die Besitzung durch immergrüne Sträucher, üppige

Erica-Büsche und mächtige Euphorbien, bis zum Meeresstrande. Dieser ist

hier besonders schön gestaltet und hat schon manchem Maler als Vorwurf

gedient: Steil aufsteigende und zerrissene Felsen, vom Meere umspült,

vielfach an die Faraglioni von Capri erinnernd. Der Besitzer James Close

liebte dieses Stück Erde so sehr, daß er sich hier begraben ließ. Der

Ausblick zwischen den Felsen nach dem Esterel und ins weite Meer ist

großartig und entzückend. Auch lauscht man gern dem Rauschen des Wassers,

das sich in den tiefen Felsenspalten hebt und senkt und forscht dem bunten

Leben nach, das hier im Schatten der Steine aus den Tiefen des Meeres zum

Lichte emporsteigt.

XI.

Wer am Cap d’Antibes einen Seesturm erlebte, wird den Eindruck nie

vergessen. Für das schlechte Wetter, welches er zuvor erleiden mußte, wird

er bald durch den Anblick des entfesselten Elements entschädigt. Ein

starker Wind bläst zunächst vom Meere aus; das ist Scirocco. Die Luft wird

unendlich klar, und alle Gegenstände rücken in die Nähe. Die Umrisse der

Berge sind wie mit Bleistift am Himmel gezogen. Sucht man sich vor dem

Wind zu decken, so empfindet man beklemmende Schwüle. Dann beginnt der

Horizont sich in rothgrauen Dunst zu hüllen. Die Macht des Windes läßt

nach, und es trübt sich der ganze Himmel. Bald hört man große Regentropfen

gegen die Scheiben schlagen. Das hält wohl einige Tage an. Die Temperatur

ist stark gesunken, die Luft bleibt trotzdem drückend. In den Zimmern

sehnt man sich nach dem warmen Ofen seiner Häuslichkeit zurück. Doch schon

am nächsten Morgen wacht man auf, geblendet von dem leuchtenden Blau des

Himmels. Man eilt hinaus und athmet mit voller Brust die erquickende Luft

ein. Noch glänzen alle Pflanzen von dem frischen Regen, und wie Diamanten

fließen funkelnde Tropfen von den Blättern ab. Die Brandung aber stürmt

mit Gewalt gegen die Felsen der Küste, als wenn sie dieselben

zerschmettern wollte. Weithin vernimmt man das donnerartige Getöse des

Angriffs. Die Spitze des Caps ist nicht zu erreichen, denn die Wellen

fegen darüber hinweg. Fern am Horizont steigt die Welle auf wie eine

geschlossene Mauer; auf ihrem Wege schwellend und wachsend, wälzt sie sich

gegen das Land, um zerschmettert und von weißem Schaum ganz bedeckt wieder

zurückzurollen. Sie trifft auf eine andere Welle, die ebenso drohend

nahte, und beide sieht man verschwinden. Da wird es plötzlich still. Ein

Wellenberg ist auf ein Wellenthal gestoßen, beide glichen sich aus. Doch

wenn Wellenberge zusammentreffen, dann schwillt die stürmende Woge so

mächtig an, daß sie ächzend sich überschlägt und mit gewölbtem Rücken auf

die Felsen wirft. Ungeheuere Wassermengen werden dann in die Luft

geschleudert, und See und Himmel scheinen in demselben Chaos zu

verschmelzen. Mit dumpfem Knall, wie von schwerem Geschütz, fangen sich

die Wellen in den Grotten, die sie selbst in den Stein sich gruben; wie

ein Jammern und Stöhnen klingt es durch das Cap von den vielen

Wasserfäden, die sich in den Gängen zwischen den Felsen verirrten und, in

hastigem Lauf über die Steine stürzend, ihren Weg nach dem Meere suchen.

Von dem anstürmenden Element allseitig umgeben, glaubt man sich fast ins

offene Meer versetzt und ist ganz von dem Schauder des Sturmes ergriffen.

Wie wohlthuend wirkt da zugleich der feste Boden unter den Füßen!

Tage vergehen, bevor die Erregung des Meeres sich legt und die weite

Wasserfläche wieder Ruhe und Frieden athmet. Und täglich ist es ein

anderes, wenn auch immer das gleiche, und täglich fesselt es uns von Neuem

und entzückt unser Auge, dieses göttliche Meer.

XII.

Wer am Cap d’Antibes im Bergsteigen sich üben möchte, bleibt auf den nur

hundert Meter hohen Bergrücken angewiesen, der die Seelaterne und die

_Notre-Dame de Bon-Port_ trägt. Doch sind die Spaziergänge längs der

Buchten, an den Abhängen der Hügel und zwischen den Gärten so

mannigfaltig, daß man sie täglich ändern kann. Stets wird man durch eine

neue Aussicht auf die Küste, das Gebirge, die Schneegipfel der Alpen,

durch malerische Felsgruppen am Strande oder durch besonders schöne

Vegetationsbilder überrascht. Selbst die sonst so eintönige Wanderung auf

einer Landstraße wird hier zum Genuß. So wenigstens auf der Landstraße,

die das Cap durchschneidet. Denn diese führt an endlosen Pflanzungen von

Anemonen, Ranunkeln, Goldlack, Levkojen, Tazzetten und Reseda vorbei.

Besonders fesselt das Auge die Pracht der Ranunkeln und Anemonen, die man

schöner und farbenreicher nirgends sehen kann, während der Geruchssinn

zugleich umfangen wird von dem Dufte, der dem übrigen Blüthenmeer

entströmt. Zu jenen Blüthen im Felde gesellen sich hier in großer Zahl

auch die Blüthen der Lüfte, die Schmetterlinge. Rothgefleckte Aurorafalter

fliegen rasch vorüber; langsam wiegt sich hin und her der schwarz

gestreifte, gelbe Segelfalter; am meisten fällt aber durch ihre Schönheit

die Cleopatra auf, ein südeuropäischer, schwefelgelber Citronenfalter mit

orangeroth abgetönten Vorderflügeln.

Das Cap von Antibes versorgt jetzt mit seinen Blumen die nächsten Märkte

der Riviera und versendet sie auch in großen Mengen täglich nach dem

Norden. Wie groß der Verbrauch an Blumen an der Riviera selbst geworden

ist, wird Jeder beurtheilen können, der die Blumenmärkte der Städte dort

besuchte und einigen Blumenfesten beigewohnt hat. Die Blumenausfuhr nach

dem Norden hat andererseits riesige Ausdehnung angenommen. Thatsächlich

reicht diese Art Blumencultur an der Riviera nicht über 1850 zurück,

früher wurden die Blüthen nur zum Zwecke der Parfümerie gezogen. In der

nächsten Nähe von Toulon beginnen die Pflanzungen und reichen bis nach

Genua; die französische Seite der Riviera ist in einen einzigen

Blumengarten schon verwandelt. In Ollioules bei Toulon werden Unmengen

römischer Hyacinthen gezogen und wandern abgeschnitten nach den nordischen

Städten, bevor die holländische Hyacinthe dort erscheint. In Ollioules

gibt es auch Narcissen, Jonquillen, Tazzetten, weiße und rothe Nelken. In

der Gegend von Cannes und Grasse herrschen die Anemonen und Ranunkeln vor.

Sie zeigen ungeahnte Größe und seltene Farbenpracht. Nicht minder staunt

man über den Umfang, den Nelken, wie der _Dianthus Caryophyllus flore

pleno, var. Marguerite_, hier erreichen können: manche Blüthe sieht aus,

als wenn sie ein kleiner Blumenstrauß wäre. Zu diesen Pflanzen gesellen

sich die Theerosen. Unter ihnen herrscht die sattgelbe _Safrano_ vor, die

auch rauhe Witterung gut verträgt und selbst im December ihre

Blüthenknospen treibt. Gleich genügsam sind manche Monatsrosen, die weiße

_Bengal-Ducher_ und die rothe _Bengal-Sanglant_, die demgemäß auch

bevorzugt werden; doch an stark besonnten Mauern und unter Glasdächern,

die in Cannes und Antibes große Bodenflächen decken, gedeihen die

empfindlicheren Rosen, so auch _Maréchal Niel_, _Marie van Houtte_,

_Gloire de Dijon_, _Souvenir de la Malmaison_, _Paul Nabonnand_, _La

France_ und wie sie sonst heißen, jene Rosen, die auch unsere Blumengärten

im Sommer zieren. Hunderttausende solcher Blüthen entfalten sich im

Frühjahr an einem und demselben Tage in Cannes und Antibes, oft ohne daß

noch eine Möglichkeit vorhanden wäre, sie alle zu verwerthen. – In Cannes

steht jetzt auch die _Acacia dealbata_ in schwungvoller Cultur und wandert

nach dem Norden. Ihre runden Blüthenknäuel, in Traubenform vereint, und

die zart gefiederten Blätter haben ihr im Handel den Namen Mimose

verschafft. Der Baum wächst erstaunlich rasch, so daß er in fünf bis sechs

Jahren wohl zehn Meter Höhe erreicht. Er ist dann schon im Januar mit

gelben Blüthen über und über bedeckt. Nach Deutschland gelangt viel

_Acacia retinoides_, die runde Blüthenknäuel wie die andere Art besitzt,

doch einfache lederartige lancettförmige Blätter trägt. Eigentlich sind

jene Blattgebilde nicht ganze Blätter, vielmehr hat der wissenschaftliche

Vergleich gelehrt, daß die Blattfläche bei diesen Acazien schwand und der

Blattstiel sich spreitenartig erweiterte. Wir nennen solche Gebilde

Phyllodien. Auch _Acacia longifolia_, die man viel in nordischen

Blumenläden sieht, ist mit solchen Phyllodien versehen. Man erkennt sie

leicht daran, daß ihre Blüthen nicht zu runden Knäueln, sondern zu

raupenförmigen Kätzchen vereinigt sind. Alle diese Acazien blühen gelb,

sie folgen in der Jahreszeit auf einander, zuletzt kommt _Acacia

cultriformis_, die erst im März an der Riviera im Blüthenschmuck prangt.

Ihre Blüthenstände sind wiederum rund, die Phyllodien aber kurz und breit,

zugleich rautenförmig. – Allen Blumensendungen nach dem Norden pflegt man

die überall beliebte Reseda beizulegen. Veilchen vertragen schlecht eine

weite Reise, werden aber an der Riviera selbst in Unmengen verbraucht,

dort auch mit Syrup getränkt und zu Dragée’s verarbeitet. Dann versendet

man auch blaue Kornblumen, Tuberosen, Goldlack und Levkojen, Gladiolen und

weißblühendes Allium, Ixien und die duftenden Freesien. An der Riviera

selbst fällt dem Fremden in den Schaufenstern der Blumenläden eine große

graue Iris auf, die ganz fein purpurn gesprenkelt ist, eine wahre

Trauerblume, die _Iris Susiana_. Von den großen weißen oder gelben

Chrysanthemen (_Chrysanthemum frutescens_) werden die Blüthen auch viel

verwandt, besonders die gelben, die als _Étoile d’Or_ bekannt sind. Sie

wandern vornehmlich nach England. Die Expedition dieser Blume reicht bis

in den Juni hinein, so lange, als in London die Saison dauert. Man hat

berechnet, daß von allen diesen Blumen Cannes und Antibes zusammen in

einem Winter für mehr als eine Million Francs nach dem Norden versenden;

viel mehr noch wird an der Riviera selbst verkauft.

Die überaus starke Concurrenz veranlaßt strebsame Geister, nach immer

neuen »Schöpfungen« für den Blumenmarkt zu sinnen. So erschienen plötzlich

in den Centralhallen von Paris als »Neuheit« *grüne* Nelken. Solche hatte

man in der That bisher nicht gesehen, es sei denn auf den Bildern der

Impressionnisten. Es ergab sich, daß auch diese grünen Nelken nicht ganz

unverfälschte Naturproducte waren. Man erhält sie, indem man

abgeschnittene weiße Nelken einen ganzen Tag lang, ja selbst länger, in

eine grüne Farbstofflösung stellt. Soll der Versuch gut gelingen, so muß

der Stengel innerhalb der Lösung frisch durchschnitten werden. Man kann in

gleicher Weise die eine oder die andere Färbung erlangen, nur gilt es,

Farbstoffe zu wählen, welche gut in der Pflanze aufsteigen. Am leichtesten

gelingen Rothfärbungen weißer Blüthen mit Eosin.

Am Freitag Nachmittag beleben sich plötzlich die Straßen am Cap. Da kommen

von allen Seiten Equipagen und bringen Besucher nach Elen Rock, dessen

Garten an jenem Tage geöffnet ist. Dieser Garten nimmt einen Vorsprung ein

östlich vom Cap. Er liegt zum Theil auf schroffen Felsen, die senkrecht

gegen das Meer abfallen. Stufen und Gänge innerhalb dieser Felsen führen

hinunter bis zur Meeresfläche. Der Garten bietet herrliche Aussichtspunkte

und ist auch reich an schönen Pflanzen, doch macht er einen etwas

gekünstelten Eindruck innerhalb der so großartigen Umgebung.

Am Dienstag ist vom frühen Morgen an der Thuret’sche Garten geöffnet,

derselbe, der einst George Sand so sehr entzückte. Er dient jetzt der

französischen Regierung als Acclimatisationsgarten und enthält sehr viele

werthvolle Pflanzen. Manche Arten, die wir in La Mortola schon bewundert

haben, finden wir hier in noch größeren Exemplaren wieder. Die berühmte,

von George Sand gefeierte Aussicht ist leider geschwunden, verdeckt von

den heranwachsenden Bäumen.

Von dem Thuret’schen Garten läßt sich gleich abwärts, in westlicher

Richtung, der Weg nach dem Golfe Jouan einschlagen, und so kann man in den

Pinienwald gelangen, der sich längs der Küste dort hinzieht. Dieser

Pinienwald war einst der Stolz des Caps, jetzt ist er nur noch in

Überresten vorhanden. Eine Actiengesellschaft hat die ganze Landstrecke

angekauft, eine breite Straße, die Cannes mit dem Cap d’Antibes verbindet,

durch den Pinienwald gelegt, diesen selbst parcellirt und mit Eisendraht

umzogen. Doch steht manche mächtige Pinie noch da, und in ihrem Schatten

gelingt es wohl, sich in die alte Herrlichkeit zurückzuträumen.

XIII.

Die zweite Aprilhälfte war inzwischen angebrochen, und die Pflicht rief

mich wieder heim. Ein klarer, wundervoller Frühlingstag ging zur Neige,

und ich beschloß, vor Sonnenuntergang noch einmal den Leuchtthurm

aufzusuchen. Die Sonne schickte sich an, hinter dem Esterelgebirge zu

verschwinden und tauchte dessen dunkelblaue Gipfel in Gold und Purpur.

Bald deuteten nur noch lange Lichtstreifen den Weg an, den sie genommen.

Trotz seines hehren Glanzes konnte mich dieses Bild nur wehmüthig stimmen:

es steigerte die Empfindung des Abschiedes. Ich wandte meine Blicke den

Bergriesen zu, die mit phantastischem Umriß sich von dem östlichen Himmel

abhoben. Sie begannen im Abendroth zu glühen. Es war ein Anblick, so

erhaben, daß man sich in demselben ganz verlieren konnte, von jener

weltumfassenden Sehnsucht ergriffen, die uns mit dem All verbindet. Jedes

persönliche Empfinden war gewichen vor dem mächtigen Gefühl, sich Eins mit

dieser göttlichen Natur zu fühlen. – Immer weiter und weiter dehnten sich

die Schatten aus über das Land: sie begannen emporzusteigen an den Hügeln,

an den Bergen, sie drangen ein in die Tiefe der Thäler und löschten die

glühenden Lichter aus an den Hütten und Palästen. Die ganze Natur schien

sich in tiefen Schlaf zu versenken. Bald waren es nur noch einzelne Segel

im weiten Meere und die schneebedeckten Gipfel der Alpen, die im rosigen

Schimmer glühten. Dann legte sich ein schwarzer Schatten auch über das

Meer, und nur den Riesen da oben war es vergönnt, die Königin des Lichtes

noch zu schauen. Wie von innerem Feuer entbrannt, schwebten sie jetzt in

überirdischer Glorie.

Dieses Bild wollte ich in meinem Innern festhalten als letzten Eindruck

von der Riviera, und mit geschlossenen Augen trat ich den Rückweg an. Als

ich mich endlich umsah, hatten die Schatten der Nacht sich bereits über

die Hügel gelagert und die Umrisse der Dinge in geisterhaften Schemen

verwischt. – Hoch oben aber ragte der Leuchtthurm in die Lüfte. Vom

Wächter entzündet, strahlte er jetzt wie ein großer Stern weit über Land

und Meer, ein Ziel der Sehnsucht für Alle, die jenes herrliche Stück Erde

einmal gesehen.

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FRÜHJAHR 1894.

I.

Streifzüge an der Riviera · 第 8 / 18 段