Das von Carachi nach Bombay gehende Dampfschiff hatte gegen zwanzig
Offiziere und eine größere Anzahl von Unteroffizieren und Mannschaften
an Bord, die in den ersten Kämpfen an der Grenze verwundet worden
waren. Ihr Anblick war nicht danach angetan, die düstere Stimmung
der englischen Reisenden zu verbessern, trotzdem diese drei Tage
lang bei herrlichstem Wetter in der strahlend blauen See an der mit
Naturschönheiten so überreich ausgestatteten indischen Westküste
dahinfuhren.
Der Hafen von Bombay, einer der schönsten der Welt, bot denjenigen,
die ihn von früheren Besuchen her kannten, einen seltsam veränderten
Anblick. Die sonst stets in beträchtlicher Anzahl hier vor Anker
liegenden französischen, deutschen und russischen Handelsschiffe
fehlten vollständig, und außer englischen Dampfern waren nur einige
wenige italienische und österreichische Fahrzeuge auf der Reede.
Der Dampfer von Carachi warf unweit des österreichischen Lloyddampfers
‚Imperatrix‘, der von Triest gekommen war, die Anker aus, und mittels
kleiner Schiffe wurden die Passagiere nach dem Landungsplatze von
Apollo Bandar gebracht.
Zugleich mit seinen neuen englischen Freunden stieg Heideck im
Esplanade-Hotel ab. Das vortrefflich geleitete Haus war ihm
wohlbekannt, denn er hatte bei seiner Ankunft in Indien einige Tage
hier gewohnt. Aber die Physiognomie des Hotels hatte sich inzwischen
ebenso vollständig geändert, wie die des europäischen Viertels von
Bombay, aus welchem alles Leben verschwunden schien. Das verheerende
Auftreten der Pest mochte daran einen nicht geringen Anteil haben, in
der Hauptsache aber war es natürlich der Krieg, der sich in dem Fehlen
zahlreicher sonst am meisten in die Augen fallender Elemente bemerklich
machte.
Sonst ein Sammelpunkt der eleganten Gesellschaft, beherbergte das Haus
jetzt fast nur Militärs, die wenigen anwesenden Damen aber erschienen
nur in Trauer-Toiletten, und die gemeinsamen Mahlzeiten pflegten unter
gedrücktem Schweigen zu verlaufen.
Mr. Kennedy, der sich unmittelbar nach der Ankunft in Heidecks
Interesse zum Gouverneur begeben hatte, war mit guten Nachrichten
zurückgekehrt. Er hatte dem jungen Deutschen die Erlaubnis ausgewirkt,
Indien auf der ‚Caledonia‘ zu verlassen, die in zwei Tagen mit einer
größeren Anzahl verwundeter und kranker Offiziere abgehen sollte.
Die Route des Dampfers ging wie gewöhnlich über Aden und Port Said.
In Brindisi sollten diejenigen Passagiere abgesetzt werden, die mit
der Eisenbahn weiter reisen wollten, während der Bestimmungshafen der
‚Caledonia‘ Southampton war.
„Wir werden also bis Brindisi das Vergnügen Ihrer Gesellschaft haben,“
sagte Mr. Kennedy gegen Heideck gewendet. Dieser hatte durch eine
Verbeugung zu erkennen gegeben, daß der alte Herr seine Absichten
vollkommen richtig beurteilte.
Ueber Ediths Gesicht freilich war es wie ein Ausdruck heftigen
Erschreckens gegangen, als der Widerspruch, den sie mit Sicherheit
erwartet haben mochte, nicht erfolgt war. Sie hatte sich erhoben, um
auf ihr Zimmer zu gehen, aber im Vorüberstreifen hatte sie Gelegenheit
gefunden, dem Geliebten zuzuflüstern:
„Heute Abend auf dem Balkon! Ich muß dich sprechen.“
Nach dem Diner saßen Heideck und Mr. Kennedy rauchend auf der Terrasse
vor dem Speisesaal des Hotels. Ein lauer Seewind rauschte in den
Banianen, die ihr dichtes, glänzendes Laubdach unmittelbar vor ihnen
wölbten. Noch einmal sprach Heideck dem alten Herrn herzlichen Dank für
seine liebenswürdigen Bemühungen aus.
„Ich habe damit doch nur in sehr bescheidenem Maße vergolten, was
Sie für uns getan,“ erwiderte Mr. Kennedy. „Uebrigens hatte es gar
keine Schwierigkeiten. Ich habe dem Gouverneur gesagt, daß Sie ein
Deutscher und ein Freund meiner Familie seien, der einer englischen
Dame und mir selbst die wertvollsten Dienste erwiesen habe. Ihren
militärischen Charakter aber glaubte ich allerdings mit gutem Gewissen
verschweigen zu dürfen, denn aus ihm hätten sich doch leicht allerlei
Schwierigkeiten ergeben können. Ich für meine Person mache mir bei
allem Patriotismus keinen allzu großen Vorwurf aus diesem Verschweigen.
Denn welche militärischen Geheimnisse könnten Sie in Berlin verraten?
Unsere Mißerfolge liegen vor aller Augen klar erkennbar da. Und alle
Zeitungen sind mit Nachrichten und Vermutungen angefüllt.“
„Allerdings. Der eigentliche Zweck meiner Reise ist durch die
Ereignisse überholt und gegenstandslos geworden.“
„Dieser Zweck war -- um es ohne Beschönigung zu sagen -- Spionage.
Nicht wahr, Mr. Heideck?“
„Spionage in demselben Sinne, wie die Entsendung von Botschaftern,
bevollmächtigten Ministern und Militär- oder Marine-Attachés Spionage
ist,“ entgegnete Heideck sichtlich verdrossen.
„O, ich finde da doch einen kleinen Unterschied. Alle diese Herren
nennen von vornherein ihren Namen wie ihr Amt, und sie werden in ihrer
diplomatischen Eigenschaft ausdrücklich beglaubigt.“
„Es liegt mir fern, Mr. Kennedy, mich Ihnen gegenüber zu rechtfertigen,
denn ich habe nicht den geringsten Anlaß, mich meiner Mission zu
schämen. Jede Armeeleitung muß über die militärischen Zustände der
anderen Mächte unterrichtet sein, auch wenn kein bestimmter Krieg
erwartet oder geplant wird. Um für alle Eventualitäten gerüstet zu
sein, muß man die Kräfte und Hülfsquellen der anderen Mächte kennen,
gleichviel, ob sie im Kriegsfalle als Gegner oder als Bundesgenossen in
Betracht kämen.“
Mr. Kennedy antwortete scheinbar erbittert:
„Es scheint fast, als ob wir Engländer diese Vorsicht gröblich
vernachlässigt hätten. Die Russen würden uns schwerlich überrumpelt
haben, wenn wir verstanden hätten, mit deutscher Klugheit zu rechnen.“
„Nun, ich glaube kaum, daß man von englischer Seite wesentlich anders
verfahren ist als von der unsrigen. Ihre Regierung dürfte ebenso
wie die deutsche überallhin Offiziere entsandt haben, um sich zu
unterrichten. Wie der Generalstab in Berlin Nachrichten über alle
fremden Heere, Festungen und Grenzen sammelt, geschieht es ohne
Zweifel auch in London. Es ist das übrigens ein rein theoretisches
Verfahren, ebenso wie die Aufstellung von Kriegsplänen für alle Fälle.
In Wirklichkeit pflegt es dann immer wesentlich anders zu kommen. Der
gegenwärtige Krieg liefert dafür ja den besten Beweis. Ich bin hierher
entsandt worden, um die anglo-indische Armee und die russisch-indischen
Grenzverhältnisse zu studieren, ohne daß wir einen nahe bevorstehenden
Krieg ahnten und ohne daß wir etwa geplant hätten, Indien anzugreifen.
Das Unsinnige einer solchen Idee läge ja auch auf der Hand. Wenn Sie
mich übrigens für einen Spion halten, Mr. Kennedy, so bitte ich Sie
dringend, keinerlei Rücksicht zu nehmen und dem Gouverneur meinen
wahren Charakter zu nennen. Ich bin jederzeit bereit, mich vor den
englischen Behörden zu verantworten.“
Mr. Kennedy streckte ihm seine Hand entgegen.
„Sie haben mich mißverstanden, mein lieber Mr. Heideck! Ihre
persönliche Ehrenhaftigkeit ist für mich so hoch über jedem Zweifel
erhaben, daß es mir nicht einen Augenblick in den Sinn kommen konnte,
Sie auf eine Stufe zu stellen mit jenen Spionen, denen man den Prozeß
macht, wenn man sie erwischt.“
In diesem Augenblick kam einer der weißgekleideten, barfüßigen Kellner
gelaufen und schrie in den Saal hinein:
„Großer Sieg bei Delhi! Die russische Armee vollständig geschlagen!“
Und triumphierend schwenkte er ein bedrucktes Papier in seiner Rechten.
Mr. Kennedy fuhr in die Höhe, riß dem Burschen das Blatt aus der Hand
und las die von der ‚Bombay-Gazette‘ ausgegebene Nachricht.
„Wahrhaftig, es ist so!“ rief er mit freudestrahlendem Gesicht. „Ein
Sieg! Ein großer, entscheidender Sieg! Dem Himmel sei Dank -- das
Kriegsglück hat sich gewendet.“
Er beschenkte den Ueberbringer der Freudenbotschaft mit einem Goldstück
und eilte, den Damen die große Neuigkeit mitzuteilen. Heideck aber
blieb nachdenklich zurück. Im Hotel wurde es bald lebhaft. Die
Engländer liefen hin und her und riefen einander den Inhalt der
Depesche zu. Allmählich machte sich auch in den Straßen eine wachsende
Erregung bemerkbar. In dem sogenannten Fort, dem europäischen Teile
von Bombay, wurden Fackeln angezündet und Freudenschüsse abgefeuert.
Heideck nahm einen der vor dem Hotel haltenden Einspänner und befahl
dem Kutscher durch die Stadt zu fahren. Hier konnte er wahrnehmen, daß
der Jubel sich durchaus auf das Fort beschränkte. Sobald der Wagen
die eigentliche Stadt erreichte, bot sich ihm das gewohnte Bild, das
er schon von seinem ersten Aufenthalt her kannte und das ganz und gar
nichts von dem Eintritt außerordentlicher Ereignisse erkennen oder
vermuten ließ. In den engen Gassen herrschte trotz der vorgerückten
Stunde ein geschäftiges Treiben. Alle Häuser waren erleuchtet und alle
Türen geöffnet, so daß man in das Innere der primitiven Wohnungen
blicken, die Handwerker bei ihrer Arbeit, die Händler bei ihren
Geschäften und die Hausfrauen bei ihren oft sehr intimen häuslichen
Verrichtungen beobachten konnte. Um den Krieg kümmerte man sich hier
augenscheinlich ebenso wenig wie um die schreckliche Würgerin der
indischen Bevölkerung, die Pest, und die Siegesdepesche, die doch ohne
Zweifel auch in der Eingeborenenstadt bekannt geworden war, hatte
offenbar nicht den geringsten Eindruck gemacht.
Gegen elf Uhr kehrte Heideck in das Hotel zurück, wo er die Familie
Kennedy mit Edith noch in eifriger Unterhaltung auf der Terrasse
antraf. Der alte Herr schien plötzlich um ein Jahrzehnt verjüngt.
„Natürlich werden wir jetzt nicht abreisen,“ erklärte er. „Sobald die
Russen den Norden wieder geräumt haben, kehren wir nach Simla zurück.“
Heideck sagte nichts dazu, und als bereite ihm die so offen
kundgegebene Herzensfreude der Engländer eine peinliche Empfindung,
verabschiedete er sich sehr bald, um in sein Zimmer hinaufzugehen, das
ebenso wie dasjenige Ediths im zweiten Stockwerk gelegen war.
Nach der Sitte des Landes hatten sämtliche Räume Türen nach dem breiten
Balkon, der das ganze Stockwerk als Außengalerie umgab. Und da ihm ein
Blick Ediths wiederholt hatte, daß er sie dort erwarten möge, trat
Heideck auf diese Galerie hinaus. Seine Geduld wurde nicht allzu hart
auf die Probe gestellt. Auch sie mußte bald Gelegenheit gefunden haben,
sich aus der Gesellschaft der Kennedys loszumachen, denn früher noch
als er gehofft hatte, sah er ihre weiße Gestalt auf sich zukommen.
„Ich danke dir, daß du mich erwartet hast,“ sagte sie, „aber wir können
hier nicht bleiben, da wir keinen Augenblick vor Ueberraschung sicher
wären. Laß uns lieber in mein Zimmer gehen.“
Heideck folgte ihr zögernd. Aber er wußte, daß Edith es als eine
Beleidigung empfinden würde, wenn er gegen ihre Aufforderung ein
Bedenken äußern würde, denn im felsenfesten Vertrauen auf seine
ritterliche Ehrenhaftigkeit schien sie in der Tat keine Besorgnis zu
kennen. Nur der schwache Schein des Mondes erfüllte das Gemach mit
einer matten Helligkeit. Vom Turme der nahen Universität schlug es
zwölf.
„Das Schicksal treibt ein sonderbares Spiel mit uns,“ sagte Edith, die
sich in einen der kleinen Korbsessel niedergelassen hatte, während
Heideck in der Nähe der Tür stehen geblieben war, „ich gestehe dir,
daß ich seit dem Eintreffen der Siegesnachricht ein paar fürchterliche
Stunden verlebt habe, denn die Kennedys haben ja auf diese Nachricht
hin ihre Reiseabsichten aufgegeben, und sie scheinen es für ganz
selbstverständlich zu halten, daß ich mit ihnen hier in Indien bleibe.“
„Und würdest du nicht in der Tat vorerst dazu gezwungen sein, liebste
Edith?“
„Auch du also hast bereits mit dieser Möglichkeit gerechnet? Du würdest
dich nicht besinnen, ohne mich zu reisen? Vielleicht sogar mit einem
Gefühl der Erleichterung, von mir befreit zu sein?“
„Wie kannst du solche Gedanken aussprechen, Edith, an die du selbst
doch wohl nimmermehr glauben kannst?“
„O, wer weiß! Du bist ehrgeizig, und wir armen Frauen sind niemals
übler daran, als mit ehrgeizigen Männern.“
„Aber es ist wahrscheinlich überflüssig, daß wir uns jetzt mit der
Erörterung solcher Möglichkeiten quälen. Ich habe bis jetzt noch
nicht einen Augenblick an den Eintritt einer Aenderung in unseren
Reisedispositionen geglaubt.“
„Das heißt, du zweifelst an der Zuverlässigkeit der Siegesnachricht?“
„Ehrlich gesprochen: ja. Ich habe den alten Herrn nicht kränken und
ihm die kurze Freude nicht verderben wollen. Darum habe ich ihm
gegenüber meinem Mißtrauen nicht Ausdruck gegeben. Aber die Depesche
macht in Wahrheit einen sehr wenig glaubwürdigen Eindruck. Enthält
sie doch nicht einmal eine genauere Angabe des Ortes, wo die Schlacht
stattgefunden haben soll. Sie muß einem unbefangenen Beurteiler zum
mindesten sehr verdächtig vorkommen.“
„Und wer sollte sich das traurige Vergnügen bereitet haben, die Welt
für eine kurze Zeitspanne auf solche Art zu täuschen?“
„O, es gibt viele, die ein Interesse daran haben würden. Während jedes
Krieges flattern hier und da solche falschen Nachrichten auf, ohne
daß sich in den meisten Fällen feststellen läßt, woher sie kamen.
Vielleicht ist es ein Börsenmanöver.“
„Du hältst es also für ganz unmöglich, daß wir die Russen besiegen
können?“
„Nicht gerade für unmöglich, aber doch für sehr unwahrscheinlich.
Wenigstens bei der augenblicklichen Kriegslage. Und dann ist es das
Ausbleiben aller genaueren Nachrichten, das mich stutzig macht. Ein
siegreicher Feldherr findet immer Zeit zur Mitteilung von Einzelheiten,
mit denen der Besiegte gern auf sich warten läßt. Ich bin überzeugt,
daß der hinkende Bote sehr bald nachkommen und hinsichtlich unserer
Reisepläne alles beim Alten bleiben wird.“
Edith schwieg. Ihr Vertrauen zu Heideck war so unbegrenzt, daß seine
Worte sie vollständig überzeugt hatten. Aber sie hatten ihr die freudig
zuversichtliche Stimmung der letzten Tage dennoch nicht wiederzugeben
vermocht.
„Es wird alles beim Alten bleiben?“ sagte sie endlich. „Das heißt, du
wirst uns in Brindisi verlassen?“
„Allerdings. Es gibt ja für mich keinen anderen Weg, um zur Armee zu
gelangen.“
„Und wenn du nun überhaupt darauf verzichtest, zur Armee
zurückzukehren? Hast du denn noch gar nicht daran gedacht, daß wir
unser künftiges Glück recht wohl auf einer anderen Grundlage aufbauen
könnten?“
Verwundert sah Heideck sie an.
„Nein, liebste Edith, daran habe ich in der Tat noch nicht gedacht,
denn es wäre ein sehr überflüssiger und törichter Gedanke gewesen,
solange mir durch Pflicht und Ehre auf das Bestimmteste vorgeschrieben
ist, was ich zu tun habe.“
„Pflicht und Ehre! Natürlich, ich konnte mir wohl denken, daß du
sogleich wieder mit großen Worten bei der Hand sein würdest. Es ist
so bequem, sich hinter einen solchen unangreifbaren Schutzwall
zurückziehen zu dürfen, wenn damit zugleich den eigenen Wünschen Genüge
geschieht!“
„Edith! Wie ungerecht haben dich doch die traurigen Erlebnisse der
jüngsten Vergangenheit gemacht! Bei ruhiger Ueberlegung wirst du selbst
einsehen, daß meine persönlichen Wünsche und die Sehnsucht meines
Herzens hier gar nicht in Frage kommen. Und ich verstehe nicht einmal,
was ich deiner Meinung nach denn eigentlich tun sollte.“
„O, es gäbe mehr als eine Möglichkeit, die uns den Schmerz einer
Trennung ersparen würde. Aber ich will dir nur die nächstliegende
nennen. Könnten wir nicht sehr wohl zusammen in Indien bleiben? Wenn
es die Vermögensfrage ist, die dir Bedenken verursacht, so kann ich
dich darüber leicht beruhigen. Ich habe Geld genug für uns beide,
und was mir gehört, das ist auch dein. Wenn wir uns hier in eine
Gegend zurückziehen, in die der Krieg nicht kommen kann -- in eine
Hill-Station, nach Poona oder Mahabaleshwar, so wird niemand dich mit
Fragen behelligen oder gar daran denken, dich zu verfolgen. Und es wird
Gott wohlgefälliger sein, wenn du dort ganz deiner Liebe lebst, als
wenn du deine Brüder tötest.“
Trotz der Ernsthaftigkeit, mit der sie sprach, konnte Heideck sich
nicht enthalten, ihr lächelnd zu entgegnen:
„Wie wunderlich sich doch zuweilen in so einem hübschen Frauenköpfchen
die Welt und die Verhältnisse malen. Es ist wahrhaftig ein Glück,
daß wir nüchterne Männer unsern Verstand nicht ganz so leicht mit
dem Herzen durchgehen lassen. Wir würden sonst schlimm genug daran
sein, denn ihr selbst wäret sicherlich die ersten, die sich mit
Geringschätzung von uns abwenden würden, sobald wir uns das Glück eurer
Liebe um jeden Preis, selbst um den eurer und der eigenen Achtung,
erkaufen wollten.“
Edith Irwin gab es auf, ihm zu widersprechen. Mit schwermütiger Miene
blickte sie lange schweigend in die mondhelle indische Nacht hinaus.
Und dann, als Heideck auf sie zutrat, um sich mit einem zärtlichen
Wort zu verabschieden, sagte sie in einem Ton, der ihm ganz seltsam zu
Herzen ging:
„Ob wir uns nun verstehen oder nicht -- in einem wenigstens sollst du
dich keiner Täuschung hingeben: Wohin du auch immer gehen magst -- in
ein Paradies des Friedens oder die Hölle des Krieges -- ich werde dich
nicht verlassen.“
Sie warf sich mit leidenschaftlichem Ungestüm an seine Brust und preßte
ihre heißen Lippen auf seinen Mund. Dann aber, als fürchte sie sich vor
ihres eigenen Herzens Gluten, drängte sie ihn mit sanfter Gewalt zur
Tür.
[Illustration]