„Ja, Hans!“
„Aber, Suse, wir sind ja eigens hierher gekommen in die Stadt, damit
wir was lernen, und jetzt wollen wir schon wieder fort?“
„Ei, Hans, wir können ja in eine andere Stadt gehen, wo’s viel schöner
ist. Es gibt ja noch viele Städte.“
„Nein, Suse, der Vater und die Mutter haben gesagt, sie haben sich
lange bedacht, warum sie uns gerade in diese Stadt schicken. Sie
wollen, daß wir uns an fremde Menschen gewöhnen und hier bleiben und
was lernen. Und jetzt sind wir hier, und jetzt bleiben wir hier.“
„Dann sterb’ ich, Hans. Ich hab’ immer so Weh hier...“ Und das kleine
Mädchen zeigte weinend auf sein Herz.
„Sieh, hier, Hans, und essen mag ich auch nichts mehr, es drückt mich
immer im Hals und ich kann nicht schlucken. Du wirst sehen, ich sterbe.
Ich habe schon immer gebetet, daß der liebe Gott macht, daß wir wieder
nach Hause kommen, sonst sterb’ ich.“
„Bald sind ja Ferien, Suse!“
„Dann bin ich schon tot. Ich will fort, ich will fort!“
Und Suse drückte weinend beide Handrücken vor die Augen und wiederholte
immer wieder: „Ich hab’ so Weh hier, Hans, ich hab’ so Weh hier! Ich
will fort!“
Dem Bruder wurde es angst und bange. Er suchte nach Trostesworten und
fand keine.
Seine kleine Schwester aber fuhr immer trauriger fort: „Ich mag auch
nicht mehr in der Elektrischen fahren. -- Und die hellen Buchstaben
find’ ich auch nicht mehr schön. Ich mag nichts mehr. Kein Kind will
mit mir spielen. Alle haben sie Freundinnen, nur ich nicht. Und Frau
Cimhuber hat uns auch nicht lieb, und Ursel erst recht nicht.“
Hier schluchzte sie laut auf.
Dann sagte sie wieder leise vor sich hin: „Wir wollen fort, wir wollen
fort. Ich will zum Vater und zur Mutter und zu den Kindern, die mich
lieb haben.“
„Aber, Suse, was wollen wir denn machen?“ fragte Hans in größter
Aufregung. „Frau Cimhuber läßt uns ja nicht fort!“
„Sie braucht es ja nicht zu wissen, daß wir fort wollen, Hans! Wir
schleichen uns ganz in der Frühe fort, wenn alle noch schlafen.“
„Und unsere Sachen, Suse?“
„Die ziehen wir alle übereinander an. Du ziehst vier Hosen und
vier Hemden an und zwei Anzüge, und ich auch; meine zwei schönen
Sonntagskleider leg ich fein ordentlich in eine Pappschachtel, und
deinen Matrosenanzug auch. Das trägst du dann an einer Schnur.
Ich nehme das andere; die Geburt Christi und den Engel und die
Taschentücher und Strümpfe, alles, alles in der Hirschtasche.“
„Nein, Suse, das geht nicht. Das dürfen wir nicht. Wir sind hier und
wir bleiben hier. Und es ist auch schön hier.“
„Schön?“ fragte Suse ganz entgeistert. „Aber, Hans, das glaubst du
doch selbst nicht! -- Weißt du, Hans,“ fuhr sie flüsternd fort,
„nachts träum’ ich immer, der Negergott springt mit einem von den
vielen Negermessern hinter uns her, drei Schritte vorwärts und einen
zurück, und dazu ruft er: Halloh! Halloh! wo steckt ihr? -- Und eines
Nachts ist er wirklich an unsere Tür gekommen. Ich hab’ ihn deutlich
schleichen hören. Und dann hat er leise, erst wie ein Neger, dann
deutsch gesagt: ich krieg euch doch. -- Wartet nur, brr... hu... hu...“
„Dummes Zeug,“ wehrte Hans. „So was Dummes brauchst du nicht zu
träumen. Du weißt ja, er ist aus Holz. Und nun paß mal auf. Ich gehe
jetzt in die Negerstube und hol’ ihn von dem Ständer herab. Dann sollst
du ihn selbst mal anfassen.“
„Nein, nein,“ rief Suse. „Er tötet uns.“
„Er denkt nicht dran. Er ist ja der rechte Ölgötze. Das hat auch
Theobald gesagt.“
Und nach diesen Worten ging Hans stolz, hoch erhobenen Hauptes zur
Tür hinaus, dem Staatsgemach der Frau Cimhuber zu und trat ein.
Erwartungsvoll sah ihn der Götze daherschreiten.
„Er guckt, er guckt,“ rief Suse.
„Darf er ruhig,“ meinte Hans, räusperte sich, ging stracks auf das
Ungeheuer zu, klopfte ihm ein paarmal auf den hölzernen Lockenkopf und
packte dann mit festem Griffe zu. Die Figur wog schwer wie Blei. Und
Hans hatte Mühe, sie auf seine Schulter zu heben, und trug sie dann mit
eingeknickten Knien wie ein alter Mann hinter Suse her, die sich aus
Angst vor dem Ungeheuer langsam immer weiter zurückzog.
„Wart’ doch, wart’ doch!“ rief er.
Fast war er bei der Schwester, da fiel plötzlich mit Getöse ein
Negerschwert von der Wand herunter.
Hans glaubte, die Decke stürze ein, sperrte vor Schrecken die Arme weit
auf und ließ den Negergott auf den Teppich plumpsen. Er stand Kopf und
schlug dann krachend einen Purzelbaum.
„Der Götze, der Götze,“ schrie Suse, sprang in die Höhe wie eine
Heuschrecke und glaubte, er käme hinter ihr hergerutscht und packe sie
am Bein. Wenn er sie plötzlich festgehalten, hätte sie es gar nicht
verwundert.
„Der Götze, der Götze!“ rief sie noch einmal.
Da kam Ursel herbei, erblickte die Figur, die mitten im Zimmer auf dem
Rücken lag, und stürmte drauf zu.
„Der Götze, der Götze,“ rief sie. Sie kniete daneben nieder, wendete
ihn um und um wie ein Wickelkind, und entdeckte den Spalt in seinem
Kopf. Dann jammerte sie: „Jetzt ist er kaput! Da liegt er nun, der
treue Götze. Wer hat euch denn geheißen, ihn von seinem Platz herunter
zu holen,“ brauste sie auf. „Müßt ihr alles anfassen, was ihr seht?
Natürlich hattet ihr keine Ruh’, bis er kaput war.“
[Illustration]
„Frau Cimhuber wird böse sein,“ stotterte Hans.
„Vielleicht nicht?“ brauste Ursel auf. „Soll sie vielleicht Zuckerkind
zu dir sagen und dir einen Kuchen backen zur Belohnung, weil du den
Götzen kaput gemacht hast!“
„Nein, das möcht ich nicht,“ sagte Hans noch verwirrter als bislang.
„Der Götze ist ja von dem Herrn Missionar, nicht wahr?“
„Von wem denn sonst, vielleicht von einem Zwetschenbaum? Meinst du,
solche fremdländischen Figuren wachsen hier auf Bäumen, und wir holen
sie uns herunter?“
„Nein... nein..., ich weiß ja, daß er aus Afrika ist,“ sagte Hans
schüchtern. „Frau Cimhuber hat’s ja gesagt.“
„Jetzt fort mit euch ungezogenen Kindern!“ fuhr Ursel die Pechvögel an.
„Ihr könnt nichts, wie Dummheiten machen.“
Und die beiden verließen gesenkten Hauptes die Negerstube und wußten
nicht wohin sehen vor Beschämung.
Es verging geraume Zeit, dann hörten sie, wie die Pfarrfrau
wiederkehrte, mit Ursel redete und von ihr in die Negerstube geführt
wurde.
Sie lauschten atemlos.
„Jetzt weiß sie’s,“ flüsterte Suse.
Hans fuhr zusammen und saß blaß und regungslos in der Ecke und
erwartete jede Minute, Frau Cimhuber werde mit dem Götzen auf dem Arm
hereinkommen und ihn zur Rede stellen.
Aber sie kam nicht, und auch später, als die Kinder mit ihr beim
Abendessen zusammentrafen, machte sie ihnen keine Vorwürfe. Sie sah
nur still vor sich nieder. Da konnte Hans schließlich ihren stummen
Anblick nicht mehr ertragen, und er sagte leise und beklommen: „Frau
Pfarrer,... Frau Pfarrer...“ Dreimal schluckte er trocken runter, dann
begann er wieder: „Ich bitte Sie um Entschuldigung wegen dem Götzen,
Frau Pfarrer. -- Er -- ist so rutschig und glitschig wie ein Fisch. Er
ist mir aus den Armen gefallen. -- Ich glaub’ -- ich mein’ --,“ fuhr
er stotternd fort, „wenn Sie erlauben, Frau Pfarrer, mein’ ich, möcht’
ich Ihnen einen neuen Gott schenken. Ich könnte Ihnen einen schnitzen
lassen. Ich habe einen Freund Martin, der schnitzt sehr schön, der
könnte Ihnen einen neuen schnitzen. Meiner Mutter hat er einen
Nähkasten geschnitzt. Spazierstöcke kann er auch machen. Der würde
sicher einen schönen Negergott fertig bringen.“
„Es kommt nicht auf die Schönheit an,“ sagte Frau Cimhuber schmerzlich.
„Diese Figur war mir nur deshalb lieb, weil sie ein Geschenk meines
Sohnes aus Afrika ist. Aber wie kommt gerade ihr darauf, sie
herunterzunehmen? Ihr möchtet doch gewiß auch nicht, daß wir euere
Sachen in euerer Abwesenheit anfassen und kaput machen.“
„Nein... nein,“ stotterten die Kinder, und Hans sagte kleinlaut: „Wir
wollten ihn nicht kaput machen. Und wir faßten ihn auch sonst nicht an,
aber...“
„Ich hab’ gemeint, er ist lebendig,“ fiel hier Suse weinend ein.
„Entschuldigen Sie, Frau Pfarrer, ich fürcht’ mich so vor ihm. Und da
hat Hans gesagt: er ist nicht lebendig. Und da wollten wir sehen, ob er
lebendig ist. Und da war er gerade wie lebendig. Und ich habe ihn schon
ganz sicher mal gehört, wie er des Nachts vor meiner Tür gesessen ist
und leise geklopft hat und gesagt hat: Macht auf; seid ihr drin; ich
komme.“
„Aber Kind, du phantasierst,“ sagte die Pfarrfrau und sah Suse
erschreckt an. „Aber, Kind,“ begann sie dann wieder, „du mußt acht
geben auf alles, was du sagst. Sonst sagst du die Unwahrheit, und das
ist das Schlimmste, was ein Kind tun kann.“
Suse fuhr zusammen. Hans sah ängstlich auf und verteidigte seine
Schwester: „Suse träumt immer so. Und dann wacht sie auf und dann hat
sie gehört, wie jemand draußen war und dann hat sie gemeint, es ist der
Götze.“
Die Frau Pfarrer schien der Sache nicht recht zu trauen, denn sie
antwortete nichts, und die Unterhaltung verstummte ganz und gar.
Die Kinder waren froh, als das Abendessen vorüber war und sie sich
entfernen konnten.
In Suse stand der Entschluß zu fliehen fester denn je. Und als sie mit
ihrem Bruder allein war, begann sie: „Wir wollen fort, Hans. Nun willst
du doch auch, daß wir fortgehen. Wir machen ja doch alles verkehrt,
wenn wir uns auch noch so viele Mühe geben. Was nützt es, daß wir
noch hier bleiben. Noch kein einziges Mal ist Frau Cimhuber gut zu
uns gewesen und hat uns gelobt. Glaub’ mir, sie ist froh, wenn wir
wieder fort sind. Und dann lassen Ursel und sie sich eben andere Kinder
kommen, die viel artiger sind als wir. Und daheim sind sie froh, wenn
wir kommen.“
Und stockend fuhr Suse fort: „Und schlechte Zeugnisse bekommen wir
auch. Ich versteh’ immer noch nichts in der Schule, und daheim war ich
immer die erste.“
„Ich versteh’ jetzt schon mehr,“ sagte Hans schüchtern.
Suse aber fuhr fort: „Du gehst aber doch mit mir fort? Gelt? Du bleibst
nicht hier? Wir gehen nach Hause. Ach laß uns doch nach Hause gehen.“
Der Bruder schüttelte sein Haupt und sagte standhaft wie ein
Erwachsener: „Nein, Suse, die Eltern haben gesagt, wir bleiben hier,
und jetzt bleiben wir hier.“
Allein das Unglück heftete sich an des Knaben Fersen, und ehe noch der
folgende Tag vorüber war, sollte sein Heldentum jäh in die Brüche gehen.
Morgens früh ging er ganz zuversichtlich zur Schule. Der Aufenthalt
dort war ihm lange nicht so unangenehm, als der in Frau Cimhubers Haus,
wo alles ihn vorwurfsvoll ansah, heute selbst der Negergott, der mit
seinem geborstenen Haupt ein Bild des Schreckens bot.
Die Schule dagegen war Hans lange nicht mehr so fremd wie in den ersten
Tagen seines Hierseins. Lehrer und Schüler waren ihm bekannter, der
ganze Unterricht vertrauter geworden.
Heute nun brachte er es sogar fertig, in der ersten Hälfte des Morgens
ein paar gute Antworten zu geben und war ganz angetan von sich.
So kam die letzte Stunde, eine Naturgeschichtsstunde, heran. -- Der
Lehrer wollte mit den Kindern in der Besprechung des Hausrindes
fortfahren, mit der er schon das letztemal begonnen hatte.
Es würde sehr lustig und ulkig zugehen, meinten einige von Hansens
Mitschülern, die sitzen geblieben waren und deshalb vom letzten Jahre
her über alles genau Bescheid wußten.
Herr Meyer werde nämlich einen Kuhmagen mitbringen, um ihn aufzublasen
und dessen Form deutlich zu zeigen. Bei diesem Beginnen pflege er
selbst so heftig mit anzuschwellen, daß die Klasse in lautes Lachen
ausbreche und nicht mehr zu halten sei.
Fuchsteufelswild werde er darüber.
Nun war die Pause vorüber und die Schüler suchten ihre Plätze auf.
Rechts und links von Hans saßen seine Nebenmänner schon, und zwar
auf der einen Seite sein Freund Peter, ein Knabe mit einem freien,
aufgeweckten Wesen. Hans und er waren gleich Freunde geworden, stammte
Peter doch auch aus den Bergen, und so hatten die beiden einander
gleich viel zu erzählen gehabt. -- Für Peters größtes Heiligtum, eine
Tierschädel- und Vogeleiersammlung, wollte Hans aus den nächsten Ferien
einige neue wertvolle Stücke mitbringen.
Weniger freundschaftliche Beziehungen bestanden zwischen Hans und dem
Knaben an seiner andern Seite. Dieser, Kurt, war das gerade Gegenteil
von Peter, ein unaufrichtiger, verschlagener Junge, der aber trotzdem
einen großen Einfluß auf seine Mitschüler ausübte. Er hatte den
Fußballklub „Germania“ gegründet und schon eine große Anzahl Mitglieder
gewonnen. Auch Hans sollte diesem Verein beitreten, hatte es aber bis
jetzt noch abgelehnt, da ihn einstweilen in der Stadt noch viel anderes
Neues lockte.
Gerade hatte der sporteifrige Kurt Hans wieder in ein Gespräch über
seinen Fußballklub verstrickt, da öffnete sich die Tür, und der
Lehrer, Herr Meyer, trat ein. Unter dem Arm trug er eine Pappschachtel
und einige Bücher. Der Lärm in der Klasse ließ nach. Ganz still wurde
es allerdings noch nicht. So recht in Respekt zu setzen wußte dieser
Lehrer sich nämlich nicht.
Er ging nun auf das Pult zu und nahm dort Platz. Hinter ihm erhob sich
die weißgekalkte, mit Bildern Schillers und Uhlands geschmückte Wand.
Die Pappschachtel stellte er neben sich nieder. In der Klasse war noch
Flüstern, Klappern, sowie Schurren mit den Füßen zu hören.
„Ruhe,“ rief der Lehrer, und die Stunde begann.
„Welches ist das nützlichste Haustier des Menschen?“ leitete er seinen
Unterricht ein.
„Das Hausrind,“ kam als Antwort zurück.
Herr Meyer war mit dieser Erwiderung zufrieden und legte nun den
Kindern andere Fragen vor, die sie ebenfalls zu seiner Zufriedenheit
beantworteten. Dann reihte er gemeinsam mit ihnen das Tier in die
Klasse der Wiederkäuer, Pflanzenfresser und Huftiere ein, und mehrere
Male mußten die Knaben die Merkmale dieser Tiere wiederholen.
Hans paßte gut auf, damit ihm kein Wort entgehe. Die Beschaffenheit
der Zunge, des Gebisses, der Hufe, der Muskulatur, alles war ihm klar.
Auch die Einteilung des Kuhmagens leuchtete ihm ein; Pansen, Netzmagen,
Blättermagen und Labmagen hießen die verschiedenen Abteilungen.
Als der Lehrer mit seinen Erklärungen fertig war, griff er nach der
Pappschachtel. -- Die Kinder stießen einander an und sahen gespannt
nach dem Pult. Jetzt war der langersehnte, aufregendste Augenblick der
Stunde gekommen. Der Lehrer hob den Deckel der Schachtel auf und holte
ein lederfarbenes Hautgemengsel heraus, indem er sagte: „Nun wollen wir
uns einmal einen richtigen, echten Kuhmagen ansehen.“ Hierauf setzte
er eine Glasröhre in die Öffnung des Magens und begann zu pusten.
Die Knaben verwandten keinen Blick von ihrem Lehrer und seinem Tun.
Langsam schwoll der Magen an, eine Abteilung nach der andern, und in
dem Maße, als er an Umfang zunahm, schien auch des Oberlehrers Gestalt
anzuschwellen. Der Zwischenraum zwischen ihm und dem Pultdeckel wurde
immer geringer. Leise kicherten einige Knaben. Zürnend blickte der
Lehrer in die Klasse und wurde krebsrot im Gesicht. Aber sein Mund ließ
die Glasröhre nicht los. Da platzte einer der Knaben laut aus. Der
Oberlehrer ließ die Glasröhre in seiner Hand fahren, und der Kuhmagen
sank mit einem leise pfeifenden Ton in sich zusammen. Am lautesten
mußte Hans lachen. Das Unglück wollte ja immer, daß er da am lautesten
lachte, wo es am wenigsten angebracht war.
Puterrot vor Zorn schlug der Lehrer auf das Pult, daß der Kuhmagen wie
ein lederner Tabaksbeutel in die Höhe flog und rief: „Wenn jetzt noch
einmal einer lacht, dann bekommt ihr alle Arrest. -- Verstanden? --
Es ist doch seltsam, daß gerade die immer am meisten lachen, die am
wenigsten können,“ meinte er mit einem durchbohrenden Blick nach Hans
hin.
Dieser wurde käsweiß.
„Die Schule ist doch nicht dazu da, daß wir uns im Lachen und Schreien
üben,“ fuhr der Lehrer lauter fort. „Wenn wir das wollen, können wir
lieber in unseren Hinterwäldern bleiben und mit unseren Kühen auf die
Weide gehen.“
Hans spürte, wie seine Stirn eiskalt wurde. -- Der Lehrer meinte
natürlich ihn. Ja, er hätte daheim bleiben sollen in Schwarzenbrunn.
Zitternd vor Ärger ergriff Herr Meyer jetzt den Kuhmagen zum zweitenmal
und pustete ihn auf. Nun bedurfte es nur noch einiger schwacher
Atemzüge, dann war dieser ganz und gar mit Luft gefüllt.
Da geschah etwas Unerwartetes.
Durch die Klasse schwirrte plötzlich eine Papierkugel und fiel mitten
auf des Lehrers Nase nieder. Sein Kopf fuhr auf, und die Glasröhre fiel
zur Erde. Es war totenstill in der Klasse. Dann sprang Herr Meyer in
die Höhe und fuhr die Knaben an: „Wer hat das getan?“ Keiner antwortete.
Fest hefteten sich da die Augen des Lehrers auf Hans. -- Unsicher
flogen des kleinen Knaben Blicke durch die Klasse. -- War nicht seine
Hand wie von einem Wurf ermattet unter die Bank gesunken, als der
Lehrer aufgeblickt hatte?
„Ich weiß genau, wer es getan hat,“ rief der Lehrer lauter als vorher.
„Du, der Neue, da hinten in der Ecke, komm mal her! Wie heißt du doch
gleich?“
Mechanisch ging der Junge auf das Pult zu und sah den Lehrer
hilfesuchend und verstört an.
„Gesteh mal, du hast’s getan,“ donnerte ihm dieser entgegen.
Hans würgte an einer Antwort, aber sie kam nicht über seine Lippen. Der
Ausdruck seiner Augen wurde immer unglücklicher und hilfloser.
„Antworte,“ rief der Lehrer.
Er schwieg.
„Ah, du bist auch noch trotzig,“ fuhr Herr Meyer ihn an. „Marsch, geh’
wieder auf deinen Platz. Ich kenne dich, Bürschchen. Aber jetzt hab’
ich keine Zeit für dich. Doch morgen früh wirst du mit mir zum Herrn
Direktor gehen.“
Hans konnte noch immer keinen Laut hervorbringen. Wie ein zum Tode
Verurteilter stand er da. Dann kehrte er langsam um, und als er an
seinem Platz angelangt war, warf er seinem Nebenmann Kurt einen langen,
verängstigten Blick zu.
Zwischen diesem und Peter war ein hartnäckiger Streit ausgebrochen.
Hansens Freund angelte mit Armen und Beinen an Hans vorüber nach dem
Klubgründer hin, und als er ihn schließlich am Bein erwischt hatte, riß
er ihn mit einem Ruck fast von der Bank. Sein Mitschüler kehrte ihm ein
finsteres, verschlagenes Gesicht zu.
Hans merkte nichts von alledem. Vor seinen Augen war es finster wie in
einem Sack. Die Worte des Lehrers klangen wie fernes Gemurmel an seinen
Ohren. Nichts ging ihm mehr ein, nur der eine Gedanke beherrschte ihn
ganz und gar, er wollte fort von hier, fort. Im Grunde hatte er ja
genau dasselbe Heimweh wie Suse. Bis jetzt hatte er es nur sorgsam
versteckt. -- Die Schwester hatte ja so recht, sie machten ja doch
alles verkehrt hier, sie konnten anfangen, was sie wollten. Und morgen
gar sollte er zum Direktor! Und gingen sie nicht von selbst, so
schickten ihre Lehrer sie schließlich fort. Drum sagte Hans, als er
heute nach Hause kam, zu seiner Schwester: „Suse, wir wollen heim.“
Die Schwester glaubte zuerst nicht recht gehört zu haben, dann aber
rief sie laut: „Nach Hause! Oh, wie schön! Oh, wie schön! Oh, wie freu’
ich mich! Wie freu’ ich mich! Heim! Heim! Zu unseren Eltern!“
Der Bruder antwortete nichts, Suse aber handelte. -- Eine wichtige
Frage galt es in erster Linie zu erledigen. Woher sollten sie das
Reisegeld nehmen? -- Die drei Mark, die Suse noch hatte, und die paar
Groschen von Hans reichten lange nicht. Da kam ihr ein herrlicher
Gedanke. Sie hatten ja einen treuen Beschützer und Freund hier in der
Stadt, den Vetter Theobald. -- So böse und übermütig, wie der einst in
Susens Elternhaus gewesen, so fürsorglich war er jetzt. Erst gestern
hatte er ihnen beiden Schokolade aus einem Automaten geschenkt. Der
Vetter würde helfen!
So schaute Suse denn gegen drei Uhr nachmittags fleißig nach
ihrem Vetter aus, da er täglich zu dieser Zeit auf seinem Weg zur
Schwimmanstalt an Frau Cimhubers Haus vorübergehen mußte.
Auch heute tauchte er zur gewohnten Stunde auf, und Suse konnte
hinuntereilen und sich ihm anschließen. Lange Zeit fand sie nicht
den Mut zum rechten Wort und verfiel in Stillschweigen. Er aber
hielt ihr ehrfurchtsvolles Verstummen für eine Huldigung, die sie
seiner bedeutenden Persönlichkeit darbrachte, und erzählte in der
aufgeblasensten Weise von seinen Erlebnissen.
Er könne all den Freunden und Belustigungen, die in dieser
interessanten Stadt auf ihn einstürmten, kaum Herr werden, meinte er
mit einem Seufzer. So gehe er heute abend mit seinem Onkel Fritz in
den Zirkus, um sich eine Vorstellung von Akrobaten und Kunstradfahrern
anzusehen. Es sei fabelhaft. Es sei unglaublich. Es sei überwältigend,
was diese Künstler leisteten. -- Auf dem Hinterrad ihrer Maschine
fahrend, würfen sie das Vorderrad in die Höhe, sausten in dieser
Stellung rund um den Zirkus, stellten sich mit dem Kopf auf den Sattel
und strampelten mit den Beinen. Forschend sah der Vetter in seiner
Cousine Gesicht und erwartete dort Bewunderung, Überraschung, Staunen.
Aber nichts dergleichen war zu sehen.
Suse hing eigenen Gedanken nach. Und während er sie noch so
betrachtete, platzte sie mit einem Male los: „Du, Theobald, du möchtest
mir zwanzig Mark geben. Wir gehen morgen nach Hause.“
„Was?“ rief Theobald und sank auf einer Bank am Kanale nieder. Er
starrte Suse an wie von Sinnen.
„Was?“ stotterte er.
Und mit einemmal trampelte er mit den Füßen auf dem Boden, schlug sich
mit den Händen auf die Knie und fing so laut und heftig an zu lachen,
daß Suse meinte, er ersticke. Ganz blaurot war er im Gesicht und
zappelte auf der Bank herum wie ein Fisch, der auf das Trockene geraten
ist. Ja, in seinem Übermut wurde er wieder ganz der ausgelassene
Theobald, als den Suse ihn in ihrem Heimatsort kennen gelernt hatte,
lief auf seinen Händen wie ein Zirkuskünstler ein Stück durch die
Anlagen, kehrte dann um, sprang auf seine Füße, ließ sich wieder auf
die Bank plumpsen und dazu rief er: „Herrlich, herrlich! Ich möchte die
Spatzen auf den Dächern umarmen vor Freude. So was Schönes hab’ ich
lange nicht gehört. Wenn ich’s mir nicht gedacht hätte. Und dabei habt
ihr immer so geprahlt mit eurer Negerstube und eurer Pflegedame und dem
Kirschenpudding, den sie euch macht, und dem dicken Apfelmus auf euren
Bröten. Und dabei habt ihr immer gesagt, Frau Cimhuber ist so fromm,
daß sie sicher in den Himmel kommt. Und jetzt wollt ihr fort von eurer
frommen Frau. Weiß sie’s denn schon, daß ihr geht?“ forschte er.
Suse schüttelte ihr Haupt.
Da lachte Theobald lauter denn je, schlug sich auf die Knie, warf sich
hinten über die Bank, konnte sich aber noch zur rechten Zeit an der
Lehne festhalten und daran emporziehen und trieb so lange Unfug, bis
Suse ihn am Ärmel packte und auf die Leute aufmerksam machte, die rund
herum standen und lachten.
Da entsann er sich flugs seiner Würde als wohlerzogener Stadtmensch,
ließ sich gesittet auf der Bank nieder und forderte seine Base auf,
neben ihm Platz zu nehmen, damit sie alles besprächen.
Dann begann er sein Verhör. „Also das Reisegeld willst du. Zwanzig Mark
stehen zu deiner Verfügung. Die hab’ ich letzte Woche von Onkel Fritz
zum Geburtstag bekommen. Aber Toni hat sie mir gestern abgebettelt für
ein Bild, das sie ihrer Freundin schenken will. --
Na, das ist ein Bild! Die Toteninsel heißt’s! Einfach schauderhaft! Die
Haare stehen mir zu Berge, wenn ich’s nur angucke. Ich versichere dich,
wenn man sich unterstände, mir ein solches Bild zu schenken, würd’
ich’s als die größte Beleidigung auffassen und dem gütigen Geber die
Freundschaft für immer kündigen. --
Das Bild ist also schon gekauft und mein Geld ausgegeben. Aber beruhigt
euch. Ihr bekommt anderes. Ich lasse mir heute welches von Onkel Fritz
geben, wenn wir im Zirkus sind. Der läßt mich nicht in der Patsche.
-- Bin ich morgen früh zur rechten Zeit nicht am Bahnhof, so nehmt
einstweilen von eurem Geld eine Karte bis Haslach. Dort müßt ihr
sowieso den Eilzug verlassen und eine neue Karte für den Bummelzug
nehmen.
Den Reiseplan hast du dir natürlich noch nicht zurecht gelegt. Nicht
wahr?“ fuhr er mit gerunzelter Stirn fort. --
„Das kannst du auch nicht. Du hast ja keine Erfahrung im Reisen. Mit
mir ist das ganz was anderes.“ --
Dabei war der Prahlhans auch nicht viel weiter gekommen als nach
Hansens und Susens Heimatsort. Allein, nach dem Ton seiner Worte zu
urteilen, hatte er schon eine Weltreise gemacht.
Jetzt holte er den Fahrplan aus der Tasche, blätterte sich räuspernd
drin herum und meinte, Suse Papier und Bleistift reichend: „Schreib’
dir auf, was ich dir sage. Um fünf ein Viertel Uhr fahrt ihr hier
ab und nehmt den Eilzug bis Haslach. Drei Stationen von hier. Gut!
Merk’ dir’s! Drei Stationen von hier. Ihr zählt sie. Gut! Dort steigt
ihr um und fahrt bis zur Endstation Maria Heil. Merk’ dir’s! Gut. Du
frägst den Schaffner in Haslach, wo der Zug nach Maria Heil steht.
Gut. In Maria Heil steigt ihr aus und schlängelt euch in die dort
wartende Postkutsche. Merk’ dir’s! Schreib’ Postkutsche auf. In diese
Postkutsche kriecht ihr dann und fahrt nun, den Regenschirm und Koffer
fest in der Hand, in die Arme eurer hochbeglückten Eltern hinein.
Schreib’ ‚hochbeglückte Eltern‘ auf! Verstanden? Und bestellt Grüße von
mir. Gut!“
Jetzt zog Theobald seine Uhr und sagte in ernstem Ton: „Es ist höchste
Zeit, daß ich gehe, wenn ich noch schwimmen will. Drum leb’ wohl.
Tipp, topp, nur Mut, die Sache wird schon schief gehen,“ sagte er mit
kräftigem Händedruck.
„Theobald,“ flüsterte sie mit einemmal, banger Ahnungen voll. „Du
verrätst doch nicht daheim, was wir anfangen wollen?“
Theobald tippte sich an die Stirn, zuckte die Achseln und murmelte:
„Man hat doch auch Charakter.“ Damit ging er von dannen.
So war denn alles zur Flucht geordnet. Das Reisegeld war den Kindern
sicher, der Fluchtplan stand auf dem Papier, und die Sachen mußten
heute abend gepackt werden.
Langsam ging Suse nach Hause und sagte zu ihrem Bruder: „Es ist alles
gut, Theobald gibt uns das Geld. Wir gehen.“
Der Bruder nickte. Je weiter aber der Nachmittag vorschritt, um so
beklommener ward es ihr zu Sinn. Die frohe Zuversicht, die sie heute
morgen angesichts der Entschlossenheit ihres Bruders beseligt hatte,
machte schweren Gedanken Platz. War es nicht falsch und schlecht
von ihr, Frau Cimhuber zu belügen und zu betrügen und zu tun, als
wäre nichts los, während man einen solch hinterlistigen Fluchtplan
anzettelte? Gewiß, es war böse und schlecht, aber Suse konnte nicht
anders. Sie mußte fortlaufen. Sie konnte keinen Tag länger hier
bleiben. Sie mußte fort, fort nach Hause!
Dann während des Abendessens saß sie mit ängstlich klopfendem Herzen
der Pfarrfrau gegenüber wie ein Häschen, das den Jäger kommen hört.
Hans ging es nicht viel besser. Seine Augen flackerten unruhig hin und
her, und die von Ursel aufgetischten Quellkartoffeln würgten ihn im
Halse wie Hanfknäuel.
Und als im Laufe der Tischsitzung die Pfarrfrau einige Augenblicke von
Ursel herausgerufen wurde und die Geschwister allein blieben, sahen sie
sich scheu um.
„Ich meine grad’, ich ersticke,“ unterbrach Suse die Totenstille.
Der Bruder nickte.
„Hernach wollen wir unsere Sachen zurechtlegen,“ fuhr die Schwester
leiser fort, „und uns genau den Reiseplan ansehen. -- Hier, nimm den
Zettel! Du gibst doch besser drauf acht,“ meinte sie, indem sie in die
Tasche langte und nach dem bewußten Papierstreifen suchte.
Aber plötzlich zog sie ihre Hand zitternd aus der Tasche zurück und
erklärte stockend: „Er ist fort, ich hab’ ihn verloren.“
„Verloren?“ sagte Hans, noch um einen Schatten blasser als bislang,
„hoffentlich hast du ihn nicht hier im Haus verloren und Ursel oder
Frau Cimhuber finden ihn.“
Und als die Pfarrfrau gleich darauf in das Zimmer zurückkehrte, sah er
sie so hilfeflehend und verstört an, daß sie ganz besorgt fragte: „Was
fehlt dir, mein Kind? Ist dir nicht wohl?“
Hans blieb stumm.
„Hm, hm!“ meinte sie. „Ihr seid komische Kinder. Was euch fehlt,
erfährt man eigentlich nie. Hat es vielleicht was in der Schule
gegeben?“
Die beiden saßen verschüchtert da und antworteten nicht.
Plötzlich begann die Pfarrfrau unvermittelt: „Eh’ ich’s vergesse, ich
muß euch noch etwas sagen. Nächste Woche seid ihr bei eurem Onkel
Gustav eingeladen. Er war heute nachmittag hier und läßt euch vielmals
grüßen. Es wird sicher ein fröhlicher Tag für euch werden.“
„Schade,“ stotterte Suse, „dann sind wir ja schon fort.“
„Was sagst du da, Kind?“ forschte die Pfarrfrau.
Hans aber ließ vor Schreck die Gabel unter den Tisch fallen.
„Du meinst, ihr seid nicht mehr hier an dem Tage?“ fuhr ihre
Pflegemutter fort. „Wo seid ihr denn sonst? Habt ihr einen Schulausflug
vor oder sonst eine Einladung? Die Einladung kann ja auf einen andern
Tag verlegt werden. Bei eurem Onkel werdet ihr sicher einen schönen
Nachmittag verleben. Er hat Kinder in eurem Alter, und mit denen könnt
ihr nach Herzenslust in dem großen Park an seinem Haus herumspringen.“
Suse hörte mit schmerzlichem Empfinden dieser verführerischen
Beschreibung zu und sagte etwas später nicht ohne Bedauern zu ihrem
Bruder: „Schade ist’s ja, daß wir nicht zu Onkel Gustav können. Nicht
wahr, Hans? Aber was meinst du, wenn er uns auch die wunderschönsten
Sachen schenkte, wir blieben doch nicht hier? Gelt, daheim ist’s viel
schöner, viel, viel schöner. Viel, viel tausendmal schöner.“
An dem Verschwörungsabende wurden die Kinder etwas früher als sonst zu
Bett geschickt, weil die Pfarrfrau sich um Hansens Befinden sorgte.
Aber gegen Mitternacht, als die Lichter im Cimhuberschen Hause gelöscht
waren und nichts mehr sich regte, standen die beiden Übeltäter wieder
heimlich von ihrem Lager auf, packten ihre Sachen und probierten an,
wieviel Leibwäsche sie nach Susens berühmtem Rezept übereinander
anziehen konnten. --
Vier Hosen, vier Hemden, das ging ganz fein. -- Den Rest steckten sie
in die Hirschtasche, eine gestickte Reisetasche aus Großmutters Zeiten,
auf der ein brauner Hirschkopf, von einem Eichenkranz umrahmt, prangte.
Auch eine Pappschachtel mußte noch einige Kleidungsstücke aufnehmen.
Und während der Vorbereitungen sah Suse sich bereits im Geist mit all
diesen Herrlichkeiten durch die Pforte ihres Vaterhauses schreiten,
befreit von aller Not und Qual. Nur der Gedanke an den fehlenden Zettel
flößte ihr zuweilen Besorgnis ein. Je weiter die Stunde vorschritt, je
unsicherer wurde sie.
„Ich kann nicht schlafen vor Angst,“ meinte sie zu ihrem Bruder. „Am
Ende haben sie den Zettel gefunden und erwischen uns morgen früh.“
Jetzt war der Bruder der Mutige und entgegnete: „Ach, Suse, wenn sie
ihn gefunden hätten, wüßten wir es jetzt schon...“
Derweil saß die zahnwehkranke Ursel stöhnend auf der Kante ihres Bettes
und buchstabierte an einem kleinen Zettel herum, den sie vorhin am
Eingang der Negerstube gefunden hatte.
„Ab fünf ein Viertel Uhr,“ stand darauf, „Eilzug Haslach, Schaffner,
Maria Heil.“ -- Lauter krauses Zeug.
Schließlich ließ ihr’s keine Ruhe mehr, und sie schlich vor die Kammer
der beiden Kinder, um zu lauschen. -- Hinter der Tür regte sich etwas.
Sie stutzte und horchte angestrengter. -- Ja, so war’s, Kisten und
Stühle wurden gerückt. Es flüsterte.
Fester drückte sie ihr Ohr gegen die Tür. -- Doch nun war’s totenstill.
Eine ganze Weile blieb sie stehen. Jetzt, jetzt regte sich’s wieder.
Da fuhr aber Ursel ein solch heftiger Schmerz in ihren hohlen Zahn, daß
sie sich mit beiden Händen an den Kopf fuhr und mit schmerzverzerrtem
Gesicht davonschwankte.
Am andern Morgen um drei Viertel auf fünf ging leise die Tür von
Frau Cimhubers Wohnung, und zwei Kinder mit blassen, übernächtigen
Gesichtern traten ins Treppenhaus.
Es waren Hans und Suse, die durch die Menge der übereinander gezogenen
Kleidungsstücke kugelrund aussahen. Vorsichtig schlossen sie die
Flurtür hinter sich und gingen auf Zehenspitzen die ausgetretenen
Stiegen der Treppe hinunter. Ein graues, unfreundliches Licht erhellte
nur matt ihren Weg. Alles war totenstill. Das Haus schlief noch. Öfters
blieben sie stehen und horchten. Doch als nichts sich regte, gingen sie
weiter.
Im zweiten Stock wurde Suse die Hirschtasche zu schwer, und der Bruder
half ihr beim Tragen. Dann kehrte er zurück, um sein eigenes Gepäck
nachzuholen.
Gerade als er die unterste Stufe der Treppe wieder erreicht hatte
und das Haus verlassen wollte, hörte er plötzlich im Treppenhaus ein
Geräusch. Ihm war es, als sei irgendwo eine Tür gegangen, und als stehe
nun jemand oben vor Frau Cimhubers Wohnung und lausche mit angehaltenem
Atem über das Treppengeländer.
Ganz kalt überlief’s ihn, und er schloß schnell die Tür. In der Ferne
erblickte er Suse. Sie schritt mit großen Schritten rüstig aus, während
ihre rechte Schulter sich unter der Last der Hirschtasche senkte. Der
Bruder wollte ihr folgen, hörte aber plötzlich hoch über sich seinen
Namen rufen. Er blickte am Haus hinauf und gewahrte in schwindelnder
Höhe ein mit Tüchern umwickeltes Haupt. -- Ursel?
„Hans,“ rief sie, „Hans, Hans, Hans!“
Da schrie er auf und rannte wie besessen davon.
„Sie kommt, sie kommt,“ rief er.
Suse stürzte vorwärts, als sei ihr der Tod auf den Fersen. Bald
erlahmten ihre Kräfte, und Hans nahm ihr die Hirschtasche ab, um sie in
seinen Armen zur Elektrischen zu tragen. Klingelnd fuhr diese mit den
beiden Flüchtlingen davon.
Als die zwei verzweifelten Ausreißer schließlich am Bahnhof ankamen,
war natürlich von dem tüchtigen Theobald weit und breit keine Spur zu
entdecken.
„Er hat die Zeit verschlafen,“ stöhnte Suse.
„Nein, er kommt,“ sagte Hans bestimmt, „er hat’s versprochen, und was
er versprochen hat, hält er.“
Damit ging der kleine Junge geradeswegs auf die Bahnhofshalle zu,
während Suse wie ein aufgescheuchtes Hühnchen hinterdreinflatterte. Am
Schalter löste er die Karten zu Reise und kehrte dann zum Eingang der
Bahnhofshalle zurück, um nach dem Vetter auszusehen.
Endlich sah er am Ende der Straße einen Radfahrer auftauchen und
schaute näher hin. Ja, es war Theobald. Auf der Lenkstange seines Rades
liegend, kam er wie eine Windsbraut seines Wegs. Jetzt sprang er ab.
„Ursel kommt!“ rief er. „Wie ein tollgewordener Mops macht sie Sätze.
-- Es ist haarsträubend, wie sie die Ecken nimmt! Kommt, kommt. Sie hat
die Faust nach mir geschüttelt.“
Im Nu hatte er eine Bahnsteigkarte gelöst, sein Rad einem Gepäckträger
gegeben, die Hirschtasche auf seinen Rücken geworfen, die Pappschachtel
in die Hand genommen und stürzte mit den Kindern durch die Sperre.
Susens Knie waren wie gebrochen, die Stimme versagte ihr.
Jetzt waren sie auf dem Bahnsteig. Die letzte Tür des dort haltenden
Zuges war schon geschlossen. Der Beamte wollte eben das Zeichen zur
Abfahrt geben, da riß Theobald noch im letzten Augenblick ein Coupé
auf, drängte die Doktorskinder hinein und schubste ihre Hirschtasche
hinterdrein, so daß der „Engel“ und die „Geburt Christi“ gegeneinander
stießen.
Die Tür wurde wieder zugeschlagen, und der Zug fuhr davon. In ein paar
Sekunden mußte er aus der halle sein. Da beugte sich plötzlich Suse
weit aus dem Fenster und rief in Todesangst: „Theobald, unser Geld,
unser Reisegeld! Gib doch, gib doch! -- Das Zwanzigmarkstück!“
Der Vetter schlug sich vor die Stirn.
Im Nu war er an ihrer Seite und wühlte verzweifelt in seiner
Westentasche.
„Hier, hier,“ rief er, und ein blitzender Gegenstand fuhr surrend durch
die Luft und traf wohlgezielt ins Coupé. -- Die Kinder hatten ihr
Reisegeld. Da fuhr auch der Zug schon aus der Halle.
Suse war wie erlöst. In ihrer Freude umarmte sie ihren Bruder und
jubelte: „Jetzt ist alles gut.“