Auf die Siegesbotschaft folgte, wie Heideck vorausgesehen hatte, eine
für die Engländer niederschmetternde Nachricht. Am folgenden Tage,
sehr spät, nachdem Bombay den Morgen und Mittag hindurch vergebens auf
eine Bestätigung der Depesche von gestern und auf nähere Einzelheiten
gewartet hatte, und die Stimmung bereits eine recht gedrückte
geworden war, veröffentlichte der Gouverneur folgende Depesche des
Höchstkommandierenden:
‚Als am gestrigen Tage größere Truppenmassen des Feindes nördlich
von Delhi gemeldet wurden, nahm die Armee eine für die Defensive
günstige Stellung ein, und es kam zu einem für die britischen Waffen
ehrenvollen Kampfe. Die Russen erlitten ungeheure Verluste. Bei
Einbruch der Dunkelheit, die eine weitere Verfolgung der errungenen
Vorteile nicht gestattete, beorderte ich das Gros der Armee zu einem
strategisch wertvollen Marsche auf Lucknow, der sich größtenteils
auf der Eisenbahn vollzog. Die Brigade Simpson ist zur Verteidigung
Delhis zurückgeblieben. Die schweren Geschütze der Sha-Bastion und
der Bastion von Kalkutta-Gate und North-Gate sind in erfolgreiche
Tätigkeit getreten. Alle Truppenteile haben sich ausgezeichnet
benommen und verdienen das höchste Lob. Die Brücke über den Jumna ist
intakt und vermittelt den direkten Verkehr mit General Simpson.‘
Mr. Kennedy saß nachdenklich über dieser Depesche, als Heideck zu ihm
trat.
„Also eine entscheidende Niederlage, nicht wahr, Mr. Heideck?“ sagte
er. „Sie als Militär können ja noch mehr zwischen den Zeilen lesen
als ich. Ich kenne doch Delhi. Wenn die Batterien an der Jumnabrücke
feuern, so müssen die Russen im Begriff sein, sich dieses Uebergangs zu
bemächtigen. Die North-Gate-Bastion ist ja der Brückenkopf.“
Heideck mußte ihm recht geben; aber er hatte noch mehr aus der Depesche
gelesen und erblickte die schlimmsten Anzeichen in dem Rückzuge des
Generals auf Lucknow.
Weitere Depeschen vom Kriegsschauplatze wurden im Laufe des Tages nicht
veröffentlicht, weil der Gouverneur der Bevölkerung verheimlichen
wollte, wie traurig die Verhältnisse lagen. Mr. Kennedy aber, der im
Gouvernementsgebäude gewesen war, erfuhr mehr. Er erzählte Heideck, daß
die englische Armee in voller Auflösung geflohen wäre und 8000 Mann an
Toten und Verwundeten, 20 Geschütze nebst vielen Fahnen und Standarten
verloren hätte. Die Regierung gäbe Delhi bereits auf, denn General
Simpson könne die Stadt nicht halten.
„Indien ist uns verloren,“ schloß Mr. Kennedy in tiefem Schmerz. „Jetzt
habe ich auch meine letzte Hoffnung begraben.“ -- -- --
* * * * *
Die ‚Caledonia‘ hatte im Victoria-Dock, einem Teil der großartigen
Hafenanlagen auf der Ostküste der Halbinsel, festgelegt, und die
Reisenden begaben sich inmitten eines dichten Menschengewühls an Bord.
Viele verwundete und kranke Offiziere und Soldaten sollten auf dem
schnellen Dampfer nach England zurückbefördert werden und nahmen die
sonst für die Passagiere bestimmten Plätze ein. Von Reisenden, die in
Geschäften oder zum Vergnügen nach Europa fuhren, war nichts zu sehen.
Alle Frauen, die an Bord kamen, gehörten Militärfamilien an. Die
allgemeine Stimmung war sehr trübe.
Heideck hatte vor der Einschiffung seinen treuen Diener entlassen. Wohl
hatte Morar Gopal mit Tränen in den Augen gebeten, ihn mitzunehmen,
aber Heideck mußte fürchten, daß der arme Kerl am europäischen Klima
zu Grunde gehen würde. Und beim Eintritt in die Armee hätte er sich
ja doch von ihm trennen müssen. So schenkte er ihm hundert Rupien und
machte ihn dadurch zum reichen Mann.
Langsam bewegte sich der große Dampfer aus dem Hafenbassin, vorbei
an englischen Handelsfahrzeugen und den weißen Kriegsschiffen, die
Soldaten und Kriegsmaterial hergeführt hatten.
Heideck sah, als die ‚Caledonia‘ nun in schnellerer Fahrt den
Außenhafen durchschnitt, wohl zwanzig Kriegsschiffe, darunter mehrere
große Panzer, auf der Reede. Von zwei Transportdampfern, deren Verdeck
von Waffen glänzte, wurden englische Truppen, die von Malta kamen, in
Booten gelandet.
Dann ging es immer schneller auf die hohe See hinaus. Die Stadt mit
ihren Leuchttürmen verschwand in der Ferne, die blauen Berge des
Festlandes und der Insel lösten sich in verschwimmenden Nebel auf. Eine
lange, weißschimmernde Furche folgte dem Dampfer.
Die Fahrt war wundervoll für jeden, den nicht schwere Sorgen
unempfindlich machten für die Erhabenheit der Natur. Heideck, der
glücklich war, sich endlich auf dem Heimwege zu befinden, genoß in
vollem Maße die Schönheit des Meeres und des Himmels. Die bangen
Zweifel, die ihn zuweilen wegen Ediths und seiner eigenen Zukunft
überkamen, wurden unterdrückt durch den Reiz ihrer Gegenwart. Wohl
hielten die Stürme ihres Charakters ihn beständig in unruhiger
Bewegung, aber er liebte Edith, die seit jener Stunde, da sie ihm
erklärt hatte, daß sie ihn niemals verlassen würde, ganz Hingebung und
Zärtlichkeit war, als wäre sie von einer beständigen Furcht gequält,
daß er sie dennoch eines Tages von sich stoßen könnte.
So saßen sie wieder einmal auf dem Promenadendeck beieinander. In
azurblauen Wogen rauschte das Meer um die Planken des Schiffes. Ein
wunderbares Flimmern und Leuchten ging von der unabsehbaren Fläche aus.
Die ganze Welt schien in Licht gebadet; aber das doppelte Sonnendach
über den Häuptern des jungen Paares wehrte der Glut der Sonne, und ein
erfrischender Lufthauch strich unter ihm dahin.
„Du würdest also in Brindisi mit mir an Land gehen?“ fragte Heideck.
„In Brindisi oder schon in Aden oder in Port Said -- wo du willst.“
„Ich denke, Brindisi wird der geeignetste Platz sein. Dann fahren wir
zusammen nach Berlin.“
Edith nickte zustimmend.
„Aber ich weiß nicht, wie lange ich in Berlin bleibe,“ fuhr Heideck
fort. „Ich hoffe, man schickt mich nicht sofort wieder zur Armee.“
„Dann gehe ich mit dir, wohin es auch sei,“ sagte sie so ruhig, als ob
es sich um etwas ganz Selbstverständliches handle.
„Das ist wohl nicht gut möglich,“ erwiderte er lächelnd. „Bei uns führt
man Krieg ohne Frauen.“
„Und ich werde doch mit dir gehen.“
Heideck sah sie verwundert an. „Aber begreifst du denn nicht, mein
Lieb, daß es etwas ganz Neues sein würde und Aufsehen erregen müßte,
wenn ein deutscher Offizier mit seiner Braut ins Feld zöge?“
„Ich fürchte das Urteil der Menschen nicht. Ich kümmere mich ja auch
nicht darum, was die Kennedys sagen werden, wenn ich in Brindisi das
Schiff verlasse und mit dir gehe. Es wird ja ein schlimmer Sturz für
mich werden; denn die Kennedys würden mich von Stund an als eine
Verlorene ansehen. Aber ich mache mir nichts daraus. Ich bin längst von
der Torheit geheilt, daß man sein Glück opfern müsse, nur dem Gerede
der Welt zuliebe.“
Er nahm natürlich ihre Absicht, ihn ins Feld zu begleiten, trotzdem
nicht ernst und benutzte die Gelegenheit, ihr einen Vorschlag zu
machen, den er bei sich selber schon reiflich erwogen hatte.
„Ich würde es für das Beste halten, liebe Edith, wenn du zu meinem
Onkel nach Hamburg gingest und dort das Ende des Krieges abwartest.
Dann -- sofern mir der Himmel das Leben gelassen, -- steht unserer
Vereinigung nichts mehr entgegen.“
Sie antwortete nicht, und Heideck, der ihr Zeit lassen wollte, mit
sich zu Rate zu gehen, beeilte sich, das Gespräch von diesem Thema
abzulenken.
„Sieh, wie schön das ist!“ sagte er, auf das Wasser deutend.
Eine lange Reihe weiß aufschäumender Wellen zog sich jetzt zu beiden
Seiten des Schiffes hin, so daß es aussah, als durchschnitte der Kiel
eine Menge kleiner Klippen, über die das Meer hinwegbrandete. Aber
bei näherer Beobachtung ließ sich erkennen, daß es keine Klippen
waren, sondern unzählige große Fische, die wie in langer Schlachtreihe
einherzogen und das Schiff begleiteten. In großen Sprüngen schnellten
sie aus dem Wasser empor, so daß man die hellen Leiber in der Luft
glitzern sah.
„Ich möchte wohl einer von diesen Delphinen sein,“ sagte Edith. „Sieh,
wie frei und lustig ihr Dasein ist.“
„Du glaubst ja an die Seelenwanderung,“ scherzte Heideck, „vielleicht
bist du einmal ein solcher Delphin gewesen.“
„Dann habe ich sicherlich keinen vorteilhaften Tausch gemacht. Mit
unserer höheren geistigen Entwicklung verlieren wir unzweifelhaft den
rechten Genuß des natürlichen Daseins. Die Schmerzen aber, an denen das
menschliche Leben so viel reicher ist, als an Freuden, lernen wir um so
tiefer empfinden.“ --
* * * * *
Die Fahrt durch den indischen Ozean währte sechs Tage, und Heideck
hatte oft Gelegenheit, die Ansicht der englischen Offiziere und Beamten
über die politische Lage zu hören. Alle klagten sie die Unfähigkeit der
Regierung an, die England in eine so gefährliche Situation gebracht
hatte.
„Die guten alten Grundsätze der englischen Politik sind aufgegeben
worden,“ sagte eines Tages ein Oberst, der wegen einer schweren
Verwundung nach England zurückkehren mußte. „In früheren Zeiten hat
England seine Eroberungen gemacht, wenn die kontinentalen Mächte in
Kriege verwickelt waren, oder es hat auch selbst in Koalition mit
anderen Mächten Krieg geführt, um seinen Besitz zu erweitern. Nie aber
hat es sich so schimpflich überrumpeln lassen wie jetzt. Frankreich und
Deutschland werden wir natürlich besiegen; denn hier handelt es sich um
die Seemacht. Aber selbst wenn diese beiden Mächte geschlagen worden
sind, bleiben wir doch die Unterliegenden; denn der Verlust Indiens ist
für Englands Gesundheit und Leistungsfähigkeit so schlimm, wie für mich
die Amputation meines linken Beines. Ich kehre als Krüppel nach England
zurück, und auch mein armes Vaterland wird nach dem Verluste Indiens
nur noch ein Krüppel sein.“
„Ja, wahrhaftig,“ sagte Mr. Kennedy, „es wird schwer, ich fürchte,
es wird unmöglich sein, Indien wieder zu erobern. Den Franzosen, den
Holländern, den Portugiesen konnten wir ihre indischen Besitzungen
entreißen, weil sie auch nur durch ihre Seemacht mit Indien in
Verbindung standen, aber die Russen gliedern die Halbinsel an ihr Reich
an und könnten selbst im Falle einer Niederlage immer neue, ungezählte
Scharen dorthin zu Lande marschieren lassen. Ich sehe sie schon auf
Kalkutta, auf Bombay, auf Madras losgehen, die Häfen besetzen, die mit
unserm Gelde gebaut wurden, und in unsern Docks eine Kriegsflotte mit
den Hilfsmitteln Indiens bauen.“
„Es ist den kontinentalen Mächten ja nicht zu verdenken,“ fuhr
der Oberst fort, „wenn sie unsere Niederlagen benutzen, um sich zu
vergrößern. Da ist keine Macht, auf deren Kosten wir nicht groß
geworden wären. Alle unsere Besitzungen haben wir den Spaniern, den
Holländern, den Portugiesen, den Franzosen mit Gewalt der Waffen
entrissen, und Rußland haben wir bekämpft, seitdem es anfing seine
Macht zu entfalten. Wir haben die Türkei unterstützt, wir sind in die
Krim eingefallen und haben Sebastopol zerstört, wir haben die Flotte im
Schwarzen Meer erstickt. Aber jetzt haben wir uns verrechnet. Wir haben
den Japanern erlaubt, Rußland anzugreifen, aber wenn unsere Minister
geglaubt haben, die Japaner würden für jemand anders als sich selbst
kämpfen, so haben sie sich stark verrechnet. Rußland entschädigt sich
bei uns für seine Verluste in Ostasien.“
„Nicht Rußland ist unser schlimmster Feind, Deutschland ist es,“
widersprach Mr. Kennedy. „Rußland ist es erst geworden, seitdem
wir Deutschland so mächtig werden ließen. Ich erinnere mich noch,
wie unsere Minister triumphierten, als Preußen mit Oesterreich und
Frankreich Krieg führte. Denn wieder schien der europäische Kontinent
durch seine innere Zerrissenheit auf lange Zeit hinaus lahmgelegt.
Ein kurzer Triumph! Niemand hatte geahnt, daß Preußen sich so stark
erweisen würde. Und damals zeigten sich die ersten Schwächen unserer
Politik. Nach den ersten deutschen Siegen am Rhein hätte England eine
Allianz mit Frankreich schließen und Preußen den Krieg erklären müssen.
Große politische Umwälzungen erfordern eine lange Zeit, und eine kluge
Regierung muß weit voraussehen. Bismarck hat Englands Niederlage
langsam vorbereitet. Das lag vor dreißig Jahren wie eine Ahnung in
uns, gleich einer drohenden Gewitterwolke zog es herauf, aber unsere
Regierung hatte nicht den Mut, klar zu sehen und ermangelte der rechten
Energie.“
Ein General, der schweigend dagesessen hatte, ergriff das Wort. Er war
aus dem Geniekorps hervorgegangen und jetzt dazu bestimmt, das Kommando
von Gibraltar zu übernehmen.
„Wir sprechen von dem Verluste Indiens,“ sagte er, „aber wer weiß, ob
nicht England selbst eine Invasion im Mutterlande zu befürchten hat!“
„Unmöglich!“ entgegneten alle anwesenden Herren, „niemals werden
Englands Kriegsschiffe sich aus dem Kanal verdrängen lassen.“
„So hoffe auch ich, aber ich weiß nicht, ob die Herren sich noch
erinnern, wie nahe einst die Gefahr war, daß eine napoleonische Armee
Englands Boden betrat.“
„Und wenn sie erschienen wäre, so wäre sie von Britenfäusten
zerschmettert worden!“ rief Mr. Kennedy.
„Vielleicht! Aber warum haben wir niemals zugegeben, daß ein Tunnel
unter dem Kanal von Calais nach Dover gebaut würde? Alle militärischen
Autoritäten, namentlich Wolseley, haben es unter keiner Bedingung
erlauben wollen, daß dem Verkehr und dem Handel dieser bequeme Weg
eröffnet werde. Sie haben es immer für notwendig erklärt, daß England
eine Insel bliebe, die nur übers Meer zu erreichen wäre. Ganz gewiß ist
dies die erste und wichtigste Bedingung für Englands Macht.“
„Nun also,“ sagte Mr. Kennedy. „Da England doch eine Insel ist und wir
stets den Grundsatz aufrecht erhalten haben, unsere Flotte der Seemacht
zweier Seemächte, und zwar der stärksten, überlegen zu erhalten -- wo
wäre da eine Gefahr?“
„Eine Gefahr? Eine Gefahr besteht immer, wenn man Feinde hat,“
erwiderte der General. „Und ich behaupte: es hing zu Anfang des 19.
Jahrhunderts an einem Haar, daß Napoleon herüberkam, und ich glaube
nicht, daß wir diesem großen Gegner gewachsen gewesen wären, wenn er
einmal festen Fuß an unserer Küste gefaßt hätte.“
„Sein Plan war phantastisch und darum unausführbar,“ sagte Mr. Kennedy.
„Sein Plan scheiterte nur daran, daß er zu kompliziert war. Hätte
Napoleon aber telegraphische Verbindungen zur Verfügung gehabt, wie sie
heute bestehen, so wäre sein Plan nicht zu kompliziert gewesen. Mit den
Kabeln von heutzutage hätte er seine Flotten dirigieren können. Wäre
der Admiral Villeneuve nicht nach Kadix, sondern, wie ihm befohlen war,
nach Brest gesegelt, um sich dort mit Admiral Ganteaume zu vereinigen,
so hätte er, an der Spitze von sechsundfünfzig Linienschiffen, den
Uebergang Napoleons von Boulogne nach der englischen Küste decken
können. Nein, meine Herren, denken Sie sich die strategische Lage
Englands nicht als unangreifbar. Ich vertraue so fest wie Sie auf die
Ueberlegenheit unserer Seestreitkräfte, aber zur Zeit des Dampfes und
der Elektrizität ist England nicht mehr so sicher, wie damals, als
die Bewegung der Schiffe vom Winde abhängig war und die Befehle durch
reitende Boten und Signale übermittelt werden mußten.“
„So glauben Sie wirklich, daß Napoleons Plan ausführbar gewesen wäre,
General?“
„Ganz gewiß. Napoleon hatte bei diesem Unternehmen kein Glück. Zunächst
war sein größtes Mißgeschick der Tod des Admirals Latouche-Tréville.
Dieser Mann hätte an Villeneuves Stelle die Flotte wahrscheinlich
richtig geführt. Es war der einzige französische Seeoffizier, der
unserm Nelson hätte entgegentreten können. Aber er starb für Frankreich
zu früh, und sein Nachfolger Villeneuve war ihm geistig nicht
ebenbürtig. Aber es gibt noch besondere Verhältnisse, die heutzutage
günstiger für eine Landung in England sind als zu Napoleons Zeit. Dazu
gehört, abgesehen von Kabel und Dampf, zum Beispiel noch der Umstand,
daß die modernen Transportschiffe ungleich viel mehr Truppen fassen
können, wie damals. Napoleon hatte zweitausendzweihundertdreiundneunzig
Fahrzeuge zum Transport seiner Armee von einhundertfünfzigtausend Mann
und zur Bedeckung der Transportschiffe ausrüsten müssen, verfügte über
eintausendzweihundertvier Kanonenboote und einhundertfünfunddreißig
andere bewaffnete Fahrzeuge, außer den eigentlichen Transportschiffen.
Fast alle seine Fahrzeuge waren so gebaut, daß sie ohne Boote auf
flachem Sandstrande Mannschaften und Pferde mit Geschütz landen
konnten. Sie bedurften also auch der Windstille, um über den Kanal
zu kommen. Etwa zehn Stunden ruhiger See hätten sie nötig gehabt, um
zwischen Dover und Hastings anzukommen. Jetzt aber ist dies anders. Die
großen Dampfer der Schiffsgesellschaften Deutschlands und Frankreichs
stehen zur Verfügung der Marineleitung.“
„Dennoch bleibt alles beim alten,“ sagte Mr. Kennedy. „Der Sieg auf
hoher See gibt den Ausschlag. Keine feindliche Flotte wird sich im
Kanal zeigen können, ohne von der unsrigen zerstört zu werden.“
„Hoffen wir es!“ sprach der General.
Auf der Fahrt nach Aden begegneten der ‚Caledonia‘ nur wenige,
ausschließlich englische Schiffe. Mehrere Transportdampfer mit Truppen
an Bord, passierten auch einige Kriegsschiffe. Ueberholt wurde der
Dampfer von keinem Fahrzeuge, denn er machte durchschnittlich 22
Seemeilen Fahrt in der Stunde. Am Morgen des sechsten Tages erschienen
die rotbraunen Felsen von Aden, und die ‚Caledonia‘ warf auf der Reede
Anker. Eine Menge von kleinen Fahrzeugen schoß heran. Nackte schwarze
Araberknaben schrieen nach Geld und zeigten ihre Taucherkünste, indem
sie Silberstücke, die vom Bord geworfen wurden, auffischten. Da
Kohlen eingenommen werden sollten, gingen die Passagiere, soweit sie
bewegungsfähig waren, in von Arabern geruderten Fahrzeugen an Land.
Heideck schloß sich der Familie Kennedy an.
Als das Boot den tief eingeschnittenen Hafen erreichte, der in mehreren
Biegungen zwischen befestigten Höhen eine sichere Unterkunft für eine
ganze Flotte bot, sah Heideck wohl zwanzig englische Kriegsschiffe,
aber mindestens die dreifache Zahl deutscher und französischer sowie
einige russische Kauffahrer. Es waren Fahrzeuge, die von englischen
Kriegsschiffen erbeutet waren. Auch mehrere Kreuzer der drei mit
England in Fehde befindlichen Mächte lagen hier im Hafen. Sie waren
nach Ausbruch des Krieges im Indischen Ozean von überlegenen englischen
Schiffen genommen worden.
Da der ganze Tag bis zum Abend zur Verfügung stand, nahm Mr. Kennedy
einen Wagen, und Heideck fuhr mit der Familie zur Stadt, die, von der
Reede aus nicht sichtbar, zwischen hohen, spitzen Bergen eingebettet
lag. Die Fahrt ging an einem großen, freien Platze vorüber, auf dem
Tausende von Kamelen und Eseln zum Verkauf standen, und Heideck
konnte nun in der Nähe die mächtigen Festungswerke bewundern, die die
Engländer seit dem 9. Januar 1839, wo sie Aden den Türken abgenommen
hatten, auf der wichtigen, meerbeherrschenden Gebirgsecke Arabiens
erbaut hatten. Auch die merkwürdigen Tanks wurden besichtigt, jene
berühmten Zisternen, die Aden mit Wasser versorgen, etwa fünfzig
Becken, die dreißig Millionen Gallonen Wasser enthalten sollen,
Anlagen, deren Ursprung in das graueste Altertum zurückreicht und den
Persern zugeschrieben wird.
Um sieben Uhr abends waren die Reisenden wieder an Bord und vertieften
sich, während die ‚Caledonia‘ ihre Reise fortsetzte, in die Lektüre
der englischen, französischen und deutschen Zeitungen, die sie in Aden
gekauft hatten. Diese Blätter waren freilich zehn Tage alt, enthielten
aber trotzdem vieles, was den Reisenden neu war.
Im Roten Meere war es sehr heiß, und die Gesellschaft der ersten Kajüte
schlief zum größten Teile nachts auf dem Verdeck, wie sie es schon die
letzten Tage vor Aden getan hatte. Für die Damen ward ein besonderer
Teil des Decks durch ein ausgespanntes Segel abgeteilt.
In Port Said, wo viele englische Kriegsschiffe lagen, wurden wiederum
Kohlen eingenommen; dann ging die Fahrt bei ungünstigem Wetter und
etwas bewegter See in das Mittelländische Meer hinein. Die ‚Caledonia‘
fuhr an der Südküste Kretas hin. Dann nahm der Dampfer den Kurs
nordwestlich auf Brindisi, das am achten Tage nach der Abfahrt von
Aden erreicht werden sollte. In der Frühe des siebenten Tages aber
wurde ein Schiff, von der Nordseite Kretas kommend, bemerkt, dessen
Erscheinen den Kapitän der ‚Caledonia‘ in lebhafte Unruhe versetzte.
Bald teilte sich diese Unruhe auch den Passagieren mit. Alle Fernrohre
und Feldstecher richteten sich nach jenem Fahrzeuge, dessen Kurs den
der ‚Caledonia‘ durchschneiden mußte.
Bald war der Dampfer so nahe gekommen, daß man ihn erkennen konnte.
Es war der kleine französische Kreuzer ‚Forbin‘, und er mußte mit der
‚Caledonia‘ zusammentreffen, wenn diese ihren Kurs fortsetzte.
Der ‚Forbin‘ war ein Kreuzer dritter Klasse; er war nicht so schnell
wie die ‚Caledonia‘, die Offiziere schätzten seine Geschwindigkeit
auf 21 Seemeilen, und wenn es einen Wettlauf gegolten hätte, so wäre
der ‚Forbin‘ unterlegen; aber wenn die ‚Caledonia‘ nach Brindisi
fuhr, mußte sie dem Franzosen begegnen und ihrer Wegnahme gewärtig
sein. Infolgedessen änderte der Kapitän seinen Kurs und fuhr westlich
in der Richtung auf Malta, ohne auf das Signal zum Stoppen und die
nachfolgenden Schüsse zu achten, von denen nur einer durch die Takelage
ging, ohne jedoch nennenswerte Havarie anzurichten.
‚Jetzt ist es Mittag,‘ sagte sich Heideck. ‚Wir sollten morgen in
Brindisi sein. Statt dessen werden wir wohl morgen in La Valetta sein,
wenn nicht etwa der Kapitän wiederum den Kurs ändert und auf die
Schnelligkeit der ‚Caledonia‘ vertraut, um trotz des ‚Forbin‘ Brindisi
zu erreichen.‘
Da erscholl ein Ruf. Der Posten hatte ein Schiff an Backbord voraus
gemeldet.
Aber neben jenem einen tauchten innerhalb der nächsten Minuten noch
weitere zwei Fahrzeuge auf.
Das eine davon war, wie sich nachher herausstellte, der französische
Kreuzer zweiter Klasse ‚Aréthuse‘, die beiden anderen der geschützte
Kreuzer ‚Chanzy‘ und ein Torpedojäger.
Unmöglich konnte die ‚Caledonia‘ an den Franzosen vorbei nach Malta
kommen, denn der Torpedojäger, viel schneller als sie, ging gewiß bei
Volldampf mit 27 Seemeilen Fahrt in der Stunde. So blieb dem Kapitän
nichts anderes übrig; er drehte und fuhr zurück in der Richtung auf
Alexandria.
Während der große Dampfer aber noch seine Drehung machte, wurde schon
an Bord wahrgenommen, daß auch die Franzosen ihn gesehen hatten und auf
ihn Jagd machten.
Inzwischen war auch der ‚Forbin‘ wieder bedeutend näher gekommen und
versuchte die ‚Caledonia‘ abzuschneiden. Infolgedessen ließ der Kapitän
noch weiter südlich steuern.
Heideck stand mit Edith auf dem Promenadendeck und verfolgte die
Bewegung der Schiffe.
„Was könnte uns denn geschehen,“ fragte Edith, „wenn die Franzosen uns
einholten? Sie werden doch nicht auf ein unbewaffnetes Schiff schießen!“
„Gewiß nicht. Aber sie würden uns auffordern, unsere Fahrt zu
unterbrechen, und dann würden sie die ‚Caledonia‘ nach dem nächsten
französischen Hafen bringen.“
„Ist denn dies Seekriegsrecht, und ist das allgemeine Völkerrecht so
unvollkommen, daß ein Passagierdampfer weggenommen werden kann? Die
‚Caledonia‘ führt doch nicht Krieg. Sie bringt Verwundete und harmlose
Reisende nach Hause.“
„Unser Kapitän scheint kein großes Vertrauen zum Seekriegsrecht und
zum Völkerrecht in dieser Beziehung zu haben,“ sagte Heideck. „Und in
der Tat gibt es nichts Ungewisseres, als diese Bestimmungen. Genau
genommen gibt es gar kein Völkerrecht, sondern der Stärkere macht
mit dem Schwächeren, was er will, und die einzige Schranke, die der
Willkür des Siegers entgegengesetzt werden kann, ist die Scheu vor
der öffentlichen Meinung. Aber diese Scheu ist bei dem Mächtigen auch
nicht allzu stark, zumal er weiß, daß die öffentliche Meinung bestochen
werden kann.“
„Das Völkerrecht,“ sagte Edith mit schwermütigem Lächeln, „scheint also
dem Recht sehr ähnlich zu sein, das überhaupt auf Erden zwischen den
Menschenkindern geübt wird.“
„Die Franzosen würden übrigens keine schlechte Beute machen, wenn sie
die ‚Caledonia‘ aufbrächten,“ fuhr Heideck fort. „Unter den achthundert
Passagieren sind gegen dreihundert Militärs, und ich habe gehört, daß
sich große Summen Geldes an Bord befinden.“
Das Promenadendeck war angefüllt mit den Passagieren der ersten Kajüte,
die gespannt und angstvoll die Bewegung der Schiffe verfolgten. Auch im
Zwischendeck, wie unter den Passagieren der zweiten Kajüte herrschte
große Unruhe. Im günstigsten Falle, wenn die ‚Caledonia‘ den Verfolgern
entkam, mußte die Reise ja eine beträchtliche Verzögerung erfahren.
Aber es war kaum anzunehmen, daß die ‚Caledonia‘ bis nach Alexandria
gelangen würde. Denn wenn auch der ‚Chanzy‘, der 22 Knoten Fahrt haben
mochte, merklich zurückblieb, kam doch der Torpedojäger immer weiter
herauf, und auch der ‚Forbin‘ rückte in bedrohliche Nähe.
Da kam eine neue, überraschende Meldung. Zwei Dampfer fuhren der
‚Caledonia‘ entgegen. Alle Gläser wandten sich dorthin, wo die winzigen
Rauchsäulen über dem Wasserspiegel erschienen, und bald war mit
Sicherheit die britische Flagge zu erkennen.
Der zweite Offizier teilte den Passagieren mit, daß der Kreuzer erster
Klasse ‚Royal Arthur‘ und das Kanonenboot ‚O'Hara‘ herankämen. Und er
sprach die Hoffnung aus, die ‚Caledonia‘ würde in den Schutz dieser
Kriegsschiffe kommen, ehe die Franzosen sie erreichten.
Die See war nur schwach bewegt. Das Leuchten und Flimmern von Himmel
und Meer hatte aufgehört, seitdem die ‚Caledonia‘ aus dem Suezkanal
herausgekommen war und sich im Mittelländischen Meer befand. Die den
europäischen Breiten eigentümliche graue Färbung war an seine Stelle
getreten, und streifige Wolken zogen am mattblauen Himmel hin. Die
Bewegung der Schiffe ließ sich in dieser Beleuchtung genau verfolgen.
Die englischen Fahrzeuge näherten sich rasch. Und als die Entfernung
zwischen dem ‚Royal Arthur‘ und dem französischen Torpedojäger
etwa noch zwei und eine halbe Seemeile betrug, begann er aus
seinen Buggeschützen auf das wenig über die Oberfläche des Wassers
emporragende Fahrzeug zu feuern. Eines der schweren Geschosse sauste
so nahe an der ‚Caledonia‘ vorüber, die sich jetzt mitten zwischen den
beiden Schiffen befand, daß die Passagiere deutlich den heulenden Ton
der die Luft durchschneidenden Granate hören konnten.
Der Franzose erwiderte das Feuer nicht. Er mäßigte seine
Geschwindigkeit, um das Herankommen des ‚Chanzy‘ zu erwarten. Von
Norden her aber kam inzwischen der ‚Forbin‘ heran und eröffnete aus
seinen Buggeschützen das Feuer auf das britische Kanonenboot. Kurze
Zeit darauf fiel auch aus den Geschützen des ‚Chanzy‘ der erste Schuß,
und jetzt war die Stellung der Schiffe derart, daß das Kanonenboot
mit der Breitseite dem ‚Forbin‘ gegenüberlag, die beiden Kreuzer mit
den Buggeschützen aufeinander feuerten und der Torpedojäger sich im
Hintergrund zurückhielt. Die ‚Caledonia‘ aber war inzwischen so weit
vorgerückt, daß sie sich vollständig im Schutze der britischen Kanonen
befand.
Hätte der Kapitän jetzt seine Fahrt fortgesetzt, so wäre er
wahrscheinlich ungefährdet nach Alexandria gelangt. Aber er wünschte
eine so bedeutende Verzögerung seiner Reise zu vermeiden, und die
drängenden Bitten der Reisenden, die ihn aufgeregt bestürmten, in der
Nähe des Kampfplatzes zu bleiben, kamen seinen Wünschen entgegen.
Die ‚Caledonia‘ mäßigte deshalb ihre Fahrt und hielt sich südöstlich
des Gefechtsfeldes, so daß sie ebensowohl nach Brindisi wie nach
Alexandria steuern konnte, sobald eine Entscheidung gefallen war.
Eine Weile stand der Kampf gleich. Sowohl der ‚Chanzy‘ wie der ‚Royal
Arthur‘ hatten gewendet, kehrten einander jetzt die Breitseiten zu
und feuerten, ohne daß jedoch von der ‚Caledonia‘ aus die Wirkung der
Geschosse beobachtet werden konnte.
Plötzlich setzte sich der ‚Royal Arthur‘ nordwärts in Bewegung und
schoß aus den Heckgeschützen auf seine Gegner.
„Es scheint fast, als wolle er dem ‚O'Hara‘ zu Hilfe kommen,“ sagte
Heideck zu der mit dem Feldstecher neben ihm stehenden Edith. „Das
Kanonenboot ist dem ‚Forbin‘ offenbar nicht gewachsen, und es hat
möglicherweise einen verhängnisvollen Treffer erhalten.“
In der Tat blieb der ‚Royal Arthur‘ in der begonnenen Bewegung nach
Norden und steuerte unter beständigem Feuern gegen den ‚Chanzy‘ und den
noch immer im Hintergrunde lauernden Torpedojäger dem ‚Forbin‘ zu, auf
den er alsbald mit seinen Buggeschützen Feuer zu geben begann.
So entfernte sich das Gefecht immer mehr nordwärts, und der Kapitän
der ‚Caledonia‘ beschloß, seinen Kurs wieder westlich zu nehmen. Malta
anzulaufen, erschien nicht ratsam, dagegen durfte man in der Annahme,
daß der ‚Royal Arthur‘ die französischen Schiffe noch eine geraume
Weile festhalten würde, wohl hoffen, Brindisi, das ursprüngliche
Reiseziel, zu erreichen.
Aber die Ereignisse machten dem englischen Passagierdampfer einen
Strich durch die Rechnung. Es wurde ein Schiff voraus gemeldet, und man
sah die ‚Aréthuse‘ herankommen, mit einem Kurs, der sie geradenwegs
der ‚Caledonia‘ entgegenführte. Um der Begegnung auszuweichen, ließ
der Kapitän sofort nordwärts steuern, und die ‚Caledonia‘ kam dadurch
näher, als es beabsichtigt gewesen war am Kampfplatz vorüber, so nahe,
daß eine auf den östlich liegenden Torpedojäger gezielte britische
Granate, über das niedrige französische Schiff hinwegfliegend,
dicht vor ihrem Bug ins Wasser fiel, einen gewaltigen Springquell
emporschleudernd.
Wenige Sekunden später setzte sich der französische Torpedojäger
in schnelle Fahrt gegen den ‚Royal Arthur‘. Und nun bot sich den
Passagieren der ‚Caledonia‘, sowie allen auf dem enger gewordenen
Gefechtsfeld befindlichen Seeleuten ein furchtbarer Anblick. Der
Torpedojäger hatte endlich den rechten Augenblick zum Angriff erspäht,
und sein Lanzierrohr hatte einen meisterhaft gezielten Torpedo gegen
den Feind entsandt. Man sah in der Mitte des ‚Royal Arthur‘, dicht über
dem Wasserspiegel, erst eine kleine Rauchwolke und dann eine gewaltige
Wassersäule emporsteigen. Gleichzeitig ertönte ein dumpfer, die Luft
in weitem Umkreise erschütternder Knall, der selbst den Donner der
Geschütze übertönte.
Und nun war es, als ob der Kreuzer von Riesenhänden mitten auseinander
gerissen würde. Der ungeheure Schiffskörper teilte sich in zwei
Hälften. Langsam neigte sich das Vorderteil nach vorn, das Hinterteil
nach hinten. Gleich darauf richteten sich beide Teile wieder
auf, als wollten sie sich über der klaffenden Bresche aufs neue
zusammenschließen. Aber nur wenige Sekunden dauerte diese Bewegung.
Dann zog das Gewicht des einströmenden Wassers den Riesenkörper in die
Tiefe. Der ‚Royal Arthur‘ sank mit grauenerregender Schnelligkeit.
Jetzt ragten nur noch die drei Schornsteine über dem Wasserspiegel
empor, wenige Augenblicke später sah man nichts mehr als die Spitzen
der Masten mit den für das Gefecht gehißten Toppsflaggen. Dann stieg
eine mächtige, schäumende Welle empor, und nur das Branden der Wogen
zeigte die Stelle an, wo der stolze Kreuzer gesunken war.
Die Kanonen waren verstummt, und auf allen Schiffen herrschte tiefes
Schweigen. Die Passagiere waren wie gelähmt von dem Uebermaß des
Entsetzens. Der Kapitän aber befahl, sämtliche Boote auszusetzen, um
der Bemannung des ‚Royal Arthur‘ zu Hilfe zu kommen. Man sah, daß auch
der ‚Chanzy‘ Boote zu Wasser ließ. Der ‚O'Hara‘ entfloh, um nicht eine
Beute der jetzt weit überlegenen französischen Streitkräfte zu werden,
und entfernte sich vom Kampfplatz in östlicher Richtung, verfolgt von
dem ‚Forbin‘, der ihm Schuß auf Schuß nachsandte.
Wenn der Kapitän der ‚Caledonia‘ auf jeden Fluchtversuch verzichtet
hatte, so folgte er damit nicht nur einer Regung der Menschlichkeit,
sondern er gehorchte auch den Signalen des Torpedojägers, die ihm
befahlen, beizudrehen. Er wußte, daß es für den ihm anvertrauten
Dampfer kein Entrinnen mehr gab, seitdem die Granaten des ‚Royal
Arthur‘ aufgehört hatten, den Feind zu bedrohen.
Der Kampf der Unglücklichen, denen es gelungen war, sich aus der
dunklen Tiefe emporzuarbeiten, und die nun verzweifelt um ihr Leben
rangen, gewährte einen erschütternden Anblick. Die des Schwimmens
Unkundigen gingen sehr bald unter, wenn es ihnen nicht gelungen war,
sich eines treibenden Gegenstandes zu bemächtigen. Von den zahlreichen
Köpfen, die man unmittelbar nach dem Untergang des Kreuzers über dem
Wasser gesehen hatte, verschwanden mit jeder Sekunde mehr, und es
unterlag keinem Zweifel, daß die heldenmütig arbeitende Besatzung der
Schiffsboote nur einen sehr kleinen Teil der Mannschaft würde retten
können.
An der Fallreepstreppe der ‚Caledonia‘ legte unterdessen die Gig des
Kommandanten des ‚Chanzy‘ an. Der erste Offizier dieses Schiffes stieg
in Begleitung von vier Seesoldaten und einem Deckoffizier an Bord und
begrüßte den Kapitän der ‚Caledonia‘ mit seemännischer Höflichkeit.
„Ich bedaure sehr, mein Herr, daß ich genötigt bin, Ihnen und Ihren
Passagieren Unbequemlichkeiten zu verursachen. Aber ich handle nach dem
mir erteilten Befehl, wenn ich Sie bitte, mir die Schiffspapiere zu
zeigen und eine Durchsuchung Ihres Schiffes zu gestatten.“
„Nach Lage der Dinge haben Sie zu befehlen,“ erwiderte der Engländer
finster.
Dann stieg er mit dem Franzosen in die Kajüte hinab, während
der Deckoffizier mit den Soldaten am Fallreep stehen blieb. Die
Verhandlungen währten fast zwei Stunden. Währenddessen wurden
die Rettungsarbeiten unermüdlich fortgesetzt. Es war gelungen,
hundertundzwanzig Matrosen und Soldaten, fünf Offiziere, sowie den
Kommandanten des ‚Royal Arthur‘ den Wellen zu entreißen. Die Mehrzahl
der Offiziere und Mannschaften aber war verloren.
Für die Sicherung der Prise, die man mit der Wegnahme der ‚Caledonia‘
gemacht hatte, wurden ungewöhnliche Maßregeln getroffen. Der Kapitän,
der erste und zweite Offizier wurden an Bord des ‚Chanzy‘ gebracht.
Dafür übernahm der erste Offizier des ‚Chanzy‘ den Befehl über das
Schiff, und zwei Leutnants mit fünfzig Mann wurden zur ‚Caledonia‘
hinübergerudert. Diese Vorkehrungen erklärten sich zur Genüge aus
dem hohen Wert der Ladung, die der Passagierdampfer an Bord hatte.
Er führte nach Ausweis der Schiffspapiere nicht weniger als zwanzig
Millionen Rupien, teils gemünzt, teils in Silberbarren, die von
Kalkutta hätten nach England geschafft werden sollen. Eine so kostbare
Ladung sicher nach Toulon zu bringen, mußte dem französischen
Kommandanten natürlich sehr am Herzen liegen.
Und noch ein weiterer Triumph war den französischen Waffen beschieden.
Der ‚Forbin‘ brachte das britische Kanonenboot, das statt des
‚Union-Jack‘ nun die Trikolore gehißt hatte, auf den Kampfplatz zurück.
Alle vier französischen Schiffe begleiteten die beiden genommenen
Fahrzeuge auf der mit Volldampf angetretenen Fahrt nach Toulon.
[Illustration]