Während noch in den Zeiten Alexander des Großen, also im vierten

Jahrhundert vor Christus, die Griechen Italien als ein Land kannten, das

im Vergleich zu ihrem eigenen Lande und dem Orient einen ganz

ursprünglichen Charakter trug, konnte bereits Marcus Terentius Varro im

ersten Jahrhundert vor Christus, Italien mit einem großen Garten

vergleichen. Plinius klagt ein Jahrhundert später über den Luxus, der auch

im Gartenbau eingerissen sei. Die Gemüse wurden so groß gezogen, daß sie

der Tisch des Armen nicht mehr zu fassen vermochte. Er führt als Beispiel

die Spargeln an, von denen in Ravenna oft nur drei auf das römische Pfund

(ca. 300 Gramm) gingen.

Daß in jenem Garten, in welchen Italien verwandelt worden war und der

orientalische Culturpflanzen vorwiegend barg, das römische Volk sich

verweichlichen mußte, ist nur zu klar. Es war das die Schattenseite jener

zu üppig entwickelten Cultur, die in dem Übermaße ihrer Entfaltung auch

die Keime ihres Untergangs trug.

Als ich Mentone näher kam, begann der Mistral zu wehen und fegte mächtige

Staubwolken über die Straße. In Garavan, im Schutze der Altstadt, wurde es

trotzdem fast windstill, so daß ich dort am späten Abend im anmuthigen

Garten des Hôtel d’Italie noch sitzen konnte. Garavan wird eben durch den

Bergrücken, auf dem das alte Mentone steht, und durch die dichten

Häusermassen dieser Stadt gegen den Westwind vollständig gedeckt und mit

Recht daher von Brustkranken bevorzugt. Seit vorigem Winter erhielt

Garavan einen eigenen Bahnhof, der fast eine zu große Erleichterung des

Verkehrs für diejenigen Wintergäste schafft, die in Monte Carlo durch

schädliche Aufregung beim Spiel, den Rest ihrer Gesundheit gefährden.

VIII.

Fast alle wichtigen Reiz- und Genußmittel des Pflanzenreichs dankt der

Culturmensch den wilden Völkern. Da bei ihm selbst die Cultur das

instinctive Empfinden ganz zurückdrängte, so kann er sich kaum noch

vorstellen, welche Eindrücke den Wilden bei der Wahl seiner Nahrungsmittel

geleitet haben. Er staunt, wenn ihn die Chemie belehrt, daß der Thee der

Chinesen, der Mate der Brasilianer, der Kaffee und die Khatpflanze der

Araber, die Chocolade der Azteken, die Kolanüsse der Neger im wesentlichen

dieselben Stoffe enthalten. Im La Mortola-Garten, bei Betrachtung der

Pflanzen, die jene Stoffe liefern, konnten wir die Verschiedenheit ihres

Aussehens feststellen. Irgend welches äußere Abzeichen, das ihnen

gemeinsam wäre, haben wir nicht entdeckt. Ein solches Abzeichen konnte

somit die Wahl des Wilden nicht leiten, als er diese traf. Er verfuhr

nicht anders wie das wilde Thier, das in Wald und Flur seiner Nahrung

nachgeht. Er war sich der Ursache seiner Wahl ebenso wenig bewußt.

Meist vor langer Zeit schon den Wilden abgewonnen, haben unsere Reiz- und

Genußmittel eine interessante Geschichte aufzuweisen.

In China ist der Theegenuß so alt, daß ein im zwölften Jahrhundert

verfaßtes Buch »Rhya« von demselben als von etwas längst Bekanntem

spricht.

In Europa begann sich der Theegenuß erst um 1630 zu verbreiten, unter dem

Einfluß der holländisch-ostindischen Gesellschaft und der Lobpreisungen,

welche einige holländischen Ärzte diesem Getränk zu Theil werden ließen.

Der Thee sollte die Lebenskraft steigern, das Gedächtniß stärken, alle

seelischen Fähigkeiten erhöhen, das Blut in willkommenster Weise

verdünnen. Gegen Fieber wurde vorgeschrieben, nicht weniger als vierzig

bis fünfzig Tassen hintereinander zu trinken. Zu dem interessanten Werke

von Le Grand d’Aussy, welches 1782 zuerst erschien und die Geschichte des

Privatlebens der Franzosen (_Histoire de la vie privée des François_)

erzählt, ist zu lesen, daß der Thee in Paris 1636 bekannt wurde und bald

zu Ansehen gelangte, weil ihn der Chancelier Séguier unter seine

Protection nahm. Es scheint, daß sich in Paris einzelne Personen auch auf

das Rauchen des Thees verlegten, so wie man Tabak raucht, und der Arzt

Bligny rühmt sich, aus dem Thee eine Conserve, ein destillirtes Wasser und

zwei Arten von Syrup dargestellt zu haben. In England war das Theetrinken

um 1700 schon allgemein verbreitet und der Thee besteuert. Deutschland

verdankt die Bekanntschaft mit dem Thee den holländischen Ärzten des

Großen Kurfürsten. Im Jahre 1662 kostete, nach den von Flückiger

veröffentlichten Documenten, eine Hand voll Thee in den Apotheken der

Stadt Nordhausen noch fünfzehn Gulden, doch im Jahre 1689 in Leipzig nur

noch vier Groschen. Nach Rußland gelangte der Thee nicht über das

westliche Europa, sondern direct mit einer asiatischen Gesandtschaft, und

schon in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts wurde der Thee

dort zu einem allgemein verbreiteten Getränk. Der Thee heißt demgemäß dort

Tschai, entsprechend der Benennung wie wir sie auch bei den Arabern im

achten Jahrhundert schon finden, während in Polen aus _herba Theae_

»_Herbata_« gebildet worden ist.

Der wichtigste Bestandtheil der Theeblätter ist das Coffeïn, derselbe

Körper, den die Kaffeebohnen führen und der auch dem Theobromin der

Cacaobohnen äußerst nahe steht. Ebenso ist der Paraguay-Thee oder Mate

coffeinhaltig, und denselben Stoff führen auch die Kola-»Nüsse«.

Die Kultur des Kaffeebaumes haben die Araber zuerst in großem Maßstäbe

betrieben, während Europa, die Türkei ausgenommen, vor Mitte des

siebzehnten Jahrhunderts nur wenig von dem Bestehen dieses Genußmittels

wußte. Nach Constantinopel hatte Selim I. 1517 aus Aegypten den ersten

Kaffee gebracht, und zwanzig Jahre später gab es dort bereits viele

Kaffeehäuser. Nach dem Westen Europas gelangte der Kaffee durch die

Venetianer. Prosper Alpinus, der als Arzt des venetianischen Consuls in

Ägypten lebte und von 1591 bis 1593 sein Werk über ägyptische Pflanzen

veröffentlichte, gab die erste, wenn auch wenig vollkommene botanische

Beschreibung des Kaffeebaumes. Von Venedig aus, wo im Jahre 1645 das erste

Kaffeehaus eröffnet wurde, verbreitete sich die Sitte des Kaffeetrinkens

rasch über ganz Italien. Wie Le Grand d’Aussy eingehend beschreibt, war es

Marseille, das in Frankreich im Jahre 1644 mit der Errichtung von

Kaffeehäusern den Anfang machte. In Paris kam das Kaffeetrinken erst unter

Ludwig XIV. auf, und zwar vornehmlich durch Soliman Aga, den Gesandten

Mohammeds III., der, wie Le Grand d’Aussy berichtet, sich die Gunst der

Pariserinnen in solchem Maße zu erwerben wußte, daß es Mode ward, ihm

Besuche abzustatten. Er ließ den Damen, nach orientalischer Sitte, den

Kaffee serviren; es reichten ihn Sklaven in glänzenden Porzellantassen auf

goldbefranzten Servietten. Die fremdartige Einrichtung der Zimmer, das

Sitzen auf dem Boden, die Unterhaltung, die mit Hülfe eines Dolmetschers

geführt wurde, alles das, meint Le Grand d’Aussy, mußte den Kopf der

Französinnen verdrehen. Überall hörte man von dem Soliman’schen Kaffee

sprechen, und Jeder wollte davon gekostet haben. Sich Kaffeebohnen zu

verschaffen, war bei alledem damals noch schwer: das Pfund kostete bis zu

vierzig Thalern. Im Jahre 1672 eröffnete ein Armenier, Namens Pascal, auf

dem Quai de l’École das erste Pariser Kaffeehaus, das nach dem Getränk,

welches in demselben geboten wurde, »Café« genannt ward. Es war eine

»Boutique« nach Art der orientalischen und machte schlechte Geschäfte, da

es für das feinere Publicum, welches allein den Kaffee damals trank, nicht

geeignet war. Das erkannte richtig der Florentiner Procope, derselbe, der

sich um Paris durch die Einführung des Gefrorenen verdient gemacht hat; er

richtete gegenüber der alten Comédie Française ein Café ein, welches außer

dem ursprünglichen Getränk, auch Thee, Chocolade, Eis und verschiedene

Liqueure führte, und, geschmackvoll decorirt, sich alsbald des größten

»Succès« erfreute. Die Zahl der Nachahmer war groß, und 1676 hatte Paris

schon eine Unmasse Cafés aufzuweisen, deren Einfluß sich als ein sehr

günstiger erwies, indem er der Trunksucht steuerte, und was Ludwig XIV.,

»_ce Roi si décent_«, wie sich Le Grand d’Aussy ausdrückt, durch harte

Strafen nicht zu erreichen vermochte, hatte man dem Florentiner Procope zu

verdanken. Als ganz ungefährlich galt jedoch der Kaffee nicht, und die

Marquise de Sévigné räth darum ihrer Tochter in einem Brief aus dem Jahre

1680, dem Kaffee etwas Milch zuzusetzen, »_pour en tempérer le danger_«.

In England wurde der Kaffee durch Baco von Verulam schon 1624 erwähnt. Das

erste Kaffeehaus errichtete in London 1652 der Armenier Pasqua, Diener

eines türkischen Arztes. Berlin folgte erst weit später nach, denn Volz

gibt an, daß dort das erste Kaffeehaus im Jahre 1721 eröffnet wurde. Eine

Anzahl deutscher Städte war in dieser Beziehung Berlin vorangeeilt; in

Hamburg gab es schon 1679, in Nürnberg und Regensburg 1686, in Köln 1687

Kaffeehäuser. In Wien erhielt 1683 ein gewisser Kolschitzky die Erlaubniß

zur Eröffnung des ersten Kaffeehauses und zwar als Belohnung für den Muth,

durch welchen er sich in dem gleichen Jahre, bei der Befreiung der Stadt

von den Türken, ausgezeichnet hatte. Um die Mitte des achtzehnten

Jahrhunderts war der Kaffeegenuß über ganz Deutschland verbreitet, und der

Kaffee bildete einen wichtigen Handelsartikel für Hamburg und Bremen.

Friedrich der Große versuchte es vergeblich, den Verbrauch einzuschränken.

In dem Bestreben, Preußen wirthschaftlich abzuschließen und »das Geld im

Lande zu behalten«, hatte er besonders die theueren Colonialwaaren mit

hohen Zöllen belegt; zum Theil verbot er sogar deren Einfuhr oder suchte

sie zum Mindesten zu monopolisiren. Markgraf und andere Chemiker wurden

beauftragt, Surrogate an Stelle des Kaffees zu schaffen, was zur

Entstehung von Eichelkaffee, von Kaffee aus Gerste und Roggen, ja selbst

aus Rüben und Roßkastanien führte. Der Cichorienkaffee jedoch wurde um

jene Zeit noch nicht hergestellt, vielmehr, wie ich den Angaben

E. v. Lippmanns entnehme, erst gegen 1790. Die gebotenen Kaffeesurrogate

erfreuten sich nicht des Beifalls beim Publicum, daher 1781 ein

Kaffeemonopol eingeführt ward, das die gewöhnlichen Consumenten zwang, den

Kaffee schon gebrannt vom Staate, vierundzwanzig Loth zu einem Thaler, zu

kaufen, während an Adlige, Geistliche und Beamten sogenannte

»Brennscheine« abgegeben wurden.

An den Thee und den Kaffee schließt sich der Cacao fast gleichberechtigt

an. Sein Anbau ist schwieriger als derjenige vieler anderer tropischer

Pflanzen, da er eine sehr beständige, relativ hohe Temperatur neben einer

großen und gleichmäßigen Feuchtigkeit verlangt. Seine Heimath dürfte in

den Ländern um den mexikanischen Meerbusen liegen, jetzt wird er überall

in den Tropen, soweit es die sonstigen Bedingungen gestatten, gebaut. Die

Cacaopflanze gehört einer Unterabtheilung der Malvaceen an; fast aller

Cacao des Handels stammt von der _Theobroma Cacao_ ab. Es ist ein

dunkelbelaubter Baum, mit knorrigem Stamm und breiter Krone, der für

gewöhnlich acht bis zehn Meter Höhe erreicht. Das Charakteristische für

die Pflanze ist, daß sie ihre Blüthenstände vorwiegend am alten Holze

trägt, so daß der Stamm und die dicken Äste sich weiterhin mit Früchten

behangen zeigen. Die Blüthen sind weißlich bis roth und liefern je nachdem

gelbe oder dunkelrothe Früchte. Während die Blüthen nur klein sind, können

die cylindrischen Früchte bis fünfundzwanzig Centimeter Länge erreichen.

Der Baum blüht und fructificirt fast ohne Unterbrechung, liefert aber im

Jahr meist nur zwei Haupternten. Die Samen sind in einem süßsäuerlichen

Fruchtfleisch eingebettet und bilden in der reifen Frucht fünf

Längsreihen. Ihr bitterer Geschmack wird durch das sogenannte »Rotten«

gemildert, einen Gährungsproceß, dem die aus der Frucht befreiten Samen

unterworfen werden. Der Cacao war in Mexiko schon den Azteken und selbst

den von diesen verdrängten Tolteken bekannt, und als die Spanier 1519 das

Land eroberten, fanden sie die Cultur des Baumes vor. Ähnlich wie der

Pfeffer einst in Europa, dienten in Mexico, ja in ganz Mittelamerika die

Cacaobohnen als Münze. Die Spanier sollen bei der Eroberung Mexico’s im

dortigen Staatsschatze nicht weniger als zweiundeinhalb Millionen Pfund

solcher Bohnen vorgefunden haben. In Mexico wurden die gerösteten

Cacaobohnen geschält und gestoßen, mit kaltem Wasser zu Brei angerührt und

mit Maismehl oder bei Vornehmeren mit Gewürzen, Vanille, duftenden Blumen

und Honig versetzt. Dieser Brei »_bouillie assez dégoutante_«, sagt Le

Grand d’Aussy, hieß Chocolatl. Ob diese Bezeichnung von dem mexikanischen

Namen der Pflanze Cacao oder Cacagnate, oder Choco (Schaum) und Atl

(Wasser) abzuleiten sei, ist wohl unentschieden. Die Spanier, welche die

Chocolade am Hofe des Montezuma kennen gelernt hatten, brachten sie bald

nach Europa, und auch heute noch ist es Spanien, welches die größten

Mengen Chocolade verzehrt. Nach Florenz brachte Carletti die Chocolade

mit, als er 1606 von weiten Reisen, die sich bis nach Westindien

erstreckten, heimkehrte. Das warme Getränk, das in Florenz aus Cacaomehl

hergestellt wurde, verbreitete sich rasch über ganz Italien. Nach

Frankreich kam die Chocolade 1615 mit Anna von Österreich, Gemahlin

Ludwig’s XIII. Zu einiger Geltung gelangte sie aber erst 1661, unter dem

Einfluß von Maria Theresia von Spanien, Gemahlin Ludwig’s XIV., die sich

aber noch versteckte (wie die Duchesse de Montpensier in ihren Memoiren

angibt), um ihre Chocolade zu trinken; der Genuß derselben mußte somit als

etwas Ungewohntes oder gar Verpöntes angesehen werden. Indessen schon 1671

konnte Frau von Sévigné an ihre Tochter schreiben: »_Vous ne vous portez

pas bien, le chocolat vous remettra._« Freilich muß die Chocolade als

Heilmittel ihre Wirkung versagt haben, denn in einem späteren Briefe wird

sie als »_source de vapeurs et de palpitations_« angegeben. Andererseits

vertheidigte ein Pariser Arzt, Namens Bachot, 1684 vor der Fakultät eine

These, in welcher er gutgemachte Chocolade als eine der edelsten

Erfindungen pries, weit mehr würdig, als Nectar und Ambrosia, die Speise

der Götter zu sein. Derselben Ansicht muß auch Linné gewesen sein, der die

Chocolade 1769 in den »_Amoenitates academicae_« behandelte und dem

Cacaobaum den botanischen Namen »_Theobroma_«, d. h. »Götterspeise« gab.

In England begann sich die Chocolade um 1625, annähernd gleichzeitig auch

in Holland, einzubürgern. Nach Berlin brachte Bontekoe, der Leibarzt des

Großen Kurfürsten, den Cacao mit. Friedrich der Große verbot die Einfuhr

der Chocolade und beauftragte den Chemiker Markgraf, denselben, der

Ähnliches für den Kaffee schon versucht, ein Surrogat aus Lindenblüthen an

Stelle von Chocolade herzustellen, was aber nur schlecht gelang.

Als die Spanier im sechzehnten Jahrhundert nach Peru kamen, war dort ein

anderes Reizmittel in Gebrauch, das der Instinct der Eingeborenen

herausgefunden hatte, nämlich das Cocaïn. Dieser Körper gehört ebenso wie

das Coffeïn und das Theobromin zu den pflanzlichen Alcaloiden. Die

Bewohner des Inkareiches kauten die Cocablätter ganz so wie die Hindus die

Betelnuß kauen und würzten diese Blätter auch mit Asche der Quinoapflanze

(_Chenopodium quinoa_) oder mit gelöschtem Kalk, so wie es für die

Betelnüsse in Indien geschieht. Bei mäßigem Genuß wirken die Cocablätter

anregend auf das Nervensystem ein, in zu großen Mengen und fortdauernd

gebraucht, werden sie verderblich. Es stellt sich dann ein Verfall aller

körperlichen und geistigen Fähigkeiten bei dem »Coquero« ein, der zu einem

Vergleich desselben mit unseren Alkoholikern geführt hat. Den Spaniern

fielen zunächst nur die üblen Folgen des Cocakauens auf, sie suchten

dasselbe durch Verordnungen und kirchliche Verbote in Peru einzuschränken.

Daher wohl die Cocablätter nicht wie andere ähnliche Reizmittel ihren

Einzug in die alte Welt hielten. Erst die 1884 von Koller in Wien gemachte

Entdeckung, daß eine Auflösung von Cocaïn ohne üble Folgen die Hornhaut

und Bindehaut der Augen eine Zeitlang unempfindlich macht, richtete die

allgemeine Aufmerksamkeit auf dieses Alcaloid. Die Anwendung desselben bei

Augenoperationen wurde allgemein; sie verbreitete sich auf andere Gebiete

der Heilkunde als auch seine Fähigkeit, leicht zugängliche sensible Nerven

unseres Körpers unempfindlich zu machen, erkannt wurde.

Die Cocablätter gehören einem Strauche an, der unserer Schlehe ähnlich

ist, aber bedeutendere Größe erreicht. Diese Blätter sind lebhaft grün

gefärbt und sehr dünn; sie haben eiförmige Gestalt und laufen spitz an

ihrem Ende aus. Die gelblich weißen Blüthen fallen wenig in die Augen, da

sie nur geringe Größe besitzen. Die rothen, unseren Cornelkirschen nicht

unähnlichen Früchte, leuchten hingegen aus dem Laub hervor. Der botanische

Name der Pflanze ist _Erythroxylon coca_, sie bildet eine eigene kleine

Pflanzenfamilie, die im Wesentlichen auf die artenreiche Gattung

_Erythroxylon_ beschränkt ist. Die Blätter sind schwach aromatisch und

besitzen einen angenehm bitterlichen Geschmack. Das Alcaloid, welches man

aus denselben gewinnt, bildet farblose Krystalle, die sich nur wenig in

Wasser, dagegen leicht in Alcohol und noch leichter in Äther lösen.

Ein ganz besonderes culturhistorisches Interesse ist an den

Gewürznelkenbaum geknüpft, da er eine äußerst markirte Rolle in der

Geschichte des Gewürzhandels gespielt hat. Der Gewürznelkenbaum (_Eugenia

caryophyllata_) gehört zu den Myrtaceen wie die Myrten, Eucalypten,

Guaiaven und Rosenäpfel, die wir in La Mortola sahen. Er ist ein

immergrüner Baum mit wohlgeformter Krone, der über zehn Meter Höhe

erreichen kann und lederartige, glänzende, durchscheinend punctirte

Blätter besitzt. Die Blüthen stehen an den Enden der Zweige in

doldenförmigen Blüthenständen. Der vierkantige Blüthenstiel breitet sich

am oberen Rande in vier dicke, kurze Kelchlappen aus. An der

Ursprungsstelle derselben sind die Blumenkronenblätter und die Staubfäden

befestigt. Erstere werden ähnlich wie bei Eucalyptus als Kappe abgeworfen,

wenn sich die Blüthe öffnet. Diesen Zeitpunkt wartet man aber nicht ab,

sammelt vielmehr kurz zuvor schon die »Gewürznelken«, indem man sie mit

den Händen vom Baume pflückt oder mit Bambusstäben abschlägt. Sie sind

somit noch ungeöffnete Blüthen eines myrtenartigen Gewächses und haben mit

den nur ähnlich duftenden Blüthen unserer Gärten, die wir als Nelken

bezeichnen, den Dianthus-Arten, sonst nichts gemein. Beim Trocknen

verändert sich die dunkelrothe Farbe in das bekannte Braun. – Die

Gewürznelken waren den Chinesen schon vor unserer Zeitrechnung bekannt. Im

vierten Jahrhundert vor Christus gelangten sie nach Europa. Man glaubte

bis zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts, daß Java oder Ceylon ihre

Heimath sei; thatsächlich aber waren diese Inseln nur Stationen auf dem

Wege des Gewürznelkenhandels. Erst die Entdeckung der Molukken durch

Varthema 1504 klärte Europa über den Ursprung der Gewürznelken auf. Mit

den Molukken zugleich gelangte der Gewürzhandel jener Inseln in die Hände

der Portugiesen, dann ein Jahrhundert später an die

holländisch-ostindische Compagnie, welche die Production von Gewürznelken

und Muskatnüssen auf jede Weise zu monopolisiren suchte, ja sogar

dieselbe, um sie besser überwachen zu können, auf nur wenige Inseln

einschränkte. Auf den übrigen Inseln ließ sie die Gewürzbäume ausrotten.

Um die hohen Preise zu halten, brachte die Compagnie nur begrenzte Mengen

des Gewürzes auf den Markt, und als in Folge guter Ernten der Vorrath

einmal, im Jahre 1760, zu stark anwuchs, wurde ein Theil desselben bei der

Admiralität in Amsterdam verbrannt. Trotz strengster Überwachung von

Seiten der Holländer gelang es dem französischen Gouverneur von Mauritius

und Bourbon 1769 in den Besitz von Gewürznelken- und Muskatbäumen zu

gelangen und sie auf seiner Insel anzupflanzen. Zwischen 1795 und 1802,

als die Engländer die Molukken besetzt hielten, sorgten sie auch dafür,

daß die Cultur der Gewürzbäume sich über die Grenzen dieser Inseln hinaus

verbreite. Jetzt hat sich ihre Cultur über die tropischen Länder weit

ausgedehnt, auf den Molukken selbst ging der Anbau der Gewürznelkenbäume

ganz zurück, und nur die Muskatbäume werden dort noch im großen Maßstab

gepflegt.

Die Muskatbäume, die mit den Gewürznelkenbäumen stets zusammen genannt

werden, gehören zu der Gattung _Myristica_, die den Lorbeergewächsen sehr

nahe steht. Der wichtigste Muskatbaum ist _Myristica fragrans_, der in

seinem Aussehen an unsere Birnbäume erinnert. Er besitzt eine rundliche

Krone und dichte Belaubung. Seine Blüthen sind weiß oder gelblich und

gleichen auffallend denjenigen unserer Maiblumen. Da sie klein sind, so

fallen sie freilich nicht in die Augen. Das thun hingegen die hellgelben,

aprikosenähnlichen Früchte, die der Baum gleichzeitig trägt. Diese Früchte

springen bei voller Reife auf und dann leuchtet ein carmoisinrother

Samenmantel aus ihrem Innern hervor. In Gestalt einer zerschlitzten Hülle

umgibt er den schwarzbraunen, als Muskatnuß bekannten Samen. Er selbst

wird fälschlich als Muskatblüthe bezeichnet.

Auch der Zimmet war einst ein Monopol der Portugiesen, hierauf der

niederländisch-ostindischen Compagnie und ging auf die

englisch-ostindische über, als England 1796 Besitz von Ceylon ergriff.

Wie Zimmet, Gewürznelken und Muskatnuß in der niederländischen Geschichte,

so spielte der ostindische Pfeffer einst eine nicht unbedeutende Rolle in

der Geschichte Venedigs. Namentlich aus Rücksicht auf diesen Pfeffer lag

Venedig daran, das rothe Meer und Ägypten sich offen zu halten. Unmengen

von Pfeffer wurden in Venedig, in dem Fondaco de’ Tedeschi, an die

Deutschen verhandelt. Im Mittelalter herrschte, wie Flückiger besonders

hervorhebt, eine kaum mehr verständliche Gier nach Pfeffer, der

schließlich fast die Bedeutung eines überall gangbaren Zahlmittels

erlangte. Im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert nahm er entschieden

den ersten Rang unter den Gewürzen ein; er stand so hoch im Preise, daß

ärmere Klassen von dem regelmäßigen Gebrauch desselben absehen mußten und

»_cher comme poivre_« sprichwörtlich wurde. Diese Sucht nach Gewürzen kam,

wie Le Grand d’Aussy erzählt, von den vielen schwer verdaulichen Speisen,

welche man damals zu genießen pflegte. Es gab raffinirte Gourmands, welche

Gewürze bei sich führten, um nach eigenem Geschmack die Speisen bei Tische

sich mundgerecht zu machen. Régnard bezeichnet solche Eßkünstler als

»_Docteurs en Soupers_«.

Streifzüge an der Riviera · 第 6 / 18 段