Verzweifelte Niedergeschlagenheit und heftigste Erbitterung hatten
sich der Passagiere der ‚Caledonia‘ bemächtigt. Man suchte die Schuld
für das Unglück nicht so sehr in einem unberechenbaren Zufall, als
in einer unverzeihlichen Nachlässigkeit der maßgebenden englischen
Militärbehörde.
„Da haben wir wieder einmal ein schlagendes Beispiel englischer
Unvorsichtigkeit,“ sagte Mr. Kennedy. „Wie durfte man die ‚Caledonia‘
unbeschützt fahren lassen! So viel Kriegsschiffe lagen müßig in Bombay,
in Aden, in Port Said, und doch sah man sich nicht veranlaßt, diesem
prachtvollen Schiff mit fast tausend Engländern an Bord und mit einer
Ladung im Werte von mehr als einer Million Pfund eines oder mehrere von
ihnen zur Begleitung mitzugeben. Hatten denn unsere Flottenkommandanten
keine Ahnung von der Nähe französischer Schiffe?“
„Unsere Kommandanten,“ meinte der General, „werden sich darauf
verlassen haben, daß genug englische Schiffe im Mittelländischen Meere
verkehrten, um derartige Unternehmungen zu verhindern.“
Aber man ließ die Entschuldigung nicht gelten, und viele bittere
Worte fielen gegen die englische Kriegsleitung. Als dann die Nacht
hereinbrach, zogen sich die meisten Passagiere, von den ausgestandenen
Aufregungen aufs äußerste erschöpft, in ihre Kabinen zurück. Heideck
aber stand noch lange auf Deck und ließ sich den köstlichen Nachtwind
um die heißen Schläfen wehen. Ruhig zog das Geschwader seines Weges
durch die leise rauschenden Wogen, und die Positionslaternen zeigten
deutlich den Stand der einzelnen Schiffe an. Rechts fuhr der ‚Chanzy‘,
links die ‚Aréthuse‘, rückwärts der ‚Forbin‘ und der mit französischer
Mannschaft besetzte ‚O'Hara‘. Nur von dem Torpedojäger war nichts zu
sehen.
Endlich ging auch Heideck, müde gemacht durch die gleichmäßigen
Schritte der auf dem Verdeck auf- und niedergehenden französischen
Schildwache, in seine Kajüte hinab. Rasch senkte sich der Schlaf auf
seine Lider, aber es waren unruhige Träume, die ihn verfolgten. Noch
einmal durchlebte er den Kampf, dessen Zeuge er gewesen war. Und die
Traumbilder mußten sehr lebhaft gewesen sein, da er unausgesetzt den
dumpfen Knall der Schüsse zu hören vermeinte. Er rieb sich die Augen
und setzte sich auf dem schmalen Lager auf. War das denn Wirklichkeit
oder nur eine Täuschung seiner erregten Sinne? Der dumpfe Donner schlug
ja noch immer an sein Ohr; und nachdem er minutenlang mit gespannter
Aufmerksamkeit gehorcht hatte, sprang er auf, um in seine Kleider
zu schlüpfen und auf Deck zu eilen. Schon auf dem Gange traf er mit
mehreren Herren zusammen, die ebenfalls durch den Knall der Schüsse aus
dem Schlummer geweckt worden waren. Und sobald er das Verdeck erreicht
hatte, sah er, daß man sich in der Tat wieder inmitten eines heftigen
Seegefechtes befand.
Die Nacht war ziemlich dunkel; aber wenn schon das Aufblitzen der
Schüsse die Stellung des Feindes ungefähr erkennen ließ, so wurde
dieselbe mit völliger Deutlichkeit gerade jetzt sichtbar, als von der
‚Aréthuse‘ ein Scheinwerfer aufleuchtete und seinen breiten, blendend
hellen Lichtkegel über die Wasserfläche spielen ließ. Die riesigen
Massen zweier Linienschiffe tauchten weißglänzend aus der Dunkelheit
auf. Außer ihnen ließen sich noch fünf andere, kleinere Kiegsschiffe
und mehrere winzige, niedrige Fahrzeuge erkennen, die Torpedoboote des
britischen Geschwaders, das dem französischen entgegenkam. Hell wie
eine kleine Sonne ging jetzt auch von englischer Seite ein elektrischer
Scheinwerfer auf. Es war ein interessantes Schauspiel, zu beobachten,
wie diese beiden elektrischen Lichter, sich langsam drehend, die
einzelnen Schiffe gleichsam aus der Dunkelheit hervorzerrten, den
Geschützen sichere Zielpunkte zeigend.
In dem französischen Geschwader, dessen Kommandant hinsichtlich der
Ueberlegenheit des Feindes nicht im Ungewissen sein mochte, entstand
eine lebhafte Bewegung. Alle Fahrzeuge, auch die ‚Caledonia‘, drehten
und gingen mit Volldampf zurück. Aber die schweren englischen Granaten
aus den 30,5 Zentimeter-Kanonen der Linienschiffe fielen bereits
zwischen ihnen nieder, obwohl die Entfernung noch etwa drei Seemeilen
betragen mochte. Und plötzlich, als die ‚Caledonia‘ während des
Wendungsmanövers dem britischen Geschützfeuer eine Breitseite zeigte,
ließ sich ein scharfer, erschütternder Schlag im Schiffe spüren, dem
der Knall einer heftigen Explosion folgte. Die Bewegung des Dampfers
stockte, und lautes Wehgeschrei erscholl aus dem Maschinenraum. Zu
Tode erschreckt liefen die Passagiere umher. Man durfte ihnen nicht
verhehlen, daß eine Granate eingeschlagen hatte und explodiert war.
Aber es stellte sich heraus, daß die ‚Caledonia‘ zwar stark beschädigt,
doch nicht unmittelbar gefährdet war. Nur die Manövrierfähigkeit und
Schnelligkeit des Schiffes hatten dadurch erheblich gelitten, daß ein
Dampfrohr getroffen war.
Die französischen Kriegsschiffe entfernten sich eiligst und überließen
die ‚Caledonia‘ und die eingeschiffte Prisenmannschaft ihrem Schicksal,
da es nicht möglich war, sie mitzunehmen. Sie mußten auf die gute
Prise verzichten und sich mit dem großen Erfolge begnügen, den sie
mit der Zerstörung des ‚Royal Arthur‘ und der Wegnahme des ‚O'Hara‘
errungen hatten. Die ‚Caledonia‘ aber, vom Scheinwerfer beleuchtet und
von den britischen Kommandanten erkannt, hatte keinen ferneren Schuß
zu befürchten. Sie bewegte sich langsam in nördlicher Richtung und
wurde, als der Morgen dämmerte, von zwei britischen Kreuzern erreicht.
Ein Offizier kam an Bord, erklärte die französische Prisenmannschaft
für kriegsgefangen und erfuhr von dem dritten Offizier, der sie jetzt
führte, die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden.
Das britische Geschwader folgte den französischen Schiffen, die
‚Caledonia‘ aber nahm, nur noch mit acht Knoten Geschwindigkeit, den
Kurs auf Neapel, das ohne weitere Zwischenfälle erreicht wurde. Die
Passagiere wurden ausgeschifft, die große Geldsumme wurde in der Bank
von Neapel für Rechnung der englischen Regierung deponiert und nur die
Ladung an Baumwolle, Teppichen und gestickten Seidenstoffen blieb an
Bord.
Die Familie Kennedy nebst Mrs. Irwin gingen in das Hotel de la Riviera,
und Heideck schloß sich ihnen an. Er wollte nur einen einzigen Tag in
Neapel bleiben und dann mit dem durchgehenden Zuge nach Berlin fahren.
Edith ahnte seinen Plan, obwohl er nicht mit ihr über seine Reise nach
Berlin gesprochen hatte, und sie redete ihn wenige Stunden nach der
Ankunft im Lesezimmer an, wo er eifrig die Zeitungen studierte.
„Wichtige Neuigkeiten?“
„Alles ist mir neu. Wir haben bis jetzt doch immer nur einen kleinen
Ausschnitt aus dem Kreise der Ereignisse übersehen können, und erst
aus diesen Zeitungen vermochte ich einen umfassenden Ueberblick zu
gewinnen.“
„Und jetzt hast du natürlich kein anderes Verlangen, als die Sehnsucht,
deine Fahnen wiederzusehen? Ich weiß wohl, daß es einzig der Ehrgeiz
ist, der dich leitet.“
„Kannst du einem Offizier einen Vorwurf daraus machen?“
„Ja, wenn er darüber die Menschlichkeit vergißt. Aber sei ganz ruhig,
ich werde dich nicht daran verhindern. Ich will deinem Ehrgeiz nicht
in den Weg treten, aber ich will ihm auch nicht zum Opfer fallen.“
„Das sollst du gewiß nicht. Wir werden glücklich werden, wenn dieser
Krieg beendigt ist. Ich werde dir so wenig untreu werden, wie meiner
Pflicht. Kehre ich lebend aus dem Felde zurück, so wird mein Dasein
einzig deinem Glücke geweiht sein.“
„Die Liebe ist ein Vogel, dem man nicht zu viel Freiheit lassen darf.
Du erinnerst dich, daß ich dir immer gesagt habe, ich würde dich nie
verlassen.“
„Aber, meine geliebte Edith, das ist doch ganz unmöglich! Hast du denn
gar keine Vorstellung davon, wie es im Kriege zugeht?“
„Ich dächte, daß ich genug davon gesehen hätte.“
„Ja, in Indien und auf dem Meere. Aber in Europa wird der Krieg doch
etwas anders geführt. Jeder Platz in den Eisenbahnzügen ist genau
berechnet, und in den Quartieren, in den Kantonnements und im Biwak ist
es ebenso. Für eine Dame ist da nicht Raum. Was würden die Kameraden
von mir sagen, wenn ich in deiner Gesellschaft erschiene?“
„Du kannst ja sagen, ich sei deine Frau.“
„Aber Edith, über so etwas ist gar nicht ernsthaft zu reden. Als
preußischer Offizier bedarf ich des Konsenses, um heiraten zu können.
Wie kann ich jetzt in Begleitung einer Dame zur Armee kommen? Oder wie
könnte ich gerade jetzt einen Heiratskonsens verlangen?“
„Das kannst du recht gut. Viele Offiziere heiraten zu Beginn des
Krieges.“
„Nun gut, aber selbst, wenn ich den Konsens jetzt verlangte, so müßten
doch nach dem Gesetz noch Monate vergehen, ehe wir heiraten könnten.
Ich machte dir schon einmal den Vorschlag, zu meinen Verwandten nach
Hamburg zu gehen und dort das Ende des Krieges abzuwarten. Und ich
halte das noch jetzt für den einzig richtigen Weg.“
„Aber ich will nicht nach Hamburg zu deinen Verwandten.“
„Und warum nicht?“
„Ich soll in einer deutschen Familie sitzen, ich als Engländerin, und
ich soll mich angaffen lassen? Ich soll in den deutschen Zeitungen alle
die Lügen über England lesen?“
„Mein Onkel und meine Tante sind sehr taktvolle Leute, und meine
Cousinen werden es nicht an der gebotenen Rücksicht fehlen lassen.“
„Auch noch Cousinen! Nein, ich danke! In das Familienglück fremder
Leute passe ich nicht hinein.“
„Wenn du das nicht willst, so kannst du in Berlin in eine Pension
gehen.“
„Nein, das will ich auch nicht. Ich will bei dir bleiben.“
„Aber liebste Edith, wie denkst du dir das nur?“
„Ich will ganz außerhalb aller konventionellen Formen stehen, sonst
ertrage ich das Leben in Deutschland nicht. Ich soll wohl vor
Bangigkeit sterben in einer Pension, während ich jeden Augenblick an
die Gefahren denke, denen du ausgesetzt bist. Nein, das ertrage ich
nicht. Ich habe zuviel erlebt, ich habe zuviel Schreckliches gesehen.
Meine Nerven halten das nicht aus, jetzt in einer Familie oder in
einer Berliner Pension in der Trivialität des Alltaglebens dahin zu
vegetieren. Habe Mitleid mit mir und verlaß mich nicht! Deine Gegenwart
ist die einzige wirksame Arznei für meine Seele.“
„Ach, liebste Edith, mein ganzes Herz ist ja von dir erfüllt, und
gern tue ich, was du willst. Aber zweckmäßig und praktisch muß doch
jeder Schritt sein, den wir tun. Wenn du sagst, daß du bei mir bleiben
willst, so muß sich deiner Vorstellung doch irgend ein Bild, irgend
eine bestimmte Form der Ausführung zeigen. Wie denkst du dir denn die
Art und Weise unseres Beisammenseins? Bedenke, daß ich nach meiner
Rückkehr Offizier im Dienst bin und die Befehle ausführen muß, die ich
erhalte.“
„O ja, ich wüßte schon einen Weg. Wir haben doch gesehen, daß Fürst
Tschadschawadse einen Pagen bei sich hatte. Ich will dein Page sein.“
„Welche Phantasie! -- Preußische Offiziere haben keine Pagen im
Feldzuge!“
„Nun, auf das Wort kommt es nicht an. Ihr müßt doch Diener haben, wie
die englischen Offiziere auch; ich will dein Boy sein.“
„Zu solchen Dienstleistungen werden bei uns Soldaten kommandiert,
liebste Edith.“
„Dann werde ich als Soldat mitgehen. Bin ich doch auch schon als Radjah
gegangen!“
Eine Falte der Ungeduld erschien auf Heidecks Stirn, und sie war den
scharfen Augen des jungen Weibes nicht entgangen.
„Ja,“ sagte sie heftig, „wenn es auch so scheint, als hättest du mich
satt, ich lasse nicht von dir! Die Entfernung ist der Liebe schlimmster
Feind, und du bist das einzige Band, das mich an das Leben fesselt.“
Heideck schlug die Augen nieder, um seine Gedanken nicht zu verraten.
Seitdem er die Zeitungen gelesen hatte, die ihm eine deutlichere
Vorstellung der Weltlage gaben, war sein Geist noch mehr als auf
der bisherigen Reise mit kriegerischen Bildern erfüllt. Er liebte
Edith, aber die Liebe füllte sein Leben nicht aus wie das ihre.
Die Nachrichten der italienischen und französischen Blätter hatten
ihn, der so lange von Europa entfernt gewesen war, in ein wahres
Fieber versetzt. Die Auflösung des Dreibundes und die neue Allianz
Deutschlands mit Frankreich und Rußland hatte eine völlige Veränderung
des politischen Horizonts herbeigeführt. Er hörte das Stampfen der
Rosse, das Klirren der Waffen, den Donner der Geschütze. Unermeßlich
und bedeutungsvoll war der Krieg.
Es handelte sich um Deutschlands Existenz! Auf mehr als drei Milliarden
wurden die Verluste geschätzt, die Deutschland bis jetzt erlitten
hatte. Alle deutschen Kolonieen waren von den Engländern in Beschlag
genommen worden, hunderte von deutschen Handelsschiffen waren
verloren, der deutsche Handel mit dem Auslande war vollständig lahm
gelegt, der deutsche Kredit war erschüttert. Wenn Deutschland nicht
schließlich den Sieg errang, so bedeutete dieser Krieg das Ende seiner
Großmachtstellung.
Er sprang auf.
„Es muß sein, teuerste Edith, wir müssen uns zunächst trennen!“
Sie erbleichte. Mit angstvollem Blicke haschte sie nach seiner Hand und
hielt sie fest.
„Verlaß mich nicht!“
„Ich muß völlige Freiheit haben! Für jetzt! Nach dem Kriege gehöre ich
ganz dir.“
„Nein, nein, du kannst nicht so grausam sein! Du darfst mich nicht
verlassen!“
„Wir werden uns wiedersehen! Ich liebe dich und ich bleibe dir treu.
Aber jetzt verlange ich ein Opfer von dir. Ich bin ein deutscher
Offizier, mein Leben gehört jetzt meinem Vaterlande.“
Sie glitt von ihrem Stuhl nieder auf die Erde und umklammerte seine
Kniee.
„Ich kann nicht von dir gehen! Es wird dir keinen Segen bringen, wenn
du mich vernichtest!“
„Sei stark, Edith. Ich bewunderte immer deinen großen, festen Willen.
Hast du denn mit einem Mal alle Besinnung, alle Vernunft verloren?“
„Alles habe ich verloren!“ schrie sie jammernd, „alles, bis auf dich!
Und nun will ich nicht auch dich noch hergeben!“
„Mrs. Irwin!“ rief in diesem Augenblick eine entsetzte Stimme, „wie ist
es möglich?“
Edith fuhr empor.
Mrs. Kennedy und ihre Tochter waren unbemerkt eingetreten. Sie hatten
mit grenzenlosem Erstaunen die seltsame Situation wahrgenommen und
Ediths letzte Worte gehört.
„Mein Gott -- mein Gott -- wie ist es nur möglich!“ wiederholte
die würdige Dame mit bebender Stimme, und dann, gegen ihre Tochter
gewendet, fügte sie hinzu: „Geh, mein Kind! --“
Edith Irwin hatte ihre Fassung sehr schnell wiedergewonnen. Aufrecht
und mit stolz erhobenem Haupte stand sie der entrüsteten Dame gegenüber.
„Ich bitte Sie, nicht zu vergessen, Mrs. Kennedy, daß man niemals ein
Urteil abgeben soll, ohne den Zusammenhang der Dinge zu kennen.“
„O, ich denke, was ich gesehen habe, wäre deutlich genug gewesen.“
„Wenn darin etwas Tadelnswertes zu finden ist, so fällt alle Schuld
lediglich auf mich,“ nahm jetzt Heideck das Wort. „Gönnen Sie mir
einige Minuten unter vier Augen, Mrs. Kennedy, und ich werde Sie
überzeugen, daß Mrs. Irwin keinen Vorwurf verdient.“
„Ich bedarf keines Fürsprechers und keines Verteidigers!“ rief Edith in
leidenschaftlicher Erregung. „Weshalb sollen wir unsere Liebe länger
verbergen? Dieser Mann, Mrs. Kennedy, hat mir mehr als einmal Leben und
Ehre gerettet, und es bedeutet für mich keine Demütigung, vor ihm auf
den Knieen zu liegen.“
In ihrem Gesicht und in dem Ton ihrer Worte mochte etwas sein, das der
Engländerin trotz ihres empörten Schicklichkeitsgefühls ans Herz ging.
Der strenge Ausdruck verschwand aus ihren Zügen, und mit freundlicher,
fast mütterlicher Sanftmut sagte sie:
„Kommen Sie, mein armes Kind! Ich habe gewiß kein Recht, mich zur
Richterin aufzuwerfen über Ihr Tun und Lassen. Aber ich bin wohl alt
genug, daß Sie Vertrauen zu mir haben dürfen.“
Edith lehnte, überwältigt von dieser plötzlichen Güte, den Kopf an ihre
Schulter. Heideck aber fühlte, daß es gut sei, die beiden Damen jetzt
sich selbst zu überlassen.
„Sie erlauben mir, meine Damen, mich vorläufig zu entfernen.“
Mit einer raschen Bewegung legte Edith ihre Hand auf seinen Arm.
„Sie geben mir Ihr Wort, Kapitän Heideck, daß Sie nicht abreisen
werden, ohne mir Lebewohl zu sagen?“
„Ich gebe Ihnen mein Wort.“
In schmerzlichster Gemütsverfassung verließ er das Zimmer. Es war ihm,
als ob er über die Leiche des teuersten Wesens hinwegschreiten müsse,
um seine Pflicht zu erfüllen.
Am Abend brachte ihm die Zofe der Mrs. Kennedy ein Billet von Edith,
worin sie ihn mit wenig Worten ersuchte, sogleich zu ihr zu kommen. Er
fand sie in ihrem dämmerigen Zimmer auf dem Ruhebett; aber bei seinem
Eintritt stand sie auf und ging ihm anscheinend ruhig entgegen.
„Du hast recht, mein Freund, ich bin inzwischen zur Vernunft gekommen.
Es gibt keine andere Möglichkeit -- wir müssen uns trennen.“
„Ich schwöre dir, Edith -- --“
„Schwöre mir nichts! -- Die Zukunft liegt allein in Gottes Hand.“
Sie streifte vom Goldfinger ihrer linken Hand den Reif mit dem
kostbaren Brillanten, der den Anlaß zu ihrer ersten bedeutsamen
Unterredung gegeben hatte.
„Nimm diesen Ring, mein Freund, und denke an mich, so oft dein Blick
auf ihn fällt.“ Die Tränen erstickten jetzt ihre Stimme. „Sei ohne
Sorge um mich und meine Zukunft. -- Ich gehe mit der Familie Kennedy
nach England.“
[Illustration]