Schneller fast, als es bei der starken Beschäftigung des Telegraphen
zu erhoffen gewesen war, traf aus Berlin die Weisung ein, daß der
Hauptmann Heideck einstweilen in der russischen Armee Dienste tun dürfe
und daß es seinem Ermessen anheimgestellt werde, die erste günstige
Gelegenheit zur Rückkehr nach Deutschland zu benutzen.
Er stellte sich nunmehr dem kommandierenden General vor, wurde von ihm
mit Wort und Handschlag verpflichtet, und in aller Form dem nach Simla
bestimmten Detachement als Rittmeister zugeteilt.
Am nächsten Morgen schon setzte sich die Truppe unter Führung des
Fürsten Tschadschawadse in Bewegung.
Der Marsch führte über den östlich von Lahore gelegenen Teil des
Schlachtfeldes, auf dem sich vornehmlich die Kämpfe zwischen den Sepoys
und den verfolgenden russischen Reitern abgespielt hatten.
Der Anblick, den diese zerstampfte, blutgetränkte Ebene gewährte, war
traurig erschütternd. Obwohl zahlreiche Inder und russische Soldaten
unter der Leitung von Armee-Gendarmen mit dem Aufsuchen der Leichen
beschäftigt waren, lagen doch noch überall die teilweise schrecklich
entstellten Leiber der Gefallenen in denselben Stellungen, in denen sie
von dem mehr oder weniger qualvollen Tode ereilt worden waren. Ein fast
unerträglicher Verwesungsgeruch erfüllte die Luft und mischte sich mit
dem beizenden, atemraubenden Qualm der Scheiterhaufen, auf denen man
die Leichen verbrannte.
Das Gros der russischen Armee befand sich im Lager und in der Stadt.
Nur die Avantgarde, von der Verfolgung der fliehenden Engländer
zurückgekehrt, war südlich der Stadt vorgeschoben. Die von Peschawar
abgegangenen Verstärkungen, die mit einiger Ungeduld erwartet wurden,
waren noch nicht eingetroffen.
Heideck hörte, daß etwa viertausend englische Soldaten und mehr als
hundert Offiziere tot oder verwundet seien, während sich dreitausend
Mann und fünfundachtzig Offiziere gefangen in den Händen der Russen
befanden. Die Verluste der Sepoy-Regimenter ließen sich vorläufig nicht
einmal annähernd schätzen, da sich die Kämpfe über ein zu weites Gebiet
hingezogen hatten.
Fürst Tschadschawadse, der jetzt bei aller Herzlichkeit gegen Heideck
doch mehr die Haltung eines militärischen Vorgesetzten angenommen
hatte, erzählte während des Rittes, daß die russische Armee den Weg
durch die Westprovinzen nehmen, das Industal und die dem Indus zunächst
liegenden Länderstrecken aber unberührt lassen würde.
„Wir werden auf Delhi marschieren,“ äußerte er, „und dann
wahrscheinlich auf Cawnpore und Lucknow vorgehen.“
Das Detachement konnte die Eisenbahn, die über Amritsar und Ambala nach
Simla führt, nicht benutzen, da sie zum großen Teil von den Engländern
zerstört worden war. Die Schnelligkeit des Marsches war natürlich ganz
von der Leistungsfähigkeit der Infanterie abhängig. Und so sehr Heideck
die Frische und Ausdauer dieser abgehärteten Soldaten bewundern mußte,
kam man doch für seine Wünsche viel zu langsam vorwärts.
Wie glücklich wäre er gewesen, wenn er mit seiner Schwadron im
Geschwindmarsch auf dem Wege hätte vordringen dürfen, den die
unglückliche Edith hatte einschlagen müssen!
Schon am zweiten Tage zeigten sich in der Ferne deutlich schön
umrissene blaue und violette Gebirgszüge: -- das dem Himalaja
vorgelagerte Hügelland, dessen niedrige Sommertemperatur den Vizekönig
und die hohen Beamten der indischen Regierung alljährlich bestimmte,
sich aus dem unerträglich heißen und dunstigen Kalkutta in das kühle
und gesunde Simla zu flüchten. Auch die Familien der im Pendschab und
in den westlichen Provinzen wohnenden reichen englischen Kaufleute und
Beamten pflegten während der heißen Jahreszeit hier ihren Aufenthalt zu
nehmen.
Die Vegetation wurde immer reicher und üppiger. Man kam durch prächtige
Dschungeln, die stellenweise ganz den Eindruck künstlich angelegter
Parks hervorbrachten. Scharen von Affen tummelten sich in den Banianen
und Palmen und machten die waghalsigsten Sätze von einer Luftwurzel zur
anderen. Die Annäherung der Soldaten schien diesen munteren Geschöpfen
sehr wenig Furcht einzuflößen; denn sie blieben oft unmittelbar über
ihren Köpfen sitzen und betrachteten mit ebensoviel Neugier als
augenfälligem Wohlgefallen das ungewohnte militärische Schauspiel.
Buntgefiederte Papageien erfüllten die Luft mit ihrem durchdringenden
Gekreisch, und hier und da wurde ein Rudel Antilopen sichtbar, die
indessen stets in rascher Flucht davongingen, wobei ihre merkwürdige
Art, mit allen vier Beinen zugleich vom Boden empor zu springen, den
wunderlichsten und ergötzlichsten Anblick gewährte.
Am dritten Tage kreuzte ein farbenbunter Reiterzug den Weg des
Detachements. Es waren augenscheinlich vornehme Inder in halb
einheimischer, halb englischer Kleidung auf vortrefflichen Hengsten,
wie sie aus der Kreuzung von arabischem und Guzerat-Blut hervorgehen.
An ihrer Spitze ritt ein prachtvoll gekleideter, dunkelbärtiger Mann
auf einem Schimmel von besonderer Schönheit.
Er hielt an, um einige Worte höflicher Begrüßung mit dem russischen
Obersten auszutauschen. Als er sich dann mit seinen lanzenbewehrten
Reitern wieder in Bewegung gesetzt hatte, um den Blicken der
Nachschauenden gar bald im dichten Dschungel zu entschwinden, winkte
der Fürst Heideck an seine Seite.
„Eine Neuigkeit für Sie, Herr Kamerad! -- Der vornehme Inder, mit dem
ich soeben sprach, war der Maharadjah von Sabathu, und er ist eben im
Begriff, seinen auf einem Jagdausfluge begriffenen Gast und Freund, den
Maharadjah von Chanidigot, zu suchen.“
„Den Maharadjah von Chanidigot?“ rief Heideck mit funkelnden Augen.
„Der Elende wäre also wirklich in unserer unmittelbaren Nähe?“
„Das von den beiden Fürsten aufgeschlagene Jagdlager befindet sich in
unserer Marschrichtung, und der Maharadjah hat mich eingeladen, mit
meinen Leuten diese Nacht dort zu kampieren. Ich hätte in der Tat nicht
übel Lust, diese freundliche Einladung anzunehmen.“
„Und haben Sie ihn nicht nach Mrs. Irwin gefragt, mein Fürst?“
Das Gesicht des Obersten hatte bei dieser Frage Heidecks einen
befremdlich ernsten, beinahe abweisenden Ausdruck angenommen.
„Nein.“
„Aber es ist doch mehr als wahrscheinlich, daß sie sich ebenfalls in
seinem Lager befindet.“
„Wohl möglich, obwohl einstweilen noch jeder Beweis dafür fehlt.“
„Sie werden Nachforschungen nach ihr anstellen, nicht wahr? Werden den
Maharadjah zwingen, uns Aufklärung über ihren Verbleib zu geben?“
„Ich dürfte ihn höchstens in höflicher Form um eine Aufklärung
ersuchen. Aber auch das kann ich Ihnen noch nicht mit Sicherheit
versprechen.“
Heideck war auf das Aeußerste überrascht. Er konnte sich die Wandlung
in dem Benehmen des Fürsten durchaus nicht erklären. Und er wäre
geneigt gewesen, seine sonderbaren Antworten für einen, freilich nicht
sehr zarten Scherz zu nehmen, wenn nicht der eisige, undurchdringliche
Ausdruck seines Gesichts jede derartige Vermutung von vornherein
ausgeschlossen hätte.
„Aber ich verstehe nicht, mein Fürst --“ sagte er betroffen. „Sie
hatten doch noch vor wenig Tagen die Güte, mir Ihren tatkräftigen
Beistand in dieser Angelegenheit zu versprechen.“
„Ich bin zu meinem Bedauern genötigt, die Zusage zurückzunehmen. Denn
ich habe strikte Weisung von Seiner Exzellenz, alles zu vermeiden,
was zu einer Reibung mit den eingeborenen Fürsten führen könnte. Daß
man gerade auf die Person des Maharadjah von Chanidigot einen ganz
besonderen Wert legt, war mir zur Zeit unserer Unterredung nicht
bekannt. Er ist der Erste gewesen, der sich offen für Rußland erklärt
hat und dessen Truppen zu uns übergingen. Der glückliche Ausgang
der Schlacht bei Lahore ist vielleicht zum nicht geringen Teil ihm
zu verdanken. Sie begreifen, Herr Rittmeister, daß es den übelsten
Eindruck hervorrufen würde, wenn wir mit einem für uns so wichtigen
Mann aus geringfügiger Ursache in Zwistigkeiten gerieten.“
„Aus geringfügiger Ursache?“ fragte Heideck ernst, und seine Augen
funkelten hell auf vor Erregung.
„Nun ja, was Ihnen von so großer Bedeutung erscheint, ist doch von
einem höheren politischen Standpunkte aus betrachtet sehr klein
und unwichtig. Sie können unmöglich erwarten, daß die politischen
Interessen eines Weltreiches den Interessen einer einzigen Dame
geopfert werden, die noch dazu ihrer Nationalität nach zu unsern
Gegnern gehört.“
„Sie sollte also hilflos der Bestialität dieses Wüstlings preisgegeben
sein?“
Fürst Tschadschawadse zuckte die Achseln; aber er streifte zugleich
den neben ihm reitenden Heideck mit einem sonderbaren Seitenblick, der
ungefähr zu sagen schien:
‚Wie schwerfällig bist du doch, mein Lieber! Und wie langsam von
Begriffen!‘
Der andere aber verstand diese stumme Augensprache nicht. Und nach
einem kleinen Schweigen konnte er sich nicht enthalten, im Tone
schmerzlichen Vorwurfs zu äußern:
„Weshalb, mein Fürst, erwirkten Sie mir so großmütig die Teilnahme an
dieser Expedition, wenn ich doch zugleich zur Untätigkeit gezwungen
werden sollte, in einer Sache, die mir, wie Sie wußten, augenblicklich
mehr als alles andere am Herzen liegt!“
„Ich erinnere mich nicht, Ihnen einen solchen Zwang auferlegt zu haben,
Herr Rittmeister! Es war lediglich meine Stellungnahme zu der Sache,
die ich Ihnen klar zu machen wünschte. Und ich hoffe, Sie haben mich
vollkommen verstanden. Ich will und darf mit der Angelegenheit der Mrs.
Irwin offiziell nichts zu schaffen haben, und ich wünsche, nichts davon
zu hören. Daß ich mich andererseits nicht in Ihre Privatverhältnisse
einmischen und mich nicht darum kümmern werde, ist selbstverständlich.
Es genügt mir vollständig, wenn Sie mich nicht in irgend welche
Verlegenheit und Zwangslage bringen.“
Das war ja allerdings viel weniger, als Heideck nach den feurigen
Versprechungen seines Freundes erhofft hatte. Aber er mußte sich
bei ruhiger Ueberlegung sagen, daß der Fürst in der Tat kaum anders
handeln durfte und daß er bis an die äußerste Grenze des Möglichen
ging, wenn er ihm nicht geradezu verbot, irgend etwas zu Gunsten der
unglücklichen Edith zu unternehmen. Heidecks Entschluß, das Aeußerste
für die Befreiung des geliebten Weibes zu wagen, wurde dadurch ja
keinen Augenblick erschüttert; aber er wußte nun, daß er mit äußerster
Vorsicht zu Werke gehen müßte und daß er auf niemandes Beistand zu
rechnen habe -- eine Erkenntnis, die nicht gerade geeignet war, ihn mit
freudigen Hoffnungen zu erfüllen.
Nach kurzem Marsche erreichte das Detachement den unmittelbar am Fuße
der ersten Hügel gelegenen weiten, von mächtigen Bäumen beschatteten
Platz, auf dem der Maharadjah sein improvisiertes Jagdlager
aufgeschlagen hatte. Eine große Anzahl von Zelten war unter den Bäumen
aufgerichtet worden. Ein buntes Menschengewimmel bewegte sich zwischen
ihnen.
Daß er selber nicht das Lager nach Edith Irwin durchsuchen konnte,
ohne die Aufmerksamkeit der Inder zu erregen und damit den Erfolg
seines Vorhabens von vornherein zu vereiteln, war Heideck vollkommen
klar. Und er hatte niemanden, den er mit der bedeutsamen Aufgabe
betrauen konnte, als den treuen Morar Gopal, der ihm trotz aller
drohenden Kriegsschrecknisse auch auf diesem Marsche nach Simla
gefolgt war, obgleich ihm Heideck seine Entlassung unter Zahlung eines
mehrmonatlichen Lohnes angeboten hatte.
So nahm er ihn denn, nachdem das Signal zum Halten und Absitzen gegeben
worden war, beiseite und erteilte ihm seine Instruktionen, indem er
ihm zugleich eine Handvoll Rupien für die etwa nötigen Bestechungen
einhändigte.
Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte der Hindu seinen Worten, und das
Mienenspiel seines klugen, dunklen Gesichts verriet, ein wie lebhaftes
persönliches Interesse diese Angelegenheit seines Herrn für ihn hatte.
„Es wird alles geschehen, wie du es wünschest, Sahib!“ sagte er, und
war bald nachher scheinbar spurlos in dem bunten Gewühl der schier
zahllosen Dienerschaft der beiden indischen Fürsten verschwunden.
[Illustration]