Die Strategie vom grünen Tische aus, durch die dem militärischen
Oberkommandierenden die Hände gebunden waren, sollte sich, wie schon in
so manchen früheren Feldzügen, auch diesmal für die Engländer als ein
verhängnisvoller Fehler erweisen.
Mit stillem Ingrimm hatte Sir Percy Domvile, der britische Admiral,
die ihm von London aus erteilte ~Ordre de bataille~ -- dieselbe, die
auch den Deutschen in die Hände gefallen war -- empfangen. Mehr als
einmal schon hatte er den Lords zu beweisen versucht, welchen Schaden
das Gebundensein an strikte schriftliche Ordres bei oft unberechenbaren
Verhältnissen anrichten konnte, aber er hielt jetzt den Beweis in
Händen, wie wenig die von dem Bewußtsein ihrer Bedeutung und ihrer
überlegenen Klugheit durchdrungenen Würdenträger geneigt waren, sich
belehren zu lassen. Doch er war viel zu sehr Soldat, um sich nicht dem
Befehl der vorgesetzten Instanz in widerspruchslosem, militärischem
Gehorsam zu fügen. Freilich, wenn er die Tragweite des hier begangenen
Fehlers im voraus hätte übersehen können, würde er als Patriot
wahrscheinlich lieber seine Person geopfert haben, als daß er sich
zum ausführenden Werkzeug der schweren taktischen Irrtümer hergegeben
hätte, die dem ihm übermittelten Schlachtplan zu Grunde lagen. Denn was
hier auf dem Spiele stand, war mehr, als die stolze britische Nation je
zuvor bei einem Seegefecht eingesetzt hatte. Es handelte sich um das
Prestige Englands als weltbeherrschende Seemacht und vielleicht um
die endgiltige Entscheidung dieses für Großbritannien so unglücklich
verlaufenen Feldzuges. Das allgewaltige Albion, die gefürchtete
Beherrscherin der Meere, kämpfte heute um Ehre und Existenz. Eine große
verlorene Schlacht mochte da leicht genug einen Schlag bedeuten, von
dem sich der todwunde britische Löwe nie wieder erholen konnte.
* * * * *
Zu derselben Stunde, in der der ‚König Wilhelm‘ an der Spitze der
deutschen Transportflotte in den Kaiser Wilhelm-Kanal einlief, führte
der Prinz-Admiral, der seine Admiralsflagge auf der ‚Wittelsbach‘
gehißt hatte, die deutsche Schlachtflotte aus dem Hafen von Antwerpen
in den Zuid-Bevelanden-Kanal, der die Wester-Schelde mit der
Ooster-Schelde verbindet und die Insel Walcheren von Zuid-Bevelanden
trennt, und ging dort zu Anker.
Sein Geschwader bestand aus den der ‚Wittelsbach‘-Klasse angehörigen
Linienschiffen ‚Mecklenburg‘, ‚Schwaben‘, ‚Zähringen‘, ‚Wettin‘
und ‚Wittelsbach‘, dem Flaggschiff des Prinz-Admirals, sowie den
Linienschiffen der Kaiserklasse: ‚Kaiser Wilhelm der Große‘,
‚Barbarossa‘, ‚Karl der Große‘, ‚Wilhelm II.‘ und ‚Friedrich III.‘
Diesen Panzerschiffen gesellten sich die großen Kreuzer ‚Friedrich
Karl‘, ‚Prinz Adalbert‘, ‚Prinz Heinrich‘, ‚Fürst Bismarck‘, ‚Viktoria
Luise‘ und ‚Kaiserin Augusta‘ zu, sowie die kleinen Kreuzer ‚Berlin‘,
‚Hamburg‘, ‚Bremen‘, ‚Undine‘, ‚Arcona‘, ‚Frauenlob‘, ‚Medusa‘.
Die dem Prinzen zur Verfügung stehende Torpedobootflottille bestand aus
den Torpedobooten ‚S 102 bis 107‘, ‚G 108 bis 113‘, ‚S 114 bis 125‘ mit
den in der Größe von Torpedobootzerstörern gebauten Divisionsbooten ‚D
10‘, ‚D 9‘, ‚D 7‘ und ‚D 8‘.
Als Aufklärungsschiffe waren schon vorher die drei schnellen Kreuzer:
‚Friedrich Karl‘, ‚Prinz Adalbert‘ und ‚Kaiserin Augusta‘ mit den
Torpedobooten ‚S 114 bis 120‘ in See geschickt worden, um die
Annäherung des Feindes rechtzeitig zu melden. Die Kreuzer hatten
Befehl erhalten, sich dreißig Seemeilen W. N. W. von Vlissingen auf
je fünf Seemeilen Abstand zu legen, während die Torpedoboote auf
Sichtweite nach jeder Seite patrouillieren sollten. Nachdem die
englische Flotte dem Hauptgeschwader durch drahtlose Telegraphie
gemeldet, sollten sich diese Aufklärungsschiffe außer Schußweite
vor dem Feinde her in die Wester-Schelde zurückziehen und dabei ein
solches Kesselfeuer unterhalten, daß möglichst viel und dicker Rauch
entwickelt wurde, um den Feind über die Anzahl und die Größe der sich
zurückziehenden Schiffe zu täuschen. Nachdem sie den Engländern außer
Sicht gekommen, sollten sie wieder Kehrt machen, um sich zu zeigen, und
wenn die Verhältnisse es gestatteten, sollten sie die vorher befohlenen
Plätze einnehmen, anderenfalls hatten sie den Umständen gemäß zu
handeln.
Der Zweck dieses auf die Irreführung des Feindes berechneten Manövers
wurde denn auch vollkommen erreicht.
Ein Funkentelegramm meldete dem Prinz-Admiral das Insichtkommen der
Engländer, und ein von dem Aufklärungsgeschwader abgeschwenktes
Torpedoboot brachte genauere Mitteilungen über Zahl und Formation der
feindlichen Schiffe, Mitteilungen, die den in der ~Ordre de bataille~
gegebenen Anweisungen durchaus entsprachen und demnach als ein neuer
Beweis gelten konnten, daß es bei diesem Schlachtplan bleiben sollte.
Nun war eine sichere Grundlage für die taktischen Operationen der
deutschen Flotte gegeben. Es konnte bei dem, was tags zuvor im
Kriegsrate beschlossen worden war, sein Bewenden behalten und den
Kommandanten der einzelnen Schiffe brauchten daher neue Instruktionen
nicht gegeben zu werden.
Die in diesem Kriegsrat festgesetzte ~Ordre de bataille~ lautete in
ihren Hauptzügen:
‚Das Geschwader liegt bei Zuid-Beveland vor Anker, kurzstag gehievt,
Feuer aufgebänkt, so daß in fünfzehn Minuten Dampf auf sein kann.
Die Linienschiffe ankern in Doppelkiellinie ihren taktischen Nummern
nach, Flaggschiff in der Peilung Insel Nordland N.N.O. Beeren Kirche
S.S.W. mißweisend.
Die Kreuzer zwischen Nord-Beveland und Zuid-Beveland.
Die Torpedoboote mit ihren Divisionsbooten dahinter.
Auf Signal ‚Anker lichten‘ gehen die Schiffe ihren taktischen Nummern
nach Anker auf; die Schlachtschiffe durch das Roompot; die Kreuzer
gehen wieder durch den Kanal in die Wester-Schelde und legen sich in
Höhe von Vlissingen in Dwarslinie.