Ein ungewöhnlich schöner und trockener Frühling begünstigte den
Vormarsch der russischen Armee durch die Gebirgsländer. Im Norden
Indiens hielt sich die Temperatur auf durchschnittlich 20° C., und
Tag für Tag strahlte die Sonne von einem wolkenlos blauen Himmel
auf die weiten Ebenen des Pendschab herab, durch deren helles Grün
sich wie lange Silberstreifen die russischen Truppen in ihren weißen
Sommeruniformen vorwärts schoben.
Es schien, als sollte das Kriegsglück ihnen günstig sein; denn sie
hatten den schwierigen und gefürchteten Uebergangspunkt Attock mit
unerwarteter Leichtigkeit überwunden.
Der Kommandant dieser hochgelegenen Festung hatte Befehl, die Brücke
über den Indus erst dann abzubrechen, wenn General Bloods Armee, die
Peschawar und den Kaiberpaß hatte halten sollen, völlig zurückgegangen
wäre und bis auf den letzten Mann den Uebergang passiert hätte.
Die Brücke bei Attock, die sehr hoch über den hier in schmalem Bette
mit reißender Schnelligkeit dahinbrausenden Indus erbaut ist, gilt
als ein Wunderwerk der Ingenieurkunst. Sie ist in zwei Etagen erbaut,
deren obere die Eisenbahn, und deren untere eine Straße für Wagen,
Lasttiere und Fußgänger bildet. Auf jedem Ufer liegt ein befestigtes
Tor. Der englische Kommandant von Attock vertraute auf die Stärke der
800 Fuß hoch über dem Flusse liegenden Forts und wähnte die Russen noch
weit entfernt. Die russische Vorhut war oberhalb Attocks über den Fluß
Kabul, der sich bei Attock mit dem Indus vereinigt, gegangen und kam
zugleich mit den Truppen des Generals Blood in die Nähe der Festung.
Die Truppen Bloods passierten in endlos langen Marschkolonnen die
Brücke. Diese Bewegungen wurden oftmals infolge von Stockungen, die
durch fehlerhaftes Ansetzen der einzelnen Truppenkörper entstanden,
unterbrochen, und so kam es, daß in den ersten Morgenstunden eine
größere russische Truppenabteilung, von den Engländern unbemerkt,
in einer solchen Lücke der englischen Marschkolonne den nördlichen
Brückenkopf erreichte: der morgendliche dichte Nebel hatte der
englischen Aufklärung das Herannahen der Russen verborgen. Die Russen
besetzten sofort die Brücke und schnitten so den Rest der noch auf dem
nördlichen Ufer befindlichen Engländer von dem Gros ihres Korps, das
in der Hauptsache die Brücke schon passiert hatte, vollständig ab.
Der Kommandeur der russischen Avantgarde war selbst über den ihm vom
Kriegsglück in den Schoß gelegten Erfolg am meisten erstaunt: hätte der
Nebel nicht die beiderseitige Aufklärung illusorisch gemacht und der
Zufall ihn nicht gerade auf eine Lücke der englischen Marschordnung
stoßen lassen, so hätten die Chancen bei der Enge seiner Marschstraße
für die Engländer wesentlich günstiger gestanden, als für ihn, und der
Kampf würde wahrscheinlich mit einer Niederlage seiner Truppe geendet
haben. So stieß General Iwanow, der über den Kaiberpaß kam, auf die
englische Nachhut, und die fünftausend Mann angloindischer Truppen
derselben mußten sich nach kurzem Kampfe gefangen geben. Zweitausend
Engländer und dreitausend Mohammedaner fielen den Russen hier in die
Hände. Als die Sieger den mohammedanischen Indern versicherten, daß sie
gegen die Ungläubigen für den wahren Glauben kämpften, traten diese
ohne weiteres zur russischen Armee über.
Der Kommandant von Attock verweigerte die Uebergabe der Festung und
ließ seine Geschütze auf die russischen Marschkolonnen spielen, aber
die Batterien fügten infolge des Nebels den Russen nicht viel Schaden
zu, und diese setzten, da sie im Besitz der Brücke waren, den Vormarsch
nach Süden fort.
Ehe dann jedoch der so erfolgreich begonnene Einmarsch fortgesetzt
wurde, sammelte der Kommandierende unweit Attocks alle die in kleinen
Abteilungen den Hindukusch übersteigenden russischen Truppen und
vereinigte sie mit dem aus Afghanistan kommenden Korps, so daß er über
eine Armee von siebzigtausend Mann verfügte.
Eine blutgetränkte Bahn war es, auf der dieses Heer hinter der
weichenden englischen Armee dahinzog. Auf dieser Straße war auch
Alexander der Große einst in Indien eingezogen. Hier hatte zu Anfang
des sechzehnten Jahrhunderts der Afghanenherrscher Ibrahim Lodi mit dem
Großmogul Babar gekämpft; hier wurde wenige Jahrzehnte später Himu,
der Feldherr des Afghanensultans Mohammed Schah Adil an der Spitze von
fünfzigtausend Reitern, fünfhundert Elefanten und unzähligem Fußvolk
von dem jugendlichen Großmogul Akbar besiegt. Blutiger noch war die
Schlacht gewesen, die um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts der
Afghanensultan Ahmed Schah Durani den großen Mahrattenfürsten Holkar
Sindia, Gaekwar und den Peschwas lieferte; und noch einmal hatten hier
alle Schrecknisse des Krieges gewütet, als im Jahre 1857 die englischen
Generale Havelock, Sir James Outram, Sir Colin Campbell, Sir Hugh Rose,
Sir John Lawrence und Sir Robert Napier mit erbarmungsloser Härte den
gefährlichen Aufstand der Sepoys erstickten. Abendland und Morgenland
hatten in gewaltigem Ringen hier an dieser von Sagen umwobenen Stätte,
der Wiege der Menschheit, schon gestritten. Hunderttausende von
Menschenleben waren auf diesem blutdurchtränkten Boden schon geopfert
worden, und abermals stand hier eine Entscheidungsschlacht bevor, die
mit eisernem Griffel in die Tafeln der Weltgeschichte geschrieben
werden sollte.
* * * * *
Die Bewegungen der russischen Armee hatten den Plan der englischen
Heerführer umgestoßen. Die in Mooltan vereinigten englischen Korps
wurden schleunigst nach Lahore in Bewegung gesetzt, als die Absicht
der Russen, nach Südosten zu gehen, klar zu Tage trat. Die Zeit, die
General Iwanow brauchte, bei Attock seine Truppen zu vereinigen,
ermöglichte den Engländern, Lahore zu erreichen. Hier wurden ihre
Streitkräfte durch die starke Garnison erheblich vermehrt, und täglich
kamen neue Regimenter von Delhi und Lucknow an, die den Bestand der
von Sir Bindon Blood befehligten Armee auf die Zahl von hunderttausend
Kombattanten brachte.
Die Engländer bereiteten sich zu einer entscheidenden Schlacht vor,
denn schon erschien die Spitze der russischen Kolonnen zehn englische
Meilen nördlich vom Grabe des Kaisers Jehangir bei Schah Dara,
einer kaum acht englische Meilen nordwestlich von Lahore liegenden
Bahnstation.
Die englischen Truppen waren in Versammlungsformation in einer
Linie aufmarschiert, deren linker Flügel an dem dicht bei Lahore
vorbeifließenden Ravifluß die Schah Dara-Pflanzungen und die daneben
befindliche Schiffsbrücke besetzt hielt. Sie dehnte sich von dort fünf
englische Meilen weit östlich bis zu einem Kanal aus, der sich am
Shalimar-Park hin nach Süden zieht. Dieser Park und der an demselben
liegende Ort Bhogiwal bildeten den rechten Flügel. Vor der Front
hin zog sich ein Nebenarm des vielgewundenen Ravi mit größtenteils
sumpfigen Ufern. Im Rücken der Stellung lag das befestigte Lahore
mit seiner fünfzehn Fuß hohen, von dreizehn Toren durchbrochenen
Backsteinmauer.
Der Ravi, ein Nebenfluß des Indus, führte zur Zeit nur wenig Wasser.
Das Flußbett lag zum großen Teil trocken und war nur von lebhaft
fließenden, unregelmäßigen Rinnsalen durchzogen, die hier und da
größere und kleinere, zumeist sumpfige Inseln zwischen sich frei
ließen. Dieses Flußbett bildete das wesentlichste Hindernis für den
russischen Angriff, denn es mußte passiert werden, ehe die englische
Front und die Stadt Lahore erreicht werden konnte.
Heideck wohnte in einem kleinen Zelte, das er von Chanidigot
mitgebracht hatte. Morar Gopals Pferd hatte es während des Marsches
von Mooltan nach Lahore auf dem Rücken getragen, denn die Lancers, zu
denen Heideck sich hielt, da er ja mit ihren Offizieren befreundet
war, hatten den Weg nicht auf der Eisenbahn gemacht. Sie kampierten
jetzt im Shalimar-Park, einer großen, von einer Mauer umgebenen Anlage
voll der prächtigsten Mangobäume, mit vielen kleinen Springbrunnen und
zierlichen Pavillons. Da Heideck einen Khaki-Anzug und einen Korkhelm
trug, glich er trotz des Fehlens der militärischen Abzeichen ganz einem
englischen Offizier, umsomehr, als seine Haltung und seine Gestalt
durchaus soldatisch waren.
Er hatte während des Marsches und in der Lagerzeit Gelegenheit gehabt,
allerlei Betrachtungen über die britische Kriegsführung anzustellen.
Aber er hütete sich wohl, darüber mit den englischen Offizieren zu
sprechen, denn es waren nicht eben günstige Schlüsse, zu denen er
gelangt war. Er hatte den Eindruck, daß die Truppen weder kriegsmäßig
geführt wurden, noch eine besondere Feldtüchtigkeit an den Tag legten.
Die Leute wußten sich im Biwak und im Lager oft nicht zu helfen und
litten häufig empfindliche Entbehrungen, weil das nötige Material nicht
immer rechtzeitig zur Stelle war und die Lebensmittel nicht regelmäßig
geliefert wurden: auf den Proviantämtern herrschte die größte
Verwirrung.
Und nicht dort allein, sondern auch in den taktischen Verbänden machte
sich infolge der unpraktischen Zusammenstellung der Truppenkörper
überall eine bedenkliche Unordnung fühlbar. Zunächst waren die
Regimenter zur Bildung der Korps in Peschawar und Quetta durcheinander
gewürfelt worden, weil sie, je nachdem sie marschbereit zu sein
schienen, einzeln aus ihren Garnisonen weggeführt und auf die
Eisenbahn gesetzt worden waren. Die Konzentrierung in Mooltan und
der überstürzte Abmarsch nach Lahore aber hatten vollends ein schier
unentwirrbares Durcheinander geschaffen.
Heideck sah sich inmitten einer Armee, die den großen Krieg und
wohl überhaupt den Krieg gegen reguläre Truppen nicht kannte. Des
Kämpfens zwar waren die Engländer gewohnt, denn sie hatten sich ja
beständig mit wilden und halbwilden Völkern herumschlagen müssen. Sie
hatten kostspielige Expeditionen gemacht und teuer erkaufte Siege
davongetragen. Aber immer waren es regellose braune und schwarze
Haufen gewesen, mit denen sie es zu tun gehabt hatten. Die Erfahrungen
des Burenkrieges waren noch nicht in Fleisch und Blut der Truppe
übergegangen. Die persönliche Tapferkeit jedes einzelnen war beinahe
immer das allein entscheidende Moment gewesen, und so mochte sich's
auch erklären, daß alle Offiziere von einem gewaltigen Selbstgefühl
erfüllt waren. Mit Geringschätzung sahen sie auf jeden Fremden herab,
weil sie in ihren Siegen ja tatsächlich fast immer über eine numerische
Uebermacht gesiegt hatten.
Mit Erstaunen bemerkte Heideck, daß die Durchführung der taktischen
Regeln und Instruktionen in der britischen Armee häufig noch im
Widerspruch mit der modernen Bewaffnung stand. Namentlich wurde bei
der Infanterie immer noch das Salvenfeuer gewohnheitsmäßig als die
Hauptfeuerart angewandt. Die Mannschaften waren einmal darauf gedrillt,
daß sie auf Kommando ein ruhiges, gleichmäßiges Feuer abzugeben
und dann fest zusammengeschlossen mit dem Bajonett auf den Feind
loszustürmen hätten. Dies mächtige Volk war eben zu bequem gewesen,
die neuesten Erfahrungen der Gefechtstechnik sofort zur Durchführung
zu bringen; das hochmütige Albion hatte kritiklos alles für gut
beibehalten, was englisch war und alles Neue und Fremde von vornherein
verachtet. Oder vermieden die Engländer die aufgelöste Gefechtsordnung
etwa deshalb, weil sie fürchteten ihre indischen Soldaten alsdann nicht
mehr lenken zu können?
Die Breitengliederung der taktischen Verbände im Verhältnis zur Stärke
der Armee erschien Heideck zu gering, um eine Aussetzung des Gefechts
kraft derselben zu sichern.
Die Umgebung Lahores, besonders im Norden der Stadt, zwischen der Mauer
und dem Feldlager, machte einen sehr bunten und bewegten Eindruck.
Eine ganz eigenartige Staffage bildeten die unzähligen Kamele, die als
Transportmittel gedient hatten und den Hauptteil des Trains ausmachten.
Sie lagen in dicht gedrängten Haufen am Boden oder schritten
gravitätisch ihres Wegs, während das laute Geschrei der Treiber grell
die Luft erfüllte. Außerdem gab es noch eine ungeheure Menge von
Menschen, die auf die eine oder andere Art zum Heere gehörten, ohne
Kombattanten zu sein. Ein für malerische Eindrücke empfängliches Auge
konnte also wohl seine Freude haben an den stetig wechselnden, farbigen
Bildern der weiten Ebene. War doch schon die landschaftliche Szenerie
interessant. Zwischen den weit verstreuten Dörfern und Vororten der
etwa 180000 Einwohner zählenden Stadt schimmerten in frischem Grün
prächtige Park- und Gartenanlagen, zumeist als Umgebung der Grabstätte
eines Sultans oder eines berühmten mohammedanischen Heiligen. Nach
Südosten hin erstreckten sich die großen Kantonnements der Kavallerie
und der Artillerie, zu der auch mehrere Elefanten-Batterien gehörten.
Die Stadt selbst war gedrängt voll von Militär und den Familien der
Offiziere. Fast alle Frauen und Kinder der nordwestlich von Lahore
liegenden Garnisonen hatten sich beim Anmarsch der Truppen hierher
geflüchtet. Auch Mrs. Baird mit ihren beiden kleinen Töchtern und
Mrs. Irwin befanden sich in der Stadt, wo sie im Charing-Croß-Hotel
Unterkunft gesucht hatten. Obwohl die Stadt in fast beängstigender
Weise überfüllt und die Kriegslage keineswegs unbedenklich war, nahm
Heideck doch nirgends eine besondere Aufregung wahr. Die Engländer
bewahrten die ihnen eigentümliche ruhige Haltung, und die Eingeborenen
schwiegen aus Furcht. Auf sie mochte das völlig Unerwartete und
Unfaßliche der veränderten Situation wohl auch eine gewisse lähmende
Wirkung ausüben.
Als Heideck kurz vor Sonnenuntergang vom Lager nach der Stadt ging,
um die Damen aufzusuchen, kam es ihm, während er das bunte Gewühl
außerhalb der Ringmauer durchschritt, immer mehr zum Bewußtsein, daß
die Stellung der Armee sehr schlecht gewählt war. Eine viel zu große
Anzahl von Menschen und Tieren war in dem verhältnismäßig engen Raum
zusammengedrängt. Wenn etwa russische Schrapnells in diese Menge
fielen, mußte ein schrecklicher Wirrwarr entstehen. Die Nähe der
befestigten Stadt mußte die Kämpfenden zur Flucht hinter die Mauern
verlocken. Heideck hatte bisher nicht den Eindruck empfangen, daß man
auf ausdauernden Mut bei den eingeborenen Soldaten rechnen könnte.
Auf der Straße, die vom Shalimar-Park zur Eisenbahnstation in der
Vorstadt Naulakha führte, mußte Heideck beständig den Batterien, den
langen Zügen hochbepackter Kamele und beladener Ochsenwagen ausweichen,
die ihm entgegen kamen, und er brauchte darum beinahe zwei Stunden, bis
er sein Ziel erreichte. Das Charing-Croß-Hotel war bis unter das Dach
hinauf gefüllt, und die beiden Damen mußten sich mit den Kindern in
einem einzigen Zimmer des dritten Stockwerks behelfen, das man ihnen
für einen enormen Preis überlassen hatte.
Mrs. Baird, eine Dame von kleiner, zierlicher Gestalt, aber von
energischem Geist und echt englischem Stolz, erschien vollkommen ruhig
und zuversichtlich. Sie sprach mit keinem Wort von ihrer eigenen,
sicherlich höchst unbequemen Lage und von den Entbehrungen, die unter
den obwaltenden Umständen ihren Kindern auferlegt waren, sondern einzig
von dem nach ihrer Ueberzeugung unmittelbar bevorstehenden Siege
der britischen Armee. Der Marsch von Mooltan nach Lahore war ja ein
Vorrücken, und es unterlag für sie nicht dem mindesten Zweifel, daß der
Uebermut der Russen binnen kürzester Zeit furchtbar bestraft werden
würde.
„Es ist schrecklich, zu denken,“ sagte sie zu Heideck, „daß eine
Nation, die sich eine christliche nennt, uns in Indien anzugreifen
wagt. Was war dies unglückliche Land, ehe wir uns seiner annahmen!
England hat es von der Tyrannei barbarischer Despoten befreit und ihm
Wohlstand und Glück gegeben! Die indischen Städte sind aufgeblüht,
weil unsere Gesetze die freie Entwicklung von Handel und Verkehr
ermöglichten. Es war im höchsten Sinne des Wortes eine Kulturmission,
die unsere Nation hier erfüllt hat. Gäbe der Himmel den Russen den
Sieg, so würde dieses jetzt so glückliche Land wieder in die finsterste
Barbarei zurückgeschleudert werden.“
Sie schien ein Wort der Zustimmung von Mrs. Irwin zu erwarten; diese
aber saß ernst und schweigend da.
„Sie sollten nicht so still sein, liebste Edith, und nicht ein so
schwermütiges Gesicht machen,“ wandte sich die Gattin des Obersten mit
sanftem Vorwurf an sie. „Ich begreife vollkommen, daß die traurigen
Ereignisse in Ihrem Privatleben Sie bedrücken. Aber jedes persönliche
Leid sollte jetzt in der allgemeinen Sorge aufgehen. Was ist das
Schicksal des Einzelnen in dieser Gefahr des Vaterlandes? Ich weiß, daß
Sie eine so gute Patriotin sind, wie nur irgend eine Engländerin, aber
mir scheint, daß es notwendig ist, das auch in diesen ernsten Stunden
zu zeigen. Sorge und Niedergeschlagenheit wirken in solchen Zeiten auf
unsere Umgebung wie eine ansteckende Krankheit.“
„Vielleicht bin ich in Wahrheit gar nicht die gute Patriotin, für die
Sie mich halten.“
„Ah! -- Wie soll ich das verstehen?“
„Ich kann die Kriege nicht von Ihrem Standpunkt ansehen, meine liebe
Mrs. Baird! Es will mir vorkommen, als unterschieden wir Menschen uns
gar nicht so sehr von den Tieren, die aus Hunger oder aus Eifersucht
oder aus allerlei anderen niederen Instinkten miteinander kämpfen!“
„O, welch ein Vergleich!“
„Nun, wir verstehen uns ja allerdings besser auf die Kriegführung; denn
wir erfinden komplizierte Instrumente, um unsere Mitmenschen haufenweis
zu töten, während die Tiere auf ihre natürlichen Waffen beschränkt
bleiben. Aber wissen wir darum besser als die Tiere, was wir tun? Wenn
die Heere der Ameisen, der Bienen, der Wiesel oder der Fische im Meer
ausziehen, um andere Geschöpfe ihrer Art zu vernichten, werden sie
da nicht vielleicht von denselben Instinkten geleitet, die auch uns
beherrschen?“
„Ich kann Ihnen da nicht folgen, Mrs. Irwin,“ sagte die kleine Dame
etwas gereizt. „Wir Menschen sind doch vernunftbegabte Wesen, die nach
bewußten Zielen streben!“
„Ist es wirklich so vernünftig, wenn die Bauern und Arbeiter als
Soldaten in den Krieg ziehen? Streben sie da wirklich nach einem klar
bewußten Ziel? Keiner von ihnen hat etwas zu gewinnen. Man zwingt
sie, sich verstümmeln und totschießen zu lassen und ihre Mitmenschen
zu töten. Die Ueberlebenden aber haben es nach erfochtenem Siege um
nichts besser als vorher. Und die Führer selbst? Ehren und Orden und
Dotationen sind doch nur Tand im Sinne des Christentums. Seien wir
ehrlich, Mrs. Baird! Hat England etwa des Christentums wegen Indien
erobert? Nein! Wir haben Ströme von Blut vergossen, nur um unsern
Handel zu erweitern und das Vermögen einiger Weniger, die noch dazu dem
Kampfe ferngeblieben sind, ins Ungemessene zu steigern.“
„Es ist traurig, das aus dem Munde einer Engländerin zu hören.“
Die Unterhaltung drohte eine bedenkliche Wendung zu nehmen, da die
Gattin des Obersten sich durch Ediths Aeußerungen in ihren Empfindungen
ernstlich verletzt fühlte. Aber Heideck wußte sofort dem Gespräch
einen weniger verfänglichen Charakter zu geben. Bald darauf erschien
der Oberst, der ein Zelt draußen im Lager bewohnte und nur selten
Gelegenheit fand, nach seinen Angehörigen zu sehen.
Er bemühte sich, heiter und gelassen zu erscheinen, aber er war doch
ein zu schlechter Schauspieler, um seine wahre Stimmung, die nichts
weniger als fröhlich war, zu verbergen.
„Ich kann leider nur kurze Zeit bleiben,“ sagte er, nachdem er die
kleinen Mädchen, an denen er mit großer Zärtlichkeit hing, noch
herzlicher als sonst geliebkost hatte. „Ich bin hauptsächlich deshalb
gekommen, um dich, liebe Ellen, über das zu verständigen, was du im
Falle eines Rückzuges zu tun hast.“
„Eines Rückzuges? -- Um Gottes willen -- davon kann doch keine Rede
sein!“
Der Oberst lächelte etwas gezwungen.
„Natürlich rechnen wir mit Sicherheit auf den Sieg. Aber das wäre ein
schlechter Feldherr, der nicht auch an die Möglichkeit eines Rückzugs
dächte. Während der letzten Stunden sind alle Dispositionen geändert
worden. Wir brechen auf, um die Russen anzugreifen.“
„So ist es recht!“ rief Mrs. Baird mit leuchtenden Augen. „Eine
britische Armee darf den Feind nicht erwarten, sondern sie muß ihm
entgegen gehen!“
„Wir werden in der ersten Morgenfrühe aufbrechen, um den Russen den
Uebergang über den Ravi zu verwehren. Die Pioniere gehen schon in der
Nacht voraus, um die Brücken zu zerstören, -- sofern es nicht bereits
zu spät dazu ist. Um die richtige Front zu bekommen, muß die Armee
beim Aufmarsch eine große Linksschwenkung machen. Hierbei soll auch
die Front nach rechts verlängert werden. Der linke Flügel bleibt bei
Schah-Dara und der Schiffsbrücke stehen.“
„Wäre es nicht möglich, mit hinauszugehen und der Schlacht zuzusehen?“
fragte Mrs. Baird. Aber ihr Gatte schüttelte in entschiedener Ablehnung
den Kopf.
„Für euch, liebe Ellen, hält unser zuverlässiger Smith einen Wagen
mit zwei tüchtigen Ochsen hier im Hotel bereit. Es ist für alle Fälle.
Erhaltet ihr, was Gott verhüten möge, die Nachricht, daß die Armee
sich auf Lahore zurückzieht, so dürft ihr keine Minute mehr verlieren,
sondern müßt so schnell als möglich, bevor das Gedränge an den Toren
und in den Straßen beginnt, zum Akbaritore hinaus über die Kanalbrücke
fahren, die zum Sadar-Bazar führt und dann nach Amritsar, wo ihr
vielleicht die Eisenbahn nach Goordas benutzen könnt. Alle übrigen
Bahnen sind für andere als militärische Zwecke gesperrt. Dorthin
aber wird der Strom nicht gehen, und dort werdet ihr in irgend einer
Ortschaft des Gebirges vorläufig sichere Zuflucht finden. -- Darf ich
Sie mit einer großen Bitte behelligen, Mr. Heideck?“
„Ich bin ganz zu Ihrer Verfügung, Herr Oberst!“
„Bleiben Sie hier im Hotel -- suchen Sie sich über die Vorgänge auf
dem Laufenden zu erhalten und seien Sie den Damen und Kindern ein
Beschützer, bis sie sich in Sicherheit befinden. Wenn ich mir erlauben
darf, Ihnen für die Bestreitung der Kosten diesen Check -- -- --“
„Lassen Sie das einstweilen, Herr Oberst!“ wehrte Heideck ab. „Ich bin
mit Geld ausreichend versehen, und ich werde später Rechnung ablegen.
Ich verspreche Ihnen, Ihre Angehörigen und Mrs. Irwin zu schützen,
so gut ich kann. Aber ich glaube, daß es besser sein wird, wenn ich
nicht in der Stadt bleibe, sondern die Truppe begleite. Sollte eine
ungünstige Wendung eintreten, so kehre ich eben eiligst zurück. Die
Aufregung der Damen würde sich unnötig vermehren, und ich selbst würde
in Verlegenheit wegen unserer Maßregeln geraten, wenn wir hier im Hotel
unzuverlässige Nachrichten vom Stand der Dinge erhielten.“
„Das ist richtig,“ sagte der Oberst nach kurzem Bedenken. „Schon
jetzt schwirren die abenteuerlichsten Gerüchte umher. Unter unseren
mohammedanischen Truppen sind Flugblätter verbreitet worden, die sie
unter den tollsten Vorspiegelungen zum Abfall von der englischen
Armee auffordern. Einige Leute, die sich mit der Verteilung solcher
Flugblätter befaßten, sind schon kurzerhand erschossen worden. -- Ich
überlasse alles Ihrer Umsicht und Entschlossenheit. Jedenfalls tun Sie
am besten, sich möglichst in der Nähe des Höchstkommandierenden zu
halten. Mein Passierschein wird Ihnen überall den Weg frei machen. Von
meiner Dankbarkeit werde ich später reden.“
Er drückte Heideck kräftig die Hand, umarmte noch einmal seine Frau und
seine Kinder, und die beiden Männer wandten sich zum Gehen. Schwer und
beklemmend lag auf allen die dumpfe Vorahnung, daß es ein Abschied für
immer gewesen sein könne.
[Illustration]