XXIII.

Auf die Siegesbotschaft folgte, wie Heideck vorausgesehen hatte, eine

für die Engländer niederschmetternde Nachricht. Am folgenden Tage,

sehr spät, nachdem Bombay den Morgen und Mittag hindurch vergebens auf

eine Bestätigung der Depesche von gestern und auf nähere Einzelheiten

gewartet hatte, und die Stimmung bereits eine recht gedrückte

geworden war, veröffentlichte der Gouverneur folgende Depesche des

Höchstkommandierenden:

‚Als am gestrigen Tage größere Truppenmassen des Feindes nördlich

von Delhi gemeldet wurden, nahm die Armee eine für die Defensive

günstige Stellung ein, und es kam zu einem für die britischen Waffen

ehrenvollen Kampfe. Die Russen erlitten ungeheure Verluste. Bei

Einbruch der Dunkelheit, die eine weitere Verfolgung der errungenen

Vorteile nicht gestattete, beorderte ich das Gros der Armee zu einem

strategisch wertvollen Marsche auf Lucknow, der sich größtenteils

auf der Eisenbahn vollzog. Die Brigade Simpson ist zur Verteidigung

Delhis zurückgeblieben. Die schweren Geschütze der Sha-Bastion und

der Bastion von Kalkutta-Gate und North-Gate sind in erfolgreiche

Tätigkeit getreten. Alle Truppenteile haben sich ausgezeichnet

benommen und verdienen das höchste Lob. Die Brücke über den Jumna ist

intakt und vermittelt den direkten Verkehr mit General Simpson.‘

Mr. Kennedy saß nachdenklich über dieser Depesche, als Heideck zu ihm

trat.

„Also eine entscheidende Niederlage, nicht wahr, Mr. Heideck?“ sagte

er. „Sie als Militär können ja noch mehr zwischen den Zeilen lesen

als ich. Ich kenne doch Delhi. Wenn die Batterien an der Jumnabrücke

feuern, so müssen die Russen im Begriff sein, sich dieses Uebergangs zu

bemächtigen. Die North-Gate-Bastion ist ja der Brückenkopf.“

Heideck mußte ihm recht geben; aber er hatte noch mehr aus der Depesche

gelesen und erblickte die schlimmsten Anzeichen in dem Rückzuge des

Generals auf Lucknow.

Weitere Depeschen vom Kriegsschauplatze wurden im Laufe des Tages nicht

veröffentlicht, weil der Gouverneur der Bevölkerung verheimlichen

wollte, wie traurig die Verhältnisse lagen. Mr. Kennedy aber, der im

Gouvernementsgebäude gewesen war, erfuhr mehr. Er erzählte Heideck, daß

die englische Armee in voller Auflösung geflohen wäre und 8000 Mann an

Toten und Verwundeten, 20 Geschütze nebst vielen Fahnen und Standarten

verloren hätte. Die Regierung gäbe Delhi bereits auf, denn General

Simpson könne die Stadt nicht halten.

„Indien ist uns verloren,“ schloß Mr. Kennedy in tiefem Schmerz. „Jetzt

habe ich auch meine letzte Hoffnung begraben.“ -- -- --

* * * * *

Die ‚Caledonia‘ hatte im Victoria-Dock, einem Teil der großartigen

Hafenanlagen auf der Ostküste der Halbinsel, festgelegt, und die

Reisenden begaben sich inmitten eines dichten Menschengewühls an Bord.

Viele verwundete und kranke Offiziere und Soldaten sollten auf dem

schnellen Dampfer nach England zurückbefördert werden und nahmen die

sonst für die Passagiere bestimmten Plätze ein. Von Reisenden, die in

Geschäften oder zum Vergnügen nach Europa fuhren, war nichts zu sehen.

Alle Frauen, die an Bord kamen, gehörten Militärfamilien an. Die

allgemeine Stimmung war sehr trübe.

Heideck hatte vor der Einschiffung seinen treuen Diener entlassen. Wohl

hatte Morar Gopal mit Tränen in den Augen gebeten, ihn mitzunehmen,

aber Heideck mußte fürchten, daß der arme Kerl am europäischen Klima

zu Grunde gehen würde. Und beim Eintritt in die Armee hätte er sich

ja doch von ihm trennen müssen. So schenkte er ihm hundert Rupien und

machte ihn dadurch zum reichen Mann.

Langsam bewegte sich der große Dampfer aus dem Hafenbassin, vorbei

an englischen Handelsfahrzeugen und den weißen Kriegsschiffen, die

Soldaten und Kriegsmaterial hergeführt hatten.

Heideck sah, als die ‚Caledonia‘ nun in schnellerer Fahrt den

Außenhafen durchschnitt, wohl zwanzig Kriegsschiffe, darunter mehrere

große Panzer, auf der Reede. Von zwei Transportdampfern, deren Verdeck

von Waffen glänzte, wurden englische Truppen, die von Malta kamen, in

Booten gelandet.

Dann ging es immer schneller auf die hohe See hinaus. Die Stadt mit

ihren Leuchttürmen verschwand in der Ferne, die blauen Berge des

Festlandes und der Insel lösten sich in verschwimmenden Nebel auf. Eine

lange, weißschimmernde Furche folgte dem Dampfer.

Die Fahrt war wundervoll für jeden, den nicht schwere Sorgen

unempfindlich machten für die Erhabenheit der Natur. Heideck, der

glücklich war, sich endlich auf dem Heimwege zu befinden, genoß in

vollem Maße die Schönheit des Meeres und des Himmels. Die bangen

Zweifel, die ihn zuweilen wegen Ediths und seiner eigenen Zukunft

überkamen, wurden unterdrückt durch den Reiz ihrer Gegenwart. Wohl

hielten die Stürme ihres Charakters ihn beständig in unruhiger

Bewegung, aber er liebte Edith, die seit jener Stunde, da sie ihm

erklärt hatte, daß sie ihn niemals verlassen würde, ganz Hingebung und

Zärtlichkeit war, als wäre sie von einer beständigen Furcht gequält,

daß er sie dennoch eines Tages von sich stoßen könnte.

So saßen sie wieder einmal auf dem Promenadendeck beieinander. In

azurblauen Wogen rauschte das Meer um die Planken des Schiffes. Ein

wunderbares Flimmern und Leuchten ging von der unabsehbaren Fläche aus.

Die ganze Welt schien in Licht gebadet; aber das doppelte Sonnendach

über den Häuptern des jungen Paares wehrte der Glut der Sonne, und ein

erfrischender Lufthauch strich unter ihm dahin.

„Du würdest also in Brindisi mit mir an Land gehen?“ fragte Heideck.

„In Brindisi oder schon in Aden oder in Port Said -- wo du willst.“

„Ich denke, Brindisi wird der geeignetste Platz sein. Dann fahren wir

zusammen nach Berlin.“

Edith nickte zustimmend.

„Aber ich weiß nicht, wie lange ich in Berlin bleibe,“ fuhr Heideck

fort. „Ich hoffe, man schickt mich nicht sofort wieder zur Armee.“

„Dann gehe ich mit dir, wohin es auch sei,“ sagte sie so ruhig, als ob

es sich um etwas ganz Selbstverständliches handle.

„Das ist wohl nicht gut möglich,“ erwiderte er lächelnd. „Bei uns führt

man Krieg ohne Frauen.“

„Und ich werde doch mit dir gehen.“

Heideck sah sie verwundert an. „Aber begreifst du denn nicht, mein

Lieb, daß es etwas ganz Neues sein würde und Aufsehen erregen müßte,

wenn ein deutscher Offizier mit seiner Braut ins Feld zöge?“

„Ich fürchte das Urteil der Menschen nicht. Ich kümmere mich ja auch

nicht darum, was die Kennedys sagen werden, wenn ich in Brindisi das

Schiff verlasse und mit dir gehe. Es wird ja ein schlimmer Sturz für

mich werden; denn die Kennedys würden mich von Stund an als eine

Verlorene ansehen. Aber ich mache mir nichts daraus. Ich bin längst von

der Torheit geheilt, daß man sein Glück opfern müsse, nur dem Gerede

der Welt zuliebe.“

Er nahm natürlich ihre Absicht, ihn ins Feld zu begleiten, trotzdem

nicht ernst und benutzte die Gelegenheit, ihr einen Vorschlag zu

machen, den er bei sich selber schon reiflich erwogen hatte.

„Ich würde es für das Beste halten, liebe Edith, wenn du zu meinem

Onkel nach Hamburg gingest und dort das Ende des Krieges abwartest.

Dann -- sofern mir der Himmel das Leben gelassen, -- steht unserer

Vereinigung nichts mehr entgegen.“

Sie antwortete nicht, und Heideck, der ihr Zeit lassen wollte, mit

sich zu Rate zu gehen, beeilte sich, das Gespräch von diesem Thema

abzulenken.

„Sieh, wie schön das ist!“ sagte er, auf das Wasser deutend.

Eine lange Reihe weiß aufschäumender Wellen zog sich jetzt zu beiden

Seiten des Schiffes hin, so daß es aussah, als durchschnitte der Kiel

eine Menge kleiner Klippen, über die das Meer hinwegbrandete. Aber

bei näherer Beobachtung ließ sich erkennen, daß es keine Klippen

waren, sondern unzählige große Fische, die wie in langer Schlachtreihe

einherzogen und das Schiff begleiteten. In großen Sprüngen schnellten

sie aus dem Wasser empor, so daß man die hellen Leiber in der Luft

glitzern sah.

„Ich möchte wohl einer von diesen Delphinen sein,“ sagte Edith. „Sieh,

wie frei und lustig ihr Dasein ist.“

„Du glaubst ja an die Seelenwanderung,“ scherzte Heideck, „vielleicht

bist du einmal ein solcher Delphin gewesen.“

„Dann habe ich sicherlich keinen vorteilhaften Tausch gemacht. Mit

unserer höheren geistigen Entwicklung verlieren wir unzweifelhaft den

rechten Genuß des natürlichen Daseins. Die Schmerzen aber, an denen das

menschliche Leben so viel reicher ist, als an Freuden, lernen wir um so

tiefer empfinden.“ --

* * * * *

Die Fahrt durch den indischen Ozean währte sechs Tage, und Heideck

hatte oft Gelegenheit, die Ansicht der englischen Offiziere und Beamten

über die politische Lage zu hören. Alle klagten sie die Unfähigkeit der

Regierung an, die England in eine so gefährliche Situation gebracht

hatte.

„Die guten alten Grundsätze der englischen Politik sind aufgegeben

worden,“ sagte eines Tages ein Oberst, der wegen einer schweren

Verwundung nach England zurückkehren mußte. „In früheren Zeiten hat

England seine Eroberungen gemacht, wenn die kontinentalen Mächte in

Kriege verwickelt waren, oder es hat auch selbst in Koalition mit

anderen Mächten Krieg geführt, um seinen Besitz zu erweitern. Nie aber

hat es sich so schimpflich überrumpeln lassen wie jetzt. Frankreich und

Deutschland werden wir natürlich besiegen; denn hier handelt es sich um

die Seemacht. Aber selbst wenn diese beiden Mächte geschlagen worden

sind, bleiben wir doch die Unterliegenden; denn der Verlust Indiens ist

für Englands Gesundheit und Leistungsfähigkeit so schlimm, wie für mich

die Amputation meines linken Beines. Ich kehre als Krüppel nach England

zurück, und auch mein armes Vaterland wird nach dem Verluste Indiens

nur noch ein Krüppel sein.“

„Ja, wahrhaftig,“ sagte Mr. Kennedy, „es wird schwer, ich fürchte,

es wird unmöglich sein, Indien wieder zu erobern. Den Franzosen, den

Holländern, den Portugiesen konnten wir ihre indischen Besitzungen

entreißen, weil sie auch nur durch ihre Seemacht mit Indien in

Verbindung standen, aber die Russen gliedern die Halbinsel an ihr Reich

an und könnten selbst im Falle einer Niederlage immer neue, ungezählte

Scharen dorthin zu Lande marschieren lassen. Ich sehe sie schon auf

Kalkutta, auf Bombay, auf Madras losgehen, die Häfen besetzen, die mit

unserm Gelde gebaut wurden, und in unsern Docks eine Kriegsflotte mit

den Hilfsmitteln Indiens bauen.“

„Es ist den kontinentalen Mächten ja nicht zu verdenken,“ fuhr

der Oberst fort, „wenn sie unsere Niederlagen benutzen, um sich zu

vergrößern. Da ist keine Macht, auf deren Kosten wir nicht groß

geworden wären. Alle unsere Besitzungen haben wir den Spaniern, den

Holländern, den Portugiesen, den Franzosen mit Gewalt der Waffen

entrissen, und Rußland haben wir bekämpft, seitdem es anfing seine

Macht zu entfalten. Wir haben die Türkei unterstützt, wir sind in die

Krim eingefallen und haben Sebastopol zerstört, wir haben die Flotte im

Schwarzen Meer erstickt. Aber jetzt haben wir uns verrechnet. Wir haben

den Japanern erlaubt, Rußland anzugreifen, aber wenn unsere Minister

geglaubt haben, die Japaner würden für jemand anders als sich selbst

kämpfen, so haben sie sich stark verrechnet. Rußland entschädigt sich

bei uns für seine Verluste in Ostasien.“

„Nicht Rußland ist unser schlimmster Feind, Deutschland ist es,“

widersprach Mr. Kennedy. „Rußland ist es erst geworden, seitdem

wir Deutschland so mächtig werden ließen. Ich erinnere mich noch,

wie unsere Minister triumphierten, als Preußen mit Oesterreich und

Frankreich Krieg führte. Denn wieder schien der europäische Kontinent

durch seine innere Zerrissenheit auf lange Zeit hinaus lahmgelegt.

Ein kurzer Triumph! Niemand hatte geahnt, daß Preußen sich so stark

erweisen würde. Und damals zeigten sich die ersten Schwächen unserer

Politik. Nach den ersten deutschen Siegen am Rhein hätte England eine

Allianz mit Frankreich schließen und Preußen den Krieg erklären müssen.

Große politische Umwälzungen erfordern eine lange Zeit, und eine kluge

Regierung muß weit voraussehen. Bismarck hat Englands Niederlage

langsam vorbereitet. Das lag vor dreißig Jahren wie eine Ahnung in

uns, gleich einer drohenden Gewitterwolke zog es herauf, aber unsere

Regierung hatte nicht den Mut, klar zu sehen und ermangelte der rechten

Energie.“

Ein General, der schweigend dagesessen hatte, ergriff das Wort. Er war

aus dem Geniekorps hervorgegangen und jetzt dazu bestimmt, das Kommando

von Gibraltar zu übernehmen.

„Wir sprechen von dem Verluste Indiens,“ sagte er, „aber wer weiß, ob

nicht England selbst eine Invasion im Mutterlande zu befürchten hat!“

„Unmöglich!“ entgegneten alle anwesenden Herren, „niemals werden

Englands Kriegsschiffe sich aus dem Kanal verdrängen lassen.“

„So hoffe auch ich, aber ich weiß nicht, ob die Herren sich noch

erinnern, wie nahe einst die Gefahr war, daß eine napoleonische Armee

Englands Boden betrat.“

„Und wenn sie erschienen wäre, so wäre sie von Britenfäusten

zerschmettert worden!“ rief Mr. Kennedy.

„Vielleicht! Aber warum haben wir niemals zugegeben, daß ein Tunnel

unter dem Kanal von Calais nach Dover gebaut würde? Alle militärischen

Autoritäten, namentlich Wolseley, haben es unter keiner Bedingung

erlauben wollen, daß dem Verkehr und dem Handel dieser bequeme Weg

eröffnet werde. Sie haben es immer für notwendig erklärt, daß England

eine Insel bliebe, die nur übers Meer zu erreichen wäre. Ganz gewiß ist

dies die erste und wichtigste Bedingung für Englands Macht.“

„Nun also,“ sagte Mr. Kennedy. „Da England doch eine Insel ist und wir

stets den Grundsatz aufrecht erhalten haben, unsere Flotte der Seemacht

zweier Seemächte, und zwar der stärksten, überlegen zu erhalten -- wo

wäre da eine Gefahr?“

„Eine Gefahr? Eine Gefahr besteht immer, wenn man Feinde hat,“

erwiderte der General. „Und ich behaupte: es hing zu Anfang des 19.

Jahrhunderts an einem Haar, daß Napoleon herüberkam, und ich glaube

nicht, daß wir diesem großen Gegner gewachsen gewesen wären, wenn er

einmal festen Fuß an unserer Küste gefaßt hätte.“

„Sein Plan war phantastisch und darum unausführbar,“ sagte Mr. Kennedy.

„Sein Plan scheiterte nur daran, daß er zu kompliziert war. Hätte

Napoleon aber telegraphische Verbindungen zur Verfügung gehabt, wie sie

heute bestehen, so wäre sein Plan nicht zu kompliziert gewesen. Mit den

Kabeln von heutzutage hätte er seine Flotten dirigieren können. Wäre

der Admiral Villeneuve nicht nach Kadix, sondern, wie ihm befohlen war,

nach Brest gesegelt, um sich dort mit Admiral Ganteaume zu vereinigen,

so hätte er, an der Spitze von sechsundfünfzig Linienschiffen, den

Uebergang Napoleons von Boulogne nach der englischen Küste decken

können. Nein, meine Herren, denken Sie sich die strategische Lage

Englands nicht als unangreifbar. Ich vertraue so fest wie Sie auf die

Ueberlegenheit unserer Seestreitkräfte, aber zur Zeit des Dampfes und

der Elektrizität ist England nicht mehr so sicher, wie damals, als

die Bewegung der Schiffe vom Winde abhängig war und die Befehle durch

reitende Boten und Signale übermittelt werden mußten.“

„So glauben Sie wirklich, daß Napoleons Plan ausführbar gewesen wäre,

General?“

„Ganz gewiß. Napoleon hatte bei diesem Unternehmen kein Glück. Zunächst

war sein größtes Mißgeschick der Tod des Admirals Latouche-Tréville.

Dieser Mann hätte an Villeneuves Stelle die Flotte wahrscheinlich

richtig geführt. Es war der einzige französische Seeoffizier, der

unserm Nelson hätte entgegentreten können. Aber er starb für Frankreich

zu früh, und sein Nachfolger Villeneuve war ihm geistig nicht

ebenbürtig. Aber es gibt noch besondere Verhältnisse, die heutzutage

günstiger für eine Landung in England sind als zu Napoleons Zeit. Dazu

gehört, abgesehen von Kabel und Dampf, zum Beispiel noch der Umstand,

daß die modernen Transportschiffe ungleich viel mehr Truppen fassen

können, wie damals. Napoleon hatte zweitausendzweihundertdreiundneunzig

Fahrzeuge zum Transport seiner Armee von einhundertfünfzigtausend Mann

und zur Bedeckung der Transportschiffe ausrüsten müssen, verfügte über

eintausendzweihundertvier Kanonenboote und einhundertfünfunddreißig

andere bewaffnete Fahrzeuge, außer den eigentlichen Transportschiffen.

Fast alle seine Fahrzeuge waren so gebaut, daß sie ohne Boote auf

flachem Sandstrande Mannschaften und Pferde mit Geschütz landen

konnten. Sie bedurften also auch der Windstille, um über den Kanal

zu kommen. Etwa zehn Stunden ruhiger See hätten sie nötig gehabt, um

zwischen Dover und Hastings anzukommen. Jetzt aber ist dies anders. Die

großen Dampfer der Schiffsgesellschaften Deutschlands und Frankreichs

stehen zur Verfügung der Marineleitung.“

„Dennoch bleibt alles beim alten,“ sagte Mr. Kennedy. „Der Sieg auf

hoher See gibt den Ausschlag. Keine feindliche Flotte wird sich im

Kanal zeigen können, ohne von der unsrigen zerstört zu werden.“

„Hoffen wir es!“ sprach der General.

Auf der Fahrt nach Aden begegneten der ‚Caledonia‘ nur wenige,

ausschließlich englische Schiffe. Mehrere Transportdampfer mit Truppen

an Bord, passierten auch einige Kriegsschiffe. Ueberholt wurde der

Dampfer von keinem Fahrzeuge, denn er machte durchschnittlich 22

Seemeilen Fahrt in der Stunde. Am Morgen des sechsten Tages erschienen

die rotbraunen Felsen von Aden, und die ‚Caledonia‘ warf auf der Reede

Anker. Eine Menge von kleinen Fahrzeugen schoß heran. Nackte schwarze

Araberknaben schrieen nach Geld und zeigten ihre Taucherkünste, indem

sie Silberstücke, die vom Bord geworfen wurden, auffischten. Da

Kohlen eingenommen werden sollten, gingen die Passagiere, soweit sie

bewegungsfähig waren, in von Arabern geruderten Fahrzeugen an Land.

Heideck schloß sich der Familie Kennedy an.

Als das Boot den tief eingeschnittenen Hafen erreichte, der in mehreren

Biegungen zwischen befestigten Höhen eine sichere Unterkunft für eine

ganze Flotte bot, sah Heideck wohl zwanzig englische Kriegsschiffe,

aber mindestens die dreifache Zahl deutscher und französischer sowie

einige russische Kauffahrer. Es waren Fahrzeuge, die von englischen

Kriegsschiffen erbeutet waren. Auch mehrere Kreuzer der drei mit

England in Fehde befindlichen Mächte lagen hier im Hafen. Sie waren

nach Ausbruch des Krieges im Indischen Ozean von überlegenen englischen

Schiffen genommen worden.

Da der ganze Tag bis zum Abend zur Verfügung stand, nahm Mr. Kennedy

einen Wagen, und Heideck fuhr mit der Familie zur Stadt, die, von der

Reede aus nicht sichtbar, zwischen hohen, spitzen Bergen eingebettet

lag. Die Fahrt ging an einem großen, freien Platze vorüber, auf dem

Tausende von Kamelen und Eseln zum Verkauf standen, und Heideck

konnte nun in der Nähe die mächtigen Festungswerke bewundern, die die

Engländer seit dem 9. Januar 1839, wo sie Aden den Türken abgenommen

hatten, auf der wichtigen, meerbeherrschenden Gebirgsecke Arabiens

erbaut hatten. Auch die merkwürdigen Tanks wurden besichtigt, jene

berühmten Zisternen, die Aden mit Wasser versorgen, etwa fünfzig

Becken, die dreißig Millionen Gallonen Wasser enthalten sollen,

Anlagen, deren Ursprung in das graueste Altertum zurückreicht und den

Persern zugeschrieben wird.

Um sieben Uhr abends waren die Reisenden wieder an Bord und vertieften

sich, während die ‚Caledonia‘ ihre Reise fortsetzte, in die Lektüre

der englischen, französischen und deutschen Zeitungen, die sie in Aden

gekauft hatten. Diese Blätter waren freilich zehn Tage alt, enthielten

aber trotzdem vieles, was den Reisenden neu war.

Im Roten Meere war es sehr heiß, und die Gesellschaft der ersten Kajüte

schlief zum größten Teile nachts auf dem Verdeck, wie sie es schon die

letzten Tage vor Aden getan hatte. Für die Damen ward ein besonderer

Teil des Decks durch ein ausgespanntes Segel abgeteilt.

In Port Said, wo viele englische Kriegsschiffe lagen, wurden wiederum

Kohlen eingenommen; dann ging die Fahrt bei ungünstigem Wetter und

etwas bewegter See in das Mittelländische Meer hinein. Die ‚Caledonia‘

fuhr an der Südküste Kretas hin. Dann nahm der Dampfer den Kurs

nordwestlich auf Brindisi, das am achten Tage nach der Abfahrt von

Aden erreicht werden sollte. In der Frühe des siebenten Tages aber

wurde ein Schiff, von der Nordseite Kretas kommend, bemerkt, dessen

Erscheinen den Kapitän der ‚Caledonia‘ in lebhafte Unruhe versetzte.

Bald teilte sich diese Unruhe auch den Passagieren mit. Alle Fernrohre

und Feldstecher richteten sich nach jenem Fahrzeuge, dessen Kurs den

der ‚Caledonia‘ durchschneiden mußte.

Bald war der Dampfer so nahe gekommen, daß man ihn erkennen konnte.

Es war der kleine französische Kreuzer ‚Forbin‘, und er mußte mit der

‚Caledonia‘ zusammentreffen, wenn diese ihren Kurs fortsetzte.

Der ‚Forbin‘ war ein Kreuzer dritter Klasse; er war nicht so schnell

wie die ‚Caledonia‘, die Offiziere schätzten seine Geschwindigkeit

auf 21 Seemeilen, und wenn es einen Wettlauf gegolten hätte, so wäre

der ‚Forbin‘ unterlegen; aber wenn die ‚Caledonia‘ nach Brindisi

fuhr, mußte sie dem Franzosen begegnen und ihrer Wegnahme gewärtig

sein. Infolgedessen änderte der Kapitän seinen Kurs und fuhr westlich

in der Richtung auf Malta, ohne auf das Signal zum Stoppen und die

nachfolgenden Schüsse zu achten, von denen nur einer durch die Takelage

ging, ohne jedoch nennenswerte Havarie anzurichten.

‚Jetzt ist es Mittag,‘ sagte sich Heideck. ‚Wir sollten morgen in

Brindisi sein. Statt dessen werden wir wohl morgen in La Valetta sein,

wenn nicht etwa der Kapitän wiederum den Kurs ändert und auf die

Schnelligkeit der ‚Caledonia‘ vertraut, um trotz des ‚Forbin‘ Brindisi

zu erreichen.‘

Da erscholl ein Ruf. Der Posten hatte ein Schiff an Backbord voraus

gemeldet.

Aber neben jenem einen tauchten innerhalb der nächsten Minuten noch

weitere zwei Fahrzeuge auf.

Das eine davon war, wie sich nachher herausstellte, der französische

Kreuzer zweiter Klasse ‚Aréthuse‘, die beiden anderen der geschützte

Kreuzer ‚Chanzy‘ und ein Torpedojäger.

Unmöglich konnte die ‚Caledonia‘ an den Franzosen vorbei nach Malta

kommen, denn der Torpedojäger, viel schneller als sie, ging gewiß bei

Volldampf mit 27 Seemeilen Fahrt in der Stunde. So blieb dem Kapitän

nichts anderes übrig; er drehte und fuhr zurück in der Richtung auf

Alexandria.

Während der große Dampfer aber noch seine Drehung machte, wurde schon

an Bord wahrgenommen, daß auch die Franzosen ihn gesehen hatten und auf

ihn Jagd machten.

Inzwischen war auch der ‚Forbin‘ wieder bedeutend näher gekommen und

versuchte die ‚Caledonia‘ abzuschneiden. Infolgedessen ließ der Kapitän

noch weiter südlich steuern.

Heideck stand mit Edith auf dem Promenadendeck und verfolgte die

Bewegung der Schiffe.

„Was könnte uns denn geschehen,“ fragte Edith, „wenn die Franzosen uns

einholten? Sie werden doch nicht auf ein unbewaffnetes Schiff schießen!“

„Gewiß nicht. Aber sie würden uns auffordern, unsere Fahrt zu

unterbrechen, und dann würden sie die ‚Caledonia‘ nach dem nächsten

französischen Hafen bringen.“

„Ist denn dies Seekriegsrecht, und ist das allgemeine Völkerrecht so

unvollkommen, daß ein Passagierdampfer weggenommen werden kann? Die

‚Caledonia‘ führt doch nicht Krieg. Sie bringt Verwundete und harmlose

Reisende nach Hause.“

„Unser Kapitän scheint kein großes Vertrauen zum Seekriegsrecht und

zum Völkerrecht in dieser Beziehung zu haben,“ sagte Heideck. „Und in

der Tat gibt es nichts Ungewisseres, als diese Bestimmungen. Genau

genommen gibt es gar kein Völkerrecht, sondern der Stärkere macht

mit dem Schwächeren, was er will, und die einzige Schranke, die der

Willkür des Siegers entgegengesetzt werden kann, ist die Scheu vor

der öffentlichen Meinung. Aber diese Scheu ist bei dem Mächtigen auch

nicht allzu stark, zumal er weiß, daß die öffentliche Meinung bestochen

werden kann.“

„Das Völkerrecht,“ sagte Edith mit schwermütigem Lächeln, „scheint also

dem Recht sehr ähnlich zu sein, das überhaupt auf Erden zwischen den

Menschenkindern geübt wird.“

„Die Franzosen würden übrigens keine schlechte Beute machen, wenn sie

die ‚Caledonia‘ aufbrächten,“ fuhr Heideck fort. „Unter den achthundert

Passagieren sind gegen dreihundert Militärs, und ich habe gehört, daß

sich große Summen Geldes an Bord befinden.“

Das Promenadendeck war angefüllt mit den Passagieren der ersten Kajüte,

die gespannt und angstvoll die Bewegung der Schiffe verfolgten. Auch im

Zwischendeck, wie unter den Passagieren der zweiten Kajüte herrschte

große Unruhe. Im günstigsten Falle, wenn die ‚Caledonia‘ den Verfolgern

entkam, mußte die Reise ja eine beträchtliche Verzögerung erfahren.

Aber es war kaum anzunehmen, daß die ‚Caledonia‘ bis nach Alexandria

gelangen würde. Denn wenn auch der ‚Chanzy‘, der 22 Knoten Fahrt haben

mochte, merklich zurückblieb, kam doch der Torpedojäger immer weiter

herauf, und auch der ‚Forbin‘ rückte in bedrohliche Nähe.

Da kam eine neue, überraschende Meldung. Zwei Dampfer fuhren der

‚Caledonia‘ entgegen. Alle Gläser wandten sich dorthin, wo die winzigen

Rauchsäulen über dem Wasserspiegel erschienen, und bald war mit

Sicherheit die britische Flagge zu erkennen.

Der zweite Offizier teilte den Passagieren mit, daß der Kreuzer erster

Klasse ‚Royal Arthur‘ und das Kanonenboot ‚O'Hara‘ herankämen. Und er

sprach die Hoffnung aus, die ‚Caledonia‘ würde in den Schutz dieser

Kriegsschiffe kommen, ehe die Franzosen sie erreichten.

Die See war nur schwach bewegt. Das Leuchten und Flimmern von Himmel

und Meer hatte aufgehört, seitdem die ‚Caledonia‘ aus dem Suezkanal

herausgekommen war und sich im Mittelländischen Meer befand. Die den

europäischen Breiten eigentümliche graue Färbung war an seine Stelle

getreten, und streifige Wolken zogen am mattblauen Himmel hin. Die

Bewegung der Schiffe ließ sich in dieser Beleuchtung genau verfolgen.

Die englischen Fahrzeuge näherten sich rasch. Und als die Entfernung

zwischen dem ‚Royal Arthur‘ und dem französischen Torpedojäger

etwa noch zwei und eine halbe Seemeile betrug, begann er aus

seinen Buggeschützen auf das wenig über die Oberfläche des Wassers

emporragende Fahrzeug zu feuern. Eines der schweren Geschosse sauste

so nahe an der ‚Caledonia‘ vorüber, die sich jetzt mitten zwischen den

beiden Schiffen befand, daß die Passagiere deutlich den heulenden Ton

der die Luft durchschneidenden Granate hören konnten.

Der Franzose erwiderte das Feuer nicht. Er mäßigte seine

Geschwindigkeit, um das Herankommen des ‚Chanzy‘ zu erwarten. Von

Norden her aber kam inzwischen der ‚Forbin‘ heran und eröffnete aus

seinen Buggeschützen das Feuer auf das britische Kanonenboot. Kurze

Zeit darauf fiel auch aus den Geschützen des ‚Chanzy‘ der erste Schuß,

und jetzt war die Stellung der Schiffe derart, daß das Kanonenboot

mit der Breitseite dem ‚Forbin‘ gegenüberlag, die beiden Kreuzer mit

den Buggeschützen aufeinander feuerten und der Torpedojäger sich im

Hintergrund zurückhielt. Die ‚Caledonia‘ aber war inzwischen so weit

vorgerückt, daß sie sich vollständig im Schutze der britischen Kanonen

befand.

Hätte der Kapitän jetzt seine Fahrt fortgesetzt, so wäre er

wahrscheinlich ungefährdet nach Alexandria gelangt. Aber er wünschte

eine so bedeutende Verzögerung seiner Reise zu vermeiden, und die

drängenden Bitten der Reisenden, die ihn aufgeregt bestürmten, in der

Nähe des Kampfplatzes zu bleiben, kamen seinen Wünschen entgegen.

Die ‚Caledonia‘ mäßigte deshalb ihre Fahrt und hielt sich südöstlich

des Gefechtsfeldes, so daß sie ebensowohl nach Brindisi wie nach

Alexandria steuern konnte, sobald eine Entscheidung gefallen war.

Eine Weile stand der Kampf gleich. Sowohl der ‚Chanzy‘ wie der ‚Royal

Arthur‘ hatten gewendet, kehrten einander jetzt die Breitseiten zu

und feuerten, ohne daß jedoch von der ‚Caledonia‘ aus die Wirkung der

Geschosse beobachtet werden konnte.

Plötzlich setzte sich der ‚Royal Arthur‘ nordwärts in Bewegung und

schoß aus den Heckgeschützen auf seine Gegner.

„Es scheint fast, als wolle er dem ‚O'Hara‘ zu Hilfe kommen,“ sagte

Heideck zu der mit dem Feldstecher neben ihm stehenden Edith. „Das

Kanonenboot ist dem ‚Forbin‘ offenbar nicht gewachsen, und es hat

möglicherweise einen verhängnisvollen Treffer erhalten.“

In der Tat blieb der ‚Royal Arthur‘ in der begonnenen Bewegung nach

Norden und steuerte unter beständigem Feuern gegen den ‚Chanzy‘ und den

noch immer im Hintergrunde lauernden Torpedojäger dem ‚Forbin‘ zu, auf

den er alsbald mit seinen Buggeschützen Feuer zu geben begann.

So entfernte sich das Gefecht immer mehr nordwärts, und der Kapitän

der ‚Caledonia‘ beschloß, seinen Kurs wieder westlich zu nehmen. Malta

anzulaufen, erschien nicht ratsam, dagegen durfte man in der Annahme,

daß der ‚Royal Arthur‘ die französischen Schiffe noch eine geraume

Weile festhalten würde, wohl hoffen, Brindisi, das ursprüngliche

Reiseziel, zu erreichen.

Aber die Ereignisse machten dem englischen Passagierdampfer einen

Strich durch die Rechnung. Es wurde ein Schiff voraus gemeldet, und man

sah die ‚Aréthuse‘ herankommen, mit einem Kurs, der sie geradenwegs

der ‚Caledonia‘ entgegenführte. Um der Begegnung auszuweichen, ließ

der Kapitän sofort nordwärts steuern, und die ‚Caledonia‘ kam dadurch

näher, als es beabsichtigt gewesen war am Kampfplatz vorüber, so nahe,

daß eine auf den östlich liegenden Torpedojäger gezielte britische

Granate, über das niedrige französische Schiff hinwegfliegend,

dicht vor ihrem Bug ins Wasser fiel, einen gewaltigen Springquell

emporschleudernd.

Wenige Sekunden später setzte sich der französische Torpedojäger

in schnelle Fahrt gegen den ‚Royal Arthur‘. Und nun bot sich den

Passagieren der ‚Caledonia‘, sowie allen auf dem enger gewordenen

Gefechtsfeld befindlichen Seeleuten ein furchtbarer Anblick. Der

Torpedojäger hatte endlich den rechten Augenblick zum Angriff erspäht,

und sein Lanzierrohr hatte einen meisterhaft gezielten Torpedo gegen

den Feind entsandt. Man sah in der Mitte des ‚Royal Arthur‘, dicht über

dem Wasserspiegel, erst eine kleine Rauchwolke und dann eine gewaltige

Wassersäule emporsteigen. Gleichzeitig ertönte ein dumpfer, die Luft

in weitem Umkreise erschütternder Knall, der selbst den Donner der

Geschütze übertönte.

Und nun war es, als ob der Kreuzer von Riesenhänden mitten auseinander

gerissen würde. Der ungeheure Schiffskörper teilte sich in zwei

Hälften. Langsam neigte sich das Vorderteil nach vorn, das Hinterteil

nach hinten. Gleich darauf richteten sich beide Teile wieder

auf, als wollten sie sich über der klaffenden Bresche aufs neue

zusammenschließen. Aber nur wenige Sekunden dauerte diese Bewegung.

Dann zog das Gewicht des einströmenden Wassers den Riesenkörper in die

Tiefe. Der ‚Royal Arthur‘ sank mit grauenerregender Schnelligkeit.

Jetzt ragten nur noch die drei Schornsteine über dem Wasserspiegel

empor, wenige Augenblicke später sah man nichts mehr als die Spitzen

der Masten mit den für das Gefecht gehißten Toppsflaggen. Dann stieg

eine mächtige, schäumende Welle empor, und nur das Branden der Wogen

zeigte die Stelle an, wo der stolze Kreuzer gesunken war.

Die Kanonen waren verstummt, und auf allen Schiffen herrschte tiefes

Schweigen. Die Passagiere waren wie gelähmt von dem Uebermaß des

Entsetzens. Der Kapitän aber befahl, sämtliche Boote auszusetzen, um

der Bemannung des ‚Royal Arthur‘ zu Hilfe zu kommen. Man sah, daß auch

der ‚Chanzy‘ Boote zu Wasser ließ. Der ‚O'Hara‘ entfloh, um nicht eine

Beute der jetzt weit überlegenen französischen Streitkräfte zu werden,

und entfernte sich vom Kampfplatz in östlicher Richtung, verfolgt von

dem ‚Forbin‘, der ihm Schuß auf Schuß nachsandte.

Wenn der Kapitän der ‚Caledonia‘ auf jeden Fluchtversuch verzichtet

hatte, so folgte er damit nicht nur einer Regung der Menschlichkeit,

sondern er gehorchte auch den Signalen des Torpedojägers, die ihm

befahlen, beizudrehen. Er wußte, daß es für den ihm anvertrauten

Dampfer kein Entrinnen mehr gab, seitdem die Granaten des ‚Royal

Arthur‘ aufgehört hatten, den Feind zu bedrohen.

Der Kampf der Unglücklichen, denen es gelungen war, sich aus der

dunklen Tiefe emporzuarbeiten, und die nun verzweifelt um ihr Leben

rangen, gewährte einen erschütternden Anblick. Die des Schwimmens

Unkundigen gingen sehr bald unter, wenn es ihnen nicht gelungen war,

sich eines treibenden Gegenstandes zu bemächtigen. Von den zahlreichen

Köpfen, die man unmittelbar nach dem Untergang des Kreuzers über dem

Wasser gesehen hatte, verschwanden mit jeder Sekunde mehr, und es

unterlag keinem Zweifel, daß die heldenmütig arbeitende Besatzung der

Schiffsboote nur einen sehr kleinen Teil der Mannschaft würde retten

können.

An der Fallreepstreppe der ‚Caledonia‘ legte unterdessen die Gig des

Kommandanten des ‚Chanzy‘ an. Der erste Offizier dieses Schiffes stieg

in Begleitung von vier Seesoldaten und einem Deckoffizier an Bord und

begrüßte den Kapitän der ‚Caledonia‘ mit seemännischer Höflichkeit.

„Ich bedaure sehr, mein Herr, daß ich genötigt bin, Ihnen und Ihren

Passagieren Unbequemlichkeiten zu verursachen. Aber ich handle nach dem

mir erteilten Befehl, wenn ich Sie bitte, mir die Schiffspapiere zu

zeigen und eine Durchsuchung Ihres Schiffes zu gestatten.“

„Nach Lage der Dinge haben Sie zu befehlen,“ erwiderte der Engländer

finster.

Dann stieg er mit dem Franzosen in die Kajüte hinab, während

der Deckoffizier mit den Soldaten am Fallreep stehen blieb. Die

Verhandlungen währten fast zwei Stunden. Währenddessen wurden

die Rettungsarbeiten unermüdlich fortgesetzt. Es war gelungen,

hundertundzwanzig Matrosen und Soldaten, fünf Offiziere, sowie den

Kommandanten des ‚Royal Arthur‘ den Wellen zu entreißen. Die Mehrzahl

der Offiziere und Mannschaften aber war verloren.

Für die Sicherung der Prise, die man mit der Wegnahme der ‚Caledonia‘

gemacht hatte, wurden ungewöhnliche Maßregeln getroffen. Der Kapitän,

der erste und zweite Offizier wurden an Bord des ‚Chanzy‘ gebracht.

Dafür übernahm der erste Offizier des ‚Chanzy‘ den Befehl über das

Schiff, und zwei Leutnants mit fünfzig Mann wurden zur ‚Caledonia‘

hinübergerudert. Diese Vorkehrungen erklärten sich zur Genüge aus

dem hohen Wert der Ladung, die der Passagierdampfer an Bord hatte.

Er führte nach Ausweis der Schiffspapiere nicht weniger als zwanzig

Millionen Rupien, teils gemünzt, teils in Silberbarren, die von

Kalkutta hätten nach England geschafft werden sollen. Eine so kostbare

Ladung sicher nach Toulon zu bringen, mußte dem französischen

Kommandanten natürlich sehr am Herzen liegen.

Und noch ein weiterer Triumph war den französischen Waffen beschieden.

Der ‚Forbin‘ brachte das britische Kanonenboot, das statt des

‚Union-Jack‘ nun die Trikolore gehißt hatte, auf den Kampfplatz zurück.

Alle vier französischen Schiffe begleiteten die beiden genommenen

Fahrzeuge auf der mit Volldampf angetretenen Fahrt nach Toulon.

[Illustration]

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman · 第 29 / 49 题