Der Schiffer Brandelaar hatte Edith den Namen des am Hafen gelegenen
Gasthofes genannt, in dem ihn eine Nachricht Heidecks noch während der
Nacht erreichen würde, denn er mußte voraussehen, daß der Major den
Wunsch haben würde, ihn so bald als möglich zu sprechen.
Nun war er nicht wenig überrascht, als er statt des erwarteten Boten
seinen schönen, verkleideten Passagier in das niedere, verräucherte
Schänkzimmer eintreten sah, und er ging Edith mit einer gewissen
unbeholfenen Ritterlichkeit entgegen, um sie vor der Neugier und
den Zudringlichkeiten der Männer zu schützen, die mit ihm am Tische
gesessen hatten, und deren verwitterte Gesichter ebensowenig
vertrauenerweckend aussahen, als ihre teerduftende, von Wind und Wetter
arg mitgenommene Kleidung.
Er wollte eine verwunderte Frage an sie richten, aber Edith kam ihm
zuvor.
„Ich muß noch in dieser Nacht nach Dover zurück,“ sagte sie leise und
hastig. „Wollen Sie mich hinüber bringen? -- Ich zahle Ihnen dafür, was
Sie verlangen.“
Bedächtig, aber mit aller Entschiedenheit schüttelte der Schiffer den
Kopf.
„Unmöglich! -- Auch wenn ich schon wieder von hier fortkönnte, bei
diesem Wetter würde es doch nicht gehen.“
„Es muß gehen. Das Wetter ist nicht so schlecht. Und ich weiß, daß Sie
nicht der Mann sind, der sich vor einem Sturm fürchtet.“
„Fürchten -- nein! -- Und es mag wohl sein, daß ich mit meiner Smack
schon schlimmere überstanden habe als diesen. Aber es ist etwas anderes
um die Gefahr, mit der man fertig werden muß, weil man ihr nicht
entrinnen kann, und um die, der man sich leichtsinnig aussetzt. Wenn
ich auf der Fahrt bin, mag kommen, was Gott gefällt; aber so -- --“
„Keine Worte, Brandelaar,“ fiel Edith ihm ungeduldig in die Rede. „Wenn
Sie selber nicht fortkönnen oder nicht fahren wollen, unter Ihren
Bekannten hier wird es doch sicher einen geben, der mutig und gescheit
genug ist, sich auf leichte Art ein paar hundert Pfund zu verdienen.“
In den kleinen Augen des Schiffers leuchtete es auf.
„Ein paar hundert Pfund? Liegt Ihnen wirklich so viel daran, noch heute
von Vlissingen fortzukommen? Wir sind ja doch kaum gelandet!“
„Ja, es liegt mir sehr viel daran. Und ich sagte Ihnen schon, daß es
mir ganz gleichgültig ist, wieviel es kostet.“
Der Schiffer, der offenbar schwankend geworden war, rieb sich
nachdenklich das Kinn.
„Hm! -- Ich selber könnte es allerdings nicht machen. Ich habe wichtige
Nachrichten für den Herrn Major, und er würde es mir mit Recht
verübeln, wenn ich auf und davon ginge, ohne ihn auch nur gesprochen
zu haben. Aber vielleicht -- vielleicht könnte ich einen Schiffer
ausfindig machen, der sich auf das Wagestück einließe, vorausgesetzt,
daß auch für mich etwas dabei abfiele.“
„Gewiß -- gewiß! Ich begehre Ihre Gefälligkeit nicht umsonst. Fünfzig
Pfund für Sie in dem Augenblick, wo ich meinen Fuß in das Boot setze.“
„Wohl! -- Und zweihundert für den Schiffer und seine Leute -- nicht
wahr? Die Männer setzen ihr Leben aufs Spiel -- das dürfen Sie nicht
vergessen. Und sie müssen es außerdem verteufelt geschickt anstellen,
wenn sie unbemerkt an den deutschen Wachtschiffen vorbeikommen sollen.“
„Ja doch -- ja! Weshalb verlieren wir so viel Zeit mit dieser
überflüssigen Verhandlung! Hier ist das Geld -- nun schaffen Sie mir
ein Boot!“
„Gehen Sie dort hinein,“ sagte Brandelaar, auf die Tür eines kleinen,
dunklen Nebenzimmers deutend. „Ich will versuchen, ob es mein Freund
van dem Bosch tut.“
Edith warf, ehe sie seiner Aufforderung Folge leistete, einen Blick zu
dem Manne hinüber, auf den er mit einer Bewegung des Kopfes hingewiesen
hatte. Von gewinnender äußerer Erscheinung war dieser vierschrötige
Seebär sicherlich nicht, aber sein abschreckendes Aussehen vermochte
Edith nicht eine Sekunde lang in ihrem Entschluß zu beirren.
„Gut -- reden Sie mit Ihrem Freunde, Brandelaar! Aber sorgen Sie, daß,
ich nicht zu lange auf seine Zusage warten muß.“
* * * * *
Und der wackere Brandelaar mußte in der Tat ein sehr wirksames Mittel
der Ueberredung gefunden haben, denn es waren noch kaum zehn Minuten
vergangen, als er Edith melden konnte, daß van dem Bosch bereit
sei, unter den angebotenen Bedingungen die Fahrt zu wagen. Von der
Gefährlichkeit des Unternehmens sprach er jetzt nicht mehr, als fürchte
er, die junge Engländerin damit von ihrem für ihn so gewinnbringenden
Vorhaben abzuschrecken. Und es wurde von diesem Augenblick an überhaupt
nicht mehr viel von der Sache geredet. Der Weg bis zu der Stelle, wo
der Fischerkutter vor Anker lag, war nicht lang, und wacker kämpfte
sich Edith zwischen den beiden Männern, die schweigend an ihrer Seite
dahinstapften, gegen den in unregelmäßigen Stößen vom Meere her
brausenden Nordsturm vorwärts. In einer Jolle ruderten sie zu dem
Fahrzeug hinüber, und Brandelaar hatte, als er zum Quai zurückkehrte,
seine fünfzig Pfund richtig in der Tasche.
„Wenn Sie der Herr Major nach mir fragt, dürfen Sie ihm getrost die
volle Wahrheit mitteilen,“ hatte Edith ihm gesagt. „Und auch einen Gruß
von mir sollen Sie ihm ausrichten -- einen herzlichen Gruß. Vergessen
Sie das nicht, Brandelaar!“
* * * * *
Die beiden Leute des Schiffers, die unten im Kutter schon im
tiefsten Schlafe gelegen hatten, mochten nicht wenig erstaunt und
sicherlich noch weniger erfreut sein über die Zumutung dieser
nächtlichen Fahrt. Aber ein paar Worte, die der Schiffer in seiner
für Edith unverständlichen Sprache zu ihnen gesprochen, hatten ihre
Unzufriedenheit sehr schnell verscheucht. Willig griffen sie jetzt zu,
um die Segel zu setzen und Anker zu lichten. Die mächtigen Fäuste des
Schiffers erfaßten das Steuer; das kleine, fest gebaute Fahrzeug machte
eine kurze Drehung und schoß dann, weit nach einer Seite überliegend,
in die Dunkelheit hinaus.
Nahe genug kam es an der ‚Gefion‘ vorüber, und wenn es zufällig von
dem Lichtkegel des Scheinwerfers getroffen worden wäre, der von Zeit
zu Zeit suchend über die bewegte Wasserfläche hinhuschte, so hätte
die nächtliche Fahrt jedenfalls eine sehr unliebsame Unterbrechung
erfahren. Aber der Zufall war dem tollkühnen Unternehmen günstig. Kein
Zuruf oder Signal von Bord des Wachtschiffes hielt sie auf, und bald
waren die Lichter von Vlissingen im Dunkel verschwunden.
Edith hatte seit der Abfahrt am Mast des Fahrzeuges gestanden, den
Blick unverwandt rückwärts gewendet -- dahin, wo sie alles ließ, was
ihrem Leben bis zu dieser Stunde Wert und Inhalt gegeben hatte. Der
Schiffer und seine beiden Leute, die bei dem ungleichmäßigen Winde
genug mit ihren Segeln zu tun hatten, schienen sich nicht um sie zu
kümmern, und erst als plötzlich eine heftige Regenbö einsetzte, rief
ihr van dem Bosch zu, ob sie nicht lieber hinunter gehen wolle, wo sie
doch wenigstens gegen Wind und Wetter geschützt sei.
Aber Edith rührte sich nicht von der Stelle. Für ihre von allen
Qualen einer grenzenlosen Verzweiflung durchwühlte Seele waren das
Toben des Sturmes, das Klatschen des niederprasselnden Regens und das
zischende Aufspritzen der an den Planken des Bootes zerschellenden
Wellen gerade die rechte Musik. Der nächtliche Aufruhr um sie her
stimmte so ganz zu dem Aufruhr in ihrem Innern, daß sie ihn fast wie
eine Befreiung empfand. Die Kerkerenge einer niedrigen Kajüte wäre
ihr jetzt unerträglich gewesen. Nur daß sie die von dem Salzduft des
nahen Meeres geschwängerte Luft in vollen Zügen atmen, daß sie ihr
Gesicht dem Sturm, dem Regen und dem Wogengischt preisgeben konnte,
hielt ihre Kraft aufrecht. Es war wie ein physischer Kampf, den sie
gegen die brutalen Gewalten der Natur zu bestehen hatte, und seine
nervenaufstachelnde Wirkung half ihr wohltätig über den Jammer ihrer
zerrissenen Seele hinweg.
Sie hatte keinen Maßstab für Zeit und Raum. Nur an dem orkanartigen
Anschwellen des Sturmes, an dem immer wuchtiger werdenden Anprall
der Wellen und dem wilderen Tanz des Bootes nahm sie wahr, daß es
das offene Meer sein mußte, auf dem sie sich befand. Sie war trotz
des Wachstuchmantels völlig durchnäßt, und ein Kältegefühl, das von
den Füßen herauf allmählich ihren ganzen Körper erfaßte, ließ ihre
Glieder erstarren. Aber sie kam trotz alledem nicht einen Augenblick
in Versuchung, sich nach unten in den Kielraum zurückzuziehen. Und der
Gedanke an eine Gefahr blieb ihr fern. Sie hörte die Matrosen fluchen,
und zweimal schlug ein Zuruf des Schiffers an ihr Ohr, der irgend eine
gebieterische Aufforderung zu enthalten schien. Aber um das alles
kümmerte sie sich nicht. Wie wenn sie bereits von allem Irdischen
losgelöst wäre, verhielt sie sich vollständig gleichgültig gegen das,
was um sie her geschah. Je unempfindlicher ihr von der durchdringenden
feuchten Kälte gelähmter Körper wurde, desto unbestimmter, traumhafter
wurden alle auf sie einwirkenden Sinneseindrücke. Es war ihr, als
hätte sie jeden festen Boden unter den Füßen verloren, als flöge sie
auf Sturmesschwingen, frei von allen Hemmungen körperlicher Schwere,
durch den unbegrenzten Raum. Und all das Brausen, Heulen, Prasseln
und Plätschern der entfesselten Elemente floß ihr in ein eintöniges,
majestätisches Rauschen zusammen, das nichts Erschreckendes, sondern
nur noch etwas wundersam Beruhigendes für sie hatte. Ihren langsam
entschwindenden Sinnen wurde der Aufruhr zur erhabenen Harmonie, und so
ganz fühlte sie sich eins mit der großen, allgewaltigen Natur, daß das
letzte Gefühl, dessen sie sich bewußt wurde, ein heißes, inbrünstiges
Sehnen war, in dieser großen Natur aufzugehen, wie eine der ungezählten
Wogen, deren Schaum im Vergehen ihre Füße netzte.
* * * * *
Ein Knall, der scharf wie ein Schuß das Chaos von Geräuschen übertönte
-- ein lautes Knattern -- und ein paar wilde Flüche aus rauhen
Seemannskehlen! Wie ein Korkstückchen tanzte und schwankte plötzlich
das Boot auf den Wellen, während das große Segel im Sturm flatterte,
als ob es in der nächsten Sekunde zu tausend Fetzen zerrissen werden
müßte.
Das Pikfall war gebrochen, und die ihres Haltes beraubte Gaffel
schlug mit furchtbarer Gewalt nach unten. Mit der ganzen Kraft
seiner riesenstarken Arme legte sich der Schiffer in das Steuer, um
das Fahrzeug an den Wind zu bringen. Die beiden anderen Männer aber
arbeiteten wie Verzweifelte, um das Segel festzumachen.
An die verkleidete Frau im Wachstuchmantel, die so lange regungslos wie
eine Statue am Mast gestanden, dachte in diesen Augenblicken höchster
Gefahr keiner von den dreien. Erst als das schwierige Werk glücklich
vollbracht war, bemerkten sie ihr Verschwinden. Mit verstörten
Gesichtern sahen sie sich an. Und der Schiffer am Steuer sagte:
„Sie ist über Bord gegangen. Die Gaffel hat sie wohl an den Kopf
getroffen. Da ist nichts mehr zu machen. Warum wollte sie auch an Deck
bleiben!“
Er räusperte sich und spuckte nach Seemannsart ins Meer.
Die beiden anderen sprachen kein Wort. Schweigend gehorchten sie den
Befehlen des Schiffers, der wieder auf die Scheldemündung zuhalten
wollte.
Einen Rettungsversuch machten sie nicht. Es wäre ja auch ein völlig
zweckloses Beginnen gewesen. -- --
[Illustration]