Aus Brüssel meldete der Oberst Mercier-Milon, daß er die Gräfin
Arselaarts verhaftet habe und einen guten Fang gemacht zu haben
glaube. Die Gräfin sei stark verschuldet und treibe großen Aufwand.
Bis vor kurzem hätte sie sich des finanziellen Beistandes einer hohen
Persönlichkeit zu erfreuen gehabt, seitdem diese sich aber im Auslande
befinde, seien ihre Hilfsquellen versiegt, und sie habe seither den
Engländern vermutlich gegen hohe Belohnung Spionendienste geleistet. Er
sei im Begriffe, ein weit verzweigtes Netz von Kundschaftern in Belgien
und Frankreich aufzudecken.
Auch Herr van Spranekhuizen und Hinnerk Brodersen in Schleswig waren im
Laufe desselben Vormittags verhaftet worden.
„Hätten wir nur sichere Auskunft über die Stärke der britischen
Flotte,“ sagte der Oberstleutnant, der Heideck diese Mitteilungen
gemacht hatte. „Zuweilen bin ich wirklich geneigt, zu glauben, daß
diese Flotte durchaus nicht so gefechtstüchtig ist, wie bisher von
aller Welt angenommen wurde. Es ist eben für den Außenstehenden so
gut wie unmöglich, in die Zustände der englischen Marine einen klaren
Einblick zu gewinnen. Ganz methodisch werden, soweit ich zurückdenken
kann, falsche Berichte über die Flotte offiziell, offiziös und privatim
verbreitet. Von Zeit zu Zeit tritt dann im Parlament irgend ein von
der Regierung dazu bestimmter Redner auf, der die Marineverwaltung in
der heftigsten Weise angreift. Dieser wird von einem Vertreter der
Admiralität widerlegt, und der Welt ist wieder einmal Sand in die Augen
gestreut worden. An einem der letzten Geburtstage der Königin Viktoria
war, wie es hieß, ein gewaltiges Geschwader auf der Reede von Spithead
zur Revue vereinigt. Aber es wurde keinem Ausländer ermöglicht, diese
imposante Flotte näher zu betrachten, und ich bin sehr geneigt, zu
glauben, daß es mit ihr ganz ähnlich bestellt war, wie mit jenen
berühmten Kulissendörfern, die Potemkin der russischen Kaiserin bei
ihrer Reise nach der Krim zeigte. Die offiziellen Angaben gehen dahin,
daß England über 400 Kriegsschiffe hat, wobei die Torpedoboote nicht
eingerechnet sind. Darunter sind aber recht viel veraltete und wenig
kriegstüchtige Fahrzeuge.“
Heideck nickte.
„Wäre die englische Flotte wirklich so kriegstüchtig, wie man glaubt,
so wäre es ja in der Tat schwer zu verstehen, daß sie noch nichts
Entscheidendes unternommen hat.“
„Das ist auch meine Ansicht. Die Flotte von Kopenhagen hätte längst
einen Angriff auf den Kieler Hafen ins Werk setzen können. Es hieß
ja, sie solle die russische Flotte in Schach halten. Aber das war ja
doch anfänglich überflüssig, so lange der Bottnische und der Finnische
Meerbusen vom Eise blockiert waren und die russischen Geschwader sich
gar nicht bewegen konnten. Diese Kriegführung erinnert lebhaft an die
Zustände im Krimkriege, wo eine gewaltige englische Flotte unter allen
Posaunenstößen der Reklame gegen Kronstadt und Petersburg auszog,
aber nichts anderes ausrichtete, als das Bombardement des obskuren
Bomarsund, so daß die englische Presse nur mit Mühe das große Fiasko
ihrer weltberühmten Flotte bemänteln konnte.“
„Ich denke,“ sagte Heideck, zu dem Ausgangspunkt ihrer Unterhaltung
zurückkehrend, „daß wir uns um die Verbindungen der Gräfin Arselaarts
und der Herren Amelungen und Konsorten nicht weiter zu kümmern
brauchen. Mit diesen Leuten mögen sich jetzt die Kriegsgerichte
beschäftigen. Ungleich wichtiger ist mir der Schiffer Brandelaar, den
ich in der Hand habe, und durch den, vielleicht im Verein mit Camille
Pénurot, ich noch Nachrichten über die britische Flotte und deren
beabsichtigte Verwendung zu erhalten hoffe. Brandelaars Schiff dürfte
jetzt vor Terneuzen liegen. Ich möchte Sie bitten, Herr Oberstleutnant,
den Mann und seine Leute noch heute verhaften zu lassen.“
„Wie stimmt das zu Ihrer Absicht, ihn als Spion in unserem Interesse zu
benutzen?“
„Ich vergaß, Ihnen zu sagen, daß es sich dabei um eine zwischen
Brandelaar und mir getroffene Verabredung handelt. Er selbst hielt es
zu seiner eigenen Sicherheit der Mannschaft gegenüber für geboten.
Natürlich darf es sich nur um ein Scheinverhör handeln, und der Mann
muß wegen Mangels an Beweisen sobald als möglich wieder freigelassen
werden, damit er schon morgen nach England zurückkehren kann.“
Der Oberstleutnant versprach, nach dem Wunsche des Majors zu verfahren.
Am Abend desselben Tages traf Heideck in einer verabredeten Weinstube
mit Pénurot zusammen.
„Unser Geschäft ist etwas verwickelt,“ sagte Heideck. „Es muß doch noch
mehr Leute geben, die für Ihren Vater arbeiten, und die wir bisher
nicht kennen.“
„Woraus schließen Sie das, Herr Major?“
„Ihr Vater besaß Briefe, die vom Admiral Hollway bestellt worden waren,
aber nicht durch Brandelaar befördert worden sind.“
„Ja, ja, ich weiß. Ich kann mir's denken.“
„Wissen Sie, wer die Ueberbringer waren?“
„Ich kenne sie nicht genau, aber ich habe meine Vermutungen.“
„Können Sie mir keine sicheren Auskünfte verschaffen?“
„Ich will es versuchen.“
„Wie wollen Sie das anfangen?“
„Es gibt hier Matrosenkneipen, in denen ich die Leute aufzuspüren
hoffe. Aber es sind verzweifelte Burschen, und es ist nicht
ungefährlich, sich mit ihnen einzulassen.“
„Wenn Sie mir jene Kneipen näher bezeichnen wollen, werde ich noch
heute Abend die ganze Gesellschaft, die dort verkehrt, festnehmen
lassen.“
„Um des Himmels willen nicht, Herr Major! Damit würden wir alles
verderben. Diese Menschen würden sich eher in Stücke schneiden lassen,
als daß sie Ihnen etwas verrieten. Wenn jemand sie zum Reden bringen
kann, so bin ich es.“
„Sollten Sie sich da nicht zuviel zutrauen?“
„Nein, nein. Ich verstehe mich darauf, mit ihnen umzugehen, und ich
weiß manches, was ihnen den Mund öffnen wird.“
„Nun wohl, so tun Sie, was Sie können. Die Sache ist wichtig. Mir liegt
sehr viel an einem Mann, der zuverlässige Auskunft über die britische
Flotte beschaffen könnte, und Sie wissen, daß wir mit Geld nicht
sparen.“
Pénurot war auf der Stelle bereit, das schwierige Unternehmen zu
versuchen, und er verabschiedete sich von Heideck mit dem Versprechen,
bald nach Mitternacht hier in der nämlichen Weinstube wieder mit ihm
zusammenzutreffen.
Bald nach ihm verließ Heideck das Restaurant und ging, seine heiße
Stirn zu kühlen, den Quai Van Dyck entlang.
Die Stadt hatte in dieser Kriegszeit ein eigentümlich verändertes
Aussehen angenommen. In den Straßen wimmelte es von deutschen Soldaten,
der sonstige lebhafte Verkehr am Hafen hatte vollständig aufgehört.
Es gab ja keinen Handel mehr, seitdem die deutschen Kriegsschiffe
gleich schwimmenden Zitadellen in der Schelde lagen. Und doch war es
beinahe unbegreiflich, wie das alles so schnell hatte kommen können.
Antwerpen war eine fast uneinnehmbare Festung, wenn die Ueberschwemmung
des umliegenden Landes rechtzeitig ins Werk gesetzt wurde. Aber die
belgische Regierung hatte nicht einmal einen Versuch der Verteidigung
gemacht, als die Spitzen des siebenten und achten Armeekorps in
der Nähe der Stadt erschienen waren. Ohne weiteres hatte sie die
Festung mit all ihren starken Außenforts der deutschen Heeresleitung
ausgeliefert und ihre eigene Armee zurückgezogen. Der Reichskanzler
hatte wohl recht, wenn er die Bedeutung Antwerpens für das Deutsche
Reich so hoch bewertete. Die Bevölkerung war fast ausschließlich
vlämisch, und Antwerpen war somit der Nationalität nach eine deutsche
Stadt.
Aber von der allgemeinen Weltlage kehrten Heidecks Gedanken an diesem
Abend immer wieder zu Edith und ihrem Briefe zurück, so daß er sich
endlich dazu entschloß, ihr noch heute zu schreiben.
Um seinen Plan auszuführen, ging er in das Restaurant zurück, in dem
seine Zusammenkunft mit Pénurot stattgefunden hatte, und ließ sich
Papier und Tinte geben. Als er den Brief beendet hatte, überflog
er noch einmal die Zeilen, in denen er, ganz gegen seine sonstige
Gewohnheit, sein Herz hatte sprechen lassen:
‚Meine liebe Edith! Durch einen Zufall gelangte ich bei Ausübung
meines Dienstes in den Besitz des Briefes, den Du an Frau Amelungen
geschrieben. Es geschah, als ich nach ganz anderen Dingen suchte,
und Du kannst Dir wohl denken, wie groß meine Ueberraschung bei der
unverhofften Entdeckung war.
Seit der Stunde, da wir uns trennen mußten und Du mir vielleicht
nicht ohne Groll und Vorwurf die Hand zum Abschied reichtest, fühle
ich immer mehr, wie unentbehrlich Du mir bist. Ich bewahre jedes
Wort, das Du zu mir gesprochen, jeden Blick, den Du mir geschenkt, in
meiner Erinnerung, und immer schöner, immer leuchtender steht Dein
Bild vor meiner Seele.
Nie habe ich bei einer Frau einen so schönen, feinen und scharfen
Geist gefunden wie bei Dir. Ich darf nicht verschweigen, daß Deine
Gedanken mich anfangs zuweilen erschreckt haben: Deine Anschauungen
entfernen sich oft so weit von dem Alltäglichen und erheben sich
so hoch über das Gewöhnliche, daß man Zeit braucht, um sie recht
zu würdigen. Wenn ich jetzt zurückdenke an das, was mich einst
befremdete, so geschieht es nur mit Empfindungen der Bewunderung. Von
Tag zu Tag hat sich der Eindruck vertieft, den ich bei unserer ersten
Unterredung von Dir empfing, und immer unerschütterlicher ist in mir
die beglückende Gewißheit geworden, daß die Liebe zu Dir der Inhalt
meines ganzen künftigen Lebens sein wird.
Trotzdem darf ich es nicht beklagen, daß ich die Kraft hatte, mich in
Neapel von Dir zu trennen. Der schöne Traum unseres Zusammenlebens
wäre von der rauhen Wirklichkeit ja doch bald genug zerstört worden.
Mein Dienst führt mich bald hierher, bald dorthin, und so lange
dieser Krieg währt, bin ich nicht eine Stunde lang Herr über mich
selbst. Wir müssen Geduld haben, Edith! -- Auch dieser Feldzug kann
nicht ewig währen, und wenn es der Himmel beschlossen hat, mich
lebend aus ihm hervorgehen zu lassen, werden wir uns wiedersehen, um
uns nie mehr zu trennen.
Du wirst mir auf diesen Brief vielleicht nicht antworten können. Denn
die Verbindung mit Frau Amelungen ist unterbrochen. Aber ich weiß,
daß Du mir antworten wirst, wenn es Dir möglich ist, und ich bin
glücklich in der Vorstellung, Dir durch dieses Lebenszeichen eine
Freude bereitet zu haben, der, wie ich hoffe, bald die noch schönere
des Wiedersehens folgen wird.