Und nun war er nicht heimgekommen. --

Ursel hatte sich schon den ganzen Morgen um ihn geängstigt. -- Am

Ende... Ursel wurde es ganz schwarz vor den Augen..., die Knaben waren

ja immer noch nicht da. Es ging auf fünf Uhr. Kein Mensch wußte, wo sie

waren. Gestern abend hatte Hans bestimmt kommen wollen.

„Frau Pfarrer,“ rief da Ursel, „Frau Pfarrer, hieß der Ort nicht

Wildershausen, in dem Hans übernachten wollte?“

„Ja, Wildershausen,“ sagte Frau Cimhuber.

„Sehen Sie,“ rief die alte Magd und reichte ihrer Herrin das

Zeitungsblatt, „sehen Sie, da steht’s, Brand. Die Scheune brannte

nieder. Zwei Knaben kamen ums Leben. Nein, zu Schaden,“ verbesserte sie.

„Hören Sie, das ist Wildershausen, und da wollte Hans die erste Nacht

hin. Am Ende er wird doch nicht... es wird doch nicht... unser Hans...

ich sag’s ja immer, das ist nichts mit diesen gräßlichen Wanderungen.

Da erkälten sie sich, sie essen schlecht, und zuletzt fallen sie in die

Flammen hinein. Das ist das Ende vom Lied. Haben sie es daheim nicht

viel besser!“

Ursel begann nun um den Doktorssohn laut zu klagen. Er, den sie am

Donnerstag abend noch einen unverschämten Bub genannt hatte, war mit

einmal der liebe, gute, freundliche Hans, der ihr so oft das Geschirr

abgetrocknet und das Feuer angemacht hatte, wenn ihre Hände vom

Rheumatismus angeschwollen waren. Immer wieder hatte er ihr neue Mittel

zur Heilung gebracht.

Noch einmal vertiefte sie sich in die Zeitungsnachricht und erklärte

dann: „Er ist’s. Drei Knaben steht hier. Das ist Theobald und Hans und

Peter. Die schlafen ja immer des Nachts in Kuhställen und auf Heuböden.

Ich will jetzt mal hingehen und sehen, was mit Theobald los ist, ob der

immer noch nicht da ist.“

Damit legte sie ihren Sonntagsstaat an, einen abgelegten Capothut von

Frau Cimhuber und eine schwarze Pelerine, und machte sich auf den Weg

zu Susens Verwandten. Leider verfehlte sie Toni um einige Minuten, die

mit einer inhaltsreichen Depesche von Theobald in der Hand ihren Weg zu

Frau Cimhubers Wohnung hinauf genommen hatte.

Während sich all dies in der Stadt zutrug, hatten Hans und Theobald

ereignisreiche Tage verlebt.

Im Kreise einiger Freunde waren sie am Freitag morgen dem Gebirge

zugefahren, hatten dort die Bahn verlassen und waren zur Höhe

emporgestiegen, von wo sie eine Kammwanderung angetreten hatten.

Hans fühlte sich am Wandertage nach den beklemmenden, letzten

Ereignissen im Cimhuberschen Haus so frei wie der Vogel in der Luft.

Sein Hut hing am Rucksack. Der Wind spielte ihm frisch um die Stirn.

Ein herber, stärkender Hauch wehte hier oben. Große landschaftliche

Schönheit breitete sich vor seinen Augen aus. Von der Ebene her

leuchteten die Dörfer und Ortschaften, von der Sonne beschienen, weiß

herauf. Am Bergeshang tief unten lag ein zarter Schleier über den Wald

gebreitet. Es war das erste Frühlingsgrün, duftig wie ein feiner Hauch.

Hier oben, wo es nur niedere Tannen und verkrüppelte Buchen gab, merkte

man noch nichts vom Blühen und Wachsen.

In dem unermeßlichen Äther in der gleichen Höhe mit den Knaben zog ein

Bussard über der Tiefe des Tals in wunderbarer Ruhe seine Kreise. Die

Knaben blieben eine Weile stehen und folgten ihm mit den Blicken. Dann

zogen sie weiter auf dem Gebirgskamm, der sich wie eine hochgespannte

Brücke unter Gottes Himmel hinzog. Mittagsrast hielten sie in einer

verlassenen Burgruine, die auf einem Gebirgsvorsprung lag und zu der

sie nach einer zweistündigen Wanderung vom Kamm heruntergestiegen

waren. In dem alten, eingeschlafenen Burghof machten sie sich ein Feuer

an, um abzukochen. Bald brodelte eine kräftige Suppe im Kochtopf.

Hans langte mit großem Heißhunger zu. Die Vorstellung, daß jetzt eine

gräßliche, dumpfe Stimmung über dem Cimhuberschen Haus brüte, schien

seinen Appetit noch zu verdoppeln.

Nach beendigter Mahlzeit holten einige Knaben von einem nahegelegenen

Quell Wasser und wuschen das Geschirr ab. Einer der Wanderer, ein

begeisterter Redner und Sänger, drückte sich von der Küchenarbeit

und erklomm das Gemäuer des verfallenen Rittersaals, um von einer

Fensterhöhlung herab eine flammende Rede zu halten über die Zeit, als

hier der Bauernkrieg wütete. -- Hans hörte, den Kopf im Nacken, mit

großem Interesse zu. Theobald hingegen zuckte die Achseln und verzog

sich auf den Bergfried, wo er aus schwindelnder Höhe sich das Tal

betrachtete und sich an der Hand einer Karte orientierte.

Nach einer guten Stunde fand der Aufbruch der Knaben statt, und die

fröhliche Schar zog singend von dannen.

Bald lag der Burghof wieder vereinsamt da. Eine Eule, die erschreckt

beim Nahen der Knaben davongeflogen war, kehrte mit schwerem

Flügelschlag in ihr Reich zurück. Von unten, vom Bergeshang, tönte der

Gesang der Wanderer verhallend herauf.

Es fing schon an zu dunkeln, als die Knaben ins Tal zurückkamen. Drei

von ihnen beschlossen, in einem kleinen Dorf am Fuß des Gebirges zu

übernachten, die andern, Theobald, Peter und Hans, weiter in die

Ebene hinaus zu gehen, nach dem eine Stunde entfernten Städtchen

Wildershausen.

Hans, der schon etwas müde war, gähnte und zog die Füße nach. Theobald

pfiff einen Marsch, um seinen Vetter aufzumuntern.

Plötzlich aber stieß er einen Jauchzer aus und rief: „Famos wird

das heute, Hans. Wir logieren beim Onkel Brettelkern, beim Doktor

Brettelkern. Das hat mir der Vater geraten.

Hans und Suse in der Stadt · 第 36 / 38 题