Streifzüge an der Riviera
by Eduard Strasburger
Project Gutenberg TEI edition , (2009-09-20)
Streifzüge
an der Riviera
Von
Eduard Strasburger.
Berlin
Verlag von Gebrüder Paetel
1895
Meiner Tochter
Anna Tobold
gewidmet
INHALT
Vorwort.
Frühjahr 1891.
Frühjahr 1894.
Frühjahr 1895.
Inhaltsübersicht.
Anmerkungen der Korrekturleser
VORWORT.
Während graue Winternebel das Rheinthal füllten, schrieb ich diese Zeilen
nieder. Welch’ ein Glück, daß auch an trüben Tagen die Phantasie uns über
die Wolken zu erheben vermag. Oft war es mir, als leuchte die Sonne hell
in meinem Innern, während es draußen dunkel war. Dann sah ich vor mir die
blaue See, an ihren Ufern die steil abfallenden Felsen und in weiter Ferne
die hohe Alpenkette mit ihrem Diadem von Schnee. Sie spiegelten sich in
meinem Geiste wider die leuchtenden Ufer des Mittelmeeres und zauberten
mir goldigen Sonnenschein und würzigen Duft der Maquis in grauen Stunden
vor. So mögen denn diese Zeilen auch in fremder Seele
Frühlingsempfindungen wecken, während es draußen noch schneit und friert.
*Bonn* 1895.
FRÜHJAHR 1891.
I.
Es war Mitte März: Wir erwarteten sonniges Frühlingswetter, und doch
regnete es an der Riviera. Unaufhörlich schlugen die Regentropfen gegen
die Scheiben, heftig oder gelinde, doch ohne Ende, so daß auch die Tage
endlos erschienen.
Mißmuthig hatte man das Buch aus der Hand gelegt, die Unterhaltungen
stockten. Bittere Klagen wurden über das Wetter laut. So Mancher war über
die Alpen geeilt in der sicheren Erwartung, jenseits derselben den viel
gepriesenen ewig blauen Himmel zu schauen; er hatte gehofft, den nahenden
Vollmond in den Fluthen des Mittelmeeres sich spiegeln zu sehen, und nun
wurde all’ sein Sehnen und Trachten zu Wasser. – Ich selbst, der ich oft
schon den Frühling in Italien zugebracht hatte, faßte die Sachlage weit
ruhiger auf. Wußte ich doch, daß auch in Italien die Regenzeit auf das
Frühjahr fällt. Würden die Felder und Gärten Italiens nicht im Spätherbst
und Frühling mit Regen getränkt, wie sollten sie Früchte tragen? Herrscht
doch in den übrigen Jahreszeiten meist die größte Dürre. Was mich
veranlaßt, trotz dieser scheinbar wenig günstigen Aussichten, doch immer
wieder gerade im Frühjahr über die Alpen zu ziehen, das ist die Sehnsucht
nach grünen Fluren und belaubten Bäumen, nach etwas Sonne und Wärme; die
Zuversicht, am Mittelmeer doch mildere Witterung als im Norden zu finden,
die Hoffnung, dort auch manchen sonnigen Tag, ja bei einigem Glück eine
ganze Reihe solcher Tage zu erleben. Nach dem langen, kahlen, kalten
nordischen Winter wirkt der Contrast am stärksten; man freut sich über das
kärglichste Grün, nimmt dankbar jeden Sonnenstrahl entgegen, während schon
Mancher zur Herbstzeit in der sonnverbrannten lombardischen Ebene sich
nach den saftreichen Matten und dem üppigen Baumwuchs der Alpen
zurücksehnte. Der Herbst pflegt auch in unseren Breiten schön zu sein,
während unser März- und Aprilwetter mit Recht berüchtigt ist. So kam es
auch in diesem Frühjahr; denn während Briefe und Zeitungen uns Kunde von
Schnee und Kälte von jenseits der Alpen brachten, hatten wir uns am
Mittelmeer alsbald des herrlichsten Sonnenscheins zu erfreuen. Ganz
besonders schön wurde es um die Osterzeit. Himmel und Erde zogen ihr
Festkleid an, um sich in unsterbliche Pracht zu hüllen. Der Ostersonntag
fand mich in Bordighera. Vor Tagesanfang brach ich auf, um den Monte Nero
zu besteigen. Doch blieb ich bald gefesselt am Cap d’Ampeglio stehen und
wartete dort den Sonnenaufgang ab. Geisterhaft verklärt tauchte Corsica in
weiter Ferne auf; vorn aber folgte das entzückte Auge der
reichgegliederten Küste, die im weiten Bogen das Meer umfaßt, als wolle
sie es liebevoll an sich schließen. Der Osten war stark geröthet, und
dieser purpurne Schein färbte in glühenden Tönen die Kämme der stahlblauen
Wellen. Kein Wölkchen trübte das Himmelsgewölbe, das aus tiefstem Blau
durch zartes Grün sich gegen die Meeresfläche senkte. Plötzlich tauchte
der rothe Sonnenball am Horizont empor und sandte seine feurigen Strahlen
über das weite Meer, als wenn er es entzünden sollte. Und tausend Lichter
drangen in die tiefen Buchten des Strandes, in die dunklen Thäler der
Küste ein, um aus denselben die Schatten der Nacht zu verscheuchen. Hell
blitzten in weiter Ferne, wie von Feuersbrunst erfaßt, die Häuser von
Monaco auf, und selbst das entfernte Antibes warf lange, goldige Strahlen
der Sonne als Morgengruß zurück. Ueberall war es wie ein Aufflammen, ein
Erwachen, und gleich einem Jubelruf tönte es durch die ganze Natur. So
feierten an jenem Morgen Himmel und Erde am blauen Mittelmeer das Fest der
Auferstehung! Ich war in dieses Schauspiel wie verloren und merkte nichts
von dem Schwinden der Zeit. So kam es, daß die Sonne schon hoch am Himmel
stand, als ich die Weiterwanderung antrat. Die ganze Meeresfläche
glitzerte jetzt von unzähligen Lichtern, als wäre sie mit Diamanten
übersäet; das ferne Corsica löste sich allmälig in einem Nebelstreifen
auf, als wäre es nur ein Traumbild gewesen. Vor mir, am Cap d’Ampeglio,
lag Alt-Bordighera, schon ganz in Sonnengluth getaucht.
Zwei Stunden sind nöthig, um den Monte Nero zu besteigen. Diese Angabe
wurde mir freilich nur nach Hörensagen gemacht, denn die Wenigsten sind
dort oben jemals gewesen. Ohne zwingenden Grund besteigt der Eingeborene
hier selten einen hohen Berg; nur eine Leidenschaft, die der Jagd, vermag
ihn in so hohe Regionen zu treiben, ungeachtet er auch dort oben nur
winzige Vögel findet, um seine Waidmannslust zu stillen.
Auf einen wirklich ortskundigen Mann war ich bei allen Nachforschungen
über den Monte Nero nicht gestoßen, und so geschah es, daß ich eigene
Erfahrungen erst sammeln mußte. Es zeigte sich, daß der ganze Gipfel des
Berges dicht bewaldet ist und weder die gepriesene Fernsicht noch irgend
welchen freien Ausblick gewährt. Reichliche Entschädigung fand ich aber
für die Mühe an dem nördlichen, vom Meere abgekehrten Abhang des Berges.
Als ich dort abzusteigen begann, gelangte ich alsbald auf einen Sattel,
der den Monte Nero von dem höheren Monte Caggio trennt. Hier konnte, von
einzelnen waldfreien Stellen aus, der Blick sich ungestört in die
tiefeingeschnittenen Thäler versenken, über sanfte Hügelketten schweifen,
den lang gedehnten Strand erreichen und sich in dem weiten Meer verlieren.
Jenseits des Grates, der das lange Dorf Colla di Rodi trägt, tauchte im
Osten ein Theil von San Remo hervor. Im Nordwesten wurde das Auge durch
die schneebedeckten Häupter mächtiger Riesen der Seealpen gefesselt. In
wunderbarer Klarheit setzten die blendend weißen Schneemassen von dem
dunklen Blau des Himmels ab, während nach abwärts das dunkle Grün der
Föhren, das dem Monte Nero seinen Namen gibt, sich durch helleres Grün der
Oliven bis zum Blau des Meeres abtönte. Nur wenige Landschaften, auch in
Italien, gibt es, welche diese an Schönheit übertreffen. Vereinigt doch
dieses Bild Alles, was berufen scheint, unser Auge zu entzücken, unseren
Verstand zu fesseln, unsere Einbildungskraft anzuregen. Der Anblick der
Schneefelder oben in den Alpen hatte dem Flug meiner Gedanken die Richtung
nach Norden gegeben. Jenseits dieser Berge mochte noch grimmige Kälte
herrschen; hier, südlich von den Alpen, war der Sieg des Frühlings über
den Winter lange schon errungen, so daß der Klang der Osterglocken, der
aus den Thälern zum Monte Nero emporstieg, nur der Freude zu gelten
schien.
Der schöne Garten vor dem Hôtel Angst stand in voller Blüthe; die Beete
glichen großen Blumenkörben. Ueppige Sträucher des capischen Pelargoniums
hatten überall ihre zinnoberrothen Blüthen entfaltet. Der peruanische
Heliotrop kletterte am Hause empor und erfüllte die Luft mit
vanilleartigem Wohlgeruch. Es gesellten sich zu diesem die Düfte von
Nelken, Reseda und von gelben Theerosen. Die Blätter immergrüner Bäume
leuchteten im Garten von Licht überfluthet; sie warfen auf die Wege
dunkelblaue Schatten. Unter den Palmen saß ein junges Ehepaar, das ich bei
der Heimkehr begrüßte. Ihm ward das Glück zu Theil, seine Flitterwochen am
Mittelmeer zu feiern. Jener sonndurchglühte, blumenreiche Ostersonntag, an
welchem die Natur alle ihre Schätze so verschwenderisch über die Riviera
ausgeschüttet hatte, wird diesem Paar wohl einer der höchsten Feiertage
des ganzen Lebens bleiben.
Nicht weniger als vier Thäler münden in die schmale Ebene, die sich längs
des Meeres vom Cap von Ampeglio bis nach Ventimiglia hinzieht. Daher
lassen sich von Bordighera zahlreiche Ausflüge unternehmen, täglich fast
mit neuer Abwechselung. Da man im Hôtel Angst zugleich vorzüglich
aufgehoben ist, wird man seinen Aufenthalt in Bordighera gerne verlängern.
Ob Bordighera auch eine geeignete Station für Brustkranke ist, vermag ich
nicht zu beurtheilen. Seiner ins Meer weit vorgeschobenen Lage wegen ist
der Ort den Winden stark ausgesetzt, doch streifen diese Winde ganz
vorwiegend über das Meer, sind daher weniger kalt und trocken als an
vielen anderen Plätzen der Riviera. Es herrscht somit in Bordighera die
Seeluft vor, welche auf Reisende, die nur Erholung suchen – und deren Zahl
wird an der Riviera alljährlich größer – sehr anregend und belebend wirkt.
Keinesfalls dürfte man, selbst bei kurzem Aufenthalt, in Bordighera es
versäumen, einen Ausflug nach Sasso zu unternehmen. Sasso ist ein kleines
Dorf, auf dem Bergrücken gelegen, der die Thäler von Sasso und von
Borghetto trennt. Der Ort liegt nur vier Kilometer von Bordighera
entfernt, und man erreicht ihn sowohl durch das Thal von Sasso, das
östlich von Bordighera mündet, als auch dem Bergrücken folgend, auf dem
Alt-Bordighera steht. In dem Ort selbst ist nichts zu bewundern: schön
erscheint er nur aus der Entfernung. Seine hohen, zu einer Masse
verschmolzenen, nach außen nur von wenigen Fenstern durchbrochenen Häuser
rufen den Eindruck einer einzigen gewaltigen Festung hervor. Besonders
malerisch ist der Blick auf Sasso von dem Wege aus, der zwischen alten
Olivenbäumen oben dem Bergrücken entlang läuft. Er überrascht uns ganz
plötzlich an einer Straßenwendung, nachdem der steile Pfad die Höhe
erklommen hat. Von zahlreichen Stellen des Weges überschaut der Wanderer
alsdann die beiden Thäler von Sasso und von Borghetto; er kann mit dem
Blick auch weiter dringen bis in das Thal von Vallecrosia, während ihm
gleichzeitig über den nahen Hügelreihen die schneebedeckten Häupter der
Seealpen entgegenleuchten. – Wie oft habe ich mich stundenlang an diesem
Wege aufgehalten, von Zeit zu Zeit den Platz verändernd, um das Bild in
anderer Umrahmung zu bewundern. Hier war es nur ein einziger
phantastischer Schneepalast, der in lichtes Grün der Oliven gefaßt, mir
entgegenstarrte; dort tauchte mein Blick tief in ein Thal hinab, um auf
den dichtgedrängten Häusern einer buntscheckigen Ortschaft zu ruhen, oder
es folgte auch mein Auge dem Lauf eines Baches, der, zwischen
Oleanderbüschen versteckt, in zahlreichen Windungen dem Meer zueilte; oder
es war wieder Sasso, welches über Baumwipfeln, wie in einem grünen Meer,
zu schweben schien, oder endlich die tiefeingeschnittene Küste und das
weite Meer, auf welchem der ermattete Blick Rast machen konnte. Welche
Fülle von Motiven für den Landschaftsmaler! Ich mußte mich begnügen, die
Bilder in mein Inneres aufzunehmen, wo sie freilich auch jetzt noch
farbig-sonnigen Widerschein finden.
II.
Die Olivenhaine, durch welche man am Bergrücken entlang nach Sasso
wandert, sind von seltener Schönheit: alte, knorrige Stämme, oft auf
mehreren Füßen, wie auf Stelzen, in die Lüfte ragend. Man bleibt gern
stehen, um einzelne dieser Bäume zu bewundern, erfreut sich dann auch des
Gegensatzes, den die dunkel beschatteten Stämme gegen das leuchtende Blau
des Himmels und des Meeres bilden. Zauberhaft schön ist es aber in einem
solchen Olivenhain des Abends zu wandeln, wenn der Vollmond über dem Meere
steht. Da glänzen so eigenartig die mattgrauen Blätter der Bäume, und es
blitzt bei jedem Windhauch wie Silber aus den Zweigen. Auch der lange
Mondstreifen im Meere scheint sich zu beleben, er wiegt sich auf den
Wellen, folgt bebend ihrem Lauf und zerschellt mit ihnen am Strande zu
leuchtendem Schaum.
Die Blüthezeit des Oelbaumes fällt in den Mai oder Juni. Dann ist er dicht
bedeckt von kleinen, gelblichweißen Blüthen, die einen lieblichen Geruch
verbreiten. Diese Blüthen erinnern an diejenigen unserer Rainweide, des
_Ligustrum vulgare_, eines Strauches, der in Wirklichkeit auch dem Oelbaum
nahe verwandt ist. Die Früchte des Oelbaums sind Steinfrüchte von länglich
runder Gestalt. Die unreifen Früchte haben grüne Färbung, verschwinden
daher im Laub; doch beim Reifen werden sie schwarzblau und treten dann
scharf hervor. Ein alter Brauch verlangt, daß die Ernte der Oliven am
21. November beginne; sie dauert im Dezember fort. Ungünstige
Witterungsverhältnisse können die Ernte an der Riviera freilich sehr
verzögern. So kam es, daß im Frühjahr 1891 die meisten Bäume um Bordighera
noch voll Oliven hingen. Manche Bäume waren mit Früchten so stark beladen,
daß man das Laub kaum sehen konnte. Die Olivenernte war Anfang April in
vollem Gange. Arbeiter und Arbeiterinnen zogen mit Säcken und Körben
bepackt in den Olivenhain. Dort sah man die Männer auf die Bäume steigen
und mit Stangen gegen die Aeste schlagen. Frauen und Kinder hockten am
Boden, um die Früchte aufzulesen. Von allen Seiten schallte dem Wanderer
der trockne Ton der Schläge aus den Bäumen entgegen, und überall unter den
Bäumen ging die mühevolle Arbeit des Sammelns von statten. Stundenlang
verharren die Sammler in gebückter Stellung, um die Oliven einzeln
aufzuheben, und doch wäre es so einfach, sich einen großen Theil der
Arbeit zu sparen. Westlich von Nizza legen die Olivenbauer große Tücher
unter die Bäume und fangen die Oliven mit diesen auf. Freilich wird auch
dort noch mit Stangen gegen die Zweige geschlagen, ungeachtet schon
Plinius im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt vor diesem rohen
Verfahren warnt, da es die Bäume schädigt. Gegen althergebrachte Sitte ist
eben schwer anzukämpfen, sie setzt zähen Widerstand jeder Neuerung
entgegen. In Bordighera warten die Olivenbauer meist, bis ihre Oliven ganz
reif sind. Ein großer Theil der Früchte ist dann schon von selbst vom Baum
gefallen. Alles das wird zusammen von dem Boden aufgelesen und liefert ein
entsprechend schlechtes Öl. Denn feine Tafelöle preßt man aus solchen
Früchten, die erst zu reifen beginnen. Diese müssen auch mit der Hand vom
Baume gepflückt werden, um weder Quetschung noch Verwundung zu erleiden.
Aus solchen Früchten gewinnt man jene Öle, die wir als Provencer Öle
bezeichnen. Der Provence entstammen sie freilich nur zum kleineren Theil,
zum größeren Theil Italien. Dort ist es vornehmlich Apulien und zwar die
Gegend südlich von Bari, welche diese feinen Sorten erzeugt. Sie liefert
jetzt sehr gute Öle, während in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts das
apulische Öl noch ebenso schlecht und ranzig schmeckte, wie andere
süditalienische Sorten. Auch in Apulien betrieb man die Ernte der Oliven
damals ganz lässig und verfügte nur über sehr schlechte Ölpressen.
Charakteristisch genug, als das antike Modell einer Ölpresse in Pompeji
aufgefunden wurde, begrüßte man es in Apulien als einen Fortschritt und
führte es an verschiedenen Orten ein. – Von Bordighera bis zum Esterel
wird vorwiegend nur geringwerthiges Öl gewonnen, das als Maschinenöl
Verwendung findet oder der Seifenfabrikation dient; Nizza bezieht die
feinen Öle, die es vertreibt, vorwiegend aus der Ferne.
Die Früchte, die man zum Zwecke feinster Ölgewinnung sorgsam pflückte,
breitet man zunächst in dünnen Lagen auf Horden aus. Dort trocknen sie an
der Luft oder bei künstlicher Wärme, bis sie runzlich werden. Haben sie
einen Theil ihres Wassers in solcher Weise eingebüßt, so kommen sie in die
Ölmühlen. Es sind das meist steinerne Behälter, in welchen die Oliven
durch Mühlsteine zermalmt werden. Schon bei diesem Verfahren fließt etwas
Öl ab, das als das feinste Tafelöl gilt, kaum aber in den Handel kommt.
Der in der Mühle hergestellte Brei wird in Bast- oder Jutesäcke gefüllt
und in einer Kelter gepreßt. Bei schwachem Druck fließt jetzt zunächst das
beste, dann etwas weniger gutes Speiseöl ab. Dieses Oel wird als
Jungfernöl »_huile vierge_« bezeichnet. Dann gelangen die Trester in
hydraulische Pressen und liefern ein Öl, das der Seifenfabrikation oder
auch gewerblichen Zwecken dient. Dann werden die Trester mit warmem Wasser
angerührt und nochmals gepreßt, wandern schließlich oft noch in Fabriken,
wo man ihnen den Rest ihres Öles durch chemische Mittel entzieht.
Das Speiseöl, das aus der Kelter fließt, muß sorglich geklärt werden,
bevor es zum Verkauf gelangt. Man bringt es in dunkle kühle Räume, wo über
einander die nöthigen Bottiche zur Aufnahme des Öls sich befinden. Das
unklare Öl gelangt in das oberste Gefäß, fließt aus dem Spundloch
desselben durch einen durchlöcherten Zinkkasten, der mit Watte
ausgekleidet ist, in einen zweiten Bottich und aus diesem nochmals durch
Watte in einen dritten. Die Watte muß am nämlichen Tage oft mehrfach
erneuert werden. Aus dem dritten Bottich gelangt das Öl in Cisternen, die
man in Nizza mit Porzellanplatten auszukleiden pflegt. Hier steht das Öl
wohl an die drei Monate, bevor es in Flaschen gefüllt und versandt wird.
So überreife, abgeschlagene und am Boden faulende Oliven, wie wir sie in
Bordighera hatten ernten sehen, können nur ranzige Öle ergeben. Die
kleinen Besitzer, welchen die Ölhaine hier gehören, liefern ihre Früchte
an fremde Mühlen ab und pflegen für die Pressung in Oliven oder in Öl zu
zahlen. Aus den Ölpressen der Mühlen floß zur Zeit unseres Besuches eine
Flüssigkeit ab, welche alle Bäche von Bordighera in braunen Tönen färbte.
Bei ruhigem Wetter zeichnete sich die Mündungsstelle jedes Flüßchens als
brauner Streifen ziemlich weit im Meere ab.
Im Alterthum hieß es allgemein, daß der Ölbaum nur in der Nähe des Meeres
gedeihe. Man rechnete aus, daß er sich von demselben nicht über
dreihundert Stadien, somit nicht über 7-1/2 geographische Meilen entferne.
Es ist nicht zu leugnen, daß der Ölbaum den Seestrand bevorzugt, doch
hängt das nicht mit dem unmittelbaren Einfluß der großen Wasserfläche,
vielmehr mit dem gleichmäßigen Klima zusammen, welches durch dieselbe
gefördert wird. Denn der Ölbaum kann anhaltenden Frost nur sehr schlecht
vertragen. Auch bevorzugt der Ölbaum den Kalkboden, den er hier an der
Riviera reichlich vorfindet. Ein besonders günstiges Zusammenwirken von
Klima und Boden, verbunden mit sorglichster Behandlung der Früchte, ist
aber erforderlich, damit der Ölbaum ein so feines Öl, wie etwa in Apulien,
erzeuge.
Die Mühlen, in welchen das Öl gepreßt wird, sind fast immer alte
malerische Bauten. Sie suchen oft steile Stellen in den Schluchten auf, um
die Kraft des Baches, der dort abwärts braust, zu nutzen. Wie
Schwalbennester kleben sie an den Felsen.
Wer zur Frühjahrszeit durch die Olivenwälder um Bordighera streift, muß
darauf bedacht sein, nicht in die Schußlinie der »Cacciatori« zu gerathen.
Denn um diese Zeit bewegen sich jene durch alle Haine, Gärten und Fluren,
um als einziges Wild die kleinen Vögel zu erlegen. Für die italienische
Riviera, wie für Italien überhaupt, hat dieser Sport ganz bedenkliche
Folgen, da die Vernichtung der Vögel eine entsprechende Vermehrung der
Insekten nach sich zieht. Nicht nur verschwinden aus Italien die heiteren
Sänger, welche die Wälder und Gärten in anderen Ländern in so lieblicher
Weise beleben, sondern es nimmt auch die Zahl schädlicher Insekten in
bedenklicher Weise dort zu. Dem Ölbaum besonders nachtheilig ist _Decus
oleae_, der sich von dem Fruchtfleisch der Oliven nährt. Er wird von den
Franzosen _la Mouche_, von den Italienern _Macha del Olivo_ genannt. Die
Fliege legt ihre Eier in ganz junge Fruchtanlagen, und die Maden, welche
diesen Eiern entschlüpfen, leben dann auf Kosten der sich entwickelnden
Frucht. Sie verpuppen sich schließlich in derselben und verlassen sie als
fliegende Brut. Gelangen sie mit den Oliven in die Mühle, so leidet der
Geschmack des Öls von denselben.
Von einer Wanderung durch die Olivenhaine kehrt man wohl stets, mit einem
Blüthenstrauß geschmückt, nach Hause. Denn sie sind zu verlockend, diese
Frühlingsgaben der Flora, zu lieblich, als daß man an ihnen so flüchtig
vorbeieilen sollte. Ueberall stehen unter den Bäumen die dunkelblauen
Traubenhyacinthen, die bisamartigen Duft verbreiten; besonders schön ist
die eine Art (_Muscari comosum_), die einen amethystfarbigen Schopf über
dem sonst unscheinbaren Blüthenstande trägt. Hier und dort schaut aus dem
Rasen eine blühende Orchidee hervor. Meist ist es eine Art der Gattung
Ophrys, jener merkwürdigen Orchideen-Gattung, deren Blüthen ganz den
Insekten gleichen. Bei _Ophrys aranifera_ erinnern sie an Spinnen: man
meint die vorgestreckten Beine und den aufgedunsenen braunen Leib eines
solchen Thieres zu sehen. Auch _Ophrys Arachnites_ ist spinnenähnlich und
zeigt einen purpurbraunen, grün verzierten Leib. Die schönste dieser
Ophryden scheint mir aber die _Ophrys Bertolonii_, mit dunkelrothen
Blüthen, zu sein. Doch Ophrys-Arten hat der Nordländer vielleicht schon in
seiner Heimath gesehen und fesselt ihn daher mehr eine andere Orchidee von
ungewohnter Gestalt: die _Serapias Lingua_, vielleicht gar _Serapias
longipetala_, deren rothbraune Blüthen, von rothen Deckblättern fast
verhüllt, nur ihre Lippen nach außen vorstrecken. Mit Freuden begrüßt er
eine wilde Tulpe (_Tulipa Celsiana_), deren hellgelbe Blüthen sich auf
langen Stielen wiegen. Die Siegwurz (_Gladiolus segetum_) mit rosenrothen,
einseitig aufgereihten Blüthen tritt ihm auch an zahlreichen Stellen
entgegen. In seinem Strauß nimmt er dann noch gern das weißblüthige
_Allium neapolitanum_ auf, denn gehört jene Pflanze auch zu den
Laucharten, so duften doch ihre weißen Blüthenstände in angenehmer Weise.
Hauptsächlich sind es aber die gelben Tazetten, welche dem Strauß
Wohlgeruch verleihen, während seine Farbenpracht gehoben wird durch eine
reiche Auswahl bunter Anemonen (_Anemone coronaria_ und _hortensis_).
Ebenso alt als Kulturpflanze wie der Ölbaum ist der Weinstock, die beide
daher von Alters her zusammen genannt werden. – »Zwei Flüssigkeiten thun
dem menschlichen Körper besonders wohl,« heißt es in der Naturgeschichte
des Plinius, »innerlich der Wein, äußerlich das Öl; beide stammen aus dem
Pflanzenreiche und sind vorzüglich, doch das Öl ist das nothwendigere.«
Das trifft für das Öl heut nicht mehr zu. Im Alterthum rieb man sich mit
demselben nach dem Bade den Körper ein; jetzt wird es äußerlich allenfalls
nur noch als Marseiller Ölseife angewandt. – Wie in dem Werke des Plinius
tritt uns auch an der Riviera der Weinstock vielfach neben dem Ölbaum
entgegen. Doch an der Küste selbst herrscht der Ölbaum vor. Denn im
Gegensatz zum Ölbaum meidet der Weinstock die nächste Nähe des Meeres.
Andererseits verträgt er viel stärkere Gegensätze der Temperatur, so daß
seine Cultur selbst weit im Norden versucht werden konnte. Im vierzehnten
Jahrhundert drang der Weinbau bis in das preußische Ordensland, selbst bis
nach Tilsit vor, und wenn er sich heute, um so viel weiter, nach Westen
und Süden zurückgezogen hat, so geschah dies nur, weil er in nördlicheren
Gegenden ertragsfähigeren Producten weichen mußte.
Der Ölbaum ist sicher am Mittelmeer einheimisch, andererseits muß
angenommen werden, daß seine Cultur im Orient begann, daß Culturformen des
Baumes sich von da aus verbreitet haben, und schon in vorhomerischer Zeit
nach Griechenland gelangten. Den Weinstock (_Vitis vinifera_) fanden die
Culturvölker ebenfalls als wilde Pflanze auf europäischem Boden vor. Ja
heut noch meint man südlich und nördlich von den Alpen stellenweise die
Pflanze im ursprünglichen Zustande anzutreffen, doch ist es meist schwer
zu entscheiden, daß sie nicht verwildert sei. Am üppigsten gedeiht die
wilde Weinrebe heute um das schwarze Meer, und man hat an den südlichen
Abhängen der Krim Stämme bis zu anderthalb Meter Umfang gemessen. Die
Cultur des Weinstocks ging allem Anschein nach vom westlichen Kleinasien
aus und ist einem indogermanischen Volke zu verdanken.
Von den Weinen der westlichen Riviera waren im Alterthum schon die von
Massilia, also des heutigen Marseille, bekannt, zeichneten sich aber nicht
durch ihre Haltbarkeit aus, so daß man sie räuchern mußte. Es geschah das
in Rauchkammern nach orientalischer und griechischer Sitte. Im
Wesentlichen war das ein ähnliches Verfahren wie das heutige
Pasteurisiren. Ganz wie man heut den Wein bis auf mindestens 60° C.
erwärmt, um die schädlichen Keime in demselben zu tödten und so seine
Haltbarkeit zu erhöhen, wurde im Alterthum der Wein in wohl verschlossenen
Gefäßen durch heißen Rauch erhitzt. Das Feuer befand sich in einem unteren
Raume, und Rauch und Hitze stiegen, durch ein Rohr geleitet, in das obere
Geschoß, in dem der Wein sich befand. Der Rauch gelangte dort durch
angebrachte Öffnungen ins Freie. Dieses Verfahren konnte den Geschmack des
Weines nicht wesentlich beeinflussen, wohl aber mußte das geschehen bei
Zusatz von Seewasser zum Most, wie er in Kleinasien und Griechenland
häufig geübt wurde. Auch mit Gips, Kalk, Marmor, Thon, Pech oder Harz hat
man die Weine versetzt, um sie haltbarer zu machen und ihnen zugleich
einen bestimmten Geschmack zu verleihen. Es bemerkt aber bereits Plinius,
daß der bekömmlichste Wein immer derjenige sei, dessen Most ohne
fremdartigen Zusatz bleibe; denn welcher noch so Gesunde, meint er, sollte
nicht Scheu haben vor Weinen, die Marmor, Gips oder Kalk enthalten?
Überhaupt klagt Plinius sehr über die Verfälschung der Weine; es sei damit
so weit gekommen, daß nur der Name des Weinlagers den Preis der Weine
bestimme und daß man den Most schon in der Kelter verfälsche. Daher seien,
so wunderlich dies auch klinge, die am wenigsten gekannten Weine oft die
unschädlichsten. Das Anmachen des Weines mit Seewasser wird von Plinius
als für den Magen vorzüglich gepriesen. An eine bekannte neuere
Heilmethode erinnert seine Mahnung, daß wer hager werden will, während der
Mahlzeit dursten oder doch nur wenig trinken soll. – Durch Einkochen und
durch Hinzufügen von Kräutern suchte man im Alterthum vielfach die
Haltbarkeit der Weine zu erhöhen, in ähnlicher Weise wie dies heute durch
Zusatz von Alkohol geschieht. Daß die Römer Weinschmecker ersten Ranges
waren, geht genugsam aus den Angaben der alten Schriftsteller hervor. Die
Menge der zum Verkauf angebotenen Weinsorten verglich Virgil bereits mit
derjenigen des lybischen Sandes und der Meereswellen. Man trank in Rom
meist schon ungemischte Weine, das heißt ohne den einst üblichen Zusatz
von Wasser; man kühlte sie mit Eis, versetzte sie öfters mit Gewürzen und
fing an, nach alten Jahrgängen zu trachten. Guter Wein mußte acht bis zehn
Jahre alt sein, um geschätzt zu werden, und selbst von zweihundertjährigen
Weinen sind uns Berichte erhalten. So mundete dem Kaiser Caligula (37–41
n. Chr.) Wein vom Jahre 121 v. Chr., dem besten Weinjahre, dessen sich
Italien zu erinnern wußte. Es war Italien selbst, das zu Plinius’ Zeiten
die geschätztesten Weinsorten producirte, so daß Plinius wohl behaupten
durfte, Italien nehme mit seinen Weinen die erste Stelle unter allen
Ländern ein und sei nur in der Erzeugung von Wohlgerüchen von einigen
derselben übertroffen: es gebe übrigens, fügt er hinzu, keinen Wohlgeruch,
der denjenigen des blühenden Weinstocks übertreffe. – Auch in der
römischen Zeit wurde der Weinstock bereits in kunstgerechter Weise
zugeschnitten, doch ließ man ihn je nach der Gegend in verschiedener Weise
wachsen. In Campanien schlang er sich empor an der Pappel, umfing sie wie
seine Gattin, streckte seine üppigen Arme auf gewundenen Bahnen zwischen
ihre Aeste, bis er ihren Gipfel erreichte. Da pflegte der Winzer, zur
Arbeit gemiethet, sich außer dem Lohne vom Gutsherrn einen Scheiterhaufen
und ein Grabmal auszubedingen, falls ihn bei der Weinernte ein Unfall
treffen sollte. Anderswo waren ganze Landhäuser von den schmiegsamen
Aesten eines einzigen Weinstocks umflochten, und in Rom lustwandelte man
in den Säulenhallen der Livia im Schatten eines Weinstocks, der zwölf
Amphoren Wein lieferte. In manchen Theilen Italiens zog man den Weinstock
an Pfählen, in noch anderen ließ man ihn auf dem Boden kriechen, in all’
jener Mannigfaltigkeit der Behandlung, die auch heut noch dem Wanderer in
Italien auffällt. Hier, meint Plinius, schimmerten purpurne Trauben aus
dem grünen Laub hervor, dort leuchteten sie in rosenrothem Glanz, dort
endlich in saftigem Grün. An dem einen Orte sah man runde, an dem anderen
längliche, hier kleine, dort große, hier harte und dickschalige, dort
saftige und dünnschalige Beeren. Manche Trauben hing man im Zimmer an
einem Faden auf, um sie länger zu erhalten, andere versenkte man in süßen
Wein und ließ sie sich so im eigenen Safte berauschen. Auch gab es
Trauben, die man räucherte, ähnlich wie es mit manchen Weinen geschah.
Plinius erzählt, daß Kaiser Tiberius geräucherte afrikanische Trauben ganz
besonders liebte.
Nach dem Sturze Roms zerfiel auch der Weinbau in Italien. Nachlässig
wurden die Trauben geerntet, sorglos gekeltert, und der Most lange auf den
Trestern gelassen, damit der Wein jene dunkle Farbe erlange, wie sie im
Lande beliebt war. Solche Weine konnten sich nicht lange halten, wurden
von fremden Ländern daher auch nicht begehrt. Doch in neuester Zeit
beginnt sich das zu ändern; Weinbau und Weinbereitung in Italien sind in
erfolgreichem Aufschwung begriffen.
Die alte Sitte, den Wein in Schläuchen zu befördern und dann in Amphoren
aufzubewahren, hat sich jetzt auch im Süden verloren. Hölzerne Tonnen, die
zur Römerzeit bei den cisalpinischen Galliern und den Alpenvölkern in
Gebrauch waren, fanden ihren Weg damals schon nach Italien.
III.
Das Bild von Bordighera schwebt der Erinnerung stets umrahmt in Palmen
vor, so wie man sich einst die alte syrische Stadt Palmyra nicht anders
als im Palmenschmuck vorstellen konnte. In der That gedeihen nirgends an
der Riviera die Dattelpalmen besser als in Bordighera. An der Ostseite des
Cap d’Ampeglio sind wahre Palmenwäldchen zu sehen. Diese östliche Bucht
ist ganz besonders gegen die Nordwestwinde geschützt. Zwischen den Mauern
palmenreicher Gärten, über welchen schlanke Stämme ihre Krone neigen,
empfangen wir ganz afrikanische Eindrücke und können vergessen, daß uns
die volle Breite des Mittelmeeres von dem Lande der Oasen trennt.
Pietätvoll wandern deutsche Reisende zu jener malerischen Palmengruppe
hin, die in einer halben Stunde Entfernung, östlich von Bordighera, zu
Madonna della Ruota den Meeresstrand schmückt. Es sind das die Palmen, die
Scheffel in seinem Liede »Dem Tode nah« besang, und unter welchen er ein
Grab sich träumte. Sie stehen, einige zwanzig an der Zahl (nicht zwölf,
wie es in dem Liede heißt), um eine alte Cisterne und erwecken an dem
einsamen, wilden Orte, von Meereswellen umspült, in der That poetisches
Empfinden. Daß dieses hier nicht allein ein deutsches Gemüth ergreift,
geht aus der Schilderung hervor, welche Charles Garnier, der Erbauer der
Pariser Großen Oper und des Casinos in Monte Carlo, von diesem Ort in
seinen »_motifs artistiques de Bordighera_« entwirft. Der Stil der
Schilderung ist freilich etwas überschwänglich und erinnert an jene
Verzierungen, welche die Garnier’schen »Prachtbauten« überreich schmücken:
»Das ist der Ort, wohin ihr ziehen müßt, ihr Künstler; das ist die Stätte,
die ihr sehen müßt, ihr Poeten; das ist der Erdwinkel, der euch fesseln
muß, ihr Alle, die ihr nach lebendigen und mächtigen Eindrücken strebt,
und die ihr findet, daß unser Herz höher schlägt im Anblick der Natur!
Werden Erinnerungen an den Orient in euch schon wachgerufen, wenn ihr das
alte Bordighera und seine Umgebung durchwandert, so steht ihr hier nicht
mehr vor dem Vergleich, nicht mehr vor Ähnlichkeiten, nein, ganz Judäa
findet sich in diesem Eindruck verkörpert. Das ist der Brunnen der
Samariterin, der Brunnen der Rebecca; das sind die Juden, die Apostel, das
ist Jerusalem, Nazareth, Bethlehem, die sich euch offenbaren in jenem
bescheidenen Flecken bordigherischen Vorgebirges.« – Die sturmgepeitschten
Palmen um diese alte Cisterne, mit dem unvergeßlichen Hintergrund des
Meeres, haben zahlreichen Malern schon das Motiv zu stimmungsvollen
Bildern gegeben. Es verursachte daher in Künstlerkreisen einige Aufregung,
daß der Ort, vom deutschen Kunstgärtner Ludwig Winter angekauft, in einen
Garten verwandelt werden sollte. Die endliche Verwerthung des Grundstückes
in so dicht bevölkerter Gegend war aber nicht zu vermeiden; es muß noch
als ein besonders glücklicher Zufall angesehen werden, daß dieser schöne
Flecken Erde in kunstsinnige Hände gelangte. Herr Winter hat dem äußersten
Vorsprung des Vorgebirges, das die Scheffel-Palmen trägt, seinen
ursprünglichen Charakter gelassen und den Garten harmonisch zu der
Umgebung gestimmt. – Anemonen, Reseda, Nelken und üppig blühende
Rosensträucher decken jetzt den Abhang; große Palmen, die man hierher
verpflanzte, entspringen dem zuvor so kahlen Boden; um einen weiten
Wasserbehälter, wie man sie an der Riviera oft sieht, ist eine Pergola
errichtet, zu deren Säulen die Palme den architektonischen Gedanken gab.
Im alten Testament werden die Dattelpalmen mit stolzen Königstöchtern
verglichen. Nicht allen Dattelpalmen in den bordigherischen Gärten kommt
aber so edle Gestalt zu. Es hängt das mit der Behandlung zusammen, welche
die meisten Dattelpalmen hier erfahren. Man nimmt ihnen alljährig einen
Theil ihrer Wedel. Die Familie Bresca in San Remo erhielt schon im
sechzehnten Jahrhundert vom Papst Sixtus V. das Privilegium, Palmenwedel
für den Palmsonntag nach Rom zu liefern, angeblich eine Belohnung für den
Schiffscapitän Bresca, der im Jahr 1586, während der Aufstellung des
Obelisken auf dem Sanct Petersplatz, als die trockenen Taue zu versagen
drohten, durch den rechtzeitigen Ruf: »Wasser auf die Taue!« dem
Baumeister Fontana aus schwerer Verlegenheit half. Die Familie Bresca ließ
ihre Palmen in Bordighera ziehen, in dessen sandig-lehmigen Boden die
Dattelpalme besser als in dem schweren Lehmboden von San Remo gedeiht. So
reicht die Palmenindustrie Bordigheras bis in das Mittelalter zurück, und
auch heute noch ist es dieser Ort, der die meisten Palmenwedel zur Feier
des Palmsonntags nach Rom entsendet. Den Palmenwedel hat die christliche
Kirche, wie so viele andere Symbole, der Bildersprache des Orients, des
Heidenthums und des Judenthums entnommen, und wie Palmenwedel bei den
Festen des Osiris in Ägypten, bei dem feierlichen Einzuge der Könige und
der Königshelden in Jerusalem und bei den olympischen Spielen prangten, so
schmücken sie heute noch am Palmsonntag die Altäre katholischer Kirchen.
Statt frei in den Lüften ihre Wedel zu schaukeln, müssen die meisten
Palmen zur Herbstzeit es erdulden, daß ihre Krone im Innern
pferdeschweifartig zusammengebunden werde. Diese Behandlung bezweckt eine
bestimmte Ausbildung der neu hervorwachsenden Wedel. Nicht alle Palmstämme
sind für diese Behandlung gleich geeignet, und unter den geeigneten werden
noch solche unterschieden, die mehr für den katholischen und solche, die
mehr für den jüdischen Ritus sich schicken. Denn auch die Juden brauchen
Palmenwedel bei dem Laubhüttenfest. Der Bordighese bezeichnet kurzweg die
eine Dattelpalme als »_Cattolica_«, die andere als »_Ebrea_«. – Die
Blätter der katholischen Palme sind schlanker, die der jüdischen kürzer
und gedrungener. An der katholischen Palme bindet man die mittleren Wedel
fest zusammen, damit die neuen Wedel bei thunlichstem Lichtabschluß sich
entwickeln und so möglichst farblos bleiben. Denn bei der Feier des
Palmsonntags sollen sie nicht allein ein Siegeszeichen, sie sollen auch
ein Bild himmlischer Reinheit sein. Im Dunklen werden solche Wedel auch
schlank und lang; sie laufen spitz an ihren Enden aus und bleiben biegsam
und weich, so daß sie leicht in beliebige Formen geflochten werden können.
An den jüdischen Palmen werden die älteren Blätter weniger stark
verbunden, das Licht ist somit von den jüngeren Blättern nicht ganz
ausgeschlossen, diese können daher auch ergrünen. Sie bleiben zugleich
kürzer, schließen mit stumpfer Spitze ab und werden härter. Mit dem
Palmenwedel verbinden die Juden beim Laubhüttenfest die Myrte und die
Bachweide zum Feststrauß und halten, während dieser in der rechten Hand
geschwungen wird, einen »Paradiesapfel« in der Linken. Das Laubhüttenfest
ist ursprünglich das Erntefest der Juden. Es verlor aber in den fremden
Ländern diese seine Bedeutung und behielt nur die andere historische, die
ihm ebenfalls von Alters her zukam, eine Erinnerung an den göttlichen
Schutz während der Wüstenwanderung zu sein. Die Wahl der vier »Arten« im
Feststrauß hat die mannigfaltigsten symbolischen Deutungen erfahren; sie
mochte vielleicht ursprünglich die Vegetation Palästina’s versinnbildlicht
haben. Durch religiöse Vorschriften wurden die vier »Arten« späterhin in
starre Formen gefaßt, und wie der Palmenwedel, so müssen auch die
Myrtenzweige und die Bachweide ganz bestimmte Gestalt besitzen. Die Myrten
im Besonderen werden für die rechtgläubigen Juden in genau
vorgeschriebenen Formen gezogen. Der Zweig muß eine Höhe haben, die drei
Handbreiten gleichkommt und die Blätter in dreigliedrigen Wirteln tragen.
Sind die Wirtel aufgelöst, d. h. die Blätter nicht zu dreien in gleicher
Höhe befestigt, so ist der Zweig unbrauchbar. Eher geht es an, einen Zweig
zu benutzen, der die Blätter nur zu zweien in gleicher Höhe trägt. Ein
solcher Zweig ist im Nothfall zulässig, steht aber im Preise weit hinter
der wahren »Hadassah« zurück.
Die katholische Kirche hat sich in Betreff der Palmen, welche der
Palmsonntag verlangt, viel nachsichtiger gezeigt. In nordischen Ländern
hat der Buchsbaum, ja selbst der kätzchentragende Weidenzweig, das
Palmenblatt ersetzt. An der Mosel wird der Buchsbaum geradezu als »Palm«
bezeichnet, und auch die aus Weiden gebundenen Festzweige heißen Palmen in
slawischen Ländern.
Die Palmen hatten im Winter 1890/91 eine schwere Probe an der Riviera zu
bestehen, als das Thermometer für mehrere Stunden auf 6° C. unter 0
gesunken war. Besonders bewährten sich bis jetzt im bordighesischen Klima,
außer den Dattelpalmen (_Phoenix dactylifera_), die canarische _Phoenix
canariensis_, die kalifornische _Pritchardia filifera_, die australische
_Livistona australis_ und die chinesische _Chamaerops excelsa_. Daß
außerdem die Zwergpalme, _Chamaerops humilis_, gut in Bordighera gedeihe,
ist nicht wunderbar, da sie der Mittelmeerflora thatsächlich angehört; sie
ist unsere einzige europäische Palme, in Sicilien heimisch. In Algier
deckt sie große Flächen. Man suchte sie dort auszurotten, um den Boden für
neue Culturpflanzen zu gewinnen, jetzt sorgt man für ihre Verbreitung. Vom
lästigen Unkraut, als welches sie betrachtet wurde, ist sie zu einer
wichtigen Nutzpflanze avancirt. Entsprechend zubereitet, liefern nämlich
die Blätter der Zwergpalme sehr elastische Fasern, die gleich Pferdehaaren
zum Ausstopfen der Möbel und Matratzen dienen können. Den Pferdehaaren
gegenüber zeichnen sie sich nicht nur durch ihre Billigkeit, sondern auch
dadurch aus, daß sie nicht von Motten befallen werden. Im Gegensatz zu den
Phoenix-Arten, die gefiederte Blätter besitzen, sind die Pritchardien,
Coryphen, Chamaerops-Arten mit fächerförmigen Blättern versehen. Ihr
Aussehen weicht somit nicht unwesentlich von demjenigen der Dattelpalmen
ab, so daß ihre Acclimatisation an der Riviera auch in landschaftlicher
Beziehung als ein Gewinn betrachtet werden kann. Zu bedeutender Höhe ist
in zahlreichen Gärten die _Chamaerops excelsa_ bereits emporgewachsen. Sie
gehört zu den härtesten der eingeführten Arten, so daß sie ohne Bedeckung
selbst das Klima der Insel Wight verträgt. _Pritchardia filifera_ ist der
zahlreichen weißen Fäden wegen, die den Blatträndern entspringen, sehr
beliebt, verbreitet sich demgemäß auch rasch an der ganzen Riviera. Zu den
häufigsten Palmen dürfte dort auch bald die _Phoenix canariensis_ gehören,
welche der Dattelpalme sehr ähnlich ist, sich aber vor ihr durch
gedrängteren üppigeren Wuchs und kräftigere Blattentwickelung auszeichnet.
– An geschützten Stellen der Riviera gedeihen auch verschiedene Arten der
Palmengattung Cocos, so _Cocos flexuosa_, und _Romanzoffiana_ mit äußerer
eleganter Tracht, auch die blaugrüne _Cocos australis_. Die echte
Cocospalme (_Cocos nucifera_), welche die Cocosnüsse liefert, kommt hier
hingegen, sowie auch an den Südrändern des Mittelmeers, nicht fort. Ihre
Cultur ist nur innerhalb der Wendekreise möglich. In der Form ihrer
Blätter stimmen die Cocospalmen mit den Dattelpalmen überein. Ähnliche
Blätter haben auch die Areca-Arten (_Areca sapida_, _Baueri_), welche an
der Riviera gut aushalten. Es sind das nahe Verwandte der Betelnußpalme
(_Areca catechu_), welcher die Betelnüsse entstammen, jene Nüsse, die mit
Kalkpulver bestreut, und in Blätter des Betelpfefferstrauchs (_Piper
Betle_) gewickelt, von Jung und Alt in Südasien gekaut werden. Zu den
Palmen mit fächerförmigen Blättern, welche die Gärten der Riviera zieren,
gehören auch zwei Livistona-Arten, die _Livistona chinensis_ und
_australis_, mit mächtigen Blättern, Palmen, die häufig in unseren
Gewächshäusern anzutreffen sind. Schön macht sich unter den anderen
Fächerpalmen der Riviera die blaugrüne _Brahea Roezli_, dann die
stattlichen Sabal-Arten, deren zähe Fasern für Seilerwaaren, Hüte, Körbe
und Säcke verwandt werden, auch die wichtige Carnaubapalme Brasiliens, die
_Copernicia cerifera_. Mit den Blättern dieser Palme wird in der
brasilianischen Provinz Ceara ein großer Theil der Hütten gedeckt, ihre
Fasern ähnlich wie Stroh verwandt, der harte Stamm liefert Bau- und
Tischlerholz, die Wurzeln ein Heilmittel, die bitteren Früchte dienen als
Nahrung, aus dem Saft wird Sirup und Arrak bereitet, kurzum diese Palme
zeigt uns so recht ein Bild von dem Nutzen, den eine einzige Art dieser
segensreichen Pflanzenfamilie in den Tropen stiften kann. Ihren Artennamen
_cerifera_, sowie ihren deutschen Namen dankt aber die Wachspalme ihrem
wichtigsten Erzeugniß, dem vegetabilischen Wachs, das sie in Schuppenform
aus ihren Blättern ausscheidet. Diese Schuppen werden von jungen,
getrockneten Blättern abgeklopft und dann in Wasser gekocht, auf dessen
Oberfläche das flüssige Wachs sich sammelt. Man versetzt es mit Talg und
formt es zu Kerzen, welchen beim Brennen ein angenehmer Duft entströmt.
Bordighera begnügte sich nicht damit, seine Palmwedel für Cultuszwecke zu
ziehen, es suchte sie auch im Kunsthandwerk zu verwerthen. So entstand die
Palmenflechterei, die in letzter Zeit Dank dem Winter’schen Einfluß, eine
ungeahnte Entwickelung nahm. In der Winter’schen Kunstgärtnerei wird jetzt
die Palmenflechterei im Großen betrieben. Die Dattelpalme, die
Chamaerops-Arten, _Livistona australis_ und _Pritchardia filifera_ geben
im Besonderen das Material dazu her. Zur Verwendung kommen Blattspreiten,
Blattstiele und Blattscheiden dieser Pflanzen, und wo Behälter nöthig,
helfen auch wohl Flaschenkürbisse aus. Alle Theile der Palmen werden
entsprechend gebogen und dann getrocknet, und hierauf zu Blumenvasen,
Ampeln, Körbchen, Fruchtschalen, Lichtschirmen und anderen zierlichen
Gegenständen stilgerecht vereint.
Auch die Nachtigallen an der Riviera suchen Nutzen aus der neuen
Palmen-Cultur zu ziehen. Sie fanden heraus, daß die langen großen Fäden am
Blattrand der Pritchardien für Nesterbau vortrefflich geeignet sind. Sie
zwicken sie ab und tragen sie zusammen, um sich aus denselben ihr
flüchtiges Heim zu flechten. –
IV.
Die zahlreichen Ausflüge, die sich landeinwärts von den Stationen der
Riviera unternehmen lassen, haben in den Reisehandbüchern bis jetzt eine
höchst unvollkommene Behandlung erfahren. Meist findet man in denselben
nur eine Aufzählung der etwa zu besuchenden Orte, wobei die nächste, oft
lohnendste Umgebung vernachlässigt ist, entferntere, beschwerliche, nicht
immer lohnende Touren besonders empfohlen werden. Da die Wirksamkeit der
Alpenvereine sich andererseits nicht bis zur Riviera erstreckt, die
Wegweiser dort fehlen, die Einheimischen nur selten Auskunft über den Weg
und niemals über die Schönheit desselben zu ertheilen vermögen, so wären
grade für jene Gegenden gut orientirende Reisebücher sehr erwünscht. Unter
den gegebenen Umständen kann aber nur ein wiederholter Besuch der Riviera
denjenigen, der es gelegentlich nicht scheut, unnütz umherzuirren, in all’
die Reize dieser zauberhaften Gegend einweihen.