XVIII.

Die Kunde von Ediths Entführung -- denn nur darum konnte es sich

Heidecks Ueberzeugung nach handeln, weil sie sonst irgend eine

Nachricht für ihn hinterlassen haben würde, -- wirkte auf Heideck mit

niederschmetternder Gewalt.

Er erinnerte sich der furchtbaren Grausamkeiten, von denen man aus den

Zeiten des Sepoy-Aufstandes erzählte. Und er brauchte sich nur seine

eigenen Erlebnisse in Lahore ins Gedächtnis zurückzurufen, um überzeugt

zu sein, daß alle jene entsetzlichen Geschichten keine Uebertreibung

waren, sondern wohl eher noch hinter der Wirklichkeit zurückblieben.

War es aber nicht dieses Schicksal, dem Edith Irwin entgegenging, so

wartete ihrer vielleicht ein anderes schmachvolles Los, das dem Manne,

der sie liebte, noch fürchterlicher erscheinen mußte als der Tod.

Sein Erschrecken und seine tiefe Niedergeschlagenheit hatten dem

Fürsten nicht entgehen können. Teilnehmend legte er die Hand auf

Heidecks Schulter und sagte:

„Ich bin wirklich untröstlich, Herr Kamerad! Denn ich sehe wohl, wie es

mit Ihnen und der Dame steht. Aber vielleicht beunruhigen Sie sich ohne

Not. Diese Abreise kann doch immerhin noch eine ganz unverfängliche

Aufklärung finden.“

Heideck schüttelte den Kopf.

„Ich hege in dieser Hinsicht keine Hoffnungen mehr, denn alle Umstände

sprechen dafür, daß es der Maharadjah von Chanidigot war, der die Dame

in seine Gewalt gebracht hat. Dieser wollüstige Despot hat ja schon

seit Monaten danach getrachtet, sie zu besitzen. Was, um des Himmels

willen, kann man tun, die Unglückliche aus seinen Händen zu befreien?“

„Ich werde den General in Kenntnis setzen und zweifle nicht, daß er

eine Untersuchung anordnen wird. Wenn Ihre Vermutung zutrifft, wird

der Maharadjah selbstverständlich gezwungen werden, die Dame wieder

freizugeben. Aber ich möchte fast daran zweifeln. Der Despot von

Chanidigot ist augenblicklich weit von hier entfernt.“

„Das würde nicht ausschließen, daß andere in seinem Auftrage gehandelt

haben. Und glauben Sie wirklich, Ihr General würde es um einer

englischen Dame willen mit einem einflußreichen indischen Fürsten

verderben, auf dessen Bundesgenossenschaft Rußland in diesem Augenblick

doch vielleicht noch recht sehr angewiesen ist?“

„O, lieber Freund, wir sind nicht die Barbaren, für die man uns

im westlichen Europa leider noch immer hält. Wir wünschen an

Ritterlichkeit hinter niemandem zurückzustehen, und wir werden unser

Regiment in Indien sicherlich nicht damit beginnen, daß wir unter

unseren Augen verabscheuungswürdige Gewalttaten geschehen lassen. Ich

bin überzeugt, daß der General in diesem Punkte nicht anders denkt als

ich.“

„Sie wissen nicht, wie tröstlich und beruhigend es für mich ist, das zu

hören. Denn ich selbst werde ja nichts mehr für Mrs. Irwin tun können.

Seitdem ich weiß, daß Deutschland sich im Kriege befindet, darf ich ja

kein anderes Interesse mehr haben als das, so schnell als möglich zu

meiner Armee zu gelangen.“

„Allerdings! Die Soldatenpflicht über alles. Wie aber wollen Sie es

anfangen, jetzt nach Deutschland zu kommen? Es dürfte eine verteufelt

schwierige Aufgabe sein.“

„Ich muß es dennoch versuchen. Unter keinen Umständen darf ich hier

müßig verharren.“

„Nun, so lassen Sie uns überlegen. Das Nächstliegende wäre ja, daß Sie

von Bombay oder einer anderen Hafenstadt, wie Kalkutta, Madras oder

Carachi aus zur See nach Europa zurückkehrten. Carachi liegt uns am

nächsten. Man hat ihm ja den Namen des Eingangstores von Zentralasien

gegeben. Und von Lahore, Quetta oder Mooltan aus ist Carachi mit der

Eisenbahn am schnellsten zu erreichen. Aber eine Dampferverbindung

zwischen Carachi und Europa besteht nur auf dem Wege über Bombay. Es

gibt von dort aus keine andere direkte Schiffslinie als die nach dem

Persischen Golf. Sie müßten also auf einen der englischen Dampfer der

Peninsular- und Oriental-Linie gehen, die zweimal wöchentlich fahren.

Denn die französischen Messageries Maritimes, die sonst zwischen

Carachi und Marseille verkehrten, werden selbstverständlich ihre

Fahrten längst eingestellt haben. Sie könnten also ebensogut mit der

Eisenbahn bis Bombay fahren. Ueber Kalkutta oder Madras wäre es ein

gewaltiger Umweg!“

„Und ich sollte einzig auf die Benutzung der englischen Dampferlinie

angewiesen sein?“

„Daß die Schiffe des Norddeutschen Lloyd oder des Oesterreichischen

Lloyd noch verkehren sollten, halte ich für gänzlich ausgeschlossen.“

„Dann werde ich den Gedanken an diesen Reiseweg überhaupt aufgeben

müssen. Wenn ich mich nicht geradezu gefälschter Legitimationspapiere

bedienen will, die überdies kaum zu erlangen sein dürften, wird mich

kein englischer Dampfer als Passagier aufnehmen.“

„Das ist allerdings sehr wahrscheinlich,“ stimmte der Fürst nach

einigem Nachdenken zu. „Und dann -- wie sollten Sie nach Bombay

gelangen? Die Engländer zerstören auf ihrem Rückzuge ja alle

Eisenbahnen.“

„Nun, was das betrifft -- ich könnte ja zu Pferde reisen.“

„Mitten durch die englische Armee hindurch? Und auf die Gefahr hin, als

Spion aufgegriffen zu werden? Wissen Sie nicht, daß die Besiegten mit

dem Füsilieren vermeintlicher Spione gewöhnlich noch schneller bei der

Hand sind als die Sieger?“

Heideck mußte lächeln.

„In dieser Beziehung dürfte die Promptheit des russischen Verfahrens

doch kaum zu übertreffen sein. Aber ich gebe zu, daß Ihre Bedenken

sehr berechtigt sind. Danach verbliebe mir also nur noch der Weg nach

Norden.“

„Ja, Sie müßten mit einem leerfahrenden Zuge oder mit einem Transport

englischer Gefangener bis zum Kaiberpaß fahren, dann zu Pferd durch

Afghanistan bis an die Grenze, und von dort wiederum mit der Bahn bis

Krasnowodsk reisen. Weiter würde die Route über das Kaspische Meer nach

Baku oder mit der Eisenbahn über Tiflis nach Poti am Schwarzen Meer und

dann zu Schiff nach Konstantinopel gehen. Aber, mein lieber Kamerad,

das ist eine sehr lange, beschwerliche Reise.“

„Ich muß es dennoch versuchen. Es handelt sich um ein Gebot der Ehre,

und Sie sagen ja selbst, daß es keinen anderen Weg als den von Ihnen

bezeichneten gibt.“

„Gut! -- So werde ich für einen Paß sorgen und von dem General eine

Vollmacht für Sie erbitten, die Sie in den Stand setzt, auf unserer

Etappenstraße durch Afghanistan jederzeit Kosaken zu Ihrer Begleitung

zu erhalten. -- Aber --“ und das Aufleuchten in seinem Gesicht verriet,

daß ihm eine nach seinem Dafürhalten sehr glückliche Idee gekommen

sei -- „ließe sich nicht doch vielleicht ein Ausweg finden, der Ihnen

all' diese ungeheuren Strapazen erspart? Die Deutschen und Russen sind

Alliierte. Auch in den Reihen unserer Armee würden Sie Ihrem Vaterlande

dienen. Und ein Offizier, der Indien so gut kennt, wie Sie, wäre für

uns in diesem Augenblicke von großem Wert. Wenn Sie wollen, spreche ich

noch in dieser Stunde mit dem General. Und ich bin gewiß, daß er keinen

Augenblick zögern wird, Sie mit dem Range, den Sie in der deutschen

Armee bekleiden, seinem Stabe zu attachieren.“

Gerührt schüttelte Heideck dem Freunde die Hand.

„Sie machen es mir schwer, Ihnen nach Verdienst zu danken. Ohne Ihr

Eingreifen hätte mein Dasein einen sehr ruhmlosen Abschluß gefunden,

und was Sie mir da vorschlagen, ist mir ein neuer Beweis Ihrer

liebenswürdigen Teilnahme an meinem Geschick. Aber Sie zürnen mir

nicht, wenn ich ablehne -- nicht wahr? Gewiß würde es mir eine Ehre

sein, in Ihrer ausgezeichneten Armee zu dienen. Aber Sie sehen ein, daß

ich nicht nach Belieben über mich verfügen darf, sondern als Soldat

auf meinen Posten zurückkehren muß, gleichviel, welche Schwierigkeiten

dabei zu überwinden sind. Ich bitte Sie -- -- aber, mein Gott, was ist

denn das? Können in diesem Lande der Wunder selbst die Toten wieder

lebendig werden?“

Das Erstaunen, das ihm diese Frage eingegeben, war sehr natürlich, denn

das magere, schwarzbraune Männchen, das soeben im Eingang des Zeltes

erschien, war niemand anders als sein totgeglaubter treuer Diener Morar

Gopal. Um seine Stirn trug er einen frischen Verband. Einen Augenblick

blieb er wie gebannt in der Zelttür stehen, und in seinen dunklen

Augen spiegelte sich die Freude darüber, seinen Herrn unverletzt

wiedergefunden zu haben.

In tiefster Erregung stürzte Morar Gopal auf Heideck zu, warf sich

zur Erde, um nach Hindusitte den Boden mit der Stirn zu berühren, und

sprang dann mit allen Anzeichen der größten Freude wieder auf die Füße.

Heideck aber war kaum weniger bewegt als er und drückte dem treuen

Burschen kräftig die braune Hand.

„Diese Wahnwitzigen haben dich also nicht umgebracht? Aber ich sah dich

doch unter ihren Hieben fallen?“

Morar Gopal grinste verschmitzt.

„Ich warf mich zu Boden, als ich sah, daß doch alle Verteidigung

umsonst war. Und weil ich aus einer Wunde am Kopfe blutete, meinten sie

wohl, ich hätte genug. Gleich nachher kamen die Kosaken, und vor ihren

Pferden, die mich sonst zertreten hätten, machte ich mich schleunigst

wieder auf die Beine.“

„Du besitzt eine große Geistesgegenwart! Wie aber bist du zu dem

schönen Anzuge gekommen?“

„Ich lief ins Hotel zurück -- durch den hinteren Eingang, wo der Rauch

nicht so arg war, -- weil ich dachte, daß Sahib sich vielleicht dahin

gerettet hätte. Sahib habe ich allerdings nicht gefunden, wohl aber

diese Kleider. Und weil ich dachte, es sei besser, sie anzuziehen als

sie verbrennen zu lassen -- --“

„Schon gut, mein Braver! -- Man wird dich wegen dieses kleinen

Eigentumsvergehens schwerlich zur Rechenschaft ziehen.“

„Ich suchte Sahib an allen Orten, wo sich englische Gefangene befinden.

Und als ich in Anar Kali gerade dazukam, wie Mrs. Irwin in einem Wagen

weggeführt wurde, da wußte ich, daß ich nun auch die Spur meines Sahib

gefunden hatte.“

Mit Ungestüm erfaßte Heideck seinen Arm.

„Du hast es gesehen? Und du weißt auch, wer sie entführte?“

„Ja, Herr, es war der Siwalik, der Stallmeister des Prinzen Tasatat.

Und die Lady ist mit ihm auf dem Wege nach Simla.“

„Nach Simla? Woher kannst du das wissen?“

„Ich stand nahe genug, um jedes Wort zu verstehen, das die Inder

miteinander sprachen, und es war zwischen ihnen davon die Rede, daß sie

nach Simla gingen.“

„Und Mrs. Irwin? Sie sträubte sich nicht? Sie rief nicht um Hilfe? --

Sie ließ sich ruhig fortführen?“

„Die Lady war sehr stolz. Sie sprach kein Wort.“

Ein Ordonnanzoffizier trat ins Zelt und überbrachte dem Fürsten den

Befehl, sich sogleich bei dem Kommandierenden einzufinden.

„Wissen Sie, in welcher Angelegenheit?“ fragte der Oberst.

„Soviel ich weiß, handelt es sich um eine Beschwerde des Hauptmanns

Obrutschew, der die Exekutionsmannschaften befehligt. Er hat gemeldet,

der Herr Oberst habe einen Spion weggeführt, der auf Befehl des

Kriegsgerichts füsiliert werden sollte.“

Heideck war bestürzt.

„So werden Ihnen nun aus Ihrer Rettungstat noch ernste Ungelegenheiten

erwachsen,“ sagte er. „Aber da ich jetzt aus meiner Eigenschaft als

deutscher Offizier kein Hehl mehr zu machen brauche, kann ja, falls der

Feldtelegraph schon eingerichtet sein sollte, durch eine Anfrage beim

Generalstab meine Legitimation erwirkt werden.“

„Gewiß! Und ich bitte Sie, sich meinetwegen nicht zu beunruhigen. Ich

werde schon verantworten, was ich getan habe.“

Er entfernte sich in Begleitung des Ordonnanzoffiziers. Und Heideck

bestürmte den braven Morar Gopal aufs neue mit Fragen über die näheren

Umstände von Ediths Entführung.

Aber der Hindu konnte ihm nichts weiter sagen, da er nicht gewagt

hatte, sich Edith zu nähern. Ihm war es ja auch nur um die Auffindung

seines Herrn zu tun gewesen. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß

Heideck von Kosaken fortgeführt worden sei, und war nicht müde

geworden, weitere Nachforschungen anzustellen, bis er endlich mit dem

angebornen Scharfsinn seiner Rasse alles herausgebracht hatte. Daß er

von nun an das Los seines vergötterten Sahib wieder teilen würde, galt

ihm als selbstverständlich. Und Heideck hatte nicht das Herz, schon in

dieser Stunde des Wiedersehens seine Illusionen zu zerstören.

Nach Verlauf einer halben Stunde kehrte Fürst Tschadschawadse zurück.

Seine heitere Miene bewies, daß er gute Nachrichten bringe.

„Es ist alles in Ordnung. Mein Wort war für den General Bürgschaft

genug, und eine Anfrage in Berlin erschien ihm als überflüssig.“

„Wahrhaftig, ihr Russen treibt doch alles im großen Stil!“

rief Heideck. „Ein großes Reich, eine große Armee, eine große,

weitausschauende Politik und eine große Auffassung aller Dinge.“

„Auch wegen meiner Idee, Sie in die Reihen unseres Heeres

einzustellen, habe ich mit dem General gesprochen. Und er ist

vollkommen damit einverstanden. Auch er hält die Schwierigkeiten

einer Reise nach Deutschland unter den obwaltenden Umständen für fast

unüberwindlich. Und er macht Ihnen das Anerbieten, mit dem Range eines

Rittmeisters in seinen Stab einzutreten. Nach Berlin würden Sie ja

selbst im günstigsten Fall wahrscheinlich erst kommen, wenn der Krieg

längst beendet ist.“

„Ich glaube nicht, daß dieser Krieg so schnell beendigt sein wird.

Bedenken Sie, daß der halbe Erdball in Flammen steht!“

„Gleichviel! Sie sollten das Anerbieten nicht zurückweisen. Wir können

ja zu Ihrer Beruhigung in Berlin dieserhalb anfragen, der Feldtelegraph

reicht bis Peschawar zurück, die Verbindung mit Moskau, Petersburg und

Berlin ist also hergestellt.“

„Das nehme ich ohne weiteres an. Ich würde glücklich sein, wenn mir die

Erlaubnis erteilt würde, in Ihren Reihen zu kämpfen.“

„Daran ist gewiß nicht zu zweifeln. Ich werde Ihnen sofort die weiße

Sommer-Uniform und die eines Dragoner-Rittmeisters besorgen. Diesen

Säbel aber, Herr Kamerad, werden Sie, wie ich hoffe, als ein kleines

Gastgeschenk von mir annehmen.“

„Ich danke Ihnen von Herzen, Herr Oberst!“

„Ich begrüße Sie als den Unsrigen. Ich wäre sogar in der Lage, Ihnen

sogleich einen dienstlichen Auftrag zu erteilen.“

„Nicht ohne die Genehmigung aus Berlin, mein Fürst!“

„Nun wohl, warten wir sie ab. Aber es wäre sehr schade, wenn sie sich

wider unsere Erwartung verzögern würde. Der Auftrag, den ich Ihnen da

verschaffen wollte, würde Sie gewiß sehr interessiert haben.“

„Und darf ich fragen -- --“

„Der General beabsichtigt, ein Detachement nach Simla zu entsenden.“

„Noch Simla, der Sommerresidenz des Vizekönigs?“

„Ja.“

„Aber diese Gebirgsstadt ist doch jetzt ohne alle Bedeutung, der

Vizekönig ist doch in Kalkutta geblieben?“

„Ganz recht, das schließt indessen nicht aus, daß die Nachricht von der

Besetzung Simlas draußen in der Welt einigen Effekt machen würde. Und

überdies könnten sich in den dortigen Regierungsbureaus möglicherweise

interessante Aktenstücke befinden, von denen Kenntnis zu nehmen schon

der Mühe wert sein würde.“

„Und Sie halten es für möglich, daß Seine Exzellenz mich dahin schicken

könnte?“

„Da das Detachement, bei dem übrigens auch meine Dragoner, sowie

Infanterie und zwei Maschinengewehre sein werden, meiner Führung

anvertraut werden würde, habe ich den General gebeten, Sie der

Expedition zuzuteilen.“

Heideck verstand die hochsinnige Absicht des Fürsten, und fast

stürmisch schüttelte er ihm beide Hände.

„So möge der Himmel geben, daß die Erlaubnis aus Berlin rechtzeitig

eintrifft. Nichts in der Welt wünsche ich so sehnlich, als mit Ihnen

nach Simla gehen zu dürfen.“

[Illustration]

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman · 第 24 / 49 题