Ein rauher Nordwind fegte über die Insel Walcheren und die Mündung
der Wester Schelde hin. Zu leichten Wellen kräuselte er das Wasser
des breiten Stromes, der in der Abenddämmerung wie ein uferloses Meer
erschien. Nur der Kundige wußte, daß die Leuchtfeuer bei Vlissingen zur
Rechten und bei Fort Frederik Hendrik zur Linken mit ihren blitzenden
Lichtern die Grenzen jener weiten Einfahrt bezeichneten, die im Jahre
1809, als Holland unter der Regierung Ludwig Bonapartes stand, eine
große englische Flotte zum Angriff auf Vlissingen und zur Einnahme
dieser Festung in die Schelde eingelassen hatte.
In der Mitte zwischen den beiden leuchtenden Punkten, die etwa fünf
Kilometer von einander entfernt waren, schaukelte sich der hier vor
Anker liegende deutsche Kreuzer ‚Gefion‘, und auf seinem Verdeck stand
Heideck, der nach seiner Rückkehr unter Beförderung zum Major mit dem
Nachrichtendienst für das holländische Küstengebiet betraut worden war.
Er hatte am Nachmittage ein Fahrzeug in die Schelde einlaufen sehen,
das ihm vom Lootsen als eine der Fischersmacks bezeichnet worden war,
die zwischen den Shetlandinseln und den holländischen Häfen verkehren.
Und er hatte dem Kapitän der ‚Gefion‘ seinen Verdacht mitgeteilt,
daß diese Smack noch eine andere Bestimmung, als die des Handels mit
Heringen haben könnte. Das kleine Schiff hatte drüben am linken
Ufer zwischen den Dörfern Breskens und Cadzand angelegt, und Heideck
beschloß, sich zu ihm hinüber rudern zu lassen.
Sechs Seesoldaten und vier Matrosen, unter Führung eines Maaten,
bemannten ein Boot der ‚Gefion‘, und die Fahrt ging durch das bewegte
Wasser nach dem linken Ufer, dem verdächtigen Schiffe zu. Im Kampfe mit
der Strömung und dem Winde, der heulend vom Meere kam, bedurfte es für
die Ruderer wohl fast einer halben Stunde harter Arbeit, ehe der dunkle
Rumpf des Fischerbootes in deutlichen Umrissen vor ihnen auftauchte.
Vom Bord herab fragte eine rauhe Stimme nach ihrem Begehr.
„Dienst Seiner Majestät!“ rief Heideck zurück, und als das Boot
angelegt hatte, warf er seinen Mantel ab, um sich behende auf das Deck
hinauf zu schwingen. Drei Männer in der dunklen Wollentracht und mit
den geteerten Hüten der Küstenfischer traten auf ihn zu und antworteten
auf seine Frage nach dem Patron in einem schwerverständlichen Gemisch
von holländisch und deutsch, daß der Patron an Land gegangen wäre.
„Sein Name?“
„Maaning Brandelaar.“
„Und wie heißt dies Fahrzeug?“
„Bressay.“
Die Antworten wurden zögernd und mürrisch gegeben, und die Leute legten
ein so verdrossenes Wesen an den Tag, daß Heideck das Gefühl hatte,
sie würden ihn gern über Bord geworfen haben, wenn nicht seine Uniform
ihnen Respekt eingeflößt hätte.
„Woher kommt ihr?“ fragte er.
„Wir kommen von Lerwick.“
„Und wohin ist das Schiff bestimmt?“
„Wir wollen unsere Heringe verkaufen. Wir sind ehrliche Leute, Herr
Major.“
„Wo wollt ihr eure Heringe verkaufen?“
„Wo wir können. Der Schiffer ist nach Breskens gegangen. Er wollte bald
wieder zurückkommen.“
Heideck sah sich um. Die Smack hatte in einer kleinen Bucht angelegt,
wo das Wasser ruhig war. Das Dorf Breskens und das kleine Seebad
Kadzand lagen beide so nahe, daß man die erleuchteten Fenster sehen
konnte. Es war neun Uhr abends. Etwas spät für die Handelsgeschäfte,
die Maaning Brandelaar in Breskens zu machen gedachte.
Heideck ließ die Seesoldaten auf Deck steigen und stellte sie als Wache
auf, damit niemand das Schiff verließe, bevor der Kapitän zurück kam.
Dann befahl er eine Laterne anzuzünden, mit der er den Raum unter Deck
besichtigen wollte. Es dauerte recht lange, bis die Laterne bereit
war, und sie brannte so trübe, daß Heideck vorzog, die elektrische
Lampe spielen zu lassen, die er ebenso wie den Revolver stets bei sich
führte. Er kletterte die Treppe in den Schiffsraum hinab und fand,
daß der Geruch von Pökelheringen, den er schon auf Deck wahrgenommen
hatte, in der vorhandenen Ladung seine genügende Ursache hatte. In der
kleinen Kajüte saßen zwei Männer beim Grog und rauchten aus kleinen
Tonpfeifen. Heideck begrüßte sie freundlich und setzte sich zu ihnen.
Sie sprachen englisch mit breitem schottischen Akzent und mit vielen
Dialektausdrücken, die Heideck nicht verstand. Sie erklärten von der
Insel Bressay zu stammen. Aus ihrer Unterhaltung entnahm Heideck, daß
die Smack einem Reeder in Rotterdam gehörte, dessen Namen sie aber
nicht zu kennen schienen oder nicht aussprechen konnten. Ueberhaupt
waren die Leute sehr vorsichtig und zurückhaltend in ihren Angaben.
Heideck wartete eine halbe, eine ganze Stunde. Der Kapitän kam immer
noch nicht wieder. Er verspürte Hunger, und indem er ein Geldstück auf
den Tisch warf, fragte er, ob man ihm nicht etwas zu essen geben könne.
Die Fischer öffneten den Schrank an der Kajütenwand und holten ein
großes Stück Schinken, ein halbes Schwarzbrot sowie Messer und Gabel
hervor. Heideck sah, daß in dem Schrank neben Gläsern und Flaschen
noch zwei kleine Brote von hellerer Farbe lagen. „Gebt mir von dem
Weizenbrot,“ sagte er. Aber der Mann, der die Speisen hervorgeholt
hatte, murmelte etwas, das Heideck nicht verstand, und verschloß
den Schrank wieder, ohne den Wunsch des Offiziers zu erfüllen. Sein
Benehmen mußte Heideck auffällig erscheinen. Er hatte wirklich nur
deshalb von dem hellen Brot verlangt, weil das Schwarzbrot alt, trocken
und ungemein grob war, nun aber drängte sich ihm der Verdacht auf,
daß sich hinter der unhöflichen Mißachtung seiner Bitte irgend eine
besondere Absicht verberge.
„Ihr habt mich, wie es scheint, nicht verstanden,“ sagte er, „ich
möchte das Weizenbrot haben.“
„Das Weizenbrot gehört dem Schiffer,“ wurde ihm erwidert, „das dürfen
wir nicht nehmen.“
„Ich werde es bezahlen. Euer Kapitän wird sicherlich nichts dagegen
einzuwenden haben.“
Die Männer taten als hörten sie nicht.
Jetzt aber wiederholte Heideck in strengem und gebieterischem Tone
sein Verlangen. Die Männer sahen einander an, dann ging der eine zum
Schrank und legte das eine helle Brot auf den Tisch. Heideck schnitt
es an und fand, daß es recht gut war. Er aß mit Appetit davon und sann
darüber nach, warum die Leute zuerst so ungefällig gewesen wären.
Als er das Brot noch einmal zur Hand nahm, um sich ein zweites Stück
abzuschneiden, fiel ihm auf, daß es ungewöhnlich schwer war. Er schnitt
in die Mitte hinein und als er merkte, daß die Messerklinge auf etwas
hartes stieß, brach er das Brot auseinander. -- Da schimmerte ihm Gold
entgegen. Er untersuchte weiter und zog nacheinander dreißig goldene
Münzen mit dem Bildnis der Königin von England hervor. Dreißig Pfund
Sterling waren in dem Brot versteckt gewesen.
„Ihr habt da ein recht nahrhaftes Brot,“ sagte er, die Leute mit
scharfem Blick ansehend.
Die aber zuckten die Achseln.
„Was geht es uns an,“ sagte der eine, „wie der Kapitän sein Geld
aufbewahrt!“
„Da habt ihr recht, was geht es euch an? Warten wir, bis der Patron
kommt! Da, legt das Brot und das Geld wieder in den Schrank, und dann
macht einen hübschen Topf voll Grog für meine Leute. Die armen Kerle
werden frieren, hier habt ihr noch drei Mark.“
Die Leute gehorchten, und einer von ihnen ging mit dem dampfenden Topfe
die Treppe hinauf, brachte auch nach einiger Zeit den leeren Topf
zurück und bestellte, daß des Herrn Majors Mannschaften sich bedankten.
Wenige Minuten später zeigte sich einer der Soldaten in der Kajütentür
und meldete, daß zwei Männer vom Land herkämen. „Es ist gut,“ sagte
Heideck, „haltet euch ruhig, bis sie an Deck sind und dann laßt sie
nicht wieder hinunter, sondern sagt ihnen, sie sollten hierher kommen.“
Gleich darauf waren Schritte und Stimmen von oben zu vernehmen,
und nach wenig Minuten traten zwei Männer in die Kajüte. Der
erste, der die Kleidung eines Schiffers trug, war von ungewöhnlich
kräftigem Körperbau, breitschultrig, mit einem Stiernacken und einem
wetterharten, viereckigen Gesicht, aus dem kleine verschmitzte Augen
hervorblitzten. Der andere, erheblich jüngere, war ziemlich stutzerhaft
gekleidet und trug den Bart nach modernstem Schnitt.
„Mynheer Brandelaar?“ fragte Heideck.
„Jawohl, der bin ich,“ erwiderte der Breitschultrige in brüskem, fast
drohendem Tone.
„Sehr erfreut, Sie zu sehen, Mynheer. Ich habe mit Ihnen geschäftlich
zu reden, und ich erwarte Sie schon seit mehr als einer Stunde. Darf
ich Sie bitten, mich auch mit diesem Herrn bekannt zu machen?“
Der Holländer zauderte mit der Antwort. Es war klar, daß er in der
übelsten Laune war und nicht recht wußte, wie er sich benehmen sollte.
Der ruhige, etwas spöttische Ton des Offiziers brachte ihn offenbar aus
der Fassung.
Er gab den beiden Seeleuten einen Wink, sich zu entfernen. Dann wandte
er sich an Heideck.
„Dieser Herr ist ein Geschäftsfreund. Und ich möchte wohl wissen, was
er und meine Angelegenheiten überhaupt den Herrn Offizier angehen.
Ich bin hier, um meine Heringe zu verkaufen, das ist doch wohl nicht
verboten?“
„Gewiß nicht! Aber nicht nur Sie haben Ihre Geschäfte, Mynheer, sondern
auch ich habe die meinigen. Und ich denke, es wäre für uns beide das
angenehmste, wenn wir sie gleich hier abmachen könnten und nicht erst
zur ‚Gefion‘ hinüberzurudern brauchten.“
„Zur ‚Gefion‘? -- Was soll das heißen? -- Mit welchem Recht wollten Sie
mich dazu zwingen? -- Meine Papiere sind in Ordnung, ich kann sie Ihnen
vorlegen.“
„Ich bitte darum. -- Aber wollen Sie nicht endlich auch die
Freundlichkeit haben, mir den Namen dieses Herrn zu nennen? Es ist
wirklich von Interesse für mich, Ihren Geschäftsfreund kennen zu
lernen.“
Jetzt hielt es der andere für angemessen, sich selbst vorzustellen.
„Ich heiße Camille Pénurot,“ sagte er, „und bin Materialwarenhändler in
Breskens. Maaning Brandelaar hat mir seine Ladung zum Kauf angeboten,
und ich bin mit ihm gekommen, um mir die Ware anzusehen.“
„Was ohne Zweifel am besten bei Nacht geschieht,“ erwiderte Heideck in
sarkastischem Ton, aber mit unerschütterlich ernster Miene. „Lassen Sie
mich also Ihre Papiere sehen, Mynheer Brandelaar.“
Wie er es nicht anders erwartet hatte, befanden sich diese Papiere
in bester Ordnung. Die dem Reeder Maximilian van Spranekhuizen
in Rotterdam gehörige Fischersmack ‚Bressay‘ kam mit einer Ladung
von gesalzenen Heringen von Lerwick. Kapitän Maaning Brandelaar
-- Bestätigung der englischen Hafenbehörde in Lerwick -- alles in
vollkommener Richtigkeit.
„Sehr schön!“ sagte Heideck. „Zwar hat Kontre-Admiral Sir Frederik
Hollway in Dover sein Visum nicht darauf gesetzt. Aber das war ja auch
gar nicht notwendig.“
Die Wirkung dieser gleichmütig hingeworfenen Worte auf die beiden
Männer war ganz erstaunlich. Pénurots gelbes Gesicht nahm eine fast
grünliche Färbung an; die harten Züge des andern verzerrten sich in
geradezu erschreckender Weise zu einer Grimasse der Wut. Er würgte, als
ob er einen ingrimmigen Fluch hinunterschlucken müßte, und dann, nach
einem schweren Atemzuge, sagte er:
„Einen Admiral Hollway kenne ich nicht, und in Dover bin ich überhaupt
nicht gewesen.“
„Gut! Gut! -- Reden wir von Ihren Geschäften! Oder auch von den
Ihrigen, Herr Pénurot! Die Schiffsladung Heringe, die Sie da kaufen
wollen, ist natürlich nicht für den Absatz in Breskens bestimmt,
sondern für irgend einen Geschäftsfreund in Antwerpen, nicht wahr?“
Er erhielt keine Antwort. Und ruhig, als handelte sich's bei seinem
Reden und Tun um die selbstverständlichsten Dinge von der Welt, wandte
er sich zu dem Schrank, nahm, ehe die Anderen seine Absicht noch recht
begriffen hatten, das zweite Weizenbrot heraus und brach es rasch
mitten durch. Diesmal war es ein zusammengefaltetes Papier, das dabei
zum Vorschein kam. Heideck breitete es auseinander und sah, daß es mit
einer langen Reihe von Fragen in englischer Sprache beschrieben war.
„Sieh da,“ sagte er, „es muß ja ein verwünscht neugieriger Herr
sein, der dies Papier in Ihr Frühstücksbrot hat hineinbacken lassen.
‚Wie stark ist die Besatzung von Antwerpen? Welche Regimenter?
Welche Batterien? Wer sind die Kommandanten der Außenforts? Wie
ist der genaue Plan des Ueberschwemmungsgebiets? Wie verhält
sich die Bevölkerung gegenüber den deutschen Truppen? Wieviel
deutsche Kriegsschiffe liegen im Hafen und in der Schelde? Wie sind
sie verteilt? Genaue Angaben über die Bestückung und Bemannung
aller Kriegsschiffe. Wieviele und welche Schiffe der deutschen
Schiffahrtsgesellschaften sind der deutschen Flotte zugeteilt?
Wieviele Truppen stehen auf der Insel Walcheren? Wieviele in der
Umgebung Antwerpens? Wie sind die Truppen an beiden Ufern der Schelde
verteilt? Sind Truppen bereit gestellt, um auf den Kriegsschiffen
und Transportfahrzeugen eingeschifft zu werden? Ist ein Zeitpunkt
dafür festgesetzt worden? Besteht ein Plan für die Verwendung der
deutschen Flotte? Was verlautet über die Vereinigung der deutschen
Flotte mit der französischen?‘ -- -- Das ist nur ein kleiner Teil
des langen Registers; aber er genügt schon, um die Natur der übrigen
Fragen erraten zu lassen. Was der Tausend möchte Admiral Hollway für
seine armseligen dreißig Pfund alles erfahren? Oder war das nur eine
kleine Anzahlung? Es scheint mir undenkbar, Herr Pénurot, daß Ihr
Korrespondent in Antwerpen für dreißig Pfund so viel sollte liefern
können.“
Die beiden Männer waren von der Wucht des unerwarteten Schlages
offenbar ganz niedergeschmettert. Für einen Augenblick, als Heideck
das Papier aus dem Brot zog, hatte es den Anschein gehabt, als ob
Brandelaar sich auf ihn stürzen und es ihm mit Gewalt entreißen wolle.
Aber der Gedanke an die Soldaten mochte ihn noch zur rechten Zeit von
einer törichten Handlung zurückgehalten haben.
Nun stand er mit zusammengekniffenen Lippen und tückisch glitzernden
Augen da.
„Ich verstehe Sie nicht, Herr Major,“ brachte Pénurot mit sichtlicher
Anstrengung heraus. „Ich weiß nicht das mindeste von diesem Papier, ich
bin ein rechtschaffener Geschäftsmann.“
„Und auch Sie hatten natürlich keine Ahnung von der bedeutsamen Füllung
Ihrer Weizenbrote, Herr Brandelaar? -- Nun, ich bin ja nicht berufen,
das weiter zu untersuchen. Das ist Sache des Kriegsgerichts, und da
wird schon Klarheit in die Angelegenheit kommen.“
Der Materialwarenhändler war leichenfahl geworden. Flehend erhob er die
Hände.
„Gnade, Herr Major, Gnade! So wahr ich lebe -- ich bin unschuldig.“
Heideck tat, als hätte er diese Versicherung gar nicht gehört.
„Uebrigens muß ich euch doch sagen, meine Herren, daß ihr verwünscht
schlechte Geschäftsleute seid. Für jämmerliche dreißig Pfund riskiert
ihr euer Leben? Das war eine unverantwortliche Dummheit. Und wenn
ihr schon einmal auf solche Art Geld verdienen wolltet, hättet ihr
wahrhaftig lieber für uns arbeiten sollen. Wir würden einem Mann,
der uns über die englische Flotte und die englische Armee wirklich
zuverlässige Auskünfte von dieser Art verschafft hätte, ohne Handeln
und Feilschen das fünffache gezahlt haben.“
In den Mienen der beiden Männer schien es bei diesen in beinahe
jovialem Ton gesprochenen Worten wie ein Hoffnungsschimmer
aufzuleuchten. Aber als der Materialwarenhändler eben die Lippen zu
einer Erwiderung öffnen wollte, winkte ihm Heideck, zu schweigen.
„Gehen Sie mal gefälligst für ein Weilchen an Deck, Pénurot,“ sagte
er. „Ich werde Sie rufen, sobald ich die Unterhaltung mit Ihnen
fortzusetzen wünsche. Sie aber, Brandelaar, werden mir vorerst noch
Gesellschaft leisten. Ich möchte ein paar Worte unter vier Augen mit
Ihnen reden.“
Der Mann mit dem modischen Spitzbärtchen gehorchte. Und Heideck wandte
sich an den zurückgebliebenen Holländer:
„Dieser Pénurot ist an allem schuld, nicht wahr? Als Schiffer haben
Sie sich ja wahrscheinlich Ihr Leben lang nicht viel um Politik
gekümmert. Und Sie hatten wohl kaum einen rechten Begriff von der
Gefahr, in die Sie sich begaben. Wenn das Kriegsgericht Sie verurteilt,
haben Sie sich einzig bei Ihrem Freunde Pénurot dafür zu bedanken.“
„Wahrhaftig, Herr, es ist, wie Sie sagen,“ erwiderte der Schiffer mit
gut gespielter Treuherzigkeit. „Ich habe meine Ladung, die ich für die
Firma van Spranekhuizen verkaufen soll, und ich kümmere mich den Teufel
um Krieg oder Spionage. Ich bitte den Herrn Major, ein gutes Wort für
mich einzulegen. Ich hatte keine Ahnung von dem, was in den Broten
enthalten war.“
„Dieser Pénurot hat Sie also ohne Ihr Vorwissen in die Geschichte
hineingezogen. Wollte er denn mit Ihnen nach Antwerpen fahren?“
„Ich will Ihnen alles der Wahrheit gemäß erzählen, Herr Major! Admiral
Hollway in Dover, der doch das ganze Nachrichtenwesen für den Kanal und
die Küstenstrecke von Cuxhafen bis Brest unter sich hat, gab mir die
beiden Brote für Camille Pénurot; das ist alles, was ich von der Sache
weiß.“
„War es denn das erste Mal, daß Sie solche Aufträge für den Admiral
Hollway auszuführen hatten?“
„So wahr mir Gott helfe: das erste Mal!“
„Aber Herr Pénurot sollte die eigenartigen Brote wohl nicht für sich
behalten? Er ist doch ebenfalls nur eine Mittelsperson? Wenn Sie sich
Hoffnung auf meine Fürsprache machen wollen, müssen Sie mir ohne jeden
Rückhalt alles sagen, was Sie darüber wissen!“
„Pénurot hat einen Geschäftsfreund in Antwerpen, wie der Herr Major
ganz richtig vermutet haben.“
„Sein Name?“
„Eberhard Amelungen.“
„Was ist der Mann?“
„Ein Großkaufmann. Meine Schiffsladung ist für ihn bestimmt.“
„Und in welcher Verbindung steht Pénurot mit ihm?“
„Das weiß ich nicht; Pénurot ist ein Agent, der die
verschiedenartigsten Geschäfte betreibt.“
„So? -- Und was sagt der Reeder, Mynheer van Spranekhuizen, dazu,
daß Sie sich auf solche Dinge, wie die Uebermittelung dieser Brote,
einlassen?“
„Mynheer van Spranekhuizen und Mynheer Amelungen sind nahe Verwandte.“
„Mit andern Worten: die beiden Herren haben sich darüber verständigt,
die ‚Bressay‘ von den Shetlandinseln nach Dover und von da nach
Antwerpen zu schicken?“
„Davon weiß ich nichts, Herr Major! -- Ich habe Ihnen alles gesagt, was
ich weiß. Weiter als bis nach Terneuzen darf ja doch kein Schiff in die
Schelde hinein. Und da kann ich in Breskens ebensogut löschen wie in
Terneuzen und die Ware mit der Bahn nach Antwerpen gehen lassen.“
„Nun, Brandelaar, gehen Sie noch einmal hinauf und schicken Sie mir
Herrn Pénurot herunter.“
Schweren Schrittes stapfte der Schiffer die schmale Kajütentreppe
hinauf, und gleich darauf trat Pénurot ein. Heideck lud ihn durch eine
Handbewegung ein, ihm gegenüber Platz zu nehmen und sagte:
„Ich habe mich aus der Vernehmung des Brandelaar davon überzeugt, daß
er ein abgefeimter Spitzbube ist. Es war sehr unvorsichtig von Ihnen
gehandelt, sich mit einem solchen Manne einzulassen. Wenn Sie jetzt
vor ein Kriegsgericht gestellt werden, haben Sie sich bei ihm dafür zu
bedanken.“
„Um Gottes willen, Herr Major -- es soll mir doch nicht ans Leben
gehen? -- Ich beschwöre Sie, haben Sie Mitleid mit mir!“
„Darauf, ob ich persönlich Mitleid mit Ihnen habe oder nicht, wird sehr
wenig ankommen. Sie werden mit mir zur ‚Gefion‘ fahren und dann in
Vlissingen vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Denn die Tatsache,
daß Sie Brandelaars Mitschuldiger geworden sind, läßt sich nicht aus
der Welt schaffen. Er hat soeben mit aller Bestimmtheit behauptet, die
beiden Brote seien für Sie bestimmt gewesen.“
„Für mich? -- Das ist eine nichtswürdige Lüge. Noch nicht einen Penny
habe ich von den Engländern erhalten.“
„Na, so ganz ohne besonderen Grund machen Sie sich doch wohl nicht das
Vergnügen, zu nächtlicher Stunde ein Heringsschiff zu besuchen? Die
Ladung konnte doch wohl auch ohne Ihre Besichtigung an Herrn Eberhard
Amelungen abgeliefert werden?“
„An Eberhard Amelungen?“
„Stellen Sie sich doch nicht so unwissend! Brandelaar hat schon so viel
gestanden, daß Sie ruhig alles zugeben können. Die Herren Amelungen
und van Spranekhuizen sind im Komplott miteinander, um eine ganz
regelrechte Spionage im Interesse Englands zu betreiben. Sie werden als
Mittelsperson benutzt, und Maaning Brandelaar versucht, sich heraus zu
winden, indem er Sie opfert.“
„Wahrhaftig, so scheint es. -- Aber ich bin ganz unschuldig, Herr Major
-- ich habe von all dem nichts gewußt. Als Brandelaar das letzte Mal
aus der Schelde hinausfuhr, besuchte er mich hier in Breskens, und da
sagte er mir, daß er bald wiederkehre und daß es ein gutes Geschäft für
mich werden würde.“
„Wann ist das gewesen?“
„Vor drei Wochen. Ich hatte keinen Grund Brandelaar zu mißtrauen, weil
er schon öfter für Eberhard Amelungen geliefert hatte.“
„Und heute? Weshalb sind Sie an Bord gekommen?“
„Brandelaar verlangte es. Er sagte, ich solle mir die Ladung ansehen
und mit ihm besprechen, ob hier oder in Terneuzen gelöscht werden
solle.“
„Nun wohl, Herr Pénurot, ich will Ihnen etwas sagen. Sie werden mit mir
nach Antwerpen fahren, und ich werde mich dort bei Herrn Amelungen
davon überzeugen, ob Sie wirklich so unschuldig sind, wie Sie sagen,
und wie ich Ihnen einstweilen gern glauben will.“
Der Materialwarenhändler schien noch immer einigermaßen beunruhigt.
„Aber der Herr Major werden mich doch nicht vor das Kriegsgericht
bringen?“
„Das wird sich finden. Ich verspreche Ihnen nichts. Alles wird von der
Auskunft abhängen, die ich von Herrn Amelungen über Sie erhalte, und
davon, wie Sie sich fernerhin benehmen. Ich werde jetzt Brandelaar
wieder herunterkommen lassen, und Sie werden schweigen, während ich mit
ihm rede.“
„Ich werde selbstverständlich alles tun, was der Herr Major befehlen.“
Brandelaar wurde in die Kajüte gerufen, und Heideck sagte:
„Hören Sie, Maaning Brandelaar, ich weiß alles, und ich brauche Ihnen
wohl nicht erst zu sagen, daß es mehr als genug ist, um Ihnen nach
Kriegsrecht den Hals zu brechen. Aber ich will Ihnen einen Weg zeigen,
wie Sie sich retten können: Fahren Sie morgen nach Terneuzen und warten
Sie dort auf Nachricht von mir. Ich werde Ihnen die Ausführung Ihres
Auftrages bequem machen, indem ich selbst Ihnen die Antworten auf die
Fragen des Admirals Hollway aufschreibe. Die mögen Sie dann Ihrem
Auftraggeber nach Dover bringen. Aber ich werde Ihnen gleichzeitig eine
Reihe von Fragen mitgeben, auf die Sie Ihrerseits mir zuverlässige
Antworten nach Vlissingen zu bringen haben. Führen Sie diese Mission
zu meiner Zufriedenheit aus, so zahle ich Ihnen bei Ihrer Rückkehr
dreitausend Mark. Da Sie außerdem Ihre Belohnung von dem Admiral
erhalten, machen Sie also ein recht gutes Geschäft. Aber hüten Sie sich
vor jedem Versuch, mich zu betrügen, er würde herzlich schlecht für
Sie ablaufen. Ich weiß ja nun, wo ich Sie fassen kann, und Sie würden
verhaftet werden, sobald Sie sich wieder irgendwo an der holländischen
Küste zeigten. Also gehen Sie weislich mit sich zu Rate!“
Das breite Gesicht des Schiffers hatte sich immer mehr aufgehellt, und
jetzt verzog er die Lippen zu einem pfiffigen Grinsen.
„Dreitausend Mark! Wenn das ein Wort ist, Herr Major, so können Sie
sich darauf verlassen, daß ich Sie ehrlich bediene.“
„Es kommt vielleicht nicht so sehr auf Ihre Ehrlichkeit als auf Ihre
Geschicklichkeit an. Entspricht die Auskunft, die Sie mir bringen,
meinen Erwartungen nicht, so wird selbstverständlich auch die Zahlung
demgemäß ausfallen. Wie die Ware, so der Preis.“
„O, der Herr Major sollen mit mir zufrieden sein. Ich habe drüben meine
Verbindungen, und wenn der Herr Major sonst noch einen Wunsch haben --
Sie sollen sehen, was Brandelaar leisten kann.“
„Gut -- es wird nur in Ihrem eigensten Interesse liegen, mich gut und
zuverlässig zu bedienen.“
Die Mienen des Schiffers wurden plötzlich wieder nachdenklich.
„Eine Besorgnis hätte ich doch noch, Herr Major.“
„Nun -- und was für eine Besorgnis?“
„Meine Leute haben gesehen, daß ein Offizier mit Soldaten auf mein
Fahrzeug gekommen ist. Wenn sie nun drüben in England davon erzählen
und der Admiral daraufhin Argwohn gegen mich schöpft?“
„Er wird keinen Anlaß dazu haben, wenn er sich überzeugt, daß die
Nachrichten zutreffend sind, die Sie ihm bringen. Er wird ja noch
andere Quellen haben als Sie, und wenn er Ihre Nachrichten bestätigt
findet, wird er Ihnen in jeder Hinsicht vertrauen.“
Maaning Brandelaar war durch diese Antwort nicht beruhigt.
„Ja, aber -- -- der Herr Major wollen mir doch wohl keine zutreffenden
Auskünfte geben?“
„Gewiß! Alles, was ich Ihnen aufschreibe, wird vollkommen richtig
sein.“
Diese Antwort ging offenbar über das Verständnis des Schiffers hinaus.
In wortloser Verwunderung starrte er Heideck an.
Dieser aber fuhr ruhig fort:
„Der Admiral will die Stärke der deutschen Armee bei Antwerpen
wissen, und ich will Ihnen sagen, wie es damit steht. Wir haben
hundertzwanzigtausend Mann in Holland und dem kleinen Stück von
Belgien, das wir rund um Antwerpen besetzt halten. In der Festung
selbst liegen dreißigtausend Mann; auf der Insel Walcheren sind nur
fünftausend Mann, die Vlissingen und andere wichtige Punkte besetzt
halten. Das sind ganz zuverlässige Daten.“
Der Kapitän schüttelte den Kopf.
„Wenn nicht der Respekt verböte, es zu vermuten, so würde ich annehmen,
daß der Herr Major mich zum besten halte.“
„Nein, mein Freund, dazu habe ich gar keinen Anlaß; Sie können für
alles einstehen, was ich Ihnen aufschreiben werde, und Ihre Belohnung
wird rechtschaffen verdient sein. Etwas anderes wäre es mit den
Nachrichten, die Sie etwa auf eigene Hand dem Admiral nebenher
überbringen.“
Brandelaar nickte.
„Ich verstehe, Herr Major, und ich werde mich danach richten. Aber neue
Matrosen muß ich doch wohl anmustern. Es ist nicht gut, daß diese hier
so viel wissen. Sie könnten mir doch Unannehmlichkeiten bereiten.“
„Nein, nein, das wäre ganz verkehrt. Behalten Sie ruhig Ihre Leute.
Wenn ich nach Terneuzen komme, werde ich Sie und die Bemannung des
Fahrzeugs in Haft nehmen lassen. Sie werden von mir verhört und nach
einigen Tagen wieder in Freiheit gesetzt werden.“
Diese Aussicht schien dem Schiffer einigermaßen unbehaglich.
„Und wenn der Herr Major inzwischen anderen Sinnes werden und mich doch
vor das Kriegsgericht bringen?“
„Verlassen Sie sich getrost auf mein Wort. Es wird sich nur um ein
Scheinverhör handeln, damit Ihre Leute sich nicht unnütze Gedanken
machen und nichts verraten könnten, was drüben Verdacht erregen möchte.
Es wird im Gegenteil so aussehen, als hätten Sie allerlei Gefahren und
Widerwärtigkeiten zu bestehen gehabt; und wie ich Sie taxiere, mein
werter Herr Brandelaar, werden Sie sich die Gelegenheit nicht entgehen
lassen, dem Herrn Admiral als Entschädigung für die ausgestandene Angst
noch einen Extralohn aus der Tasche zu locken.“
[Illustration]