Die langen Fensterreihen von Hampton Court Palace bei London waren
trotz der vorgerückten Nachtstunde noch hell erleuchtet. Der vom
Regiment der Königs-Ulanen gestellte Doppelposten vor dem Portal
kam nicht zur Ruhe, denn ein unausgesetztes Kommen und Gehen hoher
Offiziere von den Armeen der drei verbündeten Nationen verlangte
die militärischen Honneurs. Unmittelbar nach der für England so
unglücklich verlaufenen Seeschlacht bei Vlissingen waren eine große
französische Armee und einige Garde-Regimenter des Zaren bei Hastings
an der englischen Küste gelandet worden und lagen nun im besten
freundnachbarlichen Einvernehmen mit den französischen und den von
Schottland her anmarschierten deutschen Truppen im Lager von Aldershot.
Das Hauptquartier des Prinz-Admirals war nach Hampton Court verlegt
worden, dessen stilles, altehrwürdiges und altberühmtes Schloß damit
plötzlich zum Mittelpunkt eines regen militärischen und diplomatischen
Lebens wurde.
Ernsthafte kriegerische Operationen kamen zwar kaum noch in Frage, denn
die Voraussetzung, daß die Landung großer feindlicher Heere tatsächlich
das Ende des Feldzuges bedeuten würde, hatte sich als zutreffend
erwiesen.
Bei dem Widerstand, den englische Truppenkörper den Franzosen auf
ihrem Vormarsche gegen London zu leisten versucht, hatten zwar die
englischen Freiwilligen ihre Tapferkeit und ihren patriotischen
Opfermut im hellsten Lichte gezeigt, aber sie hatten den Siegeslauf
des besser geleiteten Gegners nicht mehr aufhalten können. So war der
Abschluß eines Waffenstillstandes zum Zwecke von Verhandlungen über den
von England angebotenen Frieden erfolgt, noch ehe die von Schottland
her vorrückenden deutschen Truppen Gelegenheit gehabt hatten, in die
kriegerischen Ereignisse zu Lande einzugreifen.
Der Friedensschluß, von allen Kulturnationen des Erdballs
herbeigesehnt, konnte als gesichert gelten, wenn auch kein Zweifel
darüber bestand, daß seiner endgültigen Unterzeichnung noch lange
und schwierige Verhandlungen würden vorausgehen müssen. Der von dem
deutschen Reichskanzler angeregte Gedanke, einen allgemeinen Kongreß
nach dem Haag einzuberufen, auf dem nicht nur die kriegführenden
Parteien sondern alle Regierungen vertreten sein sollten, hatte
allgemeine Zustimmung gefunden, da alle Staaten an der Neugestaltung
der Machtverhältnisse interessiert waren. Die Erledigung der
Friedenspräliminarien aber mußte zunächst Sache der kriegführenden
Mächte sein, und es waren zu diesem Zwecke außer dem deutschen
Reichskanzler, Freiherrn von Grubenhagen, der französische Minister
des Auswärtigen, Delcassé, und der russische Staatssekretär Witte, in
Begleitung des Grafen Lambsdorff, mit einem ganzen Stabe von Beamten
und diplomatischen Hilfsarbeitern in Schloß Hampton Court eingetroffen.
Die Vorverhandlungen zwischen diesen Staatsmännern und den englischen
Bevollmächtigten, dem Premierminister und ersten Lord des Schatzes
Balfour und dem Lordpräsidenten des Geheimen Rates, Marquis von
Londonderry, wurden mit rastlosem Eifer betrieben. Ueber ihr bisheriges
Ergebnis aber wurde von allen Beteiligten das strengste Stillschweigen
bewahrt.
Dafür, daß die Heerführer sich trotz der beginnenden
Friedensverhandlungen nicht der Untätigkeit hingaben, war das
Verhalten des Prinz-Admirals ein augenfälliger Beweis. Obwohl er
sich der diplomatischen Aktion ganz fernhielt und sich lediglich mit
den militärischen Angelegenheiten befaßte, war für ihn nicht nur
jede Minute des Tages, sondern auch ein guter Teil der Nachtstunden
ausgefüllt durch Arbeiten und Besprechungen mit den Herren seines
Stabes, mit den leitenden Offizieren der Landarmee, sowie mit den
Oberkommandos der verbündeten französischen und russischen Armee.
Jedermann war voll Bewunderung für die nie versagende Frische und
die unermüdliche Arbeitskraft des Prinzen, dessen hohe, schlanke
Germanengestalt und dessen blondbärtiges Antlitz mit den ruhigen klaren
Seemannsaugen auf niemanden, der ihm nahetrat, ihre imponierende
Wirkung verfehlten. Nur sein kaiserlicher Bruder, der alle Fäden
der politischen Aktion in der Hand hielt, mochte den Prinzen in der
traditionellen Hohenzollern-Arbeitskraft in dieser großen Zeit noch
übertreffen.
Es war nahe an Mitternacht, als nach einer langen, mit großer
Lebhaftigkeit geführten Beratung der französische General Jeannerod das
Arbeitskabinett des Prinzen verließ. Die Tür hatte sich kaum hinter
ihm geschlossen, als der diensttuende Adjutant des Prinzen mit einem
merklichen Ausdruck des Erstaunens im Klang der Stimme meldete:
„Seine Exzellenz der Herr Reichskanzler, Freiherr von Grubenhagen!“
Bis in die Mitte des Zimmers ging der Prinz dem Eintretenden entgegen
und schüttelte ihm kräftig die Hand.
„Ich danke Ihnen, Exzellenz, daß Sie trotz der späten Stunde und trotz
der Arbeitsüberhäufung meiner Bitte um eine Unterredung noch heute
Folge geleistet haben. Ich hatte zu dieser Konferenz einen besonderen
Grund, den Sie verstehen werden, wenn ich Ihnen sage, daß allerlei
Gerüchte von übertriebenen Forderungen unserer Verbündeten zu mir
gedrungen sind. Mein bisheriges Verhalten wird Ihnen ein Beweis dafür
sein, daß ich nicht die Absicht habe, mich in die diplomatischen
Verhandlungen einzumischen oder gar einen Einfluß in dem einen oder
andern Sinne auszuüben. Ich fühle mich hier nicht als Staatsmann,
sondern nur als Soldat, und gerade deshalb, meine ich, können Sie um so
offener zu mir sprechen. Man sagte mir, es sei bei der Feststellung
der Friedensbedingungen auf eine völlige Vernichtung Englands
abgesehen.“
Der Kanzler, dessen männlich-charaktervollem Gesicht trotz der fast
übermenschlichen Arbeitsleistungen nichts von Erschlaffung anzumerken
war, sah dem Prinzen freimütig ins Auge und bewegte verneinend den Kopf.
„Königliche Hoheit sind nicht zutreffend unterrichtet worden. Eine
Absicht, England zu vernichten, besteht weder bei uns, noch bei einem
unserer Verbündeten. Allerdings herrscht darüber volle Einigkeit, daß
dieser furchtbare Krieg nicht vergebens geführt sein darf und daß der
Preis auch der Größe der Opfer entsprechen muß, mit denen er erkauft
wurde.“
„Und wem soll dieser Preis zufallen?“
„Allen Nationen, Königliche Hoheit! Denn es wäre ein Frevel gewesen,
diesen Weltenbrand zu entzünden, wenn es nicht in der sicheren
Voraussetzung geschehen wäre, daß seine läuternden Flammen den
Boden vorbereiten würden für das Glück und den Frieden der Völker.
Jahrhundertelang hat Britannien seine Machtmittel dazu mißbraucht, die
eigenen Reichtümer auf fremde Kosten zu vermehren. Skrupellos wußte es
alles an sich zu raffen, was ihm erreichbar war, und damit, daß es bei
jedem Schritt wichtige Lebensinteressen anderer Nationen verletzte,
forderte es jenen Widerstand heraus, der jetzt die Zertrümmerung seiner
Weltmacht-Stellung herbeigeführt hat. Das Glück der Völker erblüht
nur aus einem auf lange Zeit hinaus gesicherten Frieden, und nur
eine gerechte Verteilung des Besitzes der Erde kann den Weltfrieden
gewährleisten. Darum wird England notwendig einen wesentlichen Teil
seines überseeischen Besitzes ausliefern müssen. Rußland will den Weg
zum indischen Ozean freihaben, denn nur wenn es eine genügende Anzahl
von Häfen hat, die das ganze Jahr hindurch offen bleiben, werden die
ungeheuren Reichtümer seines Bodens aufhören ein toter Besitz zu sein.
Und Frankreich -- --“
„Bleiben wir zunächst bei Rußland, Exzellenz! Hat die russische
Regierung ihre Forderungen bereits formuliert?“
„Diese Forderungen ergeben sich im wesentlichen schon aus der
Kriegslage, denn sie gipfeln in der Abtretung von Britisch-Indien an
Rußland. Was unser östlicher Nachbar darüber hinaus anstreben wird,
soll weniger zu seiner Bereicherung, als zur Sicherung des europäischen
Friedens dienen. Die ständige Gefahr, die der Ruhe Europas aus dem
Wetterwinkel der alten Welt, der Balkanhalbinsel, droht, muß endlich
beseitigt werden. Unter den beteiligten Mächten ist ein grundsätzliches
Einverständnis darüber erreicht worden, daß die Interessen-Sphären
Rußlands und Oesterreichs auf dem Balkan in einer Weise abzugrenzen
sind, die eine definitive Regelung der Verhältnisse in den
Balkanstaaten zur Folge hat. Es ist die Rede von einem selbständigen
Königreich Macedonien unter der Herrschaft eines österreichischen
Erzherzogs. Das Aequivalent für diesen Zuwachs der österreichischen
Macht gegenüber dem russischen Reiche wird allerdings erst auf dem
Haager Kongreß endgültig gefunden werden müssen. Jedenfalls aber soll
den Gefahren, die dem europäischen Frieden von Bulgarien, Serbien und
Montenegro her drohen, für die Zukunft wirksam vorgebeugt werden.“
„Aber fürchten Sie denn nicht, daß sich der Sultan einem solchen
Ausgleich, der doch im wesentlichen auf Kosten der Türkei erfolgt,
widersetzen wird?“
„Der Sultan wird sich der Macht der Verhältnisse beugen müssen.
Wir dürfen nicht vergessen, Königliche Hoheit, daß der europäische
Besitzstand der Türkei bisher viel weniger durch geheiligte Anrechte
der Pforte als durch die Uneinigkeit der Großmächte aufrecht erhalten
wurde. Die unaufhörlichen macedonischen Wirren haben gezeigt, daß
der Sultan ebensowenig die Kraft als den guten Willen hat, den unter
seiner Herrschaft stehenden Balkanländern eine den Forderungen moderner
Kultur entsprechende Verwaltung zu geben. Wenn die Pforte den Rückhalt
verliert, den sie bisher an England hatte, entfällt für den Sultan
zugleich jede Möglichkeit eines ernsthaften Widerstandes.“
„Und was ist hinsichtlich Aegyptens geplant?“
„Aegypten bedeutet den Siegespreis für Frankreich, dem damit ja nur
das zurückgegeben wird, was es auf Grund einer glorreichen Geschichte
mit Recht beanspruchen darf. Die Souveränität des Sultans, die ja
lediglich eine Formsache ist, wird auch weiter bestehen bleiben. Aber
die Stellung, die jetzt England in Aegypten einnimmt, wird -- mit einer
Einschränkung allerdings -- von nun an Frankreich zufallen.“
„Mit welcher Einschränkung?“
„Nicht Frankreich allein wird die Verwaltung führen, sondern eine
internationale Kommission, von allen Mächten eingesetzt, wird unter
Frankreichs Vorsitz an Stelle der jetzigen englischen Verwaltung
treten. Die erste Bedingung hierzu ist, daß England alle seine
finanziellen Forderungen und seinen großen Besitz an Aktien des
Suezkanals den alliierten Mächten zediert. Diese Finanzopfer sollen
zugleich einen Teil der Kriegsentschädigung bilden, die England zur
Last fällt.“
„Weitergehende Ansprüche erhebt Frankreich nicht?“
„Frankreich ist mit den Erfolgen dieses Krieges um so mehr zufrieden,
als eine Angliederung Belgiens an die französische Republik sehr
wahrscheinlich ist. Deutschland beansprucht indessen für sich den Hafen
von Antwerpen, den wir gleich bei Beginn des Krieges besetzt haben.“
„Wenn ich recht unterrichtet bin, war davon die Rede, daß Aden an
Frankreich fallen oder neutralisiert werden solle?“
„Der Gedanke war allerdings angeregt worden, aber die verbündeten
Mächte sind zu dem Entschluß gekommen, Aden bei England zu lassen.
Dagegen wird sich England verpflichten müssen, keinerlei Ansprüche zu
erheben, die den Bau und Betrieb der Bagdadbahn illusorisch machen
würden. Der Hafen Koweit am persischen Meerbusen, der südöstliche
Endpunkt dieser Bahn, muß unangetastet der Türkei verbleiben.“
„Und Gibraltar? Es rief ja einen Sturm der Entrüstung in England
hervor, als plötzlich das Gerücht auftauchte, man würde die Abtretung
dieser Festung verlangen.“
„Und doch wird die englische Regierung sich darein finden müssen,
denn die Uebergabe Gibraltars ist eine unerläßliche Bedingung der
verbündeten Regierungen.“
„Es ist unmöglich, diese natürliche Felsenfestung zu schleifen!“
„Es würde genügen, daß die englische Besatzung zurückgezogen und
alle Befestigungen desarmiert würden. Gibraltar wird aufhören, als
Festung zu existieren und soll unter bestimmten Garantien an Spanien
zurückfallen. Da es indessen nicht in der Absicht der Verbündeten
liegt, den englischen Einfluß in der Levante völlig zu zerstören,
soll Malta dem britischen Reiche verbleiben. England behält damit im
Mittelländischen Meer den wichtigsten Stützpunkt seiner Flotte.“
„Es wird nicht leicht sein, die Annahme dieser Bedingungen bei der
englischen Regierung durchzusetzen. Doch Sie haben noch nicht von den
Forderungen Deutschlands gesprochen, -- Antwerpen berührt nicht direkt
die Interessen Englands.“
„Die Politik der deutschen Regierungen wird darin gipfeln, sich
gefestigte handelspolitische Beziehungen zu England und seinen
Kolonieen und eine Abrundung unseres kolonialen Besitzes zu sichern.
Für Deutsch-Südwestafrika verlangen wir deshalb die Walfischbai,
den einzigen guten Hafen, der als englisches Besitztum jetzt wie
wildes Fleisch mitten im Körper unserer jungen südwestafrikanischen
Kolonie sitzt. Außerdem aber müssen wir darauf bestehen, daß auch
die ostafrikanischen Gebiete, die wir im Austausch gegen Helgoland
aufgegeben haben, uns zurückgegeben werden. Dieser schwere Fehler der
deutschen Politik muß ausgeglichen werden, denn die Ueberlassung des
Protektorats über Zanzibar an England war ein Schlag, der nicht allein
den Eifer unserer besten Kolonialfreunde lähmte, sondern auch unsere
ostafrikanischen Kolonieen entwertete.“
„Wenn ich Sie recht verstehe, Exzellenz, ist Ihre Politik darauf
gerichtet, den kolonialen Bestrebungen Deutschlands eine festere Basis
zu geben.“
„Dies halte ich allerdings für eine der wichtigsten Forderungen unserer
Zeit. Wir müssen nachholen, was die Politik der letzten Jahrhunderte
verabsäumt hat. Zu derselben Zeit, da Eurer Königlichen Hoheit großer
Ahnherr um eine Handbreit Landes, um das kleine Schlesien, sieben Jahre
hindurch Krieg führte, gelang es der weitausschauenden englischen
Politik, sich mit geringen Opfern in den Besitz von unermeßlichen
Ländergebieten zu bringen, die in ihrer Gesamtheit den ganzen
europäischen Kontinent weit übertrafen.“
„England war eben seit Jahrhunderten eine Seemacht, die ihr Bestreben
auf den Erwerb überseeischer Kolonieen richten mußte.“
„Und was hätte Preußen gehindert, schon vor Jahrhunderten eine
achtunggebietende Seemacht zu werden? Unser Unglück war es, daß die
gewaltigen Ideen und weitblickenden Absichten des Großen Kurfürsten
an der Unzulänglichkeit seiner Mittel scheitern mußten. Hätten seine
Nachfolger fortgesetzt, was er begonnen, so hätte Großbritanniens Macht
sich niemals zu solcher Höhe emporheben können. Denn auch wir würden
uns dann schon in den früheren Jahrhunderten den uns gebührenden Anteil
in den außereuropäischen Erdteilen rechtzeitig gesichert haben.“
Der Prinz blickte sinnend vor sich hin. Nach einem kurzen Schweigen
fuhr der Reichskanzler fort:
„Königliche Hoheit werden darüber unterrichtet sein, daß in den
Niederlanden die feste Absicht besteht, sich im Interesse der
Selbsterhaltung dem Deutschen Reiche als ein Bundesstaat anzugliedern,
wie es nach dem deutsch-französischen Kriege Bayern, Sachsen,
Württemberg, Baden und die übrigen deutschen Staaten getan haben.
Damit würden dann auch die reichen und ausgedehnten niederländischen
Kolonieen zu deutschen Kolonieen werden, d. h. sie würden unter
Fortbestand der holländischen Verwaltung in den politischen Verband
der übrigen deutschen Kolonieen mit eintreten. Auf die niederländische
Bevölkerung hat es einen sehr guten Eindruck gemacht, daß wir
beabsichtigen, das Unrecht wieder gutzumachen, das England den Buren
zugefügt hat. Die Burenstaaten sollen unter Wiederherstellung ihrer
Selbständigkeit in dasselbe Verhältnis zu uns treten, in dem sie vor
dem Burenkriege zu England standen.“
„Das heißt also: Selbstverwaltung unter Anerkennung der deutschen
Oberhoheit. Nun ja, sie sind der Niederländer Stammverwandte. Aber,
mein bester Baron, wird das deutsche Volk nicht erschrecken vor den
Konsequenzen einer Erweiterung unseres überseeischen Besitzes? Ein
größerer Kolonialbesitz erfordert auch eine größere Flotte. Denken Sie
doch an die Kämpfe, die die verbündeten Regierungen zu führen hatten,
um im Parlament eine Vergrößerung der deutschen Flotte selbst im
bescheidenen Umfange durchzusetzen!“
„Diese Schwierigkeit fürchte ich nicht so sehr, denn das deutsche Volk
hat den Wert der Flotte schätzen gelernt. Wir sind über das Stadium der
tastenden Versuche hinausgekommen und haben Lehrgeld genug bezahlt. Wir
müssen festhalten, was wir besitzen und zurücknehmen, was uns durch den
leider so wenig kaufmännischen Geist unserer auswärtigen Politik in
früheren Jahrzehnten verloren gegangen ist. Dann wird das deutsche Volk
auch wieder Vertrauen zu unserer Kolonialpolitik fassen.“
„Wie aber wollen Sie die Lasten aufbringen, die notwendig sind, um
unsere Flotte stark und mächtig zu machen?“
„Unsere Verhandlungen mit den befreundeten Regierungen von Frankreich
und Rußland zeigen, daß in diesen Staaten ebensosehr wie im deutschen
Volke der Wunsch nach einer Verminderung des Landheeres besteht. Und
in Oesterreich und Italien regt sich machtvoll dasselbe Bestreben,
die Landmacht zu verringern. Die Völker würden unter der Last
zusammenbrechen, wenn die Ausgaben für die Armee noch weiter stiegen.
Verringern wir unsere Landarmee, so gewinnen wir die Mittel zur
Vermehrung unserer Marine. Jetzt, nach dem siegreichen Kriege, ist der
Augenblick gekommen, wo wir auf dem ganzen Kontinent die ungeheuren
stehenden Heere auf einen der finanziellen Leistungsfähigkeit der
Völker entsprechenden Stand zurückführen können. Der äußere Feind ist
besiegt; wir dürfen nicht daran denken, den inneren Feind durch eine
übermäßige Belastung aller Stände heraufzubeschwören.“
„Sie sprachen vorhin von einem wenig kaufmännischen Geist in unserer
auswärtigen Politik. Wie ist dieser Vorwurf zu verstehen?“
„Ganz buchstäblich, Königliche Hoheit! Der Vertrag, der Zanzibar
aufgab, um Helgoland zu gewinnen, wäre niemals möglich gewesen, wenn
unsere Diplomatie es der englischen an jenem Weitblick und jenem
Verständnis für wirtschaftliche Fragen gleich täte, die ich eben
nicht anders bezeichnen kann, als mit dem Ehrentitel ‚kaufmännischen
Geistes‘. Dieser kaufmännische Geist ist die Triebfeder in Industrie
und Landwirtschaft, in Handel und Handwerk, wie überhaupt in dem
gesamten Erwerbsleben, und es ist notwendig, daß dieser kaufmännische
Geist auch in unseren Ministerien als eine notwendige Voraussetzung
für die Qualifikation zur Beurteilung der wirtschaftlichen Interessen
des Volkes anerkannt wird. In keiner anderen Hinsicht können unsere
Staatsmänner und Beamten und unsere erwerbenden Stände von unserem
besiegten Gegner mehr lernen, als gerade in dieser. Daß es eine
Nation von Kaufleuten ist, hat England groß gemacht, während unsere
wirtschaftliche Entwicklung und unsere Geltung nach außen hin
vielleicht durch nichts anderes so sehr behindert worden sind, als
durch die Geringschätzung, mit der bei uns die erwerbenden Stände bis
in die jüngste Zeit hinein behandelt wurden. In England stand auf der
gesellschaftlichen Stufenleiter der Kaufmann stets über dem Offizier
und dem Beamten. Bei uns bedeutet er neben diesen beiden Kategorieen
fast einen Staatsbürger zweiter Klasse. Was in England nur als Mittel
zum Zweck Geltung hat, das wird bei uns als Selbstzweck angesehen. Der
Geist jener starren Bureaukratie, über die schon Fürst Bismarck geklagt
hat, ist in unserem Deutschen Reiche von den niedrigsten bis zu den
höchsten Stellen hinauf, leider mit nur geringen Ausnahmen, noch immer
der herrschende, und aus dem mangelnden Verständnis für die Bedeutung
des wirtschaftlichen Lebens resultiert dann die niedrige Wertschätzung
der erwerbenden Stände. Der gesunde kaufmännische Geist, der durch das
ganze englische Staatsleben geht, entzieht auch der Sozialdemokratie
in England den Boden, während sie bei uns von Jahr zu Jahr an Boden
gewinnt. Ich habe die Ueberzeugung, daß unser deutsches Volk die
Sozialdemokratie nicht zu fürchten braucht, denn es kommt bei der
Bekämpfung wirtschaftlicher Schäden weniger auf die Regierten an als
auf die Regierenden.“
„Es mag manches Wahre sein in dem, was Sie da sagen, Herr
Reichskanzler! Aber die Vergrößerung unseres Kolonialbesitzes wird ja
in erster Linie dem Handel zu Gute kommen, und damit wird naturgemäß
auch bei uns der Kaufmann zu größerer Bedeutung gelangen. Man hört ja
schon jetzt von großen Plantagengesellschaften, die mit enormem Kapital
ins Leben gerufen werden sollen.“
„Gerade gegen die Bildung dieser Gesellschaften denke ich meinen ganzen
Einfluß geltend zu machen, Königliche Hoheit! Könnten wir doch keinen
verhängnisvolleren Fehler begehen, als den, daß wir die Land- und
Bodenspekulation, die in den alten Kulturstaaten so unheilvolle Früchte
gezeitigt hat, auch in unseren Kolonieen staatlich privilegierten.
Grund und Boden dürfen kein Spekulationsobjekt sein, sondern müssen
Staatseigentum bleiben. Zu den Ständen, die heute wirtschaftlich am
meisten leiden, gehört die Landwirtschaft. Nur eine Erhöhung der
Schutzzölle kann die ackerbautreibende Bevölkerung vor der dringenden
Gefahr des wirtschaftlichen Ruins bewahren. Mit dem erhöhten
Schutzzoll wird die gesteigerte Rentabilität des Bodens eintreten, doch
im Zusammenhange damit auch eine weitere Preissteigerung des Bodens,
da er eben auch ein Handelsartikel ist. Mit dem Steigen der Bodenwerte
wachsen dann aber gleichzeitig auch die Zinsen, die aus Grund und Boden
herauszuwirtschaften sind, und ich muß aus diesem Grunde fürchten, daß
trotz einer Erhöhung der Schutzzölle die Landwirtschaft schon in der
nächsten Generation unter der weiteren Steigerung der Bodenpreise und
den sich daraus ergebenden erhöhten Zinsanforderungen zu leiden haben
wird.
Wir dürfen in unseren Kolonieen nicht in den gleichen Fehler verfallen,
der in den heutigen Kulturstaaten die soziale Frage geboren hat. Nach
einem höheren Gesetz, als es menschliche Unvollkommenheit geschaffen
hat, gehört die Erde den Geschöpfen, die auf ihr und durch sie leben.
Darum darf der Boden unserer Erde kein Handelsobjekt sein. Er ist
untrennbar mit dem Staatskörper verwachsen. Ich wage nicht zu hoffen,
daß es mir oder einem meiner Zeitgenossen beschieden sein wird, die
soziale Frage zu lösen, doch ich werde nicht müde werden, meinen ganzen
Einfluß dafür einzusetzen, eine falsche Bodenpolitik wenigstens in
unseren jungen Kolonieen zu verhindern. Das Unrecht stirbt an seinen
Folgen, denn mit dem Unrecht wächst zugleich sein Rächer auf. Ein
verhängnisvolles Unrecht aber war es, daß die Menschheit den Boden,
der sie ernährt, zum Spekulationsobjekt werden ließ. Diese unheilvolle
Saat zeitigt unheilvolle Früchte. Es muß die höchste Aufgabe aller
Regierungen sein, die Bodenreform, diese große, das Schicksal einer
Welt entscheidende Frage, mit allen gesetzgeberischen Machtmitteln
durchzuführen. Jetzt, wo nach menschlicher Voraussicht der Friede
gesichert ist, wo äußere Gefahren den Bestand unseres Reiches nicht
mehr bedrohen, jetzt enthebt uns nichts mehr der ernsten und heiligen
Verpflichtung, mit dem größten und gewaltigsten Reformwerke der
Menschheit zu beginnen. Dann führt uns unser Weg -- vom Weltkrieg zum
Weltfrieden.“
In demselben Augenblick öffnete sich die Tür des Gemaches, und aus
den Händen eines von dem diensttuenden Adjutanten eingeführten
Feldjägers nahm der Prinz einen mit der Kaiserkrone und dem Initial des
kaiserlichen Namens geschmückten Brief entgegen.
Der erste Schimmer des anbrechenden Morgens fiel in die geöffneten
Fenster, und durch die Wipfel der uralten Parkbäume von Hampton Court
ging ein geheimnisvolles Rauschen und Raunen, wie wenn sie Zwiesprache
hielten über den wunderbaren Wechsel der Geschicke, deren stumme Zeugen
sie seit den fernen Tagen ihrer Jugend gewesen.
Die blauen Augen des Hohenzollernprinzen aber leuchteten in freudigem
Stolze auf, während sie das kaiserliche Handschreiben überflogen. Ein
paar Sekunden lang herrschte tiefe Stille. Dann wandte sich der Prinz
dem Reichskanzler zu:
„Wir gehen einem großen Tage entgegen, Exzellenz! An der Spitze der
verbündeten Armeen wird Seine Majestät der Kaiser in London einziehen.
Der Friede ist gesichert. Gebe Gott, daß es der letzte Krieg sein möge,
den wir für das Glück und die Zukunft der deutschen Nation führen
mußten!“
_Ende._
In demselben $Verlage von W. Vobach & Co., Berlin und Leipzig$, ist
erschienen:
~Regiments-Indiskretionen.~
Ein Offiziers-Roman
von
~Teo von Torn~.
Preis 3 Mark geheftet, 4 Mark gebunden.
Wo viel Licht, da ist auch viel Schatten. Verfasser hat versucht,
beides gleichmäßig zu verteilen. Er schildert äußerst spannend und
wahrheitsgetreu das dienstliche und gesellschaftliche Leben in kleinen
Garnisonen, unter besonderer Berücksichtigung der Lebensgewohnheiten
der Offiziersdamen. Teo von Torn ist es meisterhaft gelungen, den
richtigen Ton zu treffen, ohne der Uebertreibung anheim zu fallen. Ein
Buch, das allenthalben Aufsehen erregt.
~Venus als Siegerin.~
Ein Offiziers-Roman
von
~Caesar Magnus~.
Preis 3 Mark geheftet, 4 Mark gebunden.
Unter dem Pseudonym Caesar Magnus hat ein höherer preußischer
Generalstabs-Offizier diesen hochinteressanten Roman geschrieben,
welcher den Gegensatz der Forderungen der Konvenienz zu dem sich ungern
an Gesetze bindenden Genie zum Vorwurf hat und gleichzeitig zeigt,
daß auch der erweckte Mann den Lockungen der Liebe, noch dazu der
verbotenen, zu der Frau eines anderen Mannes nicht widersteht und daran
zu Grunde geht. Sehr ansprechend ist der Fürst eines kleinen deutschen
Landes geschildert, der über kleinlichen Vorurteilen erhaben, den als
Offizier Geächteten doch als Dichter zu würdigen und zu ehren weiß.
In allen Buchhandlungen zu haben.
Verlag von W. Vobach & Co., Berlin und Leipzig.
~Gegen den Strom.~
Ein Zeitroman
von
~Ludwig Rohmann~.
Preis 90 Pf. geheftet, 1 Mark gebunden.
Der Verfasser entwirft ein überaus fesselndes Kulturbild aus
Pomerellen, dem alten Kassubenlande, dessen polnisch sprechende
Bewohner noch heute die Herrlichkeit des Polenreichs nicht vergessen
können und den deutschen Usurpatoren mit glühendem Haß begegnen.
Zugleich geißelt er scharf den geltenden Ehren- und Duell-Kodex,
dessen verderbliche Folgen durch die Schicksale eines hoffnungsvollen,
aus seiner Bahn gedrängten Juristen illustriert werden. Eine innige
Liebesgeschichte ist mit dem Grundthema geschickt verwoben.
~Sinkende Sonnen.~
Ein Künstler-Roman
von
~Georges Ohnet~.
Preis 3 Mark geheftet, 4 Mark gebunden.
Ein Künstler-Roman, in welchem der Verfasser des „Hüttenbesitzers“ in
einer gewissen wehmütigen Beleuchtung uns das untergehende Gestirn
eines gefeierten Malers zeigt, der seinen Ruhm überlebt hat, an der
Grenze seiner Schaffenskraft angekommen ist, um so mehr, als er auch
seine Herzenswünsche aufgeben muß. Das Mädchen, das er liebt, das
er einst als Modell von der Straße aufgelesen und das er wie eine
Pflegetochter zur Künstlerin herangebildet, schenkt ihr Herz einem
jüngeren genialen Maler. Der Künstler endet durch Selbstmord. Der
Roman ist ein fein ausgeführtes Seelengemälde; das Milieu des Ateliers
ist besonders gut getroffen, ebenso einzelne Charakterköpfe, wie die
Schriftstellerin Zélie Bazin und der Journalist Teneran.
_Professor G. Schönleber_ schrieb uns: „Ich habe „Sinkende Sonnen“ mit
großem Interesse gelesen. Das Buch enthält nur Wahres, der Verfasser
versteht Künstler, wie sie in der Tat fühlen, seine Personen sind
typisch, auch ohne Pariser Atmosphäre.“
In allen Buchhandlungen zu haben.
~Verlag von W. Vobach & Co., Berlin und Leipzig.~
~Pflug und Schwert.~
Historischer Roman
von
~Heinrich Vollrat Schumacher~.