XIII.

Der rote Schein zahlloser Feuer beleuchtete Heidecks Weg, als er in

das Lager zurückkehrte. Ueberall auf der weiten Ebene zwischen der

Stadt und dem Flusse wurde mit fieberhafter Geschäftigkeit gearbeitet.

Lange Züge von Lasttieren waren in Bewegung, Lebensmittel und Munition

wurden verteilt. Viele tausend Hände arbeiteten daran, den Uebergang

der Armee über den flachen Nebenfluß des Ravi zu erleichtern. Man

suchte den sumpfigen Stellen durch Bedeckung mit Palmenzweigen und

Blättern größere Festigkeit zu geben, und für die Artillerie wurden in

aller Eile Knütteldämme hergestellt. Heideck legte sich unwillkürlich

die Frage vor, warum die Armee nicht gleich an der Stelle versammelt

worden war, an der die Schlacht stattfinden sollte. Der Aufmarsch

durch die schwierigen Gelände in Verbindung mit der beabsichtigten

Linksschwenkung stellte an die Leistungsfähigkeit der Truppen

Anforderungen, die ohne Zweifel die nachteiligsten Folgen für das

Gefecht selbst haben mußten!

Vor seinem Zelte traf Heideck auf seinen indischen Boy, der sich

ersichtlich in großer Aufregung befand.

„Wenn wir morgen früh aufbrechen, lassen wir das Zelt mit allem, was

darin ist, stehen,“ sagte Heideck. „Du wirst meinen Hengst reiten,

während ich dein Pferd nehme.“

Morar Gopal war ein Hindu aus dem Süden, fast so schwarz wie ein Neger,

ein winziges, behendes Männchen, das kaum fünfzig Kilo wog. Deshalb

wollte Heideck ihn auch zunächst sein Pferd reiten lassen, um dessen

Kräfte für die späteren Anstrengungen des Tages möglichst zu schonen.

Jetzt erst gewahrte er, daß der Diener sich gegen seine Gewohnheit

bewaffnet hatte. Er war mit einem Säbel umgürtet, und als er ihn nach

dem Grunde fragte, erwiderte der Inder mit einem gewissen Pathos:

„Alle Hindus werden morgen sterben, aber ich will mich wenigstens

tapfer verteidigen.“

„Und wie kommst du auf die Vermutung, daß alle Hindus morgen sterben

müssen?“

„O, Sahib, wir wissen es wohl. Die Mohammedaner hassen die Hindus, und

sie werden uns morgen alle töten.“

„Das ist ja Unsinn! Mohammedaner und Hindus werden morgen vereint gegen

die Russen kämpfen.“

Aber der Inder schüttelte den Kopf.

„Nein, Sahib, die Russen sind auch Mohammedaner.“

„Der dir das sagte, hat dich belogen. Die Russen sind Christen, wie die

Engländer.“

So großes Vertrauen Morar Gopal sonst auch zu seinem Herrn haben

mochte, diesmal schenkte er seinen Versicherungen offenbar keinen

rechten Glauben.

„Wenn sie Christen wären, warum sollten sie dann Krieg gegen andere

Christen führen?“

Heideck sah ein, daß es unmöglich sein würde, den dunkelhäutigen

Burschen über die ihm unverständlichen Dinge aufzuklären. Und da nur

noch wenige Stunden für die Nachtruhe blieben, schickte er ihn auf

seine Lagerstätte.

Der erste Sonnenstrahl zuckte noch kaum über die weite Ebene hin, als

der Vormarsch begann. Heideck war bereits vor Tagesanbruch im Sattel

gewesen, und er fand noch vor dem Aufbruch die Zeit, einige Worte mit

dem Obersten Baird zu wechseln.

Dieser war heute auf einen sehr wichtigen und verantwortungsvollen

Führerposten gestellt. Er kommandierte eine Brigade, die aus zwei

englischen und einem Sepoy-Regiment, den Lancers und einer Batterie

bestand. Dazu befehligte er das vom Maharadjah von Chanidigot

gestellte und von dem Prinzen Tasatat geführte Hilfskorps, das aus

tausend Mann Fußvolk, fünfhundert Reitern und einer Batterie bestand.

Der Prinz selbst war auf das prächtigste gekleidet und bewaffnet;

Griff und Scheide seines Säbels funkelten von Edelsteinen, und an

seinem Turban blitzte eine Agraffe aus kostbaren Diamanten. Er ritt

einen prächtigen Fuchs, dessen Zäumung allein ein kleines Vermögen

darstellte. -- Auch seine Truppen waren schön gekleidet und trugen

ein sehr zuversichtliches Wesen zur Schau. Die Reiter waren ähnlich

den englischen Lancers mit langen Lanzen ausgerüstet und trugen rote,

blaugestreifte Turbane. Viele von ihnen waren aber trotz ihrer schweren

Stiefel genötigt gewesen, in die Reihen der Infanterie einzutreten,

da sowohl bei den mohammedanischen Truppen, wie bei der englischen

Kavallerie infolge schlechter Verpflegung und übergroßer Anstrengung

zahlreiche Pferde eingegangen waren.

Die Bewegung der britischen Armee war ziemlich verwickelt. Die

englischen Streitkräfte standen noch in zwei Treffen versammelt

zwischen Schah Dara und dem Park von Shalimar. Das erste bildeten

die von englischen Offizieren kommandierten indischen Truppen, das

zweite die englischen Regimenter. So sollte verhindert werden, daß

die zirka fünfundsiebzigtausend Inder die Flucht ergreifen könnten;

sollte das erste Treffen aber zum Rückzug gezwungen werden, dann konnte

es durch die fünfundzwanzigtausend Engländer Aufnahme finden und so

die Schlacht wieder zum Stehen gebracht werden. Der Vormarsch wurde

nun so angetreten, daß die rechte Hälfte der Aufstellung weit nach

rechts ausholend die Linksschwenkung ausführte und dadurch die Front

um etwa ein Drittel verlängerte; zur Füllung der hierdurch im Zentrum

entstehenden Lücke wurde das zweite Treffen in das erste vorgezogen

und bildete nunmehr die Mitte der Schlachtlinie. Gleichzeitig wurde ein

neues zweites Treffen gebildet, das durch Zurücklassen entsprechender

Truppen aller vorgehenden Abteilungen gebildet und hinter dem linken

Flügel der gesamten Aufstellung zusammengezogen wurde: die Engländer

hielten ihren linken Flügel für den am meisten bedrohten. Oberst Baird

befand sich mit seiner Brigade in der Mitte der ganzen Aufstellung in

vorderster Linie.

Heideck sah viele indische Regimenter an sich vorüber ziehen, und es

entging ihm nicht, wie verschieden die Stimmung und Haltung der Leute

war, je nachdem sie zu den Mohammedanern oder zu den Hindus gehörten.

Während jene sehr unternehmend und viele sogar fröhlich aussahen,

ließen die Hindus zum Zeichen ihrer Verzweiflung die Enden ihrer

Turbane lose herabhängen und marschierten, Kopf und Gesicht mit Asche

bestreut, trübselig dahin. Die Auffassung Morar Gopals von dem allen

Hindus bevorstehenden Schicksale war also offenbar ganz allgemein.

So weit das Auge reichte, war die weite Ebene mit marschierenden

Infanterie-Kolonnen, Reiterscharen und dumpf rasselnden Geschützen

bedeckt. Während das englische Fußvolk in seinen gelbbraunen

Khakianzügen sich kaum von der Farbe des Bodens abhob, glichen die

Reiterregimenter und die Truppen der indischen Fürsten buntfarbigen

Inseln in dem bewegten und unabsehbaren Meere des in zwei Treffen

vorrückenden Heeres.

Dem Wunsche des Obersten entsprechend, hielt sich Heideck in der Nähe

des Höchstkommandierenden, dessen zahlreicher Stab und großes Gefolge

von Dienern, Pferden und Wagen ihm gestattete, sich unauffällig in

das Gedränge zu mischen. Aber nicht lange blieb der General bei dem

Zentrum. Um einen besseren Ueberblick über die ganze Schwenkung zu

gewinnen und die Annäherung der Russen beobachten zu können, ritt er

mit seinem Stabe und einer starken Reitereskorte gegen den Ravifluß

vor. Heideck schloß sich, von seinem treuen Diener begleitet, ihnen an

und war auf solche Art der Brigade des Obersten Baird bald weit voraus.

Von den Russen war vorläufig nichts zu sehen, und es mochten wohl

schon drei Stunden seit dem Beginn des Vormarsches verflossen sein,

als der dumpfe Donner der ersten Kanonenschüsse über das weite Feld

dahinrollte. Der Feldherr hielt an und richtete seinen Krimstecher

nach dem linken Flügel, wo die Kanonade mit jeder Minute an Heftigkeit

zunahm. Eine weitere halbe Stunde noch, und das helle Knattern des

Infanteriefeuers mischte sich in das Dröhnen der schweren Geschütze.

Es war kein Zweifel mehr: am linken Flügel bei Schah Dara hatte die

Schlacht begonnen. Gegen das rechte Raviufer vorgehend, machten

die Russen Miene Lahore anzugreifen. Der Feldherr entsandte zwei

Ordonnanzoffiziere nach dem rechten Flügel und dem Zentrum, mit dem

Befehl, den Marsch zu beschleunigen. Dann kehrte er selbst mit seinem

Gefolge an den früheren Standort zurück.

Heideck aber konnte sich nicht sogleich entschließen, ihm zu folgen.

Seit dem Augenblick, da der erste Schuß gefallen war, hatte ihn das

Schlachtenfieber ergriffen; er war jetzt nur noch Soldat.

Ein Gebäude, das er in geringer Entfernung bemerkt hatte und von

dessen schlankem Minaret aus er einen besseren Ueberblick zu gewinnen

hoffte, zog ihn unwiderstehlich an. Es war das halb verfallene

Grabdenkmal irgend eines Heiligen, und es kostete Heideck einige Mühe,

die Spitze des etwa sechs Meter hohen Minarets zu erklimmen, während

sein Diener unten mit den Pferden wartete. Aber die Anstrengung

wurde reichlich belohnt. Weithin übersah Heideck das flache Gefilde.

Der vielfach gekrümmte Ravifluß war kaum eine halbe englische Meile

entfernt. Seine Ufer waren mit hohem Grase und dichtem Dschungelgebüsch

bestanden; jenseits des Stromes aber zeigten sich ungeheure, dicht

zusammengeballte Truppenmassen: die vorrückende russische Armee.

Beide Heere mußten sehr bald am Flusse aufeinanderstoßen, denn

einzelne Reiterregimenter und reitende Batterien der Engländer, die in

langer Linie vorrückten, befanden sich bereits in dessen unmittelbarer

Nähe.

Heideck hatte genug gesehen, um den Stand der Schlacht beurteilen

zu können. Er kletterte wieder von seinem Minaret herab und bestieg

jetzt den noch völlig frischen Hengst, während Morar Gopal sich in den

Sattel seines Pferdes schwang. So gelangten sie sehr bald unter die

britischen Reiter, die dem Gros vorausschwärmten. Der Anmarsch geschah

jetzt mit äußerster Schnelligkeit. In der raschesten Gangart, die der

weiche Boden nur immer gestattete, fuhren die englischen Batterien auf,

protzten ab und eröffneten das Feuer. Geschlossene Infanteriemassen

marschierten auf das Dschungel los. Von der anderen Seite des Flusses

her aber wurde das lebhafte englische Feuer nur schwach erwidert. Nur

aus der Gegend des linken englischen Flügels her, der von hier aus

nicht zu erblicken war, dauerte das Geschütz- und Salvenfeuer mit

unverminderter Heftigkeit fort.

Die Folge davon war, daß beträchtliche Verstärkungen nach dem

anscheinend hart bedrängten linken Flügel entsandt wurden, wodurch

eine erhebliche Schwächung des Zentrums herbeigeführt wurde, ohne

daß wirkliche Klarheit über die Absichten der Russen vorhanden war.

Gerade das aber mochte nach Heidecks Ueberzeugung die russische Taktik

gewesen sein. Er war der Ansicht, daß sie den großen Schlachtenlärm bei

Schah Dara wahrscheinlich nur verursachten, um die Aufmerksamkeit der

Engländer dorthin abzulenken und dann den Hauptstoß in das Zentrum zu

führen. Heidecks Urteil war richtig: die russische Hauptmacht stand dem

Oberst Baird gegenüber.

Ein anderer Umstand, der sein Befremden erregte, war die Wahrnehmung,

daß sowohl die englischen als auch die indischen Infanterieregimenter

vor dem Dschungel Halt machten, statt bis zum Ravifluß durchzustoßen.

Es wurden nicht einmal Schützen hineingeschickt, obwohl das Buschwerk

keineswegs so dicht war, daß sich nicht eine Schützenkette darin hätte

einnisten können. Die stachlichen Sträucher am Ufer standen vielmehr

weit genug von einander entfernt, und das hohe Gras, das den Leuten

wohl bis an die Schultern ging, hätte sogar ein vortreffliches Versteck

geboten.

Nach und nach hatte die englische Armee die Linksschwenkung ausgeführt

und stand der russischen Front nun gegenüber, und fortwährend wurden

neue Regimenter aus dem zweiten Treffen in den vermeintlich gefährdeten

linken Flügel vorgezogen. Unablässig donnerten die englischen

Geschütze, aber ihre Aufstellung ließ manches zu wünschen übrig,

viele von ihnen schossen, ohne durch das Dschungel hindurch den Feind

überhaupt sehen zu können, und vergeudeten so nutzlos und vorzeitig

ihre Munition.

Hell schien die Sonne vom wolkenlosen Himmel herab. Ein leichter

Nordwest, den das ferne Gebirge herabsandte, trieb den schwachen

Pulverdampf in dünnen Wolken zur englischen Armee zurück.

Die Infanterie stand jetzt bewegungslos, da der Feind für sie

völlig unsichtbar war. Erwartungsvolle Schwüle lag über den

gewaltigen Kriegermassen, die die Gefahr fühlten und doch zu

qualvoller Untätigkeit verurteilt waren. -- Da mit einem Male erhob

sich vom Flusse her wildes Geschrei, und gleich einem ungeheuren

Heuschreckenschwarm durchbrachen Scharen von Reitern die Dschungeln,

die vorher sogar die englische Infanterie hatten aufhalten können.

Tausende der wilden Afghanen und der Krieger aus Buchara, Samarkand,

Chiva und Semiretschensk, die zu den turkestanischen Divisionen

vereinigt waren, hatten den Uebergang über den Fluß bewerkstelligt und

stürzten sich nun unter dem gellenden Geschrei: ‚Allah! Allah!‘ auf die

englischen Bataillone und Batterien. Im Schießen vom Pferde vorzüglich

geübt, waren sie ein schrecklicher Gegner.

Obwohl die Engländer den unvermuteten Angriff mit knatterndem

Salvenfeuer erwiderten und nicht um eines Haares Breite aus ihrer

Position wichen, erlitten die russischen Reihen infolge ihrer

aufgelösten Ordnung nur wenig Verluste. Immer neue Schwärme brachen aus

dem Dschungel hervor, und wie ein Heer von Teufeln ritten sie gegen die

Batterien an. Einige von diesen wurden wirklich zum Schweigen gebracht:

die Bedienungsmannschaften waren niedergeschlagen worden, ehe sie die

Geschütze gegen ihre Angreifer hatten wenden können, so rasend schnell

und überraschend waren die kühnen Reiter vorgestürmt.

Zu spät kam die in glänzender Attacke vorgehende englische Kavallerie

heran, die Wucht des Stoßes verpuffte, da die feindlichen Reiter

schon wieder nach allen Seiten auseinandergestoben waren. Diese Leute

hatten ihre kleinen, flinken Pferde auf eine geradezu wunderbare Weise

in der Gewalt. Sie schienen völlig mit ihnen verwachsen, und die

Schnelligkeit, mit der sie ihre Schwärme auflösten um sich sogleich

wieder an anderer Stelle zu dichten Haufen zusammenzuschließen, machte

sie für die kompakten Schwadronen des Gegners fast unangreifbar.

Einmal war auch Heideck mit einem Teil des Stabes, dem er sich

angeschlossen hatte, in das Kampfgedränge geraten. Er hatte

einen Afghanen, der ihn angriff, vom Pferde schießen müssen, und

wahrscheinlich hätte ihn im nächsten Augenblick der Säbelhieb

eines andern getroffen, wenn nicht der treue Morar Gopal, der eine

erstaunliche Tapferkeit an den Tag legte, den Reiter rechtzeitig

mit einem Stoß seines Säbels unschädlich gemacht hätte. Noch wogte

das Kavalleriegefecht hin und her, als plötzlich eine große Anzahl

heller Punkte in dem Grase vor dem Dschungel auftauchte. Scharf und

hell knallte es von dort herüber, und die verderbliche Wirkung der

Schüsse bewies, wie trefflich die russischen Schützen, die sich

dort langsam gegen die britische Armee zu vorschoben, ihre Gewehre

zu handhaben wußten. Die englische Infanterie gab unermüdlich ihre

Salven ab, aber ein nennenswerter Effekt dieser Munitionsverschwendung

war nicht wahrzunehmen. Die Zielpunkte waren zu winzig und zu weit

verstreut, als daß das auf Kommando mechanisch abgegebene Salvenfeuer

die gewünschte Wirkung hätte ausüben können. Außerdem hatten die

Russen an dem farbigen Hintergrund des Dschungels eine vortreffliche

Deckung, während die Engländer sich wie eine aufgestellte Scheibe

gegen den hellen Horizont abhoben. Planmäßig nahmen die Russen zuerst

die Bedienungsmannschaften der englischen Batterien unter Feuer. Die

englische Artillerie wurde durch die wohlgezielten Schüsse der Russen

auf eine fürchterliche Weise dezimiert, so daß schon nach Verlauf

von kaum zehn Minuten der Befehl erteilt wurde, mit den Kanonen

zurückzugehen. Soweit es möglich war, protzten die Engländer auf und

jagten zurück, um zwischen den Infanterie-Bataillonen Aufstellung zu

nehmen und von dort aus das Feuer wieder zu eröffnen. So rächte sich

das reglementswidrige Vorgehen der englischen Artillerie, das eine

Folge des übereilten Vordringens war, aufs schwerste.

Eine viel stärkere und verhängnisvollere Wirkung jedoch als der

Angriff selbst schien das unaufhörliche Allahgeschrei der Afghanen

und turkestanischen Reiter auf die in den britischen Linien stehenden

Mohammedaner hervorzubringen. Heideck sah ganz deutlich, daß die

indischen Soldaten hier und dort wie auf Kommando aufhörten zu feuern,

und er gewahrte, wie erregte englische Offiziere mit dem flachen Säbel

auf die Leute losschlugen und sie mit dem Revolver bedrohten. Offenbar

aber hatten die Anführer ihren Einfluß auf die ihnen unterstellten

fremden Elemente verloren. Ganz in der Nähe des Höchstkommandierenden

wurde ein englischer Kapitän von einem indischen Soldaten mit dem

Bajonett niedergestochen, und es war kaum zu bezweifeln, daß ähnliche

Handlungen offener Rebellion sich auch bei den übrigen indischen

Truppen wiederholten.

Die Leute, die nur mit dem heftigsten inneren Widerwillen dem Befehl

der fremden Tyrannen gehorcht hatten, glaubten augenscheinlich schon

jetzt den rechten Zeitpunkt gekommen, das verhaßte Joch abzuschütteln,

und zugleich loderte die alte Feindschaft zwischen Mohammedanern

und Hindus, der Gegensatz der beiden Religionen, der sich auch in

friedlichen Zeiten sehr oft in blutigen Schlägereien kundgegeben

hatte, in hellen Flammen auf. Inmitten des britischen Heeres kam es zu

erbitterten Einzelkämpfen zwischen den unversöhnlichen Gegnern. Und

es war unvermeidlich, daß dadurch die ganze Disziplin verhängnisvoll

erschüttert und aufgelöst wurde.

Das Schlachtfeld machte einen entsetzlichen Eindruck. Vor der Front

lagen zahllose Verwundete, die um Hilfe schrieen und denen doch keine

Pflege gebracht werden konnte, da das Zurückgehen der englischen

Artillerie ohne Rücksicht auf die Zurückbleibenden hatte vor sich

gehen müssen: verwundete Pferde, die wild um sich schlugen, um aus

den Geschirren zu kommen, erhöhten noch den grausigen Eindruck der

schrecklichen Szenerie; dazwischen sprengten vereinzelte Abteilungen

der englischen Kavallerie, auf die die eigene Infanterie aus Furcht vor

dem Vorgehen der russischen Schützen rücksichtslos schoß. Wenn auch im

Kriege die Schlachtfronten an sich ein so grauenvolles Bild bieten,

daß nur die Erregung des Augenblickes dem Menschen das Ertragen dieses

Eindrucks ermöglicht, so überstieg das sich hier durch den Vorkampf

abspielende Bild doch alle Vorstellungen. Die Disziplinlosigkeit in den

englischen Linien nahm immer mehr zu, so daß die englischen Offiziere

ihre ganze Aufmerksamkeit auf die eigene Truppe, statt auf die

Bewegungen des Gegners richten mußten. Wie nötig das war, zeigte sich

sehr bald.

Prinz Tasatat war der erste, der mit seiner ganzen Mannschaft die

Brigade des Obersten Baird verließ und offen zum Feind überging. Sein

Beispiel wirkte entscheidend auf die bisher noch zaudernden Inder ein,

und so wuchs die Zahl der Ueberläufer mit jeder Minute.

Eine einheitliche Leitung der Schlachtlinie war längst unmöglich

geworden. Oberst Baird ließ seine Geschütze auf die Abteilung

des Prinzen Tasatat richten, und gleich ihm führten viele andere

Befehlshaber nach eigenem Ermessen ihren besonderen Kampf. Einzelne

indische Regimenter zerstreuten sich nach allen Richtungen hin, weil

es den Leuten weniger um einen Kampf zu tun war, als darum, Beute

bei den Gefangenen und Verwundeten zu machen. An vielen Stellen

des Schlachtfeldes kam es zum Handgemenge, das bei der fanatischen

Erbitterung der Kämpfenden jedesmal zu einem grauenhaften Gemetzel

wurde. Am schlimmsten ging es denen, die in die Hände der Afghanen

fielen. Denn diese Teufel in Menschengestalt schnitten allen Gefangenen

und Verwundeten, gleichviel, ob es Mohammedaner, Hindus oder Engländer

waren, kurzerhand die Köpfe ab, und in ihrer Raubgier rissen sie den

Verwundeten und Toten die Wertgegenstände vom Körper.

Ein ungeheurer Strom von Flüchtlingen zog an den noch in geschlossener

Aufstellung verharrenden englischen Regimentern vorbei durch die Ebene

nach Lahore, um hinter den Mauern der befestigten Stadt Schutz zu

suchen.

Heideck hielt die britische Sache schon jetzt für verloren, und er

war darauf gefaßt, zusammen mit den tapferen Männern seiner Umgebung

hier den Schlachtentod zu sterben. Aber mit einem Gefühl aufrichtiger

Bewunderung mußte er erkennen, wieviel Tapferkeit und musterhafte

Disziplin den rein englischen Truppen innewohnte. Diejenigen Regimenter

und Batterien, denen keine einheimischen Elemente beigemischt waren,

blieben in all dem fürchterlichen Wirrwarr ruhig und unerschüttert, und

dank ihrer Tapferkeit begann die anfangs so regellose Schlacht sich

allgemach zu klären, wie wenn die starren Spitzen eines Gebirges aus

dem sich senkenden Nebel hervortreten.

Statt der halbwilden Reiterei, die den Angriff eröffnet hatte, standen

den englischen Truppen jetzt russische Batterien und gewaltige

Infanteriemassen mit dichten Schützenschwärmen, sowie mehrere

Dragonerregimenter gegenüber.

In dem allerdings sehr zusammengeschmolzenen zweiten Treffen der

Engländer befand sich der Oberbefehlshaber mit etwa sechstausend Mann

und zwei Batterien. Er hatte offenbar die Absicht, einen geordneten

Rückzug nach Lahore anzutreten und denselben mit seinen Kerntruppen zu

decken.

Es gelang ihm auch noch, vom rechten und linken Flügel zwei Abteilungen

durch ausgesandte Ordonnanzoffiziere heranzuziehen. Das erste Treffen

aber war so stark im Gefecht mit russischer Infanterie, daß ein

geordneter Rückzug fast undenkbar war.

Trotzdem wollte der Feldherr den Versuch machen, auch das erste Treffen

seiner Armee zurückzuziehen. Er entsandte einen seiner Adjutanten,

um dem Obersten Baird, der noch etwa zweitausend Mann um sich haben

mochte, den Befehl zum Abbrechen des Gefechts und zum Rückzug zu

überbringen. Der junge Offizier salutierte mit tiefernstem Gesicht,

zog seinen Säbel und sprengte davon. Aber er legte nur einen kleinen

Teil seines etwa eineinhalb Kilometer langen todumdrohten Weges zurück.

Umherschwärmende Kosaken auf kleinen, struppigen aber blitzschnellen

Pferden griffen ihn an und warfen das Opfer soldatischer Pflicht aus

dem Sattel.

Der General schien unschlüssig, ob er noch ein anderes junges Leben an

die aussichtslose Aufgabe setzen solle. Da ritt Heideck auf ihn zu und

legte die Hand an seinen Helm.

„Wollen Exzellenz mich reiten lassen! Ich bin mit dem Obersten Baird

befreundet und würde gern die Gelegenheit wahrnehmen, ihm meinen Dank

für erwiesene Güte abzustatten!“

Der Feldherr musterte den ihm unbekannten Herrn, der wie ein Offizier

aussah aber keine vorschriftsmäßige Uniform trug, mit scharfem Blick.

Doch er ließ sich nicht Zeit, Fragen zu stellen.

„Reiten Sie!“ sagte er kurz. „Der Oberst soll nicht länger Stand

halten; er soll rechts ausbiegend auf Lahore zurückgehen -- wenn er

irgend kann.“

Heideck salutierte und warf seinen Hengst herum. Er hatte den Revolver

in den Gürtel und den Säbel in die Scheide gesteckt. Denn nicht durch

den Gebrauch der Waffen, sondern einzig durch die Schnelligkeit seines

Pferdes durfte er hoffen, hier zum Ziel zu gelangen. Er ließ dem Tiere

die Zügel und ermunterte es durch Zuruf. Und der Hengst machte die

auf ihn gesetzten Hoffnungen nicht zu schanden. Er schien über den

zerstampften Boden mehr dahinzufliegen als zu laufen. Die Kosaken, die

auch diesen einzelnen Reiter zu erwischen versuchten, vermochten ihn

nicht zu erreichen. Und von den Schüssen, die dem Verwegenen galten,

traf keiner sein Ziel.

Unversehrt erreichte der freiwillige Meldereiter die Brigade. Aber er

kam zu spät; denn fast im nämlichen Moment erfolgte der Zusammenstoß

mit der trotz ihrer Verluste unaufhaltsam vorrückenden russischen

Infanterie. Um sein und seiner wackern Krieger Leben so teuer als

möglich zu verkaufen, hatte Oberst Baird ein Karree formieren lassen,

in dessen Mitte sich die Reiter und die Geschütze befanden. Viele der

Offiziere waren indessen aus dem Sattel gestiegen, hatten sich mit

den Gewehren und Patrontaschen von Gefallenen versehen und waren mit

aufgepflanztem Bajonett in das erste Glied des Vierecks getreten.

Schweratmend und schweißbedeckt hielt Heideck vor dem Obersten und

erstattete ihm seine Meldung.

Aber der tapfere Engländer wies mit einer Handbewegung auf die

russischen Linien.

„Unmöglich!“ sagte er. „Es ist uns bestimmt, auf diesem Fleck zu

sterben.“

Damit stieg auch er ab und nahm ein Gewehr. Aus tausend britischen

Kehlen ertönte ein helles: ‚Hurrah!‘ denn die Russen hatten das Karree

erreicht und man begann Mann gegen Mann zu kämpfen.

Unverwischlich prägten sich dem jungen Deutschen die furchtbaren

Schrecknisse dieses Handgemenges ein, bei dem die Engländer mit dem

Mute der Verzweiflung gegen den vielfach überlegenen Feind rangen. Auch

er hatte den Säbel gezogen, doch seine politischen Sympathieen waren

trotz aller persönlichen Beziehungen nicht bei der Sache der Engländer.

Da plötzlich hörte er einen heiseren Aufschrei der Wut dicht an

seiner Seite, und als er sich umwandte, sah er zu seiner grenzenlosen

Ueberraschung in das von Haß und Ingrimm schrecklich verzerrte Gesicht

des Kapitäns Irwin. Er hatte ihn bei dem Depot in Chanidigot vermutet,

aber Irwin mußte wohl eine Möglichkeit gefunden haben, sich diesem

Kommando, das unter den obwaltenden Umständen ja einer beschämenden

Zurücksetzung gleichgekommen war, zu entziehen und sich der ins

Feld rückenden Truppe anzuschließen. Auch er kämpfte hier in diesem

Todesringen mit dem Gewehr in der Hand, wie ein gemeiner Soldat. Und

das rote Blut, das die Spitze seines Bajonetts färbte, gab beredtes

Zeugnis für seine Tapferkeit. In diesem Moment aber war es keiner der

russischen Angreifer, dem sein zornfunkelnder Blick galt, sondern der

Mann, den er als seinen Todfeind haßte, seitdem durch sein mutvolles

Eingreifen der schurkische Anschlag gegen Edith vereitelt worden war.

Hier war der Ort und der Augenblick, dem heißen Racheverlangen, das ihn

verzehrte, Genüge zu tun. Was bedeutete inmitten dieses großen Sterbens

das Sterben eines Einzelnen!

Noch ehe Heideck die Absicht des Unseligen erraten konnte, drang

Irwin mit gefälltem Bajonett auf ihn ein. Einzig ein Aufbäumen des

erschreckten Hengstes rettete dem Hauptmann das Leben; denn der

Bajonettstoß, der seiner Brust zugedacht war, streifte den Hals des

Tieres. In demselben Augenblick traf der furchtbare Säbelhieb eines

Russen den durch keinen Helm mehr geschützten Hinterkopf Irwins mit

solcher Wucht, daß er mit einem dumpfen Aufschrei vornüber auf das

Gesicht fiel.

„Was tun Sie noch hier?“ klang die merkwürdig veränderte heisere Stimme

des Obersten plötzlich an Heidecks Ohr. „Reiten Sie -- um des Himmels

willen! Reiten Sie schnell! Wenn Sie sie wiedersehen, so bringen Sie

meinem Weibe und meinen armen Kindern meine letzten Grüße! Stehen Sie

ihnen bei!“

Aus einer tiefen Stirnwunde rann ihm das Blut über das Gesicht, und

Heideck sah, daß er sich nur noch mit gewaltiger Willensanstrengung

aufrecht erhielt. Er wollte etwas erwidern, aber schon hatte der

Oberst sich wieder in einen Knäuel von Kämpfenden gestürzt, und wenige

Sekunden später war er unter den Kolbenstößen und Säbelhieben der

Russen zusammengebrochen.

Da warf Hermann Heideck sein Pferd herum und sprengte davon.

[Illustration]

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman · 第 19 / 49 题