Schluß

Es war im Winter vor Susens vierzehntem Geburtstag. Das Doktorskind war

ein großes, schlankes Mädchen geworden, und ihr Haar, das Rosel einst

mit soviel Geschick in zwei knochenharte, steif abstehende Zöpfchen

verwandelt hatte, hing ihr jetzt als langer, loser Zopf über den

Rücken. Heimlich freute sich Suse an dieser leuchtenden Haarpracht,

aber im Kreise ihrer Freundinnen hütete sie sich wohl, ihre Eitelkeit

durchblicken zu lassen.

Auch Hans war genau wie sie, lang und rank geworden, und seine

Jackenärmel waren ihm immer gleich viel zu kurz.

Frau Cimhuber und Ursel waren nun genötigt, zu ihren Pfleglingen

aufzublicken, nachdem sie noch vor zwei Jahren so erhaben auf sie

herabgesehen hatten.

Der Pfarrfrau Urteil lautete im allgemeinen über der Kinder Charakter:

„Gute, liebe Kinder.“

„Zu ausgelassen,“ setzte dann Ursel jedesmal hinzu, „zu ausgelassen.

Am liebsten sprängen sie über Tisch und Stühle. Immer über Tisch und

Stühle, vom Morgen bis zum Abend.“

Nun hatte ja allerdings niemand mehr, als gerade die alte Magd, unter

der Ausgelassenheit der Kinder zu leiden. --

Wie oft geschah es, daß die zwei, als Antwort auf eine von Ursels

Ermahnungen, die Predigerin ohne viel Federlesens auf ihre zum Sitz

geschlungenen Hände setzten und mit ihr im Sturmschritt durch das Haus

rannten! All ihr Schreien, all ihr Wehren nützte der alten Magd nichts.

-- Sie mußte eben aushalten. -- In einer Redeschlacht zog Ursel erst

recht den Kürzeren, namentlich der mundfertigen Suse gegenüber.

Wenn Ursel etwa anhub: „Zuviel Dummheiten macht ihr, zuviel Dummheiten.

-- Ihr wart eben von jeher zu sehr verwöhnt. Schon im Wickelkissen

ist es euch zu gut ergangen,“ fiel Suse lachend ein: „Im Wickelkissen

hat’s jedermann gut. -- Ach, Ursel, wenn Sie jetzt mit einem Schlag im

Wickelkissen drin säßen! Wie herzig müßte das aussehen!“

„Gräßlich dumm,“ ließ sich Ursel vernehmen. „Aus dir und Hans wird euer

Lebtag nichts. Ihr habt eben zu viel Dummheiten im Kopf. Der Ernst

fehlt euch. Ernst ist das Leben.“

„Aber, Ursel,“ rief Suse, „unser Vater sagt doch immer, lieber ein

bißchen zu übermütig, als die Mundwinkel bis unters Kinn herunterhängen

lassen. Ganz elend kann es einem werden bei mißvergnügten Menschen.“

„Hm, hm,“ sagte Ursel, „mir scheint, das hast du geträumt, so spricht

ein ernster Mann nicht.“

„Doch, Ursel, so hat er gesprochen, und erst bei unserem letzten Besuch

hat er gesagt, er ist sehr zufrieden mit uns. Hören Sie, Ursel, sehr,

sehr zufrieden mit unserem Lernen.“

„Na, das fehlte auch noch, daß ihr nichts lerntet,“ brauste da Ursel

auf, „bei dem vielen Schulgeld, das ihr bezahlt, und bei der guten

Kost, die ihr hier bekommt, und bei der guten Aufsicht, und bei den

Tausenden von Stunden, die ihr schon auf der Schulbank herumgesessen

seid. -- Das fehlte auch noch, daß ihr da nichts lerntet.“

„Aber, Ursel, es gibt sogar recht viele Kinder, die trotzdem nichts

lernen.“

„Was sagst du da?“ rief Ursel empört. „Was sagst du da? Wiederhol’s

noch einmal, die lernen nichts, meinst du? Na, da sollte ich der

Schuldirektor von euch sein,“ fuhr sie sich auf die Brust schlagend mit

rollenden Augen fort. „Da würde ich euch an einem schönen Montag oder

Dienstag alle miteinander auf die Straße jagen, und eure Schulsäcke

würde ich obendrein hinter euch herwerfen.“

Suse lachte hell und zog sich dann schnell zurück, da die alte Magd

Miene machte, einem rachesüchtigen Schuldirektor nachzueifern.

Frau Cimhuber sagte im ganzen wenig zu den Reibereien, die sich

nicht selten zwischen der alten Magd und den Kindern abspielten. Sie

wußte, sie vergingen schnell wieder, wie sie gekommen waren, und

Sonnenschein folgte dem Gewitterregen. Dann kochte Ursel den Kindern

ihre Leibgerichte und strich ihnen dicke Schichten Zwetschenmus auf

ihr Brot. „Aha, die Zwetschenmushäfen sind geöffnet, es weht ein guter

Wind,“ pflegte Suse bei dieser Gelegenheit auszurufen. --

In Ursels Gemüt hatte sich mit der Zeit auch ein heilsamer Umschwung

zugunsten des Herrn Schnurr, Hansens Geigenlehrer, fühlbar gemacht.

Erst hatte sie nichts als finstern Haß gegen den fremden Eindringling

verspürt, dann war ein gottergebenes Sichfügen in seine Besuche

gekommen, hierauf ein vorurteilsloses Betrachten seiner Person, dann

Nachsicht für sein Tun, Verständnis für seine Lehrweise, und ganz

zuletzt das Keimen freundschaftlicher Gefühle.

Der Grund zu einer wirklichen Freundschaft zwischen ihr und Herrn

Schnurr wurde aber gelegt, als dieser gemeinsam mit den Doktorskindern

zu ihrem sechzigsten Geburtstag eine kleine Feier veranstaltete.

Am Nachmittag ihres Wiegenfestes, als die alte Magd ihre Arbeit in der

Küche vollendet, ihre Werktagsschürze gegen die seidene Sonntagsschürze

umgetauscht und ihr Haar noch glätter als sonst gestrichen hatte, wurde

sie an Susens Arm in die Negerstube geführt, wo Hans mit seiner Geige

wartete und Herr Schnurr mit verstruweltem Haar am Klavier saß, bereit,

die Choräle, die er mit Hans zu Ursels Ehre eingeübt hatte, ertönen zu

lassen.

Auf dem Tisch, über den ein blendend weißes, mit Tannenzweigen

geschmücktes Tischtuch gebreitet war, lagen die Geschenke für die

Sechzigjährige ausgebreitet: ein hohes, auf einem Sockel befestigtes

Alabasterkreuz von Frau Cimhuber, eine Vase mit Immortellen, Ursels

Lieblingsblumen, ein Geschenk von den Doktorskindern, eine schwarze

Seidenschürze von der Mutter der beiden und das Bild einer Tänzerin,

von Herrn Schnurr gestiftet.

Leider hatte er es mit dem richtigen verwechselt, dem Bilde

Melanchtons, das seine Frau daheim los sein wollte.

Geistesabwesend, wie Herr Schnurr war, hatte er das erste beste

Paketchen ergriffen und war damit davongegangen. Sein Irrtum störte

aber die Feier nicht.

Ursel nahm, die Hände gefaltet, auf einem mit Tannengrün geschmückten

Stuhl Platz und erwartete die Huldigungen. Auf ein Zeichen von Herrn

Schnurr ergriff Hans die Geige, und unter Violin- und Klavierspiel

erklangen die schönsten Choräle: „Wer nur den lieben Gott läßt walten.“

-- „Was Gott tut, das ist wohlgetan.“ -- „Harre, meine Seele.“ --

„Befiehl du deine Wege.“ -- Und noch eine Menge andere Lieder.

Eine feierliche, erhebende Stille herrschte in der Negerstube. Ursel

saß nickend und mit einem weltentrückten Ausdruck auf ihrem Stuhl, und

vor ihrem Geist zogen all die schweren Jahre ihres Lebens vorüber, in

denen sie nur Mühe Und Arbeit gehabt und sich zufrieden gefühlt, wenn

sie am Sonntag mit einer schwarzen Schürze vor dem Tisch in der Küche

hatte sitzen können, das Gesangbuch offen vor sich und in den Liedern

Kraft findend. -- Die Tränen liefen ihr in den Schoß.

Auf ihren besonderen Wunsch spielten die beiden Musikanten zum Schluß

noch ihr Lieblingslied: „Wenn ich einmal soll scheiden.“ -- Man hätte

meinen können, Ursel selbst werde zu Grabe getragen, so ernst und dumpf

klang die Weise. Sogar Suse konnte die Tränen nicht zurückhalten, was

Ursel nicht ohne Genugtuung bemerkte. --

Seit jenem Tage nun konnte die alte Magd Herrn Schnurr nicht mehr die

Tür öffnen, ohne an ihre schöne Geburtstagsfeier zu denken.

„Ja, damals haben Sie sehr schön gespielt,“ sagte sie öfters zu ihm,

und nickte lebhaft, „oh, so schön.“

„Ja, das macht die Kunst,“ erwiderte Herr Schnurr, indem er den

Zeigefinger so steil nach oben hob, daß Ursel seiner Richtung folgte.

„Die Kunst, die hebt uns nach oben.“

Ursel nickte beifällig.

Allerdings, die Kunst in der Negerstube, die sich in wilden Sprüngen,

in einem Trommeln auf Tisch und Stühlen anzeigte, die behagte ihr noch

immer nicht.

Deshalb konnte sie trotz ihres Wohlwollens für den Lehrer es nicht

unterlassen, ihr Ohr an die Tür der Negerstube zu legen, wenn er drin

sein Wesen trieb. Und das war schlimm, erfuhr sie auf diese Weise doch

allerlei, was im Grunde nicht für sie bestimmt war. -- Herr Schnurr,

der sich in der ersten Zeit seines Amtsantrittes Hans gegenüber als

finsterer und gestrenger Lehrer gezeigt, hatte mit der Zeit geruht, den

Knaben zum Freunde zu erwählen. Es war ein merkwürdiges Verhältnis.

Herr Schnurr erzählte, und Hans hörte mit offenem Mund und offenen

Augen zu.

Da kamen Bekenntnisse aus des Lehrers schweren Wanderjahren, als er in

einer größeren Musiktruppe von Ort zu Ort gezogen war. Viel Lug und

Trug habe er gesehen, aber ein ehrlicher, rechtschaffener Mensch sei er

doch immer geblieben, erwähnte er stets aufs neue. -- „Rechtschaffen

müsse der Mensch sein, vor allen Dingen rechtschaffen...“ Auch seine

häuslichen Sorgen enthielt der Lehrer dem Schüler nicht vor, und dem

fuhr kein übler Schreck in die Glieder, als er seinen Geigenmeister

eines Tages in jämmerlichen Tönen von mißratenem Essen erzählen hörte,

das ihm täglich vorgesetzt werde, von unordentlichen Stuben, in denen

er sich herumtreiben müsse, und in die er Samstags mit Galoschen an

den Füßen und einem Besen und Eimer in der Hand eindringe, um eine

rauschende Sintflut darüber niedergehen zu lassen. Immer beklommener

wurde es Hans bei diesem Geständnis, und schließlich, als er Herrn

Schnurr Trost zusprechen wollte, stotterte er verlegen: „Herr Schnurr,

können Sie sich nicht eine Magd nehmen, wie Ursel, oder unser Rosel

daheim, wenn Ihre Frau Gemahlin die Haushaltung nicht versteht.“

„Eine Magd!“

Etwas Dümmeres hätte Hans nicht sagen können.

„Was soll ich nehmen?“ rief Herr Schnurr und machte einen Sprung

rückwärts vor Entrüstung.

Hans hätte vor Schreck fast die Geige hingeworfen.

„Was soll ich nehmen, eine Magd? Was soll denn die essen, wenn wir

selbst am Hungertuch nagen? Oh, du einfältiger Gockel, komm jetzt her

und spiele deine Tonleiter, das ist besser, als deine Weisheitssprüche

Salomonis da herunterzulispeln, unpraktischer Held.“

Und Hans tat, wie ihm gesagt worden war, und atmete dreimal tief auf,

als er den tüchtigen Lehrer wieder sein Handwerkszeug ergreifen und in

gemäßigte Bahnen zurückkehren sah.

Ursel aber, die Herrn Schnurrs Beichte mit angehört hatte, überlegte,

ob sie sich nicht augenblicks in die Negerstube zwängen und dem Lehrer

eine gesalzene Botschaft an seine pflichtvergessene Gattin daheim

mitgeben solle.

„Lieber nicht,“ sagte sie sich aber voll Klugheit.

Indes sein häusliches Elend ließ ihr keine Ruh, und viel, viel später,

Anfang des Frühjahrs, da mischte sie sich endlich doch einmal in seine

Verhältnisse. Allerdings geschah es auf eine recht barmherzige und

christliche Weise.

„Bringen Sie mir mal Ihre Strümpfe mit, Herr Schnurr,“ sagte sie, als

sie ihn über sein zerrissenes Zeug klagen hörte. „Ihre Frau stopft sie

ja doch nicht. Für mich ist das eine Kleinigkeit, und aus Dankbarkeit

tu ich’s gern.“

Suse, die zufällig hinhorchte, war erstaunt. Sie lachte belustigt.

Ursel und Herr Schnurr gut Freund! Das war ein Spaß.

Rasch entschloß sie sich, es ihrer Vertrauten, der schwarzen Carla

mitzuteilen, die mit der Zeit ihre beste Freundin geworden war. Da die

Herzensgenossin, die häufig leidend war, augenblicklich zur Pflege

ihrer Gesundheit im Süden weilte, schrieb ihr Suse die längsten Briefe.

Carla mußte von all den bunten Ereignissen im Cimhuberschen Haus

unterrichtet werden. Leichtsinnig und unüberlegt pflegte Suse drauf los

zu plaudern, und genau wie beim Reden, was immer ihr durch den Kopf

schoß, sofort auszusprechen. So schrieb sie denn an dem Brief, an dem

sie gerade angefangen hatte, weiter.

„Du erkundigst Dich nach Theobald, liebe Karla, er ist lange nicht

mehr derselbe gräßliche Geck wie früher, obwohl er noch immer große

Volksreden hält. Onkel Fritzens Heirat war sein Glück. Sein Vater

meinte es auch. Er findet, Onkel Fritz hat seinem Sohn nur lauter

Raupen in den Kopf gesetzt.

Nun frägst Du auch nach Ursel und Herrn Schnurr. Zwischen diesen

besteht jetzt eine innige, minnige, sich stets vervollkommnende

Freundschaft, ein unaustilgbarer Herzensbund. Nächstens geben sie sich

einen Kuß. Wie die Verlobten sind sie. Wie Braut und Bräutigam. Denke

Dir, Ursel will sogar dem Herrn Schnurr die Strümpfe stopfen! Jedesmal,

wenn er erscheint, lächelt sie ihn an, süß wie ein Honighafen. Und

immer horcht sie an der Negerstube, wenn drin seine süße Stimme

erschallt, damit sie jedes Wörtlein von ihm aufschnappt.“

Und dieser Brief voll leichtsinniger, loser Redensarten sollte die

schlimmsten Folgen haben.

Es fügte sich nämlich, daß Suse während des schriftlichen Ausbruches

ihrer buntschillernden Geistesraketen von ihrer Freundin Grete

überrascht und zu einem Spaziergang abgeholt wurde.

Kurz entschlossen packte die Schreiberin den unvollendeten Brief

nebst ihrem Tagebuch in das Bett, das neben ihrem Tisch stand, da

jenes ihr heute als sehr gutes Versteck erschien, alldieweil Hans den

Kommodenschlüssel mitgenommen hatte und sie nicht an den eigentlichen

Aufbewahrungsort ihrer Schreibsachen -- die Kommodenschublade --

gelangen konnte.

Frohgemut nahm sie hierauf von Frau Cimhuber und Ursel Abschied und

ging von dannen.

„Bleib nicht zu lange,“ rief Ursel ihr nach, „du weißt, wir haben große

Wäsche, und du sollst mir helfen.“

„In anderthalb Stunden bin ich wieder da,“ tönte es zurück.

Klar wie der Himmel, der sich hoch über ihr wölbte, war es Suse zu

Sinn, und munter schritt sie fürbaß.

Daheim ging inzwischen Ursel ihrer Beschäftigung nach und brummte

allerlei mißmutige Worte vor sich hin. Die Arbeit häufte sich für sie.

Je weiter die Zeit vorschritt, um so mürrischer wurde sie deshalb.

Sonntag war Susens Geburtstag, den sie eingedenk des eigenen genossenen

Festtages recht schön gestaltet wissen wollte. Aber die Vorbereitungen

gingen nicht von der Stelle. Die Tannenzweige zum Ausschmücken von

Susens Stube lagen noch immer im Gang. -- Suse blieb auch lang über

die Zeit weg und dachte nicht an ihre Arbeit. Dabei sollte sie im

ganzen Haus die Bettbezüge abnehmen, die Kissen mit neuen Leinen

bekleiden und die schmutzige Wäsche Ursel an das Waschfaß bringen. --

Indessen, das flatterhafte Doktorskind hielt es für besser, im lichten

Frühlingswäldchen vor der Stadt spazieren zu gehen.

Als nahezu drei Stunden seit ihrem Fortgang verstrichen waren und

noch keine Spur von ihr zu entdecken war, machte sich Ursel selbst an

die Arbeit, die sie dem jungen Mädchen zugedacht hatte. Schlürfenden

Schrittes ging sie von einem Bett zum andern und nahm die Bezüge ab. So

kam sie schließlich auch an Susens Lagerstatt, in der, verhängnisvoll

wie ein Geschenk aus der Büchse der Pandora, der leichtsinnige Brief

schlummerte. Seufzend trat sie an das Bett. Jetzt breitete sie ihre

mageren Arme aus, um das Deckbett zu heben. -- Hätte sich in diesem

Augenblick die Tür geöffnet und Suse sich gezeigt, so wäre alles noch

zu retten gewesen. -- Aber die Übeltäterin war ja weit. Zorniger als

bei den ersten Betten zog Ursel an Susens Leinenbezug, schleuderte ihn

in die Höhe und riß ihn zu sich heran in die Stube. Polternd fiel etwas

Schweres hinterher. Ursel bückte sich und hob ein Buch und einen Brief

auf.

„Unordnung, Unordnung,“ murmelte sie. „Wozu ist denn die Kommode da?

Aber das wird alles hingestopft, wo es gerade hingeht.“

Vielleicht hätte nun die alte Magd den Brief ungelesen zur Seite

gelegt, wenn nicht auf dem ersten Blatt, nahe seinem untern Rande ein

großer Tintenklecks gewesen wäre, der ihre Blicke auf sich gezogen

hätte. Ganz mechanisch griff sie danach und prüfte, ob er auch trocken

sei. Und da legte sie ihren Finger mitten auf ihren eigenen Namen.

Ursel stand dort, dick und groß geschrieben. -- „Ursel.“ -- Sie sah

näher hin. Ja, es hieß Ursel. Sie hielt den Brief dichter vor ihre

Augen. Wahrhaftig, es war ihr Name. Ursel, Ursel stand dort.

Und nun begann sie zu lesen, und ihr Gesicht wurde immer länger. Sie

glaubte schließlich, sie sei nicht mehr recht bei Verstand.

„Du erkundigst dich nach Ursel und Herrn Schnurr,“ stand dort.

„Zwischen diesen besteht jetzt eine innige, minnige, sich stets

vervollkommnende Freundschaft..., ein unaustilgbarer Herzensbund.

Nächstens geben sie sich einen Kuß... Wie die Verlobten sind sie, wie

Braut und Bräutigam.“ Ursel konnte nicht mehr weiter lesen. Träumte sie

denn, ging denn die Welt unter?

Nein, nein, da stand klar und deutlich, „nächstens geben sie sich einen

Kuß, wie die Verlobten sind sie. Wenn er erscheint, lächelt sie ihn an,

süß wie ein Honighafen.“

Das war zuviel. Stöhnend sank Ursel auf Susens Bett.

Das war die Schändlichkeit in ihrer höchsten Vollendung! Das war der

Gipfel der Erbsünde! Das war schlecht, schlecht, erbärmlich! Das war

höllisches Gift!

Ursel faßte sich an den Kopf.

In diesem Augenblick klingelte es, und die alte Frau, in dem Wahne,

Suse komme, sprang mit Brief und Buch in die Höhe auf den Flur und

öffnete die Tür, um die Sünderin zu packen und zu richten.

Der Einlaß Begehrende, der draußen stand, war aber nicht Suse, sondern

der unschuldige Knabe Hans, der einen großen Sprung rückwärts tat, als

er Ursels zornfunkelndes Gesicht vor sich sah.

„Heilige Maria und Joseph, was ist denn los!“ rief er. „Sie blasen mich

ja um, Ursel, Sie blasen mich um.“

„Soll ich vielleicht noch nicht mal mehr blasen?“ schrie Ursel.

„Unverschämter Bub! Hinter die Ohren will ich dir eins geben! Was los

ist, willst du wissen? Hier, hier steht, was deine saubere Schwester

von mir geschrieben hat. ‚Wie Braut und Bräutigam sind sie, wie die

Verlobten küssen sie sich, sie stopft Herrn Schnurr seine Strümpfe,

sie lächelt ihn wie ein Honighafen an.‘ -- Willst du’s hören, willst

du’s hören?“ Und die alte Magd drückte ihm das Tagebuch mitsamt dem

Brief so fest gegen das Gesicht, daß er kaum imstande war, zu atmen,

geschweige denn ein Wörtlein zu piepsen.

Nur ein eiskalter Schreck schoß ihm durchs Gebein. -- Er wußte, nun war

Susens Geburtstag verdorben.

„Wo, wo, wo haben Sie denn das gefunden?“ stotterte er.

„Wo, wo, wo! Ei, da, wo’s lag. Und jetzt kommt’s in den Herd.“

Und mit diesen erregten Worten eilte die alte Magd an Hans und Frau

Cimhuber vorüber, die seit dem ersten Entsetzensschrei ihrer alten

Dienerin bestürzt herbeigekommen und nicht mehr gewichen, sondern

händeringend gefolgt war.

Ursel nahm ihren Weg in die Küche. Dort riß sie die eisernen Herdringe

zur Seite, und mit einem Schwung lagen Brief und Tagebuch im Feuer.

„Halt, halt,“ rief Hans, „halt, halt,“ faßte in die Glut und zog das

versengte Tagebuch wieder heraus.

Nun stürzte die alte Magd auf den Knaben zu, um ihm den Schatz zu

entreißen, und eine tolle Jagd um den Tisch herum hub an. Ursel

sprang hinter Hans her wie der Hund hinter dem Wild. Jetzt hatte sie

ihn beinahe gepackt, da war er um die Tischecke herum, und sie schoß

geradeaus gegen die Tür.

Dann war sie wieder hinter ihm und riß im Laufen einen irdenen Topf vom

Tisch herunter, der polternd auf den Boden stürzte. Da brach Hans in

lautes Lachen aus, so lustig fand er das Spiel.

Hierauf ging Ursel stumm hinaus.

Aber es währte nicht lange, Hans stand noch immer auf derselben Stelle

wie vorhin und schnappte nach Luft, da öffnete sich die Tür wieder, und

Ursel kam zum Vorschein und trug eine große Pappschachtel schweigend

vor sich her.

„Sie will fort,“ durchschoß es Hansens verängstigtes Gemüt. -- „Jetzt

packt sie.“

Aber vor seinen erstaunten Augen löste die alte Magd die Schnüre

der Schachtel und entnahm ihr ein schwarzes Kaschmirkleid, einen

Orangeblütenkranz und einen Schleier, indem sie mit Tränen im Auge

sagte: „Da ist mein Brautkleid und mein Schleier und mein Kranz, und

bei Königgrätz ist mein Bräutigam gefallen. Und mein ganzes Leben lang

bin ich ihm treu geblieben. Und hier ist seine Photographie. Und nun

muß ich auf meine alten Tage soviel Schande erleben.“

Hans wurde es ganz schwarz vor den Augen bei dieser Beichte und so

beklommen und elend zu Sinn, als habe er selbst auf Ursels Bräutigam

die Todeskugel abgefeuert. Was sollte er nur sagen! Was sollte er nur

sagen!

„Aber Ursel, das ist ja doch nicht Susens Ernst, das ist doch Spaß,“

stotterte er schließlich.

Noch hatte er seine Worte nicht ausgesprochen, da klingelte es

wiederum, und allen dreien fuhr es wie ein Schlag durch den Sinn, daß

jetzt Herr Schnurr zur Stunde komme.

„Er bleibt draußen,“ rief Ursel mit halberstickter Stimme. „Ich will

ihn nicht sehen. Er soll mir nicht mehr vor die Augen kommen.“

Frau Cimhuber war so verwirrt von den Ereignissen der letzten

Viertelstunde, daß sie nicht mehr recht wußte, was sie tat und selbst

zur Türe ging, um Herrn Schnurr abzuweisen und zwar mit einer Lüge, der

ersten, die sie seit Jahren über die Lippen brachte. Aber die Sorge um

Ursel machte selbst ihre Grundsätze wankend.

„Hans ist krank,“ sagte sie leise.

Kaum hatte der Lehrer das Wort „krank“ vernommen, so bestand er erst

recht darauf, seinen Schüler zu sehen und trat, Frau Cimhuber sanft auf

die Seite schiebend, in den Gang. Als er an der Küchentür vorüberging,

erspähte er Ursel, die dort vor ihrem Brautstaat tränenden Auges stand.

Den Finger schalkhaft erhebend, meinte er: „Na, na, Ursel. -- Sie

werden doch nicht. -- Ein schwerer Schritt das Heiraten! Da heißt’s

überlegen.“

Hier fielen seine Blicke auf Hans, der wie ein verschämter Bräutigam

errötend hinter Ursel stand. Und kurz entschlossen nahm er ihn am Arm

und führte ihn mit sich fort.

Nach Herrn Schnurrs wilden Ausrufen und dem Schall seiner Schritte, die

aus der Negerstube drangen, konnte man erkennen, wie eifrig er bei der

Sache war. --

Der temperamentvolle Lehrer war schon längst wieder von dannen gezogen,

da kam endlich die Ausreißerin Suse nach Hause.

Wie ein gezackter Gebirgsstock, über dem ein schwarzes Wetter steht,

kam ihr Ursels Gesicht bei der Begrüßung vor. Und in dem Glauben, die

Ursache von soviel finsterem Groll zu kennen, begann sie schmeichelnd:

„Bitte, bitte, liebe Ursel, entschuldigen Sie, daß ich so lange fort

war, seien Sie mir, bitte, nicht böse. Ich werde ihnen jetzt mit neuen

Kräften helfen wie eine Scheuerfrau. Es ging einfach nicht, daß ich

früher kam. Wir haben eine unserer Lehrerinnen getroffen, die wir so

gerne haben, und sie nahm uns mit in den Wald und zeigte uns Plätze,

wo schöne Anemonen stehen, herrlich! Ursel, es ist so herrlich, in

das Pflanzenleben einzudringen, dies Wachsen und Blühen und Gedeihen.

Überhaupt das ganze Pflanzenleben. Wie schön ist doch die Natur!“

Ursel verzog keine Miene.

Suse schwärmte weiter: „Sehen Sie, ich habe Frau Cimhuber einen ganzen

Arm voll Blumen mitgebracht. Wie ein Frühlingsgarten wird’s bei uns

sein. Ursel, der Vorfrühling ist gekommen. Man spürt’s. Und der Kuckuck

ruft. -- Und der Waldesduft, und das Moos...“

Ursel blieb stumm wie das Grab. Eine dicke Hornhaut schien sich über

ihr Gemüt gelegt zu haben; über die eindruckslos wie Zephyrfächeln über

Felsgestein Susens Schmeichelworte hinstrichen.

Da beschloß das Doktorskind, die alte Magd nicht mehr durch Worte,

sondern durch Taten zu versöhnen, und sie ging von dannen, um sich eine

große Schürze vorzubinden und Arbeit zu suchen.

Zu ihrem Erstaunen erwiderte aber auch Frau Cimhuber, die eben in die

Küche trat, ihren Gruß nur mit knappem Dank.

„Wie auf einem Geisterschiff,“ murmelte das Doktorskind leise vor sich

hin, als sie die Tür zu ihrem Zimmer öffnete.

„Komm nur herein, komm nur herein!“ tönte es ihr dort aus dem

Hintergrund entgegen. „Was Gutes hast du angerichtet! Was Sauberes!

Einen feinen Salat, den wir jetzt zusammen ausgrasen können!“

Und in die Stube tretend, sah sie ihren Bruder auf Zehenspitzen

umherlaufen, während er den Kopf zwischen die Schultern gezogen hatte

und beschwichtigende Bewegungen machte.

„Es hat zwölf geschlagen, es hat zwölf geschlagen,“ rief er. „So was

haben wir noch nie erlebt, noch nie.“

„Was ist denn los?“ fragte Suse. „Was ist geschehen? Was läufst du denn

so närrisch da herum?“

„Schau,“ sagte Hans und deutete mit ausgestreckter Hand auf Susens

Bett, „guck, dann weißt du alles.“

Suse folgte mit ihren Augen der Richtung seines Fingers, stieß dann

einen lauten Schreckensruf aus und ließ sämtliche Anemonen zu Boden

fallen, so daß sie mit verwirrten Köpfchen und Stielen dort lagen, wie

vom Sturmwind zerwühlt.

„Wer hat das Bett abgezogen?“ stotterte Suse.

„Ursel.“

„Und meinen ganzen Brief hat sie gelesen?“

„Ja.“

„Alles, was ich zusammengeschmiert habe von Braut und Bräutigam und

Verlobtsein und Küssen und herrlicher Freundschaft und Herrn Schnurr

und gestopften Strümpfen und all das dumme Zeug?“

„Ja, von A bis Z.“

„Und schlecht ist mir’s noch,“ fuhr Hans fort, „wenn ich nur daran

denke, wie sie gejammert hat. Und ihr Brautkleid in einer Lade hat sie

hinterher geholt und hat drauf geweint. Entsetzlich!“

„Aber eine so alte Frau kann sich doch ihr Lebtag nicht in einen solch

jungen Mann wie Herrn Schnurr verlieben,“ jammerte Suse, ihr Gesicht in

den Händen vergrabend und laut weinend. „Da lachen ja die Hühner. Sie

muß doch wissen, daß es nur Unsinn war.“ --

„Nun ist alles, alles aus, mein ganzer Geburtstag. Und nie in meinem

ganzen Leben hab’ ich mich so auf einen Geburtstag gefreut, wie auf

diesen. Gelt Hans, nun ist alles verloren?“

Der Bruder nickte begossen.

„Was wolltet ihr denn eigentlich anfangen an meinem Geburtstag?“ fragte

Suse nach einer Weile, in Tränen zerfließend.

„Ich kann dir’s jetzt ja sagen,“ entgegnete Hans zage, „denn aus ist’s

ja doch. -- Die Papierschlangen und Lampions sind bereits wieder zu

Pastor Brauers zurückgeschickt worden, die sie uns geliehen hatten.

Wir hatten dir herrliche, dreistimmige Lieder eingeübt, Herr Schnurr,

Ursel und ich. Herr Schnurr ist zuweilen fast aus der Haut gefahren,

so falsch hat Ursel gesungen. Aber schließlich hat sie’s doch kapiert.

Und zur Dankbarkeit für Herrn Schnurrs Bemühungen wollte sie ihm die

Strümpfe stopfen. Dann beabsichtigten wir, dir noch eine wunderbare

Laube aufzubauen, von Tannenzweigen und Papierschlangen, und die ganze

Negerstube abends mit Lampions zu erleuchten, zu singen und zu tanzen.“

Susens Tränen flossen reichlicher bei dem Gedanken an den prunkvollen

Ehrensitz, um den sie sich durch ihren Leichtsinn gebracht hatte.

Hans aber fuhr fort: „Außerdem wollten Christoph und Henner mit ihrem

Kasperletheater ankommen und ein selbsterfundenes Stück vorspielen. Es

heißt: „Wie die Fremdlinge die Kühe melken.“ Und das darf ich nicht

vergessen, Ursel wollte sich eine ganze Marzipantorte von einem halben

Meter Durchmesser abzwacken. Das ist nun alles Essig. -- Ich glaub’,

sie wollen jetzt sogar der Mutter abschreiben, daß sie nicht kommt.“

„Die Mutter wollte kommen?“ rief Suse aufspringend. „Die Mutter? Seit

wann wollte sie denn kommen? Seit wann? Sag’ Hans, seit wann? Gelt, das

ist meine Überraschung von daheim?“

„Ach, ich dummer Papagei,“ rief Hans, sich mit beiden Händen an den

Mund fassend. „Das ist mir jetzt herausgewitscht. Ich weiß nichts, ich

weiß nichts. Ob sie kommt, ob sie nicht kommt, frag’ mich nicht.“

Suse erhob sich langsam, sammelte ihre Blumen vom Boden auf und ordnete

sie zierlich. Köpfchen neben Köpfchen, und Stiel neben Stiel, und

steckte sie, mit Tränen benetzt, in eine Vase.

Eigentlich waren die Anemonen für Frau Cimhuber bestimmt gewesen, aber

wie hätte sie es unter diesen Umständen gewagt, der Pfarrfrau Blumen

anzubieten.

Nach einer Weile schlich sich Hans in die Küche, um dort zu sehen,

wie der Wind wehe. Aber schneller, als Suse gedacht, kehrte er wieder

zurück und flüsterte: „Ursel sitzt noch immer, in Tränen gebadet, auf

ihrem Stuhl und hat die Schachtel mit dem Brautkleid offen vor sich

stehen.“

Susens Herz klopfte schuldbewußt. Und der Abend verlief in gedrückter

Stimmung. Nur Hans fühlte, obwohl von Mitleid für Suse ergriffen,

wie sich ein kleiner Freudefunken in seinem Herzen rührte, der immer

lebhafter wurde, so daß er ihn schließlich herausspringen lassen mußte.

„Bin ein fahrender Gesell, kenne keine Sorgen,“ tönte es erst leise,

dann immer lauter werdend von seinen Lippen, „labt mich heut der

Felsenquell, tut es Rheinwein morgen...“

Morgen ging es ja fort von hier, fort, hinaus in die köstliche

Freiheit, in die Berge, wo der frische Wind wehte. Mit Theobald und

Peter und einigen andern Knaben hatte er eine Wanderung verabredet. --

Zwei Tage war ja keine Schule des Examens wegen. -- Seine Brust dehnte

sich, und seine Augen leuchteten, und sein Gesicht rötete sich, und mit

einemmal stieß er einen solch durchdringenden Jauchzer aus, daß Ursel

und Frau Cimhuber in der Küche zusammenflogen.

Schnell erinnerte er sich aber wieder an die unheimlichen

Nachtgespenster, die zurzeit im Cimhuberschen Haus umgingen, und er

schwieg.

Behutsam holte er seinen Rucksack von der Wand herunter, schnürte

ihn auf und packte alle möglichen Dinge ein, die er zur Wanderschaft

brauchte: Strümpfe, Wäsche, Nähzeug, auch Brot in einen Beutel und

Suppenwürfel. Dann nähte er sich die grüne Schnur, die von seinem

Lodenhut abgerissen war, wieder kunstgerecht fest und erzählte Suse

dabei allerlei von seinen Wanderplänen. -- Die erste Nacht gedachten

Theobald, Peter und er in einem größeren Ort, Wildershausen, zu

übernachten. -- Wie Suse sich vielleicht noch entsinne, meinte der

Bruder, habe der Vater diesen Ort in seinem Brief ein- oder zweimal

erwähnt, und zwar mit dem Vermerk, Hans solle das Städtchen auf

seiner Wanderung doch einmal aufsuchen und ihm dann schreiben, wie

es ihm gefallen habe. -- Weshalb der Vater das wissen wolle, sei ihm

allerdings nicht klar. --

„Ach, könnt’ ich doch nur mit, ach, könnt’ ich doch nur mit,“ seufzte

Suse.

„Sei nicht traurig,“ tröstete Hans, „Samstag abend komme ich ganz

bestimmt wieder, und wenn Ursel uns nicht haben will, so wird dein

Geburtstag eben bei Tante Hedi gefeiert. Ich werde schon dafür sorgen.

Das Theaterstück bekommst du auf alle Fälle zu sehen. Es ist, um an

den Wänden heraufzukrabbeln vor Lachen. Solche verrückten Dinge, wie

drin vorkommen, hast du noch nie gesehen. Die Reden für das Kasperle

hat Theobald gedichtet.“

Hier holte Hans seine nägelbeschlagenen Gebirgsschuhe aus dem Schrank

hervor und beschloß, sie in die Küche zu tragen und dort einzufetten.

„Heute muß ich acht geben, daß ich keinen einzigen Spritzer Öl

vorbeitröpfeln lasse,“ flüsterte er Suse zu, als er zur Türe

hinausging, „sonst schlägt mir Ursel die Hasenpfoten um die Ohren, die

ich ihr neulich eigenhändig zum Schuheinschmieren gestiftet habe.“

Etwas später suchte Suse Frau Cimhuber auf, um sie zu bitten, doch den

dummen Brief zu entschuldigen und ein Wörtlein zu ihren Gunsten bei

Ursel einzulegen. Aber die Pfarrfrau sagte streng: „Selbst im Spaß

schreibt man keine solch’ dummen Verleumdungen, wie du es getan hast,

Suse. Ich verstehe Ursels Empörung vollständig. Wenn sich zwei junge

Mädchen weiter nichts zu schreiben haben als Narrheiten wie ihr, dann

geben sie das Briefschreiben besser ganz auf.“

„Wir schreiben uns doch auch noch andere Sachen,“ entgegnete Suse

kleinlaut.

„Herrliche Naturbeschreibungen stehen manchmal in unseren Briefen,

und noch andere, viel, viel ernstere Dinge, von denen ich nicht reden

darf, so ernst sind sie. Über manchen Brief von Karla hab’ ich schon

geweint. Wir schreiben uns nämlich zurzeit gerade darüber, daß wir uns

später einen Beruf erwählen wollen, in dem wir recht viel zum Glück

der Menschheit beitragen. Ich habe in diesen Tagen auch schon an Herrn

Edwin deshalb geschrieben.“

Aber Frau Cimhuber war nicht umzustimmen. Und Ursel verschloß ihr Gemüt

erst recht.

Sie antwortete nicht. Sie seufzte nicht. Sie war ein Fels geworden. Sie

deckte den Tisch auf wie eine Salzsäule. Sie deckte ihn wieder ab. Sie

räusperte sich noch nicht einmal. Und das Brautkleid lag noch immer in

der Küche und quälte Suse durch seinen Anblick. --

Am andern Morgen in aller Herrgottsfrühe, als die andern noch

schliefen, machte sich Hans dann auf die Wanderung.

Nun war Suse allein. Trübselige Tage folgten. Die Welt erschien ihr wie

ein Grab. Kein Kuchen-, kein Schokoladeduft verkündete ihr, daß ein

Umschwung zu ihren Gunsten eingetreten sei. Die Kuchenbleche blieben

unangetastet an der Wand hängen, die Rosinen ruhten in ihrer Tüte,

die Vanillestangen in ihrer Büchse. Es roch nach Negerstube, nach

Schmierseife, nach den altbekannten Düften des Cimhuberschen Hauses,

nach nichts anderem.

Endlich, endlich kam der Samstagabend heran, und mit ihm das Ende ihrer

Qual, wie Suse hoffte. Heute mußte Hans ja wiederkommen. Er hatte es

versprochen. Und vielleicht auch, vielleicht auch -- die Mutter. Ganz

auszudenken wagte Suse diesen herrlichen Gedanken nicht. Als es aber

Abend war, lief sie zum Zug, der aus ihrer Heimat kam, um die Mutter in

Empfang zu nehmen. Doch umsonst.

Auch Hans kam nicht.

Den ganzen Abend wartete sie vergebens auf ihn. Es schlug zehn, es

schlug elf, es ging auf Mitternacht. Er kam immer noch nicht. Müde und

verängstigt suchte sie da ihr Bett auf. Erst spät fand sie den Schlaf.

Der erste Gedanke, der Suse am andern Morgen beim Erwachen durchfuhr,

war der an ihren Geburtstag. Vierzehn Jahre war sie heute alt. Vierzehn

Jahre! Es war ein Sonntag heute. Die strahlende Sonne lachte über die

ganze Welt. Die Anemonen am Fenster hatten ihre Kelche weit geöffnet

und fingen das helle Licht in ihrem kleinen Blütentellerchen auf.

Die Uhr sagte Suse, daß es schon sehr spät sei. Schon neun Uhr.

Nicht wie sonst hatte Ursel sie um sieben geweckt, damit sie zur Kirche

gehe. Sie hatte sie schlafen lassen. Kein Laut regte sich im Haus.

Totenstill war es, als wären Ursel und Frau Cimhuber gestorben. Auch

Hans war nicht gekommen. Suse schlüpfte unter die Decke und machte

die Augen zu. Am liebsten wäre sie in einen hundertjährigen Schlaf

verfallen. Aber wie das anfangen.

Es blieb ihr nichts anderes übrig als aufzustehen, sich anzuziehen und

Frau Cimhuber und Ursel, die aus der Kirche kamen, zu begrüßen und

nachzusehen, wie der Wind heute wehe. -- Die Geburtstagswünsche fielen

mager genug aus. Und als Suse heimlich den Tisch in der Negerstube

betrachtete, auf dem sonst die Geschenke ausgebreitet lagen, sah sie,

daß er leer war wie eine frischgemähte Wiese. Keine einzige Gabe

schmückte ihn. Noch nicht einmal ein Brief aus der Heimat war zu

sehen. Wüstenartig öde kam Suse die Welt vor. Auch kein Kuchen war in

der Speisekammer zu entdecken, wohin Suse ihre Streifzüge ausdehnte.

Und als sie ihre Pflegemutter schüchtern fragte, was aus ihrer

Nachmittagseinladung werden solle, wurde ihr der betrübende Bescheid,

daß diese unter den obwaltenden Umständen natürlich unterbleiben müsse.

So fiel Suse denn die recht beschämende, peinliche Aufgabe zu, ihre

sämtlichen Gäste wieder auszuladen.

Auf ihrer Morgenwanderung kam sie auch in das Haus von Onkel Sepp und

Tante Hedi und fand hier die ganze Bewohnerschaft in großer Aufregung.

Theobald war genau wie Hans am gestrigen Abend nicht zurückgekehrt,

und hatte auch kein Wort der Entschuldigung geschickt. Hingegen war ein

Trupp ihm befreundeter Knaben, die auf einer Wanderschaft begriffen

waren, aus einer entfernten Stadt eingetroffen, und jetzt wußte kein

Mensch, was mit ihnen anfangen. Auch sonst hatte es noch allerlei

gegeben, was die Gemüter in Aufruhr versetzte. Am Abend vorher hatte

sich Liselotte, Theobalds älteste Schwester, verlobt, eine Gelegenheit,

die Christoph und Henner dazu benutzt hatten, sich in ihrem vollsten

Glanze zu zeigen.

Bei der Verabschiedung des Bräutigams von der Braut hatten sie durch

das Treppenhaus einen bekleisterten Zeitungsausschnitt mit dem Aufruf:

„Wasche dein Haupt mit Javol“ auf die Glatze ihres zukünftigen

Schwagers fallen gelassen und saßen nun, eine harte Strafe verbüßend,

eingesperrt in der Bodenkammer.

Kein Wunder, daß unter diesen Umständen Tante Hedi ihrer jungen Nichte

Geburtstag ganz vergaß.

Das Doktorskind mußte darum betrübter, als sie gekommen war, von dannen

gehen. Im Vorgarten des Hauses traf sie mit Liselottes Bräutigam, einem

sehr feinen Herrn, zusammen, der mit höflicher Verbeugung zu ihr die

Worte sprach: „Guten Morgen, gnädiges Fräulein, wie geht es Ihnen?“

Gnädiges Fräulein, wie achtungsvoll, wie angenehm das klang! --

Suse richtete sich an dem Gruße auf wie der erschöpfte Wanderer an

einem Stab. Nach all den Niederlagen der letzten Tage war ihr diese

Erfrischung zu gönnen.

Allein, als sie wieder zu Hause angekommen war, ging ihr Freudefünkchen

jäh in der allgemeinen Begräbnisstimmung unter.

Von Hans war noch immer keine Nachricht gekommen. Und Frau Cimhuber und

Ursel fingen an, sich zu ängstigen. Wie zwei aufgescheuchte Fledermäuse

huschten sie durch das Haus.

Und nach Tisch zog sich jeder in seinen besonderen Unterschlupf zurück,

Frau Cimhuber in die Negerstube, Ursel in die Küche, Suse in ihr

Zimmer, um die Nachmittagsstunden nach Einsiedlerart, in sich gekehrt,

zu verbringen. Aber die Trauergesellschaft hatte die Rechnung ohne den

Wirt, in diesem Falle ohne Herrn Schnurr, gemacht.

Mit einemmal trat er lächelnd mit einem Blumenstrauß in der Hand durch

die Tür der Negerstube und begehrte, Susens Wiegenfest in der geplanten

Weise zu feiern, ohne Auslassung einer einzigen Programmnummer.

Frau Cimhuber und Ursel fuhren zusammen bei seinem Anblick und quälten

sich mit dem Gedanken an das Versäumnis, das sie begangen hatten.

Sie hatten ja ganz und gar vergessen, den Lehrer abzubestellen.

Sie hatten ihm ja kein einziges Wörtlein von der verhängnisvollen

Donnerstagkatastrophe verraten, durch die das Cimhubersche Haus

sozusagen auf den Kopf gestellt war. Nichts wußte er. Unschuldig

wie ein neugeborenes Kind stand er da. Treuherzig lächelte er Frau

Cimhuber und Ursel an. Seine Seele war rein und durchsichtig wie ein

Bergkristall. Kein Schatten trübte sie.

Und nun war es zu spät, ihn wegzuschicken. Das sagten sich die zwei

Frauen, die ihn genau kannten und wohl wußten, daß er sich nicht mehr

verdrängen lasse. Er war ja störrisch wie ein Maultier.

„Wo steckt denn der Hans?“ rief er. „Ich bin doch nicht für die

Katz gekommen, wir haben doch nicht wochenlang im Schweiße unseres

Angesichts gespielt und gesungen, daß wir uns heute stumm wie die

Fische gratulieren.“

„Hans ist auf einer Wanderung,“ stotterte Suse.

„Noch besser,“ sagte Herr Schnurr, „geht der auf eine Wanderung, wenn

ich hierher bestellt bin. Das ist so die Art der modernen Kinder.

Rücksicht auf Eltern und Erzieher kennen sie nicht.“

„Hans hat Ihnen doch einen Brief geschrieben, eh’ er fortging,“ sagte

Suse stotternd. „Ich selbst hab’s gesehen. Haben Sie ihn denn nicht

bekommen? Mein Geburtstag darf nämlich nicht gefeiert werden, weil hier

allerlei vorgefallen ist.“

„Brief -- Brief?“ fragte Herr Schnurr. „Ich hab’ keinen Brief bekommen.

Na, ich kann’s mir schon denken, wo der hingekommen ist,“ sagte er mit

einemmal. -- „Der ist mal wieder bei uns in den Papierkorb gewandert

mit den Drucksachen. -- Das kommt öfters bei uns vor.“

„Ja, Susens Betragen war sehr ungehörig in den letzten Tagen,“ fiel

hier die Pfarrfrau ein, „und deshalb haben wir von einer Feier ihres

Geburtstages abgesehen.“

Herr Schnurr setzte sich auf einen Stuhl und erklärte kalt lächelnd,

er sei jetzt da, und er bleibe auch da. Und die einstudierten Lieder

würden trotz allem gesungen.

„Gelt, Ursel?“ wandte er sich vertrauensvoll an die erschrockene Magd.

„Wir zwei singen zusammen. Wir zwei haben uns ja immer gut miteinander

vertragen. Wir zwei werden jetzt unser Licht leuchten lassen.“

Ursel fuhr zusammen und wurde blaß bis an die Nasenspitze. Ihr Herz

zitterte vor Zorn.

Aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als vor der Sünderin Suse zu

singen. Wie Knödel steckten ihr die Töne im Hals, aber tapfer sang sie

ein Lied nach dem andern, aus lauter Angst vor ihrem Peiniger.

Suse aber fühlte angesichts des fleißigen Vortrags eine tiefe, tiefe

Beschämung über sich kommen, so daß ihr die Tränen in die Augen traten.

Dort stand die gute Ursel in ihrem Sonntagsstaat und sang voller

Verzweiflung die schönsten Lieder.

Und hier saß sie wie eine Königin und ließ sich feiern und hatte es so

wenig verdient.

Schließlich konnte sie nicht mehr zuhören und beschloß heimlich davon

zu schleichen und die zwei allein weiter singen zu lassen.

Aber Herr Schnurr hatte erraten, was sie wollte, packte sie am Arm und

drückte sie unerbittlich auf ihren Stuhl zurück.

„Innsbruck, ich muß dich lassen,“ klang es begeistert von seinen Lippen

in Gemeinschaft mit Ursel.

Dann empfahl er sich.

Ein Alpdruck wich von den drei Frauen. Suse stürzte, einen verwirrten

Dank stammelnd, an Ursel vorbei in ihr Zimmer und wollte keinen

Menschen mehr sehen.

Allein nur wenige Minuten verstrichen nach Abbruch des Vortrags, dann

öffnete sich die Tür ihres Stübchens, und Frau Cimhuber trat ein, um

ein Paket auf den Tisch zu legen.

Es sei schon einige Tage da, aber in dem allgemeinen Aufruhr der

letzten Woche vergessen worden, sagte sie entschuldigend.

Suse betrachtete das Paket mit freudigem Erröten und entdeckte, daß

es von Christine sei. Zärtlich wie einen lieben Bekannten drückte

sie das Geschenk an sich. Es war ihr erster Gruß aus der Heimat. Mit

aufgeregten Fingern löste sie die Schnur der Schachtel und entnahm

ihrem Innern ein buntbesticktes Seidentuch, ein Erbstück von Christines

Großmutter, das sie oft bei ihrer alten Kinderfrau bewundert und um

ihre Schultern gelegt hatte.

Sie erfreute sich auch heute wieder an dem Glanz der leuchtenden Rosen-

und Veilchensträußchen, die in das lila Tuch gestickt waren, und

spürte mit Entzücken den Duft getrockneter Kräuter, der aus Christines

Kommode kam, wo Steinklee in Büscheln zwischen Hauben, Tüchern und

den sonstigen Habseligkeiten der alten Frau lag. Leibhaftig sah

Suse Christines friedliches Reich vor Augen, und es wurde ihr ganz

sehnsüchtig zu Sinn. Zu unterst in der Schachtel entdeckte sie dann

einen Brief, der von Rosel geschrieben, aber von Christine diktiert war.

„Mein liebes, liebes Kind,“ stand darin, „Du weißt, ich kann nicht

schreiben. Ich hab’ es in der Schule nicht gelernt. Wir brauchten nicht

in die Schule. Rosel schreibt diesen Brief für mich. Und sie soll

Dir viel Glück wünschen und Gesundheit und ein langes Leben. Und das

Seidentuch in der Lade will ich Dir schenken, weil Du es ja immer so

gerne hast leiden mögen. Und ich weiß ja nicht, ob ich noch lange lebe.

Und vielleicht, wenn ich einmal gestorben bin, gibt’s Dir keiner.

Und wenn ich auch schreiben gelernt hätte, so könnt’ ich doch jetzt

nicht mehr schreiben, liebe Suse, denn ich bin blind geworden, ganz

blind. Du kannst es auch Hans sagen. Schon Weihnachten, wie Ihr daheim

gewesen seid, und wie Du mir unter dem Tannenbaum so schön vorgelesen

hast, unter dem Tannenbaum hab’ ich’s gespürt. Ich kann Euch jetzt

nicht mehr sehen, wenn Ihr heimkommt, aber ich kann Euch noch sprechen

hören und Eure Hände in meine nehmen. Erst im Himmel, wenn wir wieder

alle zusammen kommen, kann ich Euch anschauen und sehen, ob Ihr noch

Eure lieben, guten Gesichter behalten habt.

Es ist mir immer schwärzer vor den Augen geworden, und zuletzt habe ich

nur noch einen dicken Nebel gesehen, und jetzt ist es ganz dunkel um

mich wie in der Nacht. Euer Vater sagt, mir ist nicht mehr zu helfen.

Jetzt kann ich die schöne Welt nicht mehr sehen. Siebzig Jahre lang

hat unser Herrgott sie mich sehen lassen und hat es immer so gut mit

mir gemeint, und jetzt hat er mir die Augen zugemacht, und ich bin

blind. Und jetzt sitz’ ich immer draußen in der Sonne auf der Treppe

und rieche die Veilchen, die aus der Erde kommen, und höre die Vögel.

Und ich weiß doch, wie alles aussieht. Resi führt mich an der Hand

durch den Garten und den Weg ins Dorf hinauf, wenn ich zu Euern Eltern

gehe. Ich weiß, daß Ihr bald fortziehen werdet, weit, weit fort, und

nicht mehr wiederkommt. Eure Mutter hat’s mir gesagt. Ich weiß auch,

dann sehen wir uns hier nicht mehr wieder. Ich weiß, daß ich nicht mehr

lange leben werde. Der liebe Gott hat mir die Augen zugemacht, das ist

ein Zeichen, daß ich zu ihm kommen soll. Aber ich kann ruhig sterben,

denn jetzt ist alles gut. Für mein Kind sorgt der Herr Doktor und die

Frau Doktor, und ich weiß, daß auch Ihr gut zu ihm sein werdet. Alle

Leute hier sind traurig, weil Ihr fort wollt, und sie sagen, so ein

guter Doktor kommt nicht wieder...“

Da konnte Suse vor Weinen nicht mehr weiter lesen. Christine war blind

geworden, und die Eltern wollten von zu Hause fort. Das war zuviel

des Traurigen auf einmal. Sie legte den Kopf auf das bunte Tuch und

schluchzte zum Herzzerbrechen.

Ursel hörte sie draußen weinen. Aber sie hatte jetzt keine Zeit,

nach dem Grund ihres Schmerzes zu forschen. Eine merkwürdige

Zeitungsnachricht, die sie im Sonntagsblatt gelesen, hatte sie

erschreckt. --

Ein Brandunglück war dort vom Freitag abend aus einem Ort namens

Wildershausen gemeldet. -- An verschiedenen Stellen sollte es gebrannt

haben. Mehrere Scheunen sollten eingeäschert, und drei Knaben, die im

Heu übernachtet hätten, schwer zu Schaden gekommen sein. Wildershausen

-- Wildershausen, ging es Ursel durch den Sinn. Das war ja der Ort,

in dem Hans am Freitag abend übernachten wollte. Ja, ja, so hieß der

Ort. Er hatte ihn ihr genannt, als er beim Schuheinfetten am Donnerstag

abend in der Küche neben ihr gesessen war und sie auf andere Gedanken

zu bringen versucht hatte.

Hans und Suse in der Stadt · 第 35 / 38 题