Würde es jetzt einem deutschen Heere gelingen? --

Immer deutlicher traten die Umrisse des Landes hervor, und einige

glaubten sogar, das hochgelegene Edinburgh-Castle am Horizont zu

erkennen. Bald aber verschleierte sich die Ferne, und die Dämmerung

brach langsam herein.

Bis dahin hatte man kein einziges feindliches Schiff zu Gesicht

bekommen. Nun aber, als der größere Teil des Geschwaders bereits in die

Bucht eingefahren war, fiel das Licht der mit Einbruch der Dunkelheit

in Tätigkeit getretenen Scheinwerfer auf zwei englische Kreuzer, deren

Anwesenheit von den vorausgeeilten Torpedo-Divisionsbooten bereits

gemeldet worden war.

Angesichts der gewaltigen Uebermacht ließen sich diese Kreuzer indessen

nicht auf einen Kampf ein, sondern gaben durch Niederholen der Flagge

alsbald zu erkennen, daß sie bereit seien, sich zu ergeben. Nun standen

einer Landung der deutschen Truppen Hindernisse von der See her nicht

mehr entgegen. Die Transportschiffe näherten sich dem südlichen Ufer

der Bucht, an welchem Edinburgh und die Hafenstadt Leith liegen und

schickten nach dem Ankern beim Scheine der elektrischen Lichter ihre

Boote mit Mannschaften an Land. Die Infanterie faßte dort alsbald

festen Fuß und besetzte die günstig gelegenen Punkte, um einem etwa

noch erfolgenden Angriff zu begegnen. Aber es geschah nichts, was die

Landung hätte hindern können. Die schottische Bevölkerung verhielt sich

vollkommen ruhig, so daß sich die Ausschiffung des Landungskorps ohne

Störung vollzog.

Die Bevölkerung von Leith und die neugierig herbeigeeilten Einwohner

von Edinburgh sahen in grenzenlosem Staunen dem ihnen fast

unbegreiflichen Schauspiel zu, das sich im hellen Lichte der von

den deutschen Schiffen strahlenden elektrischen Scheinwerfer mit

bewunderungswürdiger Präzision vollzog.

An dem großen Kriege, den England gegen die verbündeten Mächte

Deutschland, Frankreich, Rußland führte, hatte das Volk gewiß

lebhaftesten Anteil genommen, aber wohl mit dem Gefühl, daß es sich

um Ereignisse handle, die vornehmlich die Regierung, die Armee und

die Flotte angingen. Man empfand es schmerzlich, daß der Gang der

Geschäfte immer schlechter wurde, aber man war überzeugt, daß die

Regierung den Feind sehr bald niederwerfen würde. Es war jedermann

bekannt, daß die Russen in Indien eingedrungen waren, aber die große

Masse des Volkes gab sich darüber keiner Sorge hin. Das konnte ja nur

ein vorübergehendes Mißgeschick sein, und der jetzt darniederliegende

Handel würde sicher bald nur umso mächtiger wieder aufblühen. Die

Vorstellung, daß ein Feind, eine kontinentale Armee, an den Küsten

Großbritanniens landen, daß deutsche oder französische Krieger jemals

britischen Boden betreten könnten, hatte den Schotten bisher so fern

gelegen, daß sie jetzt von der Macht der Tatsachen völlig überwältigt

zu sein schienen.

Gegen Mittag des folgenden Tages standen die beiden Armeekorps schon

südlich von Leith. Eine Brigade war nach Süden vorgeschoben worden, die

übrigen Truppen aber hatten Biwaks bezogen. Die Leute sollten sich von

der zweitägigen Seefahrt erholen.

Die Fouriere hatten in der Stadt, in den kleinen Ortschaften, in

den verstreut liegenden Pachthöfen gegen bare Zahlung Lebensmittel

eingekauft. Die Kriegsschiffe füllten ihre Bunker aus den in reichem

Maße vorhandenen englischen Kohlenvorräten auf, wobei die zur Sicherung

des Geschwaders ausgesandten Wachtschiffe sich ablösten. Der Admiral

hatte Befehl gegeben, daß nach Beendigung der Kohlenübernahme die

Kriegsschiffe am Eingang zur Bucht Station nehmen, während die

Transportschiffe im Hafen verbleiben sollten. Bei der etwaigen

Annäherung eines überlegenen englischen Geschwaders sollte die ganze

Flotte eiligst den Firth of Forth verlassen und sich in alle Winde

zerstreuen. Freilich wurde alsdann die Armee des Mittels der Rückkehr

beraubt, aber die Heeresleitung war überzeugt, daß das Erscheinen einer

Armee von 60000 Mann deutscher Truppen auf britischem Boden tatsächlich

das Ende des Krieges bedeuten würde, zumal da ein gleich starkes

französisches Korps im Süden Englands landen sollte. Die Heeresleitung

glaubte also wegen der Möglichkeit der Zurückführung der Truppen sich

keiner Sorge hingeben zu müssen.

Die Garnison von Edinburgh hatte sich ohne jeden Widerstand ergeben,

da sie in der Tat viel zu schwach gewesen wäre, um der Invasionsarmee

irgend welche Hindernisse zu bereiten. Die deutschen Offiziere und

Soldaten konnten deshalb ganz ungehindert in der Stadt verkehren. Man

fand eine Anzahl von Depeschen und neuen Kriegsberichten, die einiges

Licht über die strategische Lage verbreiteten, obwohl sie teils unklar

waren, teils offenkundige Lügen enthielten.

Es sollte danach am 15. Juli eine große Seeschlacht bei Vlissingen

stattgefunden haben, die mit einem Rückzuge der deutschen und

französischen Flotte unter schweren Verlusten geendet hätte. Ferner

hieß es, daß die britische Flotte Vlissingen zerstört und mehrere Forts

von Antwerpen bombardiert habe. Endlich war in den Zeitungen zu lesen,

daß die vor Kopenhagen stationiert gewesene englische Flotte, nachdem

sie allerdings im Eingang der Kieler Föhrde zwei Linienschiffe verloren

hätte, bis in den Hafen von Kiel vorgedrungen wäre und alle dort

liegenden deutschen Schiffe weggenommen hätte. Die deutschen Offiziere

waren überzeugt, daß davon lediglich die Nachricht von dem Untergang

der beiden Linienschiffe Glauben verdiene, da die Engländer eine solche

Hiobspost schwerlich erfunden hätten. Alles übrige trug nach Lage der

Dinge den Stempel der Unwahrscheinlichkeit an der Stirn.

Die Trompeten bliesen, die Mannschaften ergriffen ihre Gewehre, und

die Bataillone setzten sich in Marsch. Dumpfdröhnend rasselten die

Batterien daher. In vier Kolonnen, auf vier Wegen nebeneinander her,

zogen die vier Divisionen gen Süden.

[Illustration]

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman · 第 43 / 49 题