Die Kunde von Ediths Entführung -- denn nur darum konnte es sich
Heidecks Ueberzeugung nach handeln, weil sie sonst irgend eine
Nachricht für ihn hinterlassen haben würde, -- wirkte auf Heideck mit
niederschmetternder Gewalt.
Er erinnerte sich der furchtbaren Grausamkeiten, von denen man aus den
Zeiten des Sepoy-Aufstandes erzählte. Und er brauchte sich nur seine
eigenen Erlebnisse in Lahore ins Gedächtnis zurückzurufen, um überzeugt
zu sein, daß alle jene entsetzlichen Geschichten keine Uebertreibung
waren, sondern wohl eher noch hinter der Wirklichkeit zurückblieben.
War es aber nicht dieses Schicksal, dem Edith Irwin entgegenging, so
wartete ihrer vielleicht ein anderes schmachvolles Los, das dem Manne,
der sie liebte, noch fürchterlicher erscheinen mußte als der Tod.
Sein Erschrecken und seine tiefe Niedergeschlagenheit hatten dem
Fürsten nicht entgehen können. Teilnehmend legte er die Hand auf
Heidecks Schulter und sagte:
„Ich bin wirklich untröstlich, Herr Kamerad! Denn ich sehe wohl, wie es
mit Ihnen und der Dame steht. Aber vielleicht beunruhigen Sie sich ohne
Not. Diese Abreise kann doch immerhin noch eine ganz unverfängliche
Aufklärung finden.“
Heideck schüttelte den Kopf.
„Ich hege in dieser Hinsicht keine Hoffnungen mehr, denn alle Umstände
sprechen dafür, daß es der Maharadjah von Chanidigot war, der die Dame
in seine Gewalt gebracht hat. Dieser wollüstige Despot hat ja schon
seit Monaten danach getrachtet, sie zu besitzen. Was, um des Himmels
willen, kann man tun, die Unglückliche aus seinen Händen zu befreien?“
„Ich werde den General in Kenntnis setzen und zweifle nicht, daß er
eine Untersuchung anordnen wird. Wenn Ihre Vermutung zutrifft, wird
der Maharadjah selbstverständlich gezwungen werden, die Dame wieder
freizugeben. Aber ich möchte fast daran zweifeln. Der Despot von
Chanidigot ist augenblicklich weit von hier entfernt.“
„Das würde nicht ausschließen, daß andere in seinem Auftrage gehandelt
haben. Und glauben Sie wirklich, Ihr General würde es um einer
englischen Dame willen mit einem einflußreichen indischen Fürsten
verderben, auf dessen Bundesgenossenschaft Rußland in diesem Augenblick
doch vielleicht noch recht sehr angewiesen ist?“
„O, lieber Freund, wir sind nicht die Barbaren, für die man uns
im westlichen Europa leider noch immer hält. Wir wünschen an
Ritterlichkeit hinter niemandem zurückzustehen, und wir werden unser
Regiment in Indien sicherlich nicht damit beginnen, daß wir unter
unseren Augen verabscheuungswürdige Gewalttaten geschehen lassen. Ich
bin überzeugt, daß der General in diesem Punkte nicht anders denkt als
ich.“
„Sie wissen nicht, wie tröstlich und beruhigend es für mich ist, das zu
hören. Denn ich selbst werde ja nichts mehr für Mrs. Irwin tun können.
Seitdem ich weiß, daß Deutschland sich im Kriege befindet, darf ich ja
kein anderes Interesse mehr haben als das, so schnell als möglich zu
meiner Armee zu gelangen.“
„Allerdings! Die Soldatenpflicht über alles. Wie aber wollen Sie es
anfangen, jetzt nach Deutschland zu kommen? Es dürfte eine verteufelt
schwierige Aufgabe sein.“
„Ich muß es dennoch versuchen. Unter keinen Umständen darf ich hier
müßig verharren.“
„Nun, so lassen Sie uns überlegen. Das Nächstliegende wäre ja, daß Sie
von Bombay oder einer anderen Hafenstadt, wie Kalkutta, Madras oder
Carachi aus zur See nach Europa zurückkehrten. Carachi liegt uns am
nächsten. Man hat ihm ja den Namen des Eingangstores von Zentralasien
gegeben. Und von Lahore, Quetta oder Mooltan aus ist Carachi mit der
Eisenbahn am schnellsten zu erreichen. Aber eine Dampferverbindung
zwischen Carachi und Europa besteht nur auf dem Wege über Bombay. Es
gibt von dort aus keine andere direkte Schiffslinie als die nach dem
Persischen Golf. Sie müßten also auf einen der englischen Dampfer der
Peninsular- und Oriental-Linie gehen, die zweimal wöchentlich fahren.
Denn die französischen Messageries Maritimes, die sonst zwischen
Carachi und Marseille verkehrten, werden selbstverständlich ihre
Fahrten längst eingestellt haben. Sie könnten also ebensogut mit der
Eisenbahn bis Bombay fahren. Ueber Kalkutta oder Madras wäre es ein
gewaltiger Umweg!“
„Und ich sollte einzig auf die Benutzung der englischen Dampferlinie
angewiesen sein?“
„Daß die Schiffe des Norddeutschen Lloyd oder des Oesterreichischen
Lloyd noch verkehren sollten, halte ich für gänzlich ausgeschlossen.“
„Dann werde ich den Gedanken an diesen Reiseweg überhaupt aufgeben
müssen. Wenn ich mich nicht geradezu gefälschter Legitimationspapiere
bedienen will, die überdies kaum zu erlangen sein dürften, wird mich
kein englischer Dampfer als Passagier aufnehmen.“
„Das ist allerdings sehr wahrscheinlich,“ stimmte der Fürst nach
einigem Nachdenken zu. „Und dann -- wie sollten Sie nach Bombay
gelangen? Die Engländer zerstören auf ihrem Rückzuge ja alle
Eisenbahnen.“
„Nun, was das betrifft -- ich könnte ja zu Pferde reisen.“
„Mitten durch die englische Armee hindurch? Und auf die Gefahr hin, als
Spion aufgegriffen zu werden? Wissen Sie nicht, daß die Besiegten mit
dem Füsilieren vermeintlicher Spione gewöhnlich noch schneller bei der
Hand sind als die Sieger?“
Heideck mußte lächeln.
„In dieser Beziehung dürfte die Promptheit des russischen Verfahrens
doch kaum zu übertreffen sein. Aber ich gebe zu, daß Ihre Bedenken
sehr berechtigt sind. Danach verbliebe mir also nur noch der Weg nach
Norden.“
„Ja, Sie müßten mit einem leerfahrenden Zuge oder mit einem Transport
englischer Gefangener bis zum Kaiberpaß fahren, dann zu Pferd durch
Afghanistan bis an die Grenze, und von dort wiederum mit der Bahn bis
Krasnowodsk reisen. Weiter würde die Route über das Kaspische Meer nach
Baku oder mit der Eisenbahn über Tiflis nach Poti am Schwarzen Meer und
dann zu Schiff nach Konstantinopel gehen. Aber, mein lieber Kamerad,
das ist eine sehr lange, beschwerliche Reise.“
„Ich muß es dennoch versuchen. Es handelt sich um ein Gebot der Ehre,
und Sie sagen ja selbst, daß es keinen anderen Weg als den von Ihnen
bezeichneten gibt.“
„Gut! -- So werde ich für einen Paß sorgen und von dem General eine
Vollmacht für Sie erbitten, die Sie in den Stand setzt, auf unserer
Etappenstraße durch Afghanistan jederzeit Kosaken zu Ihrer Begleitung
zu erhalten. -- Aber --“ und das Aufleuchten in seinem Gesicht verriet,
daß ihm eine nach seinem Dafürhalten sehr glückliche Idee gekommen
sei -- „ließe sich nicht doch vielleicht ein Ausweg finden, der Ihnen
all' diese ungeheuren Strapazen erspart? Die Deutschen und Russen sind
Alliierte. Auch in den Reihen unserer Armee würden Sie Ihrem Vaterlande
dienen. Und ein Offizier, der Indien so gut kennt, wie Sie, wäre für
uns in diesem Augenblicke von großem Wert. Wenn Sie wollen, spreche ich
noch in dieser Stunde mit dem General. Und ich bin gewiß, daß er keinen
Augenblick zögern wird, Sie mit dem Range, den Sie in der deutschen
Armee bekleiden, seinem Stabe zu attachieren.“
Gerührt schüttelte Heideck dem Freunde die Hand.
„Sie machen es mir schwer, Ihnen nach Verdienst zu danken. Ohne Ihr
Eingreifen hätte mein Dasein einen sehr ruhmlosen Abschluß gefunden,
und was Sie mir da vorschlagen, ist mir ein neuer Beweis Ihrer
liebenswürdigen Teilnahme an meinem Geschick. Aber Sie zürnen mir
nicht, wenn ich ablehne -- nicht wahr? Gewiß würde es mir eine Ehre
sein, in Ihrer ausgezeichneten Armee zu dienen. Aber Sie sehen ein, daß
ich nicht nach Belieben über mich verfügen darf, sondern als Soldat
auf meinen Posten zurückkehren muß, gleichviel, welche Schwierigkeiten
dabei zu überwinden sind. Ich bitte Sie -- -- aber, mein Gott, was ist
denn das? Können in diesem Lande der Wunder selbst die Toten wieder
lebendig werden?“
Das Erstaunen, das ihm diese Frage eingegeben, war sehr natürlich, denn
das magere, schwarzbraune Männchen, das soeben im Eingang des Zeltes
erschien, war niemand anders als sein totgeglaubter treuer Diener Morar
Gopal. Um seine Stirn trug er einen frischen Verband. Einen Augenblick
blieb er wie gebannt in der Zelttür stehen, und in seinen dunklen
Augen spiegelte sich die Freude darüber, seinen Herrn unverletzt
wiedergefunden zu haben.
In tiefster Erregung stürzte Morar Gopal auf Heideck zu, warf sich
zur Erde, um nach Hindusitte den Boden mit der Stirn zu berühren, und
sprang dann mit allen Anzeichen der größten Freude wieder auf die Füße.
Heideck aber war kaum weniger bewegt als er und drückte dem treuen
Burschen kräftig die braune Hand.
„Diese Wahnwitzigen haben dich also nicht umgebracht? Aber ich sah dich
doch unter ihren Hieben fallen?“
Morar Gopal grinste verschmitzt.
„Ich warf mich zu Boden, als ich sah, daß doch alle Verteidigung
umsonst war. Und weil ich aus einer Wunde am Kopfe blutete, meinten sie
wohl, ich hätte genug. Gleich nachher kamen die Kosaken, und vor ihren
Pferden, die mich sonst zertreten hätten, machte ich mich schleunigst
wieder auf die Beine.“
„Du besitzt eine große Geistesgegenwart! Wie aber bist du zu dem
schönen Anzuge gekommen?“
„Ich lief ins Hotel zurück -- durch den hinteren Eingang, wo der Rauch
nicht so arg war, -- weil ich dachte, daß Sahib sich vielleicht dahin
gerettet hätte. Sahib habe ich allerdings nicht gefunden, wohl aber
diese Kleider. Und weil ich dachte, es sei besser, sie anzuziehen als
sie verbrennen zu lassen -- --“
„Schon gut, mein Braver! -- Man wird dich wegen dieses kleinen
Eigentumsvergehens schwerlich zur Rechenschaft ziehen.“
„Ich suchte Sahib an allen Orten, wo sich englische Gefangene befinden.
Und als ich in Anar Kali gerade dazukam, wie Mrs. Irwin in einem Wagen
weggeführt wurde, da wußte ich, daß ich nun auch die Spur meines Sahib
gefunden hatte.“
Mit Ungestüm erfaßte Heideck seinen Arm.
„Du hast es gesehen? Und du weißt auch, wer sie entführte?“
„Ja, Herr, es war der Siwalik, der Stallmeister des Prinzen Tasatat.
Und die Lady ist mit ihm auf dem Wege nach Simla.“
„Nach Simla? Woher kannst du das wissen?“
„Ich stand nahe genug, um jedes Wort zu verstehen, das die Inder
miteinander sprachen, und es war zwischen ihnen davon die Rede, daß sie
nach Simla gingen.“
„Und Mrs. Irwin? Sie sträubte sich nicht? Sie rief nicht um Hilfe? --
Sie ließ sich ruhig fortführen?“
„Die Lady war sehr stolz. Sie sprach kein Wort.“
Ein Ordonnanzoffizier trat ins Zelt und überbrachte dem Fürsten den
Befehl, sich sogleich bei dem Kommandierenden einzufinden.
„Wissen Sie, in welcher Angelegenheit?“ fragte der Oberst.
„Soviel ich weiß, handelt es sich um eine Beschwerde des Hauptmanns
Obrutschew, der die Exekutionsmannschaften befehligt. Er hat gemeldet,
der Herr Oberst habe einen Spion weggeführt, der auf Befehl des
Kriegsgerichts füsiliert werden sollte.“
Heideck war bestürzt.
„So werden Ihnen nun aus Ihrer Rettungstat noch ernste Ungelegenheiten
erwachsen,“ sagte er. „Aber da ich jetzt aus meiner Eigenschaft als
deutscher Offizier kein Hehl mehr zu machen brauche, kann ja, falls der
Feldtelegraph schon eingerichtet sein sollte, durch eine Anfrage beim
Generalstab meine Legitimation erwirkt werden.“
„Gewiß! Und ich bitte Sie, sich meinetwegen nicht zu beunruhigen. Ich
werde schon verantworten, was ich getan habe.“
Er entfernte sich in Begleitung des Ordonnanzoffiziers. Und Heideck
bestürmte den braven Morar Gopal aufs neue mit Fragen über die näheren
Umstände von Ediths Entführung.
Aber der Hindu konnte ihm nichts weiter sagen, da er nicht gewagt
hatte, sich Edith zu nähern. Ihm war es ja auch nur um die Auffindung
seines Herrn zu tun gewesen. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß
Heideck von Kosaken fortgeführt worden sei, und war nicht müde
geworden, weitere Nachforschungen anzustellen, bis er endlich mit dem
angebornen Scharfsinn seiner Rasse alles herausgebracht hatte. Daß er
von nun an das Los seines vergötterten Sahib wieder teilen würde, galt
ihm als selbstverständlich. Und Heideck hatte nicht das Herz, schon in
dieser Stunde des Wiedersehens seine Illusionen zu zerstören.
Nach Verlauf einer halben Stunde kehrte Fürst Tschadschawadse zurück.
Seine heitere Miene bewies, daß er gute Nachrichten bringe.
„Es ist alles in Ordnung. Mein Wort war für den General Bürgschaft
genug, und eine Anfrage in Berlin erschien ihm als überflüssig.“
„Wahrhaftig, ihr Russen treibt doch alles im großen Stil!“
rief Heideck. „Ein großes Reich, eine große Armee, eine große,
weitausschauende Politik und eine große Auffassung aller Dinge.“
„Auch wegen meiner Idee, Sie in die Reihen unseres Heeres
einzustellen, habe ich mit dem General gesprochen. Und er ist
vollkommen damit einverstanden. Auch er hält die Schwierigkeiten
einer Reise nach Deutschland unter den obwaltenden Umständen für fast
unüberwindlich. Und er macht Ihnen das Anerbieten, mit dem Range eines
Rittmeisters in seinen Stab einzutreten. Nach Berlin würden Sie ja
selbst im günstigsten Fall wahrscheinlich erst kommen, wenn der Krieg
längst beendet ist.“
„Ich glaube nicht, daß dieser Krieg so schnell beendigt sein wird.
Bedenken Sie, daß der halbe Erdball in Flammen steht!“
„Gleichviel! Sie sollten das Anerbieten nicht zurückweisen. Wir können
ja zu Ihrer Beruhigung in Berlin dieserhalb anfragen, der Feldtelegraph
reicht bis Peschawar zurück, die Verbindung mit Moskau, Petersburg und
Berlin ist also hergestellt.“
„Das nehme ich ohne weiteres an. Ich würde glücklich sein, wenn mir die
Erlaubnis erteilt würde, in Ihren Reihen zu kämpfen.“
„Daran ist gewiß nicht zu zweifeln. Ich werde Ihnen sofort die weiße
Sommer-Uniform und die eines Dragoner-Rittmeisters besorgen. Diesen
Säbel aber, Herr Kamerad, werden Sie, wie ich hoffe, als ein kleines
Gastgeschenk von mir annehmen.“
„Ich danke Ihnen von Herzen, Herr Oberst!“
„Ich begrüße Sie als den Unsrigen. Ich wäre sogar in der Lage, Ihnen
sogleich einen dienstlichen Auftrag zu erteilen.“
„Nicht ohne die Genehmigung aus Berlin, mein Fürst!“
„Nun wohl, warten wir sie ab. Aber es wäre sehr schade, wenn sie sich
wider unsere Erwartung verzögern würde. Der Auftrag, den ich Ihnen da
verschaffen wollte, würde Sie gewiß sehr interessiert haben.“
„Und darf ich fragen -- --“
„Der General beabsichtigt, ein Detachement nach Simla zu entsenden.“
„Noch Simla, der Sommerresidenz des Vizekönigs?“
„Ja.“
„Aber diese Gebirgsstadt ist doch jetzt ohne alle Bedeutung, der
Vizekönig ist doch in Kalkutta geblieben?“
„Ganz recht, das schließt indessen nicht aus, daß die Nachricht von der
Besetzung Simlas draußen in der Welt einigen Effekt machen würde. Und
überdies könnten sich in den dortigen Regierungsbureaus möglicherweise
interessante Aktenstücke befinden, von denen Kenntnis zu nehmen schon
der Mühe wert sein würde.“
„Und Sie halten es für möglich, daß Seine Exzellenz mich dahin schicken
könnte?“
„Da das Detachement, bei dem übrigens auch meine Dragoner, sowie
Infanterie und zwei Maschinengewehre sein werden, meiner Führung
anvertraut werden würde, habe ich den General gebeten, Sie der
Expedition zuzuteilen.“
Heideck verstand die hochsinnige Absicht des Fürsten, und fast
stürmisch schüttelte er ihm beide Hände.
„So möge der Himmel geben, daß die Erlaubnis aus Berlin rechtzeitig
eintrifft. Nichts in der Welt wünsche ich so sehnlich, als mit Ihnen
nach Simla gehen zu dürfen.“
[Illustration]