XXII.

Das von Carachi nach Bombay gehende Dampfschiff hatte gegen zwanzig

Offiziere und eine größere Anzahl von Unteroffizieren und Mannschaften

an Bord, die in den ersten Kämpfen an der Grenze verwundet worden

waren. Ihr Anblick war nicht danach angetan, die düstere Stimmung

der englischen Reisenden zu verbessern, trotzdem diese drei Tage

lang bei herrlichstem Wetter in der strahlend blauen See an der mit

Naturschönheiten so überreich ausgestatteten indischen Westküste

dahinfuhren.

Der Hafen von Bombay, einer der schönsten der Welt, bot denjenigen,

die ihn von früheren Besuchen her kannten, einen seltsam veränderten

Anblick. Die sonst stets in beträchtlicher Anzahl hier vor Anker

liegenden französischen, deutschen und russischen Handelsschiffe

fehlten vollständig, und außer englischen Dampfern waren nur einige

wenige italienische und österreichische Fahrzeuge auf der Reede.

Der Dampfer von Carachi warf unweit des österreichischen Lloyddampfers

‚Imperatrix‘, der von Triest gekommen war, die Anker aus, und mittels

kleiner Schiffe wurden die Passagiere nach dem Landungsplatze von

Apollo Bandar gebracht.

Zugleich mit seinen neuen englischen Freunden stieg Heideck im

Esplanade-Hotel ab. Das vortrefflich geleitete Haus war ihm

wohlbekannt, denn er hatte bei seiner Ankunft in Indien einige Tage

hier gewohnt. Aber die Physiognomie des Hotels hatte sich inzwischen

ebenso vollständig geändert, wie die des europäischen Viertels von

Bombay, aus welchem alles Leben verschwunden schien. Das verheerende

Auftreten der Pest mochte daran einen nicht geringen Anteil haben, in

der Hauptsache aber war es natürlich der Krieg, der sich in dem Fehlen

zahlreicher sonst am meisten in die Augen fallender Elemente bemerklich

machte.

Sonst ein Sammelpunkt der eleganten Gesellschaft, beherbergte das Haus

jetzt fast nur Militärs, die wenigen anwesenden Damen aber erschienen

nur in Trauer-Toiletten, und die gemeinsamen Mahlzeiten pflegten unter

gedrücktem Schweigen zu verlaufen.

Mr. Kennedy, der sich unmittelbar nach der Ankunft in Heidecks

Interesse zum Gouverneur begeben hatte, war mit guten Nachrichten

zurückgekehrt. Er hatte dem jungen Deutschen die Erlaubnis ausgewirkt,

Indien auf der ‚Caledonia‘ zu verlassen, die in zwei Tagen mit einer

größeren Anzahl verwundeter und kranker Offiziere abgehen sollte.

Die Route des Dampfers ging wie gewöhnlich über Aden und Port Said.

In Brindisi sollten diejenigen Passagiere abgesetzt werden, die mit

der Eisenbahn weiter reisen wollten, während der Bestimmungshafen der

‚Caledonia‘ Southampton war.

„Wir werden also bis Brindisi das Vergnügen Ihrer Gesellschaft haben,“

sagte Mr. Kennedy gegen Heideck gewendet. Dieser hatte durch eine

Verbeugung zu erkennen gegeben, daß der alte Herr seine Absichten

vollkommen richtig beurteilte.

Ueber Ediths Gesicht freilich war es wie ein Ausdruck heftigen

Erschreckens gegangen, als der Widerspruch, den sie mit Sicherheit

erwartet haben mochte, nicht erfolgt war. Sie hatte sich erhoben, um

auf ihr Zimmer zu gehen, aber im Vorüberstreifen hatte sie Gelegenheit

gefunden, dem Geliebten zuzuflüstern:

„Heute Abend auf dem Balkon! Ich muß dich sprechen.“

Nach dem Diner saßen Heideck und Mr. Kennedy rauchend auf der Terrasse

vor dem Speisesaal des Hotels. Ein lauer Seewind rauschte in den

Banianen, die ihr dichtes, glänzendes Laubdach unmittelbar vor ihnen

wölbten. Noch einmal sprach Heideck dem alten Herrn herzlichen Dank für

seine liebenswürdigen Bemühungen aus.

„Ich habe damit doch nur in sehr bescheidenem Maße vergolten, was

Sie für uns getan,“ erwiderte Mr. Kennedy. „Uebrigens hatte es gar

keine Schwierigkeiten. Ich habe dem Gouverneur gesagt, daß Sie ein

Deutscher und ein Freund meiner Familie seien, der einer englischen

Dame und mir selbst die wertvollsten Dienste erwiesen habe. Ihren

militärischen Charakter aber glaubte ich allerdings mit gutem Gewissen

verschweigen zu dürfen, denn aus ihm hätten sich doch leicht allerlei

Schwierigkeiten ergeben können. Ich für meine Person mache mir bei

allem Patriotismus keinen allzu großen Vorwurf aus diesem Verschweigen.

Denn welche militärischen Geheimnisse könnten Sie in Berlin verraten?

Unsere Mißerfolge liegen vor aller Augen klar erkennbar da. Und alle

Zeitungen sind mit Nachrichten und Vermutungen angefüllt.“

„Allerdings. Der eigentliche Zweck meiner Reise ist durch die

Ereignisse überholt und gegenstandslos geworden.“

„Dieser Zweck war -- um es ohne Beschönigung zu sagen -- Spionage.

Nicht wahr, Mr. Heideck?“

„Spionage in demselben Sinne, wie die Entsendung von Botschaftern,

bevollmächtigten Ministern und Militär- oder Marine-Attachés Spionage

ist,“ entgegnete Heideck sichtlich verdrossen.

„O, ich finde da doch einen kleinen Unterschied. Alle diese Herren

nennen von vornherein ihren Namen wie ihr Amt, und sie werden in ihrer

diplomatischen Eigenschaft ausdrücklich beglaubigt.“

„Es liegt mir fern, Mr. Kennedy, mich Ihnen gegenüber zu rechtfertigen,

denn ich habe nicht den geringsten Anlaß, mich meiner Mission zu

schämen. Jede Armeeleitung muß über die militärischen Zustände der

anderen Mächte unterrichtet sein, auch wenn kein bestimmter Krieg

erwartet oder geplant wird. Um für alle Eventualitäten gerüstet zu

sein, muß man die Kräfte und Hülfsquellen der anderen Mächte kennen,

gleichviel, ob sie im Kriegsfalle als Gegner oder als Bundesgenossen in

Betracht kämen.“

Mr. Kennedy antwortete scheinbar erbittert:

„Es scheint fast, als ob wir Engländer diese Vorsicht gröblich

vernachlässigt hätten. Die Russen würden uns schwerlich überrumpelt

haben, wenn wir verstanden hätten, mit deutscher Klugheit zu rechnen.“

„Nun, ich glaube kaum, daß man von englischer Seite wesentlich anders

verfahren ist als von der unsrigen. Ihre Regierung dürfte ebenso

wie die deutsche überallhin Offiziere entsandt haben, um sich zu

unterrichten. Wie der Generalstab in Berlin Nachrichten über alle

fremden Heere, Festungen und Grenzen sammelt, geschieht es ohne

Zweifel auch in London. Es ist das übrigens ein rein theoretisches

Verfahren, ebenso wie die Aufstellung von Kriegsplänen für alle Fälle.

In Wirklichkeit pflegt es dann immer wesentlich anders zu kommen. Der

gegenwärtige Krieg liefert dafür ja den besten Beweis. Ich bin hierher

entsandt worden, um die anglo-indische Armee und die russisch-indischen

Grenzverhältnisse zu studieren, ohne daß wir einen nahe bevorstehenden

Krieg ahnten und ohne daß wir etwa geplant hätten, Indien anzugreifen.

Das Unsinnige einer solchen Idee läge ja auch auf der Hand. Wenn Sie

mich übrigens für einen Spion halten, Mr. Kennedy, so bitte ich Sie

dringend, keinerlei Rücksicht zu nehmen und dem Gouverneur meinen

wahren Charakter zu nennen. Ich bin jederzeit bereit, mich vor den

englischen Behörden zu verantworten.“

Mr. Kennedy streckte ihm seine Hand entgegen.

„Sie haben mich mißverstanden, mein lieber Mr. Heideck! Ihre

persönliche Ehrenhaftigkeit ist für mich so hoch über jedem Zweifel

erhaben, daß es mir nicht einen Augenblick in den Sinn kommen konnte,

Sie auf eine Stufe zu stellen mit jenen Spionen, denen man den Prozeß

macht, wenn man sie erwischt.“

In diesem Augenblick kam einer der weißgekleideten, barfüßigen Kellner

gelaufen und schrie in den Saal hinein:

„Großer Sieg bei Delhi! Die russische Armee vollständig geschlagen!“

Und triumphierend schwenkte er ein bedrucktes Papier in seiner Rechten.

Mr. Kennedy fuhr in die Höhe, riß dem Burschen das Blatt aus der Hand

und las die von der ‚Bombay-Gazette‘ ausgegebene Nachricht.

„Wahrhaftig, es ist so!“ rief er mit freudestrahlendem Gesicht. „Ein

Sieg! Ein großer, entscheidender Sieg! Dem Himmel sei Dank -- das

Kriegsglück hat sich gewendet.“

Er beschenkte den Ueberbringer der Freudenbotschaft mit einem Goldstück

und eilte, den Damen die große Neuigkeit mitzuteilen. Heideck aber

blieb nachdenklich zurück. Im Hotel wurde es bald lebhaft. Die

Engländer liefen hin und her und riefen einander den Inhalt der

Depesche zu. Allmählich machte sich auch in den Straßen eine wachsende

Erregung bemerkbar. In dem sogenannten Fort, dem europäischen Teile

von Bombay, wurden Fackeln angezündet und Freudenschüsse abgefeuert.

Heideck nahm einen der vor dem Hotel haltenden Einspänner und befahl

dem Kutscher durch die Stadt zu fahren. Hier konnte er wahrnehmen, daß

der Jubel sich durchaus auf das Fort beschränkte. Sobald der Wagen

die eigentliche Stadt erreichte, bot sich ihm das gewohnte Bild, das

er schon von seinem ersten Aufenthalt her kannte und das ganz und gar

nichts von dem Eintritt außerordentlicher Ereignisse erkennen oder

vermuten ließ. In den engen Gassen herrschte trotz der vorgerückten

Stunde ein geschäftiges Treiben. Alle Häuser waren erleuchtet und alle

Türen geöffnet, so daß man in das Innere der primitiven Wohnungen

blicken, die Handwerker bei ihrer Arbeit, die Händler bei ihren

Geschäften und die Hausfrauen bei ihren oft sehr intimen häuslichen

Verrichtungen beobachten konnte. Um den Krieg kümmerte man sich hier

augenscheinlich ebenso wenig wie um die schreckliche Würgerin der

indischen Bevölkerung, die Pest, und die Siegesdepesche, die doch ohne

Zweifel auch in der Eingeborenenstadt bekannt geworden war, hatte

offenbar nicht den geringsten Eindruck gemacht.

Gegen elf Uhr kehrte Heideck in das Hotel zurück, wo er die Familie

Kennedy mit Edith noch in eifriger Unterhaltung auf der Terrasse

antraf. Der alte Herr schien plötzlich um ein Jahrzehnt verjüngt.

„Natürlich werden wir jetzt nicht abreisen,“ erklärte er. „Sobald die

Russen den Norden wieder geräumt haben, kehren wir nach Simla zurück.“

Heideck sagte nichts dazu, und als bereite ihm die so offen

kundgegebene Herzensfreude der Engländer eine peinliche Empfindung,

verabschiedete er sich sehr bald, um in sein Zimmer hinaufzugehen, das

ebenso wie dasjenige Ediths im zweiten Stockwerk gelegen war.

Nach der Sitte des Landes hatten sämtliche Räume Türen nach dem breiten

Balkon, der das ganze Stockwerk als Außengalerie umgab. Und da ihm ein

Blick Ediths wiederholt hatte, daß er sie dort erwarten möge, trat

Heideck auf diese Galerie hinaus. Seine Geduld wurde nicht allzu hart

auf die Probe gestellt. Auch sie mußte bald Gelegenheit gefunden haben,

sich aus der Gesellschaft der Kennedys loszumachen, denn früher noch

als er gehofft hatte, sah er ihre weiße Gestalt auf sich zukommen.

„Ich danke dir, daß du mich erwartet hast,“ sagte sie, „aber wir können

hier nicht bleiben, da wir keinen Augenblick vor Ueberraschung sicher

wären. Laß uns lieber in mein Zimmer gehen.“

Heideck folgte ihr zögernd. Aber er wußte, daß Edith es als eine

Beleidigung empfinden würde, wenn er gegen ihre Aufforderung ein

Bedenken äußern würde, denn im felsenfesten Vertrauen auf seine

ritterliche Ehrenhaftigkeit schien sie in der Tat keine Besorgnis zu

kennen. Nur der schwache Schein des Mondes erfüllte das Gemach mit

einer matten Helligkeit. Vom Turme der nahen Universität schlug es

zwölf.

„Das Schicksal treibt ein sonderbares Spiel mit uns,“ sagte Edith, die

sich in einen der kleinen Korbsessel niedergelassen hatte, während

Heideck in der Nähe der Tür stehen geblieben war, „ich gestehe dir,

daß ich seit dem Eintreffen der Siegesnachricht ein paar fürchterliche

Stunden verlebt habe, denn die Kennedys haben ja auf diese Nachricht

hin ihre Reiseabsichten aufgegeben, und sie scheinen es für ganz

selbstverständlich zu halten, daß ich mit ihnen hier in Indien bleibe.“

„Und würdest du nicht in der Tat vorerst dazu gezwungen sein, liebste

Edith?“

„Auch du also hast bereits mit dieser Möglichkeit gerechnet? Du würdest

dich nicht besinnen, ohne mich zu reisen? Vielleicht sogar mit einem

Gefühl der Erleichterung, von mir befreit zu sein?“

„Wie kannst du solche Gedanken aussprechen, Edith, an die du selbst

doch wohl nimmermehr glauben kannst?“

„O, wer weiß! Du bist ehrgeizig, und wir armen Frauen sind niemals

übler daran, als mit ehrgeizigen Männern.“

„Aber es ist wahrscheinlich überflüssig, daß wir uns jetzt mit der

Erörterung solcher Möglichkeiten quälen. Ich habe bis jetzt noch

nicht einen Augenblick an den Eintritt einer Aenderung in unseren

Reisedispositionen geglaubt.“

„Das heißt, du zweifelst an der Zuverlässigkeit der Siegesnachricht?“

„Ehrlich gesprochen: ja. Ich habe den alten Herrn nicht kränken und

ihm die kurze Freude nicht verderben wollen. Darum habe ich ihm

gegenüber meinem Mißtrauen nicht Ausdruck gegeben. Aber die Depesche

macht in Wahrheit einen sehr wenig glaubwürdigen Eindruck. Enthält

sie doch nicht einmal eine genauere Angabe des Ortes, wo die Schlacht

stattgefunden haben soll. Sie muß einem unbefangenen Beurteiler zum

mindesten sehr verdächtig vorkommen.“

„Und wer sollte sich das traurige Vergnügen bereitet haben, die Welt

für eine kurze Zeitspanne auf solche Art zu täuschen?“

„O, es gibt viele, die ein Interesse daran haben würden. Während jedes

Krieges flattern hier und da solche falschen Nachrichten auf, ohne

daß sich in den meisten Fällen feststellen läßt, woher sie kamen.

Vielleicht ist es ein Börsenmanöver.“

„Du hältst es also für ganz unmöglich, daß wir die Russen besiegen

können?“

„Nicht gerade für unmöglich, aber doch für sehr unwahrscheinlich.

Wenigstens bei der augenblicklichen Kriegslage. Und dann ist es das

Ausbleiben aller genaueren Nachrichten, das mich stutzig macht. Ein

siegreicher Feldherr findet immer Zeit zur Mitteilung von Einzelheiten,

mit denen der Besiegte gern auf sich warten läßt. Ich bin überzeugt,

daß der hinkende Bote sehr bald nachkommen und hinsichtlich unserer

Reisepläne alles beim Alten bleiben wird.“

Edith schwieg. Ihr Vertrauen zu Heideck war so unbegrenzt, daß seine

Worte sie vollständig überzeugt hatten. Aber sie hatten ihr die freudig

zuversichtliche Stimmung der letzten Tage dennoch nicht wiederzugeben

vermocht.

„Es wird alles beim Alten bleiben?“ sagte sie endlich. „Das heißt, du

wirst uns in Brindisi verlassen?“

„Allerdings. Es gibt ja für mich keinen anderen Weg, um zur Armee zu

gelangen.“

„Und wenn du nun überhaupt darauf verzichtest, zur Armee

zurückzukehren? Hast du denn noch gar nicht daran gedacht, daß wir

unser künftiges Glück recht wohl auf einer anderen Grundlage aufbauen

könnten?“

Verwundert sah Heideck sie an.

„Nein, liebste Edith, daran habe ich in der Tat noch nicht gedacht,

denn es wäre ein sehr überflüssiger und törichter Gedanke gewesen,

solange mir durch Pflicht und Ehre auf das Bestimmteste vorgeschrieben

ist, was ich zu tun habe.“

„Pflicht und Ehre! Natürlich, ich konnte mir wohl denken, daß du

sogleich wieder mit großen Worten bei der Hand sein würdest. Es ist

so bequem, sich hinter einen solchen unangreifbaren Schutzwall

zurückziehen zu dürfen, wenn damit zugleich den eigenen Wünschen Genüge

geschieht!“

„Edith! Wie ungerecht haben dich doch die traurigen Erlebnisse der

jüngsten Vergangenheit gemacht! Bei ruhiger Ueberlegung wirst du selbst

einsehen, daß meine persönlichen Wünsche und die Sehnsucht meines

Herzens hier gar nicht in Frage kommen. Und ich verstehe nicht einmal,

was ich deiner Meinung nach denn eigentlich tun sollte.“

„O, es gäbe mehr als eine Möglichkeit, die uns den Schmerz einer

Trennung ersparen würde. Aber ich will dir nur die nächstliegende

nennen. Könnten wir nicht sehr wohl zusammen in Indien bleiben? Wenn

es die Vermögensfrage ist, die dir Bedenken verursacht, so kann ich

dich darüber leicht beruhigen. Ich habe Geld genug für uns beide,

und was mir gehört, das ist auch dein. Wenn wir uns hier in eine

Gegend zurückziehen, in die der Krieg nicht kommen kann -- in eine

Hill-Station, nach Poona oder Mahabaleshwar, so wird niemand dich mit

Fragen behelligen oder gar daran denken, dich zu verfolgen. Und es wird

Gott wohlgefälliger sein, wenn du dort ganz deiner Liebe lebst, als

wenn du deine Brüder tötest.“

Trotz der Ernsthaftigkeit, mit der sie sprach, konnte Heideck sich

nicht enthalten, ihr lächelnd zu entgegnen:

„Wie wunderlich sich doch zuweilen in so einem hübschen Frauenköpfchen

die Welt und die Verhältnisse malen. Es ist wahrhaftig ein Glück,

daß wir nüchterne Männer unsern Verstand nicht ganz so leicht mit

dem Herzen durchgehen lassen. Wir würden sonst schlimm genug daran

sein, denn ihr selbst wäret sicherlich die ersten, die sich mit

Geringschätzung von uns abwenden würden, sobald wir uns das Glück eurer

Liebe um jeden Preis, selbst um den eurer und der eigenen Achtung,

erkaufen wollten.“

Edith Irwin gab es auf, ihm zu widersprechen. Mit schwermütiger Miene

blickte sie lange schweigend in die mondhelle indische Nacht hinaus.

Und dann, als Heideck auf sie zutrat, um sich mit einem zärtlichen

Wort zu verabschieden, sagte sie in einem Ton, der ihm ganz seltsam zu

Herzen ging:

„Ob wir uns nun verstehen oder nicht -- in einem wenigstens sollst du

dich keiner Täuschung hingeben: Wohin du auch immer gehen magst -- in

ein Paradies des Friedens oder die Hölle des Krieges -- ich werde dich

nicht verlassen.“

Sie warf sich mit leidenschaftlichem Ungestüm an seine Brust und preßte

ihre heißen Lippen auf seinen Mund. Dann aber, als fürchte sie sich vor

ihres eigenen Herzens Gluten, drängte sie ihn mit sanfter Gewalt zur

Tür.

[Illustration]

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman · 第 28 / 49 题