Das IX. und das X. Armeekorps waren an der Kieler Föhrde
zusammengezogen worden. Die Stadt Kiel und ihre Umgebung waren
erfüllt von dem Klirren der Waffen, dem Stampfen der Pferde und
von den fröhlichen Gesängen der Soldaten, die große Entscheidungen
hoffnungsfreudig erwarteten. Niemand aber wußte etwas Genaues über das
Ziel der bevorstehenden Expedition.
Seit den frühen Morgenstunden des 13. Juli ergoß sich ein
schier endloser Strom von Mannschaften, Pferden und Geschützen
über die Landungsbrücken, welche die Riesendampfer der großen
Schiffahrtsgesellschaften mit den Hafenquais verbanden. Andere
Truppenabteilungen wurden mit Booten an Bord befördert, und am Abend
des 14. war die Einschiffung der ganzen, aus 60000 Mann bestehenden
Feldarmee beendet.
Als letzter begab sich in einer Barkasse der kommandierende General
in Begleitung des deutschen Reichskanzlers an Bord des großen
Kreuzers ‚König Wilhelm‘, der in der Holtenauer Bucht vor Anker lag.
Unmittelbar darauf stiegen drei Raketen, die sich leuchtend von
dem dunkeln Nachthimmel abhoben, von Bord des Flaggschiffes empor.
Langsam setzte sich das ganze Geschwader auf dieses Signal gegen den
Kaiser-Wilhelm-Kanal hin in Bewegung.
Die Transportflotte bestand aus etwa 60 großen Dampfern, dem
Besitzstande des Norddeutschen Lloyd, der Hamburg-Amerika-Linie und
der Stettiner Gesellschaft entstammend. Zu ihrem Schutze wurden
sie von den Linienschiffen ‚Baden‘, ‚Württemberg‘, ‚Bayern‘ und
‚Sachsen‘, den großen Kreuzern ‚Kaiser‘ und ‚Deutschland‘, den
kleinen Kreuzern ‚Gazelle‘, ‚Prinzeß Wilhelm‘, ‚Irene‘, ‚Komet‘ und
‚Meteor‘, sowie den Torpedo-Divisionsbooten ‚D 5‘ und ‚D 6‘ mit ihren
Torpedoboot-Divisionen begleitet.
Als um die elfte Vormittagsstunde des 15. Juli der dumpfe Donner der
englischen Panzer vor den Befestigungen der Kieler Föhrde ertönte und
die deutschen Festungsgeschütze den britischen Kanonen antworteten,
hatte längst das letzte Torpedoboot den Hafen verlassen. --
Heller Sonnenschein brach durch das leichte Gewölk, als der ‚König
Wilhelm‘ bei Brunsbüttel in die Elbe einlief. Die vorauseilenden
Torpedo-Divisionsboote meldeten, daß die Mündung des Stromes frei sei
von englischen Kriegsschiffen, und von Helgoland kam ein auf drahtlosem
Wege übermitteltes Telegramm, das diese Meldung bestätigte.
Das Geschwader fuhr nun mit Volldampf Nordwest. Die Torpedodivision ‚D
5‘ ging zur Aufklärung voraus, und diesen kleinen, schnellen Fahrzeugen
folgten die Kreuzer ‚Prinzeß Wilhelm‘ und ‚Irene‘, die wegen ihrer
hohen Takelage zu Aufklärungsschiffen besonders geeignet waren und die
die erforderlichen Einrichtungen für drahtlose Telegraphie an Bord
hatten. Die übrige Flotte, die ihre Fahrgeschwindigkeit nach der des
‚König Wilhelm‘ richten mußte, folgte in den vorgeschriebenen Abständen.
Als die roten Felsen Helgolands scharf umrissen aus dem Meere
auftauchten, kam der deutsche Kreuzer ‚Seeadler‘ von der Insel her dem
Geschwader entgegen und meldete, daß die Küstenpanzerschiffe ‚Aegir‘
und ‚Odin‘, die Kreuzer ‚Hansa‘, ‚Vineta‘, ‚Freya‘ und ‚Hertha‘, sowie
die Torpedoboote in der Nacht von Wilhelmshaven ausgefahren waren
und nichts vom Feinde gesehen hatten. Das Meer schien frei. Alle
verfügbaren englischen Kriegsschiffe des Nordseegeschwaders waren zum
Angriff auf Antwerpen herangezogen worden.
Die Flotte von Wilhelmshaven blieb nun, weil eine Verstärkung der
Transportflotte nicht nötig schien, bei Helgoland liegen. Die
Transportflotte mit den begleitenden Kriegsschiffen aber setzte ihre
Fahrt mit West-Nordwest-Kurs fort.
Wohin aber ging diese Fahrt?
Wenige nur waren unter diesen vielen Tausenden, die darauf hätten
Antwort geben können, und diese Wenigen schwiegen. Der rote Felsen
von Helgoland war längst in der Ferne verschwunden, und Stunde auf
Stunde verrann, ohne daß sich den Blicken der gespannt ausschauenden
Krieger etwas anderes gezeigt hätte als das unendliche, leicht bewegte
Meer und das kristallklare blaue Himmelsgewölbe, das es gleich einer
Riesenglocke überspannte. Die Nacht sank hernieder und der junge Tag
brach an, aber noch immer war nichts von einer Küste zu sehen, und
immer häufiger wurde unter den Offizieren und Mannschaften die Frage
wiederholt:
„Wohin geht die Fahrt?“
Das Gestade Englands konnte ihr Ziel nicht sein, denn man würde es
inzwischen längst erreicht haben. Wo aber sollte die Landung vor sich
gehen, wenn nicht dort? Welchem fernen Ufer führte man die deutsche
Armee entgegen, die größte, deren Schicksal jemals den trügerischen
Fluten des Meeres anvertraut war?
Als bei Tagesanbruch von den aufklärenden Schiffen wieder einmal
die Meldung kam, daß von feindlichen Schiffen nichts zu sehen sei,
konnte der Oberbefehlshaber der Landarmee nicht umhin, dem Admiral
gegenüber seiner Verwunderung Ausdruck zu geben, daß die Engländer den
Aufklärungsdienst in der Nordsee scheinbar so ganz außer Acht ließen,
und daß auch Handelsschiffe nicht zu Gesicht kämen.
„Die Erklärung für diese anscheinend befremdliche Tatsache liegt nicht
allzu fern, Exzellenz,“ erwiderte der Admiral. „Kauffahrteischiffe
werden uns schwerlich in Sicht kommen, weil jetzt, bei der Unsicherheit
der Meere, der Seehandel fast gänzlich stockt. Einer Fischerflottille
sind wir nicht begegnet, weil dieser Teil der Nordsee keine Fischgründe
hat. Feindliche Schiffe aber sehen wir nicht, weil die Engländer wohl
mit jeder andern Möglichkeit eher gerechnet haben mögen, als damit, daß
wir hier oben in Schottland eine Landung versuchen könnten.“
„Ihre Erklärung, Herr Admiral, leuchtet mir ein, aber trotzdem will es
mir scheinen, daß unsere Gegner es bei ihrem Beobachtungsdienst an der
nötigen Umsicht fehlen lassen.“
„Exzellenz dürfen nicht ohne weiteres einen Vergleich zwischen
den Operationen zu Lande und denen auf dem Wasser ziehen. Die
Voraussetzungen sind hier doch wesentlich andere. Ich zweifle keinen
Augenblick, daß eine genügende Anzahl englischer Aufklärungsschiffe
in der Nordsee kreuzt; und wenn wir ihrer Aufmerksamkeit wirklich
entgangen sind, so ist uns das Kriegsglück eben günstig gewesen.
Wenn ich Eurer Exzellenz sage, daß selbst bei unsern Manövern in der
Ostsee, wo wir doch das Fahrwasser ebenso genau kennen wie die Stärke
und Geschwindigkeit des markierten Feindes, diesem der Durchbruch
zuweilen gelungen ist, ohne daß unsere Aufklärungsschiffe ihn gesehen
haben, so werden Sie zu einer milderen Beurteilung der hier scheinbar
vorliegenden englischen Unvorsichtigkeit gelangen.“ --
Endlich, am Abend des 16. Juli, wurde vom ‚König Wilhelm‘ Land
gemeldet. Das Ziel der Fahrt zeigte sich den Blicken, und von Mund zu
Munde ging die Kunde, daß es die Küste von Schottland sei, die sich da
aus den Fluten hob.
„Wir werden in die Mündung des Firth of Forth einlaufen!“ hieß es
auf allen Schiffen; und auch die braven Soldaten, die diesen Namen
vielleicht zum ersten Male in ihrem Leben hörten, wiederholten das
Wort mit so wichtiger Miene, wie wenn ihnen nun mit einem Male alle
Geheimnisse der obersten Heeresleitung offenbar geworden wären.
Im roten Schein der untergehenden Sonne zeichneten sich beide Küsten
violett vom tiefblauen Himmel und dem graublauen Meere ab, doch war
die nördliche Küste weiter entfernt als die südliche. Von ruhiger
See begünstigt, steuerte das Geschwader gut geschlossen in einer
Längenausdehnung von etwa fünf Seemeilen in den Firth of Forth hinein.
Erwartungsvoll sah das Landungskorps das große, kühne Unternehmen vor
seinen Augen sich entwickeln. Seit 900 Jahren war keine feindliche
Armee an Englands Küste gelandet. Wohl hatte Britannien in alten
Zeiten gegen eindringende Feinde kämpfen müssen: Julius Cäsar war als
Sieger eingezogen, Knut der Große, König von Dänemark, hatte sich
das Land unterworfen. Die Angeln und Sachsen waren von Deutschland
herübergekommen, um sich zu Herren des Landes zu machen. Harald
Schönhaar, der König von Norwegen, war in England gelandet. Aber seit
Wilhelm von der Normandie, der die Sachsen bei Hastings schlug und die
Herrschaft der Normannen in England aufrichtete, war es auch nicht den
mächtigsten Feinden, weder Philipp II. von Spanien, noch dem großen
Napoleon gelungen, ihre Truppen auf dem meerumgürteten Boden Englands
Fuß fassen zu lassen.