Es währte lange, bis die beiden Liebenden ruhig genug geworden waren,
sich gegenseitig die Erklärungen zu geben, die ihnen das volle
Verständnis der letzten, fast märchenhaften Ereignisse und Fügungen
erschlossen.
Heideck verlangte natürlich vor allem, zu wissen, wie es möglich
gewesen war, daß Edith sich hatte entführen lassen, ohne Lärm zu
schlagen und den Beistand ihrer Umgebung in Anspruch zu nehmen. Was
sie ihm erzählte, war der ergreifendste Beweis ihrer Liebe zu ihm.
Die Kreaturen des Maharadjah mußten auf irgend eine Weise Kenntnis
von Heidecks Verhaftung und Verurteilung erhalten haben, und sie
hatten nicht vergebens auf Ediths Anhänglichkeit an ihren Lebensretter
gerechnet.
Man erklärte ihr, daß ein einziges Wort des Maharadjah hinreichen
würde, den tollkühnen Deutschen zu vernichten, und daß sie nur dann
eine Hoffnung hegen dürfe, ihn vor dem Aeußersten zu bewahren, wenn
sie Seine Hoheit persönlich um Gnade für ihn bäte. Obwohl sie keinen
Zweifel darüber hegte, welche schändliche Absicht sich hinter allem
verbarg, hatte Edith in ihrer Herzensangst um das Leben des geliebten
Mannes nicht gezögert, den Leuten zu folgen, die sie zum Maharadjah
zu führen versprochen, und die sich in heuchlerischen Versicherungen
erschöpften, daß ihr kein Leid widerfahren würde. Sie hatte so viele
Beweise für die Rachsucht und Grausamkeit dieses indischen Despoten
erhalten, daß sie von seinem Haß das schlimmste für Heideck befürchtete
und daß sie entschlossen war, im schlimmsten Fall, wenn nicht ihre
weibliche Ehre, so doch ihr Leben für seine Errettung zu opfern.
Der Maharadjah hatte sie mit großer Zuvorkommenheit empfangen und ihr
versprochen, seinen Einfluß zu Gunsten des als Spion und Verräter von
den Russen gefangen genommenen Deutschen geltend zu machen. Aber er
hatte zugleich ziemlich deutlich durchblicken lassen, welchen Preis er
dafür verlangen würde, und er hatte sie von dem Augenblick an, wo sie
selbst sich in seine Hände geliefert, wie eine mit großem Respekt aber
zugleich mit noch größerer Wachsamkeit behandelte Gefangene gehalten.
Jeder Verkehr mit anderen Personen als der indischen Dienerschaft des
Maharadjah war ihr vollständig abgeschnitten worden, und sie hatte
sich keiner Täuschung darüber hingegeben, welches Los ihrer warte,
sobald der Fürst sich in irgend einem von den kriegerischen Ereignissen
unberührten Gebirgsnest wieder ganz sicher wußte.
Wohl hatte sie sich in dieser Gewißheit beständig mit dem Gedanken
an Flucht getragen; aber die Furcht, damit das Schicksal ihres
unglücklichen Freundes zu besiegeln, hatte sie noch mehr als das immer
rege Mißtrauen ihrer Wächter von der Ausführung zurückgehalten.
Um so überschwenglicher war die Freude gewesen, als an diesem Abend
Morar Gopal in Begleitung der Cirkassierin in dem Frauenzelte
erschienen war, um sie von den fast unerträglichen Qualen der
Ungewißheit über Heidecks Geschick zu erlösen.
Den Zutritt zu der sonst so sorgsam gehüteten Gefangenen hatte der
schlaue Hindu sich und seiner Begleiterin dadurch zu verschaffen
gewußt, daß er den wachehaltenden Indern vorlog, der Maharadjah habe
das in seiner Gesellschaft befindliche Mädchen zur Dienerin für die
englische Dame bestimmt. Mit wenigen geflüsterten Worten hatte er
Edith von allem unterrichtet, was ihr für den Augenblick zu wissen
not tat. Und nachdem er sich zurückgezogen, hatte niemand in ihrer
Umgebung etwas Auffälliges darin gefunden, daß sie eine Weile mit der
neuen Dienerin allein zu bleiben wünschte. Dies Alleinsein aber hatte
sie benutzt, um mit Hilfe der Cirkassierin die von ihr in einem Paket
mitgebrachten leichten indischen Männerkleider anzulegen. Die Wachen,
durch den Genuß von Spirituosen berauscht, hatten den schlanken, jungen
Radjah, in den sie sich verwandelt, unbehelligt fortgehen lassen, und
Morar Gopal, der sie an einem verabredeten Ort in der Nähe erwartete,
hatte sie zu dem Zelte Heidecks geführt, wo sie sich -- für den
Augenblick wenigstens -- als in Sicherheit betrachten durfte.
„Aber Georgij?“ fragte der Hauptmann nicht ohne Besorgnis. „Sie ist
in dem Frauenzelt des Maharadjah zurückgeblieben? Wie nun, wenn man
entdeckt, welchen Anteil sie an deiner Flucht gehabt?“
„Dieser Gedanke quälte auch mich. Aber das heldenmütige Mädchen
versicherte mir immer wieder, daß sie schon Gelegenheit finden würde,
sich aus dem Staube zu machen, und daß sie in keinem Fall etwas zu
fürchten hätte, sobald sie sich auf den Fürsten Tschadschawadse
beriefe.“
„Das dürfte allerdings zutreffen. Aber es stimmt schlecht zu ihrem
Verlangen, die Tatsache ihrer Anwesenheit im Lager vor dem Fürsten als
ein Geheimnis zu bewahren. Ueberhaupt ist mir das Benehmen des Mädchens
völlig rätselhaft. Ich begreife nicht, was sie veranlassen konnte, sich
mit so bewunderungswürdiger Selbstlosigkeit für uns zu opfern, die wir
für sie doch eigentlich nur gleichgültige Fremde sind. Die Aussicht
auf eine Belohnung war es sicherlich nicht, die sie dazu bestimmte.
Denn sie hat den ganzen Stolz ihres Stammes, und ich bin gewiß, daß sie
jedes derartige Anerbieten als eine Beleidigung empfinden würde.“
„So glaube auch ich. Aber ich bin vielleicht nicht so sehr weit davon
entfernt, ihre wahren Beweggründe zu erraten.“
„Und willst du mir nicht offenbaren, was du vermutest?“
Edith zauderte ein wenig; aber sie gehörte nicht zu den Frauen, die
eine kleinliche Regung die Oberhand gewinnen lassen in ihrem Herzen.
„Ich vermute, mein Freund, daß sie dich liebt,“ sagte sie mit einem
kleinen, reizenden Lächeln. „Einige unbedachte Aeußerungen und das
Feuer, das in ihren Augen aufleuchtete, sobald wir von dir sprachen,
haben es mir fast zur Gewißheit gemacht. Daß sie trotzdem ihre Hand
dazu bot, mich zu befreien, ist unter diesen Umständen gewiß ein um
so größerer Beweis ihres hochsinnigen Charakters. Aber ich begreife
es vollkommen. Ein liebendes Weib, wenn von Natur edel veranlagt, ist
jeder Selbstverleugnung fähig.“
Heideck schüttelte den Kopf.
„Ich glaube doch, daß dein Scharfblick dich diesmal im Stich gelassen
hat,“ widersprach er. „Sie ist meiner festen Ueberzeugung nach die
Geliebte des Fürsten Tschadschawadse, und nach allem, was ich von ihrem
Verkehr gesehen habe, halte ich es für ganz undenkbar, daß sie ihm um
eines Fremden willen, mit dem sie kaum hundert gleichgültige Worte
gewechselt, die Treue brechen sollte.“
„Nun, wir werden ja vielleicht noch Gelegenheit haben, festzustellen,
ob ich mich in einem Irrtum befinde oder nicht. Jetzt, mein Freund,
möchte ich vor allem wissen, was du weiter über mich beschlossen hast.“
Heideck war in einiger Verlegenheit, ihr darauf zu antworten, und er
sprach zögernd von seiner Absicht, sie mit Morar Gopal nach Ambala zu
schicken. Edith aber ließ ihn nicht ausreden. Mit einer entschieden
verneinenden Geberde fiel sie ihm in die Rede.
„Fordere von mir, was du willst -- nur nicht, daß ich dich noch einmal
verlasse! Was sollte ich in Ambala ohne dich? Ich habe so Unsägliches
gelitten, seit man dich in Anar Kali vor meinen Augen weggeführt, daß
ich tausendmal eher sterben will, ehe ich mich noch einmal der Folter
solcher Ungewißheit aussetze.“
Ein Geräusch hinter seinem Rücken veranlaßte Heideck, den Kopf zu
wenden. Er sah, daß sich der Türvorhang des Zeltes ein wenig lüftete
und daß es Morar Gopal gewesen war, der durch ein diskretes Räuspern
seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen versucht hatte.
Mit freundlichem Zuruf veranlaßte er den treuen Burschen, vollends
einzutreten, und der Dank, den er ihm aussprach, war nicht mehr die
herablassende Anerkennung, die der Herr seinem geschickten Diener
spendet, sondern der Dank eines Freundes.
Das Mienenspiel des Hindu verriet, wie glücklich ihn die Güte seines
abgöttisch von ihm verehrten Herrn machte; aber nicht für einen
einzigen Augenblick änderte er seine demütig bescheidene Haltung. Und
ehrerbietig wie immer sagte er:
„Ich bringe gute Neuigkeiten, Sahib! Einer vom Gefolge des Maharadjah,
den ich durch einige deiner Rupien gesprächig gemacht habe, hat mir
erzählt, daß der Maharadjah von Sabathu den Russen vierzig Reiter
mitgeben werde, die ihnen die besten Wege nach Simla zeigen sollen.
Dies Land hier steht ja unter seiner Herrschaft, und seine Leute kennen
bis hoch ins Gebirge hinauf jeden Winkel. Wenn die Lady sich morgen
in der Tracht eines Radjah diesen Reitern anschließt, wird sie gewiß
unbehelligt von hier entkommen.“
Die Trefflichkeit und Ausführbarkeit dieses Planes leuchtete ohne
Weiteres ein, und Heideck erkannte aufs neue, welchen Schatz ihm ein
gütiger Zufall mit diesem indischen Boy beschert hatte. Auch Edith
erklärte sich einverstanden, da sie sah, wie freudig Heideck dem
Vorschlage zustimmte, wenngleich die Aussicht, sich am hellen Tage
und vor aller Welt in dieser Männerkleidung zeigen zu müssen, ihr
weibliches Empfinden peinlich berührte.
Sie fragte Morar Gopal, ob er inzwischen etwas von Georgij gehört habe,
und der Hindu nickte.
„Ich sprach sie vor einer halben Stunde. Sie ist glücklich aus dem
Frauenzelt des Maharadjah entkommen und war eben im Begriff das Lager
zu verlassen.“
„Wie?“ rief Heideck verwundert. „Wohin in aller Welt wollte sie sich
denn wenden?“
„Ich weiß es nicht, Sahib. Sie war sehr traurig, aber als ich sie bat,
mich zu dem Sahib zu begleiten, sagte sie, daß sie ihn und die Lady
nicht wiedersehen wolle; sie entbietet dem Sahib ihren Gruß und bittet
ihn, seines Versprechens eingedenk zu bleiben, daß er dem Fürsten
Tschadschawadse nichts von ihrem Hiersein verraten wolle.“
Heideck und Edith wechselten einen bedeutsamen Blick. Das Benehmen
dieses seltsamen Mädchens gab ihnen Rätsel auf, die sie vorläufig nicht
zu lösen vermochten. Aber es war natürlich und menschlich, daß sie über
ihren eigenen Angelegenheiten die Cirkassierin sehr rasch vergaßen.
Edith mußte sich damit einverstanden erklären, daß Heideck ihr für
den Rest der Nacht sein Zelt überließ, während er selbst die wenigen
Stunden bis zum Tagesanbruch an einem der Biwakfeuer verbringen
wollte. Morar Gopal aber sollte sein Lager vor dem Eingang des Zeltes
aufschlagen, und Heideck war gewiß, daß er sein köstliches Kleinod
keinem treueren Hüter anvertrauen konnte.
* * * * *
Das Schicksal, das die beiden Liebenden auf eine so wunderbare Weise
wieder vereinigt hatte, zeigte sich ihnen auch weiter günstig. In
aller Frühe des folgenden Tages hatte Heideck ohne große Schwierigkeit
einen fertig gezäumten zierlichen Braunen für Edith erstanden, und
als sich der Trupp der indischen Reiter, die den Russen als Führer
und Kundschafter dienen sollten, in Bewegung setzte, gesellte sich
der knabenhafte junge Radjah ihnen zu, ohne daß irgend jemand seine
befremdliche Erscheinung zum Anlaß zudringlicher Fragen genommen hätte.
Die Inder hielten ihn wahrscheinlich zunächst für einen blutjungen
russischen Offizier, den besondere Gründe bestimmt hatten, die Tracht
des Landes anzulegen, und bewahrten deshalb eine durchaus respektvolle
Haltung. Fürst Tschadschawadse aber, den vor dem Aufbruch einmal der
Zufall in Ediths unmittelbare Nähe geführt hatte, sagte kein Wort,
obgleich er sie wohl eine Minute lang scharf ins Auge faßte.
Daß von seiten des Maharadjah von Chanidigot nichts geschah, um den
schönen Flüchtling wieder in seine Gewalt zu bringen, erklärte sich
leicht genug aus den schlechten Nachrichten über sein Befinden, die im
Lager von Mund zu Mund gingen. Er wurde, wie es hieß, vom Wundfieber
und von heftigen Schmerzen gepeinigt, so daß ihm wohl in der Tat jedes
Interesse an der Außenwelt vergangen sein mochte. -- --
Das russische Detachement ging nach herzlicher Verabschiedung von
den indischen Gastfreunden weiter in das Hügelland hinein, und
schon am Nachmittage brachten ausgesandte Kundschafter dem Fürsten
Tschadschawadse die Meldung, daß die Engländer Ambala vollständig
geräumt und den Marsch nach Delhi angetreten hätten. Wahrscheinlich
hatte man die Stärke der russischen Abteilung, von deren Anmarsch man
gehört hatte, in Ambala weit überschätzt und es deshalb vorgezogen,
einem voraussichtlich aussichtslosen Kampfe aus dem Wege zu gehen.
Edith wußte sich mit frauenhafter Gewandtheit in unauffälliger Weise
in der Nähe Heidecks zu halten, so daß beide oft Gelegenheit fanden,
miteinander zu plaudern. Ihre zarte, weiße Farbe mußte wohl auffallen
unter den braunen Gesichtern, aber der Wille und die Launen russischer
Offiziere mußten respektiert werden, und so schien niemand zu wissen,
daß eine englische Dame im Kostüm eines Radjah bei der Truppe sei.
Uebrigens dauerte der Marsch nicht mehr lange. Das Jagdlager war nur
zweihundertfünfzig Kilometer von Simla entfernt, unterhalb des Ortes
Kalka gelegen. Noch einmal wurde übernachtet, und am andern Morgen traf
die Kolonne vor Simla ein und fand Jutogh, das hochgelegene britische
Kantonnement westlich der weitausgedehnten Hügelstadt, von den Truppen
geräumt.
Fürst Tschadschawadse legte seine Infanterie und Artillerie in
die englischen Baracken und marschierte mit den Reitern in den
halbmondförmigen, sogenannten Bazar ein, die eigentliche Stadt, die
von zahlreichen, auf den Hügeln und in Gartenanlagen verstreuten
Villen umgeben war. Er entsandte sogleich Offizierspatrouillen nach
dem Stadthause, den Bureaus der Regierung und des Oberbefehlshabers
und begab sich selbst zum Gouvernementshause, einem schönen Palast am
Observatoriumshügel.
Simla war trotz des Frühlings wie im Winterschlaf, verlassen von
der bewegten glänzenden Gesellschaft, die zur Sommerzeit, wenn die
unerträgliche feuchte Wärme den Vizekönig von Kalkutta vertrieb,
die prächtigen Täler und Höhen mit ihren Pferden und Wagen, mit
ihren Spielen, Gesellschaften und eleganten Toiletten belebte. Nur
Dienerschaft zur Bewachung und Instandhaltung der Gebäude und die
angesessene Bevölkerung waren anwesend, weil der Krieg die englische
Gesellschaft fern hielt. Etwa 2500 Meter über dem Spiegel des indischen
Ozeans steigen die Hügel an und häufige Regenschauer machten das Klima
hier oben so rauh, daß Heideck im Mantel ritt und auch Edith vorgezogen
hatte, sich einen Dragonermantel umzuhängen, um sich gegen die Kälte zu
schützen.
Die Offiziere hatten den Auftrag, in den Regierungsgebäuden nach
wichtigen Aktenstücken und sonstigen Papieren zu suchen, die von der
englischen Regierung in Simla zurückgelassen sein konnten und die für
die russische Regierung von Wichtigkeit waren.
Heideck sollte die in sieben eleganten Blocks befindlichen Bureaus der
Regierung durchsuchen, vor allem aber die für den Oberbefehlshaber, den
Generalquartiermeister und die Generaldirektion der Eisenbahn, Posten
und Telegraphen bestimmten Gebäude.
Er stieß überall nur auf untergeordnete Beamte, aber zuletzt im Bureau
des Judge Advocate General fand er einen bejahrten, würdevollen Herrn,
der so ruhig in seinem Lehnsessel saß, daß Heideck unwillkürlich an
Archimedes erinnert wurde, als ihn die römischen Krieger bei seinen
Berechnungen überraschten.
Der alte Herr richtete aus seinen großen, gelblich gefärbten Augen
einen durchdringenden Blick auf den eintretenden Offizier und die
ihm folgenden Soldaten. Aber er fragte nicht, was sie wollten, und
machte nicht einmal eine ablehnende Bewegung. Heideck bat unter
höflicher Verbeugung um Entschuldigung wegen seines ihm dienstlich
vorgeschriebenen Verhaltens. Dies artige Benehmen schien den alten
Herrn zu überraschen, er erwiderte den Gruß und sagte, es bliebe ihm
ja nichts übrig, als sich allen Maßregeln zu unterwerfen, die von der
Macht des Siegers verhängt würden.
„Da hier in diesen Räumen wohl nur juristische Bücher und Akten zu
finden sind,“ sagte Heideck, „so brauche ich keine Nachforschungen
anzustellen, denn es ist uns lediglich um militärische Dinge zu tun.
Es würde mich freuen, wenn ich persönliche Wünsche Ihrerseits erfüllen
könnte, denn ich glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, daß ich die
Ehre habe, einen höheren Beamten vor mir zu sehen, den besondere Gründe
veranlaßt haben, hier in Simla znrückzubleiben.“
„In der Tat,“ entgegnete jener, „meine Aerzte waren der Meinung, daß
es meiner Gesundheit zuträglich sein würde, den Winter im Gebirge
zuzubringen. Sie können sich denken, wie sehr ich es bereue, dem
ärztlichen Rate gefolgt zu sein. Ich bin der Judge Advocate General
Kennedy.“
„Ist Ihre Familie auch in Simla?“ fragte Heideck.
„Meine Frau und meine Tochter sind hier.“
„Mein Herr, es ist eine englische Dame bei unserer Kolonne, die Witwe
eines Offiziers, der bei Lahore den Tod gefunden hat. Wären Sie
geneigt, die Dame in Ihrer Familie aufzunehmen?“
„Eine englische Dame?“
„Sie ist das Opfer einer ganzen Kette abenteuerlicher Ereignisse, über
die am besten sie selbst Ihnen berichten könnte. Sie heißt Mrs. Irwin.
Wären Sie geneigt, der Dame Ihren Schutz angedeihen zu lassen, so würde
ich ihr damit gewiß eine willkommene Freudenbotschaft überbringen.“
„Meinen Schutz?“ fragte der alte Herr verwundert. „Meine Familie
und ich bedürfen selbst des Schutzes, und wie können wir unter den
gegenwärtigen Verhältnissen eine solche Verantwortung übernehmen?“
„Sie und Ihre Familie haben von uns nichts zu fürchten, mein Herr. Wir
gedenken im Gegenteil für Ruhe und Ordnung zu sorgen.“
„Nun, mein Herr, Ihr Benehmen verrät den Gentleman, und wenn die Dame
zu uns kommen will, so steht dem von unserer Seite nichts entgegen.
Kann ich mit ihr sprechen, damit wir uns verständigen?“
„Ich werde mich beeilen, sie zu holen.“
Er zögerte in der Tat keinen Augenblick. Und wie er es erwartet hatte,
wußte ihm Edith lebhaften Dank für seinen freundschaftlichen Vorschlag.
Mr. Kennedy war höchst erstaunt, einen jungen Radjah eintreten zu
sehen, und schien durch diese Maskerade nicht gerade angenehm berührt
zu sein.
„Dies ist die Dame, von der Sie sprachen?“ fragte er befremdet. Aber
sein ernstes Antlitz hellte sich merklich auf, als Edith mit ihrer
schönen, weichen Stimme sagte:
„Eine Landsmännin, die diesem Herrn hier ihr Leben dankt, und die nur
mit Hilfe dieser Verkleidung vor Schmach und Tod bewahrt geblieben ist.“
„Mrs. Irwin, wenn Sie sich entschließen, zu Mrs. Kennedy zu gehen,“
sagte Heideck, „so werde ich Ihr Gepäck in Mr. Kennedys Wohnung
schaffen lassen. Ich entferne mich jetzt, um noch andere dienstliche
Obliegenheiten zu erfüllen und werde später wiederkommen.“
„Auf jeden Fall nehme ich meine Landsmännin gern bei mir auf,“
versicherte der alte Herr. „Hier vom Fenster aus sehen Sie das Haus,
das ich bewohne, und ich bitte Sie, mich zu besuchen, wenn Ihr Dienst
beendigt sein wird.“
Erst als die Sonne sank, kam Heideck dazu, seinen Besuch bei Mr.
Kennedy zu machen. Er stand einen Augenblick am Gartentor und sah die
schneebedeckten Höhen im Feuer des Abendrots glühen. Lange Reihen von
blauen Bergen türmten sich auf, höher und immer höher nach Norden hin,
bis zuletzt die höchste Kette am fernen Horizont, von ewigen Gletschern
umstarrt, in wunderbarem Glanze zum Himmel aufstieg.
Mr. Kennedy bewohnte eine sehr stattliche Villa. Heideck wurde von
dem Hausherrn und den Damen so überaus freundlich empfangen, daß er
Ediths warme Fürsprache nur zu deutlich herausfühlen mußte. Edith
mußte wohl auch erzählt haben, daß er ein Deutscher sei. Sie war
wieder in Frauentracht und hatte durch ihr offenes Wesen bereits alle
Herzen gewonnen. Mrs. Kennedy war eine Matrone mit feinen, angenehmen
Gesichtszügen und dem Benehmen einer Dame der großen Welt. Die mit
Edith etwa gleichaltrige Tochter aber schien sich besonders innig an
Edith angeschlossen zu haben.
Heideck saß mit der Familie am Kaminfeuer, und man bemühte sich, zu
vergessen, daß er die Uniform des Feindes trug.
„Wenn wir es nur einrichten könnten,“ sagte Mrs. Kennedy, „Indien zu
verlassen und nach England zurückzukehren. Mr. Kennedy wünscht in
Kalkutta zu bleiben, um seiner Pflicht nachzukommen, aber er kann
das Klima seines Leidens wegen nicht vertragen. Und wie könnten wir
auch nach Kalkutta gelangen? Die einzige Möglichkeit wäre doch, ein
russisches Dokument zu bekommen, das uns ungehinderte Reise verschafft.“
„O liebste Beatrice,“ widersprach ihr Mann, „ich weiß ja, daß du ebenso
gut wie ich nicht an unser eigenes Schicksal denkst, jetzt, wo ein
solches Unglück über unser Vaterland hereingebrochen ist. Was ist in
diesem allgemeinen Unglück an unserm Geschick gelegen?“
„Ich sollte meinen,“ mischte sich Heideck höflich ein, „daß der
Einzelne, selbst wenn er das Unglück der Allgemeinheit auch noch so
schmerzlich empfindet, sich doch nicht zur Verzweiflung hinreißen
lassen darf, sondern immer darauf bedacht sein muß, wie in ruhiger Zeit
für sich und seine Familie zu sorgen.“
„Nein!“ rief Mr. Kennedy. „Diese internationale Weisheit kann ein
Engländer nicht verstehen. Der Deutsche hat einen anderen Charakter, er
wechselt leichter sein Vaterland, der Engländer nicht. Doch ich bitte
um Entschuldigung,“ fuhr er sich besinnend fort. „Sie verletzten meine
nationale Ehre, und ich vergaß die Situation in der wir uns befinden.
Ich wollte Sie selbstverständlich nicht beleidigen.“
„Es ist etwas Wahres an dem, was Sie sagten,“ entgegnete Heideck ernst,
„aber erlauben Sie mir eine Erklärung. Unser deutsches Vaterland ist
in früheren Jahrhunderten immer der Schauplatz der Schlachten aller
Völker Europas gewesen. Die meisten deutschen Fürsten kannten in
jener Zeit kein deutsches Nationalgefühl und vertraten engherzige
dynastische Interessen. So wuchs unser deutscher Volksstamm ohne das
Bewußtsein eines großen gemeinsamen Vaterlandes heran. Unser deutsches
Selbstgefühl ist nicht älter als Bismarck. Aber dadurch, daß wir
fremde Völker und Sitten haben über uns ergehen lassen müssen, sind
wir weitherzig und großzügig geworden. Unser religiöses Empfinden und
unser Patriotismus umschließen einen weitern Kreis, als bei andern
Völkern. Deshalb glaube ich, daß wir jetzt, da wir uns nun seit einem
Menschenalter auch auf unsere materielle Kraft besinnen und uns
politisch zusammengeschlossen haben, vermöge unserer universellen
Bildung zur Weiterentwicklung der Kultur berufen sind, die den
Engländern und Franzosen bis jetzt am meisten verdankte.“
Der alte Herr antwortete nicht sogleich. Er saß in Gedanken verloren
da, und erst nach einer geraumen Weile sagte er:
„Man kann ja, wenn man will, den Standpunkt seiner Betrachtung immer
höher schrauben. Es ist, wie wenn man die Berge dort hinaufsteigt. Von
jeder höheren Bergkette aus wird der Rundblick umfassender, während die
Einzelheiten des Panoramas immer mehr verschwinden. Natürlich, wenn man
von einem so hohen Standpunkt herabsieht, schrumpfen alle politischen
Interessen zu bedeutungslosen Nichtigkeiten zusammen, und dann gibt
es keinen Patriotismus mehr. Aber ich meine, daß wir zunächst in dem
Kreise zu wirken verpflichtet sind, in den wir nun einmal gestellt
sind. Ein Mann, der seine Frau und seine Kinder vernachlässigt und
mit seinen Ideen die Welt beglücken will, vernachlässigt den engsten
Kreis seiner Pflichten. Sodann aber muß einem jeden Manne die Wohlfahrt
des eigenen Volkes, des eigenen Staates das höchste Ziel seiner
Bestrebungen sein, dann erst darf er, von der eigenen Nation ausgehend,
seine Wünsche noch höher richten. Ich kann niemand achten, der sich
vom Boden des Patriotismus entfernt, um auf politischem Gebiete
Phantastereien zu treiben, für Weltfrieden zu schwärmen und alle
Menschen Brüder zu nennen.“
„Und doch,“ sagte Edith, „ist dies die Lehre des Christentums.“
„Des theoretischen, nicht des praktischen,“ widersprach eifrig der
Engländer. „Ich achte den alten Römer Cato, der sich das Leben nahm,
als er die Freiheit des Vaterlandes schwinden sah. Und niemals wäre
England groß geworden, wenn es nicht viele solcher Catone geboren
hätte.“
„Mr. Kennedy, Sie proklamieren die Staatsidee der alten Griechen,“
sagte Heideck. „Aber ich glaube nicht, daß die alten Griechen wirklich
den Staat so aufgefaßt haben, wie die modernen Professoren behaupten,
und wie das alte Rom sie praktisch ausgeführt hat. Die Professoren
pflegen Platon anzuführen, aber Platon war ein zu hoher Geist, um
nicht einzusehen, daß der Staat doch aus lauter Menschen besteht.
Platon betrachtete den Staat nicht als ein Götzenbild, auf dessen Altar
der Bürger sich opfern müßte, sondern als eine Erziehungsanstalt.
Er sagt, daß wirklich tugendhafte Bürger nur durch einen vernünftig
eingerichteten Staat erzogen werden könnten, und deshalb sprach er so
viel von der Bedeutung des Staates. Ein Staat ist ursprünglich nur
die äußere Form, die sich das innere Leben der Nation auf natürliche
Weise selbst geschaffen hat, und an dieser Auffassung sollte nicht
gerüttelt werden. Der Staat soll die Massen erziehen, nicht nur zur
Verwirklichung des Rechts, sondern auch des äußeren und inneren
Wohls. Die Römer freilich scheinen nicht die Erziehung der tüchtigen
Persönlichkeit nach Platons Idee zum Zweck des Staates gemacht zu
haben, sondern sie waren modern wie die heutigen Großmächte, die das
Ziel verfolgen, möglichst reich und mächtig zu werden. Wir Deutschen
wollen das ja auch und führen deshalb jetzt Krieg, aber ich behaupte,
daß dem deutschen Nationalcharakter doch etwas höheres innewohnt; es
ist die Idee der Humanität! Mit unserer Nation gehen auch unsere Ideale
zu Grunde, und darum kämpfen wir für unsere Machtstellung, um mit
unserer nationalen Größe auch unsere Ideale zu schützen und zu sichern.“
Ein Diener trat ein und meldete, daß das Essen angerichtet wäre.
Das Gespräch verließ bei Tisch die Gebiete der Philosophie und Politik
und wandte sich der Kunst zu. Die Damen bestrebten sich, den alten
Herrn von seinen finstern Gedanken abzulenken und seine verzweifelte
Stimmung zu heben. Elisabeth erzählte von den Konzerten, die in Simla
und Kalkutta gegeben würden, und erwähnte dabei der großen technischen
Schwierigkeiten, die das Musizieren in Indien böte, weil durch den
Einfluß des Klimas die Instrumente so leicht verdürben. In der feuchten
Luft der Seestädte quoll das Holz, im trockenen Mittelindien dagegen
vertrocknete es, was namentlich den Violinen und Celli schadete, aber
auch den Klavieren nachteilig wäre. Man konstruierte für die Tropen
Klaviere, die nur Metall im Innern anstatt des Holzes hätten, aber
diese hätten einen scharfen Klang und litten ebenfalls durch schroffen
Temperaturwechsel.
Nach dem Diner setzte sich Elisabeth an den Flügel, und Heideck
berührte es wohltuend, daß Edith eine so angenehme Altstimme und eine
so gute Schulung hatte. Sie sang einige schwermütige englische und
schottische Lieder.
„Seitdem ich England verlassen habe, habe ich nicht mehr gesungen,“
sagte sie bewegt.
Heideck hatte mit Entzücken der Musik gelauscht. Nach den schrecklichen
Szenen der letzten Zeit gingen ihm die Melodieen um so tiefer zu
Herzen, so daß seine Augen sich mit Tränen füllten. Und nicht die Musik
allein war es, die ihn rührte, es war Ediths Seele, die durch die Macht
der Musik zu ihm sprach.
„Was gedenken Sie zu tun, Mr. Kennedy?“ fragte er den alten Herrn.
„Werden Sie in Simla bleiben und Mrs. Irwin bei sich behalten?“
„Ich habe es mir überlegt,“ entgegnete jener. „Ich werde nicht hier
bleiben. Ich werde nach Kalkutta reisen, wenn ich kann. Es ist meine
Pflicht, in Kalkutta auf meinem Posten zu sein.“
„Aber wie wollen Sie reisen? Wo die Eisenbahnen noch vorhanden sind, da
sind sie von der Armee ausschließlich in Anspruch genommen. Bedenken
Sie, daß Sie beide Armeen, die russische und die englische, passieren
müßten. Sie müßten von Kalka nach Ambala, von dort über Delhi.“
„Wenn ich einen Passierschein bekäme, würde ich mit Wagen und Pferden
nach Delhi reisen, und dort bin ich bei der englischen Armee. Können
Sie mir einen Passierschein verschaffen?“
„Ich werde es versuchen. Möglicherweise läßt sich Fürst Tschadschawadse
dazu bewegen. Ich werde ihn darauf aufmerksam machen, daß Sie
Zivilbeamter sind.“
* * * * *
Fürst Tschadschawadse weigerte sich mit aller Entschiedenheit, den
von Heideck für Mr. Kennedy und seine Familie erbetenen Passierschein
auszustellen.
„Es tut mir leid, Herr Kamerad,“ sagte er, „aber es ist einfach
unmöglich. Der Judge Advocate General ist ein sehr hoher Beamter, dem
ich nicht gestatten kann, sich nach seinem Gefallen in das englische
Hauptquartier zu begeben und dort Bericht über die hiesigen Vorgänge zu
erstatten. Man würde mir eine so unangebrachte Liebenswürdigkeit höhern
Ortes mit Recht sehr übel auslegen. Und ich möchte den guten Eindruck,
den das Gelingen der Expedition nach Simla bei meinen Vorgesetzten
gemacht hat, nicht gern durch eine unverzeihliche Torheit wieder
verwischen.“
Heideck sah ein, daß gegen eine solche Entscheidung mit Zureden nichts
auszurichten sein würde, und setzte Mr. Kennedy unter der Versicherung
aufrichtigen Bedauerns von der Ergebnislosigkeit seiner Bemühungen in
Kenntnis.
„So werde ich denn in Gottes Namen versuchen nach England
zurückzukehren,“ sagte der alte Herr mit einem schmerzlichen Seufzer.
„Fragen Sie bitte den Fürsten, ob er etwas dagegen hat, daß ich abreise
und mich auf dem kürzesten Wege nach Carachi begebe? Vielleicht wird er
mir wenigstens für diese Route einen Passierschein ausstellen.“
Dazu war Fürst Tschadschawadse sofort bereit.
„Im Rücken der russischen Armee mögen die Herrschaften meinetwegen
reisen, wohin sie wollen,“ erklärte er. „Ich habe nicht den geringsten
Anlaß den würdigen alten Herrn als einen Gefangenen zu behandeln.“
An demselben Tage noch hatte Heideck mit Edith eine ernste Unterhaltung
über die Gestaltung ihrer nächsten Zukunft. Er fragte sie nach ihren
Wünschen und Plänen; sie aber schmiegte sich zärtlich an seine Schulter
und flüsterte:
„Ich habe keinen Wunsch als bei dir zu bleiben und keinen anderen Plan
als dich glücklich zu machen.“
Er küßte die weichen Lippen, die so beseligende Worte zu sprechen
wußten und sagte bewegt:
„Nun wohl, so schlage ich vor, daß wir zusammen nach Carachi reisen.
Ich bin entschlossen den russischen Dienst zu verlassen und die
Rückkehr nach Deutschland zu versuchen. Du aber, mein Lieb, würdest du
es über dich gewinnen können, mir in mein Vaterland, das Land deiner
jetzigen Feinde, zu folgen?“
„Meine Heimat ist bei dir. Sage, daß wir hier in Simla ein Heim gründen
wollen, und ich bin mit Freuden bereit, bis an das Ende meiner Tage
hier zu leben. Führe mich nach Deutschland oder nach Sibirien, und ich
folge dir -- mir gilt alles gleich, wenn ich nur dich nicht verlassen
muß.“
Daß sie so gar kein Wort der Anhänglichkeit an ihr Vaterland hatte,
mochte Heideck für einen Moment peinlich berühren; aber er hatte ja
bereits gelernt, sie mit anderem Maße zu messen als die Frauen, denen
er bisher auf seinem Lebenswege begegnet war; und ihm am wenigsten kam
es zu, ihr aus diesem Mangel an Patriotismus einen Vorwurf zu machen.
„Mr. Kennedy hat sich mir gegenüber bereit erklärt, dich auf der Reise
unter seinen Schutz zu nehmen,“ sagte er. „So werde ich denn noch heute
mit dem Fürsten sprechen. Und da er kein Recht hat mich zu halten, wird
es mir, wie ich zuversichtlich hoffe, möglich sein, zugleich mit euch
nach Carachi aufzubrechen.“
„Ich aber werde nur in deiner Begleitung das Anerbieten der Kennedys
annehmen,“ erklärte Edith mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel
darüber zuließ, wie unerschütterlich ihre Entschlüsse seien.
Aber Fürst Tschadschawadse bereitete ihm in der Tat keine
Schwierigkeiten.
„Ich bedaure aufrichtig, Sie schon so bald wieder zu verlieren,“
erklärte er, „aber die Entscheidung darüber, ob Sie bleiben oder
gehen wollen, liegt einzig bei Ihnen, denn es war ja von vornherein
ausgemacht, daß Sie den russischen Dienst quittieren könnten, sobald es
die Umstände für Sie wünschenswert machten. -- Die Frauen sind ja nun
einmal die Schicksale unseres Lebens.“
Der Fürst wußte natürlich längst, daß es Edith Irwin war, die sich im
Hause der Kennedys befand, aber es geschah zum ersten Mal, daß er der
Herzensangelegenheit seines deutschen Freundes Erwähnung tat.
Und hastig, als müsse er sich gegen einen beschämenden Vorwurf
verteidigen, erwiderte Heideck:
„Sie mißverstehen meine Beweggründe! Vor allem ist es meine soldatische
Pflicht, die mich ruft. Bis jetzt gab es keine Aussicht für mich,
Passage auf einem englischen Dampfer zu erhalten. In der Begleitung des
Mr. Kennedy aber und auf seine Empfehlung hin wird man mir, wie ich
hoffen darf, die Ueberfahrt nicht verweigern.“
„Verzeihung! Ich zweifelte selbstverständlich keinen Augenblick
an Ihrem patriotischen Pflichtgefühl, und ich wünsche Ihnen von
Herzen eine glückliche Heimreise. Natürlich ist es trotz aller
Bundesgenossenschaft unserer Nationen für Sie nicht dasselbe, ob Sie
in den Reihen der russischen oder des deutschen Heeres fechten. Und
wenn die Aussicht, in so angenehmer Gesellschaft zu reisen, den letzten
Ausschlag für Ihre Entschließungen gegeben hat, so hätten Sie sich
dessen, wie ich meine, durchaus nicht zu schämen. -- Ich für meine
Person bin allerdings zu der Erkenntnis gekommen, daß ein Soldat besser
tut, dem weiblichen Element eine möglichst untergeordnete Rolle in
seinem Leben anzuweisen. Er müßte es denn so machen, wie die meisten
meiner Landsleute und sich eine ‚handliche‘ Frau zulegen, d. h. eine,
die es verträgt, mit oder ohne Anlaß geprügelt zu werden. Es mag sein,
daß ich es gerade in diesem einen Punkte versehen hatte. Und ich bin
denn auch recht empfindlich dafür gestraft worden.“
Sein Gesicht war plötzlich sehr ernst geworden, und da seine Anspielung
sich nur auf den verschwundenen Pagen beziehen konnte, glaubte Heideck
endlich eine Frage nach dem Verbleib der Cirkassierin wagen zu dürfen.
Aber der Fürst schüttelte abwehrend den Kopf.
„Fragen Sie mich nicht nach ihr! Das ist eine ärgerliche Geschichte, an
die ich nicht gern erinnert werde, weil sie mir eine der häßlichsten
Stunden meines Lebens ins Gedächtnis zurückruft. Schlimm genug, daß wir
armen, ohnmächtigen Kreaturen mit aller Reue nicht wieder gutmachen
können, was wir einmal in einem Augenblick gefehlt.“
Und dann, als wolle er damit kurzerhand alle weiteren, unbequemen
Erörterungen abschneiden, kehrte er zu dem Ausgangspunkt ihrer
Unterhaltung zurück:
„Von meinem Standpunkt aus muß ich es ja rein praktischer Gründe wegen
für einen Fehler halten, daß Sie Ihre unter den günstigsten Auspizien
begonnene Laufbahn in der russischen Armee schon so bald wieder
verlassen. Tüchtige Männer Ihres Schlages können bei uns eine glänzende
Karriere machen, denn in unserm Heere ist mehr Ellbogenraum als bei
Ihnen. Aber ich weiß wohl, daß es überflüssig ist, weiter darüber zu
reden. Nur eins noch! -- Sie brauchen die Uniform, der Sie alle Ehre
gemacht haben, nicht gleich hier in Simla auszuziehen. Ich trete morgen
den Rückmarsch nach Lahore an, und ich bitte Sie, während desselben
noch an der Spitze Ihrer Schwadron zu bleiben. Ihre englischen Freunde
reisen am sichersten mit unserer Kolonne. In Lahore können Sie dann ja
machen, was Sie wollen. Da der Feldzug sich nach Südosten wendet, ist
der Westen frei, und Sie können möglicherweise die Reise nach Carachi
zum großen Teil bereits wieder auf der Eisenbahn zurücklegen.“
Heideck erkannte in diesem Vorschlag einen neuen Beweis der
freundschaftlichen Gesinnung, die ihm der Fürst schon so oft an den Tag
gelegt hatte, und er unterließ es nicht, ihm auf das Wärmste hierfür zu
danken.
Für Mr. Kennedy war es allerdings ein nicht sehr erfreulicher Gedanke,
unter dem Schutz der Feinde reisen zu müssen; aber er mußte sich im
Interesse seiner weiblichen Angehörigen fügen, da es in der Tat keine
bessere Möglichkeit gab, schnell und sicher nach Carachi zu gelangen.
„Sie können sich nicht vorstellen, wie schwer es mir wird, dies teuer
erkaufte Indien zu verlassen,“ sagte er zu Heideck. „Zwanzig Jahre
meines Lebens habe ich ihm gewidmet, Jahre der härtesten, unermüdlichen
Arbeit. Und nun ist mein Werk gleich den Werken so vieler besserer
Männer mit einem einzigen Schlage verloren.“
„Sie sind ohne Unterbrechung zwei ganze Jahrzehnte hindurch in Indien
gewesen?“
„Ja, ich konnte mich nicht entschließen, meine Frau und meine Tochter
zu begleiten, wenn sie gelegentlich zu ihrer Erholung auf einige Monate
nach Europa gingen. Ich war eben geradezu verliebt in meine Arbeit, und
ich werde es kaum verwinden, daß nun alles, alles verloren sein soll.
Und es ist verloren -- darüber gebe ich mich keiner Täuschung hin.
Nachdem die Russen einmal hier Fuß gefaßt haben, werden sie auch das
Land niemals wieder aufgeben. Ihre Herrschaft wird eben schon deshalb
fester gegründet sein als die unsrige, weil sie dem indischen Volke
innerlich viel näher stehen als wir -- -- -- --“
Am nächsten Tage brachen sie auf.
Mr. Kennedy und seine Damen fuhren in einer mit vier australischen
Pferden bespannten Mail-Coach, die ursprünglich für den Besuch der
Rennen von Annandale bestimmt gewesen war. Er hatte seinen eigenen
englischen Kutscher, einen englischen Diener und eine englische
Kammerfrau mitgenommen, die zahlreiche, indische Dienerschaft aber
hatte er vor der Abreise abgelohnt und entlassen.
Der Marsch ging über Kalka, die Endstation der nach Simla führenden
Eisenbahn, ohne jeden Zwischenfall nach Lahore. Hier erfuhr Fürst
Tschadschawadse, daß die russische Armee tags zuvor nach Delhi
aufgebrochen war, und er mußte sich beeilen, ihr mit seinem Detachement
zu folgen.
Während des Eintritts in die Straßen von Lahore, deren Anblick in ihm
so viele trübe Erinnerungen weckte, wurde Heideck plötzlich aus seinen
Träumereien gerissen. Es war ihm, als hätte er hinter den Säulen, die
den Balkon eines Hauses trugen, eine weibliche Gestalt erspäht, die mit
großen Augen dem glänzenden, rasselnden, säbelklappernden Reiterzuge
folgte. Und obwohl ihr Gesicht fast ganz von einem weit herabgezogenen
Kopftuche verhüllt gewesen war, hatte ihn bei ihrem Anblick die halb
instinktive Empfindung durchzuckt, daß dies Weib keine andere, als
seine und Ediths Retterin, der Page Georgij, sei. Er hatte sein Pferd
gewandt und war auf das Haus zugeritten. Aber die Erscheinung war bei
seiner Annäherung verschwunden, wie wenn die Erde sie verschlungen
hätte. Und so mußte er wohl annehmen, daß es nur eine Täuschung seiner
Sinne war.
Seine Verabschiedung von dem Fürsten Tschadschawadse war so herzlich,
wie es ihrem bisherigen Verhältnis entsprach. Der Fürst umarmte
ihn wiederholt, und in seinen Augen schimmerte es feucht, als er
dem Kameraden noch einmal glückliche Reise und die Lorbeeren des
siegreichen Kriegers wünschte.
Auch Heideck schämte sich seiner Bewegung nicht, als er dem Fürsten zum
letzten Mal die Hand drückte.
„Wenn Sie Ihren Pagen wiedersehen, so bitte ich Sie, auch ihm meine und
Mrs. Irwins Abschiedsgrüße zu übermitteln.“
Ueber das Antlitz des Fürsten legte sich ein düsterer Schatten.
„Ich täte es wahrlich von Herzen gern, mein Freund! Aber ich werde
meinen Pagen niemals wiedersehen! Schweigen wir von ihm! Es gibt
Wunden, deren man sich nicht rühmen darf.“ --
Damit gingen sie auseinander.
Heideck, der wieder seine Zivilkleidung angelegt hatte, verbrachte
die Nacht im Hotel und nahm dann den ihm von Mr. Kennedy angebotenen
Platz in dessen Wagen ein. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß die
Eisenbahn zwischen Lahore und Mooltan von der Station Montgomery aus
fahrbar wäre. Mit der ihnen eigenen Zähigkeit setzten die Engländer
in dem von dem Kriege nicht berührten Teile Indiens den regelmäßigen
Eisenbahnbetrieb fort. War doch bei der ungeheuren Größe des Landes
der Kampf der beiden Armeen in gewisser Hinsicht ein eng begrenzter.
Im Westen Indiens, im Zentrum wie im Osten war vom Kriege kaum etwas
wahrzunehmen. Nur die Truppentransporte auf den Bahnlinien zwischen
Bombay und Kalkutta verrieten den Kriegszustand.
Die Eisenbahn im Westen sah keine Truppen mehr, seitdem die englische
Armee von Lahore zurückgegangen war, und diese Strecke war deshalb für
den gewöhnlichen Verkehr wieder vollständig freigegeben.
Auch bei der indischen Bevölkerung dieser Gegend war durchaus nichts
von einer besonderen Erregung wahrzunehmen. Nur die unmittelbare
Gegenwart der russischen Truppen hatte das geduldige und friedfertige
Volk in Aufruhr versetzt. Selbst durch Chanidigot fuhren die Reisenden
ohne eine Störung des Betriebes oder einen unerwarteten Aufenthalt.
Das Wetter war nicht zu heiß, da die Zeit der Gewitter begonnen hatte,
und das Reisen in den höchst bequemen, geräumigen Eisenbahnwagen wäre
unter anderen Verhältnissen ein wahres Vergnügen gewesen.
Wohlbehalten langten die Reisenden in Carachi, dem Hafenplatz an den
vielverzweigten Mündungen des Indus, an, und Mr. Kennedys hohe Stellung
verschaffte ihnen Aufnahme in dem vornehmen Sind-Klub, wo Verpflegung
und Wohnung nicht das geringste zu wünschen übrig ließen. Der Klub war
von seinen regelmäßigen Besuchern fast ganz verlassen, da außer den
Offizieren auch alle irgend entbehrlichen Beamten zur Armee abgegangen
waren. Der Familie Kennedy aber stand ebensowenig wie Edith und Heideck
der Sinn nach interessanter Gesellschaft. Sie alle hatten jetzt keinen
anderen Wunsch mehr, als den, das Land so schnell als möglich zu
verlassen und den gegenwärtigen, peinlichen Zustand beendet zu sehen.
Auf Grund der bei der Schiffsagentur eingezogenen Erkundigungen hatten
sie beschlossen, mit einem Dampfer der British-India-Gesellschaft nach
Bombay zu fahren und von dort mit der ‚Caledonia‘, dem besten Schiffe
der Peninsular- und Oriental-Linie, nach Europa zu reisen.
Am Nachmittag vor der Einschiffung mietete Heideck einen bequemen
kleinen Einspänner und fuhr mit Edith zur Napier-Mole, wo man ihnen im
Bootshause des Sind-Klub bereitwillig ein mit vier Laskaris bemanntes,
elegantes Segelboot zur Verfügung stellte. Mit ihm fuhren sie in dem
durch drei mächtige Forts geschützten Hafen bis über Manora Point, die
äußerste Spitze der befestigten Mole, in die arabische See hinaus ....
„Wahrlich, es ist schwer, dies wunderbare Land zu verlassen,“ sagte
Heideck ernst. „Es ist schwer, für immer Abschied zu nehmen von dieser
strahlenden Sonne, diesem Glanz des Meeres, diesen mächtigen Werken der
Menschenhand, die in ein natürliches Paradies den Luxus und das Behagen
einer raffinierten Kultur gebracht haben. Nie habe ich den Schmerz
des Mr. Kennedy besser verstanden, als in diesem Augenblick! Und ich
kann ihm die Bitterkeit nachfühlen, mit der er sich in seinem Zimmer
verschließt, um nichts mehr von all dieser lockenden und prangenden
Herrlichkeit zu sehen.“
Edith hatte sich in seinen Arm geschmiegt, und indem sie ihren Blick
liebevoll zu ihm aufschlug, hatte sie keine andere Erwiderung als die:
„Ich sehe die Welt nur, wie sie sich in deinen Augen spiegelt. Und da
ist sie für mich immer von derselben Schönheit.“
[Illustration]