XVII.

Im Foreign Office zu London versammelte sich der Ministerrat. Mit

düsteren Mienen hatten sich die Lords eingefunden. Wie eine finstere

Wolke lagerte die Ahnung einer Katastrophe über England, allerhand

schlimme Gerüchte waren im Lande verbreitet, und mit dumpfer Beklemmung

sah man den kommenden Ereignissen entgegen.

„Eine Depesche des kommandierenden Generals,“ sagte der

Ministerpräsident, indem er das Papier in seiner Hand entfaltete. Und

es wurde totenstill im Gemach:

‚Schmerzlich bewegt sende ich der Regierung Seiner Majestät die

Nachricht von einer großen Niederlage, die ich vorgestern bei

Lahore erlitten habe. Erst heute habe ich Delhi mit den Trümmern

meiner Armee erreicht, die von der russischen Avantgarde verfolgt

wurde. Wir hatten eine sehr günstige Aufstellung am linken Ufer

des Ravi eingenommen und waren im Begriff, der russischen Armee

den Uebergang über den Fluß zu verwehren, als ein überraschend

starker Angriff auf unsern linken Flügel bei Schah Dara uns nötigte,

diesen Flügel zu verstärken und dadurch das Zentrum zu schwächen.

Gedeckt vom Dschungel am Flußufer, gelang es russischer Kavallerie

und mohammedanischen Hilfstruppen der russischen Armee den Fluß zu

überschreiten und unsere Sepoy-Regimenter in Unordnung zu bringen.

Die Truppen des Maharadjah von Chanidigot gingen in verräterischer

Weise zum Feinde über, und das war entscheidend. Wären nicht

sämtliche Sepoy-Regimenter abgefallen, so hätte ich die Schlacht

halten können, aber die englischen Regimenter unter meinem Befehl

waren zu schwach, um der Uebermacht des Feindes lange Widerstand

zu leisten. Die Tapferkeit dieser Regimenter verdient das höchste

Lob, aber nach mehrstündigem Kampfe mußte ich den Befehl zum Rückzug

geben. Wir zogen uns auf die Stadt Lahore zurück, und es gelang mir,

einen Teil der Truppen mit der Eisenbahn nach Delhi zu bringen. Diese

Stadt werde ich aufs äußerste verteidigen. Verstärkungen sind aus

allen Militärstationen des Landes unterwegs. Wie groß unsere Verluste

sind, kann ich noch nicht angeben. An intakten Truppen habe ich

fünftausend Mann nach Delhi zurückbringen können.‘

Eisiges Schweigen lag auf dem Kreise der Lords nach Verlesung der

Unglücksbotschaft. Dann nahm der Kriegsminister das Wort:

„Diese Depesche ist freilich wie ein Keulenschlag. Unser bester

Feldherr, die aus den besten Truppen Indiens gebildete Armee sind

völlig besiegt. Mit Recht könnten wir ja sagen, daß Englands Größe noch

fest auf beiden Füßen steht, so lange England, diese meerumgürtete

Insel, vor dem Feinde gesichert ist. Keine Niederlage in Indien oder in

einer der Kolonieen kann uns tödlich treffen. Was wir in einem Erdteil

verlieren, nehmen wir doppelt in einem andern zurück, so lange wir

im Haupte selbst und im Herzen, auf unserer Insel, stark und gesund

sind. Aber das ist es gerade, was mich besorgt macht. Die Sicherheit

Großbritanniens ist bedroht, wo fast die ganze Welt die Waffen gegen

uns erhebt. Eine starke französische Armee steht zur Invasion bereit,

Dover gegenüber, eine starke deutsche Armee in den Niederlanden,

ebenfalls bereit, an unsere Küsten überzusetzen. Ich frage, welche

Maßregeln sind getroffen worden, um einen Angriff auf unser Mutterland

abzuwehren?“

„Die britische Flotte,“ entgegnete der erste Lord der Admiralität, „ist

stark genug, die Flotten unserer Feinde zu zerschmettern, wenn sie

wagen sollten, sich auf offenem Meere zu zeigen. Aber die russische,

französische und deutsche Flotte sind so klug, sich unter dem Schutze

der Festungen in den Häfen zu halten. Wir haben zwei Flotten im

Kanal, die eine, von zehn Linienschiffen nebst achtzehn Kreuzern und

den nötigen kleinen Fahrzeugen, dazu bestimmt, die deutsche Flotte

anzugreifen, die andere, stärkere, von vierzehn Linienschiffen und

vierundzwanzig Kreuzern, dazu bestimmt, die französische Flotte zu

vernichten. Eine dritte Flotte ist im Hafen von Kopenhagen, um die

russische Flotte an ihrer Vereinigung mit der deutschen zu verhindern.

Der Plan, nach Kronstadt zu fahren, ist aufgegeben worden, da die

Erfahrungen des Krimkrieges warnen und wir unsere Seestreitkräfte nicht

zu weit auseinanderziehen wollen. Unsere Admirale und Kapitäne werden

durch die Nachricht von den Erfolgen der Russen davon überzeugt werden,

daß es sich jetzt um Englands Ehre und Englands Bestand handelt. Als

wir im achtzehnten Jahrhundert Frankreichs Seemacht von allen Meeren

vertrieben, und als wir die Flotte des großen Napoleon besiegten,

da galt die Regel, daß jeder besiegte Admiral und Kapitän unserer

Marine standrechtlich erschossen wurde und daß schon bei jedem nicht

völlig ausgenutzten Erfolg unserer Kriegsschiffe das Kriegsgericht den

Befehlshaber absetzte. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo jene alten,

strengen Gesetze wieder in Wirkung treten müssen.“

„Nach dem letzten Bericht der Admiralität,“ sagte der Lord Großkanzler,

„hatte die Flotte siebenundzwanzig neue Panzerschlachtschiffe,

deren ältestes von 1895 ist. Die Panzer von 1902: Albemarle,

Cornwallis, Duncan, Exmouth, Montagu und Russell, sowie die Panzer

von 1899: Bulwark, Formidable, Implacable, Irresistible, London und

Venerable sind, wie ich aus dem Bericht ersehe, nach den neuesten

technischen Grundsätzen konstruiert und armiert. Sind alle modernen

siebenundzwanzig Panzer bei der Kanalflotte?“

„Nein, der Albion, der Ozean und die Glory sind auswärts. Die

zwölf neuesten Panzer, die Eure Herrlichkeit nannte, sind beiden

Kanalflotten eingereiht. Aber auch mehrere ältere Schlachtschiffe,

wie Centurion, Royal Sovereign, Empreß of India, sind im Kanal. Ich

darf wohl sagen, daß die beiden Kanalflotten völlig geeignet für

ihre Aufgaben sind. Wir haben vierundzwanzig ältere Panzer, die aber

sämtlich von ausgezeichnetem Werte für das Gefecht sind.“

„Von diesen älteren Panzern sind viele noch mit Vorderladern

ausgerüstet.“

„Allerdings. Aber ob die allgemeine Annahme, Hinterlader seien

gefechtstüchtiger, durchaus richtig ist, kann erst eine Seeschlacht

erweisen. Bei Schnellfeuergeschützen ist es ja gewiß, daß der

Hinterlader die allein richtige Konstruktion ist, aber bei unseren

schwersten Geschützen, die ein Kaliber von 30,5 Zentimeter haben und

eine Zeit von drei bis vier Minuten beanspruchen, um geladen zu werden,

kommen die Vorteile des Schnellfeuers überhaupt nicht in Frage, sondern

hier kommt es auf das genaue Zielen an, damit das wuchtige Geschoß an

die richtige Stelle schlägt. Und hierzu ist ein geschicktes Manövrieren

von der größten Wichtigkeit. Außerdem zeigen uns die Kämpfe vor Port

Arthur die große Bedeutung des Torpedos und der Mine. Die russische

Flotte hat ihre schwersten Verluste durch das gewandte Manövrieren und

den überlegenen Torpedogebrauch der Japaner erlitten. Es scheint, als

ob überhaupt in modernen Seeschlachten der Artilleriekampf gegen den

Minenkrieg zurücktreten sollte, und da wird sich unsere Ueberlegenheit

an Unterseebooten beim Angriff auf die in den Häfen liegenden Flotten

Deutschlands und Frankreichs zeigen. Erst eine Seeschlacht zwischen

unseren Geschwadern und denen der Franzosen und Deutschen kann eine

Lehre für den richtigen Gebrauch moderner Kriegsschiffe sein. Und

es wird eine Lehre werden, eine Lehre für die Unbesonnenen, die es

wagen werden, sich dem Feuer einer britischen Breitseite und dem

Angriff unserer Torpedoboote und Unterseeboote auszusetzen. Mögen die

Panzerungen sein, wie sie wollen: der beste Panzer Großbritanniens ist

die feste, treue Brust der Briten.“

„Ich kann, wenn ich solche Erklärungen höre,“ warf der Kolonialminister

ein, „mich des Verdachtes nicht erwehren, daß der ganze Plan der

Flottenverwendung falsch ist.“

„Ich bitte um Begründung dieses Verdachtes,“ erwiderte der Lord der

Admiralität etwas gereizt.

„Von jeher ist gesagt worden, daß England die Oberherrschaft zur See

hätte. Nun währt der Krieg schon eine ganze Zeit, und ich merke nichts

von unserer Oberherrschaft.“

„Wie können Sie das sagen? Der Handel unserer Feinde ist vollständig

lahmgelegt worden, und unsere Schiffe verkehren überall frei wie sonst.“

„Das mag sein, aber unter der Oberherrschaft zur See verstehe ich etwas

anderes. Kein Seesieg ist bis jetzt erfochten worden. Die feindlichen

Flotten sind noch intakt. So lange diese nicht vernichtet sind, liegt

immer noch die Gefahr nahe, daß der Krieg eine für uns nachteilige

Wendung nehmen kann. Erst der Kampf auf offener See entscheidet.

Die englische Flotte sollte, wenn sie wirklich die herrschende ist,

die feindlichen Schiffe zur entscheidenden Schlacht zwingen. Warum

blockieren wir nicht die französische und die deutsche Flotte in den

Häfen und zwingen sie, sich uns zu stellen? Unsere Geschütze tragen

drei Meilen weit, wir können die Feinde im Hafen erreichen. Was soll

diese Trennung in drei Teile? Die Flotte sollte im Kanal zu einem

zerschmetternden Schlage vereinigt werden.“

„Der sehr ehrenwerte Herr vergißt, daß eine Vereinigung unserer Flotte

auch die Vereinigung der feindlichen Flotte zur Folge haben würde.

Verlassen wir unsere Stellung bei Kopenhagen, so kommt die starke

russische Flotte von Kronstadt hervor und vereinigt sich mit den

deutschen Kriegsschiffen in der Ostsee. Diese vereinigte Flotte könnte

durch den Kaiser Wilhelm-Kanal in die Nordsee gelangen. England hat

immer bei seinen Seerüstungen den ~two powers standard~ eingenommen,

und obwohl wir den ~three powers standard~ angestrebt haben, sind die

Mittel an Geld und Menschenmaterial doch nicht ausreichend gewesen,

eine Seemacht aufzustellen, die den Flotten der drei jetzt vereinigten

Mächte überlegen wäre. Gleichwohl hält unser altes Prestige alle drei

Mächte in Schach, so daß sie nicht wagen, uns zur See anzugreifen.

Setzen wir dies Prestige nicht dadurch aufs Spiel, daß wir ohne

eine bestimmte Aussicht auf Erfolg eine Seeschlacht provozieren!

Diese Seeschlacht wird kommen, aber der günstige Augenblick muß

sorgfältig abgewartet werden. Beim jetzigen Stande des Krieges wäre

es leichtsinnig, alles auf eine Karte zu setzen. Das tun wir aber,

wenn wir eine Seeschlacht erzwingen wollen. Gelingt der Angriff nicht,

erleidet unsere Flotte eine Niederlage, so ist England der Landung

einer kontinentalen Armee ausgesetzt. Es ist wahr, daß unsere Flotte

durch Teilung geschwächt wird, aber dasselbe gilt von den feindlichen

Flotten, so daß dieser scheinbare Nachteil ausgeglichen wird. Wir

müssen den Augenblick erspähen, wo eine Verschiebung der gegenwärtigen

Lage uns erlaubt, eine der feindlichen Flotten mit überlegenen Kräften

anzugreifen.“

„Es möchte wohl ein Mittel geben, die deutsche Flotte hervorzulocken,“

beharrte der Kolonialminister. „Laßt uns ein Panzergeschwader

nach Helgoland schicken und den Felsen mit seinen Befestigungen

zusammenschießen, daß er zerbröckelt ins Meer sinkt. Die Erwerbung

Helgolands war eine Lieblingsidee Kaiser Wilhelms II., und dieser

Monarch wird schon dafür sorgen, daß Helgoland nicht vom Erdboden

verschwindet. Kommen aber die Deutschen trotz einer Beschießung

Helgolands auch dann noch nicht heraus, so laßt das Geschwader in

die Mündung der Elbe fahren und Hamburg in Brand schießen. Laßt auch

die Panzer von Kopenhagen vorgehen und den Kieler Hafen, wie die

Küstenstädte an der Ostsee zerstören. Dann würde sich die deutsche

Flotte schon zeigen!“

„Dieser Plan ist erwogen worden und kommt vielleicht zur Ausführung. Es

stehen ihm jedoch zwei Bedenken entgegen: erstens würden wir durch die

Zerstörung offener Städte ein Odium auf uns laden, das ....“

„Pah! Für den Sieger gibt es kein Odium! England wäre niemals zu

seiner jetzigen Größe und Macht gelangt, wenn es sich von praktischen

Maßregeln durch allzu ängstliche Rücksichten auf Humanität und

Völkerrecht hätte abschrecken lassen.“

„Nun, dann bleibt jedenfalls noch das andere Bedenken.“

„Und das wäre, Mylord?“

„Der Kampf von Schiffen, selbst wenn sie die stärksten Panzer tragen,

gegen Landbefestigungen ist immer eine gefährliche Taktik, zumal, wenn

die Küsten durch zahlreiche Minen und Torpedoboote verteidigt werden.

Dazu kommt, daß Panzerschiffe eine sehr teure und in gewissem Sinne

zerbrechliche Ware sind.“

„Eine zerbrechliche Ware?“

„Die Deutschen haben alle Leuchtschiffe, alle Feuerschiffe, alle

Seezeichen außer Dienst gesetzt, und gerade so, wie die französischen

Häfen, sind auch die deutschen durch Minen verteidigt. Ein Panzerschiff

ist stark bei ruhigem Wasser gegenüber einem anderen Schiff, aber die

Natur seiner Bauart macht es schwach beim Sturm und in unsicherem

Fahrwasser. Ein Panzerschiff kentert vermöge seiner enorm schweren

Belastung ungemein leicht, sobald es nach einer Seite hin das

Uebergewicht bekommt. Es darf auch wegen seiner ungeheuren Wucht

nirgends anstoßen, weil es sonst zerbricht; heftet sich ein Torpedo

an seine Panzerhaut oder fährt es auf eine Mine, so geht es durch die

Explosion leichter unter als ein Holzschiff des vorigen Jahrhunderts.

Und wenn es irgendwo in einer Untiefe oder an einem Felsen aufläuft, so

bringt man es nicht wieder los. Außerdem bedarf es häufiger Erneuerung

seines Kohlenvorrats, so daß man es nicht auf langdauernde Expeditionen

schicken kann. Unsere Panzer haben ihren ganz besonderen Zweck: sie

sind für die Seeschlacht. Aber sie gleichen Riesen, die durch das

eigene Gewicht schwerfällig gemacht und zu Boden gezogen werden,

und der Verlust eines Panzer-Schlachtschiffes bedeutet, von seiner

sonstigen Bedeutung für den Krieg abgesehen, den Verlust von mehr als

einer Million Pfund. Auch die Kreuzer würde ich nicht ohne dringende

Not den Stahlgeschossen einer Kruppschen Küstenbatterie aussetzen.

Hüten wir uns auch vor dem kleinsten Mißerfolge zur See! Er würde für

unser Prestige und damit für unsere Machtstellung so gefährlich werden

wie eine Stahlgranate für die Wasserlinie eines unserer Kriegsschiffe.“

Der Kolonialminister schwieg. Er hatte diesen Einwendungen nichts mehr

entgegenzusetzen.

„Unsere indischen Truppen werden dringend der Verstärkung bedürfen,“

nahm der Ministerpräsident wieder das Wort. „Wir müssen englische

Männer ins Feld stellen, da man sich auf die Sepoys nicht mehr

verlassen kann.“

„Allerdings,“ bestätigte der Kriegsminister, „und es gehen ja noch

immer Truppentransporte nach Bombay. Vierzigtausend Mann sind

eingeschifft worden; von diesen sind mehr als zwanzigtausend in

Indien gelandet, die anderen sind noch auf der See. Eine große

Flotte ist unterwegs, und acht Panzer sind in Aden stationiert, um

jedem feindlichen Angriff auf unsere Transporte zu wehren. Aber es

ist die Frage, ob wir gut daran tun, noch mehr Truppen nach Indien

zu schicken. Mylords, so schwer es mir wird, es auszusprechen: wir

müssen vorsichtig sein. Man würde mich mit Recht der Unbesonnenheit

zeihen, wenn ich hier mehr täte, als die äußerste Vorsicht erlaubt.

Großbritannien ist von Truppen entblößt. Nun bin ich gewiß, und ganz

England ist sich dessen bewußt, daß niemals ein feindlicher Fuß diesen

Boden betreten wird, da unsere Flotte die Unberührtheit unserer Insel

verbürgt, aber wir wären unseres verantwortlichen Amtes nicht würdig,

wenn wir irgend eine Maßregel zur Sicherheit des Landes versäumten.

Laßt uns Feiglinge sein, Mylords, vor dem Kampfe, Helden erst in der

Schlacht selbst! Laßt uns annehmen, wir besäßen keine Flotte, sondern

müßten Englands Boden auf dem Lande verteidigen. Wir müssen eine

schlagfertige Armee auf englischem Boden aufstellen oder wir machen

uns des Verrats am Vaterlande schuldig. Die Mobilmachung unserer

Reserve muß noch weiter ausgedehnt werden. Zehntausende von Yeomen

sind noch imstande das Gewehr zu tragen und den Säbel zu schwingen,

ohne daß wir sie eingezogen hätten. Jetzt müssen alle kräftigen Männer

heran. Das Gesetz erlaubt, jeden Mann, der nicht der regulären Armee

oder einem Freiwilligenkorps angehört, zur Armee heranzuziehen, vom

18. bis zum 50. Jahre, und dergestalt eine Miliz aller waffenfähigen

Männer zu bilden. Wenn Seine Majestät es genehmigt, werde ich ein

Milizheer von hundertundfünfzigtausend Mann bilden. Ich rechne auf

Indien hundertundzwanzigtausend Mann, auf Malta zehntausend, auf

Hongkong dreitausendfünfhundert, auf Südafrika zehntausend, auf

die Antillen dreitausend, auf Gibraltar sechstausend, auf Aegypten

zehntausend Mann, abgesehen von den kleineren Garnisonen, die alle an

ihren Plätzen bleiben müssen, und hoffe dann noch mit Aufbietung aller

Freiwilligenkorps und Reserven eine Armee von vierhunderttausend Mann

zur Verteidigung des Mutterlandes aufstellen zu können.“

Der Lord Großkanzler schüttelte den Kopf: „Lassen wir uns nicht durch

solche Zahlen zu einem falschen Optimismus verführen! Große Haufen ohne

militärische Schulung, ohne Uebung in den Waffen, mit neu ernannten und

von den Mannschaften gewählten Offizieren, die ohne jede praktische

Einsicht, ohne jedes Verständnis für die Anforderungen moderner

Kriegsführung sind, wollen wir wohlgeschulten Truppen entgegenstellen,

solchen ausgezeichneten Truppen, wie es die französischen und die

deutschen sind? Woher denn nur die Artillerie nehmen? Wir haben

1871 gesehen, wohin es führt, wenn man Herden von Bewaffneten den

geschulten regulären Truppen gegenüberstellt. Bourbaki führte ein

Heer, das monatelang geübt worden war, und doch hatten seine Scharen,

obwohl sie mit Kavallerie und Artillerie ins Feld zogen, ungeheure

Verluste beim Zusammenstoß mit einer an Zahl weit schwächeren,

aber wohlgegliederten, kriegsgeübten und von erfahrenen Offizieren

befehligten Armee. Sie wurden über die Grenze nach der Schweiz

gedrängt, wie wenn eine große Schafherde von einem Rudel Wölfe gejagt

wird.“

„Das waren Franzosen, wir aber sind Engländer!“

„Ein Engländer wird von einer Kugel niedergestreckt wie ein Franzose.

Die Zeiten des Schwarzen Prinzen sind vorbei, kein Heinrich V. siegt

mehr bei Agincourt, wir haben das Feuergefecht mit Magazingewehren.“

„Die Buren, Mylord, haben uns gezeigt, was eine tapfere Miliz noch

immer gegen reguläre Truppen vermag.“

„Ja, im Gebirge. So haben auch die Tiroler eine Zeitlang dem großen

Napoleon Widerstand geleistet. England aber ist flach, und in der Ebene

zeigt sich die Ueberlegenheit der taktischen Kunst. Nein, nur auf der

Flotte beruht Englands Heil.“

Eine Depesche des Vizekönigs von Indien wurde dem Präsidenten

überbracht:

‚Der Vizekönig meldet der Regierung Seiner Majestät, daß der

Oberbefehlshaber in Delhi ein Heer von dreißigtausend Mann

zusammengezogen hat und die Stadt verteidigen wird. Die Sepoys

bei seiner Armee gehorchen, da sie innerhalb der Befestigungen

eingeschlossen sind und nicht fliehen können. Der Vizekönig wird

Sorge tragen, daß die mohammedanischen Sepoys möglichst alle nach

dem Süden kommen und daß nur Hindutruppen gegen die Russen ins

Gefecht geführt werden. Es ist Befehl gegeben worden, den abtrünnigen

Maharadjah von Chanidigot, dessen Truppen in der Schlacht bei Lahore

das Signal zur Fahnenflucht gaben, standrechtlich zu erschießen. Der

Vizekönig ist der Ansicht, daß die russische Armee vor Delhi Halt

machen wird, um die Verstärkungen heranzuziehen, die immerfort, aber

nur in dünnem Flusse, durch Afghanistan herankommen. Er zweifelt

nicht daran, daß die englische Armee, deren Zahl täglich durch die

neu ankommenden Regimenter wächst, in den Nordprovinzen vereinigt,

den Russen eine entscheidende Niederlage beibringen wird. Der

Oberbefehlshaber wird dem General Egerton die Verteidigung Delhis

übertragen und eine neue Feldarmee bei Cawnpore zusammenziehen, mit

der er nach Delhi vorzurücken beabsichtigt. Auf allen Bahnlinien

werden unausgesetzt alle verfügbaren Truppen nach Cawnpore befördert.‘

„Diese Nachrichten sind allerdings geeignet, uns mit neuem Mut zu

erfüllen,“ sagte der Ministerpräsident, nachdem er das Telegramm

vorgelesen. „Und wir wollen uns doch nicht verhehlen, Mylords, daß

wir mehr als je des Mutes bedürfen. Dieser neue Mann in Deutschland,

den der Kaiser zum Kanzler gemacht hat, regt die Gemüter der

Deutschen schrecklich gegen uns auf. Er scheint ein Mann nach des

Fürsten Bismarck Art zu sein, ein Mann kühner Rücksichtslosigkeit und

überraschender Schläge. Wir stehen ganz allein. Rußland, Frankreich und

Deutschland haben sich zu einem Bündnis gegen uns zusammengeschlossen.

Oesterreich kann und will uns nicht zu Hilfe kommen, Italien dreht sich

in gewundenen Antworten auf unsere Anträge, sagt weder ja noch nein und

lauert auf den Augenblick, wo es im Bündnis mit Frankreich die letzten

italienischen Landstriche von Oesterreich losreißen und sich an unseren

Kolonien bereichern kann. Nun wohl denn, wo England allein stand, da

stand es noch immer in Glanz und Macht. Vertrauen wir auf uns selbst

und die Treue unserer Kolonien, die uns mit Geld und mit Mannschaften

beispringen und die wir nach dem Siege mit allen Gaben belohnen wollen,

die Seiner Majestät Regierung auszuteilen hat.“

„Unsere Kolonien!“ mischte sich jetzt auch der Handelsminister in die

Debatte. „Jawohl, sie sind opferwillig. Ich fürchte nur, daß die Opfer,

die der sehr ehrenwerte Kolonialminister von ihnen fordert, ihnen zu

viel werden können, und daß sie bei der Richtung, die der moderne

Imperialismus unserer Regierung einschlägt, nicht an die Belohnungen

glauben werden, die ihnen in Aussicht gestellt werden.“

„Mylord,“ entgegnete der Angegriffene. „Man nennt mich einen Agitator,

und man wirft mir vor, daß ich die jetzige gefährliche Lage Englands

verschuldet hätte. Gut, ich will sie verschuldet haben. Aber niemals

hat ein Staatsmann große Pläne verfolgt, ohne sein Land einer gewissen

Gefahr auszusetzen. Ich erinnere nur daran, daß Bismarck nach dem

glücklich beendeten Kriege von 1866 sagte, daß ihn die alten Weiber

mit Knütteln totgeschlagen haben würden, wenn die preußische Armee

besiegt worden wäre. Aber sie wurde nicht besiegt, und er stand da als

ein Mann, der Deutschland geeinigt und Preußen groß gemacht hatte.

Er setzte Preußen der allergrößten Gefahr aus, indem er durch seine

Agitation fast die ganze Welt zum Feinde Preußens machte, Oesterreich

und das ganze Süddeutschland angriff und es schließlich auch zum

Kriege gegen Frankreich brachte. England hat damals eine unglückselige

Politik des Zusehens und Abwartens befolgt, weil kein Agitator seine

Politik leitete. Hätte England 1866 Preußen den Krieg erklärt, so wäre

Deutschland jetzt nicht so mächtig, daß es uns bekriegt. Seit jener

Zeit haben sich tiefgehende Veränderungen in England selbst vollzogen,

gerade durch das Wachstum der deutschen Macht. Wir haben uns seit

Napoleons Sturz nicht mehr genug um die Ereignisse auf dem Kontinent

gekümmert, sondern in stolzem Selbstgefühl uns selbst für so mächtig

gehalten, daß wir die Entschließungen der fremden Regierungen nur zu

beeinflussen brauchten, um unsere eigene Politik zu verfolgen. Aber

dieses Selbstgefühl ist erschüttert worden durch die Ereignisse von

1866 und 1870, und England ist mit Recht nervös geworden. Der Engländer

hat bis zu jenem Zeitpunkt die Uebergriffe der kontinentalen Mächte

verachtet. Das tut er nicht mehr, sondern es sind sogar patriotische

Strömungen in England selbst entstanden, die der schwachsinnige

Friedensfreund als chauvinistische brandmarkt. Nun wohl, ich nenne mich

mit Stolz einen Chauvinisten in dem Sinne, daß ich nicht den Frieden um

jeden Preis, sondern Englands Größe will. Die patriotischen Strömungen

unseres Volkes sind von meinem Vorgänger Chamberlain in das rechte

Bett geleitet worden. Und hat nicht die Regierung seit dreißig Jahren

eben demselben patriotischen Gefühl Folge geleistet, indem sie, mochte

sie von Disraeli oder Gladstone geleitet werden, eine ganz enorme

Verstärkung unserer Wehrmacht zu Lande wie zur See ins Werk setzte?

Diese militärischen Rüstungen haben dem Mutterlande allein die Lasten

aufgebürdet, während sie nicht nur dem Mutterlande, sondern auch den

Kolonieen zugute gekommen sind und noch zugute kommen sollen. Wie aber

sollen solche Kosten, wie sie der Krieg jetzt verursacht, weiterhin

aufgebracht werden? Wie soll der Handel des englischen Weltreiches

fernerhin gehoben und vor jeder Konkurrenz geschützt werden, wenn

die Kolonieen sich nicht an den Kosten beteiligen? Ich will nur, daß

eine gerechte Verteilung der Lasten eintritt und daß demnach nicht

England allein, sondern auch die Kolonieen die Lasten tragen. Der

Plan der Imperial Federation, den wir verfolgen, ist das Heilmittel

unserer chronischen Krankheit und soll die Kolonieen wie das Mutterland

wirtschaftlich wie politisch und militärisch stärken. Gewiß scheinen

solche Reden verwegen, Mylords, im Augenblicke, wo eine russische Armee

in Indien eingebrochen ist und wo unsere Armee eine schwere Niederlage

erlitten hat, aber ich möchte daran erinnern, daß noch jeder Krieg

Englands mit Niederlagen begonnen hat. Andere als siegreiche Kriege

aber hat England niemals geführt, seitdem Wilhelm der Eroberer das

romanische Blut in Englands Staatskörper eingeführt und ihm damit eine

Konstitution von solcher Zähigkeit und Härte verliehen hat, daß kein

anderer Staatskörper jemals auf die Dauer England hat widerstehen

können. So werden wir auch die Russen wieder aus Indien hinauspeitschen

und werden die Flotten Frankreichs, Deutschlands und Rußlands, die

sich vor uns in ihren Häfen verstecken, schließlich hervorzwingen,

vernichten und damit alle übermütigen Pläne unserer Feinde zerstören,

den Union Jack aber zur Standarte einer Weltherrschaft erheben, der

niemand mehr feindlich zu nahen wagt.“

[Illustration]

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman · 第 23 / 49 题