Jahrhundert vor Christus, die Griechen Italien als ein Land kannten, das
im Vergleich zu ihrem eigenen Lande und dem Orient einen ganz
ursprünglichen Charakter trug, konnte bereits Marcus Terentius Varro im
ersten Jahrhundert vor Christus, Italien mit einem großen Garten
vergleichen. Plinius klagt ein Jahrhundert später über den Luxus, der auch
im Gartenbau eingerissen sei. Die Gemüse wurden so groß gezogen, daß sie
der Tisch des Armen nicht mehr zu fassen vermochte. Er führt als Beispiel
die Spargeln an, von denen in Ravenna oft nur drei auf das römische Pfund
(ca. 300 Gramm) gingen.
Daß in jenem Garten, in welchen Italien verwandelt worden war und der
orientalische Culturpflanzen vorwiegend barg, das römische Volk sich
verweichlichen mußte, ist nur zu klar. Es war das die Schattenseite jener
zu üppig entwickelten Cultur, die in dem Übermaße ihrer Entfaltung auch
die Keime ihres Untergangs trug.
Als ich Mentone näher kam, begann der Mistral zu wehen und fegte mächtige
Staubwolken über die Straße. In Garavan, im Schutze der Altstadt, wurde es
trotzdem fast windstill, so daß ich dort am späten Abend im anmuthigen
Garten des Hôtel d’Italie noch sitzen konnte. Garavan wird eben durch den
Bergrücken, auf dem das alte Mentone steht, und durch die dichten
Häusermassen dieser Stadt gegen den Westwind vollständig gedeckt und mit
Recht daher von Brustkranken bevorzugt. Seit vorigem Winter erhielt
Garavan einen eigenen Bahnhof, der fast eine zu große Erleichterung des
Verkehrs für diejenigen Wintergäste schafft, die in Monte Carlo durch
schädliche Aufregung beim Spiel, den Rest ihrer Gesundheit gefährden.
VIII.
Fast alle wichtigen Reiz- und Genußmittel des Pflanzenreichs dankt der
Culturmensch den wilden Völkern. Da bei ihm selbst die Cultur das
instinctive Empfinden ganz zurückdrängte, so kann er sich kaum noch
vorstellen, welche Eindrücke den Wilden bei der Wahl seiner Nahrungsmittel
geleitet haben. Er staunt, wenn ihn die Chemie belehrt, daß der Thee der
Chinesen, der Mate der Brasilianer, der Kaffee und die Khatpflanze der
Araber, die Chocolade der Azteken, die Kolanüsse der Neger im wesentlichen
dieselben Stoffe enthalten. Im La Mortola-Garten, bei Betrachtung der
Pflanzen, die jene Stoffe liefern, konnten wir die Verschiedenheit ihres
Aussehens feststellen. Irgend welches äußere Abzeichen, das ihnen
gemeinsam wäre, haben wir nicht entdeckt. Ein solches Abzeichen konnte
somit die Wahl des Wilden nicht leiten, als er diese traf. Er verfuhr
nicht anders wie das wilde Thier, das in Wald und Flur seiner Nahrung
nachgeht. Er war sich der Ursache seiner Wahl ebenso wenig bewußt.
Meist vor langer Zeit schon den Wilden abgewonnen, haben unsere Reiz- und
Genußmittel eine interessante Geschichte aufzuweisen.
In China ist der Theegenuß so alt, daß ein im zwölften Jahrhundert
verfaßtes Buch »Rhya« von demselben als von etwas längst Bekanntem
spricht.
In Europa begann sich der Theegenuß erst um 1630 zu verbreiten, unter dem
Einfluß der holländisch-ostindischen Gesellschaft und der Lobpreisungen,
welche einige holländischen Ärzte diesem Getränk zu Theil werden ließen.
Der Thee sollte die Lebenskraft steigern, das Gedächtniß stärken, alle
seelischen Fähigkeiten erhöhen, das Blut in willkommenster Weise
verdünnen. Gegen Fieber wurde vorgeschrieben, nicht weniger als vierzig
bis fünfzig Tassen hintereinander zu trinken. Zu dem interessanten Werke
von Le Grand d’Aussy, welches 1782 zuerst erschien und die Geschichte des
Privatlebens der Franzosen (_Histoire de la vie privée des François_)
erzählt, ist zu lesen, daß der Thee in Paris 1636 bekannt wurde und bald
zu Ansehen gelangte, weil ihn der Chancelier Séguier unter seine
Protection nahm. Es scheint, daß sich in Paris einzelne Personen auch auf
das Rauchen des Thees verlegten, so wie man Tabak raucht, und der Arzt
Bligny rühmt sich, aus dem Thee eine Conserve, ein destillirtes Wasser und
zwei Arten von Syrup dargestellt zu haben. In England war das Theetrinken
um 1700 schon allgemein verbreitet und der Thee besteuert. Deutschland
verdankt die Bekanntschaft mit dem Thee den holländischen Ärzten des
Großen Kurfürsten. Im Jahre 1662 kostete, nach den von Flückiger
veröffentlichten Documenten, eine Hand voll Thee in den Apotheken der
Stadt Nordhausen noch fünfzehn Gulden, doch im Jahre 1689 in Leipzig nur
noch vier Groschen. Nach Rußland gelangte der Thee nicht über das
westliche Europa, sondern direct mit einer asiatischen Gesandtschaft, und
schon in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts wurde der Thee
dort zu einem allgemein verbreiteten Getränk. Der Thee heißt demgemäß dort
Tschai, entsprechend der Benennung wie wir sie auch bei den Arabern im
achten Jahrhundert schon finden, während in Polen aus _herba Theae_
»_Herbata_« gebildet worden ist.
Der wichtigste Bestandtheil der Theeblätter ist das Coffeïn, derselbe
Körper, den die Kaffeebohnen führen und der auch dem Theobromin der
Cacaobohnen äußerst nahe steht. Ebenso ist der Paraguay-Thee oder Mate
coffeinhaltig, und denselben Stoff führen auch die Kola-»Nüsse«.
Die Kultur des Kaffeebaumes haben die Araber zuerst in großem Maßstäbe
betrieben, während Europa, die Türkei ausgenommen, vor Mitte des
siebzehnten Jahrhunderts nur wenig von dem Bestehen dieses Genußmittels
wußte. Nach Constantinopel hatte Selim I. 1517 aus Aegypten den ersten
Kaffee gebracht, und zwanzig Jahre später gab es dort bereits viele
Kaffeehäuser. Nach dem Westen Europas gelangte der Kaffee durch die
Venetianer. Prosper Alpinus, der als Arzt des venetianischen Consuls in
Ägypten lebte und von 1591 bis 1593 sein Werk über ägyptische Pflanzen
veröffentlichte, gab die erste, wenn auch wenig vollkommene botanische
Beschreibung des Kaffeebaumes. Von Venedig aus, wo im Jahre 1645 das erste
Kaffeehaus eröffnet wurde, verbreitete sich die Sitte des Kaffeetrinkens
rasch über ganz Italien. Wie Le Grand d’Aussy eingehend beschreibt, war es
Marseille, das in Frankreich im Jahre 1644 mit der Errichtung von
Kaffeehäusern den Anfang machte. In Paris kam das Kaffeetrinken erst unter
Ludwig XIV. auf, und zwar vornehmlich durch Soliman Aga, den Gesandten
Mohammeds III., der, wie Le Grand d’Aussy berichtet, sich die Gunst der
Pariserinnen in solchem Maße zu erwerben wußte, daß es Mode ward, ihm
Besuche abzustatten. Er ließ den Damen, nach orientalischer Sitte, den
Kaffee serviren; es reichten ihn Sklaven in glänzenden Porzellantassen auf
goldbefranzten Servietten. Die fremdartige Einrichtung der Zimmer, das
Sitzen auf dem Boden, die Unterhaltung, die mit Hülfe eines Dolmetschers
geführt wurde, alles das, meint Le Grand d’Aussy, mußte den Kopf der
Französinnen verdrehen. Überall hörte man von dem Soliman’schen Kaffee
sprechen, und Jeder wollte davon gekostet haben. Sich Kaffeebohnen zu
verschaffen, war bei alledem damals noch schwer: das Pfund kostete bis zu
vierzig Thalern. Im Jahre 1672 eröffnete ein Armenier, Namens Pascal, auf
dem Quai de l’École das erste Pariser Kaffeehaus, das nach dem Getränk,
welches in demselben geboten wurde, »Café« genannt ward. Es war eine
»Boutique« nach Art der orientalischen und machte schlechte Geschäfte, da
es für das feinere Publicum, welches allein den Kaffee damals trank, nicht
geeignet war. Das erkannte richtig der Florentiner Procope, derselbe, der
sich um Paris durch die Einführung des Gefrorenen verdient gemacht hat; er
richtete gegenüber der alten Comédie Française ein Café ein, welches außer
dem ursprünglichen Getränk, auch Thee, Chocolade, Eis und verschiedene
Liqueure führte, und, geschmackvoll decorirt, sich alsbald des größten
»Succès« erfreute. Die Zahl der Nachahmer war groß, und 1676 hatte Paris
schon eine Unmasse Cafés aufzuweisen, deren Einfluß sich als ein sehr
günstiger erwies, indem er der Trunksucht steuerte, und was Ludwig XIV.,
»_ce Roi si décent_«, wie sich Le Grand d’Aussy ausdrückt, durch harte
Strafen nicht zu erreichen vermochte, hatte man dem Florentiner Procope zu
verdanken. Als ganz ungefährlich galt jedoch der Kaffee nicht, und die
Marquise de Sévigné räth darum ihrer Tochter in einem Brief aus dem Jahre
1680, dem Kaffee etwas Milch zuzusetzen, »_pour en tempérer le danger_«.
In England wurde der Kaffee durch Baco von Verulam schon 1624 erwähnt. Das
erste Kaffeehaus errichtete in London 1652 der Armenier Pasqua, Diener
eines türkischen Arztes. Berlin folgte erst weit später nach, denn Volz
gibt an, daß dort das erste Kaffeehaus im Jahre 1721 eröffnet wurde. Eine
Anzahl deutscher Städte war in dieser Beziehung Berlin vorangeeilt; in
Hamburg gab es schon 1679, in Nürnberg und Regensburg 1686, in Köln 1687
Kaffeehäuser. In Wien erhielt 1683 ein gewisser Kolschitzky die Erlaubniß
zur Eröffnung des ersten Kaffeehauses und zwar als Belohnung für den Muth,
durch welchen er sich in dem gleichen Jahre, bei der Befreiung der Stadt
von den Türken, ausgezeichnet hatte. Um die Mitte des achtzehnten
Jahrhunderts war der Kaffeegenuß über ganz Deutschland verbreitet, und der
Kaffee bildete einen wichtigen Handelsartikel für Hamburg und Bremen.
Friedrich der Große versuchte es vergeblich, den Verbrauch einzuschränken.
In dem Bestreben, Preußen wirthschaftlich abzuschließen und »das Geld im
Lande zu behalten«, hatte er besonders die theueren Colonialwaaren mit
hohen Zöllen belegt; zum Theil verbot er sogar deren Einfuhr oder suchte
sie zum Mindesten zu monopolisiren. Markgraf und andere Chemiker wurden
beauftragt, Surrogate an Stelle des Kaffees zu schaffen, was zur
Entstehung von Eichelkaffee, von Kaffee aus Gerste und Roggen, ja selbst
aus Rüben und Roßkastanien führte. Der Cichorienkaffee jedoch wurde um
jene Zeit noch nicht hergestellt, vielmehr, wie ich den Angaben
E. v. Lippmanns entnehme, erst gegen 1790. Die gebotenen Kaffeesurrogate
erfreuten sich nicht des Beifalls beim Publicum, daher 1781 ein
Kaffeemonopol eingeführt ward, das die gewöhnlichen Consumenten zwang, den
Kaffee schon gebrannt vom Staate, vierundzwanzig Loth zu einem Thaler, zu
kaufen, während an Adlige, Geistliche und Beamten sogenannte
»Brennscheine« abgegeben wurden.
An den Thee und den Kaffee schließt sich der Cacao fast gleichberechtigt
an. Sein Anbau ist schwieriger als derjenige vieler anderer tropischer
Pflanzen, da er eine sehr beständige, relativ hohe Temperatur neben einer
großen und gleichmäßigen Feuchtigkeit verlangt. Seine Heimath dürfte in
den Ländern um den mexikanischen Meerbusen liegen, jetzt wird er überall
in den Tropen, soweit es die sonstigen Bedingungen gestatten, gebaut. Die
Cacaopflanze gehört einer Unterabtheilung der Malvaceen an; fast aller
Cacao des Handels stammt von der _Theobroma Cacao_ ab. Es ist ein
dunkelbelaubter Baum, mit knorrigem Stamm und breiter Krone, der für
gewöhnlich acht bis zehn Meter Höhe erreicht. Das Charakteristische für
die Pflanze ist, daß sie ihre Blüthenstände vorwiegend am alten Holze
trägt, so daß der Stamm und die dicken Äste sich weiterhin mit Früchten
behangen zeigen. Die Blüthen sind weißlich bis roth und liefern je nachdem
gelbe oder dunkelrothe Früchte. Während die Blüthen nur klein sind, können
die cylindrischen Früchte bis fünfundzwanzig Centimeter Länge erreichen.
Der Baum blüht und fructificirt fast ohne Unterbrechung, liefert aber im
Jahr meist nur zwei Haupternten. Die Samen sind in einem süßsäuerlichen
Fruchtfleisch eingebettet und bilden in der reifen Frucht fünf
Längsreihen. Ihr bitterer Geschmack wird durch das sogenannte »Rotten«
gemildert, einen Gährungsproceß, dem die aus der Frucht befreiten Samen
unterworfen werden. Der Cacao war in Mexiko schon den Azteken und selbst
den von diesen verdrängten Tolteken bekannt, und als die Spanier 1519 das
Land eroberten, fanden sie die Cultur des Baumes vor. Ähnlich wie der
Pfeffer einst in Europa, dienten in Mexico, ja in ganz Mittelamerika die
Cacaobohnen als Münze. Die Spanier sollen bei der Eroberung Mexico’s im
dortigen Staatsschatze nicht weniger als zweiundeinhalb Millionen Pfund
solcher Bohnen vorgefunden haben. In Mexico wurden die gerösteten
Cacaobohnen geschält und gestoßen, mit kaltem Wasser zu Brei angerührt und
mit Maismehl oder bei Vornehmeren mit Gewürzen, Vanille, duftenden Blumen
und Honig versetzt. Dieser Brei »_bouillie assez dégoutante_«, sagt Le
Grand d’Aussy, hieß Chocolatl. Ob diese Bezeichnung von dem mexikanischen
Namen der Pflanze Cacao oder Cacagnate, oder Choco (Schaum) und Atl
(Wasser) abzuleiten sei, ist wohl unentschieden. Die Spanier, welche die
Chocolade am Hofe des Montezuma kennen gelernt hatten, brachten sie bald
nach Europa, und auch heute noch ist es Spanien, welches die größten
Mengen Chocolade verzehrt. Nach Florenz brachte Carletti die Chocolade
mit, als er 1606 von weiten Reisen, die sich bis nach Westindien
erstreckten, heimkehrte. Das warme Getränk, das in Florenz aus Cacaomehl
hergestellt wurde, verbreitete sich rasch über ganz Italien. Nach
Frankreich kam die Chocolade 1615 mit Anna von Österreich, Gemahlin
Ludwig’s XIII. Zu einiger Geltung gelangte sie aber erst 1661, unter dem
Einfluß von Maria Theresia von Spanien, Gemahlin Ludwig’s XIV., die sich
aber noch versteckte (wie die Duchesse de Montpensier in ihren Memoiren
angibt), um ihre Chocolade zu trinken; der Genuß derselben mußte somit als
etwas Ungewohntes oder gar Verpöntes angesehen werden. Indessen schon 1671
konnte Frau von Sévigné an ihre Tochter schreiben: »_Vous ne vous portez
pas bien, le chocolat vous remettra._« Freilich muß die Chocolade als
Heilmittel ihre Wirkung versagt haben, denn in einem späteren Briefe wird
sie als »_source de vapeurs et de palpitations_« angegeben. Andererseits
vertheidigte ein Pariser Arzt, Namens Bachot, 1684 vor der Fakultät eine
These, in welcher er gutgemachte Chocolade als eine der edelsten
Erfindungen pries, weit mehr würdig, als Nectar und Ambrosia, die Speise
der Götter zu sein. Derselben Ansicht muß auch Linné gewesen sein, der die
Chocolade 1769 in den »_Amoenitates academicae_« behandelte und dem
Cacaobaum den botanischen Namen »_Theobroma_«, d. h. »Götterspeise« gab.
In England begann sich die Chocolade um 1625, annähernd gleichzeitig auch
in Holland, einzubürgern. Nach Berlin brachte Bontekoe, der Leibarzt des
Großen Kurfürsten, den Cacao mit. Friedrich der Große verbot die Einfuhr
der Chocolade und beauftragte den Chemiker Markgraf, denselben, der
Ähnliches für den Kaffee schon versucht, ein Surrogat aus Lindenblüthen an
Stelle von Chocolade herzustellen, was aber nur schlecht gelang.
Als die Spanier im sechzehnten Jahrhundert nach Peru kamen, war dort ein
anderes Reizmittel in Gebrauch, das der Instinct der Eingeborenen
herausgefunden hatte, nämlich das Cocaïn. Dieser Körper gehört ebenso wie
das Coffeïn und das Theobromin zu den pflanzlichen Alcaloiden. Die
Bewohner des Inkareiches kauten die Cocablätter ganz so wie die Hindus die
Betelnuß kauen und würzten diese Blätter auch mit Asche der Quinoapflanze
(_Chenopodium quinoa_) oder mit gelöschtem Kalk, so wie es für die
Betelnüsse in Indien geschieht. Bei mäßigem Genuß wirken die Cocablätter
anregend auf das Nervensystem ein, in zu großen Mengen und fortdauernd
gebraucht, werden sie verderblich. Es stellt sich dann ein Verfall aller
körperlichen und geistigen Fähigkeiten bei dem »Coquero« ein, der zu einem
Vergleich desselben mit unseren Alkoholikern geführt hat. Den Spaniern
fielen zunächst nur die üblen Folgen des Cocakauens auf, sie suchten
dasselbe durch Verordnungen und kirchliche Verbote in Peru einzuschränken.
Daher wohl die Cocablätter nicht wie andere ähnliche Reizmittel ihren
Einzug in die alte Welt hielten. Erst die 1884 von Koller in Wien gemachte
Entdeckung, daß eine Auflösung von Cocaïn ohne üble Folgen die Hornhaut
und Bindehaut der Augen eine Zeitlang unempfindlich macht, richtete die
allgemeine Aufmerksamkeit auf dieses Alcaloid. Die Anwendung desselben bei
Augenoperationen wurde allgemein; sie verbreitete sich auf andere Gebiete
der Heilkunde als auch seine Fähigkeit, leicht zugängliche sensible Nerven
unseres Körpers unempfindlich zu machen, erkannt wurde.
Die Cocablätter gehören einem Strauche an, der unserer Schlehe ähnlich
ist, aber bedeutendere Größe erreicht. Diese Blätter sind lebhaft grün
gefärbt und sehr dünn; sie haben eiförmige Gestalt und laufen spitz an
ihrem Ende aus. Die gelblich weißen Blüthen fallen wenig in die Augen, da
sie nur geringe Größe besitzen. Die rothen, unseren Cornelkirschen nicht
unähnlichen Früchte, leuchten hingegen aus dem Laub hervor. Der botanische
Name der Pflanze ist _Erythroxylon coca_, sie bildet eine eigene kleine
Pflanzenfamilie, die im Wesentlichen auf die artenreiche Gattung
_Erythroxylon_ beschränkt ist. Die Blätter sind schwach aromatisch und
besitzen einen angenehm bitterlichen Geschmack. Das Alcaloid, welches man
aus denselben gewinnt, bildet farblose Krystalle, die sich nur wenig in
Wasser, dagegen leicht in Alcohol und noch leichter in Äther lösen.
Ein ganz besonderes culturhistorisches Interesse ist an den
Gewürznelkenbaum geknüpft, da er eine äußerst markirte Rolle in der
Geschichte des Gewürzhandels gespielt hat. Der Gewürznelkenbaum (_Eugenia
caryophyllata_) gehört zu den Myrtaceen wie die Myrten, Eucalypten,
Guaiaven und Rosenäpfel, die wir in La Mortola sahen. Er ist ein
immergrüner Baum mit wohlgeformter Krone, der über zehn Meter Höhe
erreichen kann und lederartige, glänzende, durchscheinend punctirte
Blätter besitzt. Die Blüthen stehen an den Enden der Zweige in
doldenförmigen Blüthenständen. Der vierkantige Blüthenstiel breitet sich
am oberen Rande in vier dicke, kurze Kelchlappen aus. An der
Ursprungsstelle derselben sind die Blumenkronenblätter und die Staubfäden
befestigt. Erstere werden ähnlich wie bei Eucalyptus als Kappe abgeworfen,
wenn sich die Blüthe öffnet. Diesen Zeitpunkt wartet man aber nicht ab,
sammelt vielmehr kurz zuvor schon die »Gewürznelken«, indem man sie mit
den Händen vom Baume pflückt oder mit Bambusstäben abschlägt. Sie sind
somit noch ungeöffnete Blüthen eines myrtenartigen Gewächses und haben mit
den nur ähnlich duftenden Blüthen unserer Gärten, die wir als Nelken
bezeichnen, den Dianthus-Arten, sonst nichts gemein. Beim Trocknen
verändert sich die dunkelrothe Farbe in das bekannte Braun. – Die
Gewürznelken waren den Chinesen schon vor unserer Zeitrechnung bekannt. Im
vierten Jahrhundert vor Christus gelangten sie nach Europa. Man glaubte
bis zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts, daß Java oder Ceylon ihre
Heimath sei; thatsächlich aber waren diese Inseln nur Stationen auf dem
Wege des Gewürznelkenhandels. Erst die Entdeckung der Molukken durch
Varthema 1504 klärte Europa über den Ursprung der Gewürznelken auf. Mit
den Molukken zugleich gelangte der Gewürzhandel jener Inseln in die Hände
der Portugiesen, dann ein Jahrhundert später an die
holländisch-ostindische Compagnie, welche die Production von Gewürznelken
und Muskatnüssen auf jede Weise zu monopolisiren suchte, ja sogar
dieselbe, um sie besser überwachen zu können, auf nur wenige Inseln
einschränkte. Auf den übrigen Inseln ließ sie die Gewürzbäume ausrotten.
Um die hohen Preise zu halten, brachte die Compagnie nur begrenzte Mengen
des Gewürzes auf den Markt, und als in Folge guter Ernten der Vorrath
einmal, im Jahre 1760, zu stark anwuchs, wurde ein Theil desselben bei der
Admiralität in Amsterdam verbrannt. Trotz strengster Überwachung von
Seiten der Holländer gelang es dem französischen Gouverneur von Mauritius
und Bourbon 1769 in den Besitz von Gewürznelken- und Muskatbäumen zu
gelangen und sie auf seiner Insel anzupflanzen. Zwischen 1795 und 1802,
als die Engländer die Molukken besetzt hielten, sorgten sie auch dafür,
daß die Cultur der Gewürzbäume sich über die Grenzen dieser Inseln hinaus
verbreite. Jetzt hat sich ihre Cultur über die tropischen Länder weit
ausgedehnt, auf den Molukken selbst ging der Anbau der Gewürznelkenbäume
ganz zurück, und nur die Muskatbäume werden dort noch im großen Maßstab
gepflegt.
Die Muskatbäume, die mit den Gewürznelkenbäumen stets zusammen genannt
werden, gehören zu der Gattung _Myristica_, die den Lorbeergewächsen sehr
nahe steht. Der wichtigste Muskatbaum ist _Myristica fragrans_, der in
seinem Aussehen an unsere Birnbäume erinnert. Er besitzt eine rundliche
Krone und dichte Belaubung. Seine Blüthen sind weiß oder gelblich und
gleichen auffallend denjenigen unserer Maiblumen. Da sie klein sind, so
fallen sie freilich nicht in die Augen. Das thun hingegen die hellgelben,
aprikosenähnlichen Früchte, die der Baum gleichzeitig trägt. Diese Früchte
springen bei voller Reife auf und dann leuchtet ein carmoisinrother
Samenmantel aus ihrem Innern hervor. In Gestalt einer zerschlitzten Hülle
umgibt er den schwarzbraunen, als Muskatnuß bekannten Samen. Er selbst
wird fälschlich als Muskatblüthe bezeichnet.
Auch der Zimmet war einst ein Monopol der Portugiesen, hierauf der
niederländisch-ostindischen Compagnie und ging auf die
englisch-ostindische über, als England 1796 Besitz von Ceylon ergriff.
Wie Zimmet, Gewürznelken und Muskatnuß in der niederländischen Geschichte,
so spielte der ostindische Pfeffer einst eine nicht unbedeutende Rolle in
der Geschichte Venedigs. Namentlich aus Rücksicht auf diesen Pfeffer lag
Venedig daran, das rothe Meer und Ägypten sich offen zu halten. Unmengen
von Pfeffer wurden in Venedig, in dem Fondaco de’ Tedeschi, an die
Deutschen verhandelt. Im Mittelalter herrschte, wie Flückiger besonders
hervorhebt, eine kaum mehr verständliche Gier nach Pfeffer, der
schließlich fast die Bedeutung eines überall gangbaren Zahlmittels
erlangte. Im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert nahm er entschieden
den ersten Rang unter den Gewürzen ein; er stand so hoch im Preise, daß
ärmere Klassen von dem regelmäßigen Gebrauch desselben absehen mußten und
»_cher comme poivre_« sprichwörtlich wurde. Diese Sucht nach Gewürzen kam,
wie Le Grand d’Aussy erzählt, von den vielen schwer verdaulichen Speisen,
welche man damals zu genießen pflegte. Es gab raffinirte Gourmands, welche
Gewürze bei sich führten, um nach eigenem Geschmack die Speisen bei Tische
sich mundgerecht zu machen. Régnard bezeichnet solche Eßkünstler als
»_Docteurs en Soupers_«.