Tschadschawadse.‘

Heideck hatte den in französischer Sprache geschriebenen Brief des

Fürsten, den er nach seiner Rückkehr aus Antwerpen vorgefunden, rasch

überflogen. Nicht einmal die Kunde von der ehrenvollen Auszeichnung,

die ihm durch die Verleihung des russischen Ordens zu teil geworden

war, hatte einen Schimmer der Freude auf seinem ernsten Antlitz

hervorzurufen vermocht. Der liebenswürdige russische Fürst und

sein schöner Page, sie waren ihm wie Gestalten aus einer fernen,

unendlich weit hinter ihm liegenden Zeit. Die Ereignisse der letzten

vierundzwanzig Stunden hatten ihn so tief erschüttert, daß ihm fremd

und gleichgültig geworden war, was vielleicht noch wenige Tage vorher

seine lebhafteste Anteilnahme erweckt haben würde.

Die Ordonnanz meldete einen Mann in Seemannstracht, und Heideck

wußte, daß es nur Brandelaar sein konnte. Die Auskunft, die er

von Dover mitgebracht, hatte der Schiffer bereits am Morgen dem

stellvertretenden, diensttuenden Offizier übergeben. Wenn es auch

nicht gerade militärische Geheimnisse waren, die damit zur Kenntnis

der deutschen Heeresleitung gelangten, so befanden sich unter den

mancherlei Nachrichten doch einige, die von Bedeutung für die

Dispositionen des Prinz-Admirals werden konnten.

Heideck nahm an, daß Brandelaar jetzt gekommen sei, um sich die

versprochene Belohnung zu holen. Als der Schiffer indes nach Empfang

des Geldes noch immer seinen Hut zwischen den Fingern drehte, wie

jemand, der mit einem peinlichen Auftrag oder Anliegen nicht recht

herauszukommen wagt, fragte Heideck verwundert:

„Wünschen Sie mir sonst noch etwas zu sagen, Brandelaar?“

Nur zögernd kam es über die Lippen des Mannes: „Jawohl, Herr Major!

-- Ich sollte noch einen Gruß bestellen. Der Herr Major werden wohl

wissen, von wem.“

„Ich glaube es zu erraten. Sie haben die Dame also seit dem gestrigen

Abend noch einmal gesehen?“

„Die Lady kam gestern noch zu später Stunde zu mir ins Gasthaus

und forderte von mir, ich sollte sie auf der Stelle nach Dover

zurückbringen. Aber ich dachte, der Herr Major würden es nicht

wünschen.“

„Sie weigerten sich also?“ --

Brandelaar starrte noch immer unablässig vor sich hin auf den Fußboden.

„Die Lady wollte durchaus fort -- trotz des schlechten Wetters. Und sie

ließ nicht eher nach, als bis ich meinen Freund van dem Bosch überredet

hatte, sie mit seinem Kutter nach Dover zu fahren.“

„Noch gestern Nacht?“

„Jawohl -- gestern Nacht.“

„Und dann, was weiter?“ drängte Heideck.

„Heute vormittag ist er zurückgekommen. Es -- es ist ihnen unterwegs

ein Unglück passiert.“

Heideck zuckte zusammen. Eine furchtbare Ahnung stieg in ihm auf. Er

mußte seine ganze Willenskraft aufbieten, um sich zu beherrschen.

„Und die Lady?“

„Herr Major! Es war ja eben die Lady, der das Unglück zustieß. -- Sie

ist unterwegs über Bord gegangen.“

Mit beiden Händen umklammerte Heideck die Lehne des vor ihm stehenden

Stuhles. Jeder Blutstropfen war aus seinem Gesicht gewichen.

„Ueber -- Bord? -- Gott im Himmel, Mann -- und sie ist nicht gerettet

worden?“

Brandelaar schüttelte den Kopf.

„Nein, Herr Major! Sie wollte trotz des Sturmes durchaus auf Deck

bleiben, obwohl van dem Bosch sie immer wieder aufforderte hinunter

zu gehen. Als dann bei einer heftigen Bö das Pikfall brach, wurde

sie von der heruntergeschleuderten Gaffel ins Meer geworfen. Bei der

hochgehenden See war an Rettung nicht zu denken.“

Heideck hatte die Augen mit der Hand bedeckt. Ein dumpfes Stöhnen rang

sich aus seiner heftig arbeitenden Brust und in seinem Inneren schrie

eine Stimme:

‚Du trägst die Schuld! Freiwillig hat sie den Tod gesucht, und du warst

es, der sie dazu getrieben!‘

Seine Stimme klang hart und spröde, als er sich zu dem Schiffer wandte

und sagte:

„Ich danke Ihnen für Ihre Mitteilung, Brandelaar, lassen Sie mich jetzt

allein.“ -- --

[Illustration]

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman · 第 41 / 49 题