XXI.

Es währte lange, bis die beiden Liebenden ruhig genug geworden waren,

sich gegenseitig die Erklärungen zu geben, die ihnen das volle

Verständnis der letzten, fast märchenhaften Ereignisse und Fügungen

erschlossen.

Heideck verlangte natürlich vor allem, zu wissen, wie es möglich

gewesen war, daß Edith sich hatte entführen lassen, ohne Lärm zu

schlagen und den Beistand ihrer Umgebung in Anspruch zu nehmen. Was

sie ihm erzählte, war der ergreifendste Beweis ihrer Liebe zu ihm.

Die Kreaturen des Maharadjah mußten auf irgend eine Weise Kenntnis

von Heidecks Verhaftung und Verurteilung erhalten haben, und sie

hatten nicht vergebens auf Ediths Anhänglichkeit an ihren Lebensretter

gerechnet.

Man erklärte ihr, daß ein einziges Wort des Maharadjah hinreichen

würde, den tollkühnen Deutschen zu vernichten, und daß sie nur dann

eine Hoffnung hegen dürfe, ihn vor dem Aeußersten zu bewahren, wenn

sie Seine Hoheit persönlich um Gnade für ihn bäte. Obwohl sie keinen

Zweifel darüber hegte, welche schändliche Absicht sich hinter allem

verbarg, hatte Edith in ihrer Herzensangst um das Leben des geliebten

Mannes nicht gezögert, den Leuten zu folgen, die sie zum Maharadjah

zu führen versprochen, und die sich in heuchlerischen Versicherungen

erschöpften, daß ihr kein Leid widerfahren würde. Sie hatte so viele

Beweise für die Rachsucht und Grausamkeit dieses indischen Despoten

erhalten, daß sie von seinem Haß das schlimmste für Heideck befürchtete

und daß sie entschlossen war, im schlimmsten Fall, wenn nicht ihre

weibliche Ehre, so doch ihr Leben für seine Errettung zu opfern.

Der Maharadjah hatte sie mit großer Zuvorkommenheit empfangen und ihr

versprochen, seinen Einfluß zu Gunsten des als Spion und Verräter von

den Russen gefangen genommenen Deutschen geltend zu machen. Aber er

hatte zugleich ziemlich deutlich durchblicken lassen, welchen Preis er

dafür verlangen würde, und er hatte sie von dem Augenblick an, wo sie

selbst sich in seine Hände geliefert, wie eine mit großem Respekt aber

zugleich mit noch größerer Wachsamkeit behandelte Gefangene gehalten.

Jeder Verkehr mit anderen Personen als der indischen Dienerschaft des

Maharadjah war ihr vollständig abgeschnitten worden, und sie hatte

sich keiner Täuschung darüber hingegeben, welches Los ihrer warte,

sobald der Fürst sich in irgend einem von den kriegerischen Ereignissen

unberührten Gebirgsnest wieder ganz sicher wußte.

Wohl hatte sie sich in dieser Gewißheit beständig mit dem Gedanken

an Flucht getragen; aber die Furcht, damit das Schicksal ihres

unglücklichen Freundes zu besiegeln, hatte sie noch mehr als das immer

rege Mißtrauen ihrer Wächter von der Ausführung zurückgehalten.

Um so überschwenglicher war die Freude gewesen, als an diesem Abend

Morar Gopal in Begleitung der Cirkassierin in dem Frauenzelte

erschienen war, um sie von den fast unerträglichen Qualen der

Ungewißheit über Heidecks Geschick zu erlösen.

Den Zutritt zu der sonst so sorgsam gehüteten Gefangenen hatte der

schlaue Hindu sich und seiner Begleiterin dadurch zu verschaffen

gewußt, daß er den wachehaltenden Indern vorlog, der Maharadjah habe

das in seiner Gesellschaft befindliche Mädchen zur Dienerin für die

englische Dame bestimmt. Mit wenigen geflüsterten Worten hatte er

Edith von allem unterrichtet, was ihr für den Augenblick zu wissen

not tat. Und nachdem er sich zurückgezogen, hatte niemand in ihrer

Umgebung etwas Auffälliges darin gefunden, daß sie eine Weile mit der

neuen Dienerin allein zu bleiben wünschte. Dies Alleinsein aber hatte

sie benutzt, um mit Hilfe der Cirkassierin die von ihr in einem Paket

mitgebrachten leichten indischen Männerkleider anzulegen. Die Wachen,

durch den Genuß von Spirituosen berauscht, hatten den schlanken, jungen

Radjah, in den sie sich verwandelt, unbehelligt fortgehen lassen, und

Morar Gopal, der sie an einem verabredeten Ort in der Nähe erwartete,

hatte sie zu dem Zelte Heidecks geführt, wo sie sich -- für den

Augenblick wenigstens -- als in Sicherheit betrachten durfte.

„Aber Georgij?“ fragte der Hauptmann nicht ohne Besorgnis. „Sie ist

in dem Frauenzelt des Maharadjah zurückgeblieben? Wie nun, wenn man

entdeckt, welchen Anteil sie an deiner Flucht gehabt?“

„Dieser Gedanke quälte auch mich. Aber das heldenmütige Mädchen

versicherte mir immer wieder, daß sie schon Gelegenheit finden würde,

sich aus dem Staube zu machen, und daß sie in keinem Fall etwas zu

fürchten hätte, sobald sie sich auf den Fürsten Tschadschawadse

beriefe.“

„Das dürfte allerdings zutreffen. Aber es stimmt schlecht zu ihrem

Verlangen, die Tatsache ihrer Anwesenheit im Lager vor dem Fürsten als

ein Geheimnis zu bewahren. Ueberhaupt ist mir das Benehmen des Mädchens

völlig rätselhaft. Ich begreife nicht, was sie veranlassen konnte, sich

mit so bewunderungswürdiger Selbstlosigkeit für uns zu opfern, die wir

für sie doch eigentlich nur gleichgültige Fremde sind. Die Aussicht

auf eine Belohnung war es sicherlich nicht, die sie dazu bestimmte.

Denn sie hat den ganzen Stolz ihres Stammes, und ich bin gewiß, daß sie

jedes derartige Anerbieten als eine Beleidigung empfinden würde.“

„So glaube auch ich. Aber ich bin vielleicht nicht so sehr weit davon

entfernt, ihre wahren Beweggründe zu erraten.“

„Und willst du mir nicht offenbaren, was du vermutest?“

Edith zauderte ein wenig; aber sie gehörte nicht zu den Frauen, die

eine kleinliche Regung die Oberhand gewinnen lassen in ihrem Herzen.

„Ich vermute, mein Freund, daß sie dich liebt,“ sagte sie mit einem

kleinen, reizenden Lächeln. „Einige unbedachte Aeußerungen und das

Feuer, das in ihren Augen aufleuchtete, sobald wir von dir sprachen,

haben es mir fast zur Gewißheit gemacht. Daß sie trotzdem ihre Hand

dazu bot, mich zu befreien, ist unter diesen Umständen gewiß ein um

so größerer Beweis ihres hochsinnigen Charakters. Aber ich begreife

es vollkommen. Ein liebendes Weib, wenn von Natur edel veranlagt, ist

jeder Selbstverleugnung fähig.“

Heideck schüttelte den Kopf.

„Ich glaube doch, daß dein Scharfblick dich diesmal im Stich gelassen

hat,“ widersprach er. „Sie ist meiner festen Ueberzeugung nach die

Geliebte des Fürsten Tschadschawadse, und nach allem, was ich von ihrem

Verkehr gesehen habe, halte ich es für ganz undenkbar, daß sie ihm um

eines Fremden willen, mit dem sie kaum hundert gleichgültige Worte

gewechselt, die Treue brechen sollte.“

„Nun, wir werden ja vielleicht noch Gelegenheit haben, festzustellen,

ob ich mich in einem Irrtum befinde oder nicht. Jetzt, mein Freund,

möchte ich vor allem wissen, was du weiter über mich beschlossen hast.“

Heideck war in einiger Verlegenheit, ihr darauf zu antworten, und er

sprach zögernd von seiner Absicht, sie mit Morar Gopal nach Ambala zu

schicken. Edith aber ließ ihn nicht ausreden. Mit einer entschieden

verneinenden Geberde fiel sie ihm in die Rede.

„Fordere von mir, was du willst -- nur nicht, daß ich dich noch einmal

verlasse! Was sollte ich in Ambala ohne dich? Ich habe so Unsägliches

gelitten, seit man dich in Anar Kali vor meinen Augen weggeführt, daß

ich tausendmal eher sterben will, ehe ich mich noch einmal der Folter

solcher Ungewißheit aussetze.“

Ein Geräusch hinter seinem Rücken veranlaßte Heideck, den Kopf zu

wenden. Er sah, daß sich der Türvorhang des Zeltes ein wenig lüftete

und daß es Morar Gopal gewesen war, der durch ein diskretes Räuspern

seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen versucht hatte.

Mit freundlichem Zuruf veranlaßte er den treuen Burschen, vollends

einzutreten, und der Dank, den er ihm aussprach, war nicht mehr die

herablassende Anerkennung, die der Herr seinem geschickten Diener

spendet, sondern der Dank eines Freundes.

Das Mienenspiel des Hindu verriet, wie glücklich ihn die Güte seines

abgöttisch von ihm verehrten Herrn machte; aber nicht für einen

einzigen Augenblick änderte er seine demütig bescheidene Haltung. Und

ehrerbietig wie immer sagte er:

„Ich bringe gute Neuigkeiten, Sahib! Einer vom Gefolge des Maharadjah,

den ich durch einige deiner Rupien gesprächig gemacht habe, hat mir

erzählt, daß der Maharadjah von Sabathu den Russen vierzig Reiter

mitgeben werde, die ihnen die besten Wege nach Simla zeigen sollen.

Dies Land hier steht ja unter seiner Herrschaft, und seine Leute kennen

bis hoch ins Gebirge hinauf jeden Winkel. Wenn die Lady sich morgen

in der Tracht eines Radjah diesen Reitern anschließt, wird sie gewiß

unbehelligt von hier entkommen.“

Die Trefflichkeit und Ausführbarkeit dieses Planes leuchtete ohne

Weiteres ein, und Heideck erkannte aufs neue, welchen Schatz ihm ein

gütiger Zufall mit diesem indischen Boy beschert hatte. Auch Edith

erklärte sich einverstanden, da sie sah, wie freudig Heideck dem

Vorschlage zustimmte, wenngleich die Aussicht, sich am hellen Tage

und vor aller Welt in dieser Männerkleidung zeigen zu müssen, ihr

weibliches Empfinden peinlich berührte.

Sie fragte Morar Gopal, ob er inzwischen etwas von Georgij gehört habe,

und der Hindu nickte.

„Ich sprach sie vor einer halben Stunde. Sie ist glücklich aus dem

Frauenzelt des Maharadjah entkommen und war eben im Begriff das Lager

zu verlassen.“

„Wie?“ rief Heideck verwundert. „Wohin in aller Welt wollte sie sich

denn wenden?“

„Ich weiß es nicht, Sahib. Sie war sehr traurig, aber als ich sie bat,

mich zu dem Sahib zu begleiten, sagte sie, daß sie ihn und die Lady

nicht wiedersehen wolle; sie entbietet dem Sahib ihren Gruß und bittet

ihn, seines Versprechens eingedenk zu bleiben, daß er dem Fürsten

Tschadschawadse nichts von ihrem Hiersein verraten wolle.“

Heideck und Edith wechselten einen bedeutsamen Blick. Das Benehmen

dieses seltsamen Mädchens gab ihnen Rätsel auf, die sie vorläufig nicht

zu lösen vermochten. Aber es war natürlich und menschlich, daß sie über

ihren eigenen Angelegenheiten die Cirkassierin sehr rasch vergaßen.

Edith mußte sich damit einverstanden erklären, daß Heideck ihr für

den Rest der Nacht sein Zelt überließ, während er selbst die wenigen

Stunden bis zum Tagesanbruch an einem der Biwakfeuer verbringen

wollte. Morar Gopal aber sollte sein Lager vor dem Eingang des Zeltes

aufschlagen, und Heideck war gewiß, daß er sein köstliches Kleinod

keinem treueren Hüter anvertrauen konnte.

* * * * *

Das Schicksal, das die beiden Liebenden auf eine so wunderbare Weise

wieder vereinigt hatte, zeigte sich ihnen auch weiter günstig. In

aller Frühe des folgenden Tages hatte Heideck ohne große Schwierigkeit

einen fertig gezäumten zierlichen Braunen für Edith erstanden, und

als sich der Trupp der indischen Reiter, die den Russen als Führer

und Kundschafter dienen sollten, in Bewegung setzte, gesellte sich

der knabenhafte junge Radjah ihnen zu, ohne daß irgend jemand seine

befremdliche Erscheinung zum Anlaß zudringlicher Fragen genommen hätte.

Die Inder hielten ihn wahrscheinlich zunächst für einen blutjungen

russischen Offizier, den besondere Gründe bestimmt hatten, die Tracht

des Landes anzulegen, und bewahrten deshalb eine durchaus respektvolle

Haltung. Fürst Tschadschawadse aber, den vor dem Aufbruch einmal der

Zufall in Ediths unmittelbare Nähe geführt hatte, sagte kein Wort,

obgleich er sie wohl eine Minute lang scharf ins Auge faßte.

Daß von seiten des Maharadjah von Chanidigot nichts geschah, um den

schönen Flüchtling wieder in seine Gewalt zu bringen, erklärte sich

leicht genug aus den schlechten Nachrichten über sein Befinden, die im

Lager von Mund zu Mund gingen. Er wurde, wie es hieß, vom Wundfieber

und von heftigen Schmerzen gepeinigt, so daß ihm wohl in der Tat jedes

Interesse an der Außenwelt vergangen sein mochte. -- --

Das russische Detachement ging nach herzlicher Verabschiedung von

den indischen Gastfreunden weiter in das Hügelland hinein, und

schon am Nachmittage brachten ausgesandte Kundschafter dem Fürsten

Tschadschawadse die Meldung, daß die Engländer Ambala vollständig

geräumt und den Marsch nach Delhi angetreten hätten. Wahrscheinlich

hatte man die Stärke der russischen Abteilung, von deren Anmarsch man

gehört hatte, in Ambala weit überschätzt und es deshalb vorgezogen,

einem voraussichtlich aussichtslosen Kampfe aus dem Wege zu gehen.

Edith wußte sich mit frauenhafter Gewandtheit in unauffälliger Weise

in der Nähe Heidecks zu halten, so daß beide oft Gelegenheit fanden,

miteinander zu plaudern. Ihre zarte, weiße Farbe mußte wohl auffallen

unter den braunen Gesichtern, aber der Wille und die Launen russischer

Offiziere mußten respektiert werden, und so schien niemand zu wissen,

daß eine englische Dame im Kostüm eines Radjah bei der Truppe sei.

Uebrigens dauerte der Marsch nicht mehr lange. Das Jagdlager war nur

zweihundertfünfzig Kilometer von Simla entfernt, unterhalb des Ortes

Kalka gelegen. Noch einmal wurde übernachtet, und am andern Morgen traf

die Kolonne vor Simla ein und fand Jutogh, das hochgelegene britische

Kantonnement westlich der weitausgedehnten Hügelstadt, von den Truppen

geräumt.

Fürst Tschadschawadse legte seine Infanterie und Artillerie in

die englischen Baracken und marschierte mit den Reitern in den

halbmondförmigen, sogenannten Bazar ein, die eigentliche Stadt, die

von zahlreichen, auf den Hügeln und in Gartenanlagen verstreuten

Villen umgeben war. Er entsandte sogleich Offizierspatrouillen nach

dem Stadthause, den Bureaus der Regierung und des Oberbefehlshabers

und begab sich selbst zum Gouvernementshause, einem schönen Palast am

Observatoriumshügel.

Simla war trotz des Frühlings wie im Winterschlaf, verlassen von

der bewegten glänzenden Gesellschaft, die zur Sommerzeit, wenn die

unerträgliche feuchte Wärme den Vizekönig von Kalkutta vertrieb,

die prächtigen Täler und Höhen mit ihren Pferden und Wagen, mit

ihren Spielen, Gesellschaften und eleganten Toiletten belebte. Nur

Dienerschaft zur Bewachung und Instandhaltung der Gebäude und die

angesessene Bevölkerung waren anwesend, weil der Krieg die englische

Gesellschaft fern hielt. Etwa 2500 Meter über dem Spiegel des indischen

Ozeans steigen die Hügel an und häufige Regenschauer machten das Klima

hier oben so rauh, daß Heideck im Mantel ritt und auch Edith vorgezogen

hatte, sich einen Dragonermantel umzuhängen, um sich gegen die Kälte zu

schützen.

Die Offiziere hatten den Auftrag, in den Regierungsgebäuden nach

wichtigen Aktenstücken und sonstigen Papieren zu suchen, die von der

englischen Regierung in Simla zurückgelassen sein konnten und die für

die russische Regierung von Wichtigkeit waren.

Heideck sollte die in sieben eleganten Blocks befindlichen Bureaus der

Regierung durchsuchen, vor allem aber die für den Oberbefehlshaber, den

Generalquartiermeister und die Generaldirektion der Eisenbahn, Posten

und Telegraphen bestimmten Gebäude.

Er stieß überall nur auf untergeordnete Beamte, aber zuletzt im Bureau

des Judge Advocate General fand er einen bejahrten, würdevollen Herrn,

der so ruhig in seinem Lehnsessel saß, daß Heideck unwillkürlich an

Archimedes erinnert wurde, als ihn die römischen Krieger bei seinen

Berechnungen überraschten.

Der alte Herr richtete aus seinen großen, gelblich gefärbten Augen

einen durchdringenden Blick auf den eintretenden Offizier und die

ihm folgenden Soldaten. Aber er fragte nicht, was sie wollten, und

machte nicht einmal eine ablehnende Bewegung. Heideck bat unter

höflicher Verbeugung um Entschuldigung wegen seines ihm dienstlich

vorgeschriebenen Verhaltens. Dies artige Benehmen schien den alten

Herrn zu überraschen, er erwiderte den Gruß und sagte, es bliebe ihm

ja nichts übrig, als sich allen Maßregeln zu unterwerfen, die von der

Macht des Siegers verhängt würden.

„Da hier in diesen Räumen wohl nur juristische Bücher und Akten zu

finden sind,“ sagte Heideck, „so brauche ich keine Nachforschungen

anzustellen, denn es ist uns lediglich um militärische Dinge zu tun.

Es würde mich freuen, wenn ich persönliche Wünsche Ihrerseits erfüllen

könnte, denn ich glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, daß ich die

Ehre habe, einen höheren Beamten vor mir zu sehen, den besondere Gründe

veranlaßt haben, hier in Simla znrückzubleiben.“

„In der Tat,“ entgegnete jener, „meine Aerzte waren der Meinung, daß

es meiner Gesundheit zuträglich sein würde, den Winter im Gebirge

zuzubringen. Sie können sich denken, wie sehr ich es bereue, dem

ärztlichen Rate gefolgt zu sein. Ich bin der Judge Advocate General

Kennedy.“

„Ist Ihre Familie auch in Simla?“ fragte Heideck.

„Meine Frau und meine Tochter sind hier.“

„Mein Herr, es ist eine englische Dame bei unserer Kolonne, die Witwe

eines Offiziers, der bei Lahore den Tod gefunden hat. Wären Sie

geneigt, die Dame in Ihrer Familie aufzunehmen?“

„Eine englische Dame?“

„Sie ist das Opfer einer ganzen Kette abenteuerlicher Ereignisse, über

die am besten sie selbst Ihnen berichten könnte. Sie heißt Mrs. Irwin.

Wären Sie geneigt, der Dame Ihren Schutz angedeihen zu lassen, so würde

ich ihr damit gewiß eine willkommene Freudenbotschaft überbringen.“

„Meinen Schutz?“ fragte der alte Herr verwundert. „Meine Familie

und ich bedürfen selbst des Schutzes, und wie können wir unter den

gegenwärtigen Verhältnissen eine solche Verantwortung übernehmen?“

„Sie und Ihre Familie haben von uns nichts zu fürchten, mein Herr. Wir

gedenken im Gegenteil für Ruhe und Ordnung zu sorgen.“

„Nun, mein Herr, Ihr Benehmen verrät den Gentleman, und wenn die Dame

zu uns kommen will, so steht dem von unserer Seite nichts entgegen.

Kann ich mit ihr sprechen, damit wir uns verständigen?“

„Ich werde mich beeilen, sie zu holen.“

Er zögerte in der Tat keinen Augenblick. Und wie er es erwartet hatte,

wußte ihm Edith lebhaften Dank für seinen freundschaftlichen Vorschlag.

Mr. Kennedy war höchst erstaunt, einen jungen Radjah eintreten zu

sehen, und schien durch diese Maskerade nicht gerade angenehm berührt

zu sein.

„Dies ist die Dame, von der Sie sprachen?“ fragte er befremdet. Aber

sein ernstes Antlitz hellte sich merklich auf, als Edith mit ihrer

schönen, weichen Stimme sagte:

„Eine Landsmännin, die diesem Herrn hier ihr Leben dankt, und die nur

mit Hilfe dieser Verkleidung vor Schmach und Tod bewahrt geblieben ist.“

„Mrs. Irwin, wenn Sie sich entschließen, zu Mrs. Kennedy zu gehen,“

sagte Heideck, „so werde ich Ihr Gepäck in Mr. Kennedys Wohnung

schaffen lassen. Ich entferne mich jetzt, um noch andere dienstliche

Obliegenheiten zu erfüllen und werde später wiederkommen.“

„Auf jeden Fall nehme ich meine Landsmännin gern bei mir auf,“

versicherte der alte Herr. „Hier vom Fenster aus sehen Sie das Haus,

das ich bewohne, und ich bitte Sie, mich zu besuchen, wenn Ihr Dienst

beendigt sein wird.“

Erst als die Sonne sank, kam Heideck dazu, seinen Besuch bei Mr.

Kennedy zu machen. Er stand einen Augenblick am Gartentor und sah die

schneebedeckten Höhen im Feuer des Abendrots glühen. Lange Reihen von

blauen Bergen türmten sich auf, höher und immer höher nach Norden hin,

bis zuletzt die höchste Kette am fernen Horizont, von ewigen Gletschern

umstarrt, in wunderbarem Glanze zum Himmel aufstieg.

Mr. Kennedy bewohnte eine sehr stattliche Villa. Heideck wurde von

dem Hausherrn und den Damen so überaus freundlich empfangen, daß er

Ediths warme Fürsprache nur zu deutlich herausfühlen mußte. Edith

mußte wohl auch erzählt haben, daß er ein Deutscher sei. Sie war

wieder in Frauentracht und hatte durch ihr offenes Wesen bereits alle

Herzen gewonnen. Mrs. Kennedy war eine Matrone mit feinen, angenehmen

Gesichtszügen und dem Benehmen einer Dame der großen Welt. Die mit

Edith etwa gleichaltrige Tochter aber schien sich besonders innig an

Edith angeschlossen zu haben.

Heideck saß mit der Familie am Kaminfeuer, und man bemühte sich, zu

vergessen, daß er die Uniform des Feindes trug.

„Wenn wir es nur einrichten könnten,“ sagte Mrs. Kennedy, „Indien zu

verlassen und nach England zurückzukehren. Mr. Kennedy wünscht in

Kalkutta zu bleiben, um seiner Pflicht nachzukommen, aber er kann

das Klima seines Leidens wegen nicht vertragen. Und wie könnten wir

auch nach Kalkutta gelangen? Die einzige Möglichkeit wäre doch, ein

russisches Dokument zu bekommen, das uns ungehinderte Reise verschafft.“

„O liebste Beatrice,“ widersprach ihr Mann, „ich weiß ja, daß du ebenso

gut wie ich nicht an unser eigenes Schicksal denkst, jetzt, wo ein

solches Unglück über unser Vaterland hereingebrochen ist. Was ist in

diesem allgemeinen Unglück an unserm Geschick gelegen?“

„Ich sollte meinen,“ mischte sich Heideck höflich ein, „daß der

Einzelne, selbst wenn er das Unglück der Allgemeinheit auch noch so

schmerzlich empfindet, sich doch nicht zur Verzweiflung hinreißen

lassen darf, sondern immer darauf bedacht sein muß, wie in ruhiger Zeit

für sich und seine Familie zu sorgen.“

„Nein!“ rief Mr. Kennedy. „Diese internationale Weisheit kann ein

Engländer nicht verstehen. Der Deutsche hat einen anderen Charakter, er

wechselt leichter sein Vaterland, der Engländer nicht. Doch ich bitte

um Entschuldigung,“ fuhr er sich besinnend fort. „Sie verletzten meine

nationale Ehre, und ich vergaß die Situation in der wir uns befinden.

Ich wollte Sie selbstverständlich nicht beleidigen.“

„Es ist etwas Wahres an dem, was Sie sagten,“ entgegnete Heideck ernst,

„aber erlauben Sie mir eine Erklärung. Unser deutsches Vaterland ist

in früheren Jahrhunderten immer der Schauplatz der Schlachten aller

Völker Europas gewesen. Die meisten deutschen Fürsten kannten in

jener Zeit kein deutsches Nationalgefühl und vertraten engherzige

dynastische Interessen. So wuchs unser deutscher Volksstamm ohne das

Bewußtsein eines großen gemeinsamen Vaterlandes heran. Unser deutsches

Selbstgefühl ist nicht älter als Bismarck. Aber dadurch, daß wir

fremde Völker und Sitten haben über uns ergehen lassen müssen, sind

wir weitherzig und großzügig geworden. Unser religiöses Empfinden und

unser Patriotismus umschließen einen weitern Kreis, als bei andern

Völkern. Deshalb glaube ich, daß wir jetzt, da wir uns nun seit einem

Menschenalter auch auf unsere materielle Kraft besinnen und uns

politisch zusammengeschlossen haben, vermöge unserer universellen

Bildung zur Weiterentwicklung der Kultur berufen sind, die den

Engländern und Franzosen bis jetzt am meisten verdankte.“

Der alte Herr antwortete nicht sogleich. Er saß in Gedanken verloren

da, und erst nach einer geraumen Weile sagte er:

„Man kann ja, wenn man will, den Standpunkt seiner Betrachtung immer

höher schrauben. Es ist, wie wenn man die Berge dort hinaufsteigt. Von

jeder höheren Bergkette aus wird der Rundblick umfassender, während die

Einzelheiten des Panoramas immer mehr verschwinden. Natürlich, wenn man

von einem so hohen Standpunkt herabsieht, schrumpfen alle politischen

Interessen zu bedeutungslosen Nichtigkeiten zusammen, und dann gibt

es keinen Patriotismus mehr. Aber ich meine, daß wir zunächst in dem

Kreise zu wirken verpflichtet sind, in den wir nun einmal gestellt

sind. Ein Mann, der seine Frau und seine Kinder vernachlässigt und

mit seinen Ideen die Welt beglücken will, vernachlässigt den engsten

Kreis seiner Pflichten. Sodann aber muß einem jeden Manne die Wohlfahrt

des eigenen Volkes, des eigenen Staates das höchste Ziel seiner

Bestrebungen sein, dann erst darf er, von der eigenen Nation ausgehend,

seine Wünsche noch höher richten. Ich kann niemand achten, der sich

vom Boden des Patriotismus entfernt, um auf politischem Gebiete

Phantastereien zu treiben, für Weltfrieden zu schwärmen und alle

Menschen Brüder zu nennen.“

„Und doch,“ sagte Edith, „ist dies die Lehre des Christentums.“

„Des theoretischen, nicht des praktischen,“ widersprach eifrig der

Engländer. „Ich achte den alten Römer Cato, der sich das Leben nahm,

als er die Freiheit des Vaterlandes schwinden sah. Und niemals wäre

England groß geworden, wenn es nicht viele solcher Catone geboren

hätte.“

„Mr. Kennedy, Sie proklamieren die Staatsidee der alten Griechen,“

sagte Heideck. „Aber ich glaube nicht, daß die alten Griechen wirklich

den Staat so aufgefaßt haben, wie die modernen Professoren behaupten,

und wie das alte Rom sie praktisch ausgeführt hat. Die Professoren

pflegen Platon anzuführen, aber Platon war ein zu hoher Geist, um

nicht einzusehen, daß der Staat doch aus lauter Menschen besteht.

Platon betrachtete den Staat nicht als ein Götzenbild, auf dessen Altar

der Bürger sich opfern müßte, sondern als eine Erziehungsanstalt.

Er sagt, daß wirklich tugendhafte Bürger nur durch einen vernünftig

eingerichteten Staat erzogen werden könnten, und deshalb sprach er so

viel von der Bedeutung des Staates. Ein Staat ist ursprünglich nur

die äußere Form, die sich das innere Leben der Nation auf natürliche

Weise selbst geschaffen hat, und an dieser Auffassung sollte nicht

gerüttelt werden. Der Staat soll die Massen erziehen, nicht nur zur

Verwirklichung des Rechts, sondern auch des äußeren und inneren

Wohls. Die Römer freilich scheinen nicht die Erziehung der tüchtigen

Persönlichkeit nach Platons Idee zum Zweck des Staates gemacht zu

haben, sondern sie waren modern wie die heutigen Großmächte, die das

Ziel verfolgen, möglichst reich und mächtig zu werden. Wir Deutschen

wollen das ja auch und führen deshalb jetzt Krieg, aber ich behaupte,

daß dem deutschen Nationalcharakter doch etwas höheres innewohnt; es

ist die Idee der Humanität! Mit unserer Nation gehen auch unsere Ideale

zu Grunde, und darum kämpfen wir für unsere Machtstellung, um mit

unserer nationalen Größe auch unsere Ideale zu schützen und zu sichern.“

Ein Diener trat ein und meldete, daß das Essen angerichtet wäre.

Das Gespräch verließ bei Tisch die Gebiete der Philosophie und Politik

und wandte sich der Kunst zu. Die Damen bestrebten sich, den alten

Herrn von seinen finstern Gedanken abzulenken und seine verzweifelte

Stimmung zu heben. Elisabeth erzählte von den Konzerten, die in Simla

und Kalkutta gegeben würden, und erwähnte dabei der großen technischen

Schwierigkeiten, die das Musizieren in Indien böte, weil durch den

Einfluß des Klimas die Instrumente so leicht verdürben. In der feuchten

Luft der Seestädte quoll das Holz, im trockenen Mittelindien dagegen

vertrocknete es, was namentlich den Violinen und Celli schadete, aber

auch den Klavieren nachteilig wäre. Man konstruierte für die Tropen

Klaviere, die nur Metall im Innern anstatt des Holzes hätten, aber

diese hätten einen scharfen Klang und litten ebenfalls durch schroffen

Temperaturwechsel.

Nach dem Diner setzte sich Elisabeth an den Flügel, und Heideck

berührte es wohltuend, daß Edith eine so angenehme Altstimme und eine

so gute Schulung hatte. Sie sang einige schwermütige englische und

schottische Lieder.

„Seitdem ich England verlassen habe, habe ich nicht mehr gesungen,“

sagte sie bewegt.

Heideck hatte mit Entzücken der Musik gelauscht. Nach den schrecklichen

Szenen der letzten Zeit gingen ihm die Melodieen um so tiefer zu

Herzen, so daß seine Augen sich mit Tränen füllten. Und nicht die Musik

allein war es, die ihn rührte, es war Ediths Seele, die durch die Macht

der Musik zu ihm sprach.

„Was gedenken Sie zu tun, Mr. Kennedy?“ fragte er den alten Herrn.

„Werden Sie in Simla bleiben und Mrs. Irwin bei sich behalten?“

„Ich habe es mir überlegt,“ entgegnete jener. „Ich werde nicht hier

bleiben. Ich werde nach Kalkutta reisen, wenn ich kann. Es ist meine

Pflicht, in Kalkutta auf meinem Posten zu sein.“

„Aber wie wollen Sie reisen? Wo die Eisenbahnen noch vorhanden sind, da

sind sie von der Armee ausschließlich in Anspruch genommen. Bedenken

Sie, daß Sie beide Armeen, die russische und die englische, passieren

müßten. Sie müßten von Kalka nach Ambala, von dort über Delhi.“

„Wenn ich einen Passierschein bekäme, würde ich mit Wagen und Pferden

nach Delhi reisen, und dort bin ich bei der englischen Armee. Können

Sie mir einen Passierschein verschaffen?“

„Ich werde es versuchen. Möglicherweise läßt sich Fürst Tschadschawadse

dazu bewegen. Ich werde ihn darauf aufmerksam machen, daß Sie

Zivilbeamter sind.“

* * * * *

Fürst Tschadschawadse weigerte sich mit aller Entschiedenheit, den

von Heideck für Mr. Kennedy und seine Familie erbetenen Passierschein

auszustellen.

„Es tut mir leid, Herr Kamerad,“ sagte er, „aber es ist einfach

unmöglich. Der Judge Advocate General ist ein sehr hoher Beamter, dem

ich nicht gestatten kann, sich nach seinem Gefallen in das englische

Hauptquartier zu begeben und dort Bericht über die hiesigen Vorgänge zu

erstatten. Man würde mir eine so unangebrachte Liebenswürdigkeit höhern

Ortes mit Recht sehr übel auslegen. Und ich möchte den guten Eindruck,

den das Gelingen der Expedition nach Simla bei meinen Vorgesetzten

gemacht hat, nicht gern durch eine unverzeihliche Torheit wieder

verwischen.“

Heideck sah ein, daß gegen eine solche Entscheidung mit Zureden nichts

auszurichten sein würde, und setzte Mr. Kennedy unter der Versicherung

aufrichtigen Bedauerns von der Ergebnislosigkeit seiner Bemühungen in

Kenntnis.

„So werde ich denn in Gottes Namen versuchen nach England

zurückzukehren,“ sagte der alte Herr mit einem schmerzlichen Seufzer.

„Fragen Sie bitte den Fürsten, ob er etwas dagegen hat, daß ich abreise

und mich auf dem kürzesten Wege nach Carachi begebe? Vielleicht wird er

mir wenigstens für diese Route einen Passierschein ausstellen.“

Dazu war Fürst Tschadschawadse sofort bereit.

„Im Rücken der russischen Armee mögen die Herrschaften meinetwegen

reisen, wohin sie wollen,“ erklärte er. „Ich habe nicht den geringsten

Anlaß den würdigen alten Herrn als einen Gefangenen zu behandeln.“

An demselben Tage noch hatte Heideck mit Edith eine ernste Unterhaltung

über die Gestaltung ihrer nächsten Zukunft. Er fragte sie nach ihren

Wünschen und Plänen; sie aber schmiegte sich zärtlich an seine Schulter

und flüsterte:

„Ich habe keinen Wunsch als bei dir zu bleiben und keinen anderen Plan

als dich glücklich zu machen.“

Er küßte die weichen Lippen, die so beseligende Worte zu sprechen

wußten und sagte bewegt:

„Nun wohl, so schlage ich vor, daß wir zusammen nach Carachi reisen.

Ich bin entschlossen den russischen Dienst zu verlassen und die

Rückkehr nach Deutschland zu versuchen. Du aber, mein Lieb, würdest du

es über dich gewinnen können, mir in mein Vaterland, das Land deiner

jetzigen Feinde, zu folgen?“

„Meine Heimat ist bei dir. Sage, daß wir hier in Simla ein Heim gründen

wollen, und ich bin mit Freuden bereit, bis an das Ende meiner Tage

hier zu leben. Führe mich nach Deutschland oder nach Sibirien, und ich

folge dir -- mir gilt alles gleich, wenn ich nur dich nicht verlassen

muß.“

Daß sie so gar kein Wort der Anhänglichkeit an ihr Vaterland hatte,

mochte Heideck für einen Moment peinlich berühren; aber er hatte ja

bereits gelernt, sie mit anderem Maße zu messen als die Frauen, denen

er bisher auf seinem Lebenswege begegnet war; und ihm am wenigsten kam

es zu, ihr aus diesem Mangel an Patriotismus einen Vorwurf zu machen.

„Mr. Kennedy hat sich mir gegenüber bereit erklärt, dich auf der Reise

unter seinen Schutz zu nehmen,“ sagte er. „So werde ich denn noch heute

mit dem Fürsten sprechen. Und da er kein Recht hat mich zu halten, wird

es mir, wie ich zuversichtlich hoffe, möglich sein, zugleich mit euch

nach Carachi aufzubrechen.“

„Ich aber werde nur in deiner Begleitung das Anerbieten der Kennedys

annehmen,“ erklärte Edith mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel

darüber zuließ, wie unerschütterlich ihre Entschlüsse seien.

Aber Fürst Tschadschawadse bereitete ihm in der Tat keine

Schwierigkeiten.

„Ich bedaure aufrichtig, Sie schon so bald wieder zu verlieren,“

erklärte er, „aber die Entscheidung darüber, ob Sie bleiben oder

gehen wollen, liegt einzig bei Ihnen, denn es war ja von vornherein

ausgemacht, daß Sie den russischen Dienst quittieren könnten, sobald es

die Umstände für Sie wünschenswert machten. -- Die Frauen sind ja nun

einmal die Schicksale unseres Lebens.“

Der Fürst wußte natürlich längst, daß es Edith Irwin war, die sich im

Hause der Kennedys befand, aber es geschah zum ersten Mal, daß er der

Herzensangelegenheit seines deutschen Freundes Erwähnung tat.

Und hastig, als müsse er sich gegen einen beschämenden Vorwurf

verteidigen, erwiderte Heideck:

„Sie mißverstehen meine Beweggründe! Vor allem ist es meine soldatische

Pflicht, die mich ruft. Bis jetzt gab es keine Aussicht für mich,

Passage auf einem englischen Dampfer zu erhalten. In der Begleitung des

Mr. Kennedy aber und auf seine Empfehlung hin wird man mir, wie ich

hoffen darf, die Ueberfahrt nicht verweigern.“

„Verzeihung! Ich zweifelte selbstverständlich keinen Augenblick

an Ihrem patriotischen Pflichtgefühl, und ich wünsche Ihnen von

Herzen eine glückliche Heimreise. Natürlich ist es trotz aller

Bundesgenossenschaft unserer Nationen für Sie nicht dasselbe, ob Sie

in den Reihen der russischen oder des deutschen Heeres fechten. Und

wenn die Aussicht, in so angenehmer Gesellschaft zu reisen, den letzten

Ausschlag für Ihre Entschließungen gegeben hat, so hätten Sie sich

dessen, wie ich meine, durchaus nicht zu schämen. -- Ich für meine

Person bin allerdings zu der Erkenntnis gekommen, daß ein Soldat besser

tut, dem weiblichen Element eine möglichst untergeordnete Rolle in

seinem Leben anzuweisen. Er müßte es denn so machen, wie die meisten

meiner Landsleute und sich eine ‚handliche‘ Frau zulegen, d. h. eine,

die es verträgt, mit oder ohne Anlaß geprügelt zu werden. Es mag sein,

daß ich es gerade in diesem einen Punkte versehen hatte. Und ich bin

denn auch recht empfindlich dafür gestraft worden.“

Sein Gesicht war plötzlich sehr ernst geworden, und da seine Anspielung

sich nur auf den verschwundenen Pagen beziehen konnte, glaubte Heideck

endlich eine Frage nach dem Verbleib der Cirkassierin wagen zu dürfen.

Aber der Fürst schüttelte abwehrend den Kopf.

„Fragen Sie mich nicht nach ihr! Das ist eine ärgerliche Geschichte, an

die ich nicht gern erinnert werde, weil sie mir eine der häßlichsten

Stunden meines Lebens ins Gedächtnis zurückruft. Schlimm genug, daß wir

armen, ohnmächtigen Kreaturen mit aller Reue nicht wieder gutmachen

können, was wir einmal in einem Augenblick gefehlt.“

Und dann, als wolle er damit kurzerhand alle weiteren, unbequemen

Erörterungen abschneiden, kehrte er zu dem Ausgangspunkt ihrer

Unterhaltung zurück:

„Von meinem Standpunkt aus muß ich es ja rein praktischer Gründe wegen

für einen Fehler halten, daß Sie Ihre unter den günstigsten Auspizien

begonnene Laufbahn in der russischen Armee schon so bald wieder

verlassen. Tüchtige Männer Ihres Schlages können bei uns eine glänzende

Karriere machen, denn in unserm Heere ist mehr Ellbogenraum als bei

Ihnen. Aber ich weiß wohl, daß es überflüssig ist, weiter darüber zu

reden. Nur eins noch! -- Sie brauchen die Uniform, der Sie alle Ehre

gemacht haben, nicht gleich hier in Simla auszuziehen. Ich trete morgen

den Rückmarsch nach Lahore an, und ich bitte Sie, während desselben

noch an der Spitze Ihrer Schwadron zu bleiben. Ihre englischen Freunde

reisen am sichersten mit unserer Kolonne. In Lahore können Sie dann ja

machen, was Sie wollen. Da der Feldzug sich nach Südosten wendet, ist

der Westen frei, und Sie können möglicherweise die Reise nach Carachi

zum großen Teil bereits wieder auf der Eisenbahn zurücklegen.“

Heideck erkannte in diesem Vorschlag einen neuen Beweis der

freundschaftlichen Gesinnung, die ihm der Fürst schon so oft an den Tag

gelegt hatte, und er unterließ es nicht, ihm auf das Wärmste hierfür zu

danken.

Für Mr. Kennedy war es allerdings ein nicht sehr erfreulicher Gedanke,

unter dem Schutz der Feinde reisen zu müssen; aber er mußte sich im

Interesse seiner weiblichen Angehörigen fügen, da es in der Tat keine

bessere Möglichkeit gab, schnell und sicher nach Carachi zu gelangen.

„Sie können sich nicht vorstellen, wie schwer es mir wird, dies teuer

erkaufte Indien zu verlassen,“ sagte er zu Heideck. „Zwanzig Jahre

meines Lebens habe ich ihm gewidmet, Jahre der härtesten, unermüdlichen

Arbeit. Und nun ist mein Werk gleich den Werken so vieler besserer

Männer mit einem einzigen Schlage verloren.“

„Sie sind ohne Unterbrechung zwei ganze Jahrzehnte hindurch in Indien

gewesen?“

„Ja, ich konnte mich nicht entschließen, meine Frau und meine Tochter

zu begleiten, wenn sie gelegentlich zu ihrer Erholung auf einige Monate

nach Europa gingen. Ich war eben geradezu verliebt in meine Arbeit, und

ich werde es kaum verwinden, daß nun alles, alles verloren sein soll.

Und es ist verloren -- darüber gebe ich mich keiner Täuschung hin.

Nachdem die Russen einmal hier Fuß gefaßt haben, werden sie auch das

Land niemals wieder aufgeben. Ihre Herrschaft wird eben schon deshalb

fester gegründet sein als die unsrige, weil sie dem indischen Volke

innerlich viel näher stehen als wir -- -- -- --“

Am nächsten Tage brachen sie auf.

Mr. Kennedy und seine Damen fuhren in einer mit vier australischen

Pferden bespannten Mail-Coach, die ursprünglich für den Besuch der

Rennen von Annandale bestimmt gewesen war. Er hatte seinen eigenen

englischen Kutscher, einen englischen Diener und eine englische

Kammerfrau mitgenommen, die zahlreiche, indische Dienerschaft aber

hatte er vor der Abreise abgelohnt und entlassen.

Der Marsch ging über Kalka, die Endstation der nach Simla führenden

Eisenbahn, ohne jeden Zwischenfall nach Lahore. Hier erfuhr Fürst

Tschadschawadse, daß die russische Armee tags zuvor nach Delhi

aufgebrochen war, und er mußte sich beeilen, ihr mit seinem Detachement

zu folgen.

Während des Eintritts in die Straßen von Lahore, deren Anblick in ihm

so viele trübe Erinnerungen weckte, wurde Heideck plötzlich aus seinen

Träumereien gerissen. Es war ihm, als hätte er hinter den Säulen, die

den Balkon eines Hauses trugen, eine weibliche Gestalt erspäht, die mit

großen Augen dem glänzenden, rasselnden, säbelklappernden Reiterzuge

folgte. Und obwohl ihr Gesicht fast ganz von einem weit herabgezogenen

Kopftuche verhüllt gewesen war, hatte ihn bei ihrem Anblick die halb

instinktive Empfindung durchzuckt, daß dies Weib keine andere, als

seine und Ediths Retterin, der Page Georgij, sei. Er hatte sein Pferd

gewandt und war auf das Haus zugeritten. Aber die Erscheinung war bei

seiner Annäherung verschwunden, wie wenn die Erde sie verschlungen

hätte. Und so mußte er wohl annehmen, daß es nur eine Täuschung seiner

Sinne war.

Seine Verabschiedung von dem Fürsten Tschadschawadse war so herzlich,

wie es ihrem bisherigen Verhältnis entsprach. Der Fürst umarmte

ihn wiederholt, und in seinen Augen schimmerte es feucht, als er

dem Kameraden noch einmal glückliche Reise und die Lorbeeren des

siegreichen Kriegers wünschte.

Auch Heideck schämte sich seiner Bewegung nicht, als er dem Fürsten zum

letzten Mal die Hand drückte.

„Wenn Sie Ihren Pagen wiedersehen, so bitte ich Sie, auch ihm meine und

Mrs. Irwins Abschiedsgrüße zu übermitteln.“

Ueber das Antlitz des Fürsten legte sich ein düsterer Schatten.

„Ich täte es wahrlich von Herzen gern, mein Freund! Aber ich werde

meinen Pagen niemals wiedersehen! Schweigen wir von ihm! Es gibt

Wunden, deren man sich nicht rühmen darf.“ --

Damit gingen sie auseinander.

Heideck, der wieder seine Zivilkleidung angelegt hatte, verbrachte

die Nacht im Hotel und nahm dann den ihm von Mr. Kennedy angebotenen

Platz in dessen Wagen ein. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß die

Eisenbahn zwischen Lahore und Mooltan von der Station Montgomery aus

fahrbar wäre. Mit der ihnen eigenen Zähigkeit setzten die Engländer

in dem von dem Kriege nicht berührten Teile Indiens den regelmäßigen

Eisenbahnbetrieb fort. War doch bei der ungeheuren Größe des Landes

der Kampf der beiden Armeen in gewisser Hinsicht ein eng begrenzter.

Im Westen Indiens, im Zentrum wie im Osten war vom Kriege kaum etwas

wahrzunehmen. Nur die Truppentransporte auf den Bahnlinien zwischen

Bombay und Kalkutta verrieten den Kriegszustand.

Die Eisenbahn im Westen sah keine Truppen mehr, seitdem die englische

Armee von Lahore zurückgegangen war, und diese Strecke war deshalb für

den gewöhnlichen Verkehr wieder vollständig freigegeben.

Auch bei der indischen Bevölkerung dieser Gegend war durchaus nichts

von einer besonderen Erregung wahrzunehmen. Nur die unmittelbare

Gegenwart der russischen Truppen hatte das geduldige und friedfertige

Volk in Aufruhr versetzt. Selbst durch Chanidigot fuhren die Reisenden

ohne eine Störung des Betriebes oder einen unerwarteten Aufenthalt.

Das Wetter war nicht zu heiß, da die Zeit der Gewitter begonnen hatte,

und das Reisen in den höchst bequemen, geräumigen Eisenbahnwagen wäre

unter anderen Verhältnissen ein wahres Vergnügen gewesen.

Wohlbehalten langten die Reisenden in Carachi, dem Hafenplatz an den

vielverzweigten Mündungen des Indus, an, und Mr. Kennedys hohe Stellung

verschaffte ihnen Aufnahme in dem vornehmen Sind-Klub, wo Verpflegung

und Wohnung nicht das geringste zu wünschen übrig ließen. Der Klub war

von seinen regelmäßigen Besuchern fast ganz verlassen, da außer den

Offizieren auch alle irgend entbehrlichen Beamten zur Armee abgegangen

waren. Der Familie Kennedy aber stand ebensowenig wie Edith und Heideck

der Sinn nach interessanter Gesellschaft. Sie alle hatten jetzt keinen

anderen Wunsch mehr, als den, das Land so schnell als möglich zu

verlassen und den gegenwärtigen, peinlichen Zustand beendet zu sehen.

Auf Grund der bei der Schiffsagentur eingezogenen Erkundigungen hatten

sie beschlossen, mit einem Dampfer der British-India-Gesellschaft nach

Bombay zu fahren und von dort mit der ‚Caledonia‘, dem besten Schiffe

der Peninsular- und Oriental-Linie, nach Europa zu reisen.

Am Nachmittag vor der Einschiffung mietete Heideck einen bequemen

kleinen Einspänner und fuhr mit Edith zur Napier-Mole, wo man ihnen im

Bootshause des Sind-Klub bereitwillig ein mit vier Laskaris bemanntes,

elegantes Segelboot zur Verfügung stellte. Mit ihm fuhren sie in dem

durch drei mächtige Forts geschützten Hafen bis über Manora Point, die

äußerste Spitze der befestigten Mole, in die arabische See hinaus ....

„Wahrlich, es ist schwer, dies wunderbare Land zu verlassen,“ sagte

Heideck ernst. „Es ist schwer, für immer Abschied zu nehmen von dieser

strahlenden Sonne, diesem Glanz des Meeres, diesen mächtigen Werken der

Menschenhand, die in ein natürliches Paradies den Luxus und das Behagen

einer raffinierten Kultur gebracht haben. Nie habe ich den Schmerz

des Mr. Kennedy besser verstanden, als in diesem Augenblick! Und ich

kann ihm die Bitterkeit nachfühlen, mit der er sich in seinem Zimmer

verschließt, um nichts mehr von all dieser lockenden und prangenden

Herrlichkeit zu sehen.“

Edith hatte sich in seinen Arm geschmiegt, und indem sie ihren Blick

liebevoll zu ihm aufschlug, hatte sie keine andere Erwiderung als die:

„Ich sehe die Welt nur, wie sie sich in deinen Augen spiegelt. Und da

ist sie für mich immer von derselben Schönheit.“

[Illustration]

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman · 第 27 / 49 题