Und er eilte auf die Ecke zu, wo die Münze niedergefallen war. Blitzend
lag sie auf der Bank. Er griff danach, fuhr aber jäh zurück wie vor
einer zischenden Schlange.
Dort lag..., dort lag...
Er verfärbte sich. Alles drehte sich um ihn. Er rieb sich die Augen.
-- Nein, es war kein Irrtum. Dort in der Ecke lag kein Geld, sondern
ein dicker, blinkender Messingknopf. -- Ein abgerissener Hosenknopf von
Theobald. -- Nichts anderes. Das war also alles, was er ihnen gespendet
hatte. Deshalb war er wie ein Verrückter neben dem Zug hergesprungen,
um ihnen einen Hosenknopf hinterherzuwerfen!
„Suse, Suse,“ stotterte Hans „Komm her, guck, was da liegt.“
Sie kam zögernd näher, schaute hin und wurde weiß wie Kreide.
Dieser Hosenknopf von Theobald war also alles, was sie hatten! Ihre
ganze Barschaft! Damit sollten sie sich Karten für die Reise kaufen und
außerdem Plätze in der Postkutsche bezahlen! -- Laut weinend setzte sie
sich vor dem lügnerischen Knopf nieder und starrte ihn angstverzerrt
an. -- Den sollten sie dem Schalterbeamten in die Hand drücken! -- Der
würde gucken!
Hans sah wie verhext in derselben Richtung, griff nach dem Knopf und
schleuderte ihn aus dem Fenster.
Jetzt wußte auch er nicht mehr aus noch ein und saß wie vernichtet auf
seinem Platz. Der Schwester Schmerz brachte ihn schließlich wieder zur
Besinnung. Er versuchte, ihr die Hände von den verweinten Augen zu
ziehen und tröstete: „Weine nicht, Suse, weine nicht. Sei still, Suse,
sei still, laß uns mal bedenken, was wir jetzt tun.“
Aber ach, er selbst konnte seine bitteren Tränen nicht mehr
zurückdrängen.
Auf der dritten Station, in Haslach, stiegen die Kinder aus und blieben
eine Weile unschlüssig auf dem Bahnsteig stehen. Dann gingen sie auf
den Wartesaal zu. Schüchtern drückten sie sich zur Tür herein und
suchten nach einem freien Platz. Vom Schenktisch her verbreitete sich
der verlockende Duft warmen Kaffees und gemahnte sie daran, daß sie
heute morgen noch nichts genossen hatten. Aber was bedeuteten Hunger
und Durst im Vergleich zu der Angst, die sie empfanden! --
Wohin sollten sie sich nun eigentlich wenden? Zur Stadt zurück? --
Sie hatten ja kein Geld mehr, selbst nicht für eine Fahrkarte vierter
Klasse. Und zu Fuß zurückzuwandern, das war ihnen unmöglich. Dazu war
der Weg ja viel zu weit.
Da kam Hans mit einemmal ein rettender Gedanke.
Wenn sie dem Schalterbeamten irgendein Geschenk machten? -- Vielleicht
die „Geburt Christi“ von Martin oder den Engel von Christine oder sonst
irgend etwas Schönes. -- Am Ende gäbe er ihnen dann eine Fahrkarte.
Die Schwester horchte auf, dachte nach; ihre Augen wurden heller, und
da rief sie auch schon ganz freudig: „Du hast recht und du sollst mal
sehen, der gibt uns gleich so viele Karten als wir wollen. Der freut
sich!“
Und das kleine Mädchen, das eben noch ganz verzweifelt gewesen war,
wiegte sich schon wieder in den schönsten Hoffnungen. Ja, dank ihrer
üppigen Phantasie hörte sie bereits den Beamten am Schalter, diese
Seele von einem Menschen, sagen: „Fein, daß man euch mal sieht, her mal
mit euren wunderschönen Sachen. Wieviel Karten wollt ihr dafür? Auf
eine Fahrkarte mehr oder weniger kommt’s mir nicht an!“
Hans, der schwerfälliger veranlagt war als seine Schwester, meinte
beklommen: „Man weiß es nicht, ob er sich freut; vielleicht freut er
sich nicht.“
Doch Suse hörte und sah nicht mehr und suchte mit beiden Händen
verzweifelt in der geöffneten Hirschtasche nach ihren Schätzen. Auf
dem Grunde mußten sie liegen. Eine ganze Schicht Kleider, Strümpfe,
Schuhe, Bänder hatte sie schon vorsichtig auf die Bank niedergelegt. Da
stieß sie endlich auf die Geburt Christi und den Engel. Und mit großer
Befriedigung legte sie die Sachen auf den Stapel Kleider neben sich
nieder und schickte sich an, den Grund der Hirschtasche zu ordnen.
„Schnell, schnell,“ drängte da Hans, „die Leute gucken.“ Und dabei warf
er ängstliche Blicke auf die Menschen rund herum, die an Tischen saßen,
Kaffee tranken und die Kinder aufmerksamen Blickes beobachteten.
Aber am verdächtigsten kam Hans doch ein Beamter vor, der von Zeit zu
Zeit die Züge abrief und jedesmal neugieriger auf sie zu werden schien.
Eben war er sogar eine ganze Weile an der Tür stehen geblieben und
hatte die beiden kopfschüttelnd gemustert.
Da wurde des kleinen Jungen Aufmerksamkeit jäh abgelenkt.
Er stieß Suse an, und auch sie schaute auf.
Durch die Tür des Wartesaals, nicht weit von den Kindern, drängte sich
mit einemmal eine aufgeregte Reisegesellschaft: eine dicke Frau mit
einem kleinen Knirps auf dem Arm und zwei größeren Kindern an ihren
Rockschößen. Der Hut der Frau war verschoben, und ihr Jüngstes griff
mit beiden Händen danach und machte den Schaden nur noch größer.
Und nun stolperte gar noch ihr Ältestes, ein rechter Guckindieluft von
einem kleinen Mädchen, über einen Stuhl und brachte die Mutter ins
Wanken. Und diese packte in ihrem Zorn den Zopf des niedergleitenden
Töchterleins und schüttelte daran, als wollte sie Sturm läuten.
Dann sah sie sich tief aufatmend nach einem freien Platz um, entdeckte
die Ecke, wo Hans und Suse sich aufhielten und kam pustend heran. Die
Geschwister waren so verblüfft von ihrem Anblick, daß sie es ohne ein
Glied zu rühren, geschehen ließen, wie sich die Frau, ohne sich lang
umzusehen, mit einem Seufzer der Erleichterung mitten auf ihren Sachen
niederließ und die Füße von sich streckte. Da saß sie nun auf dem Engel
und der Geburt Christi, auf Strümpfen und Wäschestücken, als müßte es
so sein. -- Suse streckte abwehrend die Hände nach ihr aus, als es
leider zu spät war. Sie fühlte sich anscheinend ganz wohl. Und zu allem
Elend fielen nun ihre Kinder über die am Boden liegenden Habseligkeiten
der Geschwister her und wühlten darin herum.
Suse traten die Tränen in die Augen; sie hob schnell alles auf und trat
dann vor die Frau hin, um sie zu bitten: „Unsere Sachen sind unter
Ihnen. Möchten Sie nicht, bitte, aufstehen? Die Geburt Christi und der
Engel sind auch unter Ihnen. Sie zerdrücken sie ja!“
„Was ist unter mir?“ rief die Frau kirschrot vor Zorn. „Was zerdrücke
ich? Was hast du da gesagt? -- Wollt ihr mich vielleicht zum besten
haben? Kommt mir nur! Da kommt ihr gerade an die Rechte.“
Die Geschwister wichen weit zurück vor Schrecken. Und Suse mußte mit
einemmal an Frau Cimhuber und Ursel denken. Ach, wenn doch nur Ursel
da wäre. Ursel mit dem entrüsteten Auge, das einsam und zornig aus
seinen Wolltüchern hervorleuchtete. Die würde helfen. Suse fühlte es
mit einemmal ganz bestimmt. Die würde die Frau sofort am Arm packen und
aufstehen heißen. Sie konnte es ja nicht leiden, daß irgend jemandem
Unrecht geschah. Gestern hatte sie auf der Straße einen wildfremden
Mann angefahren, weil er seinen eigenen Hund geschlagen hatte.
Wenn doch nur Ursel da wäre!
Zum Glück für die Kinder bekam ihre Feindin aber doch ein Einsehen.
Vielleicht wurde ihr auch das beschwerliche Sitzen auf der Bank mit der
Zeit unbequem. Denn sie begann langsam einen Gegenstand nach dem andern
unter sich hervorzuziehen, wobei sie blitzenden Auges rief: ob sich
die hohen Herrschaften vielleicht einbildeten, die Bänke seien für sie
allein da. Und ob sie glaubten, andere Leute wollten nicht auch leben
und sich irgend wohin setzen. Ja, ob sie das glaubten? Und ob sie das
nächstemal nicht noch ihr ganzes Bett mitbringen und zur Freude anderer
Leute hier ausbreiten wollten?
Immer größer wurde nun die Verwirrung in der Ecke, wo Hans und
Suse sich aufhielten. Denn das Töchterlein der zornigen Frau, der
Guckindieluft, hatte sich zu seiner Zerstreuung ein Paar Halbstrümpfe
von Hans als Handschuhe angezogen, eine Schürze von Suse als Krawatte
umgebunden und tänzelte nun, Gesichter schneidend, vor der Bank auf und
nieder.
Eh’ sich das Kind aber versah, war die Mutter aufgesprungen, hatte ihm
die Schürze abgebunden und eilte damit hinter dem Töchterlein her, als
wär’s eine lästige Fliege, die durch ein paar kräftige Schläge aus der
Welt zu schaffen sei. Schließlich erwischte sie den Tunichtgut und
setzte ihn mit großem Nachdruck neben sich nieder. Das Kind sah sich
verwundert um.
Die Frau aber verkündete mit weithinschallender Stimme, daß sie
niemals, niemals wieder in ihrem ganzen Leben mit ihren ungezogenen
Rangen auf Reisen gehe.
Die Umsitzenden lachten.
Und nun kam auch noch der Kellner herbei und schalt auf Hans und Suse,
die die Unordnung angerichtet hätten. Die beiden steckten hastig ihre
Sachen kunterbunt durcheinander in die Hirschtasche zurück. Dann
schlichen sie zur Tür hinaus in die Bahnhofshalle.
„Faß nur schnell in die Tasche herein und hol’ die Geburt Christi
heraus, so schnell wie du kannst,“ sagte Suse.
Da fuhr der Knabe mit beiden Händen in die Tasche und zog als erstes
den bewußten Gegenstand hervor.
„Schön,“ sagte Suse wie erlöst. „Jetzt gehst du hin und nimmst zwei
Karten für Maria Heil. Die Postkutsche ist zwar schon fort, wenn wir
hinkommen, aber dann gehen wir eben zu Fuß nach Hause. Ich fürchte mich
heute nicht, auch wenn wir im Wald allein sind. Und wenn wir an der
Wolfsschlucht vorüberkommen, wo des Nachts in der großen Eiche immer so
gräßliche Stimmen schreien, da beten wir und dann hilft uns der liebe
Gott. -- Aber hopp, Hans, hol’ die Karten, ich warte hier,“ mahnte sie.
Noch einer geraumen Zeit bedurfte es, eh sich der Bruder zu dem
schweren Gang entschließen konnte. Dann schritt er zögernd vorwärts.
Suse beobachtete ihn aus der Ferne von der Mitte der Bahnhofshalle aus.
Sie sah, wie er wartete, bis nur wenige Menschen noch in der Nähe des
Schalters waren, und dann herantrat. Jetzt drückte er sich von rechts
an das Fenster, jetzt blieb er stehen, jetzt sah er auf die Gegenstände
in seinem Arm und redete ein paar Worte.
Da fuhr pfeilschnell ein glühendrotes, dickes Gesicht hinter dem
Schalterfenster hervor, und eine donnernde Lachsalve tönte Hans aus
zwei geblähten Wangen entgegen.
Und in demselben Augenblick erklang auch hinter dem Knaben Lachen, und
als er herumfuhr, sah er in das Gesicht des Bahndieners, der ihn schon
vorhin im Wartesaal beobachtet hatte und ihm jetzt hierher gefolgt war.
„Wenn ich’s mir nicht gedacht hätte,“ rief der Mann, packte Hans am Arm
und zog ihn aus dem schmalen Gang, in dem er sich zwischen Schalter und
dem davorstehenden eisernen Gepäcktische befand, hervor.
Kaum sah Suse dies von der Mitte der Bahnhofshalle aus, wo sie mit
ihrer Hirschtasche Wache stand, so kam sie herangestürmt wie eine
Glucke, deren Küchlein in Gefahr sind, faßte ihren Bruder an der Hand
und sagte ängstlichen Blickes auf den Angreifer: „Das ist mein Bruder
Hans. Ich bin seine Schwester Suse.“
„So, so,“ sagte der Mann. „Also zwei Ausreißer.“
Beide nickten schuldbewußt und Suse stotterte: „Wir sind von Frau
Cimhuber und von Ursel fort und wollen nach Hause nach Schwarzenbrunn.
Die Postkutsche ist wohl schon fort. Wir haben den Zug auch schon
verfehlt.“
„Also man weiß nicht, daß ihr fort seid?“ fragte der Mann. Sie
schüttelten ihre Köpfe und standen mit niedergeschlagenen Augen da.
„Und Geld habt ihr auch keins?“ forschte er.
Sie verneinten.
„Nun, dann kommt mal mit. Nun wollen wir mal sehen, was mit euch beiden
anzufangen ist,“ sagte er dann mit solch dröhnender Stimme, daß beide
zusammenfuhren. Und zu gleicher Zeit packte er sie an der Hand und zog
sie mit sich. Sie glaubten, ihr letztes Stündlein sei gekommen und
bekamen vor Angst ganz verzerrte Gesichter.
Vor einem Raum, auf dessen Tür in roten Buchstaben „Stationsvorsteher“
zu lesen war, blieb er endlich mit ihnen stehen, öffnete und ließ sie
eintreten.
In der großen Amtsstube, in die sie nun kamen, saßen und standen Beamte
herum, schrieben und ordneten Papiere oder redeten miteinander. Und
alle sahen auf und musterten die Flüchtlinge.
Einer trat sogar näher, stellte sich vor sie hin und betrachtete bald
den einen, bald den andern wie ein Meerwunder. Suse fühlte, wie der
Boden unter ihr schwankte und wie ihr ganz schwarz vor den Augen
wurde. --
Wie aus der Ferne hörte sie eine Stimme reden und sah einen großen Mann
mit einem langen Bart wie in Dunst gehüllt vor sich stehen. -- Die
Tränen liefen ihr über das Gesicht. -- Und an ihrer Seite stotterte
Hans allerlei dummes Zeug, das kein Mensch verstehen konnte, auch sie
nicht.
Da, als die Not am höchsten gestiegen war, nahte unversehens Rettung
aus der Stadt. -- -- --
Dort hatten sich inzwischen auch die aufregendsten Szenen abgespielt.
Sie begannen fast mit dem Augenblick, als Hansens und Susens Zug die
Halle verließ.
Da atmete Theobald erleichtert auf.
Das erhebende Gefühl, sich wieder einmal durch seine Tatkraft und sein
forsches Eingreifen ausgezeichnet zu haben, beherrschte ihn ganz. Er
ahnte ja nicht, der vortreffliche Held, was er eigentlich angerichtet,
und was er im wohlgezielten Wurf hinter seinen kleinen Verwandten
hergeschickt hatte. Ihm schien alles über die Maßen gut gelungen, eine
fein eingefädelte, vortrefflich weitergeführte Sache. Toll genug war’s
freilich zugegangen.
Nun galt es aber, sich endlich mal wieder ein menschliches Ansehen zu
verleihen. Schnell nahm er einen kleinen Spiegel zur Hand, betrachtete
sich, rückte seinen Kragen und Schlips zurecht und strich sich das Haar
glatt. Noch war er mit dieser Beschäftigung nicht zu Ende, da rief
jemand neben ihm: „Theobald, sind sie schon fort?“
Und an seiner Seite stand Toni, die atemlos hinter ihm dreingekommen
war. -- Er nickte. --
„Die Armen, die Armen,“ jammerte der Backfisch. „Sie haben ja nichts zu
essen. Ich habe ihnen Schokolade mitgebracht.“
„Zu spät,“ erklärte der Bruder kurz, „du hättest dich mehr beeilen
müssen, ich hab’ dich ja früh genug geweckt. Jetzt sind sie fort und
bleiben fort. Ich jedenfalls habe meine Pflicht getan.“
In diesem Augenblick lief aus derselben Richtung, in der Hans und
Suse verschwunden waren, ein Zug ein. Die Reisenden stiegen aus und
gingen auf die Sperre zu. Theobald und Toni mischten sich unter sie.
Theobald suchte in der Westentasche nach seiner Karte. Plötzlich fuhr
er zusammen, umklammerte seiner Schwester Arm wie mit eisernen Klammern
und stöhnte: „Hier, hier, schau her! -- Das ist das Zwanzigmarkstück,
das ich Hans und Suse geben wollte, hier, hier -- schau, schau --
begreifst du’s, faßt du’s, weißt du, was das heißt? -- Geht dir eine
Stallaterne auf? -- Guck doch nicht so dumm. Mein Gott, was hab’ ich
ihnen denn eigentlich in den Zug geworfen?“ stöhnte er.
Dann faßte er sich an die Stirn und taumelte.
„Jetzt weiß ich’s,“ entrang es sich seiner Brust. -- „Einen Hosenknopf!
Den hab’ ich mir gestern abgerissen. Den haben sie jetzt. Das ist ja
einfach schauerlich! Den können sie jetzt betrachten und an die Lippen
drücken und sich Karten davon kaufen und damit nach Hause fahren! --
Oh, ich Mondkalb!“
Er griff sich mit beiden Händen verzweifelt an den Kopf. Toni zitterte
wie Espenlaub und murmelte: „Sie sind verloren, und wir sind an ihrem
Unglück mit schuld. Wir hätten sie warnen sollen. Theobald, du bist
gewissermaßen ihr Verderber.“
Theobald vernahm kein Wort von ihrem Klagen und stand noch immer da wie
versteinert.
Die Doktorskinder waren fort mit einem Hosenknopf auf die Reise,
das war alles, was er denken konnte, sonst nichts. -- Und das hatte
er verschuldet, er -- er. Wie zu einem Retter hatten sie zu ihm
aufgesehen, und er hatte sich wie ein Rüpel benommen.
Lange sollte Theobald aber nicht in stummer Selbstanklage verharren;
denn wie der Sturmwind kam mit einemmal Ursel durch die Sperre, sah
sich um, erblickte den Tunichtgut, packte ihn am Arm und schüttelte ihn
hin und her wie eine Medizinflasche.
„Sind sie drin?“ rief sie dabei, „sind sie drin? Antworte doch, Esel!“
Und mit ausgestreckter Hand wies sie auf den wartenden Zug.
Aber Theobald sah sie blöde an. Alle seine geistigen Fähigkeiten
schienen ihn verlassen zu haben; und auch Toni stand wie eine
Nachtwandlerin da und krampfte vor Schreck die Hände zusammen.
Da rannte Ursel stracks auf den Zug zu, öffnete schnell eine Tür und
verschwand im Innern des Wagens. Noch hatte sie sich nicht vollständig
auf die Bank niedergelassen, da fuhr der Zug auch schon davon.
„Lieber, lieber Gott,“ rief Toni, „sie sitzt ja drin, sie fährt ja in
der verkehrten Richtung! Ruf sie, Theobald, ruf sie!“
„Was soll ich tun?“ rief Theobald entrüstet. „Hast du eine Ahnung, wie
die mich am Arm gepackt und gekniffen hat, diese Riesenschere, diese
Kneifzange, diese wilde Habichtsnase mit ihren Wolltüchern! Außerdem
hab’ ich jetzt Wichtigeres zu tun, als sie zurückzuholen. Ich renne
jetzt zu Onkel Fritz und wecke ihn auf. Er muß hinter Hans und Suse
herfahren und ihnen Geld zur Weiterreise bringen. -- In dreiviertel
Stunden geht der Bummelzug. Ich würde selbst hinfahren, aber wenn wir
zur Aufstehenszeit nicht daheim sind, geht’s uns übel. Dann entdecken’s
der Vater und die Mutter.“
[Illustration]
„Nein, nein,“ rief Toni, „weiterfahren dürfen Hans und Suse auf keinen
Fall. Ursel hat uns gesehen. Und wenn’s rauskommt, daß die Kinder
durch unsere Hilfe fortgekommen sind, dann ist für uns alles aus. --
Der Vater hat schon gesagt, noch eine Dummheit von mir, und ich komme
überhaupt nicht mehr ins Theater. Und ohne künstlerische Genüsse kann
ich nicht leben.“
„Fahr’ nur lieber gleich in den Himmel,“ sagte der Bruder kaltblütig.
-- „Was mich aber anbetrifft, so geh ich jetzt zu Onkel Fritz, und
damit basta.“
„Und ich, wohin geh ich?“ jammerte Toni, „sag, Theobald, wohin soll
ich gehen? -- Aha, ich weiß es,“ rief sie freudig, „ich gehe zu
Fräulein Hirt und bitte sie auf den Knien, daß sie Hans und Suse wieder
zurückholt. Die ist ja immer unsere Zuflucht. Die weiß Rat. Die verläßt
uns nie.“ --
Mit diesen Worten stoben die Kinder durch die Halle und fuhren in
entgegengesetzter Richtung auf ihren Rädern davon.
An einem der hohen Häuser in der Hauptstraße der Stadt klingelte
Theobald, um bei seinem Ideal, dem Onkel Fritz, dem Geber seiner
meisten Geschenke, Einlaß zu begehren. Eine alte Haushälterin, die
Katherin, machte ihm verschlafen auf und fragte ungehalten nach seinem
Begehr.
Als sie erfahren hatte, was ihn herführte, riet sie ihm, doch zu einer
passenderen Zeit wiederzukommen und nicht, wenn der Mond noch am Himmel
stehe.
Doch mit einer höflichen Verbeugung schob er die alte Frau zur Seite
und ging stracks auf das Schlafzimmer seines Onkels zu, der friedlich
schlummernd in weichen Kissen lag und von den schönsten Träumen
heimgesucht wurde.
„Onkel Fritz, Onkel Fritz!“ rief der Knabe und schüttelte aus
Leibeskräften an ihm. Lange rührte sich der Schläfer nicht. Dann aber
fragte er verschlafen: „Was in aller Welt willst du denn schon hier, du
mein tägliches Brot? Noch nicht einmal im Bett ist man sicher vor dir.
Was ist denn jetzt schon wieder mal los? Verdufte, oder ich setze dich
vor die Tür.“
Aber fester schüttelte der Neffe an seinem Onkel und mahnte: „Du mußt
sofort aufstehen und hinter Hans und Suse herfahren.“
„Was soll ich tun?“ fragte der Onkel und richtete sich kerzengerade im
Bett auf. „Wachst du, oder träumst du? Hinter wem soll ich herfahren?“
„Hinter Hans und Suse,“ sagte der Neffe kaltblütig und erzählte alles,
was sich zugetragen hatte.
Da brach der Onkel in ein schallendes Gelächter aus. Besonders die
Vorstellung erschien ihm köstlich, daß Ursel in verkehrter Richtung
davon gefahren sei, und zwar mit Nüstern, die vor Wut ärger gedampft
hätten als der Lokomotivenschlot, wie sein Neffe beteuerte.
Der aber blieb heute bei seines Onkels Heiterkeitsausbrüchen eisig kühl
und mahnte nur immer wieder: „Du mußt hinterherfahren, Onkel, du mußt
es tun. Denk doch daran, wenn ihnen was passiert! Und es passiert ihnen
sicher was. Sie sind ja einfach wie die Wickelkinder so dumm.“
Da erklärte sich schließlich der Onkel unter Stöhnen und Schelten
bereit, die Fahrt anzutreten. So nebenbei frug er dann, ob es sein
Neffe nicht für angebracht hielte, daß er in jeder Westentasche zwei
Gummilutscher und zwei Milchfläschchen mitnehme. Überhaupt beabsichtige
er, nächstens einen Kindergarten zu eröffnen.
Doch Theobald hatte für seines Onkels Geistesblitze heute nur ein
mitleidiges Achselzucken und half ihm in die Kleider, damit der
Abmarsch möglichst bald vor sich gehe. Zum Dank hierfür ließ der
Onkel ein paar Tropfen Kölnischen Wassers auf den Neffen herabregnen.
Den gleichen Wohlgeruch verbreitend, verließen dann die beiden guten
Freunde das Haus. Als sie am Bahnhof ankamen, war der Zug schon fort.
Toni hatte inzwischen mehr Glück mit ihrem Bittgang gehabt. Sie war zu
Fräulein Hirt gelaufen. Das war Tonis und ihrer Schwestern angebetete
Klavierlehrerin, zu der sie in jeder Bedrängnis ihre Zuflucht nahm.
Schon seit Jahren verband sie innige Freundschaft mit dieser gütigen
Dame, in deren stillem, traulichem Zimmer sich’s so herrlich ausruhen
ließ, nachdem man allerlei Torheiten angestellt hatte. Man fühlte sich
hier wie auf einer fernen, stillen Insel, um die das gefährliche Meer
fern grollte und brauste, ohne einen erreichen zu können. Alles war
anheimelnd und vertrauenerweckend hier: die alte, taube Großmutter, die
am Fenster im Lehnstuhl saß und zu allem zustimmend nickte, was erzählt
wurde, weil sie nichts mehr davon verstand; der Dompfaff, der in seinem
Käfig so schöne Trostesweisen pfiff, und vor allen Dingen Fräulein
Hirt selbst, die den „Sausewinden“, wie sie Toni und ihre Geschwister
nannte, stets mit Engelsgeduld zuhörte und nur zuweilen ein leichtes
Lächeln zeigte. Sogar mit stolz erhobener Stimme konnte man ihr seine
Heldentaten vortragen, ohne befürchten zu müssen, daß einem plötzlich
eine treffende Bemerkung alles Selbstbewußtsein nahm, wie es beim Vater
daheim so leicht geschah.
Fräulein Hirt, der vielerprobte Schutzengel, war ja nun an die
seltsamsten Überraschungen und Überfälle seitens ihrer Lieblinge
gewöhnt.
Trotzdem erschrak sie nicht wenig, als sie ihre Toni zu so ungewohnter
Stunde bleich und verstört zu sich hereinstürzen sah und dann mit
zitternder Stimme erzählen hörte, was sich zugetragen hatte.
Einen Augenblick stand sie verwirrt da, dann aber hatte sie sich gefaßt
und sagte kopfschüttelnd: „Also genau so wie ihr sind diese beiden,
genau so zwei Sausewinde. Und dabei sahen die beiden neulich, als ich
sie kennen lernte, doch aus, als könnten sie keine drei zählen.“
Und darauf machte sie es ganz anders wie der berühmte Onkel Fritz.
Denn anstatt hundertmal zu fragen, was denn eigentlich los sei und zu
gähnen und sich zu recken und zu strecken, zog sie sich schnell an und
ging zum Bahnhof. Sie erreichte den Zug noch zur rechten Zeit und kam
in Haslach in dem Augenblick an, in dem die beiden Flüchtlinge in dem
Zimmer des Stationsvorstehers verhört wurden. Davon hatte sie natürlich
keine Ahnung und schritt darum eilends durch alle Wartesäle hindurch
und sah sich die einzelnen Gruppen der Leute forschend an.
Schließlich lief sie auch dem Bahndiener in die Hände und hielt diesen
für die geeignetste Persönlichkeit, um ihr Auskunft zu geben. Rasch
entschlossen fragte sie ihn deshalb, ob er nicht zwei Kinder gesehen
habe, die durchgebrannt seien: ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen
und einen Jungen mit großen Augen und.....
„Ei, Fräuleinchen,“ fiel ihr der Beamte ins Wort, „ich glaub’ die
beiden haben wir schon. Die sitzen beim Stationsvorsteher. -- Ja, ja,
sie müssen’s sein. -- Ein Mädchen mit langen, blonden Zöpfen und ein
Bub, na, halt so ein Bub. -- Die müssen’s sein. Kommen Sie mal!“
„Wenn sie’s doch nur wären!“ fiel ihm Fräulein Hirt aufgeregt ins Wort.
„Dann wär’ ja alles gut! Mir fiel’ ein Stein vom Herzen. Es sind die
kleinen Verwandten meiner besten Freunde. Stellen Sie sich vor, wenn
ihnen etwas zugestoßen wäre!“
„Ach, so leicht stößt einem schon nichts zu,“ meinte der Beamte mit
väterlicher Stimme. „Kommen Sie nur mit, Fräuleinchen, und sehen Sie
sich die beiden einmal an. Nur nicht so leicht den Mut verlieren!“
Und Fräulein Hirt folgte ihm eilends und trat bald darauf in das Zimmer
des Stationsvorstehers, wo sie gleich der beiden Ausreißer ansichtig
wurde. Dort standen sie, wie die Verurteilten, zitternd vor dem
Stationsvorsteher. Sie rief ihre Namen.
Da fuhr Suse herum und schaute verwundert auf.
Vor ihr an der Seite des Bahndieners stand Fräulein Hirt.
„Ich will euch holen,“ sagte das Fräulein freundlich und kam auf sie
zu. Das kleine Mädchen konnte nicht reden. Sie schaute nur und schaute,
und ihr Gesicht wurde röter und röter, und mit einem Male stürzte ein
heller Tränenbach aus ihren Augen.
„Ach, führen Sie uns doch wieder zu Frau Cimhuber,“ sagte sie leise.
Auch Hans sah dankbar zu der Dame auf. Er war wie erlöst. Vor Suse
hatte er sich ja noch zusammengenommen und nicht verraten, wie
jämmerlich ihm zu Sinn war und daß er glaubte, sie beide seien
verloren. Und nun war alles gut. Nun stand Fräulein Hirt vor ihm und
sah ihn mit ihren guten Augen freundlich an und sagte: „Ihr seid mir
die Rechten.“
Wie zentnerschwer war ihm die Aufgabe, die er sich gestellt hatte, auf
der Brust gelegen. -- Allein zur Stadt zurückzufahren, allein Frau
Cimhuber aufzusuchen, allein alles zu beichten, was sich zugetragen
hatte, das war keine Kleinigkeit. -- Und jetzt war er frei.
Es kam ihm alles vor wie ein Traum. Und er hörte, wie sie den Beamten
für die Freundlichkeit dankte, die sie Hans und Suse gegenüber bewiesen
hätten, und wie sie dann zu ihm und seiner Schwester sagte: „Nun kommt
schnell. In zehn Minuten geht unser Zug, und ihr sollt vorher noch eine
Tasse Kaffee trinken.“
Und als die beiden ihre schweren Gepäckstücke mit schiefgezogenen
Schultern wieder vorwärts tragen wollten, rief sie einen Träger herbei,
der ihnen die Last abnahm. Dann ging sie mit ihnen in den Wartsaal,
zum Glück nicht dorthin, wo die zornmütige Frau noch immer wie eine
bitterböse Kreuzspinne auf ihrem Posten saß und hervorschoß, wenn
jemand ihr und ihren Kindern zu nahe kam, sondern in einen andern Raum,
wo ein freundlicher Kellner dienstbereit herbeiholte, was Fräulein Hirt
forderte.
Dann als die zehn Minuten um waren, stiegen die Kinder in einen Zug,
der sie nach der Stadt zurückführte.
Es war aber auch höchste Zeit, daß sie bei Frau Cimhuber ankamen.
Kein übler Schreck hatte die Pfarrfrau heute morgen durchzuckt, als
sie das Nest leer und keine Ursel, keine Kinder vorgefunden hatte. --
Ihre gute, alte Magd, die sich auf ihre flinken Füße verlassen, hatte
gehofft, die Kinder noch einzufangen, ehe ihre Herrin aufwachte, und
hatte sich heimlich davongemacht.
Nun war Frau Cimhuber in dem stillen Haus allein und konnte das Rätsel
von Ursels und der Kinder Abwesenheit nicht lösen.
„Hans, Suse,“ rief sie. Keine Antwort kam. Alles war wie ausgestorben.
Nirgends rührte sich ein menschliches Wesen. Sie ging durch alle
Zimmer, stand still, überlegte, und schüttelte den Kopf. Da sah sie
zufällig auf dem Tisch in Suses Gemach einen Zettel liegen, der von
Kinderhand beschrieben war. Sie griff danach und las folgende, in
sorgfältiger Schrift aufgesetzte Worte:
„Liebe Frau Cimhuber! Wir gehen jetzt nach Hause, weil wir so
gräßliches Heimweh haben. Seien Sie nicht böse! Der liebe Gott schickt
Ihnen sicher andere Kinder, die viel artiger sind als wir. Vielen Dank
für alle guten Gaben.