Auf seinem Bureau, das in der Nähe des Hotels zum ‚Herzog von
Wellington‘ lag, fand Heideck seine Untergebenen in eifrigster
Tätigkeit. Ein Leutnant war damit beschäftigt, die französischen und
deutschen Zeitungen auf bemerkenswerte Mitteilungen hin durchzusehen,
während ein anderer die russischen und die englischen Blätter
studierte. Von den letzteren gab es freilich nicht viele und nicht die
neuesten Nummern. Denn man war ausschließlich auf diejenige Lektüre
angewiesen, die waghalsige Schiffer und Fischer heimlich von den
britischen Inseln herüberschmuggelten.
Aus Petersburg lagen mehrere Depeschen vor, die neue Siegesnachrichten
aus Indien brachten.
Die russische Armee war bis nach Lucknow vorgedrungen, ohne daß
seit der Schlacht bei Delhi ein nennenswerter weiterer Zusammenstoß
stattgefunden hatte. Es schien, als ob die Engländer vorläufig dem
Feinde ihre Armee nicht mehr im offenen Felde entgegenstellen wollten,
sondern darauf rechneten, daß die Russen bei der nunmehr herrschenden
Sommerhitze und bei der enormen Länge ihrer Etappenstraßen nicht in
genügender Stärke bis zu den südlichen Provinzen gelangen würden,
um einen dort zu leistenden energischen Widerstand zu brechen.
Aber Heideck glaubte nicht mehr an die Möglichkeit eines solchen
Widerstandes und schloß aus den Nachrichten über beständige Nachschübe
durch den Kaiberpaß, daß alle Verluste der Russen rasch genug ersetzt
würden. Den Engländern würde seiner Meinung nach kaum etwas anderes
übrig bleiben, als die Trümmer ihrer Armee in den Häfen von Kalkutta,
Madras und Bombay einzuschiffen und so wenigstens einen Teil der
geschlagenen Streitkräfte aus Indien zu retten.
Während seines Verweilens in dem Bureau kamen unausgesetzt Depeschen
aus Wilhelmshaven, Kiel, Brest und Cherbourg. Der Nachrichtendienst an
der ganzen nördlichen Küste stand unter Heidecks Leitung.
Die strategische Lage war im großen und ganzen, von einzelnen
Seegefechten abgesehen, seit Monaten unverändert. Auf englischer Seite
sowohl wie auf Seite der Alliierten trug man Bedenken, sich auf eine
entscheidende Schlacht einzulassen. Die englischen Flotten wagten so
wenig einen Angriff auf die feindlichen Häfen, als die Geschwader der
vereinigten Festlandsmächte geneigt erschienen, ihr Glück auf hoher
See zu versuchen. Beide Parteien suchten Fühlung mit dem Feinde zu
gewinnen, auf den günstigen Augenblick wartend, wo eine Schwäche des
Gegners Aussicht auf ein erfolgreiches Vorgehen bieten würde.
„Es ist erstaunlich,“ sagte einer der Offiziere aus Heidecks Umgebung,
„was diese Küstenbewohner riskieren. In ihren Fischerbooten fahren sie
über den Kanal und schlüpfen an den Kriegsschiffen vorbei. Der Mann,
der die neuesten englischen Zeitungen gebracht hat, sagte mir, daß
er dicht in der Nähe der Kriegsschiffe hinführe, um den Eindruck der
Harmlosigkeit zu erwecken. Und es bedarf fürwahr nicht geringen Mutes,
um das zu wagen.“
„Aber die Spione unserer Gegner stehen ihnen darin nicht nach. Ich habe
gestern mehr zufällig als durch eigenes Verdienst in der Scheldemündung
einen in englischem Solde stehenden Heringsfischer ertappt, und ich bin
dabei auf eine anscheinend wichtige Spur gestoßen, die ich in Antwerpen
weiter zu verfolgen gedenke. Zuvor aber will ich mich bei dem Kanzler
melden.“
„Sie finden ihn nicht mehr in Vlissingen. Er ist mit dem Kriegsminister
und dem Chef des Generalstabs nach Antwerpen gefahren, wie ich
höre, zum Zwecke wichtiger Verhandlungen mit dem französischen
Generalstabschef.“
„Haben Sie vielleicht auch etwas näheres über die Natur dieser
Verhandlungen in Erfahrung bringen können?“
„Nur soviel, daß die Frage weiterer Mobilmachungen erörtert werden
soll. Es scheint jedoch, als hielte man die sechs Armeekorps, die wir
bis jetzt auf Kriegsfuß haben, für unsererseits ausreichend. Wir führen
keinen Landkrieg, weshalb also sollte man den Völkern ohne zwingende
Not die Lasten einer weiteren Mobilmachung auferlegen?“
„Freilich, die Opfer, die dieser Krieg fordert, gehen ja ohnedies ins
Ungemessene, da Industrie und Handel völlig darniederliegen.“
„Niemand gewinnt bei diesem Weltenbrande als Amerika. Die Vereinigten
Staaten liefern seit Ausbruch des Krieges den Engländern alles, was sie
bisher von dem europäischen Kontinent bezogen.“
„Nun, nach der Entscheidung wird sich ja alles wieder ausgleichen.
Jetzt aber, da es hier nichts Dringendes mehr für mich zu tun gibt, ist
es wohl an der Zeit, daß ich mich nach Antwerpen begebe.“
* * * * *
Eberhard Amelungen vermochte seine Betroffenheit nicht zu verbergen,
als er einen Offizier in der Uniform des preußischen Generalstabs über
die Schwelle seines Privatkontors treten sah.
Er war ein Mann von etwa sechzig Jahren und der typischen Erscheinung
des soliden, ehrenhaften Kaufmanns.
„Ich bin einigermaßen überrascht, mein Herr,“ sagte er gemessen. „Womit
kann ich Ihnen dienen?“
Heideck stellte sich vor und nannte ihm ohne Umschweife die Ursache
seines Erscheinens.
„Ich habe Grund, zu vermuten, Herr Amelungen, daß Sie, wenn nicht alle,
so doch einige Hauptfäden eines weitverzweigten Spionagenetzes in Ihren
Händen halten. Und ich glaube, daß es in Ihrem Interesse liegen würde,
mir aus freien Stücken die volle Wahrheit zu sagen. Wir wissen schon so
viel, daß es Ihnen voraussichtlich wenig nützen wird, sich aufs Leugnen
zu verlegen.“
Amelungen spielte mit dem Federhalter, aber seine Hände zitterten
merklich, und er suchte vergebens nach Worten. Sein Gesicht war
aschfahl geworden, und Heideck konnte sich einer Regung des Mitleids
nicht erwehren.
„Es tut mir leid, durch mein Amt zum Vorgehen gegen Sie gezwungen
zu werden,“ fuhr er fort. „Ich kann ja Ihre Beweggründe sehr wohl
verstehen. Sie sind Niederländer und Patriot, und da Sie die politische
Lage vielleicht nicht vollkommen verstehen, stellt sich Ihnen die
Okkupation Ihres Vaterlandes durch eine fremde Macht als ein Gewaltakt
dar, der Sie mit Haß und Zorn gegen uns erfüllt. Darum glaube ich,
Ihnen versprechen zu dürfen, daß man Sie mit aller nur möglichen
Milde behandeln wird, sofern Sie mir meine Aufgabe durch ein offenes
Geständnis erleichtern.“
Eberhard Amelungen schüttelte den Kopf.
„Ich weiß nichts von dem, dessen Sie mich da beschuldigen,“ sagte er
tonlos. „Sie haben die Gewalt in Händen und können daher über mich
verfügen. Aber ich habe nichts zu gestehen.“
„Auch dann nicht, wenn ich Ihnen sage, daß ich meine Wissenschaft aus
dem Munde Ihres eigenen Sohnes habe?“
Der Kaufmann starrte den Sprechenden mit großen, angstvollen Augen an.
„Aus dem Munde meines Sohnes? -- Aber ich -- ich habe ja gar keinen
Sohn.“
„So hat Herr Camille Pénurot also gelogen, als er Sie seinen Vater
nannte?“
„Um Gottes willen, seien Sie barmherzig! Spannen Sie mich nicht auf die
Folter! Was ist's mit Camille? Wo befindet er sich? --“
„Er ist bei der Ausübung der Spionage betroffen worden. Und was weiter
mit ihm geschieht, wird zum großen Teil von Ihrem eigenen Verhalten
abhängen.“
Eberhard Amelungen fiel wie gebrochen in seinen Schreibsessel.
„Mein Gott -- mein Gott! -- Sie haben doch nicht die Absicht, ihn ins
Gefängnis zu werfen -- ihn vielleicht gar zu erschießen?“
„Sein Schicksal liegt, wie Sie sich denken können, nicht allein in
meiner Hand. Aber mein Einfluß ist vielleicht gerade in diesem Fall
ziemlich bedeutend, und es würde jedenfalls von Wert sein, wenn ich
ihn zu Ihren und zu seinen Gunsten in die Wagschale werfen würde.
Darum gebe ich Ihnen noch einmal zu bedenken, ob Sie nicht nach Lage
der Dinge am besten tun würden, ganz offen gegen mich zu sein. Ihre
Hintermänner können Sie nicht mehr schützen, und Sie dürfen Ihre
Hoffnungen nur noch auf die Milde der deutschen Behörden setzen. Weisen
Sie darum die Möglichkeit nicht zurück, sich diese Milde zu sichern.“
Der Handelsherr kämpfte ersichtlich einen schweren Kampf. Aber nach
Verlauf einiger Augenblicke hob er den Kopf und erwiderte in einem
veränderten, trotzig klingenden Tone:
„Machen Sie mit mir, was Sie wollen -- ich habe nichts zu gestehen.“
Nun nahm auch Heideck eine strengere, dienstliche Haltung an.
„Dann werden Sie sich nicht beklagen dürfen, wenn ich jetzt damit
beginne, eine Haussuchung bei Ihnen vorzunehmen.“
„Verfahren Sie, wie Sie es für gut halten. Der Eroberer darf sich ja
alles herausnehmen.“
Heideck öffnete die Tür und ließ zwei der Berliner Kriminal-Polizisten
eintreten, die mit einer großen Anzahl von Schutzleuten nach Antwerpen
kommandiert worden waren, und die er sich für diesen Gang ausgebeten
hatte. Er war allerdings von vornherein überzeugt, daß sie nichts
finden würden; denn Eberhard Amelungen wäre sehr ungeschickt gewesen,
wenn er sich nicht längst auf die Möglichkeit eines solchen Besuches
vorbereitet und danach seine Maßnahmen getroffen hätte. Es war dem
Major, als er sie mitgebracht hatte, viel mehr um den moralischen
Eindruck der ganzen Prozedur zu tun gewesen. Und er war Menschenkenner
genug, um zu sehen, daß dieser in der Tat nicht ausblieb.
„Noch eins, Herr Amelungen,“ sagte er. „Ungefähr in demselben
Augenblick, wo wir hier mit der Nachsuchung beginnen, wird eine solche
auch in Ihrer Privatwohnung erfolgen. Ich erwarte in jeder Minute den
Bericht der damit betrauten Beamten.“
Amelungen atmete schwer. Sein scheuer Blick suchte in Heidecks Gesicht
zu lesen. Dann, nach einem letzten inneren Kampfe, flüsterte er:
„Schicken Sie diese Leute hinaus, Herr Major! -- Ich möchte unter vier
Augen mit Ihnen reden.“
Als Heideck seinem Verlangen Folge geleistet hatte, fuhr er in
hastigen, wie in schwerer Anstrengung hervorgestoßenen Worten fort:
„Sie sehen in mir einen Bedauernswerten, der ganz gegen seinen
Wunsch und Willen in Verhältnisse verwickelt worden ist, die ihn
kompromittieren. Wenn es hier einen Schuldigen gibt, so sind es mein
Schwager van Spranekhuizen und die Dame in Brüssel, die mit meiner Frau
korrespondiert. Ich habe hier und da die Mittelsperson gemacht, wenn es
sich um die Beförderung der Korrespondenzen oder um die Ueberweisung
von Geldbeträgen an die Gräfin -- an die Dame handelte; aber ich habe
persönlich niemals irgend welchen Anteil genommen an den Dingen, die
dabei in Frage standen.“
„Das ist eine Auskunft, die mir nicht genügen kann. Ich setze keinen
Zweifel in die Wahrheit Ihrer Worte, aber ich müßte über alle
Einzelheiten unterrichtet sein, ehe ich von weiteren Maßnahmen gegen
Sie abstehen könnte. Wer ist die Dame, von der Sie sprachen?“
„Eine frühere Hofdame der verstorbenen Königin.“
„Und ihr Name?“
„Gräfin Clementine Arselaarts.“
„Wie sind Sie zu ihrer Bekanntschaft gekommen?“
„Sie ist eine Freundin meiner Frau, die sie im vorigen Jahre
gelegentlich eines Aufenthalts in Brüssel kennen lernte.“
„Und Ihre Frau ist eine Engländerin?“
„Ja -- eine geborene Irwin.“
Eine Flut wehmütiger Erinnerungen stürmte beim Klang dieses Namens auf
Heideck ein.
„Irwin?“ wiederholte er. „Hat diese Dame vielleicht auch Verwandte in
der britischen Armee?“
„Ich hatte einen Schwager, der als Kapitän bei den indischen Lancers
diente. Aber er ist nach den uns zugegangenen Nachrichten in der
Schlacht bei Lahore gefallen.“
Der Major hatte Mühe, seine Erregung zu meistern, doch als hätte er
sich schon zu lange von seiner Pflicht ablenken lassen, kehrte er
hastig zu dem eigentlichen Gegenstand seines Verhörs zurück.
„Sie sagten, daß Sie der Gräfin Arselaarts Geldbeträge überwiesen
haben. In wessen Auftrage? -- Und für wessen Rechnung geschah dies?“
„Für Rechnung der englischen Regierung und auf die Ordre eines
englischen Bankhauses hin, mit dem ich seit vielen Jahren in
geschäftlicher Verbindung stehe.“
„Waren die Beträge bedeutend?“
„Sie beliefen sich während der letzten Zeit auf durchschnittlich
zehntausend Francs im Monat.“
„Und in welcher Form erfolgte die Ueberweisung?“
„Ich sandte die Summen zuweilen in bar, manchmal auch in einem Scheck
auf Brüsseler Bankhäuser.“
„Besitzen Sie irgend welche Ausweise darüber -- vielleicht eine
Quittung von der Hand der Gräfin?“
Amelungen zauderte.
„Ich empfehle Ihnen dringend, mir nichts vorzuenthalten. Für Sie wie
für Ihre in diese Angelegenheit verwickelten Angehörigen steht so viel
auf dem Spiel, daß Ihnen alles daran gelegen sein muß, sich durch
freimütiges Bekennen eine milde Behandlung zu erwirken.“
„Nun denn -- ich besitze solche Quittungen.“
„Wollen Sie sie mir aushändigen?“
Amelungen zog eine Schublade aus seinem Schreibtisch und ließ durch
Federdruck ein dahinter verborgenes Geheimfach aufspringen.
„Da sind sie!“ sagte er, indem er Heideck ein Päckchen von
Briefblättern überreichte. Das scharfe Auge des Majors aber hatte
mit raschem Blick erspäht, daß sich noch andere Papiere in dem Fache
befanden, und mit höflicher Bestimmtheit bestand er auch auf deren
Auslieferung.
„Es sind belanglose Privatbriefe,“ wollte Amelungen einwenden,
„Korrespondenzen meiner Frau, die sie zufällig hier in meinem Kontor
zurückgelassen und von deren Inhalt ich selbst keine Kenntnis habe.“
„Seien Sie versichert, daß wir mit harmlosen Privatkorrespondenzen
keinen Mißbrauch treiben. Aber ich muß unbedingt das Recht in Anspruch
nehmen, mich zuvor durch eigene Prüfung von der Richtigkeit Ihrer
Aussagen zu überzeugen.“
Der Kaufherr mochte wohl einsehen, daß es kein Ausweichen mehr gab, und
überreichte sichtbar erregt Heideck das kleine Konvolut.
Der Major nahm es an sich, ohne den Inhalt sogleich einer genaueren
Prüfung zu unterziehen.
„Und Sie versichern mir bestimmt, Herr Amelungen, daß sich sonst nichts
auf diese Angelegenheit Bezügliches in Ihren Händen befindet?“
„Nichts! Ich versichere es Ihnen bestimmt, Herr Major!“
Heideck stand auf.
„So lege ich Ihnen hiermit die Verpflichtung auf, daß Sie keinen
Versuch machen, die Stadt zu verlassen oder sich sonstwie den deutschen
Behörden zu entziehen. Sie werden diese Verpflichtung nicht nur für
Ihre eigene Person, sondern auch für die Ihrer Gattin übernehmen; und
Sie werden mir außerdem versprechen, sofort alle Beziehungen zu den in
diese Spionage-Angelegenheit verwickelten Persönlichkeiten abzubrechen
-- es sei denn, daß Sie auf unsere Veranlassung und im Einvernehmen mit
uns handelten.“
Eberhard Amelungen, dessen Widerstandskraft in dieser qualvollen Stunde
gänzlich gebrochen schien, nickte zustimmend.
„Ich verspreche Ihnen das eine wie das andere, Herr Major!“
Heideck ließ einen Kriminalbeamten, nachdem er ihm Instruktionen
erteilt hatte, zur Beobachtung zurück und begab sich unverzüglich
in das Bureau des Oberstleutnants von Nollenberg, der dem
Nachrichtendienst für Antwerpen vorstand. Er berichtete ihm von
dem Ergebnis seiner Unterredung und prüfte in seiner Gegenwart die
konfiszierten Papiere.
Es waren zum guten Teil Briefe der Gräfin Clementine Arselaarts an
Frau Beatrix Amelungen, und, abgesehen von einigen Wendungen, die zu
Wachsamkeit und Schnelligkeit mahnten, von unverfänglichem Inhalt.
Daneben aber befand sich in einem besonderen, mehrfach versiegelten
Umschlage ein auf allen vier Seiten engbeschriebenes Briefblatt, das
nicht ohne weiteres leserlich war, weil die Buchstaben scheinbar ganz
regellos und willkürlich durcheinander geworfen waren.
„Chiffreschrift!“ sagte Heideck. „Aber wir werden schon dahinter
kommen, was sie verbirgt. Sie haben ja einige tüchtige Dechiffreure zu
Ihrer Verfügung, Herr Oberstleutnant, und es dürfte gut sein, wenn sie
sich sofort an die Arbeit machten.“
Er setzte die Prüfung fort, und plötzlich schlug es wie eine Blutwelle
in sein Gesicht, denn in seinen Händen hielt er jetzt einen Brief,
dessen Handschrift er auf den ersten Blick als diejenige Ediths erkannt
hatte.
Er lautete:
‚Liebe Beatrix! Wie Du siehst, bin ich wieder in England angekommen.
Du weißt, daß ich als Witwe zurückgekehrt bin, und Du darfst mir
glauben, daß es schreckliche Dinge waren, die ich erleben mußte.
Dein Bruder ist bei Lahore auf dem Felde der Ehre gefallen; mir aber
ist es nach unsäglichen Schwierigkeiten gelungen, unter dem Schutze
des Generalanwalts Kennedy und seiner Familie Indien zu verlassen.
Ich müßte ein Buch füllen, um Dir alle Schrecknisse unserer Reise zu
schildern. Doch es ist wohl jetzt nicht der rechte Zeitpunkt, über
ein trauriges Einzelschicksal zu klagen. Wir alle sind Fremdlinge und
Pilger auf Erden, die ihr Kreuz tragen müssen, so wie es ihnen eben
auferlegt wurde.
Der unmittelbare Anlaß meines heutigen Schreibens ist eine
Angelegenheit, in der ich Deiner Meinungsäußerung bedarf. Als ich
hier bei meinen Eltern ankam, erfuhr ich, daß Onkel Godfrey am
16. April gestorben ist. Ich weiß nicht, ob Du bereits Kenntnis
davon hast, da ja jede regelmäßige Verbindung mit dem Kontinent
unterbrochen ist. Onkel Godfrey hat ein Testament hinterlassen,
in dem er sein ganzes Vermögen Dir als seiner Nichte und meinem
verstorbenen Mann zu gleichen Teilen vermacht. Sein Besitz ist
größer gewesen, als mein Mann ihn geschätzt hatte. Nach der Teilung
würde meinem Mann ebenso wie Dir eine jährliche Rente von 5000 Pfund
zugefallen sein. Nun ist Dein Bruder aus dem Leben geschieden, ohne
eine letztwillige Verfügung zu hinterlassen. Aber mein Rechtsanwalt
sagt mir, daß ich als seine alleinige Erbin Anspruch auf den ihm
zugefallenen Teil des Nachlasses habe. Um mich darüber mit Dir
verständigen zu können, habe ich mich hierher nach Dover begeben;
denn ich habe erfahren, daß es nur mit Hilfe des Admiral Hollway,
der den Sicherheitsdienst unserer Küste leitet, möglich sein würde,
den Brief nach Antwerpen gelangen zu lassen. Zu meiner Ueberraschung
teilte mir der Admiral mit, daß ihm Dein Name bekannt sei, und er
übernahm es bereitwilligst, diesen Brief an Dich zu befördern. So
bitte ich Dich denn um Deine Zustimmung zu einer Teilung von Onkel
Godfreys Erbschaft zwischen Dir und mir. Ich glaube ja nicht, daß Du
irgend welche Bedenken haben wirst, aber ich halte es für geboten,
Deine ausdrückliche Einwilligung einzuholen. Ich werde mich freuen,
von Dir zu hören, daß es Dir wohl geht.
Getreulich die Deinige! Edith Irwin.
~P. S.~ In Indien habe ich die Bekanntschaft eines deutschen
Offiziers gemacht, der mir während der Schreckenszeit des Krieges
große Dienste leistete und mir wiederholt das Leben gerettet hat.
Er ist mit der Familie Kennedy und mir auf der ‚Caledonia‘ bis nach
Neapel gefahren und von dort nach Berlin weitergereist, während wir
unsere Reise auf einem Kriegsschiff durch die Straße von Gibraltar
nach Southampton fortsetzten. Dieser Offizier ist ein Hauptmann
Heideck vom preußischen Generalstab. Ich würde Dir dankbar sein, wenn
Du Dich erkundigen wolltest, wo er sich gegenwärtig befindet. Es
liegt mir daran, seine Adresse zu erfahren. Ich bleibe vorläufig in
Dover, und Briefe erreichen mich unter der Adresse der Mrs. Jones, 7
St. Pauls Street.‘
Eine Welt peinigender Erinnerungen lebte beim Lesen dieses Briefes
in Heidecks Herzen auf. Er zweifelte keinen Augenblick, daß die
Nachschrift, in der sein Name vorkam, der eigentliche Zweck des
Schreibens war. Alles andere war sicherlich nichts als ein Vorwand;
denn er wußte, mit welcher Gleichgiltigkeit Edith alle ihre
Geldangelegenheiten behandelte, und war überzeugt, daß es ihr mit der
Regelung dieser Erbschaft durchaus nicht so eilig war, als es nach
ihrem Brief den Anschein haben mußte.
Der Oberstleutnant trat auf ihn zu und sagte:
„Die Entzifferung des Schriftstücks ist schneller gelungen, als ich
zu hoffen gewagt. Und ich habe sofort an das Polizeiamt in Schleswig
telegraphiert, daß der Verfasser, ein gewisser Brodersen, unverzüglich
verhaftet werde. Bitte überzeugen Sie sich selbst, was für Freunde wir
dort unter den Dänen haben.“
Heideck las:
‚Im Kieler Hafen liegen von größeren Kriegsschiffen nur die
Schlachtschiffe ‚Oldenburg‘, ‚Baden‘, ‚Württemberg‘, ‚Bayern‘,
‚Sachsen‘, die großen Kreuzer ‚Kaiser‘, ‚Deutschland‘, ‚König
Wilhelm‘, die kleinen Kreuzer ‚Gazelle‘, ‚Prinzeß Wilhelm‘, ‚Irene‘,
‚Komet‘ und ‚Meteor‘, sowie die Torpedodivisionsboote ‚D 5‘ und ‚D
6‘ mit ihren Divisionen. Außerdem ca. 100 große und kleine Dampfer
des Norddeutschen Lloyd, der Hamburg-Amerika-Linie, der Stettiner
Gesellschaft u. a. Alle großen Dampfer sind mit Schnellfeuerkanonen
und Maschinengewehren, die kleinen nur mit Maschinengewehren
ausgerüstet. Aus Hannover, Mecklenburg, Pommern und der Provinz
Sachsen sind 50000 Mann Infanterie und Artillerie mit nur zwei
Regimentern Husaren in der Nähe von Kiel zusammengezogen worden.
Ueber die Pläne der deutschen Regierung gehen die Ansichten
meiner Freunde auseinander. Möglicherweise ist ein Heranziehen
von Linienschiffen durch den Kaiser Wilhelm-Kanal und ein mit der
russischen Flotte kombinierter Angriff auf die britische Flotte bei
Kopenhagen beabsichtigt.
Am wahrscheinlichsten ist, daß die Transportflotte die bei Kiel
zusammengezogene Armee aufnehmen und durch den Kaiser Wilhelm-Kanal
in die Nordsee bringen soll, wo dann eine Vereinigung mit der bei
Antwerpen liegenden deutschen Schlachtflotte und den von Cherbourg
herüberkommenden französischen Geschwadern stattfinden würde. Unter
dem Schutze der Schlachtflotte würde man versuchen, die deutsche
Armee und die von Boulogne kommenden französischen Truppen bei
Dover oder sonst einem nahen Punkte der englischen Küste an Land zu
bringen.
Ich bestätige Herrn van Spranekhuizen den Empfang von 10000 Frs,
bitte aber um weitere Uebersendung des doppelten Betrages. Meine
Agenten setzen ihr Leben ein und wollen nicht billiger arbeiten.‘
„Auch du, mein lieber Brodersen, hast dein Leben eingesetzt,“ sagte
der Oberstleutnant ernst, „und ich möchte in diesem Augenblick nicht
allzuviel dafür geben.“
„Diese Notizen sind für uns recht lehrreich,“ bemerkte Heideck.
„Wenn wir den Admiral Hollway in dem Glauben bestärken, daß wir
nicht von Kiel, sondern von Antwerpen aus eine Landung der deutschen
Truppen in England beabsichtigen, so wird unsere in Kiel vereinigte
Transportflotte mit um so größerer Sicherheit die Nordsee passieren und
die Landung in Schottland bewerkstelligen können.“
[Illustration]