XII.

Ein ungewöhnlich schöner und trockener Frühling begünstigte den

Vormarsch der russischen Armee durch die Gebirgsländer. Im Norden

Indiens hielt sich die Temperatur auf durchschnittlich 20° C., und

Tag für Tag strahlte die Sonne von einem wolkenlos blauen Himmel

auf die weiten Ebenen des Pendschab herab, durch deren helles Grün

sich wie lange Silberstreifen die russischen Truppen in ihren weißen

Sommeruniformen vorwärts schoben.

Es schien, als sollte das Kriegsglück ihnen günstig sein; denn sie

hatten den schwierigen und gefürchteten Uebergangspunkt Attock mit

unerwarteter Leichtigkeit überwunden.

Der Kommandant dieser hochgelegenen Festung hatte Befehl, die Brücke

über den Indus erst dann abzubrechen, wenn General Bloods Armee, die

Peschawar und den Kaiberpaß hatte halten sollen, völlig zurückgegangen

wäre und bis auf den letzten Mann den Uebergang passiert hätte.

Die Brücke bei Attock, die sehr hoch über den hier in schmalem Bette

mit reißender Schnelligkeit dahinbrausenden Indus erbaut ist, gilt

als ein Wunderwerk der Ingenieurkunst. Sie ist in zwei Etagen erbaut,

deren obere die Eisenbahn, und deren untere eine Straße für Wagen,

Lasttiere und Fußgänger bildet. Auf jedem Ufer liegt ein befestigtes

Tor. Der englische Kommandant von Attock vertraute auf die Stärke der

800 Fuß hoch über dem Flusse liegenden Forts und wähnte die Russen noch

weit entfernt. Die russische Vorhut war oberhalb Attocks über den Fluß

Kabul, der sich bei Attock mit dem Indus vereinigt, gegangen und kam

zugleich mit den Truppen des Generals Blood in die Nähe der Festung.

Die Truppen Bloods passierten in endlos langen Marschkolonnen die

Brücke. Diese Bewegungen wurden oftmals infolge von Stockungen, die

durch fehlerhaftes Ansetzen der einzelnen Truppenkörper entstanden,

unterbrochen, und so kam es, daß in den ersten Morgenstunden eine

größere russische Truppenabteilung, von den Engländern unbemerkt,

in einer solchen Lücke der englischen Marschkolonne den nördlichen

Brückenkopf erreichte: der morgendliche dichte Nebel hatte der

englischen Aufklärung das Herannahen der Russen verborgen. Die Russen

besetzten sofort die Brücke und schnitten so den Rest der noch auf dem

nördlichen Ufer befindlichen Engländer von dem Gros ihres Korps, das

in der Hauptsache die Brücke schon passiert hatte, vollständig ab.

Der Kommandeur der russischen Avantgarde war selbst über den ihm vom

Kriegsglück in den Schoß gelegten Erfolg am meisten erstaunt: hätte der

Nebel nicht die beiderseitige Aufklärung illusorisch gemacht und der

Zufall ihn nicht gerade auf eine Lücke der englischen Marschordnung

stoßen lassen, so hätten die Chancen bei der Enge seiner Marschstraße

für die Engländer wesentlich günstiger gestanden, als für ihn, und der

Kampf würde wahrscheinlich mit einer Niederlage seiner Truppe geendet

haben. So stieß General Iwanow, der über den Kaiberpaß kam, auf die

englische Nachhut, und die fünftausend Mann angloindischer Truppen

derselben mußten sich nach kurzem Kampfe gefangen geben. Zweitausend

Engländer und dreitausend Mohammedaner fielen den Russen hier in die

Hände. Als die Sieger den mohammedanischen Indern versicherten, daß sie

gegen die Ungläubigen für den wahren Glauben kämpften, traten diese

ohne weiteres zur russischen Armee über.

Der Kommandant von Attock verweigerte die Uebergabe der Festung und

ließ seine Geschütze auf die russischen Marschkolonnen spielen, aber

die Batterien fügten infolge des Nebels den Russen nicht viel Schaden

zu, und diese setzten, da sie im Besitz der Brücke waren, den Vormarsch

nach Süden fort.

Ehe dann jedoch der so erfolgreich begonnene Einmarsch fortgesetzt

wurde, sammelte der Kommandierende unweit Attocks alle die in kleinen

Abteilungen den Hindukusch übersteigenden russischen Truppen und

vereinigte sie mit dem aus Afghanistan kommenden Korps, so daß er über

eine Armee von siebzigtausend Mann verfügte.

Eine blutgetränkte Bahn war es, auf der dieses Heer hinter der

weichenden englischen Armee dahinzog. Auf dieser Straße war auch

Alexander der Große einst in Indien eingezogen. Hier hatte zu Anfang

des sechzehnten Jahrhunderts der Afghanenherrscher Ibrahim Lodi mit dem

Großmogul Babar gekämpft; hier wurde wenige Jahrzehnte später Himu,

der Feldherr des Afghanensultans Mohammed Schah Adil an der Spitze von

fünfzigtausend Reitern, fünfhundert Elefanten und unzähligem Fußvolk

von dem jugendlichen Großmogul Akbar besiegt. Blutiger noch war die

Schlacht gewesen, die um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts der

Afghanensultan Ahmed Schah Durani den großen Mahrattenfürsten Holkar

Sindia, Gaekwar und den Peschwas lieferte; und noch einmal hatten hier

alle Schrecknisse des Krieges gewütet, als im Jahre 1857 die englischen

Generale Havelock, Sir James Outram, Sir Colin Campbell, Sir Hugh Rose,

Sir John Lawrence und Sir Robert Napier mit erbarmungsloser Härte den

gefährlichen Aufstand der Sepoys erstickten. Abendland und Morgenland

hatten in gewaltigem Ringen hier an dieser von Sagen umwobenen Stätte,

der Wiege der Menschheit, schon gestritten. Hunderttausende von

Menschenleben waren auf diesem blutdurchtränkten Boden schon geopfert

worden, und abermals stand hier eine Entscheidungsschlacht bevor, die

mit eisernem Griffel in die Tafeln der Weltgeschichte geschrieben

werden sollte.

* * * * *

Die Bewegungen der russischen Armee hatten den Plan der englischen

Heerführer umgestoßen. Die in Mooltan vereinigten englischen Korps

wurden schleunigst nach Lahore in Bewegung gesetzt, als die Absicht

der Russen, nach Südosten zu gehen, klar zu Tage trat. Die Zeit, die

General Iwanow brauchte, bei Attock seine Truppen zu vereinigen,

ermöglichte den Engländern, Lahore zu erreichen. Hier wurden ihre

Streitkräfte durch die starke Garnison erheblich vermehrt, und täglich

kamen neue Regimenter von Delhi und Lucknow an, die den Bestand der

von Sir Bindon Blood befehligten Armee auf die Zahl von hunderttausend

Kombattanten brachte.

Die Engländer bereiteten sich zu einer entscheidenden Schlacht vor,

denn schon erschien die Spitze der russischen Kolonnen zehn englische

Meilen nördlich vom Grabe des Kaisers Jehangir bei Schah Dara,

einer kaum acht englische Meilen nordwestlich von Lahore liegenden

Bahnstation.

Die englischen Truppen waren in Versammlungsformation in einer

Linie aufmarschiert, deren linker Flügel an dem dicht bei Lahore

vorbeifließenden Ravifluß die Schah Dara-Pflanzungen und die daneben

befindliche Schiffsbrücke besetzt hielt. Sie dehnte sich von dort fünf

englische Meilen weit östlich bis zu einem Kanal aus, der sich am

Shalimar-Park hin nach Süden zieht. Dieser Park und der an demselben

liegende Ort Bhogiwal bildeten den rechten Flügel. Vor der Front

hin zog sich ein Nebenarm des vielgewundenen Ravi mit größtenteils

sumpfigen Ufern. Im Rücken der Stellung lag das befestigte Lahore

mit seiner fünfzehn Fuß hohen, von dreizehn Toren durchbrochenen

Backsteinmauer.

Der Ravi, ein Nebenfluß des Indus, führte zur Zeit nur wenig Wasser.

Das Flußbett lag zum großen Teil trocken und war nur von lebhaft

fließenden, unregelmäßigen Rinnsalen durchzogen, die hier und da

größere und kleinere, zumeist sumpfige Inseln zwischen sich frei

ließen. Dieses Flußbett bildete das wesentlichste Hindernis für den

russischen Angriff, denn es mußte passiert werden, ehe die englische

Front und die Stadt Lahore erreicht werden konnte.

Heideck wohnte in einem kleinen Zelte, das er von Chanidigot

mitgebracht hatte. Morar Gopals Pferd hatte es während des Marsches

von Mooltan nach Lahore auf dem Rücken getragen, denn die Lancers, zu

denen Heideck sich hielt, da er ja mit ihren Offizieren befreundet

war, hatten den Weg nicht auf der Eisenbahn gemacht. Sie kampierten

jetzt im Shalimar-Park, einer großen, von einer Mauer umgebenen Anlage

voll der prächtigsten Mangobäume, mit vielen kleinen Springbrunnen und

zierlichen Pavillons. Da Heideck einen Khaki-Anzug und einen Korkhelm

trug, glich er trotz des Fehlens der militärischen Abzeichen ganz einem

englischen Offizier, umsomehr, als seine Haltung und seine Gestalt

durchaus soldatisch waren.

Er hatte während des Marsches und in der Lagerzeit Gelegenheit gehabt,

allerlei Betrachtungen über die britische Kriegsführung anzustellen.

Aber er hütete sich wohl, darüber mit den englischen Offizieren zu

sprechen, denn es waren nicht eben günstige Schlüsse, zu denen er

gelangt war. Er hatte den Eindruck, daß die Truppen weder kriegsmäßig

geführt wurden, noch eine besondere Feldtüchtigkeit an den Tag legten.

Die Leute wußten sich im Biwak und im Lager oft nicht zu helfen und

litten häufig empfindliche Entbehrungen, weil das nötige Material nicht

immer rechtzeitig zur Stelle war und die Lebensmittel nicht regelmäßig

geliefert wurden: auf den Proviantämtern herrschte die größte

Verwirrung.

Und nicht dort allein, sondern auch in den taktischen Verbänden machte

sich infolge der unpraktischen Zusammenstellung der Truppenkörper

überall eine bedenkliche Unordnung fühlbar. Zunächst waren die

Regimenter zur Bildung der Korps in Peschawar und Quetta durcheinander

gewürfelt worden, weil sie, je nachdem sie marschbereit zu sein

schienen, einzeln aus ihren Garnisonen weggeführt und auf die

Eisenbahn gesetzt worden waren. Die Konzentrierung in Mooltan und

der überstürzte Abmarsch nach Lahore aber hatten vollends ein schier

unentwirrbares Durcheinander geschaffen.

Heideck sah sich inmitten einer Armee, die den großen Krieg und

wohl überhaupt den Krieg gegen reguläre Truppen nicht kannte. Des

Kämpfens zwar waren die Engländer gewohnt, denn sie hatten sich ja

beständig mit wilden und halbwilden Völkern herumschlagen müssen. Sie

hatten kostspielige Expeditionen gemacht und teuer erkaufte Siege

davongetragen. Aber immer waren es regellose braune und schwarze

Haufen gewesen, mit denen sie es zu tun gehabt hatten. Die Erfahrungen

des Burenkrieges waren noch nicht in Fleisch und Blut der Truppe

übergegangen. Die persönliche Tapferkeit jedes einzelnen war beinahe

immer das allein entscheidende Moment gewesen, und so mochte sich's

auch erklären, daß alle Offiziere von einem gewaltigen Selbstgefühl

erfüllt waren. Mit Geringschätzung sahen sie auf jeden Fremden herab,

weil sie in ihren Siegen ja tatsächlich fast immer über eine numerische

Uebermacht gesiegt hatten.

Mit Erstaunen bemerkte Heideck, daß die Durchführung der taktischen

Regeln und Instruktionen in der britischen Armee häufig noch im

Widerspruch mit der modernen Bewaffnung stand. Namentlich wurde bei

der Infanterie immer noch das Salvenfeuer gewohnheitsmäßig als die

Hauptfeuerart angewandt. Die Mannschaften waren einmal darauf gedrillt,

daß sie auf Kommando ein ruhiges, gleichmäßiges Feuer abzugeben

und dann fest zusammengeschlossen mit dem Bajonett auf den Feind

loszustürmen hätten. Dies mächtige Volk war eben zu bequem gewesen,

die neuesten Erfahrungen der Gefechtstechnik sofort zur Durchführung

zu bringen; das hochmütige Albion hatte kritiklos alles für gut

beibehalten, was englisch war und alles Neue und Fremde von vornherein

verachtet. Oder vermieden die Engländer die aufgelöste Gefechtsordnung

etwa deshalb, weil sie fürchteten ihre indischen Soldaten alsdann nicht

mehr lenken zu können?

Die Breitengliederung der taktischen Verbände im Verhältnis zur Stärke

der Armee erschien Heideck zu gering, um eine Aussetzung des Gefechts

kraft derselben zu sichern.

Die Umgebung Lahores, besonders im Norden der Stadt, zwischen der Mauer

und dem Feldlager, machte einen sehr bunten und bewegten Eindruck.

Eine ganz eigenartige Staffage bildeten die unzähligen Kamele, die als

Transportmittel gedient hatten und den Hauptteil des Trains ausmachten.

Sie lagen in dicht gedrängten Haufen am Boden oder schritten

gravitätisch ihres Wegs, während das laute Geschrei der Treiber grell

die Luft erfüllte. Außerdem gab es noch eine ungeheure Menge von

Menschen, die auf die eine oder andere Art zum Heere gehörten, ohne

Kombattanten zu sein. Ein für malerische Eindrücke empfängliches Auge

konnte also wohl seine Freude haben an den stetig wechselnden, farbigen

Bildern der weiten Ebene. War doch schon die landschaftliche Szenerie

interessant. Zwischen den weit verstreuten Dörfern und Vororten der

etwa 180000 Einwohner zählenden Stadt schimmerten in frischem Grün

prächtige Park- und Gartenanlagen, zumeist als Umgebung der Grabstätte

eines Sultans oder eines berühmten mohammedanischen Heiligen. Nach

Südosten hin erstreckten sich die großen Kantonnements der Kavallerie

und der Artillerie, zu der auch mehrere Elefanten-Batterien gehörten.

Die Stadt selbst war gedrängt voll von Militär und den Familien der

Offiziere. Fast alle Frauen und Kinder der nordwestlich von Lahore

liegenden Garnisonen hatten sich beim Anmarsch der Truppen hierher

geflüchtet. Auch Mrs. Baird mit ihren beiden kleinen Töchtern und

Mrs. Irwin befanden sich in der Stadt, wo sie im Charing-Croß-Hotel

Unterkunft gesucht hatten. Obwohl die Stadt in fast beängstigender

Weise überfüllt und die Kriegslage keineswegs unbedenklich war, nahm

Heideck doch nirgends eine besondere Aufregung wahr. Die Engländer

bewahrten die ihnen eigentümliche ruhige Haltung, und die Eingeborenen

schwiegen aus Furcht. Auf sie mochte das völlig Unerwartete und

Unfaßliche der veränderten Situation wohl auch eine gewisse lähmende

Wirkung ausüben.

Als Heideck kurz vor Sonnenuntergang vom Lager nach der Stadt ging,

um die Damen aufzusuchen, kam es ihm, während er das bunte Gewühl

außerhalb der Ringmauer durchschritt, immer mehr zum Bewußtsein, daß

die Stellung der Armee sehr schlecht gewählt war. Eine viel zu große

Anzahl von Menschen und Tieren war in dem verhältnismäßig engen Raum

zusammengedrängt. Wenn etwa russische Schrapnells in diese Menge

fielen, mußte ein schrecklicher Wirrwarr entstehen. Die Nähe der

befestigten Stadt mußte die Kämpfenden zur Flucht hinter die Mauern

verlocken. Heideck hatte bisher nicht den Eindruck empfangen, daß man

auf ausdauernden Mut bei den eingeborenen Soldaten rechnen könnte.

Auf der Straße, die vom Shalimar-Park zur Eisenbahnstation in der

Vorstadt Naulakha führte, mußte Heideck beständig den Batterien, den

langen Zügen hochbepackter Kamele und beladener Ochsenwagen ausweichen,

die ihm entgegen kamen, und er brauchte darum beinahe zwei Stunden, bis

er sein Ziel erreichte. Das Charing-Croß-Hotel war bis unter das Dach

hinauf gefüllt, und die beiden Damen mußten sich mit den Kindern in

einem einzigen Zimmer des dritten Stockwerks behelfen, das man ihnen

für einen enormen Preis überlassen hatte.

Mrs. Baird, eine Dame von kleiner, zierlicher Gestalt, aber von

energischem Geist und echt englischem Stolz, erschien vollkommen ruhig

und zuversichtlich. Sie sprach mit keinem Wort von ihrer eigenen,

sicherlich höchst unbequemen Lage und von den Entbehrungen, die unter

den obwaltenden Umständen ihren Kindern auferlegt waren, sondern einzig

von dem nach ihrer Ueberzeugung unmittelbar bevorstehenden Siege

der britischen Armee. Der Marsch von Mooltan nach Lahore war ja ein

Vorrücken, und es unterlag für sie nicht dem mindesten Zweifel, daß der

Uebermut der Russen binnen kürzester Zeit furchtbar bestraft werden

würde.

„Es ist schrecklich, zu denken,“ sagte sie zu Heideck, „daß eine

Nation, die sich eine christliche nennt, uns in Indien anzugreifen

wagt. Was war dies unglückliche Land, ehe wir uns seiner annahmen!

England hat es von der Tyrannei barbarischer Despoten befreit und ihm

Wohlstand und Glück gegeben! Die indischen Städte sind aufgeblüht,

weil unsere Gesetze die freie Entwicklung von Handel und Verkehr

ermöglichten. Es war im höchsten Sinne des Wortes eine Kulturmission,

die unsere Nation hier erfüllt hat. Gäbe der Himmel den Russen den

Sieg, so würde dieses jetzt so glückliche Land wieder in die finsterste

Barbarei zurückgeschleudert werden.“

Sie schien ein Wort der Zustimmung von Mrs. Irwin zu erwarten; diese

aber saß ernst und schweigend da.

„Sie sollten nicht so still sein, liebste Edith, und nicht ein so

schwermütiges Gesicht machen,“ wandte sich die Gattin des Obersten mit

sanftem Vorwurf an sie. „Ich begreife vollkommen, daß die traurigen

Ereignisse in Ihrem Privatleben Sie bedrücken. Aber jedes persönliche

Leid sollte jetzt in der allgemeinen Sorge aufgehen. Was ist das

Schicksal des Einzelnen in dieser Gefahr des Vaterlandes? Ich weiß, daß

Sie eine so gute Patriotin sind, wie nur irgend eine Engländerin, aber

mir scheint, daß es notwendig ist, das auch in diesen ernsten Stunden

zu zeigen. Sorge und Niedergeschlagenheit wirken in solchen Zeiten auf

unsere Umgebung wie eine ansteckende Krankheit.“

„Vielleicht bin ich in Wahrheit gar nicht die gute Patriotin, für die

Sie mich halten.“

„Ah! -- Wie soll ich das verstehen?“

„Ich kann die Kriege nicht von Ihrem Standpunkt ansehen, meine liebe

Mrs. Baird! Es will mir vorkommen, als unterschieden wir Menschen uns

gar nicht so sehr von den Tieren, die aus Hunger oder aus Eifersucht

oder aus allerlei anderen niederen Instinkten miteinander kämpfen!“

„O, welch ein Vergleich!“

„Nun, wir verstehen uns ja allerdings besser auf die Kriegführung; denn

wir erfinden komplizierte Instrumente, um unsere Mitmenschen haufenweis

zu töten, während die Tiere auf ihre natürlichen Waffen beschränkt

bleiben. Aber wissen wir darum besser als die Tiere, was wir tun? Wenn

die Heere der Ameisen, der Bienen, der Wiesel oder der Fische im Meer

ausziehen, um andere Geschöpfe ihrer Art zu vernichten, werden sie

da nicht vielleicht von denselben Instinkten geleitet, die auch uns

beherrschen?“

„Ich kann Ihnen da nicht folgen, Mrs. Irwin,“ sagte die kleine Dame

etwas gereizt. „Wir Menschen sind doch vernunftbegabte Wesen, die nach

bewußten Zielen streben!“

„Ist es wirklich so vernünftig, wenn die Bauern und Arbeiter als

Soldaten in den Krieg ziehen? Streben sie da wirklich nach einem klar

bewußten Ziel? Keiner von ihnen hat etwas zu gewinnen. Man zwingt

sie, sich verstümmeln und totschießen zu lassen und ihre Mitmenschen

zu töten. Die Ueberlebenden aber haben es nach erfochtenem Siege um

nichts besser als vorher. Und die Führer selbst? Ehren und Orden und

Dotationen sind doch nur Tand im Sinne des Christentums. Seien wir

ehrlich, Mrs. Baird! Hat England etwa des Christentums wegen Indien

erobert? Nein! Wir haben Ströme von Blut vergossen, nur um unsern

Handel zu erweitern und das Vermögen einiger Weniger, die noch dazu dem

Kampfe ferngeblieben sind, ins Ungemessene zu steigern.“

„Es ist traurig, das aus dem Munde einer Engländerin zu hören.“

Die Unterhaltung drohte eine bedenkliche Wendung zu nehmen, da die

Gattin des Obersten sich durch Ediths Aeußerungen in ihren Empfindungen

ernstlich verletzt fühlte. Aber Heideck wußte sofort dem Gespräch

einen weniger verfänglichen Charakter zu geben. Bald darauf erschien

der Oberst, der ein Zelt draußen im Lager bewohnte und nur selten

Gelegenheit fand, nach seinen Angehörigen zu sehen.

Er bemühte sich, heiter und gelassen zu erscheinen, aber er war doch

ein zu schlechter Schauspieler, um seine wahre Stimmung, die nichts

weniger als fröhlich war, zu verbergen.

„Ich kann leider nur kurze Zeit bleiben,“ sagte er, nachdem er die

kleinen Mädchen, an denen er mit großer Zärtlichkeit hing, noch

herzlicher als sonst geliebkost hatte. „Ich bin hauptsächlich deshalb

gekommen, um dich, liebe Ellen, über das zu verständigen, was du im

Falle eines Rückzuges zu tun hast.“

„Eines Rückzuges? -- Um Gottes willen -- davon kann doch keine Rede

sein!“

Der Oberst lächelte etwas gezwungen.

„Natürlich rechnen wir mit Sicherheit auf den Sieg. Aber das wäre ein

schlechter Feldherr, der nicht auch an die Möglichkeit eines Rückzugs

dächte. Während der letzten Stunden sind alle Dispositionen geändert

worden. Wir brechen auf, um die Russen anzugreifen.“

„So ist es recht!“ rief Mrs. Baird mit leuchtenden Augen. „Eine

britische Armee darf den Feind nicht erwarten, sondern sie muß ihm

entgegen gehen!“

„Wir werden in der ersten Morgenfrühe aufbrechen, um den Russen den

Uebergang über den Ravi zu verwehren. Die Pioniere gehen schon in der

Nacht voraus, um die Brücken zu zerstören, -- sofern es nicht bereits

zu spät dazu ist. Um die richtige Front zu bekommen, muß die Armee

beim Aufmarsch eine große Linksschwenkung machen. Hierbei soll auch

die Front nach rechts verlängert werden. Der linke Flügel bleibt bei

Schah-Dara und der Schiffsbrücke stehen.“

„Wäre es nicht möglich, mit hinauszugehen und der Schlacht zuzusehen?“

fragte Mrs. Baird. Aber ihr Gatte schüttelte in entschiedener Ablehnung

den Kopf.

„Für euch, liebe Ellen, hält unser zuverlässiger Smith einen Wagen

mit zwei tüchtigen Ochsen hier im Hotel bereit. Es ist für alle Fälle.

Erhaltet ihr, was Gott verhüten möge, die Nachricht, daß die Armee

sich auf Lahore zurückzieht, so dürft ihr keine Minute mehr verlieren,

sondern müßt so schnell als möglich, bevor das Gedränge an den Toren

und in den Straßen beginnt, zum Akbaritore hinaus über die Kanalbrücke

fahren, die zum Sadar-Bazar führt und dann nach Amritsar, wo ihr

vielleicht die Eisenbahn nach Goordas benutzen könnt. Alle übrigen

Bahnen sind für andere als militärische Zwecke gesperrt. Dorthin

aber wird der Strom nicht gehen, und dort werdet ihr in irgend einer

Ortschaft des Gebirges vorläufig sichere Zuflucht finden. -- Darf ich

Sie mit einer großen Bitte behelligen, Mr. Heideck?“

„Ich bin ganz zu Ihrer Verfügung, Herr Oberst!“

„Bleiben Sie hier im Hotel -- suchen Sie sich über die Vorgänge auf

dem Laufenden zu erhalten und seien Sie den Damen und Kindern ein

Beschützer, bis sie sich in Sicherheit befinden. Wenn ich mir erlauben

darf, Ihnen für die Bestreitung der Kosten diesen Check -- -- --“

„Lassen Sie das einstweilen, Herr Oberst!“ wehrte Heideck ab. „Ich bin

mit Geld ausreichend versehen, und ich werde später Rechnung ablegen.

Ich verspreche Ihnen, Ihre Angehörigen und Mrs. Irwin zu schützen,

so gut ich kann. Aber ich glaube, daß es besser sein wird, wenn ich

nicht in der Stadt bleibe, sondern die Truppe begleite. Sollte eine

ungünstige Wendung eintreten, so kehre ich eben eiligst zurück. Die

Aufregung der Damen würde sich unnötig vermehren, und ich selbst würde

in Verlegenheit wegen unserer Maßregeln geraten, wenn wir hier im Hotel

unzuverlässige Nachrichten vom Stand der Dinge erhielten.“

„Das ist richtig,“ sagte der Oberst nach kurzem Bedenken. „Schon

jetzt schwirren die abenteuerlichsten Gerüchte umher. Unter unseren

mohammedanischen Truppen sind Flugblätter verbreitet worden, die sie

unter den tollsten Vorspiegelungen zum Abfall von der englischen

Armee auffordern. Einige Leute, die sich mit der Verteilung solcher

Flugblätter befaßten, sind schon kurzerhand erschossen worden. -- Ich

überlasse alles Ihrer Umsicht und Entschlossenheit. Jedenfalls tun Sie

am besten, sich möglichst in der Nähe des Höchstkommandierenden zu

halten. Mein Passierschein wird Ihnen überall den Weg frei machen. Von

meiner Dankbarkeit werde ich später reden.“

Er drückte Heideck kräftig die Hand, umarmte noch einmal seine Frau und

seine Kinder, und die beiden Männer wandten sich zum Gehen. Schwer und

beklemmend lag auf allen die dumpfe Vorahnung, daß es ein Abschied für

immer gewesen sein könne.

[Illustration]

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman · 第 18 / 49 题