Der letzte fahrplanmäßige Zug nach Antwerpen war längst abgegangen,
als Heideck auf dem Bahnhof ankam. Aber es bedurfte nur einer
kurzen Verhandlung mit dem Eisenbahnlinien-Kommissar, um den Wunsch
des Majors, ihm eine Lokomotive zur Verfügung zu stellen, sofort
zu erfüllen. Als er den Heizerstand bestiegen hatte, legte der
Stationsvorsteher salutierend die Hand an die Mütze und gab dem
Lokomotivführer das Zeichen zur Abfahrt. Wie ein schneidender,
körperlicher Schmerz fuhr es für einen Moment durch Heidecks Brust,
als die Maschine sich stampfend in Bewegung setzte. Was er bei
dieser Abreise für immer hinter sich ließ, war das Glück seines
Lebens. Eine dumpfe, lähmende Traurigkeit lag auf seinem Herzen. Er
erschien sich selber wie ein seelenloser Mechanismus, der gleich
dieser keuchenden, rastlos vorwärts strebenden Lokomotive in blindem
Gehorsam einem fremden Willen untertan war. War doch all sein
Handeln jetzt nicht mehr durch eigene Entschließungen bestimmt,
sondern durch ein unerbittliches, höheres Gesetz -- durch das eherne
Gesetz der Pflicht. Er hatte keine persönliche Freiheit und keine
persönliche Verantwortlichkeit mehr. Sein Weg war ihm so klar und
scharf vorgezeichnet, wie ihn die eisernen Schienengeleise auch diesem
Dampfwagen vorschrieben. Mit fest zusammengepreßten Lippen blickte er
unverwandt vor sich hinaus. Was hinter ihm lag, mußte ja für immer für
ihn abgetan sein. Nur ein gebieterisches ‚Vorwärts‘ durfte fortan noch
seine Losung sein. -- -- --
Um sechs Uhr morgens stand er vor dem königlichen Schlosse an der Place
de Meir, wo der Prinz-Admiral sein Quartier aufgeschlagen hatte. König
Leopold hatte ihm das Schloß als Wohnung angeboten.
Trotz der frühen Stunde wurde Heideck sofort in das Arbeitskabinett des
Prinzen geführt.
„Königliche Hoheit,“ sagte Heideck, „ich bringe eine Meldung von
größter Wichtigkeit. Diese Ordre der englischen Admiralität ist in
meine Hände gefallen.“
Der Prinz wies ihm einen Platz neben seinem Schreibtisch an.
„Lesen Sie mir bitte die Ordre vor, Herr Major!“
Heideck verlas das bedeutungsvolle Schriftstück:
‚Den Lords der Admiralität erscheint es wünschenswert, die deutsche
Flotte als die schwächere zuerst anzugreifen. Dieser Angriff auf die
deutsche Flotte muß ausgeführt werden, bevor die russische im stande
ist, ihr im Hafen von Kiel zu Hilfe zu kommen. Daher ist am 15. Juli
ein gleichzeitiger Angriff auf die beiden Stellungen der deutschen
Flotte zu richten.‘
„Am 15. Juli?“ wiederholte der Prinz, der sich in großer Erregung
erhoben hatte. „Und heute haben wir den elften! Wie sind Sie in den
Besitz dieser Ordre gekommen, Herr Major? Welche Beweise haben Sie für
die Echtheit dieses Schriftstückes?“
„Ich habe die triftigsten Gründe, Königliche Hoheit, es für echt zu
halten. Königliche Hoheit wollen sich überzeugen, daß diese Ordre auf
dem blauen Stempelpapier der englischen Admiralität geschrieben ist.“
„Sehr wohl, Herr Major! -- Aber das würde eine Fälschung doch nicht
ausschließen. Wie kamen Sie in den Besitz des Papiers?“
„Königliche Hoheit wollen mir gnädigst eine Erklärung darüber erlassen.“
„Dann lesen Sie weiter!“
Heideck folgte diesem Befehl:
‚Am genannten Tage hat die Flotte von Kopenhagen den Kieler
Hafen anzugreifen. Zwei Linienschiffe legen sich vor die Festung
Friedrichsort und das Fort Falkenstein auf der westlichen Seite, zwei
andere Linienschiffe vor die Festungswerke bei Labö und Möltenort
auf der östlichen Seite der Kieler Förde und unterhalten ein so
intensives Feuer auf die Festungswerke, daß die übrige Flotte hinter
ihnen und in ihrem Schutze in den Hafen einfahren kann.
Im Kieler Hafen liegen etwa hundert Transportschiffe und einige
ältere Panzerschiffe und Kreuzer, die dem Angriff unserer Flotte
keinen ernstlichen Widerstand entgegensetzen können. Alle diese
Schiffe müssen mit äußerster Schnelligkeit und Wucht angegriffen
werden. Es ist das Hauptaugenmerk darauf zu richten, daß ein
Linienschiff sogleich bis zum Eingang des Kaiser-Wilhelm-Kanals
vordringt, um den deutschen Schiffen den Rückzug durch diesen Kanal
abzuschneiden. Sämtliche im Hafen liegenden deutschen Schiffe sind
zu zerstören. Der Angriff ist dadurch einzuleiten, daß einige
Kreuzer der übrigen Flotte voran in die Kieler Förde einlaufen, ohne
Rücksicht darauf, daß sie durch Seeminen in die Luft gesprengt werden
könnten. Diese Fahrzeuge sind eventuell zu opfern, um die Einfahrt
frei zu machen.
Zum Angriff auf die deutsche Flotte in der Schelde, der ebenfalls
am 15. Juli erfolgen muß, hat Vizeadmiral Domvile aus den
Kanalgeschwadern und der Kreuzerflotte eine Flotte von zwei
Divisionen zu bilden.
Die erste Division ist zu bilden aus den Linienschiffen: ‚Bulwark‘
(Flaggschiff des Vizeadmirals Domvile), ‚Albemarle‘, ‚Duncan‘,
‚Montagu‘, ‚Formidable‘, ‚Renown‘, ‚Irresistible‘ und ‚Hannibal‘.
Ferner aus den Kreuzern ‚Bacchante‘ (Kontreadmiral Walker),
‚Gladiator‘, ‚Najad‘, ‚Hermione‘, ‚Minerva‘, ‚Rainbow‘, ‚Pegasus‘,
‚Pandora‘, ‚Aboukir‘, ‚Vindictive‘ und ‚Diana‘.
Ferner aus den Torpedobootzerstörern: ‚Dragon‘, ‚Griffon‘,
‚Panther‘, ‚Locust‘, ‚Boxer‘, ‚Mallard‘, ‚Coquette‘, ‚Cygnet‘ und
‚Zephyr‘.
Ferner aus zwei Torpedobootflottillen.
Zwei Munitionsschiffe, zwei Kohlenschiffe und ein Lazarettschiff
werden der Division zugeteilt.
Die zweite Division ist zu bilden aus den Linienschiffen: ‚Majestic‘
(Vizeadmiral Lord Beresford), ‚Magnificent‘ (Kontreadmiral Lambton),
‚Cornwallis‘, ‚Exmouth‘, ‚Russell‘, ‚Mars‘, ‚Prince George‘,
‚Victorious‘ und ‚Caesar‘.
Ferner aus den Kreuzern: ‚St. George‘ (Kommodore Winsloe), ‚Sutley‘,
‚Niobe‘, ‚Brillant‘, ‚Doris‘, ‚Furious‘, ‚Pactolus‘, ‚Prometheus‘,
‚Juno‘, ‚Pyramus‘ und ‚Pioneer‘.
Ferner aus den Torpedobootzerstörern: ‚Myrmidon‘, ‚Chamois‘, ‚Flying
Fish‘, ‚Kangaroo‘, ‚Desperate‘, ‚Fawn‘, ‚Ardent‘, ‚Ariel‘ und
‚Albatroß‘.
Ferner aus zwei Torpedobootflottillen.
Zwei Munitionsschiffe, zwei Kohlenschiffe und ein Lazarettschiff sind
der Division zuzuteilen.
Ein Geschwader unter dem Kommodore Prinz Louis von Battenberg
(Flaggschiff: ‚Implacable‘) bleibt in Reserve, um die etwaige
Annäherung einer französischen Flotte zu beobachten. Für den Fall,
daß eine solche sich zeigt, hat die erste Division sich mit diesem
Reservegeschwader unter dem Oberbefehl des Vizeadmirals Domvile zu
vereinigen und die französische Flotte mit aller Energie anzugreifen,
während es der zweiten Division überlassen bleibt, den Kampf mit
der deutschen Flotte aufzunehmen. Die für den Angriff der ganzen
Flotte gegebenen Befehle gelten alsdann allein für die zweite
Division. Seiner Majestät Regierung erwartet, daß die Division im
stande sein wird, auch ohne Hilfe der ersten Division den Feind zu
besiegen. Sobald die Aufklärungsschiffe der zweiten Division die
deutschen Wachtschiffe aus der Mündung der Westerschelde vertrieben
haben, hat die linke Flügelgruppe der Schlachtschiffe das Feuer auf
Vlissingen, die rechte auf die Landbefestigungen des südlichen Ufers
zu eröffnen. Doch halten sich die Flügel nicht auf, sondern dampfen
mit der übrigen Flotte weiter, und die ganze Division dringt bis
gegen Antwerpen oder so weit vor, bis sie die deutsche Schlachtflotte
trifft. Diese Flotte ist mit äußerster Energie anzugreifen.
Die näheren Bestimmungen über die Art des Angriffs bleiben dem
Vizeadmiral Domvile überlassen.
Sollte sich wider Erwarten die deutsche Schlachtflotte beim Beginn
des Angriffs in der Scheldemündung zu einem Vorgehen ihrerseits
entschließen, so muß der kommandierende Admiral den Umständen
gemäß nach eigenem Ermessen handeln, wobei in erster Linie zu
berücksichtigen ist, daß mehr daran liegt, möglichst viele deutsche
Schiffe wegzunehmen, als sie zu zerstören, um die genommenen Schiffe
für den weiteren Verlauf des Krieges im eigenen Dienst zu verwenden.‘
Schweigend war der Prinz-Admiral dieser Vorlesung gefolgt. Deutlich
spiegelte sich auf seinem Antlitz die Erregung wieder, in die das
Gehörte ihn versetzt hatte.
„Eine starke innere Wahrscheinlichkeit spricht für die Echtheit dieser
Ordre,“ sagte er nachdenklich, „aber ich möchte dafür doch noch
andere und zuverlässigere Beweise haben; denn die Möglichkeit einer
absichtlichen Irreführung ist nicht ausgeschlossen. Woher stammt dieses
Schriftstück, Herr Major?“
„Königliche Hoheit haben bereits meine untertänigste Meldung darüber
erhalten, daß ich den Schiffer Brandelaar, den ich als englischen Spion
verhaftet hatte, bewogen habe, fortan in unserem Interesse tätig zu
sein. Brandelaars Boot hat diese Ordre gebracht.“
„Wo ist dieser Mann?“
„Sein Boot liegt im Hafen von Vlissingen.“
„Und auf welche Weise will Brandelaar in den Besitz dieses
Schriftstückes gelangt sein?“
„Nicht Brandelaar selbst hat mir die Ordre übergeben, sondern eine
Dame, eine Engländerin, die mit ihm von Dover herübergekommen ist.
Meine Ehre legt mir Schweigen auf. Ich darf den Namen dieser Dame
nicht nennen, aber ich hege die feste Ueberzeugung und glaube, mich
dafür verbürgen zu können, daß das Schriftstück im Bureau des Admirals
Hollway wortgetreu nach dem Original kopiert worden ist.“
„Man wird wohl bald Mittel und Wege finden, sich darüber zu
vergewissern, ob die britische Flotte Vorbereitungen zur Ausführung
dieser Ordre trifft. Jedenfalls wäre dann endlich der Zeitpunkt zu
energischem Handeln gekommen. Seine Majestät hat ein ähnliches Vorgehen
der britischen Flotte vorausgesehen, und wir haben nunmehr den Plan des
allerhöchsten Kriegsherrn auszuführen. -- Ich danke Ihnen, Herr Major!“
Heideck verneigte sich und wandte sich zum Gehen. Er fühlte, daß es
mit seinen Kräften beinahe zu Ende sei, und bewahrte nur noch mit Mühe
seine straffe, militärische Haltung.
Als er schon auf der Schwelle stand, kehrte der Prinz sich ihm noch
einmal zu:
„Ich glaube Ihnen eine Ehre damit zu erweisen, Herr Major, wenn ich
Ihnen Gelegenheit gebe, dem großen Ehrentage unserer jungen Flotte in
meiner unmittelbaren Umgebung als Augenzeuge beizuwohnen. Melden Sie
sich am Morgen des 15. Juli bei mir an Bord meines Flaggschiffes. Für
die Besetzung Ihres jetzigen Postens werde ich Sorge tragen.“
„Königliche Hoheit sind sehr gnädig!“
„Sie haben Anspruch auf meinen Dank. Auf Wiedersehen also, Herr Major!“
Ohne eine Minute zu verlieren, berief der Prinz den diensttuenden
Adjutanten und erteilte ihm den Befehl, sofort mehrere Kopieen des
englischen Flottenplanes anfertigen zu lassen.
Eine dieser Kopieen war für den kommandierenden Admiral der
französischen Flotte in Cherbourg bestimmt, und dem Feldjäger, der das
Papier überbringen sollte, gab der Prinz ein eigenhändiges Schreiben
mit, worin er den Admiral dringend ersuchte, alles daran zu setzen, um
mit einer möglichst starken Schlachtflotte am 15. früh vor Vlissingen
erscheinen zu können und der deutschen Flotte in ihrem Kampf gegen die
überlegene englische Flotte zu Hilfe zu kommen.
[Illustration]