Das Grabmal Anar Kalis, ein großes, achteckiges Gebäude in den
südlichen Anlagen, war es, das die Gefangenen aufnahm. Heideck und
Edith Irwin waren die ersten nicht mehr, die man hier unterbrachte.
Denn außer etwa hundert Offizieren befanden sich darin zahlreiche
englische Damen und Kinder, denen die Befreier früh genug erschienen
waren, um sie vor dem grauenhaften Schicksal der Mrs. Baird und ihrer
Kinder zu bewahren.
An der offenen Tür des den Frauen angewiesenen Raumes mußte sich
Heideck von Edith Irwin trennen. Zu langem Abschiednehmen ließ man
ihnen nicht Zeit. Aber selbst wenn sie ganz allein mit einander gewesen
wären, würden sie in diesem Augenblick kaum fähig gewesen sein, viele
Worte zu machen. Nach all den vorausgegangenen, schier übermenschlichen
Anstrengungen und Aufregungen dieses fürchterlichen Tages war jetzt
eine so tiefe Abgespanntheit und Erschlaffung über sie gekommen, daß
sie sich nur noch ganz mechanisch ihrer Glieder bedienten und daß statt
der Leidenschaften, Hoffnungen und Befürchtungen, von denen sie noch
vor kurzer Zeit bewegt worden waren, nur dumpfe Leere in ihrem Hirn wie
in ihrem Herzen war.
„Auf Wiedersehen morgen!“ das war alles, was noch zwischen ihnen
gesprochen wurde. Dann, sobald man ihn in den ihm zugewiesenen Raum
geführt hatte, warf sich Heideck da, wo er stand, auf die Fliesen
des Steinbodens nieder und fiel fast augenblicklich in einen tiefen,
traumlosen Schlaf. --
Die leuchtende indische Sonne, die durch eine runde Fensteröffnung in
der Decke auf sein Gesicht schien, weckte ihn am nächsten Morgen.
Wohl waren seine Glieder von dem unbequemen Lager steif geworden, aber
der kurze Schlaf hatte ihn doch gestärkt, und seine Nerven hatten die
alte Frische und Widerstandsfähigkeit vollständig zurückgewonnen.
Seine Schlafgenossen mußten schon früher an einen anderen Ort gebracht
worden sein; denn er sah sich in dem hohen, nur durch die Oeffnung in
der Decke beleuchteten Raume ganz allein. Die Sonnenstrahlen fielen
ihm gegenüber auf ein Denkmal aus reinstem, glänzendstem Marmor, das
ganz mit für ihn unleserlichen Schriftzeichen bedeckt war. Noch in die
Betrachtung des anscheinend schon sehr alten Denksteins versunken,
hörte er plötzlich hinter sich das leise Rauschen eines Frauengewandes,
und als er sich umwandte, sah er mit freudigster Ueberraschung in Edith
Irwins bleiches, schönes Gesicht.
„Wie glücklich bin ich, Sie noch zu finden,“ sagte sie mit
aufleuchtendem Blick. „Ich fürchtete schon, daß man Sie mit den andern
Gefangenen fortgeführt hätte.“
„Augenscheinlich war man zu rücksichtsvoll, meinen wohlverdienten
Schlummer zu stören,“ erwiderte er mit einem kleinen Anflug von Humor.
Dann aber, sich des furchtbaren Ernstes der Situation erinnernd, fuhr
er in verändertem, herzlichen Tone fort:
„Wie haben Sie diese Nacht überstanden, Mrs. Irwin? Mir ist, als könnte
alles, was ich seit meiner Rückkehr nach Lahore erlebt habe, nur ein
Traum gewesen sein.“
Mit einem schmerzlichen Zucken der Lippen schüttelte sie den Kopf.
„Wir dürfen leider nicht daran zweifeln, daß es grausame Wirklichkeit
gewesen ist. Die arme, arme Mrs. Baird! Fast sollte man es für ein
Glück halten, daß ihr Gatte das fürchterliche Schicksal seiner
Angehörigen nicht mehr erlebt hat.“
„Sie haben Nachrichten vom Schlachtfelde erhalten? Sie wissen, daß der
Oberst tot ist?“
Edith nickte.
„Der Oberst ist tot, mein Gatte ist tot, Kapitän Mac Gregor und viele
andere unserer Freunde aus Chanidigot sind auf dem Schlachtfelde
geblieben.“
Sie sagte es ruhig; doch er las in ihren Augen die tiefe Trauer ihrer
Seele.
Ergriffen von soviel heroischer Charakterstärke, beugte er sich herab
und küßte ihre Hand. Sie ließ sie ihm einen Augenblick, dann zog sie
die schmalen, kühlen Finger mit einem bittenden Blick, dessen Bedeutung
er recht wohl verstand, zurück.
„Der Höchstkommandierende und sein Stab haben den Bahnhof erreicht,“
fuhr sie fort, „und sind mit dem letzten Zuge, der Lahore verlassen
hat, nach Delhi gefahren. Es war die höchste Zeit; denn gleich nachher
rückten die Russen ein. Die Trümmer der Armee marschieren jetzt nach
Delhi, aber die Verfolger sind dicht hinter ihnen. Gott allein weiß,
welches das Schicksal unserer armen, geschlagenen Armee sein wird.“
Er fragte sie nicht, woher sie alle diese Nachrichten habe. Davon, daß
sie zutreffend seien, war er ja nach seinen eigenen Erlebnissen fest
überzeugt. Er wußte auch nicht, was er ihr Ermutigendes sagen sollte,
ihr, der er nimmermehr mit leeren Phrasen hätte kommen mögen. Eine
kleine Weile blieben sie schweigend, und ihre Blicke richteten sich
dabei gleichzeitig auf das sonnenbeschienene Marmordenkmal vor ihnen.
„Kannten Sie dies Coenotaphium schon?“ fragte zu Heidecks Ueberraschung
die junge Frau plötzlich. Und als er verneinte, sagte sie erklärend:
„Es ist das berühmte Grabmal der Anar Kali, der Geliebten des Sultans
Akbar, der man um ihrer Schönheit willen den Namen der ‚Granatblüte‘
gegeben hat. Sie mag wohl auf ähnliche Weise dahingegangen sein,
wie wir dahingegangen wären, wenn die Dolche der Mörder uns gestern
getroffen hätten. Sie kam vielleicht ebensowenig zum Bewußtsein dessen,
was mit ihr geschah, wie wir uns dessen in dieser Nacht bewußt geworden
wären.“
„Können Sie die Schriftzeichen lesen?“ fragte Heideck.
„Nein, aber man hat mir ihren Inhalt mitgeteilt; denn es ist eine der
berühmtesten Inschriften Indiens. Die schöne Anar Kali beging einst
die Unklugheit, verführerisch zu lächeln, als der Sohn ihres Herrn
und Gemahls den Harem betrat. Und noch in derselben Stunde ließ der
eifersüchtige Sultan die Unglückliche hinrichten. Aber er muß sie doch
wohl sehr geliebt haben, da er ihr dann ein so schönes Grabmal erbaute,
das auch den kommenden Jahrhunderten den Namen Anar Kalis überliefern
sollte. So voll unlöslicher Widersprüche ist die arme, törichte
Menschenseele.“
Klirrende Schritte wurden draußen auf den Steinfliesen laut, und im
nächsten Augenblick erschien ein Offizier mit mehreren Soldaten im
Eingange des Raumes. In kurzem, befehlenden Tone forderte er Heideck
auf, ihm zu folgen.
Jetzt zum ersten Mal sah der Hauptmann in Edith Irwins Zügen etwas wie
einen Ausdruck der Angst.
„Was bedeutet das?“ wandte sie sich hastig an den Russen. „Dieser Herr
ist kein Engländer.“
Der Russe verstand die englische Frage nicht. Aber als Heideck ihn auf
russisch fragte, was man mit ihm vorhabe, erwiderte er achselzuckend:
„Ich weiß es nicht. Kommen Sie mit!“
„Man wird Aufklärung über meine Person haben wollen,“ sagte Heideck
gelassen, um die junge Frau zu beruhigen. „Ich hoffe, daß man mich auf
Grund meiner Legitimation freiläßt.“
„Gewiß, man muß Sie freilassen!“ rief sie fast leidenschaftlich aus.
„Es wäre ja gegen alles Völkerrecht, wenn man Ihnen ein Leid zufügte.
Aber wie soll ich die Ungewißheit über Ihr Schicksal ertragen!“
„Ich werde unverzüglich hierher zurückkehren, sobald mir die
Möglichkeit dazu gegeben ist.“
„Ja, ja, ich beschwöre Sie, mich nicht eine Sekunde länger warten zu
lassen, als es durch die Situation geboten ist. Ich bin ja noch nicht
einmal dazu gekommen, Ihnen zu danken.“
Der russische Offizier gab so deutliche Zeichen von Ungeduld, daß
Heideck nicht länger zögerte, ihm zu folgen.
Der Weg, den er zurückzulegen hatte, war nicht weit. Man führte ihn
zu einem nahegelegenen Hause, über dessen Portal die Worte ‚~School
of arts~‘ in Stein gehauen zu lesen waren. In einer Vorhalle mußte
er kurze Zeit warten; dann öffnete sich vor ihm die Tür eines im
Erdgeschoß gelegenen, mit Skulpturen geschmückten Zimmers, in welchem
eine Anzahl von Offizieren an einem langen Tische saß. Heideck war sich
sofort darüber klar, daß er vor ein Kriegsgericht gestellt wurde. Ein
paar sehr niedergeschlagen aussehende Männer wurden eben hinausgeführt.
Der Offizier, der den Vorsitz führte, blätterte in den vor ihm
liegenden Papieren und wechselte dann, nachdem er einen scharfen Blick
auf Heideck geworfen, einige Worte mit seinen Kameraden.
„Wer sind Sie?“ fragte er in einem schwer verständlichen Englisch von
sehr russischer Klangfärbung.
Heideck, der sich ebenfalls der englischen Sprache bediente, gab kurz
und klar Auskunft und legte dem Obersten seinen Paß vor, den er als
augenblicklich wertvollstes Besitztum stets in der Brusttasche trug.
Sobald er ihn gelesen, sagte der Vorsitzende in tadellosem Deutsch:
„Sie sind also kein Engländer, sondern ein Deutscher? Was haben Sie
hier in Indien zu tun?“
„Ich bereise das Land in Geschäften für das Haus Heideck in Hamburg.“
„In Geschäften? So? Und gehört es auch zu Ihrem Geschäft, gegen Rußland
zu kämpfen?“
„Nein! Ich habe das auch nicht getan.“
„Sie leugnen also, gestern an der Schlacht teilgenommen zu haben?“
„Nicht als Mitkämpfer. Es waren andere Gründe, die mich auf das
Schlachtfeld führten.“
„Sie wollten nur den Zuschauer machen? Kam Ihnen nicht zum Bewußtsein,
daß dies unter Umständen recht gefährlich für Sie werden könnte?“
„Ich habe persönliche Beziehungen zu einigen Herren der englischen
Armee, und diese Beziehungen veranlaßten mich, sie während des
Gefechtes aufzusuchen.“
Der Oberst wandte sich an einen abseits stehenden jungen Offizier:
„Leutnant Osarow, ist es richtig, daß Sie in diesem Mann, als er
während der letzten Nacht hier eingebracht wurde, eine Persönlichkeit
wiedererkannten, die Sie während der Schlacht in einem englischen
Karree gesehen haben?“
„Jawohl, Herr Oberst!“ lautete die entschiedene Antwort. „Ich erkenne
ihn auch jetzt mit voller Bestimmtheit. Er ritt ein schwarzes Pferd und
jagte davon, als wir in das Karree einbrachen.“
Heideck sah ein, daß es nutzlos gewesen wäre, dieser bestimmten Aussage
gegenüber die Tatsache in Abrede zu stellen, und sein soldatisches
Ehrgefühl würde ihm auch nicht gestattet haben, es zu tun.
„Was der Herr Leutnant da bekundet, ist richtig,“ erklärte er, einer
Frage des Obersten zuvorkommend. „Aber ich habe mich nicht an dem
Kampfe beteiligt. Als ein Freund des gefallenen Obersten Baird hielt
ich mich so lange als möglich in seiner Nähe, um seinen hier in Lahore
zurückgebliebenen Angehörigen Nachricht über sein Schicksal und über
den Ausgang der Schlacht bringen zu können.“
„Sie waren als Ausländer bewaffnet in einem englischen Karree. Da
Sie das zugeben, brauchen wir uns nicht mit weiteren Verhandlungen
aufzuhalten. Die Herren werden damit einverstanden sein, daß wir Sie
nach Kriegsrecht als Verräter behandeln?“
Die letzten Worte waren an die Beisitzer gerichtet, und mit stummer
Verbeugung gaben sie ihre Zustimmung zu erkennen.
„Da Sie als Angehöriger einer nicht im Kriege mit uns befindlichen
Nation in den Reihen unserer Feinde gekämpft haben, muß das
Kriegsgericht Sie zum Tode verurteilen. Das Urteil wird sofort
vollstreckt werden. Haben Sie noch etwas zu sagen?“
Heideck war wie betäubt. Es war ihm, als zöge sich plötzlich ein
schwarzer Schleier über die Welt. Und ein schneidendes Weh zerriß sein
Herz bei der Vorstellung, daß er Edith nie mehr wiedersehen, daß sie
bis in alle Ewigkeit vergebens auf ihn warten würde.
Dann aber erwachte sein Stolz. Niemand sollte ihn schwach und zaghaft
sehen.
„Es gibt keine Möglichkeit der Berufung gegen das Urteil dieses
Kriegsgerichts?“ fragte er, dem Obersten fest in die Augen sehend.
„Nein!“
„Dann muß ich mich ja dem Spruch unterwerfen; aber ich protestiere
gegen die Art des Verfahrens wie gegen das Urteil.“
Sein Protest machte offenbar nicht den geringsten Eindruck.
„Haben Sie den Exekutionsbefehl ausgefertigt?“ wandte sich der
Oberst an den Protokollführer. Dann setzte er seinen Namen unter das
Schriftstück und händigte es einem der bereitstehenden Kosaken ein.
„Der Verurteilte ist abzuführen.“
Zwei der Soldaten nahmen Heideck zwischen sich, und er folgte ihnen
in stolzer, aufrechter Haltung, ohne weiter ein Wort zu sprechen. Im
Kugelregen der Schlacht hatte er nicht die leiseste Anwandlung der
Furcht empfunden; aber der Gedanke, wie ein Tier zur Schlachtbank
geführt zu werden, erfüllte ihn mit Grauen. Dennoch hielt ihn eine
Kraft aufrecht, die er noch nicht an sich entdeckt hatte. Die neue
Gefahr erweckte in ihm neue Kräfte der Seele und des Geistes.
Die Kosaken führten ihn auf der Straße, die von Anar Kali nach dem
Meean Meer Cantonment führt, einen weiten Weg. Heideck sah um sich und
betrachtete die Veränderungen, die mit Lahore vorgegangen waren, gleich
einem Reisenden, der im Geiste schon in der neuen Welt lebt, die er
aufsuchen will, und der auf bekannte Gegenstände wie auf etwas Fremdes
sieht. Ueberall erblickte er kleine Abteilungen Kavallerie, die für
Ordnung sorgten. Und an den Brand in der Stadt, der augenscheinlich
gelöscht worden war, erinnerten nur noch schwache Rauchwolken. Die
prächtigen Anlagen der Donald-Stadt, durch die der Weg führte, die
landwirtschaftlichen Pflanzungen, der Lawrence-Park, lagen wie im
tiefsten Frieden da.
Heideck war nicht gefesselt, aber die Kosaken neben ihm trugen
ihre Karabiner im Arme, bereit, auf ihn zu schießen, wenn er etwa
davonlaufen wollte. Aber wie hätte er entlaufen können? Ringsum zeigten
sich die Patrouillen der russischen Kavallerie. Hinter ihm führten
berittene Kosaken einen ganzen Trupp von Indern. Wahrscheinlich waren
es Brandstifter und Plünderer, die gleich ihm hingerichtet werden
sollten. Und es konnte seine Stimmung wahrlich nicht verbessern, daß er
sich auf seinem letzten Gange in solcher Gesellschaft sehen mußte.
Nach langem Marsche erreichte man endlich das von den Engländern
verlassene Kantonnement, dessen Baracken und Zelte jetzt die russischen
Truppen füllten. Mit Mühe nur konnten sich seine Begleiter hier einen
Weg durch das Gedränge bahnen; das Gerücht, daß man eine Anzahl von
Delinquenten in das Lager bringe, mußte wohl dem Transport vorausgeeilt
sein, denn Soldaten der verschiedensten Waffengattungen drängten von
allen Seiten neugierig herzu, um die armen Sünder aus der Nähe zu
betrachten.
Und plötzlich fühlte Heideck eine kleine, aber eisenfeste Hand an
seinem Arme.
„O Herr, was ist das? -- Weshalb führt man dich hier wie einen
Gefangenen?“
Beim ersten Wort schon hatte Heideck die weiche Stimme erkannt, die
in der Erregung ganz ihren natürlichen weiblichen Klang angenommen
hatte. In demselben phantastischen Pagenkostüm, darin er ihn zuletzt
in Chanidigot gesehen, stand der angebliche Diener seines Freundes
des Fürsten Tschadschawadse hier, wo er ihn gewiß am allerwenigsten
vermutet hätte, wie aus der Erde gewachsen vor ihm, und in seinem
schönen, ausdrucksvollen Gesicht spiegelte sich die lebhafteste
Bestürzung.
„Du bist es, Georgij?“ rief Heideck, in dessen verdüsterte Seele der
Anblick der Cirkassierin einen schwachen Hoffnungsschimmer warf, „und
dein Herr -- der Fürst? -- Befindet er sich ebenfalls in der Nähe?“
Aber die Kosaken schienen nicht geneigt, ihrem Gefangenen lange
Privatunterhaltungen zu gestatten.
„Mach, daß du weiterkommst, Bursche!“ schrie einer von ihnen den
vermeintlichen Pagen an, „das ist ein Spion, der sogleich füsiliert
werden wird. Und niemand darf mit ihm reden.“
Er machte Miene, die schlanke, zierliche Gestalt mit einer kleinen
Bewegung seiner mächtigen Faust bei Seite zu schieben. Aber Georgij
stieß furchtlos seinen Arm zurück und maß ihn mit einem sprühenden
Blick.
„Hüte deine lästerliche Zunge, du Lügner! Tausendmal eher bist du
selber ein Spion, als dieser Herr. Wenn ihr ihn nicht auf der Stelle
freilaßt, wird man euch knuten, daß ihr bis an das Ende eures Lebens
daran denkt!“
Die Kosaken sahen sich an und lachten. Es war wohl nur die Schönheit
und halb instinktiv von ihnen empfundene Vornehmheit des dreisten
jungen Burschen, die sie verhinderte, handgreiflich zu werden.
„Nimm dich in Acht, Kleiner, daß man nicht dir zuerst die Rute gibt,“
sagte gutmütig der eine, „und geh deiner Wege, damit wir dich nicht aus
Versehen zwischen unseren Fingern zerbrechen.“
„Geh, Georgij,“ mahnte nun auch Heideck, da er sah, daß die
Cirkassierin durchaus nicht willens schien, dem Befehl zu gehorchen.
„Wenn dein Herr in der Nähe ist, so sage ihm, daß man im Begriff sei,
mich gegen alles Völkerrecht zu erschießen. Aber er müsse eilen, falls
er mich noch einmal lebend sehen wolle; denn es hat ganz den Anschein,
als ob seine Kameraden kurzen Prozeß mit mir zu machen gedächten.“
Er hegte einigen Zweifel, ob die schöne, heißblütige Tochter der
Berge ihn vollkommen begriffen habe. Jedenfalls aber sah er, daß sie
sich plötzlich blitzschnell umwandte und sich mit der geschmeidigen
Behendigkeit einer schlanken Eidechse einen Weg durch das Gedränge
rauher Kriegsmänner suchte.
Eine neue Hoffnung war in Heidecks Herzen erwacht, und er fühlte sich
mit einem Mal wieder durch tausend Bande an das Leben gefesselt, mit
dem er noch soeben völlig abgeschlossen zu haben glaubte. Er wollte
seinen Schritt verlangsamen, um dadurch Zeit zu gewinnen. Aber die
Kosaken, die ihn bis dahin mit einer gewissen Rücksicht behandelt
hatten, schienen durch den Zwischenfall mit dem Pagen gereizt worden zu
sein, denn einer von ihnen trieb den Gefangenen mit herrischem Zuruf
zur Eile an, und der andere erhob sogar mit drohender Geberde die Faust.
Vielleicht würde er zugeschlagen haben, doch der deutsche Offizier sah
ihm mit einem so stolzen, gebieterischen Blick in die Augen, daß er den
erhobenen Arm sinken ließ. Der finster blickende Bursche fühlte wohl,
daß er es hier unmöglich mit einem gewöhnlichen Spion zu tun haben
könne. Und von diesem Augenblick an kam kein Fluch und kein Schimpfwort
mehr über seine Lippen.
Das Knattern einer Gewehrsalve schlug an Heidecks Ohr. Und es ging ihm,
der doch an den Knall von Schüssen hinlänglich gewöhnt war, durch Mark
und Bein. Die Kugeln, die dort abgefeuert waren -- er wußte es, ohne
daß es ihm jemand zu sagen brauchte -- hatten irgend einem armen Teufel
gegolten, der sich in derselben Lage befunden wie er selbst. Das war
es, was diesen Schüssen für ihn eine so besondere Bedeutung gab, eine
ganz andere jedenfalls, als sie gestern all das Knattern und Krachen
der ihn umtobenden Schlacht gehabt. Wahrhaftig, man braucht nicht feige
zu sein, um bei dem Gedanken an zehn oder zwanzig auf die eigene Brust
gerichtete Gewehrläufe etwas wie ein eisiges Erschauern zu verspüren. --
Und nun war der verhängnisvolle Platz erreicht, der auch das Endziel
seiner irdischen Wanderung bedeuten sollte. Man hatte das Exerzierfeld
hinter der Barackenstadt für die Exekution ausersehen, und man ging
sehr summarisch zu Werke, da man sich nicht einmal Zeit ließ, die
Leichen der Erschossenen einzeln fortzuschaffen. Man ließ sie einfach
in dem Graben liegen, vor dem die Delinquenten aufgestellt worden
waren, wahrscheinlich, weil die Bestattung in einem Massengrabe dadurch
bequemer wurde.
Ein Offizier nahm den von dem Vorsitzenden des Kriegsgerichts
ausgefertigten Exekutionsbefehl in Empfang und übergab den Verurteilten
einem Unteroffizier, der ihn mit einem Ausdruck des Bedauerns musterte
und ihn in beinahe verbindlichem Tone aufforderte, ihm zu folgen.
Wenige Minuten nach seiner Ankunft auf dem Exerzierplatze stand Heideck
ebenfalls vor dem verhängnisvollen Graben und sah einen Zug Infanterie,
Gewehr bei Fuß, vor sich aufmarschiert.
Jetzt hegte er keine Hoffnung mehr. Seit dem Augenblick, da man das
Urteil über ihn gesprochen, hätte ja nur noch ein Wunder ihn retten
können. Und dies Wunder war nicht geschehen. Für eine kurze Spanne
Zeit war er töricht genug gewesen, aus der zufälligen Begegnung mit
der Cirkassierin neuen Lebensmut zu schöpfen; nun aber war auch das
vorüber. Selbst wenn sie von dem eifrigsten Willen beseelt gewesen
wäre, ihn zu retten, was hätte sie schließlich tun können, um das
Unmögliche zu vollbringen? Er bedauerte jetzt, daß er sich nicht darauf
beschränkt hatte, den Fürsten durch sie um ein ehrliches Begräbnis
und um die Entsendung einer Nachricht an den deutschen Generalstab
bitten zu lassen. Diese Wünsche wären doch vielleicht nicht unerfüllbar
gewesen, und er zweifelte nicht, daß sein liebenswürdiger russischer
Bekannter ihm gern den letzten kleinen Liebesdienst erwiesen hätte.
Ein Kommando ertönte, und die Soldaten ihm gegenüber nahmen unter
Geklapper und Gerassel ihre Gewehre auf. Gleichzeitig aber schlug von
der anderen Seite her ein lautes, gebieterisches Rufen an Heidecks Ohr,
und er sah einen Reiter in russischer Dragoneruniform heransprengen,
dessen vor Aufregung dunkel gerötetes Gesicht er auf den ersten Blick
als das des Fürsten Tschadschawadse erkannte.
Hart vor Heideck parierte er sein schweißbedecktes Pferd und schwang
sich aus dem Sattel.
„Brüderchen! -- Brüderchen!“ rief er, noch ganz atemlos von dem wilden
Ritt, und schloß mit echt russischem Ungestüm den unter so seltsamen
Umständen Wiedergefundenen in die Arme. „Bei allen Heiligen -- ich
glaube, es war die höchste Zeit, daß ich kam!“
Dann wandte er sich an den verblüfft dreinschauenden Offizier des
Pelotons:
„Hier muß ein Irrtum vorliegen. Diesem Herrn darf kein Leid zugefügt
werden, denn er ist nicht nur mein persönlicher Freund, sondern auch
ein Kamerad, ein Offizier der mit uns verbündeten deutschen Armee.“
Der Leutnant zuckte die Achseln:
„Ich habe zu tun, was mir befohlen wird, Herr Oberst! Für etwaige
Irrtümer meiner Vorgesetzten oder des Kriegsgerichts trage ich keine
Verantwortung.“
„Dafür aber, daß ich Sie an der Ausführung des Ihnen erteilten Befehls
verhindere, nehme ich die Verantwortung auf mich, Herr Leutnant! Dieser
Herr wird mich begleiten, und ich bürge für ihn.“
Er übergab einem Soldaten sein Pferd, schob seinen Arm in den Heidecks
und führte ihn hinweg bis zu dem von ihm bewohnten Zelte in der
Barackenstadt, fortwährend in den lebhaftesten Worten seiner Freude
über das Wiedersehen Ausdruck gebend. Das Frühstück, von dem die
Botschaft Georgijs ihn aufgescheucht hatte, stand noch auf dem Tische,
und Heideck ließ sich nicht lange zum Zugreifen nötigen; denn er merkte
eigentlich erst jetzt, wie lange er gefastet hatte und wie dringend
er einer leiblichen Erquickung bedurfte. Von seinen Dankesäußerungen
wollte Fürst Tschadschawadse nichts wissen; aber als Heideck ihn
fragte, ob er vorhin denn wirklich recht gehört habe, als der Fürst
von einem Bündnis zwischen der russischen und der deutschen Armee
gesprochen, gab er bereitwillig Auskunft.
„Ja -- es ist so! Das Deutsche Reich geht mit uns. Die erste
Freudenbotschaft, die mich empfing, als ich die Armee erreichte, war
die Kunde, daß Kaiser Wilhelm II. England den Krieg erklärt habe. Die
Welt steht in Flammen. Nur Oesterreich und Italien halten sich neutral.“
„Und davon hatte ich keine Ahnung! Doch das erklärt sich freilich
leicht genug. Alle Telegraphenkabel befinden sich in englischen Händen,
und man hatte es leicht, jede mißliebige Depesche zurückzuhalten.
Die in Indien erscheinenden Zeitungen aber durften natürlich nur
veröffentlichen, was der Regierung angenehm war. Aber ich brenne
darauf, mehr zu erfahren. Wissen Sie vielleicht auch, wie sich die
Dinge bisher entwickelt haben und auf welche Art Deutschland den Krieg
zu führen gedenkt?“
„Es scheint, daß man einen Einfall in England beabsichtigt. Deutschland
hat die Hälfte seiner Armee mobil gemacht und die Niederlande besetzt.
Die französischen Truppen dagegen sind in Belgien eingerückt, so daß
den beiden Mächten die ganze Küste England gegenüber zur Verfügung
steht.“
„Und ist zur See schon etwas geschehen?“
„Nein, wenigstens ist bis zur Stunde noch keine Nachricht über eine
Seeschlacht hierher gelangt. Man befindet sich offenbar noch im Stadium
der Rüstungen, und über die Bewegungen der deutschen und französischen
Flotten verlautet nichts. Uebrigens sind meine neuesten Nachrichten
auch schon ziemlich alt. Wir erfahren bei der Armee nur, was die
Kosaken überbringen.“
Heideck griff sich an die Stirn.
„Ich bin wie betäubt. -- Das alles mit einem Mal zu fassen und
zu verarbeiten geht fast über die Fähigkeiten eines gewöhnlichen
Menschenhirnes hinaus. -- Aber verzeihen Sie, mein Fürst, wenn ich
Ihnen, der Sie heute schon so viel für mich getan, noch mit einem
weiteren Anliegen komme. Ich befinde mich in großer Sorge um eine
Dame, die Witwe eines gestern gefallenen englischen Offiziers, die
sich meinem Schutze anvertraut hat. Ich verließ sie heute früh, als
man mich verhaftete, um mich vor das Kriegsgericht zu stellen, an dem
Grabdenkmal der Anar Kali, wo sie mit anderen Gefangenen untergebracht
war. Raten Sie mir, was ich tun soll, um der Dame, deren Wohl mir
sehr am Herzen liegt, eine beruhigende Nachricht über mein Schicksal
zukommen zu lassen und um zugleich sie selbst vor Belästigungen und
Ungemach zu schützen.“
„Das ist sehr einfach. Haben Sie ein Bedenken, mir den Namen der Dame
zu nennen?“
„Durchaus nicht. Es ist Mrs. Edith Irwin, die Witwe des Kapitän Irwin,
der auch Ihnen in Chanidigot vielleicht begegnet ist.“
„Ich glaube mich zu erinnern. Es wurde da von einer Spielaffäre
erzählt, in der er eine nicht gerade rühmliche Rolle gespielt haben
soll -- nicht wahr? Nun wohl, während Sie hier in meinem Zelte
tüchtig ausschlafen, werde ich nach Anar Kali hinüberreiten, um die
Dame aufzusuchen und mich über ihre Lage zu unterrichten. Seien Sie
versichert, daß ihr nichts Unangenehmes widerfahren wird, sofern es mir
nur gelingt, sie zu finden.“
„Sie beschämen mich wirklich, mein Fürst -- ich -- --“
„Sie würden genau dasselbe tun, wenn das Schicksal uns zufällig mit
vertauschten Rollen agieren ließe. Weshalb also viele Worte darüber
machen! Ich kann Ihnen leider keine bequemere Lagerstätte anbieten als
mein Feldbett da. Aber Sie sind ja Soldat und ich denke, wir beide
haben schon schlechter gelegen. Also angenehme Ruhe, mein Freund! Ich
werde Sorge tragen, daß Sie während der nächsten zwei Stunden von
niemand gestört werden.“
Und eilig, um sich allen etwa beabsichtigten weiteren Dankesäußerungen
zu entziehen, verließ der Fürst das Zelt.
[Illustration]