Von tausendfältigem Tode umdroht, wie sein Ritt zu der Brigade des
Obersten Baird, war auch Heidecks Rückweg. Wenngleich er allen
geschlossenen Truppenkörpern auf seinem Wege über das blutgetränkte
Schlachtfeld erfolgreich und glücklich auswich, so kamen vereinzelt
russische Reiter doch in seine Nähe, und mehr als einmal hörte er den
feinen, pfeifenden Ton der dicht an seinem Haupte vorbeisausenden
Gewehrkugeln. Aber in dem Schlachtenfieber, das ihn ergriffen hatte,
dachte er kaum einen Augenblick an die Gefahr, denn alle seine Gedanken
beschäftigten sich einzig mit der Lösung der Frage, wie er nach Lahore
gelangen sollte, um die letzte Bitte des Obersten zu erfüllen.
Aus mehreren Wunden blutend, setzte sein wackerer Hengst die letzten
Kräfte ein, um seinen Reiter glücklich aus dem Schlachtgetümmel zu
bringen. Eine bedeutende Strecke noch vermochte das verwundete Tier im
langen Galopp zurückzulegen. Dann jedoch fing es plötzlich an, seinen
Gang zu verlangsamen und zu straucheln, so daß Heideck merken mußte,
es ging mit seinen Kräften zu Ende. Er schwang sich aus dem Sattel,
um die Verletzung des Hengstes zu untersuchen, und erkannte, daß er
dem Pferde weitere Anstrengungen nicht mehr zumuten dürfe. Es hatte
außer dem Bajonettstich am Halse auch noch ein Kugelloch im linken
Hinterschenkel, und namentlich aus dieser Wunde ergoß sich das Blut.
Aengstlich schnaubend rieb das arme Tier den Kopf an der Schulter
seines Herrn, und Heideck kraute ihm liebkosend die Stirn.
‚Armer Bursche -- du hast deine Schuldigkeit getan. Ich muß dich hier
zurücklassen.‘ Erst jetzt überkam ihn die bange Befürchtung, daß auch
er von diesem Schlachtfelde nicht lebend entkommen werde.
Da sah er einen Reiter in indischer Kleidung mit hochgeschwungenem
Säbel auf sich zukommen. Heideck riß seinen Revolver aus dem Gürtel,
um sich gegen den Angreifer zu verteidigen. Plötzlich aber erkannte
er in dem vermeintlichen Gegner seinen getreuen Boy, Morar Gopal, der
vor Freude strahlte, seinen totgeglaubten Herrn durch einen Zufall
wieder gefunden zu haben. Er wollte Heideck ohne weiteres sein Pferd
überlassen und sich zu Fuß weiterzuhelfen suchen. Aber der deutsche
Offizier nahm das uneigennützige Opfer seines Dieners nicht an. Und
er wurde der Notwendigkeit, sich abermals von seinem treuen Diener zu
trennen, dadurch überhoben, daß eben jetzt ein reiterloses englisches
Offizierpferd in Sicht kam. Das Tier, ein schöner Brauner, war
unverletzt und ließ sich ohne sonderliche Mühe einfangen. Nun konnten
sie ihre Flucht gemeinsam fortsetzen, und Heideck faßte den Entschluß,
sich dem linken englischen Flügel zuzuwenden, weil, wie es ihm schien,
dort noch mit weniger Unglück gekämpft wurde, als bei den übrigen
Teilen der schon völlig zersprengten britischen Armee. Der kürzeste
Weg, um nach Lahore zu gelangen, war dies freilich nicht. Aber es wäre
ein tollkühnes Unternehmen gewesen, sich in das wilde Getümmel von
Fliehenden und Verfolgern zu mischen, das sich jetzt nach Lahore ergoß.
Die an beiden Ufern des Ravi liegenden, langgestreckten Plantagen von
Schah Dara und die sie verbindende Schiffsbrücke waren in der Tat
noch von englischen Truppen besetzt, die ihre Stellung bisher ohne
allzuschwere Verluste behauptet hatten. Allerdings hatten sie sich den
Russen gegenüber in der Mehrzahl befunden. Denn der Angriff auf Schah
Dara, mit dem die Schlacht begonnen hatte, war in der Hauptsache ja nur
ein Scheinmanöver gewesen, dazu bestimmt, das Zentrum der englischen
Armee, gegen das der Hauptstoß geführt werden sollte, zur Entsendung
von Verstärkungen zu veranlassen und dadurch in verhängnisvoller Weise
zu schwächen. Heideck hatte mit eigenen Augen gesehen, wie vollständig
dieser Plan geglückt war. Nun freilich, da durch den erfochtenen Sieg
ihre Streitkräfte an anderen Stellen entbehrlich wurden, fingen die
Russen an, auch hier mit größeren Massen anzugreifen. Aus der Reserve
rückten russische Bataillone im Sturmschritt heran, und neue Batterien
erschienen, um das Feuer auf Schah Dara und das südlich davon gelegene
Grabmal Schah Jehangirs zu eröffnen.
Und die Engländer waren verständig genug, es nicht auf einen
hoffnungslosen Verzweiflungskampf ankommen zu lassen, sondern sie
begannen ihren Rückzug, so lange er sich noch in leidlicher Ordnung
vollziehen konnte.
Als Heideck das südliche Ende der Pflanzungen erreichte, kam eben ein
Regiment bengalischer Reiter über die Schiffsbrücke, und Heideck schloß
sich ihm an. Eine russische Granate, die mitten in den Trupp einschlug,
ohne indessen trotz ihrer zahlreichen Opfer die Marschdisziplin zu
zerstören, war ein recht deutlicher Beweis, daß die Situation auch hier
in der Tat unhaltbar war.
Mit verhältnismäßig geringen Verlusten und ohne noch einmal in einen
Kampf verwickelt worden zu sein, gelangte das Regiment bis unter die
Zitadelle, die im Norden von Lahore innerhalb der Umfassungsmauer liegt.
Mit Entsetzen aber mußten die unglücklichen Lanzenreiter wahrnehmen,
daß ihnen auch von dort her mörderische Kugeln entgegengesandt wurden.
Sie galten freilich nicht ihnen, sondern den verräterischen indischen
Truppen und den irregulären russischen Reitern, die sich in wildem
Getümmel gegen die Mauern wälzten. Aber ihre Wirkung war darum nicht
minder verderblich. Die zurückgebliebene englische Besatzung hatte
alle Tore der Stadt geschlossen und schien gesonnen, niemand mehr
einzulassen, weder Freund noch Feind. Trotzdem ließ der Führer des
bengalischen Regiments seine Leute dicht aufschließen und bahnte
sich mit unwiderstehlichem Druck einen Weg durch den Wirrwarr der
unmittelbar unter den Mauern in grauenhaftem Handgemenge Kämpfenden. Er
hatte seine Richtung auf eines der Tore zu genommen. Und drinnen kam
man glücklicherweise seiner Absicht entgegen: in der Zuversicht, daß
die wuchtigen Hiebe und Stöße der Reiter den Feind verhindern würden,
gleichzeitig mit ihnen einzudringen, öffnete man im entscheidenden
Augenblick das Tor, und inmitten des Regiments gelangte auch Heideck
mit seinem treuen Gefährten glücklich in die Stadt.
Die Lancers rückten in die Zitadelle ein, und Heideck wandte sich mit
Morar Gopal, der ihm wie sein Schatten folgte, dem Charing-Croß-Hotel
zu.
Aber es war nicht leicht, dahin zu gelangen. Denn die Straßen
waren mit einer schier undurchdringlichen Menge laut schreiender
und gestikulierender Eingebornen gefüllt, die sich ersichtlich in
größter Aufregung befanden. Die Nachrichten von der für die Engländer
verlorenen Schlacht hatten längst ihren Weg in die Stadt gefunden,
und die lang gehegte Befürchtung, daß eine solche Nachricht eine
verhängnisvoll aufreizende Wirkung auf die indische Bevölkerung üben
würde, zeigte sich überraschend schnell als berechtigt. In all' den
braunen Gesichtern, die er da auf sich gerichtet sah, glaubte Heideck
deutlich eine haßerfüllte Drohung zu lesen. Man hielt ihn natürlich
für einen Engländer, und nur seine entschlossene Miene und der blanke
Säbel in seiner Faust mochten die Leute abhalten, ihrem Groll gegen
den Angehörigen der verhaßten Unterdrücker-Rasse durch Tätlichkeiten
Ausdruck zu geben.
Das Tor des Hotels war verschlossen, vielleicht, weil man einen Angriff
von Seiten der Eingebornen fürchtete. Aber als ein weißer Mann, den
man obendrein für einen englischen Offizier hielt, Einlaß begehrte,
wurde es aufgetan. Heideck fand einen großen Teil der in dem Hotel
untergebrachten Offiziersdamen und Kinder im Vestibül und dem daran
anstoßenden Speisesaal versammelt. Die Ahnung eines schrecklichen
Unglücks und die durch den Straßenlärm beständig gesteigerte Angst
vor den kommenden Ereignissen hatten die Bedauernswerten nicht länger
in ihrem Zimmer geduldet. Mrs. Baird und Edith Irwin aber befanden
sich nicht unter denen, die Heideck umdrängten, und die in hundert
durcheinanderschwirrenden Fragen von dem staubbedeckten Manne, der
sicherlich vom Schlachtfelde herkam, Auskunft über den Stand der Dinge
zu erhalten hofften.
Heideck sagte nichts weiter, als daß die Armee sich tapfer kämpfend
zurückzöge. Es wäre eine nutzlose Grausamkeit gewesen, den Schrecken
und die Verzweiflung dieser Unglücklichen durch eine Mitteilung der
ganzen Wahrheit ins Ungemessene zu steigern. Fast gewaltsam mußte er
sich aus dem dichten Knäuel befreien, um sich in das Zimmer der Mrs.
Baird hinaufbegeben zu können. Es war die erste freudige Empfindung
während dieses verhängnisvollen Tages, die seine Seele durchzitterte,
als er in dem freundlichen Zuruf, der sein Klopfen beantwortete,
Edith Irwins Stimme erkannte. Die Befürchtung, daß ihr während seiner
Abwesenheit etwas zugestoßen sein könnte, hatte ihn während der letzten
Stunden unablässig gepeinigt, und er vergaß für einen Augenblick all
das Grauen, das sie umgab, über dem Entzücken, in das ihn bei seinem
Eintritt der Anblick ihrer unvergleichlichen Schönheit versetzte.
Sie hatte sich aus dem Sessel inmitten des Zimmers erhoben, mit
tiefernstem, aber vollkommen ruhigem Gesicht und klarblickenden
Augen, die bereit schienen, auch der furchtbarsten Gefahr fest
entgegenzusehen. Mrs. Baird lag mit ihren beiden kleinen Mädchen in
einer Ecke auf den Knieen. So ganz war sie in ihre inbrünstige Andacht
versunken, daß sie den Eintritt Heidecks völlig überhört hatte. Erst
als Edith sagte: „Da ist Mr. Heideck, liebe Freundin! Ich wußte wohl,
daß er kommen würde --“ sprang sie in großer Erregung auf.
„Dem Himmel sei Dank! Sie kommen von meinem Gatten? Wie haben Sie ihn
verlassen? Ist er noch am Leben?“
„Ich verließ den Obersten, als er sich inmitten seiner tapferen Leute
gegen den Feind verteidigte. Er trug mir auf, Ihnen seine Grüße zu
bringen.“
Er hatte sich bemüht, seiner Stimme einen festen Klang zu geben. Aber
der scharfe weibliche Instinkt der bedauernswerten Frau erriet, was
sich hinter seinen tröstlich klingenden Worten verbarg.
„Warum sagen Sie mir nicht die Wahrheit? Mein Mann ist tot!“
„Er war verwundet, aber Sie brauchen die Hoffnung nicht aufzugeben, ihn
lebend wiederzusehen.“
„Wenn er verwundet ist, will ich zu ihm. Sie werden mich führen, Mr.
Heideck! Es muß doch eine Möglichkeit geben, zu ihm zu gelangen.“
„Ich bitte Sie dringend, sich zu beruhigen, verehrte Mrs. Baird! Es
ist gewiß begreiflich, daß Ihr Herz Sie jetzt zu Ihrem Gatten zieht.
Aber die Ausführung Ihrer Absicht ist ganz unmöglich. Die Nacht bricht
herein, und wenn es auch heller Tag wäre, würde niemand durch das
Getümmel der zurückgehenden Armee dahin gelangen können, wo wir den
Obersten suchen müßten.“
„Die Schlacht ist also verloren? Unser Heer ist auf der Flucht?“
„Der Verrat der indischen Truppen trägt die Schuld daran. Ihre
Landsleute, Mrs. Baird, haben gekämpft wie Helden, und da eine
verlorene Schlacht noch nicht einen verlorenen Feldzug bedeutet, werden
sie die Scharte von heute vielleicht bald ausgewetzt haben.“
„Was aber soll nun aus uns werden? Man wird doch die Verwundeten
hierher bringen, nicht wahr? Darum werde ich unter keinen Umständen
fortgehen, ehe ich meinen Gatten wiedersehe.“
Ihr Entschluß, in der aufgeregten Stadt auszuharren, wäre sicherlich
durch keine Kunst der Ueberredung zu erschüttern gewesen. Aber
Heideck dachte auch gar nicht daran, Mrs. Baird von diesem Entschluß
abzubringen. Denn es war seine feste Ueberzeugung, daß die von dem
Obersten für den Fall einer Niederlage empfohlene Flucht nach Amritsar
in der gegenwärtigen Lage ganz unausführbar war. In der Tat gab es kaum
eine andere Möglichkeit, als hier im Hotel auszuharren und geduldig den
weiteren Verlauf der Ereignisse abzuwarten.
In die aufgeregte Volksmenge draußen auf den Straßen durften sich weiße
Frauen und Kinder jetzt unmöglich hinauswagen. Im Hause aber glaubte
sie Heideck einstweilen noch vollkommen sicher, denn er hielt es für
unmöglich, daß der Fanatismus der Eingebornen sich bis zu einem Angriff
auf das Hotel steigern könnte, während sich noch beträchtliche Mengen
englischen Militärs in der Stadt befanden.
Nur zu bald aber sollte er erfahren, daß auch er den Ernst der
Situation unterschätzt hatte. Ein roter, zuckender Flammenschein, der
das eben noch von der sinkenden Dämmerung erfüllte Gemach plötzlich
erhellte, ließ ihn bestürzt an das Fenster eilen, und er sah zu seinem
Schrecken, daß eines der Häuser auf der gegenüberliegenden Seite der
Straße in Brand geraten war. Auch in dem anstoßenden Gebäude züngelten
die Flammen bereits an den hölzernen Säulen der Veranda empor. Es war
kein Zweifel, daß das Hotel in kurzer Zeit von Flammen umringt sein
würde.
Unter diesen Umständen war an ein Verweilen im Hotel nicht mehr zu
denken. Dem Feuer zwar konnten seine massiven Mauern vielleicht eine
Zeitlang Widerstand bieten, aber der beißende Qualm, der Heideck schon
jetzt den Atem benahm, als er für einen Moment das Fenster öffnete,
hätte menschlichen Wesen den Aufenthalt in dieser Glut bald unmöglich
gemacht. Nun wurde auch mit heftigen Schlägen an die Tür des Zimmers
geklopft, und Morar Gopal, der Heideck überall im Hotel gesucht hatte,
beschwor seinen Herrn, auf der Stelle zu entfliehen.
Der deutsche Offizier war sich vollkommen klar darüber, daß es jetzt
galt, die eine Gefahr mit einer andern, vielleicht noch größeren, zu
vertauschen. Aber es gab trotzdem kein Zaudern und Ueberlegen.
„Wir befinden uns inmitten einer Feuersbrunst, Mrs. Baird,“ sagte er
dringend. „Niemand wird in dieser allgemeinen Aufregung einen Versuch
machen, dem rasenden Element Einhalt zu gebieten. Und wenn Sie nicht
hier mit Ihren Kindern ersticken wollen, müssen Sie mir folgen.
Ich hoffe, Sie unversehrt in die Zitadelle oder an einen anderen
geschützten Ort zu bringen.“
Edith Irwin hatte bereits eines der kleinen Mädchen in ihren Arm
genommen, und als die Gattin des Obersten mit wirren Blicken suchend
umhersah, als hätte sie den Wunsch, noch irgend welche teuren
Besitztümer zu retten, drängte sie sie nachdrücklich zur Eile.
„Es gibt jetzt nichts wertvolleres, als das Leben Ihrer Kinder. Alles
andere mag in Gottes Namen verloren gehen.“
Und die arme Frau, deren Sinne sich in dem Uebermaß des Schrecklichen
zu verwirren begannen, fügte sich gehorsam der kaltblütigen
Ueberlegenheit ihrer jungen Freundin. Von den Bewohnern des Hotels war
schon beinahe alles geflüchtet. Nur ein paar unglückliche Frauen, die
völlig den Kopf verloren hatten, irrten noch in den unteren Räumen
umher, allerlei wertlose Dinge, von denen sie sich nicht trennen
wollten, in den Händen haltend. Heideck rief ihnen zu, sich ihm
anzuschließen. Aber sie verstanden ihn kaum, und er hatte nicht Zeit,
sich weiter um die Bedauernswerten zu kümmern.
Den bloßen Säbel in der Faust, suchte der treue Hindu dem Gebieter
und dessen Schützlingen einen Weg durch die zwischen den brennenden
Häusern hin- und herwogende Menge zu bahnen. Es war jetzt völlig
dunkel geworden, und nur die roten Flammen beleuchteten unheimlich die
grausige nächtliche Szene. Der wütende Fanatismus der Menge schien sich
während der letzten halben Stunde noch gewaltig gesteigert zu haben.
Diese sonst so bescheidenen, unterwürfigen und liebenswürdigen Menschen
waren plötzlich in eine Horde von Wilden verwandelt. Ueberall sah man
geschwungene Dolche und Säbel, während ein betäubendes Geschrei die
Luft zerriß. Nie zuvor hatte Heideck menschliche Wesen in solchem
Aufruhr gesehen. In tollen Gestikulationen warfen diese braunen
Burschen ihre Arme und Beine umher. Wie wilde Tiere fletschten sie die
Zähne und brachten sich selbst mit ihren Waffen Verletzungen an Brust
und Gliedern bei, um durch den Anblick des fließenden Blutes ihre
Mordgier zu erhöhen.
Schritt für Schritt bahnten sich die beiden Männer durch gebieterische
Zurufe und durch kräftige Schläge mit der flachen Klinge ihren Weg.
Aber nach Verlauf von zehn Minuten hatten sie wenig mehr als hundert
Meter zurückgelegt. Das Getümmel um sie her wurde immer enger und
bedrohlicher, und Heideck sah ein, daß es unmöglich sein würde, die
Zitadelle zu erreichen.
In banger Sorge um die seinem Schutze anvertrauten Menschenleben hielt
er Umschau nach einem anderen rettenden Zufluchtsort. Aber die Europäer
hatten ihre Häuser fest verschlossen und verrammelt, und keiner von
ihnen würde den Hilfeflehenden aufgetan haben. Plötzlich wuchs das
wüste Geschrei, das die weinenden Kinder schon jetzt fast zu Tode
geängstigt hatte, zu einem markdurchdringenden Kreischen und Toben an,
und eine Rotte von ihrer fanatischen Leidenschaft bis zum Wahnsinn
gestachelter Dämonen stürmte aus einer Seitenstraße gerade auf Heideck
zu.
Sie hatten irgendwo auf ihrem Wege schon eine Anzahl anderer weiblicher
Flüchtlinge aufgefangen. Und der Anblick dieser Unglücklichen ließ
dem deutschen Offizier das Blut in den Adern erstarren. Man hatte
den Frauen, unter denen sich auch zwei fast noch an der Grenze des
Kindesalters stehende Mädchen befanden, die Kleidungsstücke vom Leibe
gerissen und stieß sie jetzt unter beständigen grausamen Mißhandlungen
vorwärts, so daß sie aus zahlreichen Wunden bluteten.
Unfähig, seinen heiß aufwallenden Zorn über diese Bestialität
niederzuhalten, riß Heideck den Revolver aus dem Gürtel und streckte
eines der fanatisch heulenden Scheusale durch einen wohlgezielten Schuß
zu Boden.
Aber es war nicht klug gewesen, was er da getan hatte. Wenn sein
soldatisches Aussehen die im Grunde feige Gesellschaft bis dahin noch
von Gewalttätigkeiten gegen ihn und seine Begleitung zurückgehalten
hatte, so riß die aufkochende Wut jetzt alle Dämme nieder.
In der nächsten Sekunde schon war das kleine Häuflein in einen Knäuel
tobender brauner Teufel eingeschlossen, und Heideck gab sich keiner
Täuschung mehr darüber hin, daß es sich nur noch darum handeln könne,
tapfer kämpfend zu sterben. Die ersten und ungestümsten der Angreifer
vermochte er sich damit vom Leibe zu halten, daß er die fünf noch
in seinem Revolver befindlichen Schüsse gegen sie abfeuerte. Der
letzte von ihnen blies einem schwarzbärtigen Burschen gerade in dem
Augenblick das Lebenslicht aus, als er mit brutalen Fäusten nach Edith
Irwin gegriffen hatte. Jetzt warf Heideck den nutzlos gewordenen
Revolver, den er nicht mehr von neuem zu laden vermochte, einem der
zähnefletschenden Unholde ins Gesicht, schlang seinen freigewordenen
linken Arm um Edith und setzte, sie fest an sich drückend, seinen
verzweifelten Verteidigungskampf mit dem Säbel fort.
Für Mrs. Baird und ihre Kinder konnte er nichts mehr tun. Seitdem er
den treuen Morar Gopal unter den Hieben einiger Mohammedaner hatte
fallen sehen, wußte er, daß sie rettungslos verloren seien. Er gewahrte
noch, wie man der Gattin des Obersten ebenfalls die Kleider in Fetzen
vom Leibe riß; er hörte das herzzerreißende Wehgeschrei, mit dem sie
unter den Schlägen und Stößen der entmenschten Peiniger nach ihren
Kindern rief. Aber es blieb ihm wenigstens erspart, auch das Ende der
unschuldigen kleinen Mädchen mit eigenen Augen sehen zu müssen. Sie
waren seinem Blick in dem schrecklichen Gedränge entschwunden, und da
sie ohnedies vor Entsetzen schon halb bewußtlos gewesen waren, mochte
der Himmel wenigstens die Barmherzigkeit gehabt haben, sie die Qualen
des Todes, den ihre fühllosen Schlächter ihnen bereiteten, nicht mehr
empfinden zu lassen.
Und Edith?
Sie war nicht ohnmächtig. Nichts von jenen Schauern des Entsetzens,
die selbst den Mutigsten im Angesicht des Todes überkommen, war in
ihren Zügen zu lesen. Man hätte glauben können, daß die Vorgänge um sie
her alle Schrecken für sie verloren hätten, seitdem Heidecks Arm sie
umschlang.
Aber der Moment war nicht dazu angetan, Heideck die Seligkeit der
Gewißheit ihrer Liebe empfinden zu lassen. Er war mit seinen Kräften
zu Ende, und obwohl er bis auf eine geringfügige Verletzung an der
Schulter noch unverwundet war, wurde es ihm doch schon unsäglich
schwer, den Säbel zu führen, dessen wuchtige Hiebe die Angreifer bis
auf einige Tollkühne, die ihren Vorwitz teuer genug bezahlt hatten,
bisher noch immer in einer gewissen respektvollen Entfernung gehalten.
In demselben Augenblick, wo ihn die Ermattung nötigte die Waffe sinken
zu lassen, waren Edith und er hilflos der dämonischen Grausamkeit
dieser Horde menschlicher Bestien preisgegeben. Das wußte er, und darum
setzte er, obwohl es vor seinen Augen schon wie ein blutroter Nebel
wogte, den letzten Rest seiner Kraft daran, diesen fürchterlichen
Augenblick noch um ein Geringes hinauszuschieben. --
Und plötzlich geschah etwas Unerwartetes, Wunderbares, -- etwas, das
er in seinem gegenwärtigen Zustande überhaupt nicht zu begreifen
vermochte. Zahlreiche Ausrufe der Angst und des Schreckens mischten
sich in das Wut- und Triumphgeheul der rachetrunkenen Inder. Mit der
unwiderstehlichen Wucht einer Flutwelle drängte der ganze, dicht
zusammengedrängte Menschenschwarm vorwärts und gegen die Häuser an
beiden Seiten der Straße. Pferdegetrappel, Kommandorufe, das Geräusch
klatschender Schläge wurden vernehmlich, und die Oberkörper bärtiger
Reiter tauchten über den Köpfen der Menge auf.
Es war eine Schwadron Kosaken, die sich da rücksichtslos ihren Weg
durch das Getümmel bahnte. Die Stadt mußte sich also in den Händen
der Russen befinden, und es war jedenfalls der Befehl ergangen, zur
Verhinderung weiterer Massakres und Brandstiftungen die Straße von dem
fanatischen Gesindel zu säubern.
So trieben denn die grimmig dreinschauenden Reiter alles, was
ihnen in den Weg kam, vor sich her. Und sie machten ihre Sache
gut; denn den Hieben der an ihren Enden mit dünnen, harten Stöcken
versehenen Peitschen, die in ihren Fäusten zu einem fürchterlichen
Züchtigungsinstrument wurden, widerstand nichts.
Heideck sah sich plötzlich von seinen Angreifern befreit, und da
er sich mit Edith hart an die Mauer eines Hauses drückte, blieb er
auch von den Fußtritten der Pferde, wie von den wahllos ausgeteilten
Knutenhieben glücklich verschont.
Aber das scharfe Auge eines Kosakenoffiziers hatte die kleine Gruppe
inmitten eines ganzen Haufens von Toten und Verwundeten erspäht.
Er ritt zu den beiden heran, und da er in Heidecks Khakianzug eine
englische Uniform zu erkennen glaubte, erteilte er seinen Leuten einen
Befehl, über dessen Bedeutung die Geretteten nicht lange im Zweifel
blieben, denn sie wurden alsbald von zweien der Kosaken zwischen ihre
Pferde genommen, und ohne zu wissen, wohin man sie bringen würde,
durchschritten sie die hier und da von den Flammen der brennenden
Häuser glutrot beleuchteten Straßen.
[Illustration]