Genau nach diesen Dispositionen entwickelte sich nun der Gang der
Ereignisse.
Auf die Meldung von der Annäherung feindlicher Schiffe kamen vom
Flaggschiff des Prinz-Admirals die Signale:
‚Anker lichten! Toppsflaggen hissen! Klar Schiff zum Gefecht! Dem
Kielwasser des Admirals folgen! Kreuzerdivision und Torpedoboote
Befehle ausführen!‘
Sich dicht unter der Küste von Walcheren haltend, fuhr das deutsche
Geschwader mit Volldampf dem Feind entgegen.
Inzwischen hatten die herangekommenen Engländer, nachdem sie ihre
Lazarett-, Munitions- und Kohlenschiffe unter dem Schutz der Kreuzer
in See gelassen und die befohlene Formation eingenommen hatten, auf
sechstausend Meter das Feuer auf Vlissingen und das Fort Frederik
Hendrik eröffnet.
So strikte hielt sich der englische kommandierende Admiral an
die ihm erteilten Anweisungen, daß er es in schwer begreiflicher
Sorglosigkeit unterließ, die Ooster-Schelde durch das zweite Geschwader
oder wenigstens durch Aufklärungsschiffe untersuchen zu lassen.
Das Einlaufen der aus See zurückgesandten deutschen Schiffe, deren
gewaltiger Qualm eine Schätzung ihrer Stärke fast unmöglich gemacht
hatte, in die Wester-Schelde war Sir Domvile offenbar als eine
hinlängliche Bestätigung für die Annahme erschienen, daß die gesamte
deutsche Flotte in diesem Mündungsarm liege.
Dadurch wurde es dem Geschwader des Prinz-Admirals möglich, sich dem
Feinde soweit unbemerkt zu nähern, daß es die britische Flotte in der
Flanke fassen konnte, als diese die westliche Spitze von Walcheren
erreicht hatte.
Auf Signal: ‚Dwarslinie formieren! -- Alle Kraft! -- Ran an den Feind!‘
dampften die deutschen Schiffe den überraschten Engländern entgegen und
eröffneten aus ihren Buggeschützen das Feuer.
Natürlich ließ der englische Admiral sofort das erste Geschwader
sich hinter das zweite setzen, machte mit beiden linksum und ging in
Doppelkiellinie auf den Gegner zu.
Dies war der im Schlachtplan des Prinzen vorausgesehene geeignete
Moment für das Vorgehen der in der Wester-Schelde liegenden Kreuzer.
Mit den Torpedobooten, die jetzt abermals einen dicken Qualm
entwickelten, um den Feind über ihre Anzahl zu täuschen, näherten sie
sich in schneller Fahrt und nötigten den durch den Doppelangriff völlig
überrumpelten englischen Admiral, seine Aufmerksamkeit nach zwei Seiten
hin zu verteilen.
Ein tollkühnes Unternehmen freilich blieb dieser Torpedo-Angriff unter
den obwaltenden Verhältnissen noch immer. Die Engländer schossen gut,
und zwei der deutschen Boote wurden durch feindliche Granaten zum
Sinken gebracht. Drei anderen aber gelang der Schuß, und jeder dieser
Treffer beschädigte eines der englischen Schiffe so schwer, daß es
manövrierunfähig wurde.
Besonders nachteilig für die Engländer war es, daß auch ihre
Torpedoboote durch die nicht vorhergesehene veränderte Formation
der Linienschiffe die nötige Deckung verloren hatten. Die deutschen
Torpedobootzerstörer versäumten nicht, diese günstige Situation
auszunützen und fingen an, sie zu jagen. Ohne daß die Verfolger bei
diesem Kampfe, der bei der Schnelligkeit der kleinen Fahrzeuge etwas
besonders Spannendes und Aufregendes für die Beteiligten hatte,
nennenswerte Havarie erlitten hätten, gelang es ihnen, vier englische
Torpedoboote zu vernichten. Die anderen liefen aus Sicht und kamen für
das Gefecht vorläufig nicht mehr in Betracht.
Auf die Frontveränderung des Gegners hin hatte der Prinz-Admiral
rechtsum machen lassen, so daß er mit allen Geschützen einer Seite
in Aktion treten konnte. Auch der englische Admiral ließ nun
eindoublieren, aber das Manöver wurde für ihn die Ursache eines
verhängnisvollen Mißgeschicks. Sei es, daß die Störung der taktischen
Einheit durch das Ausscheiden der drei von den deutschen Torpedos
getroffenen Schiffe die Schuld daran trug, oder daß die 1. und
2. Division zu wenig gewohnt waren, mit einander zu manövrieren,
jedenfalls gehorchte der Panzer ‚Formidable‘ dem gegebenen Befehl so
schwerfällig und ungeschickt, daß er von der ihm zunächst befindlichen
‚Renown‘ mittschiffs gerammt wurde und sich sofort auf die Seite
legte, um innerhalb weniger Minuten zu sinken, Hunderte von tapferen
englischen Seeleuten mit sich in die Tiefe ziehend.
Aber auch die ‚Renown‘, deren Sporn das furchtbare Unglück angerichtet,
war bei dem Zusammenstoß, der das mächtige schwimmende Kastell in allen
Fugen erschüttert hatte, nicht ohne schweren Schaden davongekommen.
Die ersten beiden vorderen Kompartiments waren, da die Schotten nicht
dicht hielten, voll Wasser gelaufen. Das Schiff lag infolgedessen ganz
auf der Nase und hatte damit an Gefechtswert sehr empfindliche Einbuße
erlitten.
Daß diese erste große Katastrophe der Schlacht nicht durch feindliche
Gewalt, sondern durch das ungeschickte Manöver eines befreundeten
Schiffes herbeigeführt worden war, mochte in manchem der vom Untergang
des prächtigen Schiffes und seiner wackern Besatzung in tiefster Seele
erschütterten Zuschauer die Frage wachgerufen haben, ob die gewaltigen
Vervollkommnungen im Bau der modernen Kriegsschiffe nicht zu einem
guten Teile wieder aufgewogen würden durch die mit der zunehmenden
Größe und Gefechtsstärke dieser riesigen Panzer verbundenen Mängel.
Kein Linienschiff, keine Fregatte, nicht einmal das kleine Kanonenboot
früherer Zeiten hätte so schnell und spurlos aus der Schlachtlinie
verschwinden können, wie die in gewaltigen Dimensionen erbaute und
mit allen Errungenschaften maritimer Kriegstechnik ausgerüstete
‚Formidable‘. Wohl hätten ihre Panzerhaut und ihre stählernen Türme
einem Hagel wuchtigster Geschosse erfolgreichen Widerstand leisten
können, aber ein falsch verstandenes Steuerkommando war hinreichend
gewesen, ihr den Untergang zu bereiten. Weder die doppelten Böden noch
die Schottenteilung, die dem Eindringen einer zu großen Wassermenge
vorbeugen sollten, hatten das Schicksal abzuwenden vermocht, das
jeden modernen Panzer bei einer größeren Beschädigung unter der
Wasserlinie bedroht. Das Holzschiff vergangener Zeiten konnte wie ein
Sieb durchlöchert sein, ohne zu sinken. Die Stabilität eines modernen
Panzerschiffes aber konnte schon durch ein einziges Leck, sei es durch
ein Torpedogeschoß oder die Ramme, derart überschritten werden, daß
die gigantische Eisenmasse innerhalb weniger Minuten durch ihr eigenes
Gewicht in die Tiefe gezogen wurde. --
Es entwickelte sich nun ein laufendes Gefechtsfeuer auf circa 2000
Meter Entfernung, bei dem die Ueberlegenheit der Kruppschen Geschütze
ebenso deutlich in die Erscheinung trat, wie die vorzügliche
Schießausbildung der deutschen Geschützführer, hinter der die der
Engländer zweifellos weit zurückstand. Allerdings erlitten auch die
deutschen Schiffe mancherlei Schaden, doch waren erhebliche Havarien
bis jetzt nicht vorgekommen.
Die drei von Torpedos getroffenen englischen Kriegsschiffe hatten
in ihrer Hilflosigkeit den deutschen Kreuzern besonders günstige
Zielobjekte dargeboten. Sich auf und in passende Entfernung legend,
hatten diese die kaum noch bewegungsfähigen Fahrzeuge so lange
beschossen, bis sie die Flagge streichen mußten. Aber ehe sie sich dazu
entschlossen, leisteten die Engländer heldenmütigen Widerstand, und
auch ihre Geschütze hatten manchen wirksamen Treffer zu verzeichnen.
So wurde der Kommandoturm des ‚Friedrich Karl‘ von einer Granate
durchschlagen, und der tapfere Kommandant fand mit seiner Umgebung
einen rühmlichen Soldatentod. Auch sonst fehlte es nicht an mehr oder
minder erheblichen Beschädigungen, und es war fast ein Wunder zu
nennen, daß noch nirgends vitale Teile oder Schiffskörper verletzt
worden waren.
Nachdem die drei englischen Schiffe kampfunfähig geworden, war ein
längeres Verweilen der Kreuzerdivision auf diesem Teil des Kampfplatzes
nicht mehr erforderlich, deshalb gingen die deutschen Kreuzer mit
äußerster Kraft dahin, wo der Prinz-Admiral mit den Linienschiffen das
Hauptgefecht führte.
Und hier war Hilfe in der Tat nötig gewesen. Denn wenn auch vier
feindliche Schiffe verloren gegangen waren, so war die Uebermacht
doch noch immer bei den Engländern, umsomehr, da einer der deutschen
Panzer, die ‚Mecklenburg‘, jetzt hatte ausscheren müssen, nachdem ihre
Rudervorrichtung zerschossen war.
Als der englische Admiral die Kreuzer herankommen sah, die in
Staffelkiellinie Steuerbord achteraus liefen und somit sämtlich ihre
Buggeschütze zum Feuern bringen konnten, erkannte er, daß jetzt der
entscheidende Moment sich vorbereite.
Die Geschütze der Kreuzer fügten den Engländern schweren Schaden zu,
denn sie hatten sich rasch auf die gleichmäßig geringer werdende
Entfernung eingeschossen. Die hohen Deckaufbauten der Linienschiffe
boten ihnen vortreffliche Zielobjekte, so daß bei der lang ausgezogenen
Schlachtlinie der Engländer fast jeder Schuß ein Treffer war.
Jetzt wurde für Sir Percy Domvile rasches und energisches Handeln
ein zwingendes Gebot der Selbsterhaltung. An die nach der erhaltenen
~Ordre de bataille~ anzustrebende Wegnahme der deutschen Flotte war den
Umständen nach nicht mehr zu denken, und es konnte sich daher für den
Admiral nur noch darum handeln, möglichst viele der feindlichen Schiffe
zu vernichten. Auf dem britischen Flaggschiff erschien das Signal
‚rechts um‘, und die Kommandanten wußten, daß es gleichbedeutend war
mit dem Befehl, die deutschen Panzer zu rammen.
Aber dieses Manöver, durch welches Sir Domvile der durch den
zweiseitigen Angriff veranlaßten drohenden Gefahr allein begegnen
konnte, traf den Prinz-Admiral nicht unvorbereitet. Schon in dem
gestern abgehaltenen Kriegsrate war damit gerechnet worden, und jeder
Kommandant hatte seine Instruktion hinsichtlich der in diesem Falle
zu beobachtenden Taktik erhalten. Es war dafür ein besonderes Signal
vereinbart worden, und sobald man die Schwenkung der englischen Panzer
bemerkte, flog es an der Signalleine des Admiralschiffes in die
Höhe. Sofort nahm jedes der deutschen Linienschiffe die ihm nach dem
Schlachtplan vorgeschriebene Position ein. Das Geschwader teilte sich
in zwei Hälften, von denen die erste Division, hinter das Flaggschiff
einschwenkend, mit diesem zusammen ‚links um!‘ machte, während
die andere Division, auch links um machend, sich hinter das linke
Flügelschiff setzte.
Dies ihm gänzlich unbekannte Manöver kam dem englischen Admiral
völlig unerwartet. Seine Absicht war durch das rasche und geschickte
Ausweichen der deutschen Schiffe vollständig vereitelt, der geplante
Vernichtungsstoß versagte, und seine eigenen Panzer hatten nun,
während sie in Dwarslinie weiterfuhren, von rechts und links ein
furchtbares Feuer auszuhalten, das namentlich den beiden Flügelschiffen
verhängnisvoll wurde. Mit einem Hagel schwerer und leichter Geschosse
überschüttet und überdies von wohlgezielten Torpedos getroffen, waren
sie innerhalb weniger Minuten gefechtsunfähig geworden, und das
eine von ihnen, die ‚Victorious‘, das Schicksal der unglücklichen
‚Formidable‘ teilend, versank mit ihrer über 700 Mann starken Besatzung
in den Fluten.
Aber auch die junge deutsche Flotte hatte in diesem Entscheidungskampfe
ihre Feuertaufe empfangen.
Alles, was die moderne Kriegstechnik an Vernichtungsmitteln kennt,
wurde von jedem der beiden Gegner aufgeboten, um dem anderen den Sieg
zu entreißen. Zu den Granaten der schweren Geschütze gesellten sich
die Geschosse der leichteren Armierung und der in den Gefechtsmarsen
postierten Maschinengewehre, so daß es im eigentlichsten Sinne des
Wortes ein ‚Geschoßregen‘ war, der beim Passieren auf die in Rauch und
Dampf gehüllten Schiffe niederging.
Hermann Heideck hatte in Indien die Schrecken des Landkrieges in
ihren mancherlei Gestalten so gründlich kennen gelernt, daß er seine
Nerven vollkommen gestählt glaubte gegen den grauenhaften Anblick von
Tod und Verwüstung. Die Szenen aber, die sich während dieses Kampfes
rings um ihn her auf dem verhältnismäßig engen Raum des prächtigen
Flaggschiffes abspielten, ließen in ihrer Furchtbarkeit alles hinter
sich zurück, was er bisher erlebt hatte. Heideck war voller Bewunderung
über den Heldenmut und die todverachtende Disziplin der Offiziere und
Mannschaften, von denen keiner auch nur einen Fuß breit von dem ihm
zugewiesenen Posten wich.
Da er bei dem jetzt auf seinem Höhepunkt angelangten Drama nur die
Rolle eines untätigen Zuschauers spielte, konnte er sich frei in allen
Teilen des Admiralschiffes bewegen. Und wohin er auch kam, überall
bot sich seinem Auge dasselbe Schauspiel grauenhafter Zerstörung und
heldenmütiger Pflichterfüllung.
Der Aufenthalt in den Geschütztürmen und Kasematten war für die
Bedienungsmannschaften zu einer geradezu höllischen Pein geworden. Es
herrschte in den niederen, eisengepanzerten Räumen eine Gluthitze, die
selbst das Atmen erschwerte. Der ungeheure Lärm und die übermenschliche
Erregung der Nerven schienen derart abstumpfend auf die Sinne der Leute
gewirkt zu haben, daß sie überhaupt keine klare Vorstellung mehr hatten
von dem, was um sie her vorging. Auf ihren Gesichtern lag nicht jener
Ausdruck von Erbitterung und Wut, den Heideck in der Landschlacht bei
Lahore in den Physiognomieen so vieler Soldaten gesehen hatte, vielmehr
beobachtete er eine gewisse stumpfe Gleichgültigkeit, die durch das
Gräßliche der Situation nicht mehr erschüttert werden konnte.
Eine Granate schlug vor Heidecks Augen in eine Batterie ein, krepierte
und riß mit ihren umherfliegenden Sprengstücken fast die ganze
Bedienungsmannschaft nieder. Glücklich die, welche dabei sofort den
Tod gefunden hatten. Denn die Verletzungen derer, die sich verwundet
am Boden krümmten, waren entsetzlicher Natur. Die glühendheißen
Eisenstücke, die den Unglücklichen das Fleisch zerrissen und die
Knochen zerschmetterten, fügten ihnen auch gleichzeitig schreckliche
Brandwunden zu. Heideck würde es für eine Tat der Menschlichkeit
gehalten haben, wenn er mit einem wohlgezielten Revolverschuß die
Leiden dieses oder jenes Unglücklichen hätte enden dürfen, dem Haut und
Fleisch in Fetzen vom Leibe hingen oder dessen Glieder zu formlosen
blutigen Massen verwandelt waren.
Aber die unverletzt Gebliebenen erfüllten nach wenigen Augenblicken
der Betäubung wieder ihre Pflicht mit derselben mechanischen Präzision
wie zuvor. Zwischen ihren toten und sterbenden Kameraden, um die sich
für den Augenblick niemand kümmern konnte, standen sie in dem warmen
Menschenblute, das den Boden schlüpfrig machte, und bedienten das nur
unerheblich beschädigte Geschütz ruhig weiter.
Ein blutjunger Seekadett, der aus dem Kommandoturme des Prinz-Admirals
mit einem Befehl in den Maschinenraum hinuntergeschickt worden war,
kam Heideck auf dem schmalen, erstickend heißen Gange entgegen. Es war
ein schlanker, hübscher Jüngling mit zartem Knabengesicht. Aus einer
Stirnwunde lief ihm das Blut über Auge und Wange. Er mußte mit beiden
Händen an der Wand eine Stütze suchen, während er in übermenschlicher
Willenskraft seine wankenden Kniee zwang, ihn vorwärts zu tragen, denn
er war nur von dem einzigen Gedanken erfüllt, daß er aufrecht bleiben
müsse, bis er sich seines Auftrages entledigt habe. Als Heideck ihn in
mitleidiger Teilnahme nach der Art seiner Verwundung fragte, versuchte
er die bleichen, schmerzzuckenden Lippen sogar noch zu einem Lächeln zu
verziehen, denn trotz seiner siebzehn Jahre fühlte er sich in diesem
Augenblick ja ganz als Mann und als Soldat, dem es süß und ehrenvoll
war, für das Vaterland zu sterben. Aber sein heldenmütiger Wille war
doch stärker gewesen, als sein zum Tode verwundeter Körper. Bei dem
Versuch, vor dem Major eine straffe, dienstliche Haltung anzunehmen,
brach er plötzlich zusammen. Er hatte gerade noch Kraft genug, Heideck
den Befehl des Admirals zu übermitteln und ihn zu bitten, den Befehl
weiterzugeben. Dann verließen ihn seine Sinne.
In einer anderen Batterie war durch eine einschlagende Granate die
bereit gehaltene Munition zum Explodieren gebracht worden. Hier kam
auch nicht ein Mann mit dem Leben davon. Heideck selbst, obwohl er sich
seit Beginn der Schlacht stets rücksichtslos allen Gefahren ausgesetzt
hatte, war wie durch ein Wunder bisher dem ihn in hundert verschiedenen
Gestalten umdrohenden Tode entgangen. Es war ihm vergönnt gewesen,
auf den ausdrücklichen Befehl des Prinzen längere Zeit in dem oberen
Kommandoturm zu verweilen, von wo aus der fürstliche Admiral die
Schlacht leitete, und die zielbewußte, überlegene Ruhe des höchsten
Befehlshabers hatte ihn trotz der Uebermacht der Engländer mit der
unerschütterlichen Zuversicht eines für die deutsche Flotte glücklichen
Ausganges erfüllt.
Seitdem Heideck aus Brandelaars Munde die Nachricht von Edith Irwins
Tode erhalten hatte, war in seinem Innern alles erstorben, was ihn
mit rein menschlichen Gefühlen und Empfindungen an das Leben noch
geknüpft hatte. Er war nichts mehr als der Soldat, dessen Denken und
Trachten ausschließlich erfüllt war von der Sorge um den Sieg der
vaterländischen Waffen. Alle persönlichen Schicksale waren seinem
Erinnern vollständig entrückt, als lägen sie um Jahrzehnte hinter ihm.
Und so bedeutungslos war ihm in diesen Augenblicken, wo um das Sein und
Nichtsein von Nationen gerungen wurde, das eigene Leben, daß er sich
nicht einmal der tollkühnen Unerschrockenheit bewußt wurde, mit der er
es bei jedem seiner Schritte aufs Spiel setzte. --
Majestätisch und gewaltig, todbringende Blitze aus ihren Türmen und
Geschützluken sprühend, hatte die ‚Wittelsbach‘ bisher ihren Weg
gemacht, der Wunden nicht achtend, die feindliche Geschosse ihrem
Körper geschlagen. Und eine fast dankbare Empfindung für das herrliche
Schiff, das ihn trug, regte sich in Heidecks Herzen.
‚Du machst fürwahr dem großen Namen Ehre, den man dir gegeben‘, dachte
er. Seine Augen suchten durch Rauch und Qualm den Kommandoturm, in dem
er den Prinz-Admiral wußte. Aber er fand ihn nicht mehr, denn plötzlich
legte sich's wie ein dichter schwarzer Nebel vor seine Augen. Er hatte
nur einen leichten Schlag gegen seine Brust gefühlt, keinen Schmerz.
Seine Hand wollte sich zu der getroffenen Stelle erheben, aber kraftlos
sank sie wieder herab. Es war ihm, als würde er von einer unsichtbaren
Faust im Kreise gedreht. Tausende von leuchtenden Feuergarben schossen
plötzlich aus dem schwarzen Nebel auf -- dann wurde es vollends Nacht
um ihn her -- tiefe, undurchdringliche Nacht und feierliches, lautloses
Schweigen.
Der Major Hermann Heideck hatte den Heldentod gefunden.
* * * * *
Ein durch Signale herbeigerufenes Torpedoboot näherte sich in
schnellster Fahrt dem auf der Seite liegenden Flaggschiff des
Prinz-Admirals. Ein Breitseittorpedo hatte die ‚Wittelsbach‘ getroffen.
Und wenn auch das Sinken des Panzers nicht zu befürchten stand,
war doch eine weitere Leitung der Schlacht vom Bord des bisherigen
Flaggschiffes aus unmöglich geworden.
Der damit verbundenen Gefahr nicht achtend, ließ sich der
Prinz-Admiral mit seinem Stabe von dem Torpedoboot an Bord des
Linienschiffes ‚Zähringen‘ bringen, auf dem alsbald seine Flagge
emporstieg.
* * * * *
Wohl war der Verlauf der Schlacht bisher ein für die deutsche Flotte
überraschend günstiger gewesen. Ihre Verluste waren beträchtlich
geringer als die des an Zahl weit überlegenen Feindes, und ihre
Schiffe befanden sich mit wenigen Ausnahmen noch in gefechtstüchtigem
und manövrierfähigem Zustande. Von einer Entscheidung zu Gunsten der
deutschen Flotte aber konnte bei der Stärke der noch verfügbaren
gegnerischen Kräfte bisher nicht die Rede sein. Und wenn auch das
geschickte Manöver des deutschen Geschwaders den beabsichtigten Vorstoß
der Engländer vereitelt und ihnen sehr empfindlichen Schaden zugefügt
hatte, so war Sir Domvile doch noch immer die Möglichkeit geboten, die
Scharte auszuwetzen und das launische Schlachtenglück an seine Flagge
zu fesseln.
Hatten sich doch auf den anderen deutschen Linienschiffen und Kreuzern
dieselben furchtbaren Szenen abgespielt, wie die, deren Zeuge Major
Heideck an Bord der ‚Wittelsbach‘ gewesen war. Ueberall war das Blut in
Strömen geflossen, und bei einer weiteren Fortdauer des mörderischen
Gefechts konnte der Augenblick nicht fern sein, wo die Lücken, die der
Tod in die Reihen der wackeren Schiffsbesatzungen gerissen, nicht mehr
auszufüllen waren. Ein paar glückliche Torpedoschüsse der Engländer
-- und keine Genialität der obersten Leitung, kein Heldenmut der
Kommandanten, Offiziere und Mannschaften hätte noch einen für die
deutschen Waffen ungünstigen Ausgang abzuwenden vermocht.
Da plötzlich, von Süd-Westen her kam ein neues, anscheinend sehr
starkes Geschwader in Sicht, das, wenn es eine britische Reserveflotte
war, den Sieg sofort zu Gunsten der Engländer entscheiden mußte.
Minuten höchster Spannung und Erregung waren es, die man bis zu dem
Augenblick der erlösenden Gewißheit an Bord der deutschen Schiffe
durchlebte. Um so beglückender aber wirkte nun die Erkenntnis, daß
man es nicht mit neuen Streitkräften des Feindes, sondern mit dem in
schnellster Fahrt herankommenden französischen Geschwader des Admirals
Courthille zu tun habe, das gerade im rechten Moment die Entscheidung
bringen sollte.
Nun war mit einem Schlage das Bild so völlig zu Ungunsten der Engländer
verwandelt, daß ein Sieg der britischen Flotte zur Unmöglichkeit
geworden war. Das Eingreifen des noch völlig intakten, aus zehn
Linienschiffen, zehn großen und einer entsprechenden Anzahl kleiner
Kreuzer bestehenden französischen Geschwaders in den Kampf mußte
notwendig die Vernichtung der englischen Flotte herbeiführen.
Der englische Admiral war einsichtig genug, die Sachlage richtig
zu beurteilen, sobald auch er die herannahenden Schiffe als die
französische Flotte erkannt und sich Gewißheit über die Stärke des
Gegners verschafft hatte. Den eben gegebenen Befehlen zu einer
abermaligen Angriffsformation folgten jetzt an Bord des englischen
Flaggschiffes neue Signale, die nichts anderes bedeuteten als
die Ordre zum schleunigen Rückzug. Der englische Admiral gab die
Schlacht endgültig verloren und hielt es für seine Pflicht, von den
ihm anvertrauten Schiffen zu retten, was sich noch retten ließ. Ehe
die Franzosen wirksam in den Kampf eingreifen konnten, dampfte die
englische Flotte mit aller Kraft nach Nord-West ab.
Donnernde Hurras auf allen deutschen Schiffen feierten den mit diesem
Rückzuge proklamierten Sieg. Die Torpedo-Divisionsboote und ein paar
schnelle Kreuzer erhielten Befehl, sich in Kontakt mit dem fliehenden
Feinde zu halten.
Der kommandierende französische Admiral war an Bord des Flaggschiffes
‚Zähringen‘ gegangen, um sich und sein Geschwader unter den Oberbefehl
des Prinz-Admirals zu stellen und über die weiteren gemeinsamen
Operationen der beiden vereinigten Flotten ein Einverständnis
herzustellen. Denn es unterlag keinem Zweifel, daß dieser Sieg sofort
bis aufs äußerste ausgenutzt werden mußte, wenn er ein wirklich
entscheidender sein sollte.
In tiefer Bewegung schloß der Prinz den Admiral Courthille in seine
Arme und dankte ihm für sein Erscheinen in der entscheidenden Stunde.
Der französische Admiral aber entschuldigte sich wegen seines späten
Eingreifens in die Schlacht. „Ich mußte die Nacht abwarten und weit
in See gehen mit südwestlichem Kurs, bevor ich den nördlichen Kurs
nehmen konnte, um unter dem Schutze der Nacht ungesehen von dem
uns blockierenden englischen Geschwader des Prinzen Battenberg den
Durchbruch bewerkstelligen zu können.“
Inzwischen waren die hinter dem Feinde hergesandten Aufklärungsschiffe
mit der Meldung zurückgekommen, daß die englische Flotte ihren Kurs
geändert hätte und auf die Themse zuzuhalten schiene. Ein weiteres
Verfolgen des Feindes war nicht möglich gewesen, da der englische
Admiral einige Schiffe detachiert hatte, denen die nachfolgenden
deutschen Kreuzer nicht gewachsen waren.
Es waren Vorbereitungen getroffen worden, die Verwundeten und Toten
an Bord der durch ein Signal dazu bestimmten Schiffe zu geben, was
sich auch bei der nun ruhiger gewordenen See mit nicht allzugroßen
Schwierigkeiten bewerkstelligen ließ. Jetzt, wo der furchtbare Kampf
ausgetobt hatte, kamen die Besatzungsmannschaften erst zum vollen
Bewußtsein der durchlebten Schrecknisse. Die Bergung der Verwundeten
zeigte, welche grausamen Opfer die Schlacht gefordert hatte. Es war
eine schwere und traurige Aufgabe, die manches starke Seemannsherz
in Schmerz und Mitleid erbeben ließ. Die Gefallenen waren durch die
Sprenggeschosse, die ihnen den Tod gebracht hatten, zumeist entsetzlich
zugerichtet, und auch die Verletzungen der Verwundeten, denen die an
Bord befindlichen Aerzte im Getümmel der Schlacht nur notdürftig die
erste Hilfe hatten angedeihen lassen können, waren fast durchweg so
schwerer Art, daß der Transport nur langsam vor sich gehen konnte.
Nachdem die deutschen Schiffe durch Signale gemeldet hatten, daß sie
wieder gefechtsfähig wären, erhielten die anderen, welche die Toten
und Verwundeten an Bord hatten, sowie die nicht mehr gefechtsfähigen
deutschen und die genommenen englischen Schiffe den Befehl nach
Antwerpen zu gehen. Das vereinigte deutsch-französische Geschwader aber
setzte sich unter dem Oberbefehl des Prinz-Admirals, den Kurs auf die
Themsemündung nehmend, in Bewegung.
[Illustration]