Die Flucht

Für den Sonntagnachmittag waren Hans und Suse bei Onkel Sepp und

Tante Hedi, Theobalds Eltern, eingeladen. Aber im letzten Augenblick

wurde die Einladung zurückgenommen, und die Geschwister mußten daheim

bleiben. Ihre Vettern und Basen durften an dem Tag keinen Besuch

empfangen; es waren eben unverbesserliche Sausewinde, die nichts wie

tolle Streiche verübten, für welche sie dann büßen mußten. Diesmal

handelte es sich um eine recht dunkle Sache, von der Theobald nur in

unklaren Andeutungen sprach. Danach war eine Papiertüte voll Wasser

zufällig von der Gartenmauer seines Vaterhauses gefallen, einer

vorübergehenden Marktfrau auf den Kopf und dort geplatzt, worauf die

Frau vor Schreck sich mitten auf der Straße niedergelassen hatte.

Und für diesen harmlosen Vorfall, an dem nach Theobalds Ausspruch kein

Mensch Schuld hatte, waren Onkel Sepps Kinder hart bestraft worden und

hatten heute Stubenarrest.

So waren Hans und Suse denn auf sich allein angewiesen. -- Frau

Cimhuber war ausgegangen und hatte den Kindern versprochen, sie gegen

Abend zu einem Spaziergang abzuholen. Ursel hatte sich in die Küche

zurückgezogen, denn sie litt noch immer an starkem Zahnweh, und auf

ihrem vermummten Kopf standen die Zipfel ihres Tuches steil aufrecht

wie zwei Hasenohren.

Die ganzen letzten Tage hatte sie zwar versprochen, den Kindern heute

Missionarsgeschichten zu erzählen; aber nun, da es so weit war, warf

sie Blicke um sich wie der Drache in der Höhle, und die Kinder mieden

sie ängstlich.

Die meiste Zeit des Nachmittags verbrachten sie in ihrem Zimmer, wo

Suse in eine immer gedrücktere Stimmung verfiel. Sie hielt einen Brief

ihrer Mutter in Händen, den sie heute morgen erhalten hatte und in dem

sie immer wieder las.

„Mein liebes Kind,“ stand in dem Brief geschrieben, „die Veilchen

blühen noch immer und tragen viele Knospen und Rosel begießt sie

täglich und schaut nach ihnen. Die Sonne scheint jetzt schon so wohlig

und warm im Garten, und alles beginnt zu blühen und zu grünen. Minnette

hab’ ich ihr Glöckchen weggenommen, das Du ihr zum Abschied umgebunden

hast, und beiseite gelegt, weil es sie belästigte; aber wenn Du

wiederkommst, darfst Du es wieder hervorholen und ihr umbinden, liebes

Kind. Michel liegt in der Sonne auf der Hoftreppe und grollt mit uns,

wie Euer Vater sagt, weil wir Euch fortgehen ließen, und nun läßt er

seinen Zorn an den Hühnern und Katzen der Nachbarschaft aus und beißt

und schüttelt sie, wo er nur kann. Zur Strafe soll er mal wieder für

einige Zeit zum Förster in die Nachbarschaft kommen, damit er sich

wieder bessere Manieren angewöhnt. Christine und Rosel sprechen immerzu

von Euch und haben sich heute wunderbare Briefbogen mit Vergißmeinnicht

und verschlungenen Händen gekauft, und nun wollen sie Euch Briefe

schreiben. Christine wird ihren Rosel diktieren. Auch Eure Freunde und

Freundinnen waren schon da und haben nach Euch gefragt.“

Schließlich stand Suse auf, ging ans Fenster, drückte ihr Gesicht gegen

die Scheiben und sah hinunter auf den Kanal, der heute frei von Kähnen

war. Auch die Straßen waren weniger belebt als sonst. Die Menschen

waren wohl hinausgewandert in das Freie, wo der Sonnenschein über

Feldern und Wiesen lachte.

Nur hoch oben an der blauen Himmelsdecke, da ging es lustig her. Da

flogen die munteren, kleinen Federwölkchen vorüber, die Suse so gern

hatte. Sie glänzten wie schimmernder Atlas und flatterten und wehten

wie weiße Tüchlein, die unsichtbare Hände schwenken.

„Komm mit, komm mit,“ schienen sie zu rufen. -- Sie wanderten weiter,

immer weiter, bis sie zu den Bergen von Susens Heimat kamen. Noch heute

trafen sie dort ein. Das kleine Mädchen spürte es so deutlich, so klar.

Dann sahen sie in den Doktorsgarten, wo die Blumen blühten und die

Büsche grünten, wo an der Mauer der Schlehdorn schneeig schimmerte,

wo vor der Tür Minnette saß und im Hof Michel sich sonnte. Und in das

gemütliche Wohnzimmer schauten sie, wo der Vater und die Mutter am

Kaffeetisch saßen und miteinander redeten.

„Wie schön ist es heute, wir wollen durch den Garten gehen,“ sagte die

Mutter. „Komm, Hermann. Was wohl unsere lieben Kinder heute treiben?“

Und Suse hörte genau die Stimme ihrer Mutter.

Da räusperte sich Hans, und sie fuhr herum und zeigte ein verweintes

Gesicht. Er schaute sie erschrocken an. Und da begann sie auch schon

von Tränen überströmt: „Jetzt will ich dir auch sagen, Hans, was ich

schon immer gedacht habe. Wir wollen fort von hier, nach Hause.“

Hans und Suse in der Stadt · 第 17 / 38 题