Mühe nicht scheut, von Mentone über Gorbio nach Roccabruna wandern. Meist
begnügt sich aber selbst der unternehmendste Tourist mit einem Ausflug
nach Castellar und kommt im Gorbiothal nicht über Gorbio hinaus, weil er
nicht weiß, daß er seinen Weg dort fortsetzen sollte. Und doch entfaltet
sich erst jenseits von Gorbio die volle Pracht der großartigen Landschaft.
Der ganze Ausflug dürfte fünf Stunden in Anspruch nehmen; es empfiehlt
sich, ihn am Nachmittag zu unternehmen. Bis nach Gorbio führt jetzt eine
schöne Fahrstraße. Sie beginnt zu steigen am Alexandra-Hôtel und folgt in
zahlreichen Windungen dem Thale. Dieses Thal ist überaus fruchtbar; ein
ansehnlicher Bach durchströmt dasselbe. Erst ist es breit, verengt sich,
indem es aufsteigt. Villengärten stoßen an die Straße, dann bescheidene
Bauerngüter. Blühende Pflanzen neigen sich über die Mauern vor. Erst die
vornehmen Pflanzen der Reichen; dann der Goldlack, die Levkoye, die
Pelargonie und die Anemonen, die auch der Ärmere sich zieht. Einzelne
Cypressen, oft umrankt von Rosen, ragen hier und dort aus den Gärten vor
und mahnen nicht selten an orientalische Landschaft. Citronen- und
Orangengärten folgen aufeinander, dann Feigenbäume. Höher hinauf beginnen
sich vereinzelt auch unsere Obstbäume zu zeigen. Sie stehen im
Blüthenschmuck. Eigentlich ist ihnen auch in dieser Höhe noch zu warm, sie
gedeihen gut erst bei Sant’ Agnese, jenseits der Felsen, die das Thal im
Norden sperren. Im Thale von Gorbio lohnt es sich, Pflanzen zu sammeln.
Ardoino, der Verfasser der Flora der Seealpen, gibt für die Thäler, die
bei Mentone münden, mehr als tausend verschiedene, wild wachsende Arten
an. Man müßte fast ganz Irland und Schweden durchstreifen, um ebenso viel
verschiedene Pflanzen zu finden, als hier auf etwa fünfzehn Quadratmeilen
beisammen wachsen. – Ungewöhnlich reich sind die Thäler von Mentone an
Orchideen, und diese blühen ja fast sämmtlich im Frühjahr. Viele sonst
seltene Farne sind hier auch zu finden. Der Botaniker sucht mit Vorliebe
nach einem kleinen Nacktfarn, der zu derselben Gattung wie die Gold- und
Silberfarne unserer Gewächshäuser gehört, der _Gymnogramme leptophylla_.
Der Pflanzenliebhaber freut sich mehr noch über das _Adiantum Capillus
Veneris_, das Venushaar, das mit seinen zarten Wedeln die feuchten
Vertiefungen der Felsen ziert. – Ein alter gepflasterter Weg kürzt oben im
Thale die neue Straße von Gorbio ab. Er steigt in Olivenhainen empor. An
einer seiner Windungen taucht plötzlich Gorbio auf, ganz in der Nähe. Es
krönt einen steilen Hügel, der von Oliven bedeckt ist. Ein Amphitheater
mächtiger zackiger Felsen umrahmt dieses Bild von seltener malerischer
Schönheit. – Wir steigen auf zu dem Orte, durchschreiten den Platz, dem
eine alte Ulme ihren Schatten spendet, wenden uns dann links und schlagen
den Fußweg ein, der, an einem offenen Brunnen vorbei, der Berglehne folgt.
Nach kaum halbstündigem Aufstieg haben wir das weit sichtbare Kreuz
erreicht, das hoch oben, am vorspringenden Bergesrande dem Wetter trotzt.
Bei stark wehendem Mistral ist es kaum möglich, an jener Stelle zu weilen;
das zersplitterte Kreuz, welches nur noch einen seiner Arme gegen den
Himmel streckt, zeugt von der Gewalt der Stürme, die dort oben hausen.
Bereits von diesem Kreuze aus ist der Blick überwältigend schön. Er umfaßt
die sämmtlichen Thäler, die bei Mentone münden. Auf den Höhen sieht man
jene wilden Ortschaften thronen, Burgen der Grimaldi und der Lascaris, die
einst diese Thäler beherrschten; man umspannt mit dem Blicke den ganzen
Halbkreis steil aufsteigender Berge, welche die Thäler mächtig umfassen
und eine undurchdringbare Schranke für das Auge bilden, das hingegen nach
Süden zu unbegrenzt über dem blauen, endlosen Meere schweift. Eine weitere
Steigerung der Eindrücke hält man nicht für möglich, man kann sich schwer
von dieser Stelle trennen, und doch gewinnt das Bild noch an erhabener
Größe, betrachtet von dem Bergrücken, der jetzt in südlicher Richtung nach
Roccabruna führt. Dann verschieben sich gegen einander, wie mächtige
Decorationen, die Felsriesen, die den Hintergrund der Thäler schließen,
und die Umrisse des Bildes werden immer reicher, immer bewegter. Bald
tritt im Mittelpunkte der Landschaft, am Nordabhange des mächtigsten
dieser Berge, Sant’ Agnese hervor, ein ansehnliches Dorf, das in
schwindelnder Höhe, wie ein Schwalbennest am Felsen, über dem Abgrund zu
hängen scheint. Wer konnte das Dasein dieses Ortes ahnen; ist er doch
gegen das Meer hin von dem Felsen ganz verdeckt, an den er sich klammert.
Dieser Felsen sollte ihn auch schützen und verbergen vor den spähenden
Blicken der Saracenen, welche einst das tyrrhenische Meer durchkreuzten.
Und doch war es ein Saracenenhäuptling Harun, der im zehnten Jahrhundert,
der Sage nach, die Burg erbaute, deren Ruinen den Bergesgipfel krönen.
Doch nicht als Feind kam er hierher, sondern von der Liebe zu einer
Christin überwältigt, die er, selbst zum Christenthum bekehrt, zu seiner
Gattin machte.
Selbst wer den schönsten Theil Süditaliens kennt, wird sicher die volle
Macht dieser herrlichen, so typisch italienischen Landschaft empfinden.
Und wie wird der Eindruck noch gesteigert, wenn gegen Sonnenuntergang sich
die Gipfel der Berge zu röthen anfangen, lange dunkle Schlagschatten in
die Thäler fallen und Sant’ Agnese in goldigem Licht auf dem grauen Fels
zu glühen beginnt.
Doch die Zeit drängt, denn die Sonne im Westen ist lange schon hinter der
_Tête de chien_ verschwunden; die Nachtschatten senken sich hinab in die
Schluchten, während ein langer steiniger Weg uns von Cabbe-Roquebrune, der
Eisenbahnstation, noch trennt.
In Cabbe-Roquebrune auf dem Bahnhof erwartet uns ein botanischer Genuß.
Über einer hohen Mauer am Abhang stehen mächtige Judasbäume (_Cercis
siliquastrum_) und senken abwärts ihre blüthenbeladenen, noch laubfreien
Zweige. Die schönen, dicht gedrängten Blüthen entspringen auch dem alten
Holze, so daß die ganze Baumkrone wie ein einziges Blumengewinde
erscheint, von rosenrother Farbe. Dieser Baum ist in Südeuropa zu Hause,
sehr häufig sieht man ihn in Palästina die Gärten um Jerusalem schmücken,
was wohl Veranlassung zu der Sage gab, Judas habe sich an demselben
erhängt.
V.
Bezaubernd schön ist Mentone, wenn man es vom Pont St. Louis aus
betrachtet. Das Bild gehört zu den eindrucksvollsten der ganzen Riviera.
Doch muß man es am Morgen betrachten, wenn die Sonne das alte Mentone von
Osten her bescheint. Man folgt von Mentone aus in östlicher Richtung der
Landstraße und wählt ihren linken Arm, dort, wo sie sich gabelt. Man
steigt dann sanft in die Höhe, zwischen Villen und Mauern. Gibt es nicht
zu viel Staub auf der Straße, so ist diese Wanderung ein Genuß. Denn die
angrenzenden Gärten strotzen von üppigen Gewächsen, und überall drängt
sich der Überfluß derselben bis auf die Straße. Die Pflanzen finden keinen
Platz mehr in der eingeengten Umfriedung und streben hinaus ins Freie.
Rosenrothe und feuerfarbige Pelargonien neigen sich über das Gitter, dort
hängt ein Rosenstrauch über dasselbe hinaus und trägt unzählige Blüthen.
Weiter ist eine ganze Mauer bis unten hinab mit einem epheublätterigen
Kranichschnabel, dem _Pelargonium peltatum_, bedeckt, welcher so üppig
blüht, daß die Blätter unter den blaßrothen Blüthen verschwinden. Jener
Strauch, der im graziösen Bogen über eine andere Mauer sich beugt und
ährenförmige Rispen gelber Blüthen trägt, ist eine chinesische Buddleia
(_Buddleia Lindleyana_). Die ganze Straße duftet jetzt nach Heliotrop, der
an dem Geländer emporklettert; weiter ist es wieder eine Pergola
safrangelber Rosen, welche der Straße folgt. Mit ihren fleischig dicken
Stengeln und Blättern und ihren großen rothen oder gelben Blüthen schmückt
dort die Mittagsblume (_Mesembryanthemum __ acinaciforme_) eine Mauer.
Dann schließen Citronen- und Orangenbäume sich an, die mit Früchten reich
behangen, auch schon ihre duftigen Blüthen entfalten. Wir kommen an dem
kleinen französischen Zollhaus vorbei und erreichen alsbald unser Ziel. In
kühnem Bogen schwebt die Brücke San Luigi über der Schlucht, welche
Frankreich von Italien trennt. Der Blick von hier auf Mentone ist in der
That von ergreifender Schönheit. Die alte Stadt deckt einen schmalen Grat,
der sich bis zum Meere senkt. Dicht gedrängt steigen die Häuser an ihm
auf, über- und nebeneinander. Alle sind sie im italienischen Style gebaut,
mit Loggien, Balkonen und Terrassen, trotzdem alle verschieden an Gestalt
und Größe, scheinbar gesetzlos zu einer einzigen Masse vereint. Jedes
zeigt eine andere Färbung; im hellen Glanz der Sonne verschmelzen aber die
Gegensätze und die ganze Stadt leuchtet fast weiß in die Ferne. Aus der
Häusermasse ragt die Kirche mit ihrem schlanken Glockenthurm hervor. Und
welch eine großartige Einfassung zeigt dieses Bild! In weiter Ferne, kaum
noch sichtbar, profilirt sich im nebeligen Umriß das zackige Esterel. Dann
weicht die Küste vor dem Meere zurück und erst die _Tête de chien_ über
Monaco bietet ihm wieder Trotz. Sie scheint an der Küste Wache zu halten.
Dann folgen mächtige, majestätische Berge und rücken immer näher auf
Mentone zu. Das Cap Martin streckt sich wie ein grünsammetnes Band vor in
die blaue See, und hinter Mentone steigen die zackigen Felsenriesen auf
und leuchten in der Sonne im bläulichen Grau. Dann folgen tiefer grüne
Schluchten, wo helle Olivenhaine mit dunklen Citronengärten abwechseln und
an den Abhängen weiße Dörfer verborgen im Laub. Kahle Bergrücken glänzen
grell in der Nähe, von grünen Kiefernwäldern stellenweise wie von Oasen
bedeckt. Der Vordergrund entzückt uns durch seine Farbenpracht, denn der
untere Theil der Schlucht, über der wir schweben, ist in einen Garten
verwandelt. In Stufen steigt er auf, und der Boden verschwindet ganz unter
Blüthen. Hell- und dunkelrothe Geranien, dicht aneinander gedrängt,
kugelige Chrysanthemum-Sträucher (_Chrysanthemum frutescens_) mit
tausenden von Blüthen wie mit weißen Sternen übersäet. Dann ein Judasbaum,
ganz in Blüthen gehüllt, der seine rosenrothen Aeste über die weißen
Chrysanthemen neigt. Ein gelbblüthiger Rosenstrauch, der den rosenrothen
Judasbaum erklimmt; schlanke Bambusen wie Federbüsche in die Lüfte ragend;
daneben Fächerpalmen. Dunkelgrüne, schlanke Cypressen; ein Pfefferbaum mit
hellgrünen, zartgefiederten Blättern an den hängenden Aesten; dunkelrothe
Bougainvilleen an den aufsteigenden Wänden: ein wahres Kaleidoskop. Hohe
Dattelpalmen ragen aus der Schlucht hervor und umrahmen das Bild von
Mentone, phantastische Opuntien nächst der Brücke bilden den ersten
Vordergrund. Und dieses ganze farbenreiche Bild taucht mit seinem Rande in
die dunkelblaue Fluth. Eine frische Brise weht uns vom Meer entgegen, der
Frühling blickt mit allen seinen Blumenaugen aus der Schlucht empor. Es
stimmt so harmonisch und heiter dieses hehre Bild. Daher wir es auch
vergessen möchten, daß dort über Mentone, wo weiße Steine und dunkle
Cypressen zwischen grauen Mauern sich erheben, ein Ort der Trauer ist. Ein
Schloß der Grimaldi stand einst auf dieser Höhe, zwischen seinen Trümmern
und Umfassungsmauern ist dann der Friedhof entstanden. Er beherrscht
diesen sonnigen Strand, wie einst die mächtige Burg ihn beherrschte: ein
Wahrzeichen des heutigen Mentone. Ich suche die Gedanken von dieser Stelle
abzuwenden, doch unablässig kehren sie zu derselben zurück. Denn trauriger
hat mich ein Friedhof nie gestimmt wie dieser dort, mit seinen in Blumen
ganz versteckten Gräbern. Kaum kann es einen mächtigeren Widerspruch geben
zwischen der freudig sonnigen Natur und dem jähen Tode. Dieser Gegensatz
preßt Einem das Herz zusammen. Und aus allen Theilen der Welt eilten jene
zusammen, die auf diesem Friedhof ruhen. In der Blüthe der Jahre, fern von
ihrer Heimath, legten sie sich unter Jasmin und Rosen zu ewigem Schlaf. Ob
ihnen wohl die Erde leichter wird, weil die Blumen nie auf derselben
verwelken? Die Rosen im besondern drängen sich dort überall vor: weiße,
gelbe, blutigrothe, und sie verbreiten einen betäubenden Duft. Als ich
einst diesen Friedhof besuchte, da strahlte die Welt in Frühlingsglanz und
jauchzte es von Leben in den Lüften. Da war es besonders traurig zwischen
diesen blumenreichen Gräbern. Auf einem frisch errichteten Denkmal saß ein
junger Bildhauer, meißelte das Antlitz eines zarten Mädchens in den Stein
und sang dazu ein fröhliches Lied. Ich blieb vor dem Grabe lange stehen:
es war wie in einer Shakespeare’schen Tragödie.
Hoch ragen über der Brücke San Luigi die zackigen Felsen empor, welche die
Schlucht umfassen. Sie selber steigt hier plötzlich auf, unvermittelt in
romantischer Wildniß. Ein einzelner Felsenkegel erhebt sich aus ihrer
Mitte und endet mit spitzem Gipfel. Zahlreiche Grotten versenken sich in
den Stein. Rosmarin und Wolfsmilch, Wachholder und großblüthige Malven
(_Lavatera maritima_) klammern sich an jeden Vorsprung der Felsen an und
beleben ihre Eintönigkeit. Unten grünt Alles von üppigem Pflanzenwuchs.
Ein kleiner Bach rauscht abwärts in den Felsenspalten und bildet dann
zierliche Wasserfälle. Ein Theil des Wassers wird in einen kleinen
Aquäduct gefaßt, der in malerischen Windungen abwärts läuft, dann mit
gewölbtem Bogen den Bach überschreitet. Wie effectvoll Alles vereint in
diesem engen Raume: es ist fast wie eine Theaterdecoration!
An jener so überaus warmen Stelle der Riviera bildet diese Felsenschlucht
wohl noch den wärmsten Ort. Durch hohe Berge geschützt und umfaßt, steht
sie den südlichen Winden nur offen. In dieser Schlucht beginnen schon im
December die Veilchen zu blühen. Die Schwalben verlassen sie nie. Die
Eidechsen sollen ihres Winterschlafs hier vergessen. An Nahrung ist stets
Ueberfluß. Insekten durchschwirren die Luft, und die Spinne spannt ihr
Netz auch im Winter, um sie zu fangen.
VI.
Niemand sollte es versäumen, von Bordighera oder von Mentone aus, einen
Ausflug nach La Mortola, dem Garten des Herrn Thomas Hanbury, zu
unternehmen. Der Eintritt wird Montag und Freitag Nachmittag gegen Zahlung
von je einem Franc gestattet. Dieses Geld dient zur Unterstützung des
Krankenhauses von Ventimiglia. Wer eingehende Studien im Garten machen
will, erhält hierzu vom Besitzer jederzeit Erlaubniß. Früher Eigenthum der
Familie Orengo in Ventimiglia, trägt auch heute noch die schöne Villa im
Garten, welche Herr Thomas Hanbury bewohnt, den Namen des Palazzo Orengo.
Als Herr Hanbury diese Besitzung im Jahre 1866 erwarb, war sie von einem
mageren Olivenhain bedeckt. Ludwig Winter hat sie in den feenhaften Garten
verwandelt, der jetzt den Besucher entzückt. Der Garten deckt eine Fläche
von ungefähr vierzig Hektaren und fällt von der Kunststraße, welche das
Dorf Mortola in hundert Meter Höhe durchzieht, bis zum Meere ab. Die in
dem Numullitenkalk tief gerissene Schlucht, an welche die Besitzung
anlehnt, gewährt ihr Schutz gegen die Winde und ermöglicht die
Entwickelung einer so üppigen Vegetation, wie sie auch an der Riviera kaum
ihres gleichen findet. Freilich mußte durch künstliche Bewässerung
vorgesorgt werden, daß die lange Dürre des Sommers nicht verhängnißvoll
für die Pflanzen werde. Denn man rechnet in La Mortola über zweihundert
Tage im Jahr, an welchen der Himmel völlig wolkenlos bleibt, und auch
innerhalb des winterlichen Halbjahres gibt es nur etwa vierzig Regentage.
Es wäre ein gewagtes Beginnen, wollte ich an dieser Stelle alle die
zahlreichen Pflanzenformen schildern, welche der Garten von La Mortola
birgt. Es kommt mir nur darauf an, die Reichhaltigkeit desselben
hervorzuheben. Was aber diesen Garten insbesondere belehrend macht, ist
der Umstand, daß alle Pflanzen Schilder tragen, auf welchen ihr Name, der
abgekürzte Name des Autors, der sie benannte, ihre Heimath, sowie die
Familie, der sie angehören, angegeben ist. So kann jeder Besucher des
Gartens erfahren, wie die Pflanze heißt, die ihm durch ihre Schönheit oder
ihren Wohlgeruch auffällt, eine Pflanze, nach deren Namen er vielleicht
vergeblich schon in manchem anderen Garten der Riviera forschte. Herr
Hanbury ist bemüht, seinem Garten auch wissenschaftlichen Werth zu
verleihen und sucht unaufhörlich neue, interessante, technisch wichtige
oder durch ihre Heilkraft ausgezeichnete Gewächse für denselben zu
erwerben. Ein kenntnißreicher deutscher Gärtner, Gustav Cronemeyer,
stellte vor einigen Jahren ein wissenschaftliches Verzeichniß aller
Pflanzen des Gartens auf. Dieses Verzeichniß umfaßt über 3600 Arten. Es
wurde an alle botanischen Anstalten der Welt versandt, mit der
Aufforderung, aus den Schätzen des Gartens für wissenschaftliche Zwecke zu
schöpfen. Auch die Samen und Früchte des Gartens erntet man alljährig, um
sie wissenschaftlichen Anstalten dienstbar zu machen. Da Herr Hanbury
gleichzeitig stattliche Schulgebäude in La Mortola errichtet, da er
neuerdings auch ein schönes botanisches Institut in Genua erbauen ließ, um
es der dortigen Universität zu schenken, so läßt sich wohl behaupten, daß
er einen edlen, nachahmenswerthen Gebrauch von seinen Reichthümern macht.
Leider ist der eifrige Leiter des Gartens, Gustav Cronemeyer, vor kurzem
gestorben, und gewährt es nur einen Trost, daß sein Nachfolger, ebenfalls
ein deutscher Gärtner, Herr Dinter, mit gleichem Eifer in seine Spuren
tritt.
Gerade im Frühjahr ist es, wo der Garten von La Mortola in vollstem
Blüthenschmucke prangt. Besonders tragen die Akazien dazu bei, ihn um jene
Zeit so üppig zu verzieren. Ueber neunzig Arten der Gattung _Acacia_
stehen da in Cultur, von den fein gefiederten, mimosenartigen an, deren
Blättchen jeder Windhauch in Bewegung setzt, bis zu jenen starrend
stachlichen Arten, welche schon durch ihren botanischen Namen als
»bewaffnet« (_armata_), »struppig« und »schauerlich« (_horrida_)
hinreichend gekennzeichnet werden. Manche Akazien sind von gelben Blüthen
so überdeckt, daß das grüne Laub unter denselben fast verschwindet, und
die meisten verbreiten zur Blüthezeit ein liebliches Aroma. Benennungen
wie »lieblich«, »angenehm« (_suaveolens_) zeichnen noch besonders einzelne
Arten aus. Der höchste Preis des Wohlgeruchs gebührt aber unstreitig der
tropisch-amerikanischen _Acacia Farnesiana_, welche ihre veilchenduftenden
Blüthenköpfchen den ganzen Winter über treibt. Diese Blüthenköpfchen
dienen in Grasse und in Cannes unter dem Namen »_fleurs de cassie_« in
ausgiebiger Weise den Zwecken der Parfümerie. Den Namen »_Farnesiana_«
erhielt diese schon lange in Südeuropa bekannte Pflanze wohl daher, daß
sie in den farnesianischen Gärten in Rom zuerst gezüchtet wurde. – Durch
ihr zartes, zierliches, doppeltgefiedertes Laub von bläulich grüner Farbe,
fällt hier, wie auch an den anderen Stellen der Riviera, die _Acacia_ oder
_Albizzia Julibrissin_ auf, ein stattlicher Baum vom Aussehen einer
Mimose, dessen hellviolette Blüthenköpfchen aber erst im Juli zur
Entfaltung kommen. Sie stammt von der Südküste des kaspischen Meeres, ihr
Arten-Name ist persisch und bedeutet Seidenblume. – Von der
südafrikanischen steifen _Acacia horrida_ stammt eine geringe Gummisorte,
die als Capgummi bekannt ist. Das feinste Gummi arabicum tritt aus der
Rinde der senegambisch-kordofanischen _Acacia Senegal_, ähnlich wie bei
uns Kirschgummi aus der Rinde von Kirschbäumen, hervor.
Durch ein ganz besonders feines Aroma zeichnet sich in dem Garten von La
Mortola außer der _Acacia Farnesiana_ ein gelbblühender Strauch, die
_Pteronia incana_ vom Cap aus, welche zu derselben Abtheilung der
Compositen wie unsere Astern gehört, deren Blüthenköpfchen aber einen, man
könnte fast sagen, vergeistigten Aprikosenduft verbreiten. Sehr
wohlriechend in allen seinen Theilen ist ein anderer Strauch vom Cap, die
Rutacee _Diosma fragrans_. Nicht umsonst hat sie, so wie ihre nächsten
Verwandten, die bei uns viel in Gewächshäusern cultivirt und als
Bouquetgrün benutzt werden, den Namen _Diosma_, d. h. »Götterduft«,
erhalten. Ein chilenischer Strauch mit kleinen gelben Blüthen, die
Flacourtiacee _Azara microphylla_, wird wegen seines vanillenartigen
Duftes in der Heimath »Aromo« genannt. Eine krautartige Salbeiart, die
_Salvia albocoerulea_, riecht wie feines Tafelobst. Verschiedene
Pelargonien, so namentlich das _Pelargonium roseum_ und _odoratissimum_,
verbreiten ein starkes rosenartiges Parfüm, wenn man ihre Blätter
zerdrückt. Geradezu betäubt wird man an zahlreichen Stellen des Gartens
von dem Duft, der den kleinen weißen Blüthen vom _Pittosporum Tobira_
entströmt. Diese Blüthen decken in großer Zahl den baumartigen immergrünen
Strauch, der im Aussehen an den lorbeerartigen Schneeball (_Viburnum
Tinus_) unserer Gewächshäuser erinnert. Es gibt auch eine Art mit fast
schwarzen Blüthen, die fremdartig genug auf den Zuschauer einwirkt. –
Lieblich duftet, ähnlich wie unsere wohlriechende Platterbse, ein
zierlicher Baum mit überhängenden Aesten, der aus der Ferne ganz weiß
erscheint von reicher Blüthenfülle. Es ist eine west-mediterrane
Ginsterart, _Genista monosperma_, die zu den anmuthigsten Pflanzenformen
im Frühjahr an der Riviera gehört. Ist auch zu jener Zeit der
Blüthenreichthum noch so groß, Jedem fällt, unter allen anderen, diese
Pflanze auf, die den Namen Blüthenregen führen sollte. Erscheint es da
nicht wunderbar, daß zu derselben Gattung, wie dieses so zart erscheinende
Gewächs, auch die _Genista acanthoclada_ gehört, ein Strauch der
griechischen Berge, der so stachelig ist, daß er für die Pflanze des
Tartarus gelten konnte: _Aspalathus_, nach der Insel Aspalathe an der
Küste von Lycien genannt, lieferte er, der Sage nach, jene Ruthen, mit
denen die Gottlosen in der Unterwelt gepeitscht wurden.
Eigenthümlich berühren den Besucher des Gartens die Casuarineen, die in
großen Exemplaren gleich unterhalb der Eingangstreppe stehen. Die
graugrünen feinen Zweige dieser Bäume hängen wie die Federn eines
Casuarschweifes herab und verschafften dem Gewächs auch seinen Namen. Die
Zweige sind blattlos; die Ernährung des Baumes, die sonst von den Blättern
besorgt zu werden pflegt, fällt hier somit den Zweigen zu. Diese sind
demgemäß auch grün gefärbt, d. h. sie führen jenen Farbstoff, das
Chlorophyll, dessen Anwesenheit für die Bereitung von Nahrungsstoff durch
die Pflanze nothwendig ist. Die Casuarineen bilden in Australien
ausgedehnte Wälder von sehr eigenem Aussehen. Wie so viele andere
australische Bäume vermögen sie dem Boden nur spärlichen Schatten zu
spenden. Die Blüthen dieser Gewächse sind so klein und unansehnlich, daß
nur das kundige Auge sie an den Zweigen zu erkennen vermag. Das Holz der
Casuarineen zeichnet sich durch seine Härte und seine Schwere aus und hat
daher den Eingeborenen zur Anfertigung von Streitkolben gedient.
Ein australischer Baum, der in den letzten Decennien ungemein rasche
Verbreitung über die Riviera gefunden hat und den der Garten von La
Mortola in nicht weniger als vierundzwanzig Arten besitzt, ist der
Eucalyptus. Jeder, der Italien einmal besuchte, kennt die Eucalypten, wenn
auch wohl nur die eine, überall vertretene Art derselben, den _Eucalyptus
globulus_. Auch dieser australische Baum gibt im Verhältniß nur wenig
Schatten; seine Blätter sind zwar von ansehnlicher Größe, sie hängen aber
an langen Stielen von den Zweigen senkrecht herab und können daher selbst
bei dichter Belaubung den Sonnenstrahlen nicht allen Durchgang verwehren.
Da auch der leiseste Windhauch diese Blätter in Bewegung setzt, so
herrscht unter den Eucalyptusbäumen ein eigenes zitterndes Zwielicht, das
allerdings erst in Eucalyptus-Wäldern voll empfunden wird. Die Eucalypten
gehören zu den Riesen der Pflanzenwelt, zu denjenigen Bäumen, welche
überhaupt die bedeutendste Größe erreichen. In Australien sind Stämme von
_Eucalyptus amygdalina_ gemessen worden, deren Höhe 156 Meter betrug und
somit genau derjenigen der Thürme des Kölner Doms entsprach, die Pyramide
des Cheops aber um fünf Meter, die Peterskirche in Rom sogar um mehr als
zwanzig Meter überstieg. Die Eucalypten wachsen auch an der Riviera
äußerst rasch und ragen schon über ihre Umgebung weit empor, ungeachtet
ihre Anpflanzung hauptsächlich erst Ende der sechziger Jahre erfolgte. Im
Garten von La Mortola erreichte ein _Eucalyptus globulus_ in sieben Jahren
neunzehn Meter Höhe und fast anderthalb Meter im Umfang. Kein in Europa
sonst bekannter Baum vermag Ähnliches zu leisten. Trotz so raschen
Wachsthums zeichnet sich das Eucalyptusholz durch große Härte aus. An
vielen Orten hat man Eucalypten angepflanzt, weil man der Ausdünstung
derselben besondere heilsame Kräfte zuschrieb. Thatsächlich kommt aber den
äußerst geringen Mengen von ätherischen Ölen, die sich um die Eucalypten
verbreiten, kaum eine merklich desinficirende Wirkung zu. Dadurch
hingegen, daß die Eucalypten rasch auf sumpfigem Boden wachsen und als
immergrüne Pflanzen Sommer und Winter Wasser aus ihren Blättern
verdunsten, tragen sie zu dessen Trockenlegung bei. Die Hoffnung, daß die
Extracte aus Blättern und Rinde der Eucalypten das Chinin ersetzen würden,
war gleichfalls übertrieben. Kommt auch diesen Extracten eine gewisse
febrifuge Wirkung zu und sind dieselben auch seit undenklichen Zeiten von
den Eingeborenen Australiens gegen Malaria verwandt worden, so stehen sie
doch dem Chinin ganz bedeutend nach. Im April sieht man die älteren
Eucalyptusstämme an der Riviera sich mit großen weißen Blüthen bedecken,
welche durch ihre äußerst zahlreichen, feinen und langen Staubgefäße
auffallen. Der Kundige erkennt an diesen Blüthen, daß der Baum zu den
myrtenartigen Gewächsen gehört. Eine Eigenthümlichkeit der Eucalypten ist
es, daß deren Blüthenknospen sich mit einem runden Deckel öffnen, der als
grüne, weißbereifte Mütze abgeworfen wird. Diese Deckel sieht man im
Frühjahr in großen Mengen unter den Eucalyptusbäumen liegen; sie
verbreiten, wenn man sie zertritt, einen sehr durchdringenden Geruch.
Neuerdings hat sich die Industrie auch dieser Gebilde bemächtigt, und in
Bordighera sah ich Kreuze und Rosenkränze, die aus trockenen,
aufgefädelten Eucalyptusblüthen-Deckeln hergestellt waren.