XXXV.

Die langen Fensterreihen von Hampton Court Palace bei London waren

trotz der vorgerückten Nachtstunde noch hell erleuchtet. Der vom

Regiment der Königs-Ulanen gestellte Doppelposten vor dem Portal

kam nicht zur Ruhe, denn ein unausgesetztes Kommen und Gehen hoher

Offiziere von den Armeen der drei verbündeten Nationen verlangte

die militärischen Honneurs. Unmittelbar nach der für England so

unglücklich verlaufenen Seeschlacht bei Vlissingen waren eine große

französische Armee und einige Garde-Regimenter des Zaren bei Hastings

an der englischen Küste gelandet worden und lagen nun im besten

freundnachbarlichen Einvernehmen mit den französischen und den von

Schottland her anmarschierten deutschen Truppen im Lager von Aldershot.

Das Hauptquartier des Prinz-Admirals war nach Hampton Court verlegt

worden, dessen stilles, altehrwürdiges und altberühmtes Schloß damit

plötzlich zum Mittelpunkt eines regen militärischen und diplomatischen

Lebens wurde.

Ernsthafte kriegerische Operationen kamen zwar kaum noch in Frage, denn

die Voraussetzung, daß die Landung großer feindlicher Heere tatsächlich

das Ende des Feldzuges bedeuten würde, hatte sich als zutreffend

erwiesen.

Bei dem Widerstand, den englische Truppenkörper den Franzosen auf

ihrem Vormarsche gegen London zu leisten versucht, hatten zwar die

englischen Freiwilligen ihre Tapferkeit und ihren patriotischen

Opfermut im hellsten Lichte gezeigt, aber sie hatten den Siegeslauf

des besser geleiteten Gegners nicht mehr aufhalten können. So war der

Abschluß eines Waffenstillstandes zum Zwecke von Verhandlungen über den

von England angebotenen Frieden erfolgt, noch ehe die von Schottland

her vorrückenden deutschen Truppen Gelegenheit gehabt hatten, in die

kriegerischen Ereignisse zu Lande einzugreifen.

Der Friedensschluß, von allen Kulturnationen des Erdballs

herbeigesehnt, konnte als gesichert gelten, wenn auch kein Zweifel

darüber bestand, daß seiner endgültigen Unterzeichnung noch lange

und schwierige Verhandlungen würden vorausgehen müssen. Der von dem

deutschen Reichskanzler angeregte Gedanke, einen allgemeinen Kongreß

nach dem Haag einzuberufen, auf dem nicht nur die kriegführenden

Parteien sondern alle Regierungen vertreten sein sollten, hatte

allgemeine Zustimmung gefunden, da alle Staaten an der Neugestaltung

der Machtverhältnisse interessiert waren. Die Erledigung der

Friedenspräliminarien aber mußte zunächst Sache der kriegführenden

Mächte sein, und es waren zu diesem Zwecke außer dem deutschen

Reichskanzler, Freiherrn von Grubenhagen, der französische Minister

des Auswärtigen, Delcassé, und der russische Staatssekretär Witte, in

Begleitung des Grafen Lambsdorff, mit einem ganzen Stabe von Beamten

und diplomatischen Hilfsarbeitern in Schloß Hampton Court eingetroffen.

Die Vorverhandlungen zwischen diesen Staatsmännern und den englischen

Bevollmächtigten, dem Premierminister und ersten Lord des Schatzes

Balfour und dem Lordpräsidenten des Geheimen Rates, Marquis von

Londonderry, wurden mit rastlosem Eifer betrieben. Ueber ihr bisheriges

Ergebnis aber wurde von allen Beteiligten das strengste Stillschweigen

bewahrt.

Dafür, daß die Heerführer sich trotz der beginnenden

Friedensverhandlungen nicht der Untätigkeit hingaben, war das

Verhalten des Prinz-Admirals ein augenfälliger Beweis. Obwohl er

sich der diplomatischen Aktion ganz fernhielt und sich lediglich mit

den militärischen Angelegenheiten befaßte, war für ihn nicht nur

jede Minute des Tages, sondern auch ein guter Teil der Nachtstunden

ausgefüllt durch Arbeiten und Besprechungen mit den Herren seines

Stabes, mit den leitenden Offizieren der Landarmee, sowie mit den

Oberkommandos der verbündeten französischen und russischen Armee.

Jedermann war voll Bewunderung für die nie versagende Frische und

die unermüdliche Arbeitskraft des Prinzen, dessen hohe, schlanke

Germanengestalt und dessen blondbärtiges Antlitz mit den ruhigen klaren

Seemannsaugen auf niemanden, der ihm nahetrat, ihre imponierende

Wirkung verfehlten. Nur sein kaiserlicher Bruder, der alle Fäden

der politischen Aktion in der Hand hielt, mochte den Prinzen in der

traditionellen Hohenzollern-Arbeitskraft in dieser großen Zeit noch

übertreffen.

Es war nahe an Mitternacht, als nach einer langen, mit großer

Lebhaftigkeit geführten Beratung der französische General Jeannerod das

Arbeitskabinett des Prinzen verließ. Die Tür hatte sich kaum hinter

ihm geschlossen, als der diensttuende Adjutant des Prinzen mit einem

merklichen Ausdruck des Erstaunens im Klang der Stimme meldete:

„Seine Exzellenz der Herr Reichskanzler, Freiherr von Grubenhagen!“

Bis in die Mitte des Zimmers ging der Prinz dem Eintretenden entgegen

und schüttelte ihm kräftig die Hand.

„Ich danke Ihnen, Exzellenz, daß Sie trotz der späten Stunde und trotz

der Arbeitsüberhäufung meiner Bitte um eine Unterredung noch heute

Folge geleistet haben. Ich hatte zu dieser Konferenz einen besonderen

Grund, den Sie verstehen werden, wenn ich Ihnen sage, daß allerlei

Gerüchte von übertriebenen Forderungen unserer Verbündeten zu mir

gedrungen sind. Mein bisheriges Verhalten wird Ihnen ein Beweis dafür

sein, daß ich nicht die Absicht habe, mich in die diplomatischen

Verhandlungen einzumischen oder gar einen Einfluß in dem einen oder

andern Sinne auszuüben. Ich fühle mich hier nicht als Staatsmann,

sondern nur als Soldat, und gerade deshalb, meine ich, können Sie um so

offener zu mir sprechen. Man sagte mir, es sei bei der Feststellung

der Friedensbedingungen auf eine völlige Vernichtung Englands

abgesehen.“

Der Kanzler, dessen männlich-charaktervollem Gesicht trotz der fast

übermenschlichen Arbeitsleistungen nichts von Erschlaffung anzumerken

war, sah dem Prinzen freimütig ins Auge und bewegte verneinend den Kopf.

„Königliche Hoheit sind nicht zutreffend unterrichtet worden. Eine

Absicht, England zu vernichten, besteht weder bei uns, noch bei einem

unserer Verbündeten. Allerdings herrscht darüber volle Einigkeit, daß

dieser furchtbare Krieg nicht vergebens geführt sein darf und daß der

Preis auch der Größe der Opfer entsprechen muß, mit denen er erkauft

wurde.“

„Und wem soll dieser Preis zufallen?“

„Allen Nationen, Königliche Hoheit! Denn es wäre ein Frevel gewesen,

diesen Weltenbrand zu entzünden, wenn es nicht in der sicheren

Voraussetzung geschehen wäre, daß seine läuternden Flammen den

Boden vorbereiten würden für das Glück und den Frieden der Völker.

Jahrhundertelang hat Britannien seine Machtmittel dazu mißbraucht, die

eigenen Reichtümer auf fremde Kosten zu vermehren. Skrupellos wußte es

alles an sich zu raffen, was ihm erreichbar war, und damit, daß es bei

jedem Schritt wichtige Lebensinteressen anderer Nationen verletzte,

forderte es jenen Widerstand heraus, der jetzt die Zertrümmerung seiner

Weltmacht-Stellung herbeigeführt hat. Das Glück der Völker erblüht

nur aus einem auf lange Zeit hinaus gesicherten Frieden, und nur

eine gerechte Verteilung des Besitzes der Erde kann den Weltfrieden

gewährleisten. Darum wird England notwendig einen wesentlichen Teil

seines überseeischen Besitzes ausliefern müssen. Rußland will den Weg

zum indischen Ozean freihaben, denn nur wenn es eine genügende Anzahl

von Häfen hat, die das ganze Jahr hindurch offen bleiben, werden die

ungeheuren Reichtümer seines Bodens aufhören ein toter Besitz zu sein.

Und Frankreich -- --“

„Bleiben wir zunächst bei Rußland, Exzellenz! Hat die russische

Regierung ihre Forderungen bereits formuliert?“

„Diese Forderungen ergeben sich im wesentlichen schon aus der

Kriegslage, denn sie gipfeln in der Abtretung von Britisch-Indien an

Rußland. Was unser östlicher Nachbar darüber hinaus anstreben wird,

soll weniger zu seiner Bereicherung, als zur Sicherung des europäischen

Friedens dienen. Die ständige Gefahr, die der Ruhe Europas aus dem

Wetterwinkel der alten Welt, der Balkanhalbinsel, droht, muß endlich

beseitigt werden. Unter den beteiligten Mächten ist ein grundsätzliches

Einverständnis darüber erreicht worden, daß die Interessen-Sphären

Rußlands und Oesterreichs auf dem Balkan in einer Weise abzugrenzen

sind, die eine definitive Regelung der Verhältnisse in den

Balkanstaaten zur Folge hat. Es ist die Rede von einem selbständigen

Königreich Macedonien unter der Herrschaft eines österreichischen

Erzherzogs. Das Aequivalent für diesen Zuwachs der österreichischen

Macht gegenüber dem russischen Reiche wird allerdings erst auf dem

Haager Kongreß endgültig gefunden werden müssen. Jedenfalls aber soll

den Gefahren, die dem europäischen Frieden von Bulgarien, Serbien und

Montenegro her drohen, für die Zukunft wirksam vorgebeugt werden.“

„Aber fürchten Sie denn nicht, daß sich der Sultan einem solchen

Ausgleich, der doch im wesentlichen auf Kosten der Türkei erfolgt,

widersetzen wird?“

„Der Sultan wird sich der Macht der Verhältnisse beugen müssen.

Wir dürfen nicht vergessen, Königliche Hoheit, daß der europäische

Besitzstand der Türkei bisher viel weniger durch geheiligte Anrechte

der Pforte als durch die Uneinigkeit der Großmächte aufrecht erhalten

wurde. Die unaufhörlichen macedonischen Wirren haben gezeigt, daß

der Sultan ebensowenig die Kraft als den guten Willen hat, den unter

seiner Herrschaft stehenden Balkanländern eine den Forderungen moderner

Kultur entsprechende Verwaltung zu geben. Wenn die Pforte den Rückhalt

verliert, den sie bisher an England hatte, entfällt für den Sultan

zugleich jede Möglichkeit eines ernsthaften Widerstandes.“

„Und was ist hinsichtlich Aegyptens geplant?“

„Aegypten bedeutet den Siegespreis für Frankreich, dem damit ja nur

das zurückgegeben wird, was es auf Grund einer glorreichen Geschichte

mit Recht beanspruchen darf. Die Souveränität des Sultans, die ja

lediglich eine Formsache ist, wird auch weiter bestehen bleiben. Aber

die Stellung, die jetzt England in Aegypten einnimmt, wird -- mit einer

Einschränkung allerdings -- von nun an Frankreich zufallen.“

„Mit welcher Einschränkung?“

„Nicht Frankreich allein wird die Verwaltung führen, sondern eine

internationale Kommission, von allen Mächten eingesetzt, wird unter

Frankreichs Vorsitz an Stelle der jetzigen englischen Verwaltung

treten. Die erste Bedingung hierzu ist, daß England alle seine

finanziellen Forderungen und seinen großen Besitz an Aktien des

Suezkanals den alliierten Mächten zediert. Diese Finanzopfer sollen

zugleich einen Teil der Kriegsentschädigung bilden, die England zur

Last fällt.“

„Weitergehende Ansprüche erhebt Frankreich nicht?“

„Frankreich ist mit den Erfolgen dieses Krieges um so mehr zufrieden,

als eine Angliederung Belgiens an die französische Republik sehr

wahrscheinlich ist. Deutschland beansprucht indessen für sich den Hafen

von Antwerpen, den wir gleich bei Beginn des Krieges besetzt haben.“

„Wenn ich recht unterrichtet bin, war davon die Rede, daß Aden an

Frankreich fallen oder neutralisiert werden solle?“

„Der Gedanke war allerdings angeregt worden, aber die verbündeten

Mächte sind zu dem Entschluß gekommen, Aden bei England zu lassen.

Dagegen wird sich England verpflichten müssen, keinerlei Ansprüche zu

erheben, die den Bau und Betrieb der Bagdadbahn illusorisch machen

würden. Der Hafen Koweit am persischen Meerbusen, der südöstliche

Endpunkt dieser Bahn, muß unangetastet der Türkei verbleiben.“

„Und Gibraltar? Es rief ja einen Sturm der Entrüstung in England

hervor, als plötzlich das Gerücht auftauchte, man würde die Abtretung

dieser Festung verlangen.“

„Und doch wird die englische Regierung sich darein finden müssen,

denn die Uebergabe Gibraltars ist eine unerläßliche Bedingung der

verbündeten Regierungen.“

„Es ist unmöglich, diese natürliche Felsenfestung zu schleifen!“

„Es würde genügen, daß die englische Besatzung zurückgezogen und

alle Befestigungen desarmiert würden. Gibraltar wird aufhören, als

Festung zu existieren und soll unter bestimmten Garantien an Spanien

zurückfallen. Da es indessen nicht in der Absicht der Verbündeten

liegt, den englischen Einfluß in der Levante völlig zu zerstören,

soll Malta dem britischen Reiche verbleiben. England behält damit im

Mittelländischen Meer den wichtigsten Stützpunkt seiner Flotte.“

„Es wird nicht leicht sein, die Annahme dieser Bedingungen bei der

englischen Regierung durchzusetzen. Doch Sie haben noch nicht von den

Forderungen Deutschlands gesprochen, -- Antwerpen berührt nicht direkt

die Interessen Englands.“

„Die Politik der deutschen Regierungen wird darin gipfeln, sich

gefestigte handelspolitische Beziehungen zu England und seinen

Kolonieen und eine Abrundung unseres kolonialen Besitzes zu sichern.

Für Deutsch-Südwestafrika verlangen wir deshalb die Walfischbai,

den einzigen guten Hafen, der als englisches Besitztum jetzt wie

wildes Fleisch mitten im Körper unserer jungen südwestafrikanischen

Kolonie sitzt. Außerdem aber müssen wir darauf bestehen, daß auch

die ostafrikanischen Gebiete, die wir im Austausch gegen Helgoland

aufgegeben haben, uns zurückgegeben werden. Dieser schwere Fehler der

deutschen Politik muß ausgeglichen werden, denn die Ueberlassung des

Protektorats über Zanzibar an England war ein Schlag, der nicht allein

den Eifer unserer besten Kolonialfreunde lähmte, sondern auch unsere

ostafrikanischen Kolonieen entwertete.“

„Wenn ich Sie recht verstehe, Exzellenz, ist Ihre Politik darauf

gerichtet, den kolonialen Bestrebungen Deutschlands eine festere Basis

zu geben.“

„Dies halte ich allerdings für eine der wichtigsten Forderungen unserer

Zeit. Wir müssen nachholen, was die Politik der letzten Jahrhunderte

verabsäumt hat. Zu derselben Zeit, da Eurer Königlichen Hoheit großer

Ahnherr um eine Handbreit Landes, um das kleine Schlesien, sieben Jahre

hindurch Krieg führte, gelang es der weitausschauenden englischen

Politik, sich mit geringen Opfern in den Besitz von unermeßlichen

Ländergebieten zu bringen, die in ihrer Gesamtheit den ganzen

europäischen Kontinent weit übertrafen.“

„England war eben seit Jahrhunderten eine Seemacht, die ihr Bestreben

auf den Erwerb überseeischer Kolonieen richten mußte.“

„Und was hätte Preußen gehindert, schon vor Jahrhunderten eine

achtunggebietende Seemacht zu werden? Unser Unglück war es, daß die

gewaltigen Ideen und weitblickenden Absichten des Großen Kurfürsten

an der Unzulänglichkeit seiner Mittel scheitern mußten. Hätten seine

Nachfolger fortgesetzt, was er begonnen, so hätte Großbritanniens Macht

sich niemals zu solcher Höhe emporheben können. Denn auch wir würden

uns dann schon in den früheren Jahrhunderten den uns gebührenden Anteil

in den außereuropäischen Erdteilen rechtzeitig gesichert haben.“

Der Prinz blickte sinnend vor sich hin. Nach einem kurzen Schweigen

fuhr der Reichskanzler fort:

„Königliche Hoheit werden darüber unterrichtet sein, daß in den

Niederlanden die feste Absicht besteht, sich im Interesse der

Selbsterhaltung dem Deutschen Reiche als ein Bundesstaat anzugliedern,

wie es nach dem deutsch-französischen Kriege Bayern, Sachsen,

Württemberg, Baden und die übrigen deutschen Staaten getan haben.

Damit würden dann auch die reichen und ausgedehnten niederländischen

Kolonieen zu deutschen Kolonieen werden, d. h. sie würden unter

Fortbestand der holländischen Verwaltung in den politischen Verband

der übrigen deutschen Kolonieen mit eintreten. Auf die niederländische

Bevölkerung hat es einen sehr guten Eindruck gemacht, daß wir

beabsichtigen, das Unrecht wieder gutzumachen, das England den Buren

zugefügt hat. Die Burenstaaten sollen unter Wiederherstellung ihrer

Selbständigkeit in dasselbe Verhältnis zu uns treten, in dem sie vor

dem Burenkriege zu England standen.“

„Das heißt also: Selbstverwaltung unter Anerkennung der deutschen

Oberhoheit. Nun ja, sie sind der Niederländer Stammverwandte. Aber,

mein bester Baron, wird das deutsche Volk nicht erschrecken vor den

Konsequenzen einer Erweiterung unseres überseeischen Besitzes? Ein

größerer Kolonialbesitz erfordert auch eine größere Flotte. Denken Sie

doch an die Kämpfe, die die verbündeten Regierungen zu führen hatten,

um im Parlament eine Vergrößerung der deutschen Flotte selbst im

bescheidenen Umfange durchzusetzen!“

„Diese Schwierigkeit fürchte ich nicht so sehr, denn das deutsche Volk

hat den Wert der Flotte schätzen gelernt. Wir sind über das Stadium der

tastenden Versuche hinausgekommen und haben Lehrgeld genug bezahlt. Wir

müssen festhalten, was wir besitzen und zurücknehmen, was uns durch den

leider so wenig kaufmännischen Geist unserer auswärtigen Politik in

früheren Jahrzehnten verloren gegangen ist. Dann wird das deutsche Volk

auch wieder Vertrauen zu unserer Kolonialpolitik fassen.“

„Wie aber wollen Sie die Lasten aufbringen, die notwendig sind, um

unsere Flotte stark und mächtig zu machen?“

„Unsere Verhandlungen mit den befreundeten Regierungen von Frankreich

und Rußland zeigen, daß in diesen Staaten ebensosehr wie im deutschen

Volke der Wunsch nach einer Verminderung des Landheeres besteht. Und

in Oesterreich und Italien regt sich machtvoll dasselbe Bestreben,

die Landmacht zu verringern. Die Völker würden unter der Last

zusammenbrechen, wenn die Ausgaben für die Armee noch weiter stiegen.

Verringern wir unsere Landarmee, so gewinnen wir die Mittel zur

Vermehrung unserer Marine. Jetzt, nach dem siegreichen Kriege, ist der

Augenblick gekommen, wo wir auf dem ganzen Kontinent die ungeheuren

stehenden Heere auf einen der finanziellen Leistungsfähigkeit der

Völker entsprechenden Stand zurückführen können. Der äußere Feind ist

besiegt; wir dürfen nicht daran denken, den inneren Feind durch eine

übermäßige Belastung aller Stände heraufzubeschwören.“

„Sie sprachen vorhin von einem wenig kaufmännischen Geist in unserer

auswärtigen Politik. Wie ist dieser Vorwurf zu verstehen?“

„Ganz buchstäblich, Königliche Hoheit! Der Vertrag, der Zanzibar

aufgab, um Helgoland zu gewinnen, wäre niemals möglich gewesen, wenn

unsere Diplomatie es der englischen an jenem Weitblick und jenem

Verständnis für wirtschaftliche Fragen gleich täte, die ich eben

nicht anders bezeichnen kann, als mit dem Ehrentitel ‚kaufmännischen

Geistes‘. Dieser kaufmännische Geist ist die Triebfeder in Industrie

und Landwirtschaft, in Handel und Handwerk, wie überhaupt in dem

gesamten Erwerbsleben, und es ist notwendig, daß dieser kaufmännische

Geist auch in unseren Ministerien als eine notwendige Voraussetzung

für die Qualifikation zur Beurteilung der wirtschaftlichen Interessen

des Volkes anerkannt wird. In keiner anderen Hinsicht können unsere

Staatsmänner und Beamten und unsere erwerbenden Stände von unserem

besiegten Gegner mehr lernen, als gerade in dieser. Daß es eine

Nation von Kaufleuten ist, hat England groß gemacht, während unsere

wirtschaftliche Entwicklung und unsere Geltung nach außen hin

vielleicht durch nichts anderes so sehr behindert worden sind, als

durch die Geringschätzung, mit der bei uns die erwerbenden Stände bis

in die jüngste Zeit hinein behandelt wurden. In England stand auf der

gesellschaftlichen Stufenleiter der Kaufmann stets über dem Offizier

und dem Beamten. Bei uns bedeutet er neben diesen beiden Kategorieen

fast einen Staatsbürger zweiter Klasse. Was in England nur als Mittel

zum Zweck Geltung hat, das wird bei uns als Selbstzweck angesehen. Der

Geist jener starren Bureaukratie, über die schon Fürst Bismarck geklagt

hat, ist in unserem Deutschen Reiche von den niedrigsten bis zu den

höchsten Stellen hinauf, leider mit nur geringen Ausnahmen, noch immer

der herrschende, und aus dem mangelnden Verständnis für die Bedeutung

des wirtschaftlichen Lebens resultiert dann die niedrige Wertschätzung

der erwerbenden Stände. Der gesunde kaufmännische Geist, der durch das

ganze englische Staatsleben geht, entzieht auch der Sozialdemokratie

in England den Boden, während sie bei uns von Jahr zu Jahr an Boden

gewinnt. Ich habe die Ueberzeugung, daß unser deutsches Volk die

Sozialdemokratie nicht zu fürchten braucht, denn es kommt bei der

Bekämpfung wirtschaftlicher Schäden weniger auf die Regierten an als

auf die Regierenden.“

„Es mag manches Wahre sein in dem, was Sie da sagen, Herr

Reichskanzler! Aber die Vergrößerung unseres Kolonialbesitzes wird ja

in erster Linie dem Handel zu Gute kommen, und damit wird naturgemäß

auch bei uns der Kaufmann zu größerer Bedeutung gelangen. Man hört ja

schon jetzt von großen Plantagengesellschaften, die mit enormem Kapital

ins Leben gerufen werden sollen.“

„Gerade gegen die Bildung dieser Gesellschaften denke ich meinen ganzen

Einfluß geltend zu machen, Königliche Hoheit! Könnten wir doch keinen

verhängnisvolleren Fehler begehen, als den, daß wir die Land- und

Bodenspekulation, die in den alten Kulturstaaten so unheilvolle Früchte

gezeitigt hat, auch in unseren Kolonieen staatlich privilegierten.

Grund und Boden dürfen kein Spekulationsobjekt sein, sondern müssen

Staatseigentum bleiben. Zu den Ständen, die heute wirtschaftlich am

meisten leiden, gehört die Landwirtschaft. Nur eine Erhöhung der

Schutzzölle kann die ackerbautreibende Bevölkerung vor der dringenden

Gefahr des wirtschaftlichen Ruins bewahren. Mit dem erhöhten

Schutzzoll wird die gesteigerte Rentabilität des Bodens eintreten, doch

im Zusammenhange damit auch eine weitere Preissteigerung des Bodens,

da er eben auch ein Handelsartikel ist. Mit dem Steigen der Bodenwerte

wachsen dann aber gleichzeitig auch die Zinsen, die aus Grund und Boden

herauszuwirtschaften sind, und ich muß aus diesem Grunde fürchten, daß

trotz einer Erhöhung der Schutzzölle die Landwirtschaft schon in der

nächsten Generation unter der weiteren Steigerung der Bodenpreise und

den sich daraus ergebenden erhöhten Zinsanforderungen zu leiden haben

wird.

Wir dürfen in unseren Kolonieen nicht in den gleichen Fehler verfallen,

der in den heutigen Kulturstaaten die soziale Frage geboren hat. Nach

einem höheren Gesetz, als es menschliche Unvollkommenheit geschaffen

hat, gehört die Erde den Geschöpfen, die auf ihr und durch sie leben.

Darum darf der Boden unserer Erde kein Handelsobjekt sein. Er ist

untrennbar mit dem Staatskörper verwachsen. Ich wage nicht zu hoffen,

daß es mir oder einem meiner Zeitgenossen beschieden sein wird, die

soziale Frage zu lösen, doch ich werde nicht müde werden, meinen ganzen

Einfluß dafür einzusetzen, eine falsche Bodenpolitik wenigstens in

unseren jungen Kolonieen zu verhindern. Das Unrecht stirbt an seinen

Folgen, denn mit dem Unrecht wächst zugleich sein Rächer auf. Ein

verhängnisvolles Unrecht aber war es, daß die Menschheit den Boden,

der sie ernährt, zum Spekulationsobjekt werden ließ. Diese unheilvolle

Saat zeitigt unheilvolle Früchte. Es muß die höchste Aufgabe aller

Regierungen sein, die Bodenreform, diese große, das Schicksal einer

Welt entscheidende Frage, mit allen gesetzgeberischen Machtmitteln

durchzuführen. Jetzt, wo nach menschlicher Voraussicht der Friede

gesichert ist, wo äußere Gefahren den Bestand unseres Reiches nicht

mehr bedrohen, jetzt enthebt uns nichts mehr der ernsten und heiligen

Verpflichtung, mit dem größten und gewaltigsten Reformwerke der

Menschheit zu beginnen. Dann führt uns unser Weg -- vom Weltkrieg zum

Weltfrieden.“

In demselben Augenblick öffnete sich die Tür des Gemaches, und aus

den Händen eines von dem diensttuenden Adjutanten eingeführten

Feldjägers nahm der Prinz einen mit der Kaiserkrone und dem Initial des

kaiserlichen Namens geschmückten Brief entgegen.

Der erste Schimmer des anbrechenden Morgens fiel in die geöffneten

Fenster, und durch die Wipfel der uralten Parkbäume von Hampton Court

ging ein geheimnisvolles Rauschen und Raunen, wie wenn sie Zwiesprache

hielten über den wunderbaren Wechsel der Geschicke, deren stumme Zeugen

sie seit den fernen Tagen ihrer Jugend gewesen.

Die blauen Augen des Hohenzollernprinzen aber leuchteten in freudigem

Stolze auf, während sie das kaiserliche Handschreiben überflogen. Ein

paar Sekunden lang herrschte tiefe Stille. Dann wandte sich der Prinz

dem Reichskanzler zu:

„Wir gehen einem großen Tage entgegen, Exzellenz! An der Spitze der

verbündeten Armeen wird Seine Majestät der Kaiser in London einziehen.

Der Friede ist gesichert. Gebe Gott, daß es der letzte Krieg sein möge,

den wir für das Glück und die Zukunft der deutschen Nation führen

mußten!“

_Ende._

In demselben $Verlage von W. Vobach & Co., Berlin und Leipzig$, ist

erschienen:

~Regiments-Indiskretionen.~

Ein Offiziers-Roman

von

~Teo von Torn~.

Preis 3 Mark geheftet, 4 Mark gebunden.

Wo viel Licht, da ist auch viel Schatten. Verfasser hat versucht,

beides gleichmäßig zu verteilen. Er schildert äußerst spannend und

wahrheitsgetreu das dienstliche und gesellschaftliche Leben in kleinen

Garnisonen, unter besonderer Berücksichtigung der Lebensgewohnheiten

der Offiziersdamen. Teo von Torn ist es meisterhaft gelungen, den

richtigen Ton zu treffen, ohne der Uebertreibung anheim zu fallen. Ein

Buch, das allenthalben Aufsehen erregt.

~Venus als Siegerin.~

Ein Offiziers-Roman

von

~Caesar Magnus~.

Preis 3 Mark geheftet, 4 Mark gebunden.

Unter dem Pseudonym Caesar Magnus hat ein höherer preußischer

Generalstabs-Offizier diesen hochinteressanten Roman geschrieben,

welcher den Gegensatz der Forderungen der Konvenienz zu dem sich ungern

an Gesetze bindenden Genie zum Vorwurf hat und gleichzeitig zeigt,

daß auch der erweckte Mann den Lockungen der Liebe, noch dazu der

verbotenen, zu der Frau eines anderen Mannes nicht widersteht und daran

zu Grunde geht. Sehr ansprechend ist der Fürst eines kleinen deutschen

Landes geschildert, der über kleinlichen Vorurteilen erhaben, den als

Offizier Geächteten doch als Dichter zu würdigen und zu ehren weiß.

In allen Buchhandlungen zu haben.

Verlag von W. Vobach & Co., Berlin und Leipzig.

~Gegen den Strom.~

Ein Zeitroman

von

~Ludwig Rohmann~.

Preis 90 Pf. geheftet, 1 Mark gebunden.

Der Verfasser entwirft ein überaus fesselndes Kulturbild aus

Pomerellen, dem alten Kassubenlande, dessen polnisch sprechende

Bewohner noch heute die Herrlichkeit des Polenreichs nicht vergessen

können und den deutschen Usurpatoren mit glühendem Haß begegnen.

Zugleich geißelt er scharf den geltenden Ehren- und Duell-Kodex,

dessen verderbliche Folgen durch die Schicksale eines hoffnungsvollen,

aus seiner Bahn gedrängten Juristen illustriert werden. Eine innige

Liebesgeschichte ist mit dem Grundthema geschickt verwoben.

~Sinkende Sonnen.~

Ein Künstler-Roman

von

~Georges Ohnet~.

Preis 3 Mark geheftet, 4 Mark gebunden.

Ein Künstler-Roman, in welchem der Verfasser des „Hüttenbesitzers“ in

einer gewissen wehmütigen Beleuchtung uns das untergehende Gestirn

eines gefeierten Malers zeigt, der seinen Ruhm überlebt hat, an der

Grenze seiner Schaffenskraft angekommen ist, um so mehr, als er auch

seine Herzenswünsche aufgeben muß. Das Mädchen, das er liebt, das

er einst als Modell von der Straße aufgelesen und das er wie eine

Pflegetochter zur Künstlerin herangebildet, schenkt ihr Herz einem

jüngeren genialen Maler. Der Künstler endet durch Selbstmord. Der

Roman ist ein fein ausgeführtes Seelengemälde; das Milieu des Ateliers

ist besonders gut getroffen, ebenso einzelne Charakterköpfe, wie die

Schriftstellerin Zélie Bazin und der Journalist Teneran.

_Professor G. Schönleber_ schrieb uns: „Ich habe „Sinkende Sonnen“ mit

großem Interesse gelesen. Das Buch enthält nur Wahres, der Verfasser

versteht Künstler, wie sie in der Tat fühlen, seine Personen sind

typisch, auch ohne Pariser Atmosphäre.“

In allen Buchhandlungen zu haben.

~Verlag von W. Vobach & Co., Berlin und Leipzig.~

~Pflug und Schwert.~

Historischer Roman

von

~Heinrich Vollrat Schumacher~.

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman · 第 46 / 49 题