Gewächshäuser, sehen kann, zeigen zunächst ein von den älteren Bäumen
durchaus verschiedenes Aussehen. Kaum glaubt man dieselben Pflanzen vor
Augen zu haben. Die Blätter sind breit, stumpf, stengelumfassend,
wagerecht gestellt, und erst an älteren Zweigen treten an deren Stelle die
schmalen, zugespitzten, langgestielten Blätter auf, die senkrecht abwärts
hängen. Damit verändert sich auch ihr innerer Bau. Zuvor zeigten sie
verschiedene Structur auf ihren beiden Seiten, jetzt sind beide Seiten
gleich. Beide Blattflächen werden ja an den hängenden Blättern in gleicher
Weise von Lichtstrahlen getroffen. Sie brauchen aber gleichen Bau, um
gleiche Arbeit zu verrichten. Aehnliche Einrichtungen treten uns bei
vielen anderen Gewächsen Neuhollands entgegen und bestimmen geradezu den
Charakter der dortigen Vegetation.
Der in Italien hauptsächlich cultivirte _Eucalyptus globulus_ ist nicht
der widerstandfähigste Vertreter seiner Gattung, wie er denn auch im
strengen Winter 1890–91 an exponirten Stellen der Riviera gelitten hatte.
Manche Arten trotzen besser der Kälte, und der _Eucalyptus Gunnii_ gedeiht
selbst in Whittingham bei Edinburgh.
Der hohen Schutzmauer der Seealpen, welche die kalten Nordwinde abhält,
verdankt die Riviera di Ponente ihr mildes Klima. Diese Schutzmauer
bedingt es auch, daß dort die Cultur der Agrumi erfolgreich betrieben
werden kann. An zahlreichen Stellen der Küste, zwischen Nizza und Savona,
gedeihen die Agrumi ebenso gut wie bei Neapel, während der Reisende das
Innere von Ober- und Mittelitalien durchwandern kann, ohne sie zu
erblicken. Unter der Bezeichnung »Agrumi« werden die Vertreter der Gattung
_Citrus_ zusammengefaßt. Das Verzeichniß von La Mortola weist über zwanzig
Arten oder Formen dieser Gattung auf. Man findet dort fast alle in Italien
cultivirten Agrumi in engem Raum beisammen. Diese Pflanzen scheinen so
fest mit dem italienischen Boden verwachsen zu sein, daß italienische
Bilder stets der Phantasie des Nordländers vom Blüthenduft der Citrone
durchweht und vom Glanze der Goldorange durchleuchtet erscheinen. Am
meisten hat diese Vorstellung wohl das Mignonlied verbreitet, jenes Lied,
das der Sehnsucht des Nordländers nach südlicheren Gestaden so unendlichen
Ausdruck verlieh. So sehr die Agrumi aber auch in die italienische
Landschaft zu gehören scheinen, so sind sie doch erst verhältnißmäßig spät
in dieselbe gelangt und nur auf ganz bestimmte Theile von Italien
beschränkt geblieben. Ihre Heimath liegt im fernen Asien, in Ostindien und
Südchina; über den Orient schlugen sie aber zunächst ihren Weg nach Europa
ein. Wie aus dem alten »Traité du Citrus« von Gallesio, dem Werke Victor
Hehn’s über »Culturpflanzen und Hausthiere«, Alphonse de Candolle’s
»Ursprung der Culturpflanzen«, endlich Flückiger’s »Pharmacognosie« – von
älteren Quellenwerken abgesehen – zu erfahren ist, war dasjenige, was im
Alterthum zunächst »Citrum« hieß, das Holz von _Callitris quadrivalvis_.
Auch diese nordafrikanische Conifere ist in dem Hanbury’schen Garten in
vortrefflicher Entwickelung zu sehen. Ihr Holz liefert das Sandarac, ein
Harz, das in erstarrten, weißen Thränen die Stammrinde deckt und aus der
Wunde heraustropft, wenn ein Zweig abgeschnitten wird. Das schön
gemaserte, wohlriechende Holz dieses Baumes stand bei den Römern in hohem
Ansehen und diente im Besonderen zur Anfertigung von Kisten, welche
wollene Kleider vor Motten schützen sollten. Als dann die Citrone den
Römern bekannt wurde, und es sich zeigte, daß sie in ähnlich wirksamer
Weise die Motten abhält, wurde der Name Citrum auf dieselbe übertragen.
Von dem Gewächse, welches diese »_mala citria_« erzeugt, drang die erste
Kunde nach Griechenland während der Kriegszüge Alexanders des Großen.
Letztere waren es, welche den Orient und die Tropen der griechischen
Cultur erschlossen. Sie brachten den classischen Ländern eine solche Fülle
neuer Naturanschauungen, wie dies zum zweiten Mal in gleichem Maße nur
durch die Entdeckung des tropischen Amerika wieder geschah. Ueber den
Citronenbaum wurde berichtet, daß er ein wunderbares Gewächs der
persischen und medischen Lande sei, und voll goldener Früchte hänge. Diese
sollten nicht nur gegen Motten schützen, sondern auch als Gegengifte
äußerst wirksam sein. Ja, es bildete sich, wie man in einem Werke des
Athenaeos, eines Gelehrten, der zu Naukratis in Ägypten geboren wurde und
um 228 n. Chr. starb, lesen kann, der Aberglaube, daß, wer von diesen
Früchten gekostet habe, den Biß giftiger Schlangen nicht zu fürchten
brauche. Jenes durch seine Citate sehr werthvolle und merkwürdige Werk des
Athenaeos schildert ein fingirtes Gastmahl, welches von einem römischen
Schlemmer und Schöngeist, Künstlern, Dichtern und Gelehrten geboten wird,
und bei welchem an die dargereichten Speisen und Getränke sich
entsprechende Unterhaltungen knüpfen. Da erzählt ein gewisser Demokritos,
sein Freund, der Statthalter von Ägypten, habe ihm mitgetheilt, daß zwei
Verbrecher, die zum Tode durch giftige Schlangen verurtheilt waren, dem
Biß derselben nicht erlagen, weil sie von einer Citrone zuvor aßen. Der
Statthalter habe den Versuch absichtlich mit denselben Verbrechern zum
zweiten Male wiederholt, aber nur dem einen von beiden eine Citrone
dargereicht. Die Folge sei gewesen, daß dieser eine nur den Bissen der
giftigen Nattern zu widerstehen vermochte, während der andere bald nach
der Verwundung starb. Als bestes Schutzmittel gegen Gift empfiehlt der
Erzähler eine in Honig zerkochte Citrone. Man müsse von diesem Gegengift
früh am Morgen eine kleine Menge zu sich nehmen und sei dann den ganzen
Tag über vor Vergiftung sicher. Dem Aberglauben, der solche Vorstellungen
nährte, liegt wie auch sonst in ähnlichen Fällen, ein Fünkchen Wahrheit zu
Grunde. Thatsächlich ist die Citrone durch sehr starke fäulnißwidrige
Eigenschaften ausgezeichnet, Eigenschaften, die sie auch heute noch als
Antisepticum sehr schätzbar machen. Schon im Alterthum hatte man richtig
erkannt, daß der Saft der Citrone den Athem verbessere. Ein Vergnügen
konnte es damals nicht sein, Citronen zu genießen, denn es waren
thatsächlich nicht unsere jetzigen »Citronen«, vielmehr Cedraten oder
Citronat-Citronen, die uns nur eingemacht schmecken. Diese Cedraten heißen
auch heute noch »Cedro« bei den Italienern. Saftiges Fruchtfleisch ist
ihnen nicht eigen; sie bestehen fast ausschließlich nur aus Schale, und
diese ist es, die, in Zucker eingekocht, die Citronate liefert. Die
Cedraten erreichen meist bedeutendere Größe als die Citronen, sind
letzteren im Übrigen ähnlich. Ihre Form variirt aber bedeutend, und da
viele Abänderungen durch Veredelung fixirt worden sind, so bekommt man
neben stark in die Länge gezogenen auch fast runde Cedraten zu sehen. Das
gab sogar Veranlassung zur Aufstellung verschiedener Arten innerhalb
dieses Formenkreises, wie es denn überhaupt schwer fällt, zu
unterscheiden, was Art und was nur Abart in der Gattung Citrus ist. Eine
rundliche durch stark höckerige Schale und feinen Wohlgeruch
ausgezeichnete Frucht, die auch zu den Cedraten gehört, wird als
Adamsapfel oder Paradiesapfel unterschieden. Sie galt als die Frucht vom
Baume der Erkenntniß und findet als solche beim Laubhüttenfest der Juden
heute noch Verwendung. Die gesuchtesten Früchte zu diesem Fest werden aus
Corsica, Corfu, Marocco und Palästina eingeführt und können bei
vorgeschriebener Form sehr hohen Geldwerth erreichen.
Der Cedratenbaum kam bei den Römern sehr in Mode, und man sah ihn, in
Kübeln gepflanzt, die Säulenhallen der Villen und die Gärten schmücken.
Vom dritten Jahrhundert an wird er auch, als im freien Lande gedeihend,
beschrieben. Heut noch wird er in Italien viel gezogen und zeichnet sich
vor allen anderen Agrumi dadurch aus, daß er das ganze Jahr hindurch
Blüthen und Früchte trägt.
Der Baum, der die Frucht zeitigt, welche wir als Citrone bezeichnen, die
aber richtiger auch bei uns Limone heißen müßte, kam durch Vermittlung der
Araber erst im zehnten Jahrhundert nach Süd-Europa, zunächst nach Spanien,
dann wohl auch nach Sicilien. Er fehlte hingegen noch an der ligurischen
Küste, wohin ihn erst gegen Ende des elften Jahrhunderts die Kreuzfahrer
aus Syrien und aus Palästina brachten. Mit den Limonenbäumen zugleich
gelangten die Pampelmusen und die bitterfrüchtigen Pomeranzenbäume an die
Riviera, und Ligurien blieb überhaupt lange Zeit das Land, in welchem die
Cultur der Agrumi am meisten betrieben wurde. Einen bedeutenderen
Aufschwung gewann die Cultur freilich auch dort erst im vierzehnten
Jahrhundert, als die Ansprüche an die Genüsse des Lebens sich zu steigern
begannen. Sie verbreitete sich in Italien zugleich mit der Limonade, deren
Zubereitung man von den Orientalen lernte. Unter dem Cardinal Mazarin war
es, daß auch in Paris die ersten »Limonadiers« auftraten, um bald eine
ähnliche Rolle wie heut die »Cafetiers« zu spielen. Die Limone, durch die
nämlichen, fäulnißwidrigen Eigenschaften wie die Cedrate ausgezeichnet,
lieferte in der That nicht nur ein erfrischendes, sondern zugleich auch
ein antiseptisches Getränk. In den der zweiten Hälfte des sechzehnten
Jahrhunderts angehörenden Kräuterbüchern des Tabernaemontanus, »der Arzney
Doctoris und Chur-Fürstlicher Pfaltz Medici zu Neuwhausen«, heißt es, daß
der Citronensaft »nicht allein wider die innerliche Fäulung und das Gifft
sehr gut und kräftig« sei, sondern auch »gegen alle Traurigkeit und
Schwermüthigkeit des Hertzens und die Melancholey«. Die Rinde widerstehe
dem Gift: »Dann zur Zeit der Pest soll man sie im Mund halten, auch ein
Rauch damit machen.« – Der Citronensaft gilt auch heute noch als eines der
wirksamsten Mittel gegen den Scorbut, die bekannte Mund- oder
Zahnfleischfäule, der die Seefahrer besonders unterworfen sind. Daher
jetzt die englische Marine, und nach ihrem Beispiel auch andere,
Citronensaft in wohlverschlossenen Flaschen auf ihren Schiffen führen.
Ich bemühte mich festzustellen, woher der jetzt noch ziemlich verbreitete,
früher fast allgemeine Brauch stammt, daß die Leichenträger bei
Begräbnissen eine Citrone in der Hand halten. Ursprünglich ist er durch
die fäulnißwidrigen Eigenschaften und den starken Geruch der Citrone
veranlaßt worden, dann hat er symbolische Bedeutung gewonnen. Die Symbolik
hat sich in mannigfaltiger Weise der Citrone bemächtigt. So heißt es in
J. B. Friedrich’s Werke: »Die Symbolik der Mythologie der Natur«: »Das
Aromatische, Erquickende und Belebende der Citrone hat sie zum Symbole des
Lebens und des Schutzes gegen das Lebensfeindliche gemacht. Daher schützt
nach altem Glauben die Citrone gegen Bezauberung, daher trägt das indische
Weib, welches sich nach dem Tode seines Gatten verbrennen läßt, auf seinem
Gange zum Scheiterhaufen eine Citrone in der Hand als Sinnbild ihres
zukünftigen Zusammenlebens mit dem Gatten; daher die noch übliche Sitte,
daß bei einem Leichenbegängnisse die Leidtragenden die das neue Leben des
Abgeschiedenen symbolisirende Citrone in der Hand tragen; daher endlich
die Sitte des zum ersten Mal zur Communion gehenden Kindes, eine Citrone
zu tragen, weil es durch die Communion ein neues Leben durch seinen
erneuerten Bund mit Gott eingeht.«
Der Pampelmusbaum (_Citrus decumana_) fällt durch die Größe auf, die seine
Früchte erreichen. Dieselben haben süß-säuerlichen Geschmack und werden
mit Wein und Zucker gegessen. Einzelne Früchte können unter Umständen bis
sechs Kilo Gewicht erlangen.
Der bittere Pomeranzenbaum ist durch besonders aromatische Blätter und
Blüthen ausgezeichnet. Die Früchte zeichnen sich durch ihre goldige
Färbung aus. Sie werden frisch nicht genossen, wohl aber gelten die in
Zucker eingemachten Schalen derselben als besonders wohlschmeckend. Auch
dienen die Blätter, Blüthen und die unreifen Früchte zur Gewinnung
ätherischer Öle und spielen letztere außerdem eine wichtige Rolle bei der
Liqueurfabrikation. Da der Stamm der bitterfrüchtigen Pomeranze sich als
besonders widerstandsfähig erwiesen hat, so verwendet man ihn auch häufig
als Unterlage, auf welcher andere Citrus-Arten veredelt werden.
Der süßfrüchtige Pomeranzenbaum gelangte wesentlich später nach Europa als
die bisher genannten Agrumi. Man nahm ziemlich allgemein bis vor Kurzem
an, die Portugiesen hätten ihn erst gegen Mitte des sechzehnten
Jahrhunderts, und zwar angeblich im Jahre 1548, aus dem südlichen China
mitgebracht; ja man zeigte im Garten des Grafen von St. Lorenzo zu
Lissabon einen Orangenbaum, der der eingeführte Urbaum sein sollte. Aus
den Schriften von Galesio, Targioni und Goeze scheint aber hervorzugehen,
daß die süße Pomeranze schon wesentlich früher die Gärten Spaniens und
Italiens schmückte; sie muß bereits im Laufe des vierzehnten Jahrhunderts
nach Europa gelangt sein. Galesio sucht es wahrscheinlich zu machen, daß
die Cultur der süßen Orange auch an der Riviera bis ins fünfzehnte
Jahrhundert zurückreicht, doch ist seine Beweisführung nicht überzeugend.
So berichtet Galesio über ein aus den Acten der Stadt Savona vom Jahre
1471 sich ergebendes Geschenk von eingemachten Citronen und Limonen und
frischen Citruli, welches die Stadt Savona ihrem Gesandten in Mailand
machte. Da nun die als »Citruli« bezeichneten Früchte frisch gesandt
wurden, hält sie Galesio für *süße* Orangen, da der Gesandte in Mailand
wohl keine *bitteren* hätte essen mögen. In dem Archiv eines Notars in
Savona ist andererseits ein Verkaufsact vom Jahre 1472 über eine
Schiffsladung von 15 000 Citranguli oder Cetroni aufgefunden worden, und
Galesio frägt sich, was man wohl mit 15 000 bitteren Pomeranzen angefangen
hätte. Auf diese Frage kann man ihm die Antwort schuldig bleiben, ohne daß
dadurch der Nachweis, daß es sich wirklich um süße Orangen gehandelt habe,
beigebracht sei. Ja eine solche Annahme müßte um so gewagter erscheinen,
als thatsächlich schon Matthaeus Silvaticus in Salerno, der Verfasser des
1317 beendigten _Opus pandectarum medicinae_ die *bittere* Pomeranze als
_Citrangulum_ bezeichnet und diese Bezeichnung auch von den Übersetzern
arabischer Werke von ihm benutzt wurde, um den arabischen Namen _narindj_
wiederzugeben. Andererseits zeigt die heute noch in Italien übliche
Anpreisung der süßen Pomeranze als »Portogallo« deutlich den Ursprung der
jetzt dort cultivirten Früchte an. Mögen es somit auch nicht die
Portugiesen gewesen sein, welche die süße Pomeranze in Europa einführten,
so haben wir denselben doch die bessere, jetzt beliebte Sorte dieser
Frucht zu danken. Die chinesische Heimath der süßen Pomeranze dagegen
kommt in dem deutschen Namen »Apfelsine«, ursprünglich »Sinaapfel« oder
»chinesischer Apfel«, zur Geltung. Der deutsche Name wurde von den Russen,
den Grenznachbarn der Chinesen adoptirt; bezeichnend genug, meint Victor
Hehn, für die Umwälzung im Weltverkehr, der seit Vasco de Gama nicht mehr
quer durch das Gebiet von Asien, von Ost nach West, vielmehr aus dem Ocean
in umgekehrter Richtung sich vollzog.
Der Name »Orange« stammt aus dem Sanskrit und ist auf _nagarunga_ oder
_nagrunga_ zurückzuführen. Die Araber hatten daraus _Narunj_ gebildet, die
Italiener _Naranzi_, _Aranci_, die Franzosen schließlich Orange. Die
mittelalterliche Bezeichnung »_poma aurantia_« Goldäpfel, ist somit nur
dem Klange nach dem Worte »Orange« ähnlich. Aus »poma aurantia« ging dann
aber das deutsche »Pomeranze« und das polnische »_Pomara[’n]cza_« hervor.
Daß unter den goldenen Äpfeln der Hesperiden, die Herakles, der Sage nach,
aus dem fernen Westen holte, nicht Orangen gemeint sein konnten, geht aus
der Geschichte jener Früchte genugsam hervor. Die goldenen Äpfel der
Hesperiden waren vielmehr idealisirte Quitten. Der Aphrodite geweiht,
dienten sie dauernd in Hellas als Preise bei Liebesspielen und prangten
unter den bräutlichen Gaben.
Wie schön ein Apfelsinenbaum bei voller Kraftentfaltung werden kann, wenn
ihn Tausende von goldenen Früchten schmücken, das läßt sich freilich kaum
an der Riviera, ja nicht einmal in Sorrent ermessen. Völlig ausgewachsene,
üppig entfaltete Orangenbäume von der Größe unserer Apfelbäume, sah ich
erst am Fuße des Ätna. Theobald Fischer gibt in seinen »Beiträgen zur
physischen Geographie der Mittelmeerländer« an, daß ein ausgewachsener,
gut gehaltener Apfelsinenbaum in Sicilien sechs- bis siebenhundert, ein
Limonenbaum sogar tausend bis elfhundert Früchte liefert. Im Durchschnitt
könne man auf den Hektar Agrumen bei Palermo 3000 Lire Rohgewinn rechnen,
und was das sagen will, geht daraus hervor, daß die einträglichsten Gärten
bei Paris es nur zu einem Rohgewinn von 2500 bis 2700 Francs auf den
Hektar bringen.
Es gibt eine Unzahl von Apfelsinensorten, von denen zu uns aber nur einige
wenige gelangen, darunter die jetzt immer beliebter werdende blutfarbige,
die »Orange von Jericho«.
Auch die als besondere Art der Gattung Citrus geltenden Mandarinen
(_Citrus nobilis_) sind Gegenstand bedeutenden Exportes aus Italien
geworden. Der Mandarinenbaum gedeiht an der Riviera sogar besser, als der
Apfelsinenbaum. Er ist in allen Theilen kleiner, und an seinem
buschig-runden Wuchs unschwer zu erkennen. In China und Cochinchina steht
er seit undenklichen Zeiten schon in Cultur, in Europa hingegen tauchte er
erst im Jahre 1828 auf.
In dem Garten von La Mortola ist auch die _Citrus bergamia_ zu finden, aus
deren Fruchtschalen das äußerst wohlriechende Bergamottöl gewonnen wird;
desgleichen steht dort die _Citrus myrtifolia_, deren sehr kleine Früchte,
in Zucker eingesotten, die beliebten »Chinois« liefern. Es fehlt auch
nicht die süße Limone oder Limette, die nur eine Abart der sauren Limone
ist und wie die süße Orange gegessen wird.
Eigenartig sieht die _Citrus trifoliata_ aus, ein aus Japan stammender
Strauch, der dreitheilige Blätter trägt und mit großen scharfen Dornen
bewaffnet ist. An seinen Blüthen und Früchten kann man ihn als Citrus-Art
erkennen, sonst macht er wirklich nicht diesen Eindruck. Er verträgt die
Kälte so gut, daß man ihn selbst in Paris im Freien sieht.
Besonders fällt in dem La Mortola-Garten eine monströse Orangenform auf,
die der Katalog als »_Citrus Aurantium var. Buddhafingered_« bezeichnet.
Die Mißbildung beruht darauf, daß die einzelnen Fruchtfächer, aus welchen
die Orange aufgebaut ist, statt zu einer runden Frucht vereinigt zu
bleiben, an ihren Enden frei hervorwachsen. Dadurch bekommt diese Frucht
eine Anzahl von Fortsätzen und erinnert entfernt an eine Hand mit
vorgestreckten Fingern. Diese Ähnlichkeit hat in Indien den Vergleich mit
»Buddha’s Hand« veranlaßt und abergläubische Vorstellungen erweckt. Ganz
ähnliche Mißbildungen kommen auch, in mannigfacher Verschiedenheit, bei
den Citronen und Limonen vor und werden durch Veredlung festgehalten.
Weitaus der merkwürdigste Baum in der Reihe der Agrumi ist die Bizzarria,
welche der La Mortola-Garten ebenfalls besitzt. Schöner entwickelt sah ich
diese Pflanze im botanischen Garten zu Neapel. Die Bizzarria trägt
zugleich Orangen, Citronen und Limonen. Sie weist auch Früchte auf, welche
die Mitte zwischen jenen Fruchtformen halten, endlich auch Früchte, an
welchen einzelne Fächer das Aussehen von Orangen, andere dasjenige von
Limonen oder Citronen besitzen. Es sind Bizzarrien beschrieben worden,
deren Früchte die Bestandtheile von fünf verschiedenen Fruchtformen der
Agrumi in sich vereinigten. Die Entstehung der Bizzarrien ist bis jetzt
nicht endgültig aufgeklärt worden. Die Einen halten sie für Bastarde,
während Andere meinen, sie seien bei der Veredelung durch zufällige
Vermischung der Eigenschaften der Unterlage und des Edelreises entstanden.
Letzteres wäre sehr merkwürdig, da die Erfahrung, die wir täglich bei der
Veredelung unserer Obstbäume, der Rosen und anderer Gewächse machen, sonst
lehrt, daß die Unterlage ohne allen Einfluß auf das Edelreis bleibt, daß
beide ihre Eigenschaften unvermischt behalten. – Die Bizzarrien sind seit
der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts bekannt. Sie mußten ja von Alters
her durch ihr merkwürdiges Verhalten die Aufmerksamkeit auf sich richten.
Zum ersten Mal wird über die Bizzarria im Jahre 1644 berichtet und
angegeben, daß sie im Garten Panciatichi in Florenz wachse. Im Jahre 1711
beschäftigte sich die französische Academie der Wissenschaften mit
derselben und kam zu dem eigenthümlichen Schluß, sie sei eine
ursprüngliche Pflanzenart eben so gut wie die Orange oder die Citrone.
In unserem nordischen Garten wird übrigens auch ein kleiner Baum
cultivirt, der sich ähnlich wie die Bizzarria verhält. Es ist ein
Goldregen, der dem Gärtner zu Ehren, der ihn in den Handel einführte,
_Cytisus Adami_ genannt wird. Sein Ursprung ist ebenso wenig wie derjenige
der Bizzarrien aufgeklärt. Dieser äußerst zierliche und interessante Baum,
der sich leicht cultiviren läßt und bei keinem Gartenliebhaber fehlen
sollte, trägt zur Blüthezeit der Hauptsache nach Blüthentrauben, die ganz
so wie diejenigen des gewöhnlichen Goldregens (_Cytisus Laburnum_) gebaut,
aber nicht gelb, sondern mattroth sind. An einzelnen Zweigen sind aber
auch reingelbe Blüthentrauben, die sich dann von denjenigen des
gewöhnlichen Goldregens gar nicht mehr unterscheiden, zu sehen. Außerdem
trägt der Baum an besonders gestalteten kleinblätterigen Zweigen purpurne
Einzelblüthen, welche, so wie die Zweige selbst, einer anderen
Cytisus-Art, dem _Cytisus purpureus_ gleichen. Endlich kommen gemischte
Blüthentrauben mit gelben und rothen Blüthen und mit Blüthen, die zum
Theil gelb, zum Theil roth sind, vor. Nur die gelben Blüthen, die
denjenigen des _Cytisus Laburnum_, und die purpurnen Blüthen, die
denjenigen des _Cytisus purpureus_ gleichen, setzen Früchte an, die
anderen verhalten sich wie häufig sonst die Blüthen der Bastardpflanzen,
sie sind unfruchtbar. Es ist möglich, daß es sich bei _Cytisus Adami_ um
einen eigenartigen Bastard zwischen _Cytisus Laburnum_ und _Cytisus
purpureus_ handelt; der Gärtner Adam zu Vitry bei Paris gab seinerseits
an, ihn durch Veredelung von _Cytisus purpureus_ auf _Cytisus Laburnum_
erhalten zu haben.