XXXII.

‚Mein lieber Freund und Kamerad! Obwohl mir das Schreiben noch

recht sauer fällt, kann ich es mir doch nicht versagen, der Erste

zu sein, der Sie zur Verleihung des Ordens vom ‚Heiligen Wladimir‘

beglückwünscht. Ein in unserem Kriegsministerium beschäftigter Freund

benachrichtigt mich soeben von der heute erfolgten Unterzeichnung der

Verleihungsurkunde, und ich hoffe, daß diese Dekoration, auf die Sie

sich durch Ihre bei der Besetzung von Simla geleisteten Dienste einen

so berechtigten Anspruch erworben haben, Ihnen einige Freude bereiten

wird. Sie wissen ja, daß der ‚Wladimir‘ nur an Russen oder an Fremde,

die in russischen Diensten stehen, verliehen werden darf, und Sie

werden darum einer der wenigen deutschen Offiziere sein, deren Brust

dieses hierzulande sehr hoch gehaltene Ehrenzeichen schmückt.

Daß mein Glückwunsch aus St. Petersburg datiert ist, wird Sie

Wunder nehmen; denn Sie vermuten mich ohne Zweifel noch unten im

sonnigen Indien, dem Schauplatz unserer gemeinsam bestandenen

Kriegsabenteuer. Sicherlich wäre ich auch bis zur Beendigung des

Feldzuges dort geblieben, wenn nicht eine englische Kugel meiner

militärischen Tätigkeit -- wie Sie sich denken können, allzufrüh für

meinen Ehrgeiz -- vorläufig ein Ziel gesetzt hätte. Unversehrt aus

zwei großen Schlachten und einer ganzen Anzahl kleiner Scharmützel

hervorgegangen, mußte ich mich leider bei einem ganz unbedeutenden

und ruhmlosen Zusammenstoß zum Invaliden schießen lassen. Und wenn

nicht ein heldenmütiges Weib meine Retterin gewesen wäre, hätten Sie

von Ihrem alten Freunde Tschadschawadse nichts anderes mehr gehört,

als daß auch er unter den auf dem Felde der Ehre Gebliebenen gewesen

sei.

Erraten Sie den Namen dieses Weibes, Herr Kamerad? Ich denke wohl,

daß mein angeblicher Page Georgij Ihrer Erinnerung nicht ganz

entschwunden ist, und ich sage Ihnen wohl nichts neues, wenn ich

heute den Schleier des Geheimnisses lüfte, mit dem ich in Indien aus

naheliegenden Gründen seine Beziehungen zu mir umgeben mußte. Georgij

war ein Mädchen, und sie hat mir jahrelang näher gestanden als irgend

jemand. Sie war zwar einfacher Herkunft und besaß sehr wenig von

dem, was wir Bildung nennen. Aber sie war mir trotzdem das liebste

Geschöpf, dem ich auf meinen Fahrten durch die Länder zweier Erdteile

begegnet bin; ein wunderbares Gemisch von Wildheit und Herzensgüte,

von unbändigem Stolz und selbstloser, hingebender Zärtlichkeit; ein

Kind und eine Heldin. Aus reiner Zuneigung, nicht um irgend eines

Vorteiles willen, hatte sie sich mir zu eigen gegeben und war mir auf

meinen Reisen gefolgt. Ihr eigener Wille war es gewesen, die Rolle

eines Dieners zu spielen. Ich will indessen nicht damit sagen, daß

sie niemals von der Macht, die sie über mich besaß, Gebrauch gemacht

hätte, denn sie war stolz und wußte zu herrschen.

Einmal -- es war im Beginn unserer indischen Reise -- hatte ich,

aufs äußerste gereizt durch ihren trotzigen Stolz, meine Hand gegen

sie erhoben. Ein einziger Blick des Mädchens brachte mich sofort

zur Besinnung, noch ehe die Züchtigung erfolgt war. Und später, als

mein Blut sich längst beruhigt hatte, sagte sie mir, den flammenden

Zorn noch immer in den Augen: ‚Hättest du mich wirklich geschlagen,

so wäre ich auf der Stelle von dir gegangen, und keine Bitte hätte

mich je bestimmt, zu dir zurückzukehren.‘ Ich lachte über ihre

Worte, aber ich beherrschte mich fortan mehr, und so lebten wir in

vollkommener Eintracht bis zu dem Tage, da Georgij Ihnen, mein werter

Herr Kamerad, in Lahore das Leben rettete. Sie war es, die mir die

Schreckensnachricht brachte, man führe Sie zum Tode. Nie zuvor hatte

ich das Mädchen in so furchtbarer Aufregung gesehen als in jenem

Augenblick. Ihre Augen glühten und ihr ganzer Körper zitterte. Es

war, als wollte sie mich mit Peitschenhieben vorwärts treiben, damit

ich den rechten Moment nicht versäume. Ich war selber zu bestürzt,

um mir über die seltsame Erregung des Mädchens lange den Kopf zu

zerbrechen. Aber als Ihre Rettung dann geglückt war, als Sie sich

geborgen in meinem Zelte befanden, und als ich Georgij aufsuchte,

um ihr das Ergebnis meiner Intervention mitzuteilen, da geriet sie

in einen solchen Paroxismus der Freude, daß mir wahrhaftig nicht

das geringste hätte an ihr gelegen sein müssen, wenn ihr Jubel

nicht einen bösen eifersüchtigen Verdacht in mir wachgerufen hätte.

Hingerissen von der Erregung, schleuderte ich ihr ein heftiges Wort

entgegen, und dann, da sie mir eine trotzig herausfordernde Antwort

gab -- es war eben ihr und mein Unglück, daß ich die Reitpeitsche

gerade in der Hand hatte -- dann war das Häßliche geschehen, das ich

lieber als irgend eine andere meiner vielen Torheiten ungeschehen

machen möchte. Sie hatte den Schlag hingenommen, ohne einen Laut von

sich zugeben. Aber im nächsten Augenblick war sie verschwunden, und

ich wartete vergebens auf ihre Wiederkehr. Bis zu unserem Aufbruch

nach Simla ließ ich überall nach ihr suchen, ohne daß einer meiner

Leute ihre Spur gefunden hätte. Ich selbst gab sie schon damals für

immer verloren. Als wir dann nach Lahore zurückgekehrt waren und nach

Delhi weitermarschierten, wurde mir hier und da von einem in indische

Gewänder gekleideten Mädchen berichtet, das in der Nähe unserer

Truppe aufgetaucht sei und meinem verschwundenen Pagen Georgij

ähnlich gesehen habe. Aber sobald ich dann nach diesem Mädchen

forschte, war es, als ob die Erde sie verschlungen hätte, und unter

den rasch wechselnden Eindrücken des Krieges begann ihr Bild langsam

in mir zu verblassen.

Bei einem Rekognoszierungsritt, den ich eines Tages mit meinem

Regimentsstab und einer geringen Bedeckung bei Lucknow unternahm,

gerieten wir durch selbstverschuldete Sorglosigkeit in einen von

den Engländern gelegten Hinterhalt, der dem größeren Teil meiner

Begleiter das Leben kostete. Mich hatte gleich im Beginn des

Gefechtes ein Schuß in den Rücken aus dem Sattel geworfen. Man hielt

mich für tot, und die wenigen meiner Gefährten, die sich durch die

Flucht zu retten vermochten, hatten nicht Zeit, die Gefallenen

mitzunehmen. Als ich aus langer Bewußtlosigkeit wieder erwachte,

sah ich, wie eine Anzahl bewaffneter Inder die auf dem Kampfplatz

zurückgebliebenen Toten und Verwundeten ausplünderte. Einer der

braunen Teufel näherte sich auch mir. Und als er sah, daß ich mich

aufrichtete, um nach meinem Revolver zu tasten, stürzte er mit

geschwungenem Säbel auf mich zu. Ich parierte den ersten nach meinem

Kopf geführten Hieb mit dem rechten Arm. Wehrlos, wie ich war, machte

ich mich schon auf das Schlimmste gefaßt. Aber im selben Augenblick,

als der Halunke zum zweiten Hieb ausholte, taumelte er rückwärts

und brach lautlos zusammen. Es war Georgij, die mir durch ihren

wohlgezielten Schuß das Leben gerettet hatte.

Mit den von unserem Lager aus zur Bergung der Toten und Verwundeten

entsandten Dragonern war sie gekommen und den Reitern um ein gutes

Stück voraus gewesen. So war es ihr möglich geworden, mich zu retten.

Ich war zu sehr entkräftet, um viele Fragen an sie zu richten, und

über den wenigen Augenblicken dieses Wiedersehens liegt es in meiner

Erinnerung wie ein Schleier.

Acht Tage lang lag ich zwischen Leben und Tod. Dann siegte meine

unverwüstliche Natur. Wie groß meine Sehnsucht war, Georgij

wiederzusehen, werden Sie begreifen, liebster Freund! Aber sie war

nicht mehr im Lager, und niemand konnte mir über ihren Verbleib

Auskunft geben. So wie sie an jenem Tage plötzlich aufgetaucht war,

ebenso war sie wieder verschwunden. Und diesmal muß ich mich wohl mit

der Ueberzeugung abfinden, daß ich sie für immer verloren habe. Noch

auf dem Krankenlager erhielt ich neben einer sehr schmeichelhaften

Beförderung die Ordre, mich nach St. Petersburg zu begeben, und

sobald es mein Zustand gestattete, machte ich mich auf die Reise.

Verzeihen Sie, lieber Freund, daß ich so lange bei einer persönlichen

Angelegenheit verweilte, die für Sie ja am Ende nur wenig Interesse

haben kann.

Von den mannigfachen Wechselfällen dieses Krieges, der nun schon

Werte von ungezählten Millionen vernichtet und Hunderttausende

hoffnungsvoller Menschenleben gekostet hat, sind Sie ja ebenso gut

unterrichtet wie ich. Ich möchte Sie fast darum beneiden, daß es

Ihnen noch vergönnt ist persönlich Zeuge der großen Ereignisse zu

sein, während ich zu der Rolle eines untätigen Zuschauers verurteilt

bin. Aber ich glaube nicht mehr an eine lange Dauer des Kampfes. Die

Opfer, die er den Völkern auferlegt, sind zu groß, um noch Monate

hindurch getragen zu werden. Alles drängt einer raschen Entscheidung

zu, und ich bin nicht im Zweifel, wie sie fallen wird. Denn wenn

auch die bisherigen Niederlagen und Verluste der Engländer teilweise

aufgewogen werden durch ihre hier und da errungenen Erfolge, so würde

doch ein einziger großer Seesieg der verbündeten Mächte den Ausschlag

zu Ungunsten Großbritanniens endgiltig geben. Man hat bisher auf

beiden Seiten gezögert, diese Entscheidung herbeizuführen, aber man

lebt hier der Ueberzeugung, daß schon die nächsten Wochen endlich

die längst mit Spannung erwarteten großen Ereignisse auf dem Wasser

bringen werden.

Noch immer begegne ich zu meinem Befremden in der ausländischen

Presse vielfach einer abfälligen Kritik unseres Friedensvertrages mit

Japan. Allerdings hatte sich ja in der zweiten Phase des japanischen

Feldzuges das Kriegsglück zu unseren Gunsten gewendet, doch der Kampf

um Indien war für Rußland so wichtig, daß es seine Kräfte nicht

länger zersplittern wollte. Deshalb konnten wir Japan goldene Brücken

bauen, und so kam der Frieden von Nagasaki zu stande. Der deutsche

Reichskanzler ist durch den Anteil, den er an dem Abschluß dieses

Friedens gehabt hat, eine sehr populäre Persönlichkeit auch hier in

Rußland geworden.

Haben Sie vielleicht Gelegenheit gehabt, dem Reichskanzler persönlich

nahe zu treten? Dieser Baron Grubenhagen muß eine gewaltige

Persönlichkeit sein.

Ich lasse diesen Brief auf dem Umwege über Berlin an Sie gelangen,

denn ich weiß nicht, wo Sie sich augenblicklich befinden. Aber ich

hoffe, daß er richtig in Ihre Hände kommt und daß Sie gelegentlich

einmal Zeit finden, durch ein Lebenszeichen zu erfreuen

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman · 第 39 / 49 题