Als Heideck mit seinem Gefangenen, dem Herrn Camille Pénurot, wieder
auf der ‚Gefion‘ anlangte, fand er den Kommandanten trotz der
vorgerückten Stunde auf Deck. Er meldete sich bei ihm und bat, Pénurot
als Gast zu behandeln.
„Ich war schon in einiger Sorge um Sie,“ sagte der Kapitän, „und nahe
daran, die Dampfpinasse nachzuschicken. Haben Sie etwas Wichtiges in
Erfahrung gebracht?“
„Ich denke wohl. Die beiden Halunken, die ich da abgefaßt habe,
scheinen nicht zu der Gattung der gewöhnlichen Spione zu gehören. Es
sind der Schiffer Brandelaar und der Mann, den ich Ihnen mitgebracht
habe.“
„Haben Sie den Schiffer nicht auch in Haft genommen?“
„Ich habe die Absicht, mich der Leute in unserem Interesse zu bedienen
und hoffe, daß Admiral Hollway sich in seinem eigenen Netze fangen
wird.“
„Ist das nicht ein etwas gewagtes Spiel? Wenn die Kerle den Admiral
Hollway verraten haben, so ist ihnen dasselbe doch wohl mit Sicherheit
auch uns gegenüber zuzutrauen.“
„Ich rechne auch weniger auf ihre Ehrlichkeit, als auf ihren Eigennutz
und ihre Furcht. Um den Engländern Nachrichten über uns zu bringen,
müssen sie wieder zu uns kommen, und ich habe sie also in der Hand.“
„Umgekehrt aber trifft dasselbe zu. Ich gestehe, daß ich zu solchen
Doppelspionen herzlich wenig Vertrauen habe.“
„Mir geht es selbstverständlich ebenso; aber ich glaube endlich den
Weg zu der Zentralstelle für das Spioniersystem der Engländer gefunden
zu haben. Ich kann, um der Sache ganz auf den Grund zu kommen, den
Beistand der beiden Kundschafter nicht entbehren.“
„Eine Zentralstelle?“
„Ja. Die Handlanger, die ihr Leben riskieren, sind doch immer von
untergeordneter Bedeutung, und es gilt vor allem, die höher stehenden
Persönlichkeiten zu ermitteln, die sich weislich im Hintergrunde zu
halten wissen.“
„Ich wünsche Ihnen guten Erfolg.“
„Bevor ich nach Antwerpen gehe, wohin mich Herr Pénurot morgen
begleiten soll, möchte ich dem Reichskanzler Bericht erstatten. Darf
ich bitten, mir morgen früh ein Boot zur Verfügung zu stellen, mit dem
ich nach Vlissingen fahren kann?“
„Gewiß, Sie können jedes Boot erhalten, das Sie zu haben wünschen.“
„Dann bitte ich um die Dampfpinasse.“
„Ist es Ihnen vielleicht bekannt, ob der Kanzler noch lange in
Vlissingen bleiben wird?“
„Das entzieht sich meiner Kenntnis. Antwerpen wäre freilich in mancher
Hinsicht ein besserer Plan; aber er ist nach Vlissingen gegangen, um zu
demonstrieren.“
„Um zu demonstrieren?“ wiederholte der Kommandant verwundert.
„Die Engländer erfahren natürlich, daß er sich dort befindet, und seine
Anwesenheit in Vlissingen muß sie in dem Glauben bestärken, daß unsere
Hauptaktion hier von der Mündung der Schelde aus erfolgen wird.“
„Ist es nicht bewunderungswürdig, daß unser Kanzler im Mittelpunkt
aller Operationen steht, obwohl er weder General noch Admiral ist?“
„Wir haben ähnliches doch schon bei Bismarck gesehen. Wenn wir die
Geschichte der Kriege von 1864, 66 und 1870/71 verfolgen, so stehen wir
unter dem Eindruck, daß Bismarck gleichsam die Seele aller Operationen
war, obwohl er seinen militärischen Titel nur als Dekoration trug.“
„Das ist richtig, aber die Verhältnisse lagen doch wesentlich anders.
Bismarck war ein geschulter Beamter, Diplomat, Botschafter, ehe er
Kanzler wurde. Er hatte selbst den Heerführern gegenüber eine gewaltige
Autorität für sich. Unser neuer Reichskanzler entstammt doch aber einer
ganz anderen Sphäre.“
„Aber auch er hat die Macht einer starken Persönlichkeit für sich, und
diese ist es, die in allen großen Dingen den Ausschlag gibt. Der feine
Instinkt des Volkes fühlt, daß der Kaiser die rechte Wahl getroffen
hat, und die allgemeine Beliebtheit des Kanzlers gewährt ihm auch
den Heerführern gegenüber einen mächtigen Rückhalt. Zudem müssen wir
alle ja immer wieder seinen praktischen Verstand und seinen weiten
Gesichtskreis bewundern. Ist nicht die Besetzung Antwerpens dafür ein
neues Beispiel? Belgien ist sonst von der französischen Armee besetzt,
aber der Kanzler hat bei der französischen Regierung durchgesetzt, daß
wir Antwerpen halten, weil unsere Flotte in der Schelde liegt. Und ich
bin sicher, daß wir es niemals wieder herausgeben werden.“
Der Kommandant schüttelte zweifelnd den Kopf.
„Sie glauben wirklich, daß wir Antwerpen so ohne weiteres werden
behalten können?“
„Wir müssen und werden Antwerpen haben. Die Niederlande und Belgien
mögen bestehen bleiben; denn wir können gerechterweise diese Länder
nicht annektieren. Aber die Niederlande und Antwerpen werden zum
Schutze ihrer eigenen Interessen zum Deutschen Reich in ein engeres
politisches Verhältnis treten. Ihre Regierungen sind auf die Dauer
zu schwach, um der revolutionären Bewegungen in ihren Ländern Herr
zu werden. Wir steuern ja unaufhaltsam auf die Bildung größerer
Staatswesen hin. Die Grausamkeit der Kriege erscheint mir dadurch
etwas gemildert, daß der Krieg in seinen Begleiterscheinungen ein
Einigungsmittel der Völker ist.“
„Das klingt sehr schwärmerisch, Herr Major,“ sagte der Kapitän
verwundert, und dem Gespräch eine andere Wendung gebend fuhr er fort:
„Was für Nachrichten denken Sie durch Ihre Mittelspersonen nach Dover
gelangen zu lassen?“
„Ich denke den Admiral in der Meinung zu bestärken, daß wir
mit der Flotte und zahlreichen Dampfern unserer privaten
Schiffahrtsgesellschaften aus der Schelde herauskommen und mit
Unterstützung der französischen Flotte eine Armee nach Dover
hinüberwerfen wollen.“
„Mich wundert, daß die Engländer so gar keinen Versuch machen, unsere
Stellungen zu forcieren. Man ist fast versucht zu glauben, daß die
englische Marine ebensowenig kriegstüchtig sei, wie die englische
Armee. Wenn unsere Gegner sich stark fühlten, würden sie doch wohl
schon längst vor Brest, Cherbourg, Vlissingen, Wilhelmshaven oder Kiel
erschienen sein. Helgoland könnte eine Panzerflotte doch eigentlich
nicht hindern, in die Elbe einzudringen, es müßte der englischen Flotte
vielmehr ein willkommenes Angriffsobjekt sein. Wenn ich über die
englische Flotte zu gebieten hätte, führe ich mit den älteren Panzern
‚Albion‘, ‚Glory‘, ‚Canopus‘, ‚Goliath‘, ‚Ocean‘ und ‚Vengeance‘
gegen Helgoland. Die kleine Insel würde diesen sechs Linienschiffen
schwerlich lange Stand halten, und die deutsche Nordseeflotte --
vorausgesetzt, es wäre eine vorhanden -- würde ehrenhalber aus
Wilhelmshaven hervorkommen müssen.“
„Daß nichts derartiges geschieht, erklärt sich wohl weniger aus dem
englischen Bewußtsein der eigenen Schwäche, als daraus, daß die
Engländer niemanden haben, dessen Genie der Situation gewachsen wäre.
Gewiß fehlt es ihnen nicht an tüchtigen Admiralen, aber es ist kein
Nelson darunter. Auch unser Krieg wäre ja vielleicht unterblieben,
wenn der Kaiser nicht in dem neuen Kanzler das Genie entdeckt hätte,
dessen unsere Zeit bedarf. Die Kriege gegen Dänemark, Oesterreich
und Frankreich wären ohne Bismarcks Initiative schwerlich gekommen.
Große Staaten können auch bei der elendesten Regierung und bei
den größten Fehlern noch lange bestehen, aber ein Aufschwung, ein
wirklicher Fortschritt ist nur durch das Eingreifen einer gewaltigen
Persönlichkeit möglich.“
„Ich bin darin nicht ganz Ihrer Meinung, denn meiner Ueberzeugung nach
sind es die wirtschaftlichen Verhältnisse, die von Zeit zu Zeit zu
großen Umwälzungen drängen. Glauben Sie, daß den Russen beispielsweise
die Eroberung Indiens gelungen wäre, wenn die dortigen wirtschaftlichen
Verhältnisse innerhalb der eingebornen Bevölkerung besser gewesen
wären?“
„Gewiß nicht. Auch ein großer Mann muß den Boden vorbereitet finden,
auf dem seine Kraft sich betätigen soll. Und ich meine, daß unser
Kanzler eben zur rechten Zeit auf dem Plane erschienen ist.“
Heideck beurlaubte sich von dem Kommandanten und zog sich in seine
Kabine zurück, um einen Bericht aufzusetzen und dann die wohlverdiente
Ruhe zu suchen.
Als er sich am nächsten Morgen Herrn Camille Pénurot kommen ließ,
fand er ihn auffallend verändert. Der stutzerhafte Herr zeigte nicht
mehr die niedergeschlagene Miene von gestern, seine dunklen Augen
leuchteten wie in heller Zuversicht. Jetzt am Tage sah Heideck, daß
sein Gefangener ein recht hübscher Mann von etwa 30 Jahren war, der
mehr einem Spanier, als einem Niederländer glich.
Mit höflicher Verbeugung begrüßte er Heideck, und dann, -- mit einer
gewissen Vertraulichkeit, -- fragte er:
„Verzeihen Sie, Herr Major, -- wenn ich mich um das deutsche Reich
verdient mache, werde ich dann auf eine entsprechende Belohnung rechnen
dürfen?“
„Ich sagte Ihnen schon, Herr Pénurot, daß wir bereit sind, mehr zu
zahlen, als die Engländer.“
„O, es war nicht das, was ich meinte. Sie dürfen mich nicht mit Maaning
Brandelaar und derartigen Leuten auf dieselbe Stufe stellen.“
Heideck lächelte.
„Wollen Sie mir denn gefälligst sagen, Herr Pénurot, auf welchen Platz
ich Sie stellen soll?“
„Ich bin willens, von nun an der Sache der Alliierten alle meine Kräfte
zu widmen.“
„Angenommen! Aber welcher Art sind denn die Wünsche, die Sie
hinsichtlich einer Belohnung hegen?“
„Ich möchte Sie um Ihre Verwendung bitten, Herr Major, daß ich einen
Orden erhalte.“
Heideck konnte sein Erstaunen über diese sonderbare Bitte nicht
verbergen.
„Solche Auszeichnungen werden bei uns in der Regel nur für Handlungen
der Tapferkeit oder für Verdienste gegeben, die durch klingenden Lohn
nicht entsprechend vergolten werden könnten.“
„Auch zu dem, was ich tun will, bedarf es der Tapferkeit.“
„Sie sollen mir doch nur helfen, die Spione in Antwerpen aufzuspüren.“
„Aber es sind gefährliche Leute, deren Feindschaft ich mir zuziehe --
Leute, deren Werkzeuge zu allem fähig sein würden.“
„Seien Sie versichert, Herr Pénurot, daß Ihre Belohnung den geleisteten
Diensten entsprechen wird. Sie wissen doch wohl, daß ich selbst keine
Orden zu verleihen habe, und überdies verstehe ich nicht recht, was
Ihnen gerade an einer Dekoration gelegen sein kann.“
„Sie schätzen meine Gesinnung zu niedrig, Herr Major! Aber damit Sie
mich verstehen, will ich Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Ich liebe
eine Dame aus sehr guter Familie, und ihre Angehörigen würden sich
entgegenkommender gegen mich zeigen, wenn ich einen Orden hätte.“
„Sie sind also mit Ihren Herzenswünschen vermutlich sehr hoch
hinaufgestiegen?“
„Wie man es nehmen will. Ich befinde mich hinsichtlich meiner
Herkunft in jener peinlichen Lage, die das Erbteil aller aus einem
freien Liebesbunde hervorgegangenen Kinder ist. Meine Mutter war eine
spanische Tänzerin, mein Vater aber ist der reiche Herr Amelungen. Er
liebt mich und sorgt für mich. Auch das Geschäft in Breskens hat er
für mich gekauft. Aber seine Frau, eine Engländerin, ist mir wenig
freundlich gesinnt.“
„Ich verstehe Sie jetzt noch weniger wie zuvor! Denn wenn Sie über so
reiche Hilfsquellen verfügen, weshalb, in aller Welt, lassen Sie sich
dann auf derartige gefährliche Unternehmungen ein?“
„Herr Amelungen wünschte es, Herr Major.“
„In Herrn Amelungen also hätten wir den eigentlichen Schuldigen zu
erblicken?“
„Um Gottes willen, Herr Major, Sie werden mein Vertrauen doch nicht
mißbrauchen? Ich wäre trostlos, wenn ich durch meine Aeußerungen das
Unglück des Herrn Amelungen verursachte.“
„Machen Sie sich keine unnötigen Sorgen. Herrn Amelungen wird
ebensowenig etwas geschehen, wie Ihnen, wenn Sie ihn bestimmen können,
die Partei zu wechseln und fortan zu uns statt zu den Engländern zu
halten.“
Pénurot senkte den Kopf und schwieg.
„Wie ist es denn mit dem Herrn van Spranekhuizen in Rotterdam?“ fuhr
Heideck fort. „Auch er ist natürlich mit im Bunde?“
„Er ist der Schwager meines Vaters. Seine Frau ist eine geborene
Amelungen.“
„Und was hat eigentlich diese beiden Herren, die doch, wie ich höre,
reiche Kaufleute sind, dazu bewogen, für England Spionage zu treiben?“
„O, Herr Major, das ist doch nicht so wunderbar! Frankreich hat Belgien
besetzt, Deutschland die Niederlande. Darüber herrscht im Lande
natürlich große Erbitterung.“
„Mag sein. Aber wohlhabende Kaufleute pflegen sich trotzdem nicht aus
bloßem Patriotismus in Gefahr für Leib und Leben zu stürzen. Das tun in
der Regel nur solche Leute, die nicht viel zu verlieren haben.“
„Ich sagte Ihnen bereits, daß meines Vaters Frau eine Engländerin ist.
Ihr zuliebe tut er vieles, wozu ihn sonst gewiß nichts veranlassen
würde. --“
Heideck erhielt die Meldung, daß die Dampfpinasse bereit sei, und er
forderte Pénurot auf, mit ihm das Fahrzeug zu besteigen. Im Hafen von
Vlissingen verabschiedete er sich für eine Weile von ihm, mit der
Weisung, ihn in einer Stunde auf seinem Bureau aufzusuchen, dessen Lage
er ihm genau bezeichnete. Er hegte keine Besorgnis, daß Pénurot die
Flucht ergreifen würde. Dieses Herrn war er unbedingt sicher.
[Illustration]