Hans schüttelte den Kopf.
„Hat dein Vater nie davon erzählt?“
„Nein.“
„Das wundert mich,“ meinte Theobald, „der Doktor Brettelkern ist ein
Onkel von uns, ‚zehnmal um die Ecke rum‘, das heißt von meinem Alten.
Dein Vater kennt ihn aber genau, denn dein Vater und meiner waren schon
in ihrer Jugend unzertrennliche Freunde. Und der Onkel Brettelkern hat
an den beiden einen Narren gefressen gehabt, bis es eines Tages zum
Krach gekommen ist. Widerspruch konnte der Brettelkern nämlich nicht
ertragen. Und als die beiden jungen Dächse einmal in irgend einer
Frage, ich glaube, es war die Alkoholfrage, gegen ihn gewesen sind, da
wurde er fuchsteufelswild und hat sie vor die Tür gesetzt. Ich glaube,
jetzt nach Jahren hat er endlich mal wieder an deinen Vater geschrieben
wegen seiner Praxis, die er abgeben will.“
„Davon weiß ich nichts,“ meinte Hans ganz verwundert.
„Na, das ist ja auch nebensächlich, die Hauptsache ist, daß wir auf
seinem Heuboden übernachten wollen,“ erklärte der Vetter. „Und am
andern Morgen bringen wir ihm ein Ständchen und stellen uns vor als die
Söhne vom Sepp und vom Hermann. Schmeißt er uns dann zum Hof hinaus, so
ist’s ja noch immer Zeit zum Laufen meint der Vater.“
Dieser Plan wollte Hans keineswegs einleuchten. Und auch Peter schien
es viel besser, sich einen Unterschlupf für die Nacht zu suchen, wo man
am andern Morgen aufrechten Ganges davongehen konnte.
Indes die beiden fügten sich schließlich doch Theobalds Anordnungen.
Bald hatten sie das freundliche Städtchen Wildershausen erreicht, und
mußten nun den ganzen Ort durchwandern, ehe sie die Wohnung ihres
Onkels gefunden hatten. Sie lag an der breiten Hauptstraße, ganz am
andern Ende der Stadt.
„Aha, da sind wir,“ meinte Theobald, der zuerst das Schild mit dem
Namen des Doktors an einem der weißgetünchten Häuser entdeckt hatte.
„Dann können wir also drei Mann stark in seinen Wigwam einfallen.
Hoffentlich laufen wir ihm nicht gleich in den Weg. Sonst wirft er am
Ende einen Blick auf unsere klassischen Gesichter und drauf uns alle
drei am Kragen hinaus.“
Durch die Gitterstäbe des großen eisernen Hoftores mit dem kleinen
Eingangstor an seiner Seite spähten die Knaben in den Hof. Im
Hintergrund gewährten sie eine Scheune mit einem Stall, zu dem
rechtwinklig ein Schuppen angebaut war. Eine Menge Holz war darunter
aufgeschichtet.
Daneben stand ein Mann, augenscheinlich der Kutscher, der damit
beschäftigt war, Pferdegeschirr zu reinigen.
„Sollen wir’s wagen, sollen wir’s wagen?“ fragte Theobald. -- „Hopp,
wagen wir’s.“
Und die drei traten schnellen Schrittes ein, grüßten höflich und trugen
ihr Anliegen vor. Theobald redete dabei wie ein Wasserfall. Der Mann
vor ihm sah ihn zuerst mit leichtgeöffnetem Mund ganz verständnislos
an. Dann aber begriff er langsam, langsam, lächelte verschmitzt und
nickte beifällig.
„Guter Vetter, ich weiß schon, was du willst,“ meinte er, Theobald
kameradschaftlich auf die Schulter klopfend. „Wir verstehen uns in der
Angelegenheit. -- Die letzte Woche sind nämlich schon ein paar von
eurer Sorte dagewesen. Die haben bei uns übernachtet. So jemand wie
euch können wir schon unterbringen. Das tun wir gern. Das macht dem
Doktor Freude. Die letzten hat er sogar im Bette schlafen lassen.“
„Nur nicht in dem Brettelkern seiner Betten schlafen,“ riefen die
Knaben und dachten mit Schrecken an das Erstaunen des Doktors, wenn
dieser plötzlich die Sprößlinge der mit ihm verkrachten Verwandtschaft
in seinen warmen Federbetten entdeckte.
„Auf dem Heuboden, wo es am dunkelsten ist, wollen wir schlafen,“ rief
Theobald. „Der Heuboden, das ist unser Fall. Der Heugeruch, der ist
gesund. Der schläfert ein. Wir sind sehr für die Natur, immer für die
Natur. Gucken Sie unsere Kräfte. Alles von der Natur!“
Und damit ergriff er den verdutzten Peter am Kragen und hielt ihn mit
ausgestrecktem Arm dem Mann hin, indem er sagte: „Hier sehen Sie, alles
mit einem Griff. Alles von der Natur.“
„Du gefällst mir, du kannst so bleiben,“ meinte der Kutscher und
klopfte Theobald wieder befriedigt auf den Rücken.
„Kommt jetzt mit herein,“ setzte er zu den andern hinzu. „Die Luise
soll euch ein gutes Abendessen kochen. In einer Stunde wird der Doktor
da sein. Der wird seine Freude an euch haben. Es kommen auch noch
andere Herrschaften mit, ein Herr und eine Dame. Was sehr Feines,
glaube ich.“
„Heilige Genoveva,“ rief Theobald erschreckt, „nur nichts sehr Feines
heute abend. Für Herrschaften sind wir nicht angezogen. Und dann fallen
uns die Augen zu. Man muß uns so wie so schon Hölzchen dazwischen
stecken, damit sie offen bleiben. Aber morgen um fünf Uhr bringen wir
dem Doktor ein Ständchen. Was sagen Sie dazu? Studentenlieder spielen
wir ihm auf. Die beiden da geigen wie die Engel im Himmel und ich singe
wie eine Orgel.“
„Das wird den Doktor freuen,“ erwiderte der Mann lachend, „ja, das
könnte ihm Freude machen.“
Hierauf brachte er den Knaben heißes Wasser aus der Küche, womit diese
sich schnell einige Tassen Kakao anrührten.
Hans äugte ständig nach dem Hoftor hin wie eine Gemse, die auf
Wachtposten steht. „Hoffentlich kommt er nicht,“ murmelte er vor sich
hin. „Der wirft uns ja raus.“
„Iß und jammere nicht,“ mahnte Theobald.
Die Knaben verzehrten nun ein paar Stücke Brot und tranken ihren Kakao
dazu und schickten sich hierauf an, ihr Eßgeschirr zu reinigen.
Da sagte der Kutscher so beiläufig mit größter Ruhe vom Hoftor herüber:
„Dort unten kommt der Doktor.“ --
Die Knaben rafften ihre Rucksäcke und ihr Geschirr zusammen und rannten
davon wie die Räuber.
„Kommen Sie, kommen Sie,“ rief Theobald, den Kutscher mit sich ziehend,
„und zeigen Sie uns unser Nachtquartier! Erst morgen früh wollen wir
den Doktor sehen.“
Und wie die Katzen kletterten sie an einer Leiter in der Scheune auf
den Heuboden.
Sich die Seiten vor Lachen haltend, wackelte der Kutscher hinterdrein.
Und oben breitete er ihnen ein Segeltuch auf das Heu, um es zu schonen,
damit die empfindlichen Pferde morgens nicht seine Annahme verweigerten.
„Endlich, endlich in Sicherheit,“ meinte Theobald sich streckend und
dehnend, als der Kutscher gegangen war. „So einen Heuboden, den lob’
ich mir. Das ist doch das Beste. Neulich der Kuhstall, der war zuviel
für meines Vaters Sohn. Erst der Kuhgeruch und dann der Hühnergeruch,
und kaum ist das überstanden und man ist eingeschlummert, da erwachen
gleich so ein paar gefiederte Bestien, die mit uns zusammen logieren,
und fühlen sofort das Bedürfnis, Eier zu legen und ihre Funktionen mit
lautem Geschrei in die vier Winde zu rufen. Schauderhaft! Und dann, als
sie damit fertig sind, fällt es ihnen ein, spazieren zu gehen, und
sie nehmen ihren Weg direkt über unsere Köpfe und unsere Brust hinweg,
voran der Gockel. Und wie ich aufwach’, steht mir der, weiß Gott,
mitten auf der Brust und schlägt mir seine Flügel um die Ohren und
schreit ‚Kikeriki‘, daß ich aufgefahren bin und ihn gepackt habe. Fast
hab’ ich ihn ermördert.“
Hans und Peter lachten und vergruben sich im Heu.
„Sei still, Theobald,“ rief sein Vetter, „sonst hört uns der
Brettelkern und holt uns von seinem Heuboden runter.“
„Lacht doch nicht bei dieser ernsten Geschichte,“ wehrte Theobald,
„es kommt noch besser. Kaum sind die Hühner fort und wälzen sich mit
dem vermalefitzten Gockel, dem ich ein paar Schwanzfedern abgebrochen
habe, in den Hof hinaus, so fängt einer von unsern Freunden, der
Philipp, so laut an zu schnarchen, daß man es durch drei Wände hören
konnte. Und denkt euch, da sitzen in demselben Stall mit uns ein paar
Truthähne. Die bilden sich ein, wir wollen sie uzen mit dem Schnarchen.
Und jedesmal, wenn der Philipp mit der Stimme überschnappt, fangen die
an so mordsmäßig zu kollern und zu glucksern, als wollten sie an den
Wänden in die Höhe fahren vor Geschrei. Wißt ihr, eine Musik war in
dem Stall, als wenn einer Ziehharmonika spielt, und der andere fällt
der Länge nach von rückwärts auf das Klavier, auf sämtliche Tasten mit
einem Schlag. Hinreißend! Na, da bin ich aufgestanden...“
„Und?“ fragte Hans.
„Laß mir meine Ruh,“ sagte Theobald, „ich will jetzt schlafen.“
Und damit drehte er sich auf die andere Seite. Bald verrieten seine
tiefen Atemzüge, daß er schliefe. Und auch seine beiden Begleiter
ruhten bald, von tiefem Schlaf übermannt, auf ihrer Lagerstatt.
Da -- es mochte so vier Uhr morgens sein, wachte Hans plötzlich von
einem lauten Geräusch auf, das im Pferdestall nebenan erklungen war. Er
hörte Pferde wiehern. Mühsam richtete er sich auf und spürte, wie ihm
ein schwerer Druck auf der Brust lag. Sein Kopf schwindelte. -- Es roch
nach Qualm und Rauch. Weit riß er die Augen auf und sah einen roten
Schein von der Öffnung, die zum Pferdestall führte, herüberleuchten. Da
war ihm plötzlich klar, was hier geschehen war. Mit einem Sprung war
er auf den Beinen, riß seinen Freund Peter mit in die Höhe und schrie
durchdringend: „Hier brennt’s! Es brennt! Feuer!“
Der Freund war sofort wach, und nun rüttelten die beiden an Theobald,
der noch immer schlief wie ein Sack. Als sie ihn endlich aufgeweckt
hatten, bedurfte es nur noch weniger Sekunden, bis er sich gefaßt
hatte. Dann kommandierte er wie ein General: „Jetzt erst mal raus an
die Luft.“
Mit großer Schnelligkeit ließen sich die Knaben an der Leiter hinunter
und eilten durch die Scheune ins Freie.
Hier sahen sie den Hof tagehell erleuchtet. Der Holzstoß unter dem
Schuppen brannte lichterloh, die Flammen schlugen zum Dach hinaus und
griffen nach dem Stall hinüber.
„Schöne Bescherung,“ murmelte Theobald.
„Wir müssen die Pferde rauslassen,“ meinte da Hans Und die Knaben
drangen sofort in den Stall ein, schirrten die Füchse los und führten
sie ins Freie. Die Tiere drängten aufgeregt dem Feuer zu. Theobald
wurde dabei zu Boden geschleudert und schlug seinen Kopf gegen einen
Stein. Hans und Peter wurden gegen die Wand gedrückt und scheuerten
sich das Gesicht blutig.
Noch rechtzeitig kam ihnen ihr Freund von gestern, der Kutscher, zu
Hilfe und brachte die Pferde, unterstützt durch einige Männer von der
Straße, ins Freie.
„Es brennt an verschiedenen Stellen in der Stadt,“ hörte Hans jene
Leute rufen, und atmete erleichtert auf. Der Kutscher hatte ihn eben,
anscheinend nicht recht bei Sinnen, angefahren: „Ihr vermalefitzten
Lausbuben, habt ihr vielleicht das Feuer angemacht!“ -- Fast wären sie
also noch in den Geruch von Brandstiftern gekommen.
Theobald hatte sich inzwischen die Wunde mit ein paar Taschentüchern
umwickelt und ging auf das Wohnhaus zu, indem er Peter erklärte: Er
werde jetzt den Onkel „Zehnmal um die Ecke“ retten, ihn auf seinen
Händen ins Freie tragen und im Namen seiner Familie Versöhnung feiern.
Als Theobald in den Hausflur eingetreten war, bemerkte er gleich auf
der Spitze der Treppe im ersten Stock einen Herrn im Nachtgewand und
rief ganz bescheiden hinauf: „Herr Doktor, kommen Sie gefälligst. Es
brennt bei Ihnen. Soll ich Ihnen helfen? Es ist nicht gefährlich.“
„Aber Theobald, Junge, wo kommst du her?“ tönte da oben eine
wohlbekannte Stimme herunter. Theobald stutzte. Dann hatte er den Rufer
erkannt. Es war sein Onkel Hermann, der Vater von Hans Und in einigen
Sprüngen war er bei ihm.
„Du hier, Onkel?“ rief er.
„Ja, du hier? das frag ich dich auch, Theobald,“ antwortete jener ganz
betroffen. „Wo kommst du her?“
„Auf einer Wandertour, Onkel. Hans ist auch da.“
Und in demselben Augenblick kam der Knabe, von dem eben die Rede war,
im Sturm die Treppe hinauf und rannte den Vater fast über den Haufen.
Und nun erschien auch die Frau Doktor und war ganz bestürzt, als sie in
dem unheimlichen Lichtschein, der das Treppenhaus erleuchtete, ihren
Sohn gewahrte. --
Bis vor einer Stunde noch war sie mit ihrem Mann und dem Besitzer des
Hauses, dem Doktor, aufgewesen, und nun war sie im ersten Schlaf durch
einen furchtbaren Lärm emporgerissen worden.
Gerade wollten Theobald und Hans den Doktorsleuten die nötigen
Erklärungen über ihr Hiersein geben, da rannte ein dicker, alter Herr
im Sturm an der Gruppe vorüber und warf sich seinen Rock über.
Es war der Doktor Brettelkern.
„Entschuldigt, ich muß mit in den Betrieb,“ rief Theobald und folgte
seinem Onkel in den Hof. Schreiende Menschen drängten hier zur Tür
herein, die Feuerwehr rasselte heran, die Pumpen wurden in Tätigkeit
gesetzt und die Spritzen auf das Haus gerichtet.
Theobald suchte sofort irgendwo einzugreifen und half beim Pumpen mit
einem Eifer, als hänge das Geschick Wildershausens von seinen Muskeln
ab. Mitten im schönsten Arbeiten fühlte er plötzlich, wie ihm jemand
die Taschentücher vom Kopfe riß, ein dickes Stück Watte mit einer
brennenden Flüssigkeit in die Wunde stopfte und dann seinen Kopf mit
einer Gazebinde so fest umwickelte, daß er sich zwischen die Kinnbacken
eines Riesennußknackers geraten glaubte.
Es war der Doktor Brettelkern, der ihn verbunden hatte.
Unverzagt pumpte Theobald weiter, unterstützt von Hans und Peter.
Als nach einer Stunde der Brand gelöscht war und die Menschen sich vom
Hofe verzogen hatten, fanden sich der Besitzer des Hauses und seine
Gäste, die Doktorsleute von Schwarzenbrunn und die drei Knaben aus der
Stadt, in dem gemütlichen Eßzimmer ein, wo sie sich an einer Tasse
warmen Kaffees stärkten, die ihnen die Haushälterin des Doktors schnell
bereitet hatte. Das Fragen und Erklären nahm nun kein Ende.
Hans, der sich schon die zwei letzten Stunden über den Kopf zerbrochen
hatte, warum seine Eltern wohl hier seien und allerlei Ahnungen
verspürte, erfuhr nun, daß sein Vater gekommen sei, um mit dem Doktor
Brettelkern über seine Praxis in Wildershausen zu reden, die er in
aller Kürze übernehmen werde. -- Von Pfingsten ab sei der Doktorsleute
und ihrer Kinder Wohnort Wildershausen.
Da stieg dem Knaben das Blut so heiß zu Kopf, daß seine Schrammen im
Gesicht wie Feuer brannten. Für die nächste halbe Stunde kam ihm kein
Wort über die Lippen.
Theobald aber betrachtete fortwährend mit sichtlichem Wohlgefallen sein
zu einem Riesenkürbis angewachsenes Haupt im Spiegel ihm gegenüber.
Was Schöneres konnte er sich nicht denken, als hier sozusagen als Held
zu sitzen.
Am schweigsamsten war der Hausherr, der Doktor Brettelkern. Aber
schließlich riß er sich von seinen Gedanken los, sprang auf und meinte
kopfschüttelnd: „Da hört man zwanzig Jahre nichts von einander. Und nun
sieht man sich so wieder. Der ist genau wie sein Vater,“ meinte er, auf
Theobald zeigend. „Der redete einen auch tot und lebendig.“
Seines Neffen Gesicht rötete sich vor Stolz, und er erklärte: „Ja, die
Mutter sagt auch immer, Sepp, das haben sie von dir.“
Bis zum Sonntag blieb nun die Gesellschaft noch im Hause des
gastfreundlichen Doktors. Früh am Morgen sollte eigentlich der
Aufbruch in die Stadt vor sich gehen, aber da die Knaben in einen
Murmeltierschlaf versunken und nicht aufzuwecken waren, bat ihr
Gastgeber, daß man die Reise noch bis zum Mittag verschiebe. So kam es,
daß Hansens Eltern erst gegen Abend von Susens Geburtstag im Hause der
Frau Cimhuber eintrafen.
Kaum hatte Suse, die in inniger Umarmung mit Toni auf dem Sofa saß
und die Depesche, die jene gebracht hatte, durchlas, die Stimme ihres
Vaters und ihrer Mutter vernommen, da fuhr sie mit einem Jubelruf in
die Höhe und stürmte auf den Flur zur Begrüßung.
Sie wollte ihren Vater und ihre Mutter nicht mehr loslassen. Sie
umarmte sie immer wieder. Auch Hans zog sie an sich.
Aber der Bruder geriet gleich in Ursels Fänge, die ihn mit Fragen
bestürmte. Sie hatte nur ein Auge für ihn.
„Lebst du noch Hans?“ rief sie. „Gelt, du bist’s doch gewesen, von dem
in der Zeitung geschrieben stand?“ fragte sie ihn. „Komm her und sieh
mich an. Dein ganzes Gesicht ist ja zerkratzt. Gott sei Dank, daß du
noch lebst.“ --
„Seit wann soll ich denn gestorben sein?“ fragte Hans erstaunt.
„Seit’s in der Zeitung stand,“ erwiderte Ursel. „So was Ähnliches hab’
ich gelesen.“
Nachdem der erste Begrüßungssturm vorüber war und Suse an Ursels mildem
Gesichtsausdruck merkte, daß Hader und Groll von ihr gewichen waren,
wagte sie verstohlen ihren Arm unter den der alten Magd zu schieben und
zu fragen: „Sind Sie mir böse? Haben Sie alles vergessen?“
„Das wäre ja eine Sünde, jetzt böse zu sein,“ entgegnete Ursel.
„Wir wollen froh sein, daß Hans wieder da ist, und nicht an unsere
Fehltritte denken. Wir wollen alles vergessen. Unser Kummer ist jetzt
nebensächlich.“
Und sie rief die beiden in ihr Zimmer und holte aus ihrer Kommode ein
silbernes Kreuz hervor, das sie Suse zum Geburtstag bestimmt, heute
aber in ihrem Zorn unterschlagen hatte, und band es dem Doktorskind um.
Und dann griff sie nach der berühmten, von Hans schon beschriebenen
Marzipantorte, die mitten auf ihrem Bett stand, und reichte sie den
beiden hin. Arm in Arm mit ihrer gütigen Geberin traten die Geschwister
wieder vor das Angesicht ihrer Eltern, und so erfuhren diese nie, wie
heftig die Wirbelstürme gewesen waren, die in der vergangenen Woche die
Freundschaft des Kleeblattes hin- und hergezaust hatten.
Den Abend verbrachten die Doktorsleute nun mit ihren Kindern bei
Theobalds Eltern in der Stadt, und erst am andern Tage setzten sie
Frau Cimhuber von all den Beschlüssen, die sie in letzter Zeit gefaßt
hatten, in Kenntnis.
Nach dem Städtchen Wildershausen wollten sie verziehen.
Ihre Kinder wollten sie zu sich nehmen, da in ihrem neuen Wohnort
höhere Schulen seien.
Frau Cimhuber traf die Nachricht wie ein Schlag.
„Jetzt hat man sich gerade an die Kinder gewöhnt, und jetzt soll man
sie wieder hergeben,“ sagte sie wehmütig vor sich hin. „Scheiden und
Meiden, das ist das Leben.“
Ursel weinte drei Tage lang, als sie die traurige Nachricht erfahren
hatte. Dann aber faßte sie sich und sagte zu Hans und Suse: „Ja, es ist
viel besser für euch, daß ihr fortgeht. Besonders für dich, Suse. Ich
habe es jetzt gesehen. Euer Vater ist ein ernster Mann. Er wird euch
zum Ernst erziehen. Suse, nächstes Jahr wirst du konfirmiert. Da hast
du eine strenge Aufsicht nötig und eine ernste Umgebung.“
Die schwersten Stunden aber standen Ursel noch bevor. Das waren die
Wochen nach dem Fortziehen der Kinder. Mittags, wann die Zeit gekommen
war, zu der die beiden sonst aus der Schule zu kommen pflegten, horchte
sie oft, ob nicht ein stürmisches Klingeln erschalle und ob nicht zwei
fröhliche Stimmen riefen: „Was gibt’s heute zu essen? Was Feines? Was
Gutes?“ Oder sie meinte zuweilen zwei Hände zu fühlen, die sich ihr von
rückwärts um die Augen legten und jemand fragen zu hören: „Wer ist’s,
Hans oder Suse?“
Am Tage aber, an dem sonst Herr Schnurr zu erwarten war, übermannte sie
häufig eine große Wehmut. Wie im Traum befangen, rückte sie dann die
Stühle und Tische in der Negerstube zurecht und dachte voll Sehnsucht
der Zeiten, in denen er hier wie ein verzückter Derwisch seine Tänze
aufgeführt hatte.
Ja, die Einsamkeit im Cimhuberschen Haus wurde mit der Zeit so drückend
für sie, daß sie nicht ruhte, bis ihre Herrin neue Zöglinge aufgenommen
hatte.
Und von ihren Lippen ertönte zur Ermunterung der eben eingezogenen
Kinder ständig der Ausspruch: „Oh, Hans und Suse hättet ihr sehen
sollen! Ja, Hans und Suse. Die waren artig, die waren gut! Die hatten
ein Herz wie Gold! Und so fleißig, so gescheit waren sie! Der Hans
konnte geigen wie die Engel im Himmel! Und an den Augen sahen sie einem
ab, was sie einem helfen konnten. Und immer waren sie vergnügt. Bei
denen war’s immer Sonntag. Nie ließen sie die Ohren hängen. Hans hatte
sich einmal den Daumen gebrochen in der Turnstunde und dazu pfiff er...“
Es war ein Glück, daß die Doktorskinder die Lobpreisungen nicht hörten.
Wie hoch sonst Suse wohl ihre Nase getragen hätte.
Daheim aber in Schwarzenbrunn im Doktorshaus wurde es still, sehr
still. Für lange Zeit kam kein Arzt mehr in das einsame Dorf, und das
Haus stand leer. Die Fensterläden blieben geschlossen. Der Hof war
vereinsamt. Büsche und Blumen wuchsen wild im Garten. Es wurde ein
Märchengarten daraus.
Babette Buntrock und die übrigen Hühner waren mit ausgewandert nach
Wildershausen. Minnette und das Käterle hatten bei Rosel, die sich
kürzlich verheiratet hatte, eine Heimat gefunden. Michel war zum
Förster gekommen. -- Der Aufenthalt in der Stadt tauge ja doch nichts
für ihn, hatte der Doktor behauptet. Es sei die reine Quälerei.
So konnte der tüchtige Waldbursche Michel denn jetzt ununterbrochen in
seinem geliebten Forst bleiben, wo es ihm so wohl gefiel. Zum großen
Glück hatte der Förster auch keine Kinder. Und so brauchte die Bracke,
die mit zunehmendem Alter immer hochmütiger und abwehrender gegen die
Menschen geworden war, sich ihre unangenehmen Aufdringlichkeiten und
albernen Zärtlichkeiten auch nicht mehr gefallen lassen. -- Zuweilen
führte ihn sein Weg am Doktorshaus vorüber. Stolz kam er die Straße
herunter, seinen Schwanz trug er wagrecht abstehend wie ein Lineal.
Einmal blieb er stehen und sah zum Hause hinüber, als entsinne er sich
vergangener Zeiten. Doch niemand könnte sagen, ob das wirklich der Fall
war.
Minnette und das Käterle dehnten ihre Streifzüge noch immer auf den Hof
und die Scheune ihres alten Wohnhauses aus. Aber abends fanden sie sich
regelmäßig bei Rosels Milchtöpfen ein.
Manchmal saßen sie auch noch auf der hintern Gartenmauer, wo im
Frühjahr der Schlehdorn schneeweiß leuchtete, und sonnten sich wie in
den Zeiten, als Hans und Suse noch hier waren.
Und die alte Tanne, die dort hinten in der Ecke stand, rauschte noch
immer so geheimnisvoll wie früher, als das kleine Mädchen zu ihrem
Bruder gesagt hatte: „Hörst du, Hans, jetzt kommt der Wind. Jetzt fängt
die Tanne leise zu singen an. Und der Wind erzählt ihr was. Ein feines
Lied. Das hat die Mutter gesagt. Hörst du, summ, summ...“