XXIV.

Verzweifelte Niedergeschlagenheit und heftigste Erbitterung hatten

sich der Passagiere der ‚Caledonia‘ bemächtigt. Man suchte die Schuld

für das Unglück nicht so sehr in einem unberechenbaren Zufall, als

in einer unverzeihlichen Nachlässigkeit der maßgebenden englischen

Militärbehörde.

„Da haben wir wieder einmal ein schlagendes Beispiel englischer

Unvorsichtigkeit,“ sagte Mr. Kennedy. „Wie durfte man die ‚Caledonia‘

unbeschützt fahren lassen! So viel Kriegsschiffe lagen müßig in Bombay,

in Aden, in Port Said, und doch sah man sich nicht veranlaßt, diesem

prachtvollen Schiff mit fast tausend Engländern an Bord und mit einer

Ladung im Werte von mehr als einer Million Pfund eines oder mehrere von

ihnen zur Begleitung mitzugeben. Hatten denn unsere Flottenkommandanten

keine Ahnung von der Nähe französischer Schiffe?“

„Unsere Kommandanten,“ meinte der General, „werden sich darauf

verlassen haben, daß genug englische Schiffe im Mittelländischen Meere

verkehrten, um derartige Unternehmungen zu verhindern.“

Aber man ließ die Entschuldigung nicht gelten, und viele bittere

Worte fielen gegen die englische Kriegsleitung. Als dann die Nacht

hereinbrach, zogen sich die meisten Passagiere, von den ausgestandenen

Aufregungen aufs äußerste erschöpft, in ihre Kabinen zurück. Heideck

aber stand noch lange auf Deck und ließ sich den köstlichen Nachtwind

um die heißen Schläfen wehen. Ruhig zog das Geschwader seines Weges

durch die leise rauschenden Wogen, und die Positionslaternen zeigten

deutlich den Stand der einzelnen Schiffe an. Rechts fuhr der ‚Chanzy‘,

links die ‚Aréthuse‘, rückwärts der ‚Forbin‘ und der mit französischer

Mannschaft besetzte ‚O'Hara‘. Nur von dem Torpedojäger war nichts zu

sehen.

Endlich ging auch Heideck, müde gemacht durch die gleichmäßigen

Schritte der auf dem Verdeck auf- und niedergehenden französischen

Schildwache, in seine Kajüte hinab. Rasch senkte sich der Schlaf auf

seine Lider, aber es waren unruhige Träume, die ihn verfolgten. Noch

einmal durchlebte er den Kampf, dessen Zeuge er gewesen war. Und die

Traumbilder mußten sehr lebhaft gewesen sein, da er unausgesetzt den

dumpfen Knall der Schüsse zu hören vermeinte. Er rieb sich die Augen

und setzte sich auf dem schmalen Lager auf. War das denn Wirklichkeit

oder nur eine Täuschung seiner erregten Sinne? Der dumpfe Donner schlug

ja noch immer an sein Ohr; und nachdem er minutenlang mit gespannter

Aufmerksamkeit gehorcht hatte, sprang er auf, um in seine Kleider

zu schlüpfen und auf Deck zu eilen. Schon auf dem Gange traf er mit

mehreren Herren zusammen, die ebenfalls durch den Knall der Schüsse aus

dem Schlummer geweckt worden waren. Und sobald er das Verdeck erreicht

hatte, sah er, daß man sich in der Tat wieder inmitten eines heftigen

Seegefechtes befand.

Die Nacht war ziemlich dunkel; aber wenn schon das Aufblitzen der

Schüsse die Stellung des Feindes ungefähr erkennen ließ, so wurde

dieselbe mit völliger Deutlichkeit gerade jetzt sichtbar, als von der

‚Aréthuse‘ ein Scheinwerfer aufleuchtete und seinen breiten, blendend

hellen Lichtkegel über die Wasserfläche spielen ließ. Die riesigen

Massen zweier Linienschiffe tauchten weißglänzend aus der Dunkelheit

auf. Außer ihnen ließen sich noch fünf andere, kleinere Kiegsschiffe

und mehrere winzige, niedrige Fahrzeuge erkennen, die Torpedoboote des

britischen Geschwaders, das dem französischen entgegenkam. Hell wie

eine kleine Sonne ging jetzt auch von englischer Seite ein elektrischer

Scheinwerfer auf. Es war ein interessantes Schauspiel, zu beobachten,

wie diese beiden elektrischen Lichter, sich langsam drehend, die

einzelnen Schiffe gleichsam aus der Dunkelheit hervorzerrten, den

Geschützen sichere Zielpunkte zeigend.

In dem französischen Geschwader, dessen Kommandant hinsichtlich der

Ueberlegenheit des Feindes nicht im Ungewissen sein mochte, entstand

eine lebhafte Bewegung. Alle Fahrzeuge, auch die ‚Caledonia‘, drehten

und gingen mit Volldampf zurück. Aber die schweren englischen Granaten

aus den 30,5 Zentimeter-Kanonen der Linienschiffe fielen bereits

zwischen ihnen nieder, obwohl die Entfernung noch etwa drei Seemeilen

betragen mochte. Und plötzlich, als die ‚Caledonia‘ während des

Wendungsmanövers dem britischen Geschützfeuer eine Breitseite zeigte,

ließ sich ein scharfer, erschütternder Schlag im Schiffe spüren, dem

der Knall einer heftigen Explosion folgte. Die Bewegung des Dampfers

stockte, und lautes Wehgeschrei erscholl aus dem Maschinenraum. Zu

Tode erschreckt liefen die Passagiere umher. Man durfte ihnen nicht

verhehlen, daß eine Granate eingeschlagen hatte und explodiert war.

Aber es stellte sich heraus, daß die ‚Caledonia‘ zwar stark beschädigt,

doch nicht unmittelbar gefährdet war. Nur die Manövrierfähigkeit und

Schnelligkeit des Schiffes hatten dadurch erheblich gelitten, daß ein

Dampfrohr getroffen war.

Die französischen Kriegsschiffe entfernten sich eiligst und überließen

die ‚Caledonia‘ und die eingeschiffte Prisenmannschaft ihrem Schicksal,

da es nicht möglich war, sie mitzunehmen. Sie mußten auf die gute

Prise verzichten und sich mit dem großen Erfolge begnügen, den sie

mit der Zerstörung des ‚Royal Arthur‘ und der Wegnahme des ‚O'Hara‘

errungen hatten. Die ‚Caledonia‘ aber, vom Scheinwerfer beleuchtet und

von den britischen Kommandanten erkannt, hatte keinen ferneren Schuß

zu befürchten. Sie bewegte sich langsam in nördlicher Richtung und

wurde, als der Morgen dämmerte, von zwei britischen Kreuzern erreicht.

Ein Offizier kam an Bord, erklärte die französische Prisenmannschaft

für kriegsgefangen und erfuhr von dem dritten Offizier, der sie jetzt

führte, die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden.

Das britische Geschwader folgte den französischen Schiffen, die

‚Caledonia‘ aber nahm, nur noch mit acht Knoten Geschwindigkeit, den

Kurs auf Neapel, das ohne weitere Zwischenfälle erreicht wurde. Die

Passagiere wurden ausgeschifft, die große Geldsumme wurde in der Bank

von Neapel für Rechnung der englischen Regierung deponiert und nur die

Ladung an Baumwolle, Teppichen und gestickten Seidenstoffen blieb an

Bord.

Die Familie Kennedy nebst Mrs. Irwin gingen in das Hotel de la Riviera,

und Heideck schloß sich ihnen an. Er wollte nur einen einzigen Tag in

Neapel bleiben und dann mit dem durchgehenden Zuge nach Berlin fahren.

Edith ahnte seinen Plan, obwohl er nicht mit ihr über seine Reise nach

Berlin gesprochen hatte, und sie redete ihn wenige Stunden nach der

Ankunft im Lesezimmer an, wo er eifrig die Zeitungen studierte.

„Wichtige Neuigkeiten?“

„Alles ist mir neu. Wir haben bis jetzt doch immer nur einen kleinen

Ausschnitt aus dem Kreise der Ereignisse übersehen können, und erst

aus diesen Zeitungen vermochte ich einen umfassenden Ueberblick zu

gewinnen.“

„Und jetzt hast du natürlich kein anderes Verlangen, als die Sehnsucht,

deine Fahnen wiederzusehen? Ich weiß wohl, daß es einzig der Ehrgeiz

ist, der dich leitet.“

„Kannst du einem Offizier einen Vorwurf daraus machen?“

„Ja, wenn er darüber die Menschlichkeit vergißt. Aber sei ganz ruhig,

ich werde dich nicht daran verhindern. Ich will deinem Ehrgeiz nicht

in den Weg treten, aber ich will ihm auch nicht zum Opfer fallen.“

„Das sollst du gewiß nicht. Wir werden glücklich werden, wenn dieser

Krieg beendigt ist. Ich werde dir so wenig untreu werden, wie meiner

Pflicht. Kehre ich lebend aus dem Felde zurück, so wird mein Dasein

einzig deinem Glücke geweiht sein.“

„Die Liebe ist ein Vogel, dem man nicht zu viel Freiheit lassen darf.

Du erinnerst dich, daß ich dir immer gesagt habe, ich würde dich nie

verlassen.“

„Aber, meine geliebte Edith, das ist doch ganz unmöglich! Hast du denn

gar keine Vorstellung davon, wie es im Kriege zugeht?“

„Ich dächte, daß ich genug davon gesehen hätte.“

„Ja, in Indien und auf dem Meere. Aber in Europa wird der Krieg doch

etwas anders geführt. Jeder Platz in den Eisenbahnzügen ist genau

berechnet, und in den Quartieren, in den Kantonnements und im Biwak ist

es ebenso. Für eine Dame ist da nicht Raum. Was würden die Kameraden

von mir sagen, wenn ich in deiner Gesellschaft erschiene?“

„Du kannst ja sagen, ich sei deine Frau.“

„Aber Edith, über so etwas ist gar nicht ernsthaft zu reden. Als

preußischer Offizier bedarf ich des Konsenses, um heiraten zu können.

Wie kann ich jetzt in Begleitung einer Dame zur Armee kommen? Oder wie

könnte ich gerade jetzt einen Heiratskonsens verlangen?“

„Das kannst du recht gut. Viele Offiziere heiraten zu Beginn des

Krieges.“

„Nun gut, aber selbst, wenn ich den Konsens jetzt verlangte, so müßten

doch nach dem Gesetz noch Monate vergehen, ehe wir heiraten könnten.

Ich machte dir schon einmal den Vorschlag, zu meinen Verwandten nach

Hamburg zu gehen und dort das Ende des Krieges abzuwarten. Und ich

halte das noch jetzt für den einzig richtigen Weg.“

„Aber ich will nicht nach Hamburg zu deinen Verwandten.“

„Und warum nicht?“

„Ich soll in einer deutschen Familie sitzen, ich als Engländerin, und

ich soll mich angaffen lassen? Ich soll in den deutschen Zeitungen alle

die Lügen über England lesen?“

„Mein Onkel und meine Tante sind sehr taktvolle Leute, und meine

Cousinen werden es nicht an der gebotenen Rücksicht fehlen lassen.“

„Auch noch Cousinen! Nein, ich danke! In das Familienglück fremder

Leute passe ich nicht hinein.“

„Wenn du das nicht willst, so kannst du in Berlin in eine Pension

gehen.“

„Nein, das will ich auch nicht. Ich will bei dir bleiben.“

„Aber liebste Edith, wie denkst du dir das nur?“

„Ich will ganz außerhalb aller konventionellen Formen stehen, sonst

ertrage ich das Leben in Deutschland nicht. Ich soll wohl vor

Bangigkeit sterben in einer Pension, während ich jeden Augenblick an

die Gefahren denke, denen du ausgesetzt bist. Nein, das ertrage ich

nicht. Ich habe zuviel erlebt, ich habe zuviel Schreckliches gesehen.

Meine Nerven halten das nicht aus, jetzt in einer Familie oder in

einer Berliner Pension in der Trivialität des Alltaglebens dahin zu

vegetieren. Habe Mitleid mit mir und verlaß mich nicht! Deine Gegenwart

ist die einzige wirksame Arznei für meine Seele.“

„Ach, liebste Edith, mein ganzes Herz ist ja von dir erfüllt, und

gern tue ich, was du willst. Aber zweckmäßig und praktisch muß doch

jeder Schritt sein, den wir tun. Wenn du sagst, daß du bei mir bleiben

willst, so muß sich deiner Vorstellung doch irgend ein Bild, irgend

eine bestimmte Form der Ausführung zeigen. Wie denkst du dir denn die

Art und Weise unseres Beisammenseins? Bedenke, daß ich nach meiner

Rückkehr Offizier im Dienst bin und die Befehle ausführen muß, die ich

erhalte.“

„O ja, ich wüßte schon einen Weg. Wir haben doch gesehen, daß Fürst

Tschadschawadse einen Pagen bei sich hatte. Ich will dein Page sein.“

„Welche Phantasie! -- Preußische Offiziere haben keine Pagen im

Feldzuge!“

„Nun, auf das Wort kommt es nicht an. Ihr müßt doch Diener haben, wie

die englischen Offiziere auch; ich will dein Boy sein.“

„Zu solchen Dienstleistungen werden bei uns Soldaten kommandiert,

liebste Edith.“

„Dann werde ich als Soldat mitgehen. Bin ich doch auch schon als Radjah

gegangen!“

Eine Falte der Ungeduld erschien auf Heidecks Stirn, und sie war den

scharfen Augen des jungen Weibes nicht entgangen.

„Ja,“ sagte sie heftig, „wenn es auch so scheint, als hättest du mich

satt, ich lasse nicht von dir! Die Entfernung ist der Liebe schlimmster

Feind, und du bist das einzige Band, das mich an das Leben fesselt.“

Heideck schlug die Augen nieder, um seine Gedanken nicht zu verraten.

Seitdem er die Zeitungen gelesen hatte, die ihm eine deutlichere

Vorstellung der Weltlage gaben, war sein Geist noch mehr als auf

der bisherigen Reise mit kriegerischen Bildern erfüllt. Er liebte

Edith, aber die Liebe füllte sein Leben nicht aus wie das ihre.

Die Nachrichten der italienischen und französischen Blätter hatten

ihn, der so lange von Europa entfernt gewesen war, in ein wahres

Fieber versetzt. Die Auflösung des Dreibundes und die neue Allianz

Deutschlands mit Frankreich und Rußland hatte eine völlige Veränderung

des politischen Horizonts herbeigeführt. Er hörte das Stampfen der

Rosse, das Klirren der Waffen, den Donner der Geschütze. Unermeßlich

und bedeutungsvoll war der Krieg.

Es handelte sich um Deutschlands Existenz! Auf mehr als drei Milliarden

wurden die Verluste geschätzt, die Deutschland bis jetzt erlitten

hatte. Alle deutschen Kolonieen waren von den Engländern in Beschlag

genommen worden, hunderte von deutschen Handelsschiffen waren

verloren, der deutsche Handel mit dem Auslande war vollständig lahm

gelegt, der deutsche Kredit war erschüttert. Wenn Deutschland nicht

schließlich den Sieg errang, so bedeutete dieser Krieg das Ende seiner

Großmachtstellung.

Er sprang auf.

„Es muß sein, teuerste Edith, wir müssen uns zunächst trennen!“

Sie erbleichte. Mit angstvollem Blicke haschte sie nach seiner Hand und

hielt sie fest.

„Verlaß mich nicht!“

„Ich muß völlige Freiheit haben! Für jetzt! Nach dem Kriege gehöre ich

ganz dir.“

„Nein, nein, du kannst nicht so grausam sein! Du darfst mich nicht

verlassen!“

„Wir werden uns wiedersehen! Ich liebe dich und ich bleibe dir treu.

Aber jetzt verlange ich ein Opfer von dir. Ich bin ein deutscher

Offizier, mein Leben gehört jetzt meinem Vaterlande.“

Sie glitt von ihrem Stuhl nieder auf die Erde und umklammerte seine

Kniee.

„Ich kann nicht von dir gehen! Es wird dir keinen Segen bringen, wenn

du mich vernichtest!“

„Sei stark, Edith. Ich bewunderte immer deinen großen, festen Willen.

Hast du denn mit einem Mal alle Besinnung, alle Vernunft verloren?“

„Alles habe ich verloren!“ schrie sie jammernd, „alles, bis auf dich!

Und nun will ich nicht auch dich noch hergeben!“

„Mrs. Irwin!“ rief in diesem Augenblick eine entsetzte Stimme, „wie ist

es möglich?“

Edith fuhr empor.

Mrs. Kennedy und ihre Tochter waren unbemerkt eingetreten. Sie hatten

mit grenzenlosem Erstaunen die seltsame Situation wahrgenommen und

Ediths letzte Worte gehört.

„Mein Gott -- mein Gott -- wie ist es nur möglich!“ wiederholte

die würdige Dame mit bebender Stimme, und dann, gegen ihre Tochter

gewendet, fügte sie hinzu: „Geh, mein Kind! --“

Edith Irwin hatte ihre Fassung sehr schnell wiedergewonnen. Aufrecht

und mit stolz erhobenem Haupte stand sie der entrüsteten Dame gegenüber.

„Ich bitte Sie, nicht zu vergessen, Mrs. Kennedy, daß man niemals ein

Urteil abgeben soll, ohne den Zusammenhang der Dinge zu kennen.“

„O, ich denke, was ich gesehen habe, wäre deutlich genug gewesen.“

„Wenn darin etwas Tadelnswertes zu finden ist, so fällt alle Schuld

lediglich auf mich,“ nahm jetzt Heideck das Wort. „Gönnen Sie mir

einige Minuten unter vier Augen, Mrs. Kennedy, und ich werde Sie

überzeugen, daß Mrs. Irwin keinen Vorwurf verdient.“

„Ich bedarf keines Fürsprechers und keines Verteidigers!“ rief Edith in

leidenschaftlicher Erregung. „Weshalb sollen wir unsere Liebe länger

verbergen? Dieser Mann, Mrs. Kennedy, hat mir mehr als einmal Leben und

Ehre gerettet, und es bedeutet für mich keine Demütigung, vor ihm auf

den Knieen zu liegen.“

In ihrem Gesicht und in dem Ton ihrer Worte mochte etwas sein, das der

Engländerin trotz ihres empörten Schicklichkeitsgefühls ans Herz ging.

Der strenge Ausdruck verschwand aus ihren Zügen, und mit freundlicher,

fast mütterlicher Sanftmut sagte sie:

„Kommen Sie, mein armes Kind! Ich habe gewiß kein Recht, mich zur

Richterin aufzuwerfen über Ihr Tun und Lassen. Aber ich bin wohl alt

genug, daß Sie Vertrauen zu mir haben dürfen.“

Edith lehnte, überwältigt von dieser plötzlichen Güte, den Kopf an ihre

Schulter. Heideck aber fühlte, daß es gut sei, die beiden Damen jetzt

sich selbst zu überlassen.

„Sie erlauben mir, meine Damen, mich vorläufig zu entfernen.“

Mit einer raschen Bewegung legte Edith ihre Hand auf seinen Arm.

„Sie geben mir Ihr Wort, Kapitän Heideck, daß Sie nicht abreisen

werden, ohne mir Lebewohl zu sagen?“

„Ich gebe Ihnen mein Wort.“

In schmerzlichster Gemütsverfassung verließ er das Zimmer. Es war ihm,

als ob er über die Leiche des teuersten Wesens hinwegschreiten müsse,

um seine Pflicht zu erfüllen.

Am Abend brachte ihm die Zofe der Mrs. Kennedy ein Billet von Edith,

worin sie ihn mit wenig Worten ersuchte, sogleich zu ihr zu kommen. Er

fand sie in ihrem dämmerigen Zimmer auf dem Ruhebett; aber bei seinem

Eintritt stand sie auf und ging ihm anscheinend ruhig entgegen.

„Du hast recht, mein Freund, ich bin inzwischen zur Vernunft gekommen.

Es gibt keine andere Möglichkeit -- wir müssen uns trennen.“

„Ich schwöre dir, Edith -- --“

„Schwöre mir nichts! -- Die Zukunft liegt allein in Gottes Hand.“

Sie streifte vom Goldfinger ihrer linken Hand den Reif mit dem

kostbaren Brillanten, der den Anlaß zu ihrer ersten bedeutsamen

Unterredung gegeben hatte.

„Nimm diesen Ring, mein Freund, und denke an mich, so oft dein Blick

auf ihn fällt.“ Die Tränen erstickten jetzt ihre Stimme. „Sei ohne

Sorge um mich und meine Zukunft. -- Ich gehe mit der Familie Kennedy

nach England.“

[Illustration]

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman · 第 30 / 49 题