Einen wichtigen Handelsartikel im Alterthum und Mittelalter haben auch

wohlriechende Balsame gebildet. Ein Bäumchen, das solchen Balsam lieferte,

tritt uns in La Mortola in dem _Styrax officinalis_ entgegen. Dieses

Gewächs ist in der Belaubung einem Quittenbaum äußerst ähnlich; es

entfaltet in La Mortola im Mai und Juni auch seine weißen, mit goldgelben

Staubfäden versehenen, wohlriechenden Blüthen. Ein Haupterzeuger solcher

Balsame, die als Parfüm, als Räucherwerk und zu Salben dienten, war der

Storax-Baum (_Liquidambar orientale_). Die duftende Myrrhe, die zu

gottesdienstlichen Zwecken auch den Griechen dient, stammt andererseits

von _Balsamodendron Myrrha_, der Weihrauch, oder das _Olibanum_, von

Boswellia-Arten, die im äußersten Osten von Afrika und auf dem arabischen

Küstenstriche wachsen.

In dem Garten von La Mortola kann man auch die zu den Hülsengewächsen

gehörende _Indigofera tinctoria_ sehen, eine Pflanze, die zu den

wichtigsten der Indigo liefernden Gewächse zählt. Sie stellt einen kleinen

Strauch vor, der in Ostindien zu Hause ist, der aber jetzt in anderen

Ländern zwischen den Wendekreisen, ja selbst an einzelnen Stellen um

Neapel cultivirt wird. Sie trägt unpaarig gefiederte Blätter und entsendet

aus den Achseln derselben ihre Blüthenstände, die mit kleinen weißen oder

rosenrothen Blüthen besetzt sind. Ihre nächste Verwandte, die man auch in

La Mortola sehen kann, die zierliche _Indigofera Dosua_ aus dem Himalaya,

wird auch in unseren Gärten gezogen. Wie in anderen Indigo liefernden

Pflanzen, zu denen auch unser Waid (_Isatis tinctoria_) und der

chinesische Färber-Knöterich (_Polygonum tinctorum_) gehören, ist in der

_Indigofera tinctoria_ der Indigo nicht schon als solcher vorhanden. Die

zerkleinerten Pflanzen müssen vielmehr erst einen Gährungsproceß im Wasser

durchmachen. Dieses wird abgegossen, wenn es sich stark grüngelb färbt und

dann gerührt und geschlagen, um mit dem Sauerstoff der Luft in möglichst

reiche Berührung zu kommen. Dabei scheidet sich der Indigo als unlösliches

Pulver ab. Er bildet die »echteste« und geschätzteste Pflanzenfarbe, die

auch schon den Alten bekannt war und bei ihnen als Indicum hoch im Werthe

stand. Wie in der Jetztzeit London, so bildete einst Bagdad den Weltmarkt

für diesen Artikel.

Aus den exotischen Pflanzenformen ragen allseitig Nadelhölzer hervor. Sie

stechen eigenartig von denselben ab. Wir sind mit ihren Gestalten wohl

vertraut und selbst die so regelmäßig geformten Araucarien sehen wie etwas

gezierte Tannen aus. In den Gewächshäusern der Heimath sah auch jeder

schon die Cycadeen, die hier in einer Anzahl von Arten unter freiem Himmel

gedeihen. Dem Laien wird es schwer, sich vorzustellen, daß die Cycadeen

Verwandte der Nadelhölzer sind. Scheinen sie doch mit ihrem unverzweigten

Stamm und mit ihrer einfachen Krone aus langen gefiederten Blättern, weit

mehr den Palmen zu gleichen. Mit diesen haben sie aber thatsächlich nur

eine gewisse Ähnlichkeit gemein. Diese äußere Ähnlichkeit der Cycasblätter

und der Palmenblätter hat es aber bewirkt, daß sie oft fälschlich als

Palmenblätter bezeichnet werden und als solche bei Begräbnissen Verwendung

finden. Thatsächlich ist das aber eine arge Verwechselung. Denn

Palmblätter und nicht Cycaswedel sollen es, der Tradition nach, sein, die

man den Todten auf den Sarg legt, sowie es Palmenblätter sind, die

christliche Märtyrer in der Hand halten und die auf den Gräbern in den

Katakomben dargestellt werden.

Den Palmen werfen wir in La Mortola nur flüchtige Blicke zu, da wir sie ja

in Bordighera schon eingehend betrachtet haben. Hingegen fesseln unsere

Aufmerksamkeit die zahlreichen Arten von Bambusen, die hier stellenweise

schon zu mächtiger Entwickelung gelangten. Daß diese Pflanzen, trotz ihrer

bedeutenden Höhe, die beim gemeinen Bambus (_Bambusa arundinacea_) oft

dreißig Meter erreicht, zu den Gräsern gehören, kann nur Denjenigen in

Erstaunen versetzen, der sich die Gräser ausschließlich als Wiesenkräuter

vorstellt. Thatsächlich haben wir schon in unseren Schilfrohr-Arten

Vertreter der Gramineen-Familie vor Augen, die zu ansehnlicher Höhe

emporwachsen. Die Bambusen sind unserem Schilfrohr in mancher Beziehung

ähnlich. Während letzteres aber bei uns nur eine beschränkte Verwendung

findet, gibt es in den heißen Ländern kaum eine Pflanze, die

mannigfaltigeren Nutzen als der gemeine Bambus stiftet. Die jungen

Wurzelsprosse dienen als Gemüse, vornehmlich verwenden sie aber die

Chinesen zur Bereitung eines beliebten Confectes, das dem Ingwer oft

zugesetzt wird. Aus jüngeren Halmen stellt man in den heißen Ländern

Wände, Zäune und anderes Flechtwerk her; aus den Blättern macht man Matten

und Hüte, verpackt auch oft den Thee in dieselben. Junge Blätter dienen

als Viehfutter. Aus den Fasern der Halme bereiten die Chinesen ihr

berühmtes Papier, das durch seinen Seidenglanz, seine Weichheit und seine

geringe Dicke ausgezeichnet ist. Die hohlen Stämme sind sehr leicht,

besitzen trotzdem einen ganz außerordentlich hohen Grad von Festigkeit und

werden zu Bauten verwendet, die allen äußeren Angriffen trotzen. Die ganze

Oberfläche des Stammes ist verkieselt, und so kommt es, daß dieser nicht

allein in der Luft, sondern auch im Boden sich sehr lange hält. Daher die

Stämme auch als Wasserleitungsröhren und Wasserrinnen dienen, nachdem man

zuvor die Scheidewände durchbohrte, welche das Innere des hohlen Stammes

durchsetzen. Andererseits lassen sich die einzelnen Glieder des Stammes

als Wassereimer und als Blumentöpfe verwenden, wenn man die Scheidewände

unversehrt läßt. Aus Bambus werden Brücken und Flösse, aus Bambus Betten,

Stühle und Tische gefertigt, mit Bambusfasern Matratzen gefüllt und Möbel

gepolstert. Leitern aus Bambus sind sehr beliebt. Aus Bambus stellt man

Eß- und Trinkgefäße, chirurgische Instrumente und selbst Haarkämme her,

und als ob gezeigt werden solle, daß der Bambus einer jeglichen Verwendung

fähig sei, verfertigen die Bewohner von Borneo und Sumatra aus demselben

sogar Lampen, in welchen Dammaraharz gebrannt wird, und mit Dammaraharz

gefüllte Kerzen, deren Hülle zugleich mit der Füllung in Flamme aufgeht.

Bambusstöcke kennen auch wir: sie werden aus den zähen, knotigen

Wurzelausläufern fabricirt, denen eine innere Höhlung abgeht. Ebenso muß

zu Kriegszwecken der Bambus das Material hergeben: er liefert Lanzen und

Wurfspieße von unübertrefflicher Leichtigkeit und Härte. Zu gleicher Zeit

ist der chinesische Soldat ausgerüstet mit einem Sonnenschirm aus Bambus,

dessen Überzug aus gefirnißtem Maulbeerpapier besteht. Desgleichen sollen

die hohlen Stengeltheile des Bambus als Musikinstrumente zur Verschönerung

des Lebens beitragen. Sie werden zu Flöten und Clarinetten verarbeitet,

auch als Resonanzböden und selbst in Gestalt von Saiten verwendet. Ja

C. Schröter berichtet, daß die Atchinesen es sogar verstanden haben, aus

Bambus eine Art Telephon herzustellen, durch welche sie ihre Wachtposten

in Verbindung setzen. – Die Höhlungen junger Stammtheile enthalten meist

klares Wasser, mit welchem in Indien und in den Bergen von Java der

Reisende seinen Durst stillen kann. – Die Bambusen blühen selten; stellt

sich aber ein Blüthenjahr ein, so gibt es eine große Fruchternte. Die

Früchte werden wie Reis gegessen oder in Brot verbacken, und wiederholt

schon, so 1812, ist durch das Blühen der Bambusen eine Hungersnoth in

Indien abgewendet worden. Mit Recht konnte somit Wallace, einer der besten

Kenner der Tropen, aussprechen, daß der Bambus eines ihrer herrlichsten

Producte sei. – Am vollkommensten haben Chinesen, Japaner und die Bewohner

Indiens und des indischen Archipels ihn auszunutzen gewußt. In China gibt

es ganze Dörfer, die nur aus Bambus aufgebaut sind. Einen merkwürdigen

Eindruck soll es machen, wenn ein solches Dorf in Brand geräth. Die Luft

erhitzt sich alsdann in den abgeschlossenen Gliedern der Bambusstämme und

sprengt dieselben mit gewaltigem Knall. Man hört aus der Ferne wie

Kanonendonner, in welchem die Eingeborenen der Molukken deutlich den Ruf

»Bambu, Bambu« zu vernehmen glauben.

In einer Pflanze, die so viel Nutzen stiftet, lag es dem Naturmenschen

nahe, auch nach verborgenen Heilkräften zu suchen. In China werden die

Wurzelstöcke, die jungen Sprosse, der Saft, der Samen, bestimmte Auswüchse

der Pflanze, als Medicamente verwendet. Zu besonderer Berühmtheit gelangte

aber als Heilmittel ein eigenthümlicher Körper, der sich in den hohlen

Gliedern der Stämme findet und Tabaschier genannt wird. Schon die

Mediciner der römischen Kaiserzeit wandten denselben viel an, gestützt auf

orientalische Traditionen. Einen Weltruf gewann der Tabaschier aber erst

durch die arabischen Ärzte im zehnten und elften Jahrhundert, und er gilt

immer noch als ganz hervorragendes Medicament in der ganzen orientalischen

Welt. – Das frische, dem Bambusstengel entnommene Tabaschier bildet

schmutzig weiße, braune bis schwarze Stücke. Beim Glühen werden diese weiß

calcinirt und in einen Chalcedon-ähnlichen Körper verwandelt, der bald

weiß und undurchsichtig, bald bläulich weiß, durchscheinend und

farbenschillernd aussieht. Thatsächlich ist der Tabaschier nichts Anderes

als gemeine Kieselerde, die, durch etwas vegetabilische Substanz

verunreinigt, beim Glühen von derselben befreit wird. Statt kostspieligen

Tabaschiers, den er in den Bazaren theuer bezahlen muß, könnte der Patient

somit auch reinen Kieselsand zu sich nehmen. Den rechten Glauben

vorausgesetzt, müßte die Wirkung dieselbe sein.

Sehr belehrend ist es im Frühjahr zu verfolgen, wie die jungen Knospen

mächtiger Bambusen als überarmdicke, mit scheidenartigen Blättern

dichtbedeckte Kegel die Erde durchbrechen. Sie pressen Wasser zwischen

ihren Blattscheiden hervor, befeuchten und erweichen damit den umgebenden

Boden und wachsen mit solcher Schnelligkeit, daß sich die unmöglich

scheinende Vorstellung Gras wachsen zu sehen, bei ihnen fast in greifbare

Wirklichkeit verwandelt. Dieses Wachsthum kann nämlich unter günstigen

Verhältnissen einen Meter täglich betragen und ein zwanzig Meter hoher

Sproß in wenigen Wochen somit diese Höhe erreicht haben. – Schöne Gruppen

von Bambuspflanzen gehören zu den zierlichsten Erscheinungen des

Pflanzenreiches; freilich kann man diese Pflanzen in voller

Prachtentfaltung erst in den Tropen sehen und im La-Mortola-Garten nur

eine annähernde Vorstellung davon gewinnen, welche Bedeutung ihnen in der

tropischen Landschaft zukommt.

Aus den werthvollen Angaben des Geographen Ritter und den nicht minder

werthvollen Untersuchungen des Botanikers Ferdinand Cohn geht wohl sicher

hervor, daß diejenige Substanz, welche die Alten als Saccharum bezeichnet

haben, nicht Rohrzucker, sondern Tabaschier gewesen sei. Nach Bopp

bedeutet das Sanskrit-Stammwort »_çarkara_« nicht etwas Süßes, sondern

etwas Zerbrechliches und Steinartiges. Im alten Indien wurde das

Tabaschier als Sakkar Mambu oder Bambusstein bezeichnet, und erst die

Araber haben dieses Wort auf den später dargestellten, dem Tabaschier

ähnlichen, krystallinischen Rohrzucker übertragen. Edmund O. von Lippmann

kommt ebenfalls in seiner überaus gründlichen und erschöpfenden

»Geschichte des Zuckers« zu dem Ergebniß, daß der Sakcharon der antiken

Welt nicht unser Zucker gewesen sei; er weist nach, daß der *feste* Zucker

auch in Indien erst in der Zeit zwischen dem dritten und sechsten

Jahrhundert n. Chr. bekannt wurde.

Das Zuckerrohr (_Saccharum officinarum_) ist unserem Schilfrohr sehr

ähnlich und wie dieses eine Grasart. Man sieht es im La Mortola-Garten in

voller Entfaltung. Das Zuckerrohr ist eine sehr alte Culturpflanze. Da es

ausschließlich aus Stecklingen gezogen wurde, hat es die Fähigkeit, Samen

zu erzeugen, fast eingebüßt. Man hat bis vor Kurzem überhaupt geglaubt,

daß das Zuckerrohr nicht fructificire; doch ergaben sorgfältige

Beobachtungen, vornehmlich aus Java, daß diese Unfruchtbarkeit nur eine

relative sei. Die Heimath des Zuckerrohrs ist wahrscheinlich Bengalen,

jene Provinz, die, ihrer unerschöpflichen Fruchtbarkeit wegen, seit jeher

als der Garten Indiens gepriesen wurde. Wohl gegen das Ende des dritten

Jahrhunderts ist das Zuckerrohr aus Indien nach China gelangt und

zweihundert Jahre später westlich bis Gondisapur vorgedrungen. Diese Stadt

lag am Flusse Karon, der unweit davon sich zum Theil in den Tigris, zum

Theil nach dem Nordrand des Persischen Meerbusens ergoß. Dorthin hatten

sich die Nestorianer geflüchtet, als das Concil zu Ephesus 431 n. Chr.

ihre Lehre für ketzerisch erklärte. Sie führten dem Orient die Keime

klassisch-litterarischer und wissenschaftlich-medicinischer Bildung zu,

namentlich auch die Anfangsgründe chemischer Kenntnisse. Die Beziehungen

Gondisapurs zu Indien bewirkten zugleich, daß sich der Einfluß der

indischen Arzneilehre dort geltend machte und eine Akademie erblühte, die

nicht nur die Traditionen der griechischen Medicin und Naturwissenschaften

in sich aufnahm, sondern dieselben auch wesentlich förderte. Hier wurde

allem Anschein nach die Kunst der Zuckerraffinerie erfunden, daher auch

»Kand« der persische Name für den gereinigten Zucker ist.

Durch die Araber kam das Zuckerrohr im achten Jahrhundert nach Spanien, im

neunten nach Sicilien. In Venedig lassen sich 1150 bereits Zuckerbäcker

nachweisen. Die drei wichtigsten Productionsstellen des Zuckers im

Mittelalter waren Syrien, Aegypten und Cypern. Ihre Bedeutung schwand, als

Vasco de Gama 1498 den directen Weg nach Ostindien um das Cap der guten

Hoffnung fand und der Handel mit indischem Zucker so in die Hände der

Portugiesen fiel. Damit war der dominirende handelspolitische Einfluß

Venedigs und seine Macht für immer gebrochen; an Stelle des Mittelmeers

wurde der atlantische Ocean der Schauplatz des Weltverkehrs. Um 1580

begann Sicilien seine Zuckerproduction einzustellen, da diese gegen die

überseeische Concurrenz nicht mehr ankämpfen konnte. Denn um jene Zeit

hatte auch schon der amerikanische Zucker, besonders der brasilianische,

die Bedeutung eines Weltproductes gewonnen und gelangte bis nach Palermo.

Der Zuckerverbrauch stieg ganz enorm in Europa, und im Jahre 1600 hatte

auch Deutschland, nach v. Lippmann, schon mehrere Zuckerraffinerien

aufzuweisen. Freilich scheinen dieselben nach dem dreißigjährigen Kriege

sich nur noch in Hamburg gehalten zu haben. Unter Friedrich dem Großen

entstanden zahlreiche Zuckerraffinerien in Preußen und wurden durch

Prohibitivzölle geschützt.

Die Süßigkeit des Rübensaftes hatte den Chemiker Markgraf veranlaßt,

Zucker aus demselben darzustellen, was ihm um 1747 gelang. Doch fand das

gewonnene Product keine Verwerthung, zum Theil schon deshalb nicht, weil

es an genügend zuckerreichen Rüben damals noch fehlte. Diesem Mangel wußte

erst Achard aus seinen Gütern bei Berlin um 1786 in größerem Maßstab

abzuhelfen. Die erste wirkliche Rübenzuckerfabrik errichtete derselbe

Achard, mit Unterstützung Friedrich Wilhelms III., zu Cunern in Schlesien.

Es folgten alsbald andere Fabriken in Preußen und Frankreich, wo besonders

Delessert das Darstellungsverfahren vervollkommnete. Nach Aufhebung der

Continentalsperre gingen trotzdem die meisten Rübenzuckerfabriken sowohl

in Deutschland als auch in Frankreich wieder ein, und erst von 1820 etwa

an datirt der neue Aufschwung und der schließlich großartige Erfolg dieser

Industrie.

Der Palazzo Orengo wird von phantastischen Pflanzenformen: säulenförmigen

Opuntien, candelaberförmigen Euphorbien, sowie von zahlreichen blühenden

Aloe- und Agave-Arten umgeben. Auf der Mauer östlich vom Hause fällt eine

kleine, mit langen weißen Dornen bewaffnete Opuntie (_Opuntia tunicata_)

in die Augen. Ihre Dornen sind mit zarten Scheiden umhüllt und verdanken

diesen ihre Färbung. Man kann die Scheiden von den Dornen abziehen; doch

gilt es vorsichtig zu sein, denn die Dornen sind äußerst scharf und

verwunden leicht die Hand: Sie schützen wirksam die Pflanze gegen den

Angriff der Thiere. Dieser Schutz ist aber auch nöthig in den dürren

Gegenden Mexikos, in welchen die Pflanze zu Hause ist, und wo es den

Thieren oft an pflanzlicher Nahrung fehlt. In solchen Gegenden sind

dornige Pflanzen sehr häufig, Pflanzen, deren Blätter sich zum besseren

Schutz in Dornen verwandelt haben, während der Stengel sich grün färbte,

so in die Functionen der Blätter trat, zugleich anschwoll und für die Zeit

der Dürre mit Wasser versorgte. Durch Hunger getrieben, pflegen wohl

Pferde mit den Hufen die Dornen von solchen Cactusgewächsen abzuschlagen,

um zu dem saftigen Fleisch zu gelangen, während das Rindvieh sich an

denselben schwer verwundet. Der Angriff auf diese weißdornige _Opuntia

tunicata_ dürfte den Thieren unter allen Umständen schwer fallen, sie ist

so stark bewaffnet, daß sie außer dem Namen _Opuntia tunicata_ auch

denjenigen _Opuntia furiosa_ erhielt.

Doch am Palazzo Orengo fesselt unseren Blick vor allem die wunderbare

Aussicht, die sich dort entfaltet. Gewiß ein herrliches Stück Erde, fast

zu schön, um dasselbe dauernd zu bewohnen! Denn wonach soll man sich dann

noch sehnen, wo eine Steigerung des Eindrucks erhoffen? – Von üppigem Grün

und buntem Blüthenschmuck sind die Bilder eingerahmt, die hier den

Beschauer fesseln. Sein Auge folgt entzückt der zackigen Küste, oder es

ruht träumend aus der tiefen Schlucht, in der sich der Garten aufwärts,

ohne Ende, bis zu den Gipfeln der Berge fortzusetzen scheint. Eine hohe

Palme neigt sich wie sinnend über diesem Bilde und gibt ihm ein

märchenhaftes Gepräge. Nach Osten decken dunkle Baummassen die Aussicht,

doch durch eine blumenreiche Pergola gelangt man bald bis auf den freien

Bergrand. Der Tag geht zur Neige, und es beginnt Altbordighera im rosigen

Abendlicht zu glühen. Welch’ ein Anblick! Ich weiß ein krankes Mädchen,

eine zu früh aufgeblühte Knospe, das Rettung vor dem Tode in Mentone

suchte; dem schwebte jenes goldige Bild bis zuletzt in den Fieberträumen

vor. Es war wie die Verheißung einer glücklicheren Welt! Sehnsuchtsvoll

streckte die Sterbende ihre Arme in der nordischen Heimath aus, um es zu

fassen, und ein seliges Lächeln verklärte dann ihr blasses Antlitz.

Die Pergola, die nach jenem Aussichtspunkt im Garten von La Mortola führt,

ist von Banksia-Rosen und anderen Schlinggewächsen überwuchert, deren

Blüthen in den Abendstunden süßen Duft verbreiten. Die _Rosa Banksiae_

können wir hier in ihrer vollen Prachtentfaltung bewundern. Überall

leuchten aus dem grünen, dornenfreien Laub die zierlichen Trugdolden ihrer

halbgefüllten, hellgelben und weißen Blüthen hervor. Um diese schöne Rose

ist die Riviera zu beneiden; bei uns im Freien will sie nicht gedeihen.

Auch ist es in Gewächshäusern nicht möglich, sie zu üppiger Entwickelung

zu bewegen, ebensowenig als dies für die _Bougainvillea_ gelingt, jene

prächtige Liane der Tropen, die mit ihren carmoisinrothen Hochblättern

ganze Gebäude an der Riviera deckt.

Die Sonne war inzwischen untergegangen, und fahle Lichter streiften die

Küste. Altbordighera erschien so todtenblaß, als wäre es inzwischen

ausgestorben; der Rahmen aus weißen Rosen umschlang es fast wie ein

Todtenkranz. Die bunten Blüthen im dunklen Laube begannen unsichtbar zu

werden, und scharf stachen nur vom hellen Abendhimmel die uralten

Cypressen ab, die, dicht aneinander gereiht, im unteren Theile des Gartens

zum Meere absteigen. Hat dieser dunkelfarbige Baum, der in so feierlichem

Ernst zum Himmel emporragt, wirklich ein trauriges Aussehen, oder weckt er

in uns nur traurige Empfindungen, weil er von jeher ein Symbol der

Todtentrauer war, und wir ihn so oft neben Gräbern sehen? Hier hätte er

wohl allen Grund, düster in die Landschaft zu schauen, denn er schmückte,

so heißt es, vor Zeiten einen Friedhof, nach welchem der Ort heute noch

seinen Namen »La Mortola« führen soll. Blumenbeete haben seitdem die

Gräber verdeckt, üppiger Pflanzenwuchs die Stätten verwischt, an welchen

Menschen einst ihre Lieben beweinten, die Cypressen allein trauern noch

über den Todten.

VII.

Die Strada nazionale, die am Garten vorbei nach Mentone führt, steigt

zunächst in der Schlucht empor und beginnt erst jenseits der Croce della

Mortola sich langsam zu senken. Es ist ein unendlich schöner Weg, der im

weiten Bogen, am Abhang der Berge, langsam gegen Mentone absteigt. Bald

ist man in einen Olivenhain gedrungen, in dem sich das Dorf Grimaldi

verbirgt; jenseits des Ortes steigt über der Straße ein alter Thurm düster

in die Lüfte empor, neben ihm drängt ein modernes Schloß in englisch

gothischem Geschmack sich auf. Ein schöner Garten steigt bis zum Thurm

empor. Es war das einst die Besitzung des englischen Arztes Bennet, dessen

Name einen ruhmvollen Klang an der Riviera besitzt. Nach dessen Tode haben

neue Besitzer das gothische Haus erbaut. Wir erreichen das italienische

Zollhaus. Es dunkelt schon; in Mentone, das in geringer Ferne vor unseren

Augen aufsteigt, beginnen auf den Straßen und in den Häusern die Lichter

sich zu entzünden. Eine lange Reihe flammender Punkte folgt bald dem

Strande, als hätte sich das Meer mit einer Schnur feuriger Perlen

geschmückt. Mir zogen die Strophen des Mignonliedes durch den Sinn, und

das Rauschen des Meeres schien sie in den Tönen der Beethoven’schen Musik

zu begleiten. Wie bezeichnend für diesen Boden mehr als

zweitausendjähriger Cultur, daß jene Gewächse in dem Liede, welche das

Bild Italiens uns so lebendig vor die Seele zaubern, diesem Lande nicht

ureigen sind. Sie kamen aus dem Orient, wie alle die großen Gedanken, auf

welchen unsere Bildung ruht, entfalteten und veredelten sich aber auf

diesem Boden. Die Citronen und Orangen erhielten die klassischen Lande von

den Semiten, welche dieselben ihrerseits von den Indiern übernommen

hatten. Der Öl- und Feigenbaum, der Weinstock und die Palme standen bei

den Semiten in Pflege, lange bevor sie als Culturpflanzen siegreich nach

dem Westen vordrangen. Der Cultus des Lorbeers und der Myrte gelangte von

Osten her über das Mittelmeer. Die Cypresse hat nicht ihre Heimath in

Italien, sondern auf den griechischen Inseln und auf dem Libanon; ja,

selbst von der schirmförmig ausgebreiteten Pinie, der die Rauchwolke des

Vesuvs wie zum Vorbild dient, hat man, doch dieses Mal mit Unrecht,

bezweifelt, daß sie eine echt italienische Pflanze sei. Und als wenn

andererseits auch der große Culturimpuls, welcher von der Entdeckung der

neuen Welt ausging, auf italienischem Boden in typischen Pflanzenformen

verkörpert werden sollte, brachte er diesem die Agave und die Opuntie. Die

dornigen, blaugrünen Agaven, die stachligen, hellgrünen Opuntien, die so

gut zu dem felsigen Strande Italiens passen, als wären sie für ihn von

jeher bestimmt gewesen, sind thatsächlich erst im vierzehnten Jahrhundert

von Amerika an denselben gelangt. Capri vermag man sich ohne die »_Fichi

d’India_«, deren abgeflachte Glieder sich in wunderbaren Krümmungen über

die Mauern drängen, kaum vorzustellen, und doch sind diese Opuntien hier

eine moderne Erscheinung. Daher ist es ein Anachronismus, wenn die Agaven

und Opuntien in den Preller’schen Odysseebildern den Vordergrund der

Landschaft schmücken. Die Schönheit jener Bilder wird dadurch nicht

beeinträchtigt, und doch kann man sich bei der Betrachtung derselben einer

gewissen fremdartigen Empfindung nicht erwehren. Das historische

Rechtsgefühl fühlt sich verletzt und muß erst durch das ästhetische

Wohlgefallen beschwichtigt werden, welches diese so bedeutenden

Kunstschöpfungen erwecken.

Wie mag die Riviera ausgesehen haben, bevor die Cultur des Ölbaumes

begann, als noch Palmen und Cypressen fehlten und der Wohlgeruch der

Agrumi die Luft nicht erfüllte? – Sie war bedeckt mit immergrünen

Sträuchern, während dichter Nadelwald die Höhen krönte. Das Bild der

Vegetation mußte ein ganz anderes sein; denn sein Aussehen war bestimmt

durch Gesammteffecte, während der Charakter jener Landschaft, die wir

jetzt für die typisch italienische halten, auf dem wirksamen Hervortreten

einzelner ausgeprägter Pflanzenformen und deren plastischer Sonderung

beruht.

Streifzüge an der Riviera · 第 5 / 18 段