XI.

Jeder neue Tag brachte jetzt weitere Nachrichten, die das drohende

Gespenst des Krieges in immer größere Nähe rückten. Die Mobilmachung

wurde befohlen. Die Feldtruppen wurden von dem Depot gesondert, das

in Chanidigot zurückbleiben sollte. Die Infanterie wurde mit Munition

ausgerüstet und täglich mit Schieß- und Gefechtsübungen beschäftigt.

Pferde wurden eingekauft und ein Train gebildet, zu dem namentlich

eine ungeheure Menge von Kamelen gehörte. Die Vorräte an Lebensmitteln

wurden vervollständigt, und die Offiziere studierten eifrigst die

Karten von Afghanistan.

Für Heidecks Begriffe von einer Mobilmachung ging das alles freilich

sehr langsam von statten, und der Maharadjah schien es mit der

Ausrüstung seiner Hilfstruppen noch viel weniger eilig zu haben.

Von Süden her kamen beständig Militärzüge durch Chanidigot, um Truppen

und Pferde weiter nach dem Norden zu befördern. Ihr Ziel war zunächst

Peschawar, wo Generalleutnant Sir Bindon Blood, der Oberkommandierende

des Korps von Pendschab, eine große Feldarmee zusammenzog. Mit einiger

Verwunderung nahm Heideck wahr, daß die durchziehenden Regimenter den

verschiedensten Korps entnommen waren, so daß der taktische Verband

dieser Korps und ihre Organisation zerrissen worden waren. Es unterlag

keinem Zweifel, daß die Regierung um jeden Preis so schnell als möglich

starke Truppenkörper an der Grenze aufstellen wollte und darüber die

Rücksicht auf spätere Ereignisse gänzlich außer Acht ließ. Sowohl

Viscount Kitchener, der Oberbefehlshaber in Indien, wie der Vizekönig

und die Minister in London schienen es für ausgemacht zu halten, daß

die englische Armee von vornherein siegreich sein würde und nicht

genötigt werden könnte, sich auf die Festungen der Nordwestprovinzen

zurückzuziehen. Die Geringschätzung, mit der die Offiziere in

Chanidigot von der russischen Armee und von den Afghanen sprachen,

bestätigte diese allgemeine Auffassung zur Genüge.

Endlich wurde es klar, daß der Krieg zur Tatsache geworden war. Am

zehnten Tage nach der Meldung vom Einmarsch der Russen in Afghanistan

fiel die Entscheidung.

Das Londoner Kabinett hatte in St. Petersburg angefragt, was jener

Einmarsch zu bedeuten habe. Und es hatte die Antwort erhalten,

daß Rußland sich genötigt sähe, dem Emir auf seine Bitte zu Hilfe

zu kommen; denn der Afghanenherrscher wäre den Maßnahmen Englands

gegenüber um seine Selbständigkeit besorgt. Nichts läge der russischen

Regierung ferner, als eine Herausforderung Englands, aber sie könne die

Bedrängnis des Emirs nicht gleichgiltig ansehen und sei entschlossen,

für die Unabhängigkeit Afghanistans einzutreten.

Daraufhin erklärte England den Krieg, und Generalleutnant

Blood erhielt den Befehl, unverzüglich durch den Kaiberpaß in

Afghanistan einzurücken. Weiter sollte Generalleutnant Hunter, der

Oberkommandierende des Korps von Bombay, mit einer Armee von Quetta aus

gegen Kandahar marschieren.

Gleichzeitig, -- so hieß es, -- sollte von Portsmouth aus eine

englische Flotte abgehen.

Obwohl die in Indien erscheinenden englischen Zeitungen offenbar dahin

instruiert waren, alles zu verschweigen, was die Lage Englands in

einem ungünstigen Lichte erscheinen lassen könnte, brachten sie doch

mancherlei Meldungen, die dem kundigen Leser allerlei Schlüsse auf die

gegenwärtige Kriegslage nahe legten. Man konnte daraus entnehmen, daß

England auch gegen Frankreich rüste. Nur über die Haltung Deutschlands

in dem drohenden Weltkriege fehlte jede Mutmaßung.

Die anfängliche Absicht, die Familien der in Chanidigot stationierten

Offiziere und Beamten südwärts nach Bombay oder nach dem östlich

gelegenen Kalkutta zu bringen, war bald aufgegeben worden. Die

Verbreitung der Pest in beiden Städten und die Schwierigkeiten der

Reise sprachen dagegen; denn die Eisenbahnen waren zur Zeit vollständig

durch Truppentransporte in Anspruch genommen. So wurde beschlossen,

daß die Frauen und Kinder zunächst bei dem Depot in Chanidigot bleiben

sollten. Kapitän Irwin, der aus Lahore zurückgekehrt war, und der

außerhalb des Dienstes, bei dem er einen fast fieberhaften Eifer

entwickelte, ein völlig einsiedlerisches Leben führte, sollte dieses

Depot kommandieren. Seine Gattin aber, der er seit seiner Ankunft

noch nicht ein einziges Mal begegnet war, sollte seinem Schutze nicht

unterstellt werden. Oberst Baird, der seiner Frau auf ihre dringenden

Bitten zugesagt hatte, daß sie ihn mit den Kindern nach Quetta

begleiten dürfte, wollte auch Edith Irwin dorthin mitnehmen.

Es war bestimmt worden, daß das Detachement im Verein mit den Truppen

des Maharadjah von Chanidigot aufbrechen sollte. Heideck hatte die

Erlaubnis erhalten, es zu begleiten. Der Oberst wollte ihm wohl, und

es war ihm offenbar angenehm, einen so ritterlichen Mann, auf den man

sich in jeder Lage unbedingt verlassen konnte, als Beschützer bei den

Damen zu wissen, wenn er selbst durch seine militärischen Pflichten

verhindert sein würde, sich um sie zu kümmern. Am Tage vor dem Abmarsch

war Heideck zum Tiffin bei dem Obersten, und man besprach in ernster

Stimmung die bevorstehenden Ereignisse, als draußen das dumpf klingende

Warnungszeichen eines Automobils vernehmlich wurde. Zwei Minuten später

trat, ganz mit Staub bedeckt und mit dunkelgerötetem Gesicht ein

Offizier auf die Veranda, der sich als Kapitän Elliot, Adjutanten des

Generals Blood, vorstellte.

„Der General läßt Ihnen melden, Herr Oberst,“ sagte er in dienstlicher

Haltung, „daß alle Dispositionen geändert worden sind. Sie marschieren

nicht nach Quetta, sondern unter tunlichster Beschleunigung des

Aufbruchs nach Mooltan.“

„Und was ist die Ursache dieses veränderten Befehls?“ fragte der Oberst.

„Die Russen kommen vom Hindukusch herunter. Sie ziehen das Tal des

Indus herab, unserer Armee in den Rücken. General Blood ist auf dem

Marsche südwärts, um nicht abgeschnitten zu werden. Ich befinde mich

unterwegs, um alle Truppenteile nach Mooltan zu dirigieren.“

„Aber ist das denn möglich? Kann hier nicht doch ein Irrtum vorliegen?

Wie sollten die Russen über den Hindukusch kommen?“

„Ich selbst habe russische Infanterie in den Schluchten des Industals

gesehen, Herr Oberst. Der Marsch auf Herat und die Besetzung von Kabul

unter General Iwanow sind hauptsächlich Demonstration gewesen. Iwanow

kommt mit zwanzigtausend Mann, verstärkt durch zwanzigtausend Afghanen,

von Kabul her gegen den Kaiberpaß heran. Aber der Hauptangriff erfolgt

vom Pamir aus in der Richtung auf Raval-Pindi und Lahore.“

„Raval-Pindi?“ rief der Oberst. „Wenn die Russen den Indus herabkommen,

treffen sie zunächst auf Attock, und dieses starke Fort wird sie lange

genug aufhalten.“

„Hoffentlich! Aber wir dürfen nicht unbedingt damit rechnen. Die Stärke

der russischen Armee ist uns zur Zeit noch nicht bekannt. Ihr Vormarsch

aber ist offenbar trefflich vorbereitet gewesen. Die Pioniere müssen in

den schwierigen Pässen des Hindukusch wahrer Wunder verrichtet haben,

und diese russischen Soldaten scheinen von Eisen.“

„Nun,“ sagte der Oberst kurz, „so werden wir ihnen zeigen, daß wir von

Stahl sind.“

Der Adjutant überreichte ihm die schriftlichen Dispositionen, und

nachdem er sie durchgesehen, erklärte der Oberst:

„Ich werde morgen früh nach Mooltan aufbrechen und denke, mein

Detachement morgen abend dort vereinigt zu haben. Der Train mit der

Proviantkolonne und der Munitionskolonne freilich kann erst einige

Tage später eintreffen, und auch nur zum Teil. Was in aller Welt mag

den General bestimmt haben, sich dem Feinde nicht in Raval-Pindi

entgegenzustellen? Die Stadt ist befestigt und von starken Forts

umgeben; sie ist eine der größten Militärstationen Indiens. Weshalb

mußte der General da so weit, bis nach Mooltan, zurückgehen?“

„Der General erwartet eine Entscheidungsschlacht und möchte sich dazu

mit der Armee des Generals Hunter vereinigen. Beide Armeen aber sind

zur Zeit ungefähr gleich weit von Mooltan entfernt, auch würden die

Russen, wie der General meint, Bedenken tragen, soweit vorzugehen, daß

sie von Lahore aus in der linken Flanke angegriffen werden könnten.

Dort stehen schon jetzt zehntausend Mann, die täglich von Delhi aus

verstärkt werden.“

Mit der Verabschiedung des Adjutanten, der den angebotenen Imbiß mit

dem Hinweis auf die Dringlichkeit seines Auftrages abgelehnt hatte,

wurde auch die Tafel aufgehoben, und der Oberst entschuldigte sich bei

seinem Gaste, dem er sich unter den obwaltenden Umständen nicht länger

widmen konnte. Seine Offiziere begleiteten ihn, und bald nachher wurde

auch Mrs. Baird abgerufen. Unerwartet sahen sich Heideck und Edith

Irwin allein.

Ein paar Sekunden lang schwiegen sie beide, wie wenn keines von ihnen

den Empfindungen Ausdruck zu geben wagte, die sie erfüllten. Dann aber

sagte die junge Frau:

„Sie wollten mit uns ins Feld ziehen, Mr. Heideck, und ich weiß, daß

Sie dabei von dem Wunsche geleitet wurden, uns Frauen durch Ihren

männlichen Schutz nützlich zu sein. Aber nun ist ja alles anders

geworden, und ich bitte Sie, auf Ihren Plan zu verzichten.“

Ueberrascht sah er sie an: „Wie, Mrs. Irwin, Sie wollen mir die Freude

versagen, Sie begleiten und schützen zu dürfen? Und weshalb?“

„Sie haben soeben selbst gehört, daß alle Dispositionen geändert worden

sind. Wären wir nach Quetta gegangen, so hätten Sie, sobald unsere

Armee über die Grenze ging, leicht irgend einen anderen Platz aufsuchen

können; wenn es aber auf indischem Boden zum Kampfe kommt, so befänden

Sie sich in beständiger Gefahr.“

„In meiner Eigenschaft als Ausländer? Gewiß. Ich würde unter Umständen

manchen Unbequemlichkeiten ausgesetzt sein. Aber ehe ich meine

Entschließungen ändere, möchte ich von Ihnen hören, ob Sie auch unter

diesen neuen Verhältnissen bei der Truppe bleiben werden?“

„Da Mrs. Baird mir die Erlaubnis dazu gegeben hat -- ja.“

„Und Sie glauben, daß ich weniger Mut zeigen werde, als Sie, die Sie

sich damit ohne Zweifel ebenfalls ernsten Gefahren aussetzen?“

„Wie dürfte ich an Ihrem Mute zweifeln, Mr. Heideck! Aber das ist

doch etwas ganz anderes. Wir Soldatenfrauen gehören nun einmal zu den

Männern, denen wir nach Indien gefolgt sind. Und überdies sind wir

vielleicht nirgends sicherer, als bei der Armee. Sie aber haben mit

diesem Kriege und mit unserem Heere nichts zu tun. Wenn Sie jetzt

von hier abreisen und in weiter Entfernung vom Kriegsschauplatze,

vielleicht in einer der Hillstations, wo Sie auch von der Pest nichts

zu fürchten haben, Wohnung nehmen, so wird man Sie als deutschen

Kaufmann gewiß unbehelligt lassen.“

„Und warum gehen Sie selbst nicht in eine solche Hillstation,

Mrs. Irwin? Ich würde Ihnen Simla vorschlagen, wenn es nicht dem

Kriegsschauplatz nahe läge. Aber gehen Sie doch nach Poona oder in

sonst einen der südlichen Gebirgsorte.“

Die junge Frau schüttelte den Kopf.

„Ich vermute, daß ich damit in mein sicheres Verderben gehen würde.“

„Und was bringt Sie auf solche Vermutung?“

„Ich sagte Ihnen schon, daß im Falle eines Krieges englische Frauen

hier in Indien nur noch in unmittelbarer Nähe der Truppen einigermaßen

sicher sind. Sollten wir eine Niederlage erleiden, so wird die

Rache des Volkes an seinen Unterdrückern furchtbar sein. Kennen Sie

die grausamen Instinkte, die in diesen scheinbar so höflichen und

unterwürfigen Menschen schlummern? Die wehrlosen Frauen und Kinder

würden ohne Zweifel ihre ersten Opfer sein. So war es bei dem Aufstande

vom Jahre 1857, und genau so wird es sich unter ähnlichen Verhältnissen

wiederholen. Nana Sahib und seine Gefolgschaft haben sich damals an den

unmenschlichsten Martern weißer Frauen und Kinder ergötzt und Ströme

unschuldigen Blutes vergossen. Der Kulturzustand des niederen Volkes

aber ist seitdem gewiß nicht besser geworden.“

„Sie sprechen, als ob Sie eine Niederlage Ihrer Armee für

wahrscheinlich hielten?“ --

„Ich kann meine düsteren Ahnungen nicht los werden. Und Sie selbst, Mr.

Heideck? -- Seien wir doch ehrlich! Als vorhin der Adjutant dort stand,

und als jedes seiner Worte die mangelnde Voraussicht unserer Generale

offenbarte, habe ich Ihr Gesicht beobachtet, und ich habe mehr daraus

gelesen, als Sie ahnen mögen. Ich will mich nicht in Ihre Geheimnisse

drängen, aber ich würde Ihnen dankbar sein, wenn Sie ganz aufrichtig

gegen mich wären. Sie sind nicht der, für den Sie sich hier ausgeben.“

Nicht einen Augenblick zögerte er, ihr die Wahrheit zu bekennen.

„Nein, ich bin deutscher Offizier und von meinen Vorgesetzten zum

Studium der angloindischen Armee hierher entsandt.“

Ediths Ueberraschung war ersichtlich nicht allzu groß.

„Ich ahnte es. Und nun gestehen Sie mir ebenso offenherzig die Frage:

Glauben Sie an einen Sieg der britischen Waffen?“

„Ich darf mir darüber kein Urteil erlauben, Mrs. Irwin.“

„Aber Sie müssen doch eine Meinung haben. Und es läge mir unendlich

viel daran, sie zu erfahren.“

„Nun denn -- ich glaube an die englische Tapferkeit, aber nicht an

einen englischen Sieg.“

Sie seufzte tief auf, aber sie neigte zustimmend den Kopf, wie wenn

er damit nur ihrer eigenen Ueberzeugung Ausdruck gegeben hätte. Dann

reichte sie ihm die Hand und sagte leise:

„Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, und es ist selbstverständlich, daß

von mir niemand erfahren wird, wer Sie sind. Aber nun bestehe ich erst

recht darauf, daß Sie uns um Ihrer eigenen Sicherheit willen verlassen.“

„Und wenn ich mich weigerte? Wenn ich es gerade in meiner Eigenschaft

als Soldat für meine Ehrenpflicht hielte, Sie jetzt nicht im Stich

zu lassen? Würden Sie mir darum zürnen? Würden Sie mir nicht mehr

gestatten, das Glück Ihrer Gesellschaft zu genießen?“

Ihre Brust hob sich, aber sie senkte den Kopf und schwieg. Deutlich sah

Heideck die glitzernde Träne, die sich unter ihren Wimpern hervorstahl

und langsam über ihre zarte Wange herabrollte.

Das war ihm Antwort genug. Er beugte sich herab, und indem er ihre

beiden Hände küßte, flüsterte er:

„Ich wußte, daß Sie nicht die Grausamkeit haben würden, mich

zurückzustoßen. Wohin auch immer das Schicksal Sie führen mag, es wird

mich an Ihrer Seite finden, solange Sie noch meines Schutzes bedürfen.“

Ein paar Sekunden lang hatte sie ihm ihre Hand überlassen. Dann entzog

sie sie sanft dem Druck der seinen.

„Ich weiß, daß ich Ihnen um Ihrer eigenen Sicherheit willen verbieten

sollte, mir zu folgen. Aber ich habe nicht die Kraft dazu. Der Himmel

gebe, daß Sie mir niemals einen Vorwurf daraus machen.“

[Illustration]

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman · 第 17 / 49 题