So fest auch Heidecks Schlummer gewesen war, der wüste Lärm, der
plötzlich durch die dünnen Wände des Zeltes drang, hätte selbst einen
Bewußtlosen ins Leben zurückrufen können. Verwirrt und schlafbefangen
eilte er hinaus, gerade rechtzeitig, um zu verhindern, daß ein wild
aussehender, kaffeebrauner Inder mit dem dicken Knüttel, den er in
seiner Rechten schwang, einen wuchtigen Schlag gegen den mageren,
schwarzgekleideten Herrn führte, den ein ganzer Trupp von Eingeborenen
umringte. Der Europäer hatte mit seinem schmalen, bartlosen Gesicht das
Aussehen eines Geistlichen, und es mußte Heideck umsomehr in Erstaunen
setzen, daß keiner von den russischen Soldaten und Unteroffizieren, die
dem Schauspiel zusahen, die Hand zu seinem Schutze rührte. Gewiß war
er nicht berufen, hier den Befehlenden zu spielen; aber die Gefahr, in
der er da einen völlig wehrlosen Menschen sah, ließ ihn alle Bedenken
vergessen. Mit drohendem Zuruf scheuchte er die aufgeregten Inder
hinweg und nahm den Arm des Fremden, um ihn in das Zelt zu führen.
Keiner von den russischen Kriegern hinderte ihn daran. Man hatte ihn
vorhin in vertrautem Gespräch mit dem Obersten gesehen, und seine
Eigenschaft als Freund des Fürsten verschaffte ihm Respekt.
Der vor Schrecken halb ohnmächtige Fremde nahm dankbar das Glas Wein,
das Heideck ihm eingegossen hatte, und als er sich einigermaßen erholt
hatte, dankte er seinem Retter mit schlichten aber herzlichen Worten.
Er stellte sich ihm als Professor Proctor vom Aitchison-College
vor und erzählte, daß er ins Lager gekommen sei, um nach einem
wahrscheinlich schwer verwundeten Verwandten zu sehen. Plötzlich habe
er sich von einer Rotte aufgeregter Inder bedroht gesehen, die ihn
seiner Kleidung nach wohl für einen Geistlichen gehalten hätten.
„Auch Sie sind kein Russe, mein Herr. Ihrer Aussprache des Englischen
nach halte ich Sie für einen Deutschen.“
Heideck bestätigte die Vermutung und erzählte ihm mit wenig Worten
seine eigene Geschichte. Dann aber konnte er nicht umhin, seiner
Verwunderung über den Angriff Ausdruck zu geben, dem der Professor
ausgesetzt gewesen war.
„Von einem besonderen Haß der Inder gegen die englischen Geistlichen
hatte ich während meines bisherigen Aufenthalts im Lande nie etwas
bemerkt,“ sagte er, und der Professor erwiderte:
„Vor wenig Tagen noch hätte auch wohl keiner von ihnen etwas zu
fürchten gehabt. Bei so traurigen Umwälzungen aber, wie sie sich jetzt
vollzogen haben, verwirren sich alle Begriffe. Alle schlummernden
Leidenschaften werden entfesselt. Ich wage nicht auszudenken, welche
Greuel in dem weiten Indien geschehen werden, nachdem der Zügel
gerissen ist, der das Volk lenkte. Und das schlimmste ist, daß wir
selbst uns die Schuld daran beizumessen haben.“
„Sie meinen durch die Lässigkeit, mit der man die Verteidigung des
Landes vorbereitet hat?“
„Ich meine nicht allein das. Unsere Schuld ist, daß wir eine ewige
Wahrheit ignoriert haben, die Wahrheit nämlich, daß alle politischen
Fragen nur der äußerliche Ausdruck, gleichsam das Kleid religiöser
Fragen sind.“
„Verzeihen Sie, aber der Sinn Ihrer Worte ist mir nicht klar.“
„Betrachten Sie das langsame, stetige Vordringen der Russen in
Asien. Alles, was sie unter ihre Herrschaft gebracht haben, alle
die ungeheuren Landstrecken Zentralasiens, sind zu ihrem sicheren,
unbestrittenen Besitz geworden. Warum? Weil die Russen sich auch
die Seelen der Völker zu erwerben und ihren religiösen Anschauungen
Rechnung zu tragen wissen. Deshalb gehen Besiegte und Sieger leicht
ineinander auf. Wir Engländer dagegen haben nur eine rein politische
Herrschaft über Indien geführt. Die Seelen der Völker sind uns fremd
und feindlich geblieben.“
„Es mag etwas Wahres in Ihren Worten sein. Aber Sie werden zugeben
müssen, daß die Engländer dafür eine neue Kultur nach Indien gebracht
haben. Damit war die Gewißheit geistigen Fortschritts gegeben, und
ich meine, daß kein Volk auf die Dauer blind bleiben kann gegenüber
der Erscheinung höherer Ideen. Die ganze Weltgeschichte bildet eine
fortlaufende Kette von Beweisen für die Richtigkeit dieser Tatsache.“
„Das Wort ‚Kultur‘ hat einen vielseitigen Sinn. Handelt es sich
nur darum, zu untersuchen, ob die Regierung und Verwaltung des
Landes besser geworden ist, so bedeutet ja die von uns nach Indien
gebrachte Kultur unzweifelhaft einen ungeheuren Fortschritt gegenüber
den Zuständen früherer Jahrhunderte. Wir haben die Despotie der
eingebornen Fürsten gebrochen und haben den unaufhörlichen blutigen
Kriegen, die sie untereinander und mit den asiatischen Nachbardespoten
führten, ein Ende gemacht. Wir haben Straßen und Eisenbahnen gebaut,
Sümpfe und Dschungeln beseitigt, Häfen eingerichtet, dem Meere große
Landstrecken entrissen und schützende Kais gebaut. Die erschreckende
Sterblichkeitsziffer der Großstädte ist unter der englischen Verwaltung
erheblich zurückgegangen. Wir haben Gesetze gegeben, die die
persönliche Sicherheit schützen und dem Handel neue Bahnen eröffnen.
Aber das Streben unserer Regierung ist ein rein utilitaristisches
gewesen, und was den tieferen Strom der Entwicklung betrifft, so ist
nirgends ein wichtiger Fortschritt zu erkennen.“
„Und was ist es, was Sie darunter verstehen?“
„Unsere Ansichten in dieser Beziehung gehen vielleicht weit
auseinander. Ich sehe in den meisten derartigen Errungenschaften nur
eine neue Erscheinungsform jenes Materialismus, der von jeher das
schlimmste Hindernis aller wahren Entwickelung gewesen ist.“
„Mir scheint, Mr. Proctor,“ warf Heideck lächelnd ein, „daß Sie hier in
Indien Buddhist geworden sind!“
„Vielleicht, mein Herr, und ich würde mich dessen nicht schämen. Schon
mancher, der Indien zuerst mit den Augen des Christentums betrachtete,
ist hier, -- vielleicht ohne es selbst zu wissen, -- zum Buddhisten
geworden. Griechische Weise haben einst gewünscht, daß man die Könige
unter den Philosophen auswähle. Das mag ein unausführbarer Gedanke
sein, aber ich glaube nicht, daß ein Herrscher, der die Philosophie
verachtet, seine hohe Aufgabe jemals in vollem Maße erfüllen wird.
Eine Politik ohne Philosophie ist ebenso wie eine unphilosophische
Religion nicht fester gegründet, als jene Häuser dort am Raviflusse,
deren Existenz nicht für einen einzigen Tag gesichert ist, weil es dem
Strome gelegentlich einfällt, seinen Lauf zu ändern. Eine Regierung,
die den religiösen Empfindungen des Volkes nicht Rechnung zu tragen
weiß, steht nicht fester da als diese Hütten. Das Schicksal, das sich
jetzt an uns Engländern vollzieht, ist der beste Beweis dafür. Wir
sind die erste Macht in Asien gewesen, die eine politische Herrschaft
nicht auf die Religion des Volkes gegründet hat. Unklug haben wir die
gewohnte Einfachheit eines Volkes zerstört, das bis dahin nur geringe
Bedürfnisse hatte, weil es sich Jahrtausende hindurch mehr um das Leben
nach dem Tode, als um das irdische Dasein gekümmert hatte. Wir haben
die schlummernde Leidenschaft dieses Volkes aufgestachelt und durch
den Anblick von europäischem Luxus und europäischer Ueberkultur bis
dahin ungekannte Wünsche in ihm geweckt. Unser System des öffentlichen
Unterrichts ist darauf gerichtet worden, in allen Klassen des indischen
Volkes die geringwertige materialistische Volksbildung unserer eigenen
Nation zu verbreiten. Unter allen Gouverneuren und Schulinspektoren,
die von England hierherkamen, hat sich keiner bemüht, die Oberfläche
indischen Volkslebens zu durchdringen und die Seele dieses religiösen
und transcendental angelegten Volkes zu ergründen. Welche Gegensätze
sind dadurch geschaffen worden! Hier ein heiliger Strom, Priester,
Asketen, Jôgins, Fakire, Tempel, Heiligenschreine, geheimnisvolle
Lehren, ein vielfältiges Ritual -- daneben aber ganz unvermittelt
Schulen, darin ein hausbackener englischer Elementar-Unterricht
getrieben wird, ein Staatskolleg mit einer Medizinalanstalt und
christliche Kirchen der verschiedensten Konfessionen.“
„Wie wäre es aber auch möglich gewesen, moderne wissenschaftliche
Bildung mit dem Fanatismus der Inder pädagogisch zu vereinen?“
Ueber das geistvolle Gesicht des Professors glitt ein überlegenes
Lächeln.
„Vergleichen Sie bitte die ermüdenden Trivialitäten der englischen
Missionsschriften mit den unsterblichen Meisterschriften der indischen
Literatur! Dann werden Sie begreifen, daß der Inder, selbst wenn
er das Christentum als Moralsystem gutheißt, eine tiefere und
umfassendere Begründung dieser Moral verlangt und auch dem Ursprunge
der christlichen Lehre nachforscht. Und da findet sich dann gar bald,
daß alles Licht, das nach Europa gekommen ist, von Asien ausging. ~Ex
oriente lux.~“
„Ich bin zu ungelehrt, um Ihnen da zu widersprechen. Es mag sein,
daß selbst das Christentum nicht allein aus dem Judentum, sondern
auch aus dem Buddhismus herausgewachsen ist. Es mag auch sein, daß
die Lehren unserer heutigen Missionare den Indern zu nüchtern sind.
Aber die metaphysischen Bedürfnisse eines Volkes haben mit gesunder
Politik und guter Rechtspflege doch wohl wenig zu schaffen. Denken
Sie an Rom! Der römische Staat hatte eine vorzügliche Rechtspflege,
und eine gewaltige politische Kraft, die ihn viele Jahrhunderte
hindurch in seiner weltbeherrschenden Stellung erhielt. Wie aber
war es mit der Religion und der Philosophie in Rom bestellt? Eine
Staatsreligion gab es überhaupt nicht. Es gab keine priesterliche
Hierarchie, keinen strengen theologischen Kodex, sondern nur eine
Mythologie und eine Götterverehrung, die wesentlich praktischer Natur
war, und eben durch ihren praktischen Sinn oder -- wie Sie es nennen
würden -- durch ihren krassen Materialismus wurden die Römer befähigt,
eine nationale Gesellschaft auf einfach menschliche Bedürfnisse und
Ansprüche zu gründen. Was aber ihnen gelang, warum sollte es nicht
auch jenen Nationen möglich sein, von denen sie in der Weltherrschaft
abgelöst wurden? Der Geist der Zeiten ändert sich, aber es ist nur
eine regelmäßig wechselnde Wiederkehr derselben Strömungen, so wie die
Gestirne in ihrem Kreislauf immer wieder auf ihren Platz zurückkehren.“
„Und wenn der Zeitgeist gleich manchen Gestirnen nicht im Kreise,
sondern in einer Spirale ginge? Die britische Weltherrschaft hat wohl
schon einen höheren Schwung genommen als die römische. Hätte nicht
dieses britische Weltreich, indem es weise Staatskunst mit den tiefen
Ideen indischer Philosophie durchtränkte, zu einer großen Reformation
des ganzen Menschengeschlechts gelangen können? Es wäre ein herrlicher
Gedanke gewesen, aber ich habe hier gelernt, zu erkennen, wie weit man
von seiner Verwirklichung entfernt geblieben ist.“
„Gleichwohl denke ich, daß die englische Armee nicht von den Russen
geschlagen worden wäre, wenn sie nicht nach den Regeln einer veralteten
Taktik gekämpft hätte.“
„O, mein Herr, wenn die indischen Truppen mit ganzer Seele für England
gefochten hätten, so hätten wir diese Niederlage nimmermehr erlitten.“
„Als Soldat möchte ich das bestreiten. Die Inder werden einer
militärisch geschulten europäischen Armee niemals gewachsen sein.
Das Volk entbehrt dazu in viel zu hohem Maße der kriegerischen
Eigenschaften.“
„Es ist wahr, das indische Volk ist von Natur sanft und gutherzig. Man
mußte es in seinen heiligsten Empfindungen verletzen, um es wild und
blutgierig zu machen.“
„Vielleicht beurteilen Sie es doch etwas zu milde. Es steckt noch ein
gut Teil Barbarei in dieser Rasse, selbst bis in die höchsten Kreise
hinauf. Hat doch, -- wie ich Ihnen aus eigener Wahrnehmung berichten
kann, -- ein indischer Fürst vor Ausbruch des Krieges den Versuch
gemacht, durch seine Diener eine englische Dame aus ihrer Wohnung zu
rauben und den englischen Residenten, der ihn deshalb zur Rede stellte,
durch einen gedungenen Meuchelmörder zu vergiften.“
Der Professor war im höchsten Grade erstaunt.
„Ist es möglich? Konnten sich solche Dinge ereignen? Sollten Sie nicht
doch vielleicht durch einen übertreibenden Bericht getäuscht worden
sein?“
„Ich habe die Vorgänge selbst aus nächster Nähe beobachtet, und ich
kann Ihnen die Namen nennen. Die Dame, gegen die man den schändlichen
Anschlag versuchte, ist Mrs. Edith Irwin, die ihrem Gatten, einem
Kapitän bei den Lancers, in das Lager von Chanidigot gefolgt war.“
Die Verwunderung des Professors wuchs ersichtlich immer mehr.
„Mrs. Edith Irwin? Ist es möglich? Die Tochter meines alten Freundes,
des trefflichen Rektors Graham? Gewiß, sie muß es sein, denn sie war
mit einem Kapitän von den Lancers verheiratet.“
„Seit gestern ist sie die Witwe dieses Offiziers. Er fiel in der
Schlacht bei Lahore, und sie selbst befindet sich unter den Gefangenen
in Anar Kali.“
„Dann muß ich versuchen, sie zu finden; denn sie hat schon um ihres
Vaters willen Anspruch auf meinen Beistand. Vorläufig freilich,“ fügte
er mit einem etwas wehmütigen Lächeln hinzu, „bin ich selbst ja noch
recht sehr des Schutzes bedürftig.“
„Ich glaube, Sie wegen dieser Dame beruhigen zu können. Mein Freund,
der russische Oberst Fürst Tschadschawadse, ist eben jetzt nach Anar
Kali hinübergeritten, um auf meine Bitte für sie zu sorgen.“
Er hatte noch nicht ausgesprochen, als die schlanke Gestalt des Fürsten
im Eingang des Zeltes erschien. Seine niedergeschlagene Miene weissagte
nichts gutes. Er trat auf Heideck zu und schüttelte ihm die Hand.
„Ich kann Ihnen leider nichts Erfreuliches melden, lieber Kamerad! Ich
habe Ihre Schutzbefohlene nicht mehr vorgefunden.“
„Wie? Sie war fort? Und konnten Sie nicht erfahren, wohin sie sich
begeben hat?“
„Alles, was ich zu ermitteln vermochte, war, daß sie in Begleitung
mehrerer Inder in einem eleganten Wagen davongefahren sei. Eine
englische Dame, die den Vorgang beobachtete, hat es mir erzählt.“
Eine furchtbare Ahnung schnürte Heidecks Herz zusammen.
„In Begleitung von Indern? Und ohne daß man weiß, wohin sie geführt
wurde? Hat sie denn keine Nachricht für mich oder sonst jemand
hinterlassen?“
„Die Dame hatte keine Gelegenheit mehr gehabt, mit ihr zu sprechen. Sie
hat die Abfahrt nur aus der Ferne gesehen.“
„Aber sie muß doch wahrgenommen haben, ob Mrs. Irwin das Grabmal
freiwillig oder gezwungen verließ?“
Der Fürst zuckte die Achseln.
„Ich kann darüber leider nichts sagen. Meine Erkundigung blieb ohne
jedes Ergebnis. Weder von den englischen Gefangenen noch von den
russischen Wachen konnte mir irgend jemand nähere Auskunft geben.“
[Illustration]