‚Mein lieber Freund und Kamerad! Obwohl mir das Schreiben noch
recht sauer fällt, kann ich es mir doch nicht versagen, der Erste
zu sein, der Sie zur Verleihung des Ordens vom ‚Heiligen Wladimir‘
beglückwünscht. Ein in unserem Kriegsministerium beschäftigter Freund
benachrichtigt mich soeben von der heute erfolgten Unterzeichnung der
Verleihungsurkunde, und ich hoffe, daß diese Dekoration, auf die Sie
sich durch Ihre bei der Besetzung von Simla geleisteten Dienste einen
so berechtigten Anspruch erworben haben, Ihnen einige Freude bereiten
wird. Sie wissen ja, daß der ‚Wladimir‘ nur an Russen oder an Fremde,
die in russischen Diensten stehen, verliehen werden darf, und Sie
werden darum einer der wenigen deutschen Offiziere sein, deren Brust
dieses hierzulande sehr hoch gehaltene Ehrenzeichen schmückt.
Daß mein Glückwunsch aus St. Petersburg datiert ist, wird Sie
Wunder nehmen; denn Sie vermuten mich ohne Zweifel noch unten im
sonnigen Indien, dem Schauplatz unserer gemeinsam bestandenen
Kriegsabenteuer. Sicherlich wäre ich auch bis zur Beendigung des
Feldzuges dort geblieben, wenn nicht eine englische Kugel meiner
militärischen Tätigkeit -- wie Sie sich denken können, allzufrüh für
meinen Ehrgeiz -- vorläufig ein Ziel gesetzt hätte. Unversehrt aus
zwei großen Schlachten und einer ganzen Anzahl kleiner Scharmützel
hervorgegangen, mußte ich mich leider bei einem ganz unbedeutenden
und ruhmlosen Zusammenstoß zum Invaliden schießen lassen. Und wenn
nicht ein heldenmütiges Weib meine Retterin gewesen wäre, hätten Sie
von Ihrem alten Freunde Tschadschawadse nichts anderes mehr gehört,
als daß auch er unter den auf dem Felde der Ehre Gebliebenen gewesen
sei.
Erraten Sie den Namen dieses Weibes, Herr Kamerad? Ich denke wohl,
daß mein angeblicher Page Georgij Ihrer Erinnerung nicht ganz
entschwunden ist, und ich sage Ihnen wohl nichts neues, wenn ich
heute den Schleier des Geheimnisses lüfte, mit dem ich in Indien aus
naheliegenden Gründen seine Beziehungen zu mir umgeben mußte. Georgij
war ein Mädchen, und sie hat mir jahrelang näher gestanden als irgend
jemand. Sie war zwar einfacher Herkunft und besaß sehr wenig von
dem, was wir Bildung nennen. Aber sie war mir trotzdem das liebste
Geschöpf, dem ich auf meinen Fahrten durch die Länder zweier Erdteile
begegnet bin; ein wunderbares Gemisch von Wildheit und Herzensgüte,
von unbändigem Stolz und selbstloser, hingebender Zärtlichkeit; ein
Kind und eine Heldin. Aus reiner Zuneigung, nicht um irgend eines
Vorteiles willen, hatte sie sich mir zu eigen gegeben und war mir auf
meinen Reisen gefolgt. Ihr eigener Wille war es gewesen, die Rolle
eines Dieners zu spielen. Ich will indessen nicht damit sagen, daß
sie niemals von der Macht, die sie über mich besaß, Gebrauch gemacht
hätte, denn sie war stolz und wußte zu herrschen.
Einmal -- es war im Beginn unserer indischen Reise -- hatte ich,
aufs äußerste gereizt durch ihren trotzigen Stolz, meine Hand gegen
sie erhoben. Ein einziger Blick des Mädchens brachte mich sofort
zur Besinnung, noch ehe die Züchtigung erfolgt war. Und später, als
mein Blut sich längst beruhigt hatte, sagte sie mir, den flammenden
Zorn noch immer in den Augen: ‚Hättest du mich wirklich geschlagen,
so wäre ich auf der Stelle von dir gegangen, und keine Bitte hätte
mich je bestimmt, zu dir zurückzukehren.‘ Ich lachte über ihre
Worte, aber ich beherrschte mich fortan mehr, und so lebten wir in
vollkommener Eintracht bis zu dem Tage, da Georgij Ihnen, mein werter
Herr Kamerad, in Lahore das Leben rettete. Sie war es, die mir die
Schreckensnachricht brachte, man führe Sie zum Tode. Nie zuvor hatte
ich das Mädchen in so furchtbarer Aufregung gesehen als in jenem
Augenblick. Ihre Augen glühten und ihr ganzer Körper zitterte. Es
war, als wollte sie mich mit Peitschenhieben vorwärts treiben, damit
ich den rechten Moment nicht versäume. Ich war selber zu bestürzt,
um mir über die seltsame Erregung des Mädchens lange den Kopf zu
zerbrechen. Aber als Ihre Rettung dann geglückt war, als Sie sich
geborgen in meinem Zelte befanden, und als ich Georgij aufsuchte,
um ihr das Ergebnis meiner Intervention mitzuteilen, da geriet sie
in einen solchen Paroxismus der Freude, daß mir wahrhaftig nicht
das geringste hätte an ihr gelegen sein müssen, wenn ihr Jubel
nicht einen bösen eifersüchtigen Verdacht in mir wachgerufen hätte.
Hingerissen von der Erregung, schleuderte ich ihr ein heftiges Wort
entgegen, und dann, da sie mir eine trotzig herausfordernde Antwort
gab -- es war eben ihr und mein Unglück, daß ich die Reitpeitsche
gerade in der Hand hatte -- dann war das Häßliche geschehen, das ich
lieber als irgend eine andere meiner vielen Torheiten ungeschehen
machen möchte. Sie hatte den Schlag hingenommen, ohne einen Laut von
sich zugeben. Aber im nächsten Augenblick war sie verschwunden, und
ich wartete vergebens auf ihre Wiederkehr. Bis zu unserem Aufbruch
nach Simla ließ ich überall nach ihr suchen, ohne daß einer meiner
Leute ihre Spur gefunden hätte. Ich selbst gab sie schon damals für
immer verloren. Als wir dann nach Lahore zurückgekehrt waren und nach
Delhi weitermarschierten, wurde mir hier und da von einem in indische
Gewänder gekleideten Mädchen berichtet, das in der Nähe unserer
Truppe aufgetaucht sei und meinem verschwundenen Pagen Georgij
ähnlich gesehen habe. Aber sobald ich dann nach diesem Mädchen
forschte, war es, als ob die Erde sie verschlungen hätte, und unter
den rasch wechselnden Eindrücken des Krieges begann ihr Bild langsam
in mir zu verblassen.
Bei einem Rekognoszierungsritt, den ich eines Tages mit meinem
Regimentsstab und einer geringen Bedeckung bei Lucknow unternahm,
gerieten wir durch selbstverschuldete Sorglosigkeit in einen von
den Engländern gelegten Hinterhalt, der dem größeren Teil meiner
Begleiter das Leben kostete. Mich hatte gleich im Beginn des
Gefechtes ein Schuß in den Rücken aus dem Sattel geworfen. Man hielt
mich für tot, und die wenigen meiner Gefährten, die sich durch die
Flucht zu retten vermochten, hatten nicht Zeit, die Gefallenen
mitzunehmen. Als ich aus langer Bewußtlosigkeit wieder erwachte,
sah ich, wie eine Anzahl bewaffneter Inder die auf dem Kampfplatz
zurückgebliebenen Toten und Verwundeten ausplünderte. Einer der
braunen Teufel näherte sich auch mir. Und als er sah, daß ich mich
aufrichtete, um nach meinem Revolver zu tasten, stürzte er mit
geschwungenem Säbel auf mich zu. Ich parierte den ersten nach meinem
Kopf geführten Hieb mit dem rechten Arm. Wehrlos, wie ich war, machte
ich mich schon auf das Schlimmste gefaßt. Aber im selben Augenblick,
als der Halunke zum zweiten Hieb ausholte, taumelte er rückwärts
und brach lautlos zusammen. Es war Georgij, die mir durch ihren
wohlgezielten Schuß das Leben gerettet hatte.
Mit den von unserem Lager aus zur Bergung der Toten und Verwundeten
entsandten Dragonern war sie gekommen und den Reitern um ein gutes
Stück voraus gewesen. So war es ihr möglich geworden, mich zu retten.
Ich war zu sehr entkräftet, um viele Fragen an sie zu richten, und
über den wenigen Augenblicken dieses Wiedersehens liegt es in meiner
Erinnerung wie ein Schleier.
Acht Tage lang lag ich zwischen Leben und Tod. Dann siegte meine
unverwüstliche Natur. Wie groß meine Sehnsucht war, Georgij
wiederzusehen, werden Sie begreifen, liebster Freund! Aber sie war
nicht mehr im Lager, und niemand konnte mir über ihren Verbleib
Auskunft geben. So wie sie an jenem Tage plötzlich aufgetaucht war,
ebenso war sie wieder verschwunden. Und diesmal muß ich mich wohl mit
der Ueberzeugung abfinden, daß ich sie für immer verloren habe. Noch
auf dem Krankenlager erhielt ich neben einer sehr schmeichelhaften
Beförderung die Ordre, mich nach St. Petersburg zu begeben, und
sobald es mein Zustand gestattete, machte ich mich auf die Reise.
Verzeihen Sie, lieber Freund, daß ich so lange bei einer persönlichen
Angelegenheit verweilte, die für Sie ja am Ende nur wenig Interesse
haben kann.
Von den mannigfachen Wechselfällen dieses Krieges, der nun schon
Werte von ungezählten Millionen vernichtet und Hunderttausende
hoffnungsvoller Menschenleben gekostet hat, sind Sie ja ebenso gut
unterrichtet wie ich. Ich möchte Sie fast darum beneiden, daß es
Ihnen noch vergönnt ist persönlich Zeuge der großen Ereignisse zu
sein, während ich zu der Rolle eines untätigen Zuschauers verurteilt
bin. Aber ich glaube nicht mehr an eine lange Dauer des Kampfes. Die
Opfer, die er den Völkern auferlegt, sind zu groß, um noch Monate
hindurch getragen zu werden. Alles drängt einer raschen Entscheidung
zu, und ich bin nicht im Zweifel, wie sie fallen wird. Denn wenn
auch die bisherigen Niederlagen und Verluste der Engländer teilweise
aufgewogen werden durch ihre hier und da errungenen Erfolge, so würde
doch ein einziger großer Seesieg der verbündeten Mächte den Ausschlag
zu Ungunsten Großbritanniens endgiltig geben. Man hat bisher auf
beiden Seiten gezögert, diese Entscheidung herbeizuführen, aber man
lebt hier der Ueberzeugung, daß schon die nächsten Wochen endlich
die längst mit Spannung erwarteten großen Ereignisse auf dem Wasser
bringen werden.
Noch immer begegne ich zu meinem Befremden in der ausländischen
Presse vielfach einer abfälligen Kritik unseres Friedensvertrages mit
Japan. Allerdings hatte sich ja in der zweiten Phase des japanischen
Feldzuges das Kriegsglück zu unseren Gunsten gewendet, doch der Kampf
um Indien war für Rußland so wichtig, daß es seine Kräfte nicht
länger zersplittern wollte. Deshalb konnten wir Japan goldene Brücken
bauen, und so kam der Frieden von Nagasaki zu stande. Der deutsche
Reichskanzler ist durch den Anteil, den er an dem Abschluß dieses
Friedens gehabt hat, eine sehr populäre Persönlichkeit auch hier in
Rußland geworden.
Haben Sie vielleicht Gelegenheit gehabt, dem Reichskanzler persönlich
nahe zu treten? Dieser Baron Grubenhagen muß eine gewaltige
Persönlichkeit sein.
Ich lasse diesen Brief auf dem Umwege über Berlin an Sie gelangen,
denn ich weiß nicht, wo Sie sich augenblicklich befinden. Aber ich
hoffe, daß er richtig in Ihre Hände kommt und daß Sie gelegentlich
einmal Zeit finden, durch ein Lebenszeichen zu erfreuen