hervor, daß zu den verbreitetesten Specereien damals auch der Ingwer
gehörte, und daß er fast eben so stark begehrt war wie der Pfeffer. Diese
Pflanze, deren Heimath in Ostindien liegt, kann man im Garten von La
Mortola sehen. Ihre bis zu einem Meter hohen grünen Sprosse entspringen
dem wohlriechenden Wurzelstock, der im Boden versteckt ist. Die Sprosse
erinnern an die in unseren Gärten cultivirten Canna-Arten und tragen wie
diese, in zwei Reihen angeordnete, doch wesentlich schmälere Blätter. Am
Gipfel schließen sie, falls sie zur Blüthe kommen, mit dichtgedrängten
Hochblättern ab, aus deren Achseln gelb- und violettgefärbte Blüthen
entspringen. In La Mortola blüht freilich der Ingwer nicht, und auch in
Asien kommen nur selten blühbare Stengel zur Entwickelung. Stücke des
Wurzelstockes sind es, die, geschält oder ungeschält, als Ingwer in den
Handel gelangen. Der aus China eingeführte in Zucker gekochte Ingwer
stammt von zarten, sorgfältig geschälten Wurzelstöcken. Eingemachter
Ingwer wurde schon im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in irdenen
Töpfen nach Italien eingeführt, doch war Marco Polo der erste Europäer,
der auf seinen Reisen in China und Indien von 1280–1290 die Pflanzen zu
sehen bekam. Dieser mit Recht hochberühmte Reisende des Mittelalters
erwarb sich überhaupt sehr große Verdienste um die Erforschung von China,
weshalb ihm der Besitzer von La Mortola, der selbst längere Zeit im »Reich
der Mitte« lebte, in der Eingangshalle seiner Villa ein glänzendes, von
Salviati in Venedig als Glasmosaik auf Goldgrund ausgeführtes Brustbild
widmete. Da freilich von Marco Polo ein authentisches Bildniß nicht
bekannt ist, blieb es der Phantasie des Künstlers überlassen, wie er sich
ihn vorstellen wollte.
IX.
Wer den Weg von Mentone nach Nizza auf der vielgerühmten Route de la
Corniche zurücklegen will, sollte dies nur bei völlig klarem Wetter thun.
Denn unter den großen Eindrücken dieser Bergstraße darf die Aussicht
landeinwärts in die schneebedeckten Seealpen nicht fehlen. Im Frühjahr
sind die Berge meist von Wolken bedeckt und so dem spähenden Auge
verborgen. Die Route de la Corniche ist an schönen Frühlingstagen von
unvergleichlicher Wirkung. Sie fängt an bei Roccabruna zu steigen und
folgt dann in unzähligen Windungen dem Abhang. Das eine Mal wendet sie
sich landeinwärts, als wolle sie den Berg durchbohren, das andere Mal
schlägt sie die Richtung nach dem Meere ein, als stürze sie sich in die
Fluthen. Fort und fort wechseln die Bilder. Abwärts taucht der Blick in
die grünen Thäler und trifft immer neue Einschnitte der Küste; aufwärts
wird er begrenzt durch die mächtigen Kuppen der Berge. Wo diese
auseinandertreten, da tauchen, wie mit einem Zauberschlag, die
schneebedeckten Häupter der Seealpen in der Ferne auf. – Den höchsten
Punkt hat die Corniche bei La Tourbie, der alten _Trophea_ oder _Turris in
via_, etwa 500 Meter über dem Meere erreicht. Die Corniche folgt der alten
römischen Straße; Napoleon I. war es, der sie im Jahre 1805, so wie sie
heute ist, ausbauen ließ. Jetzt ist die Tourbie sogar durch eine
Zahnradbahn mit Monte Carlo verbunden. Einst lief hier die Grenze, welche
Gallien von Italien schied. Der weit sichtbare, aus mächtigen Trümmern
aufsteigende Thurm, der als Thurm des Augustus bekannt ist, trotzt noch
immer der Zeit. Mit seinen zackigen Zinnen, erst im vierzehnten
Jahrhundert erbaut, ging er aus den Quadern des gewaltigen Denkmals
hervor, das hier der Senat und das römische Volk dem Octavian errichten
ließen, als die Schlacht bei Actium ihn zum Herrn der Welt machte. Plinius
hat uns die Inschrift bewahrt, welche das Denkmal auf seinen vier Seiten
trug. Außer der Widmung an den _Caesar Imperator_ standen da die Namen von
vierundvierzig Alpenvölkern verzeichnet, welche unter römisches Joch
gebeugt worden waren. Ein Standbild des Kaisers krönte das Denkmal, das,
alter Schilderung nach zu urtheilen, großartig gewesen sein mußte.
Trotzdem schonten es die späteren Zeiten nicht. Die Longobarden begannen
seine Zerstörung. Die Saracenen gestalteten es zur Festung. Dann schöpften
Jahrhunderte lang die Bewohner von La Tourbie aus den Trümmern, wie aus
einem Steinbruch, die Steine zum Bau ihrer Kirche und ihrer Häuser. Im
zwölften Jahrhundert holten die Genueser hier Marmor zum Schmucke ihrer
Bauten, und was dann noch verblieb, wurde am Hochaltar in der alten
Kathedrale von Nizza verwandt. – Von La Tourbie aus sieht Monte Carlo mit
all seinem Glanz und Elend nur wie ein unschuldiges Kinderspielzeug aus.
An den Ernst des Lebens wird man aber auch in dieser Höhe durch alle die
Festungswerke gemahnt, welche Frankreich auf den Berggipfeln errichtet
hat. Selbst der höchste Berg über Monte Carlo, der 1150 Meter hohe
Mont-Agel, dessen Gipfel weithin das ganze Land beherrscht, hat jetzt
einen Kranz von Redouten erhalten.
Als Glanzpunkt der Corniche erscheint mir die Stelle, an welcher Eza auf
schroffem Fels, mitten in der Landschaft, emportaucht. Welche gewaltige
Kraft war nöthig, um in so schwindelnder Höhe, so unvermittelt zwischen
Himmel und Erde, aus mächtigen Quadern Burgen zu erbauen! Von Abgründen
umgeben, vor jeder Überraschung sicher, haben nach einander nizzardische
und piemontesische Geschlechter in dieser Burg geherrscht. Armselige
Häuser suchten Schutz an den befestigten Mauern, und auch heut noch stehen
sie da und drängen sich um die zerfallenen Ruinen. Die alte Pracht
verschwand von dieser Stätte: das Elend ist geblieben. Von außen aber
vergoldet es die strahlende Sonne des Südens und hebt den stolzen Felsen
majestätisch ab gegen den blauen Hintergrund des Meeres.
Nizza wird immer größer, verliert den ursprünglichen, italienischen
Charakter, nimmt ganz denjenigen einer eleganten, cosmopolitischen Stadt
an und amüsirt sich ohne Unterbrechung. Endlos folgen im Winter Redouten,
Blumenschlachten, Regatten, Pferderennen auf einander. Wie eigen dieser
Trieb zum Vergnügen, der sich hier auch der einheimischen Bevölkerung
bemächtigt hat! Denn kaum hat ein Ort gleich schwere Schicksale im Laufe
der Zeiten erlebt. Unzählige Male wurde die Stadt geplündert und verwüstet
durch Gothen, Longobarden, Saracenen und Provençalen. Frankreich eroberte
sie wiederholt, um sie zu verlieren und wieder zu gewinnen. Sie wurde von
der Pest heimgesucht, durch starke Kälte ihrer Oliven- und Orangenbäume
mehrfach beraubt, von afrikanischen Heuschrecken häufig überfallen. Daher
vielleicht der Leichtsinn, der sich seiner Bevölkerung bemächtigt hat und
der den Grund dazu legte, daß Nizza zu einer Metropole der schalen
Vergnügungen aufwuchs. Mein Ziel war Nizza nicht, vielmehr das Cap
d’Antibes, ein Ort, den ich schon vor vielen Jahren liebgewonnen hatte.
Ein Aufsatz von George Sand, in der »_Revue des deux mondes_« vom Jahre
1868, machte mich mit den Schönheiten dieses Vorgebirges zuerst bekannt.
George Sand besuchte auf demselben den schönen Garten des hervorragenden
französischen Botanikers Thuret und war von der Aussicht ganz hingerissen,
die man von dort genoß. Daß das Cap trotzdem so unbeachtet blieb, hängt
mit seiner exponirten Lage zusammen, die es zum Aufenthaltsorte für
Lungenleidende wenig geeignet macht. Das Cap ist in das Meer weit
vorgeschoben und daher den Winden ausgesetzt; auch sieht man von demselben
die Schneealpen, und ist demgemäß auch nicht gegen den kalten Luftstrom
geschützt, der von denselben kommt. Auch fehlte es am Cap bis vor Kurzem
an einem guten Unterkommen, das den Reisenden zum längeren Bleiben hätte
einladen können. – Ich halte das Cap d’Antibes für einen der Glanzpunkte
der Riviera. Wer dessen Herrlichkeit in ganzer Fülle gleich genießen will,
der besteige den Hügelrücken, der die Seelaterne und das bescheidene
Kirchlein _Notre-Dame de Bon-Port_ trägt. Der Anblick, den man dort bei
klarem, sonnigem Wetter genießt, ist geradezu überwältigend. Das Cap
d’Antibes setzt sich so weit fort in das offene Meer, daß man von ihm aus,
wie von einem Schiffe, das Land überblickt. Es trennt den Golf Jouan von
der Baie des Anges und beherrscht so gleichzeitig die beiden Buchten. Im
Westen wird das Bild von dem Esterel-Gebirge abgeschlossen, das in reicher
Gliederung ganz unvermittelt aus dem Meere aufsteigt. Das Esterel erinnert
in seinen Umrissen an das Siebengebirge, den Stolz unseres Rheinlandes,
was sich aus dem vulkanischen Ursprung beider Gebirgszüge erklärt. Das vom
Cap d’Antibes eine Stunde weit entfernte Cannes wird durch die Landenge
der Croisette verdeckt, frei liegt hingegen vor ihm im Meere die
Lerinische Insel St. Marguerite. Deutlich erkennt man auf ihr das Fort, in
welchem einst der mysteriöse »_homme au masque de fer_« und neuerdings
Bazaine eingekerkert waren. Es folgt an der Küste ein Ort auf den andern.
Zunächst das Städtchen Golfe Jouan, in dessen wohlgeschütztem Hafen das
französische Mittelmeer-Geschwader liegt. Zahlreiche Villen und Gärten
decken die grünen Hügel, die sanft gegen das Meer abfallen. Nach Südwesten
hin streckt das Cap d’Antibes noch einen Seitenarm in die Fluthen, und
dieser trägt ein kleines Fort und das Grand Hôtel. Gegen Süden verliert
sich der Blick in dem weiten Meer; gegen Osten kann er der Küste bis
jenseits Bordighera folgen, wo diese endlich in dem Blau der Ferne
schwindet. Im Halbkreis reihen sich an der Bai des Anges die Häuser von
Nizza aneinander und versuchen es auch, die angrenzenden Hügel zu
erklimmen. Im Vordergrund zeichnet sich grell das alte Antipolis, noch im
mittelalterlichen Gewande, von steilen Mauern und Laufgräben umgeben und
von dem malerischen Fort Carré beherrscht, das es zu Vaubans Zeiten
erhielt. Nach Norden thürmen sich Berge auf Berge, um endlich in den
schneebedeckten Alpen ihren verklärten Abschluß zu finden. So zeigt dieses
Bild all das Erhabenste wieder vereinigt, was die Natur uns zu bieten
vermag. Und wie wirkungsvoll zugleich ist der Gegensatz zwischen der
unbegrenzten Fläche des Meeres und den bewegten Umrissen der
himmelstürmenden Bergriesen; wie zart vermittelt die azurne Farbe des
Wassers und das matte Grün der Küste, wie schroff abgesetzt das glänzende
Weiß der Schneefelder von dem dunkeln Blau des Himmels! Wie athmet man
frei in dem weiten Raum, welchen der Blick hier umfaßt; wie fühlt man sich
geläutert durch die hehren Bilder, die sich in der Seele spiegeln!
Das kleine Kirchlein Notre-Dame de Bon-Port ist mit manchem _ex voto_
geschmückt. Ringe und Ketten von Schiffen, kleine aus Holz geschnitzte
Kähne, die an den Wänden hängen, deuten den Dank Jener an, denen es
gelang, sich aus stürmischer See zu erretten. Am 8. Juli eines jeden
Jahres ziehen die Schiffer von Antibes barfuß den Hügel hinauf und holen
das Standbild der Mutter Gottes herab, um es in gleichem Aufzuge am
nächsten Sonntag von Antibes wieder hinauf zu tragen.
Über das Grand Hôtel du Cap d’Antibes bildete sich ein ganz eigener
Mythos. Es hieß, de Villemessant, der einst so bekannte Redacteur des
»Figaro«, hätte den Bau veranlaßt, um ein Heim für Schriftsteller und
Künstler zu schaffen. Dieselben sollten dort vereint ihren Arbeiten
obliegen und durch die herrliche Umgebung zu bedeutendem Schaffen angeregt
werden. Dieser Mythos war aber nur eine »_Blague_«, durch entsprechende
Zeitungsartikel veranlaßt und durch eine »Expedition« großgezogen, die die
Redaction des »Figaro« in diese Gegend unternahm. Auch scheint das
treibende Motiv nur das gewesen zu sein, eine neue Station an der Riviera
zu entdecken, von gleicher Rentabilität wie das rasch aufblühende Cannes.
Man wollte es Lord Brougham nachmachen, von welchem der Reisebericht des
»Figaro« vom 25. April 1867 erzählt, daß er die Stadt Cannes entdeckt habe
– entdeckt insofern, als er dort Grundstücke zu 5 Sous den Meter vorfand,
die sich bald zu 60 Francs verkauften. Der »Figaro« ließ es aber bei den
schönen Plänen bewenden, und die projectirte »Villa Soleil« kam nicht zu
Stande; wohl aber ließ ein Russe, der das Cap d’Antibes schon bewohnte,
sich bestimmen, das große Hôtel du Cap zu erbauen. Das Unternehmen
mißglückte, ein Pächter folgte dem andern, bis endlich das Haus
geschlossen wurde. Erst jetzt, wo die Zahl der Reiselustigen so bedeutend
zugenommen hat, stellen sich günstigere Bedingungen für das Unternehmen
ein. Das Hôtel kam in sorgsame und geschickte Hände und wird sich
voraussichtlich weiter gut entwickeln. Seine Lage ist einzig schön. Aus
den Fenstern der Vorderseite hat man den vollen Blick auf den Golfe Jouan
und das Esterel-Gebirge, während die Fenster der Rückseite nach den
schneebedeckten Alpen schauen. Ein großer Garten umgibt das Gebäude und
reicht bis zum Meer hinab. Er verliert sich in dem duftigen mediterranen
Gestrüpp, und wo dieses aufhört, setzen nackte, zerrissene Felsen die
schmale Landzunge fort. Unaufhörlich wälzt das Meer seine Wogen gegen
diese Felsen, und heftiger Sturm jagt den Schaum der Wellen über dieselben
hinweg. In tausend Klippen sind die steilen Abhänge des Caps zerrissen,
bilden phantastische Stufen, Grotten, Buchten und Verstecke, und zu jeder
Tagesstunde läßt sich an dem jähen Absturz eine Stelle finden, an der man,
vor der Sonne und meist auch vor dem Winde geschützt, mit einem Buche in
der Hand, sich niederlassen kann. Gelesen wird freilich kaum, denn die
blauen Wellen schlagen fort und fort gegen die Steine und stören durch ihr
Plätschern. Einmal berühren sie den Fels nur sacht, so daß man sie kaum
hört, dann wieder schwellen sie an und plaudern so laut, als wollten sie
vernommen werden. Zuweilen rollt die schwellende Fluth dicht heran, dann
flieht sie wieder, und unwillkürlich folgt das Auge ihr nach. So lassen
sich Stunden auf Stunden verträumen an dem steinigen Strande von Antibes,
und unbemerkt verfliegt ein Tag nach dem andern. Die Nerven ruhen aus und
sammeln neue Spannkraft für die gesteigerten Anforderungen der Zeit. –
Ebenso wonnig wie auf seeumspülten Felsen lagert es sich zwischen den
duftenden Sträuchern des Strandes mit dem blauen Zeltdach des Himmels über
dem Haupte und einem begrenzten Stücke azurnen Meeres zur Seite. Man hat
eine Decke über Myrten oder Rosmarinsträucher ausgebreitet und ruht nun
wie auf einem Polster. Gewiß gehört es mit zu den hohen Reizen dieses
bevorzugten Ortes, daß man aus dem Garten unmittelbar in die volle, reine,
unverfälschte Natur gelangen kann. Denn die wohlriechenden Sträucher, die
hier den Strand bedecken, sind nicht von Menschenhand gepflanzt. Sie
bilden einen Vegetationstypus, der für das Mittelmeergebiet bezeichnend
ist und den Namen _Maquis_ führt. Immer mehr weichen diese Maquis der
Cultur, namentlich an dieser stark bevölkerten Küste. Ueber größere
Flächen ausgedehnt, findet man sie hier noch im Esterelgebirge. In voller
Prachtentfaltung treten sie dem Reisenden erst auf Corsica entgegen.
Der Charakter dieser Maquis wird durch immergrüne Sträucher bestimmt.
Selbst eine Anzahl baumartiger Gewächse nimmt in den Maquis Strauchform
an. Bei der großen Mehrzahl dieser Sträucher ist die Laubentwickelung
eingeschränkt worden, ja zum Theil geschwunden. Das Alles befähigt diese
Pflanzen, langanhaltende Dürre auszuhalten. Im Frühjahr, wenn die nöthige
Bodenfeuchtigkeit zur Verfügung steht, kommen sie gleichzeitig zur Blüthe
und zaubern dann, auf sonst dürrem Boden, üppige Gärten hervor. Es walten
in den Maquis die aromatischen Gewächsarten vor. Aus jedem Strauch, den
man streift, befreit man ganze Ströme von Wohlgerüchen. Dem Boden, den man
tritt, entlockt man eine Fülle flüchtiger Essenzen: Rosmarin, Thymian,
Lavendel, Cistusrose, Myrte und Pistacie mischen ihre Düfte und erfüllen
mit ihnen die Luft. Die Färbung der Maquis ist eine bräunlich-grüne, und
erst die Blüthen beleben den einförmigen Ton. Sie treten auf in
massenhafter Fülle. Das zarte Blau der Rosmarinblüthe gesellt sich dann
dem grellen Gelb der Ginster, die helle Farbe der Ciströschen dem dunkeln
Violett der Lavendel. Auf Corsica scheinen die Abhänge ein einziger
Blüthenstrauß um jene Zeit zu sein, und der Wanderer wird von dem Duft
berauscht, der diesem Blüthenmeer entströmt. Nicht ohne Grund behaupten
die Schiffer, daß man Corsica im offenen Meere schon aus weiter Ferne
*riechen* könne, und nach jenem würzigen Duft seiner Heimathsinsel sehnte
sich auch Napoleon zurück auf St. Helena, vor seinem Ende.
Was noch von den Maquis am Cap d’Antibes erhalten blieb, ist freilich
wenig, und doch kann man selbst auf jener kleinen Landzunge vor dem Garten
des Grand Hôtel fast alle die Arten zusammenlesen, welche den Typus der
Maquis bestimmen. Unter den strauchartigen Formen fällt zunächst der
Rosmarin durch seinen Duft, seine blauen Lippenblüthen und seine steif
linealen, unterseits weiß-filzigen Blätter auf. Man begegnet ihm dort
überall. Das wohlriechende Öl verflüchtigt sich, wenn man seine Blätter
zerreibt. Diese Pflanze zieht man auch bei uns in den Gärten, besonders
für die Bienen, deren Honig sie ein feines Aroma verleiht. Ihre
Verbreitung nördlich von den Alpen wurde durch das Capitulare Karl’s des
Großen 812 gefördert, welcher die Anpflanzung des »_ros marinus_« in den
kaiserlichen Gärten befahl. Im Alterthum hat man den Rosmarin viel zum
Winden von Kränzen benutzt und schmückte mit diesen die Bildsäulen der
Laren. Im Mittelalter bemächtigte sich die Symbolik dieses immergrünen,
duftigen Gewächses, und es wurde zum Sinnbild der Liebe, der Treue und des
Todes. Als Sinnbild der Treue gilt es auch bei Shakespeare, der die
wahnsinnig gewordene Ophelia sagen läßt: »Da ist Vergißmeinnicht, das ist
zum Andenken: ich bitte Euch, lieber Herr, gedenket meiner – und da ist
Rosmarin, das ist für die Treue.«
Neben dem Rosmarin steht am Strande von Antibes überall der Thymian. Er
hält sich am Boden, über und über bedeckt mit kleinen rosafarbigen
Blüthen. Etwas höher steigt an reich verzweigten Stämmchen ein anderer
Lippenblüthler auf, die _Lavandula Stoechas_, und streckt ihre violetten
Blüthenähren zwischen den schmalen, weichfilzigen Blättern empor. –
Zahlreich drängen sich aneinander die Ciststräucher. Sie erreichen hier
kaum über einen halben Meter Höhe und tragen an reich verzweigten Ästen
ihre bräunlich-grünen, klebrigen Blätter. Die Art mit kleineren weißen
Blüthen ist _Cistus monspeliensis_; die andere mit weit größeren
rosenrothen Blüthen, _Cistus albidus_. Die weißen wie die rosenrothen
Ciströschen sind äußerst zart, in der Knospe zusammengeknittert, mit
zahlreichen gelben Staubfäden in der Mitte verziert. Sie welken äußerst
rasch, wenn man sie pflückt, doch entfalten sich an Zweigen, die man in
Wasser stellt, alsobald neue Blüthen. Die Ciststräucher tragen nicht wenig
dazu bei, den Maquis von Antibes einen charakteristischen Geruch zu
verleihen. Das Gummiharz, welches einige südeuropäische Cistus-Arten
ausschwitzen, war unter dem Namen Ladanum oder Labdanum früher ein
berühmtes, von griechischen Aerzten viel benutztes Heilmittel. Heute wird
es nur noch zum Räuchern verwendet. – Wer aufmerksam den Boden zwischen
den Ciströschen durchsucht, kann ein eigenthümliches Gewächs dort finden,
einen Parasiten, der aus den Wurzeln der Ciströschen seine Nahrung zieht.
Er fällt durch seine brennend gelb-rothe Färbung auf und heißt _Cytinus
hypocistis_. Grüne Blätter fehlen ihm; er hat sie eingebüßt, da er sich
nicht mehr selbständig zu ernähren braucht. Die Rafflesiaceen, zu denen
dieser Cytinus gehört, sind im Übrigen Tropenbewohner. Sie leben
parasitisch und entwickeln dabei zum Theil riesig große Blüthen. Die
größte Blüthe der Welt wird von einer solchen Rafflesiacee, der _Rafflesia
Arnoldi_, erzeugt, welche auf Sumatra den Wurzeln gewisser Cistus-Arten
aufsitzt. Diese Blüthen können einen Meter im Durchmesser erreichen. – Den
Ciströschen nahe verwandt sind die Sonnenröschen, Helianthemum-Arten, die
auch unserer Flora nicht fehlen und in den Maquis hier und dort mit ihren
zarten schwefelgelben Blüthen am Boden hervorschauen. – Wesentlich höher
als selbst die Ciströschen wird ein stark bewaffneter Strauch mit gelben
Schmetterlingsblüthen, die _Calycotome spinosa_. Diese verdient es wohl,
eine nahe Verwandte der _Genista acantoclada_, jener Tartarusgeißel zu
sein, deren wir früher erwähnten. Sie ist mit dornartigen, scharfen
Seitenästen so dicht besetzt, daß man sie sorgfältig in den Maquis meiden
muß. Weniger unzugänglich ist die nah verwandte Besenpfrieme (_Spartium
junceum_), ein fast blattloser Strauch mit rutenförmigen grünen Ästen und
großen gelben Blüthen. Aus diesen Binsenpfriemen werden Körbe, Netze, ja
selbst Schuhe geflochten, der Bast wird zum Binden benutzt, auch eine Art
Leinwand aus ihm dargestellt.
Sehr häufig in den Maquis ist die Mastix-Pistazie (_Pistacia Lentiscus_).
Hier tritt sie nur als Strauch auf, während sie unter anderen Bedingungen
auch zum Baume emporwachsen kann. Einen solchen schönen Lentiskenbaum, mit
dichter, schirmförmiger Krone, kann man unweit vom Hôtel, im Garten einer
Villa von der Straße aus bewundern, die nach Golfe Jouan führt. Die
dunkelgrünen, paarig gefiederten, lederartig zähen, oberseits glänzenden
Blätter sind für _Pistacia Lentiscus_ charakteristisch; es zeichnet sie
außerdem ein besonderer harziger Geruch aus. Die an sich sehr kleinen
Blüthen fallen schon aus der Ferne auf, weil sie in dunkelrothen Trauben
bei einander stehen. Dieses Gewächs liefert den altberühmten Mastix, doch
kann derselbe nicht aus dem Strauchwerk der Maquis, sondern nur aus
sorgsam cultivirten Mastixbäumen gewonnen werden. Diese gedeihen am Besten
auf der Insel Chios und haben dieser Insel sogar den Namen der
Mastix-Insel verschafft. Das Harz, welches aus künstlich ausgeführten
Einschnitten, doch auch von selbst aus den Zweigen hervortritt, findet
seine hauptsächliche Verwendung im Orient, wo es gekaut wird, ähnlich wie
die Blätter des Betelpfeffers in Indien. Es heißt, daß Mastix das
Zahnfleisch festige und den Athem parfümiere. Vornehme türkische Frauen
bringen den ganzen Tag mit Mastixkauen zu. Bei uns wird wohl auch
Zahnpulver aus dem Mastix bereitet, vornehmlich aber dient er zum Räuchern
und zur Firnißbereitung.
Fremdartig muthet den Nordländer das Wolfsmilchbäumchen, _Euphorbia
dendroides_, an, da wir doch unsere Wolfsmilcharten nur zu sehr
bescheidener Höhe emporwachsen sehen. Diese Euphorbia-Bäumchen können an
der Riviera zwei Meter Höhe erreichen und Stämme bilden, die man mit
beiden Händen kaum zu umfassen vermag. Die Pflanze gabelt sich fort und
fort während ihres Wachsthums und bildet eine gewölbte Scheindolde, die
durch ihre gelbe Färbung von Weitem schon in die Augen fällt. Sie ist eine
der eigenartigsten Pflanzenformen der Riviera. Man findet sie in den
Maquis und auch sonst durch das Land zerstreut. Schon Dioskorides und
Plinius war sie aufgefallen. Zur Zeit der Sommerdürre wirft sie ihre
Blätter ab und steht kahl da, wie unsere Gewächse im Winter. Das Volk an
der Riviera streut diese Wolfsmilchart ins Wasser, um die Fische zu
betäuben, und über einen ähnlichen Brauch wird auch aus Griechenland
berichtet. – Bedeutend steht diesem Wolfsmilchbäumchen an Größe eine
andere Wolfsmilchart nach, die in den Maquis sich als niedriger Busch am
Boden hält, die _Euphorbia spinosa_. Sie ist gelb gefärbt, wie die große
Art und führt den Namen nach den abgestorbenen Zweigen, die in harte
Spitzen auslaufen. – An ihren fleischigen, kleinen, dicht gedrängten
Blättern, ihren weißbehaarten, überhängenden Zweigen, den kleinen, gelben,
unscheinbaren Blüthen ist eine sonst seltene Thymelaeacee, die _Passerina
hirsuta_, kenntlich. Auch die baumartige Heide, _Erica arborea_, fehlt
nicht in den Maquis am Cap. Sie schmückt im Frühjahr ihre Zweige so dicht
mit den kleinen glockenförmigen Blüthen, daß sie aus der Ferne ganz weiß
erscheint. Der Erdbeerbaum (_Arbutus Unedo_) ist hier auch, doch nicht
zahlreich, vertreten; seine erdbeerartigen Früchte werden auf den Märkten
der Riviera feil geboten. Im Aussehen gleicht er der Heide kaum, entstammt
aber doch derselben Familie. Die Übereinstimmung liegt nicht im Laub, wohl
aber in den glockenförmigen Blüthen, die im Übrigen größer sind und in
röthlich weißen Rispen abwärts hängen. Die immergrünen Blätter sind
eiförmig, am Rande stark gezähnt; sie sehen wie Lorbeerblätter aus. Die
Früchte reifen sehr langsam; man findet sie oft, mit neuen Blüthen
zusammen, noch am Baume. Sie schmecken süßsäuerlich, doch fade, daher auch
Plinius ihren Namen »_Unedo_« von »_unum tantum edo_« (nur eine esse ich)
ableitete. Dem römischen Volke dienten Arbutuszweige als Zaubermittel. Mit
ihnen wurden dreimal die Pfosten und Schwellen der Thüren berührt, um
vampyrähnlichen Geschöpfen den Eingang zu wehren, die des Nachts den
Kindern in der Wiege das Herzblut aussaugen sollten. Ein Zweig des
glückverheißenden Weißdorns im Fenster des Schlafgemachs hielt auch die
Unholde ab.