X.

Um die Mittagszeit war Fürst Tschadschawadse mit seinem Pagen Georgij

und seinem indischen Diener nach dem Norden abgereist. Heideck hatte

während der wenigen Tage ihrer Bekanntschaft der schönen Cirkassierin

gegenüber die größte Zurückhaltung beobachtet und hatte nicht zu

erkennen gegeben, daß er das Geheimnis ihrer Verkleidung durchschaut

habe. Und es war, als ob sie ihm dafür Dank wisse. Zwar hatte er

nicht ein einziges Mal mit ihr gesprochen, aber ihr Lächeln und die

freundlichen Blicke, die sie ihm bei zufälligen Begegnungen zuwarf,

waren hinlänglich deutliche Beweise für die Art ihrer Gesinnung. Ueber

die Natur der Beziehungen, die zwischen dem schönen Pagen und seinem

Herrn bestanden, konnte Heideck nicht im Zweifel sein. Wäre seine

Seele nicht so ganz ausgefüllt gewesen von dem Gedanken an Edith, so

hätte er sich leicht versucht fühlen können, den Russen um das Glück

dieser holden Reisegesellschaft zu beneiden; denn er erinnerte sich

kaum je ein reizvolleres weibliches Wesen gesehen zu haben, als es

die Cirkassierin in ihrer malerischen Kleidung war. Vor den Augen

Fremder wußte sie ihre Dienerrolle meisterlich durchzuführen, aber

es war unverkennbar, daß sie in Wahrheit die Gebieterin war. Ein

einziger Blick ihrer feurigen Augen reichte hin, die gelegentlichen

brutalen Aufwallungen des Fürsten niederzuhalten, und er wagte in

ihrer Gegenwart keinen der etwas freien Scherze, zu denen er sonst,

namentlich unter dem Einfluß geistiger Getränke, leicht geneigt war.

Heideck empfand eine Neigung aufrichtigen Bedauerns, als er den bei

all seinen kleinen Schwächen sehr liebenswürdigen Kameraden scheiden

sah. Er hegte wenig Hoffnung, daß die Erwartung des Fürsten, ihm noch

einmal zu begegnen, sich erfüllen würde; aber er zählte ihn unter

die erfreulichsten und interessantesten Bekanntschaften seiner an

wechselvollen Erlebnissen schon so reichen Reise.

* * * * *

Pünktlich um 7 Uhr betrat Heideck in dem vorschriftsmäßigen

Gesellschaftsanzuge den Empfangssalon des Obersten. Ein Gefühl heißer

Freude wallte in seinem Herzen auf, als er sah, daß niemand außer Edith

Irwin darin anwesend war. Sie sah schöner aus denn je. Einzig eine

leichte Blässe mochte an die Wirkung der Schrecknisse erinnern, die sie

erlebt. Lächelnd ging sie ihm um einige Schritte entgegen und reichte

ihm die Hand, die er bewegt an seine Lippen zog.

„Ich bin beauftragt, Mrs. Baird und den Obersten noch für eine

Viertelstunde bei Ihnen zu entschuldigen,“ sagte sie. „Die

Vorbereitungen für die Mobilmachung nehmen den Obersten völlig in

Anspruch, und seine Gattin war vorhin durch einen kleinen Migräneanfall

genötigt, sich auf kurze Zeit zurückzuziehen.“

Wie gern Heideck seinen Gastgebern den kleinen Verstoß gegen die

Pflichten der Höflichkeit verzieh, stand deutlich genug auf seinem

Gesicht geschrieben. Er nahm auf Ediths Einladung ihr gegenüber Platz

und sagte:

„Ich hoffe, Mrs. Irwin, daß Sie von seiten Ihres Gatten keine

Unannehmlichkeiten wegen meines späten Besuchs gehabt haben. Während

des ganzen gestrigen Tages hat mich diese Sorge unablässig verfolgt.“

Mit einem etwas herben Lächeln schüttelte die junge Frau den Kopf:

„O nein. Mein Mann hat mir im Gegenteil aufgetragen, ihn zu

entschuldigen, daß er die persönliche Abstattung seines Dankes

für Ihre heldenmütige Tat auf später verschieben müßte. Er wurde

in dienstlicher Angelegenheit auf unbestimmte Zeit nach Lahore

abkommandiert, und sein Aufbruch erfolgte in solcher Hast, daß ihm

nicht die Zeit blieb, Ihnen seinen Dank auszusprechen.“

Heideck glaubte zu verstehen, was dieses Kommando zu bedeuten habe.

Aber er fragte nur:

„Und Sie werden während der Abwesenheit des Kapitäns unter dem Schutz

des Obersten bleiben?“

„Es ist noch nichts bestimmtes darüber beschlossen worden. Weiß doch

augenblicklich hier niemand, was uns die nächsten Tage bringen werden.

Es ist gewiß, daß sich außerordentliche Ereignisse vorbereiten, und wir

armen Frauen müssen im Falle eines Krieges geduldig über uns ergehen

lassen, was man über unser Schicksal beschlossen hat.“

„Und der Maharadjah? Sie haben noch nichts von ihm gehört?“

„Oberst Baird hat gestern eine amtliche Unterredung mit dem Fürsten

gehabt; aber ich kenne ihren Inhalt nicht, da ich nicht den Mut

hatte, danach zu fragen. Daß der Maharadjah sich augenblicklich in

feindseliger Stimmung gegen den Obersten befindet, scheint mir indessen

leider nur zu gewiß. Ich müßte mich sehr schlecht auf die Eigenart

dieser indischen Despoten verstehen, wenn das Ereignis, das sich heute

hier zugetragen, nicht unmittelbar auf den Maharadjah zurückzuführen

wäre.“

„Ist es unbescheiden, nach der Natur dieses Ereignisses zu fragen?“

„Man hat versucht, den Obersten an seinem eigenen Tische zu vergiften.“

„Wie?“ fragte Heideck erstaunt. „Zu vergiften?“

„Ja. Mr. Baird hat die Gewohnheit, vor jeder Mahlzeit ein Glas

Eiswasser zu trinken, und bei dem heutigen Tiffin wurde es ihm,

wie immer, von seinem indischen Tafeldecker dargereicht. Aber

eine eigentümliche Trübung des Wassers fiel dem Obersten auf. Er

leerte das Glas nicht sofort, sondern ließ es ein paar Minuten lang

stehen, und nun wurde deutlich ein feiner, weißer Niederschlag auf

dem Boden des Gefäßes sichtbar. Die Vermutung, daß es sich um einen

Vergiftungsversuch handle, lag um so näher, als der Tafeldecker,

den man wegen der Beimischung befragen wollte, plötzlich spurlos

verschwunden und auch bis zur Stunde noch nicht wieder aufzufinden ist.

Man schüttete einen kleinen Teil der Flüssigkeit in das Futtergefäß

der Hunde und stellte es in eine Rattenfalle, die fünf oder sechs

dieser gefräßigen Nager enthielt. Zehn Minuten später war nicht eines

der Tiere mehr am Leben. Der Rest des Wassers wurde dem Regimentsarzt

Doktor Hopkins, einem eifrigen Chemiker, zur Untersuchung übergeben,

und er hat versprochen, uns beim Diner über das Ergebnis zu berichten.“

Noch ehe Heideck Gelegenheit gefunden hatte, das Gespräch auf Ediths

persönliche Angelegenheiten zurückzuführen, erschien Mrs. Baird in

Gesellschaft ihres Gatten und seines Adjutanten. Der Gast wurde mit

gewinnender Liebenswürdigkeit begrüßt, und als wenige Minuten später

auch der kleine, bewegliche Doktor Hopkins eingetroffen war, setzte man

sich zu Tisch.

Vielleicht wäre es dem Obersten lieber gewesen, wenn von der

Vergiftungsaffaire in Heidecks Gegenwart nicht die Rede gewesen wäre.

Aber die Ungeduld seiner durch den Vorfall in begreifliche Aufregung

versetzten Gemahlin ließ sich nicht zügeln.

„Nun, Herr Doktor,“ fragte sie, „was haben Sie gefunden?“

Der Regimentsarzt hatte offenbar nur auf diese Frage gewartet.

„Eines der gefährlichsten aller bekannten indischen Gifte,“ erklärte

er mit ernster Miene, „das sogenannte Diamantpulver, gegen das es kein

Gegengift gibt und das sich im Körper des Vergifteten nicht nachweisen

läßt, weil es pflanzlicher Natur ist und von den Geweben aufgesogen

wird.“

Mrs. Baird stieß einen Schrei des Entsetzens aus und legte für einen

Moment die Hand über die Augen.

Mr. Hopkins aber fuhr fort: „Ich habe das Diamantpulver noch niemals

unter den Händen gehabt, obwohl es gar nicht so selten zur Anwendung

gelangen soll. Die Zubereitung ist für uns Europäer bis jetzt noch ein

undurchdringliches Geheimnis, das von den indischen Aerzten sorgfältig

gehütet wird. An den indischen Fürstenhöfen soll es früher dieselbe

Rolle gespielt haben, wie im Mittelalter die berühmte ~acqua toffana~

bei den italienischen Despoten.“

Die Ausführungen des Arztes waren unter dem frischen Eindruck des nur

durch einen Zufall vereitelten abscheulichen Attentats natürlich nicht

danach angetan, die gedrückte Stimmung der kleinen Tischgesellschaft

zu heben. Und der Oberst, dem die gelehrten Auseinandersetzungen des

Regimentsarztes ersichtlich besonders unbehaglich waren, machte seiner

Gattin früher, als es sonst zu geschehen pflegte, ein Zeichen, die

Tafel aufzuheben.

Man begab sich auf die von einer Hängelampe beleuchtete Veranda, wo Tee

und eisgekühlte Getränke gereicht wurden. Obwohl Heideck während des

ganzen Abends nur Augen für Edith Irwin gehabt, hatte er doch beinahe

ängstlich alles vermieden, was den Anwesenden seine Empfindungen für

die junge Frau verraten konnte. Und auch jetzt, nachdem Edith sich in

den äußersten, halbdunklen Winkel der Veranda zurückgezogen, würde er

sicherlich nicht gewagt haben, sich in dem Korbsessel niederzulassen,

der an ihrer Seite freigeblieben war, wenn sie selbst ihn nicht in

vollkommen unbefangenem Tone dazu aufgefordert hätte.

„Sie haben keinen Platz, Herr Heideck -- bitte -- hier ist noch ein

Stuhl frei.“

Und mit einer graziösen Bewegung raffte sie die Falten ihres

Foulardkleides zusammen, um ihn vorüber zu lassen. Wieder begegneten

sich, von den anderen unbemerkt, für einen Moment ihre Augen. Und

wenn er es nicht gewußt hätte, daß er sich rettungslos im Banne dieses

schönen jungen Weibes befand, so würde der stürmische Schlag seines

Herzens ihn darüber belehrt haben.

Der Abend war ziemlich hell, und als jetzt plötzlich unter dem üblichen

Lärmen und Schreien der indischen Kutscher zwischen den Zelten des

Lagers ein sonderbarer Wagenzug auftauchte, verstummte die kaum in

Fluß gekommene Unterhaltung auf der Veranda, weil alle Blicke sich dem

unerwarteten Schauspiel zuwandten, für das -- den Obersten vielleicht

ausgenommen -- zunächst wohl noch niemand eine Erklärung hatte.

Man sah, daß es fünf, von reich geschmückten weißen Buckelochsen

gezogene Wagen waren, die ein Reitertrupp in der Kleidung der Leibgarde

des Maharadjah eskortierte.

Ihr Anführer ritt bis hart an die Stufen der beleuchteten Veranda,

schwang sich hier aus dem Sattel und stieg in vornehmer, würdevoller

Haltung zu der in begreiflicher Spannung harrenden Gesellschaft des

Obersten empor.

Er war ein schöner junger Mann mit griechisch geschnittenem Gesicht und

großen, schwermütigen Augen. Sein Anzug bestand aus einer gelbseidenen

Bluse, die mit einem Schal aus violetter Seide umgürtet war, englischen

Reithosen und hohen gelben Stiefeln. Sein violett gestreifter seidener

Turban war mit einer Perlenschnur durchflochten, und an seiner Brust

sandten haselnußgroße Brillanten im Licht der Lampe ihre buntfarbigen

Strahlen aus.

„Es ist Tasatat Radjah, der Vetter und der besondere Liebling des

Fürsten,“ flüsterte Edith Heideck zu, in dessen Gesicht sie etwas

wie eine Frage gelesen haben mochte. „Ohne Zweifel schickt ihn der

Maharadjah in einer besonderen Mission.“

Der Oberst hatte sich erhoben und war dem Besucher um einige Schritte

entgegengegangen. Aber er reichte ihm nicht die Hand und lud ihn auch

nicht zum Niedersitzen ein.

„Ich grüße dich, Sahib, im Namen Seiner Hoheit,“ sagte der Prinz

mit jenem edlen Anstand, der dem vornehmen Inder angeboren ist, „und

ich wünsche dir Glück und langes Leben. Seine Hoheit übersendet dir

als Zeichen seines Wohlwollens wie seiner hohen Achtung vor deinem

Amte und deinen Verdiensten ein geringes Geschenk. Er bittet dich,

es anzunehmen, zum Beweise, daß auch du vergessen hast, was gestern

infolge eines beklagenswerten Mißverständnisses zwischen dir und Seiner

Hoheit gesprochen wurde.“

„Seine Hoheit ist sehr gütig,“ sagte der Oberst kühl und gemessen.

„Darf ich fragen, worin das mir zugedachte Geschenk besteht?“

Mit einer lässigen Handbewegung wies der Prinz auf die unten haltenden

Gefährte.

„Jeder dieser fünf Wagen, Sahib, enthält hunderttausend Rupien.“

„Das wären also fünf Lakh?“

„So ist es. Und ich bitte dich noch einmal, Seine Hoheit durch eine

günstige Antwort zu erfreuen.“

Der Oberst überlegte ruhig und kühl seine Antwort, dann sagte er in

derselben ruhigen Haltung und mit demselben undurchdringlichen Gesicht,

wie zuvor:

„Ich danke dir, Prinz! Laß den Inhalt dieser Wagen in die Vorhalle

meines Hauses schaffen. Ueber das, was weiter damit geschehen soll,

werde ich die Entscheidung des Vizekönigs abwarten.“

Auf dem Gesicht des Prinzen zeigte sich deutlich ein Ausdruck der

Enttäuschung. Eine Weile verharrte er wie in unentschlossenem

Nachdenken. Dann, da er aus der Haltung des Obersten erkennen mußte,

daß der Engländer die Unterhaltung als beendet ansah, berührte er mit

der Rechten leicht die Mitte der Stirn, verbeugte sich und stieg die

Stufen der Veranda wieder hinab. Viele kleine Tonnen wurden auf sein

Geheiß von den niedrigen Karren herabgehoben und unter dem Beistande

englischer Soldaten in den Flur des Hauses geschafft. Dann setzte sich

der Zug unter demselben Lärm und Geschrei, wie er gekommen war, wieder

in Bewegung und verschwand in der Ferne.

Ein Lächeln lag auf dem eben noch so kalten Gesicht des Obersten, als

er sich jetzt seinen Gästen zuwandte; wohl von der Empfindung geleitet,

daß er ihnen gewissermaßen eine Erklärung für sein Benehmen schuldig

sei.

„Ich betrachte diese halbe Million als einen sehr erwünschten Beitrag

zu den Kriegskosten meines Detachements. Diese Orientalen können

sich eben niemals in unsere Denkweise hineinversetzen, und unsere

Ehrbegriffe werden ihnen immer ein unlösliches Rätsel bleiben. Mit

einem Geschenk, das er natürlich mir persönlich zugedacht hat,

glaubt dieser Despot alles aus der Welt geschafft zu haben, was ihm

möglicherweise Ungelegenheiten bereiten könnte -- sowohl den Anschlag

gegen Mrs. Irwin, wie die Geschichte mit dem Diamantpulver. Denn er

ist durch den verschwundenen Tafeldecker natürlich bereits über den

Mißerfolg unterrichtet, und er weiß recht gut, was für ihn auf dem

Spiele stehen würde, wenn ich diese skandalöse Geschichte nach Kalkutta

berichtete.“

Zum ersten Male sprach der Oberst hier vor andern offen aus, daß er den

Maharadjah für den Urheber der beiden Anschläge hielt. Er mußte einen

besonderen Grund hierzu haben, und Heideck glaubte ihn zu erraten,

als der Oberst auf die Frage des Regimentsarztes, ob er denn nicht

gesonnen sei, einen solchen Bericht an den Vizekönig abgehen zu lassen,

erwiderte:

„Ich weiß es nicht -- ich weiß es wirklich noch nicht. Nach dem

Grundsatze: „~fiat justitia, pereat mundus~“ müßte ich es ja

unzweifelhaft tun. Aber mit dem „~pereat mundus~“ ist es doch so ein

eigen Ding. Wir stehen wahrscheinlich unmittelbar vor dem Kriege, und

der Vizekönig würde mir, wie ich vermute, wenig Dank wissen, wenn ich

ihm zu seinen mancherlei anderen Sorgen noch neue aufbürden wollte.

Wir brauchen diese indischen Fürsten jetzt sehr notwendig. Sie müssen

uns ihre Truppen zur Verfügung stellen, und wir dürfen keine Feinde

im Rücken haben, wenn unsere Armee in Afghanistan engagiert ist. Ein

schroffes Vorgehen gegen einen von ihnen aber könnte uns alle diese

Fürsten rebellisch machen. Und es wäre ganz unabsehbar, welche Folgen

eine einzige Niederlage oder auch nur das falsche Gerücht von einer

solchen haben würde.“

Doktor Hopkins stimmte ihm ohne weiteres zu, und auch die anwesenden

Offiziere waren der Meinung ihres Vorgesetzten. Wie immer in diesen

letzten Tagen, entspann sich ein lebhaftes Gespräch über die

Kriegsgefahr und über den wahrscheinlichen Verlauf der bevorstehenden

Ereignisse. Heideck aber, der sicher war, aus dem Munde dieser

siegesgewissen Herren nichts neues mehr zu vernehmen, benutzte das

laute Durcheinander, um Edith leise zu fragen:

„Es geschieht nicht bloß aus politischen Rücksichten, sondern auch auf

Ihren Wunsch, wenn der Oberst nichts von dem nächtlichen Ueberfall nach

Kalkutta berichtet -- nicht wahr?“

„Ich habe ihn allerdings darum gebeten,“ gab sie in demselben

vorsichtigen Flüsterton zurück. „Heute aber, nach dem mißlungenen

Anschlag auf sein Leben, habe ich ihm gesagt, daß ich für meine Person

und für -- für die Person meines Gatten keinerlei Rücksicht mehr

verlange.“

„Sie halten es also im Ernst für möglich, daß Kapitän Irwin bei jenem

Ueberfall -- --“

„Lassen Sie uns nicht jetzt davon sprechen, Mr. Heideck -- nicht jetzt

und nicht hier,“ bat sie, indem sich ihre Augen mit einem flehenden

Blick zu ihm erhoben. „Sie können nicht ahnen, wie furchtbar ich unter

diesen schrecklichen Dingen leide. Es ist mir, als wäre vor mir nur

finstere, undurchdringliche Nacht. Und wenn ich daran denke, daß ich

eines Tages wieder gezwungen sein könnte -- --“

Sie beendete den angefangenen Satz nicht, aber Heideck wußte gut genug,

wie sein Schluß hatte lauten sollen. Und ein unwiderstehlicher Impuls

trieb ihn, ihr zu antworten:

„Sie dürfen sich zu nichts zwingen lassen, Mrs. Irwin, gegen das Ihr

Herz sich auflehnt. Wer könnte denn auch versuchen, solchen Zwang auf

Sie zu üben?“

„O, Sie wissen nicht, Mr. Heideck, was für uns Engländer die Rücksicht

auf die sogenannte gute Sitte bedeutet. Nur keinen Skandal -- nur um

des Himmels willen keinen Skandal! Das ist das erste und vornehmste

Gesetz in unserer Gesellschaft. So liebenswürdig der Oberst und seine

Gattin bis jetzt gegen mich gewesen sind -- ich fürchte sehr, daß sie

mich ohne Rücksicht auf meine Schuld oder Unschuld sofort fallen lassen

würden, wenn ich es zu dem kommen ließe, was ihnen als ein Skandal

erscheint.“

„Und doch sollen Sie nur Ihrem eigenen Empfinden -- nur Ihrem Herzen

und Ihrem Gewissen folgen, Mrs. Irwin -- nicht den engherzigen

Ansichten des Obersten oder irgend eines anderen Menschen. Sie dürfen

nicht die Märtyrerin eines Vorurteils werden -- ich kann diese

Vorstellung einfach nicht ertragen. Und Sie müssen mir versprechen --

--“

Er kam nicht weiter. Eine plötzlich eingetretene Pause im Gespräch der

anderen zwang auch ihn, zu verstummen. Und es war ihm, als sähe er die

klugen, durchdringenden Augen der Mrs. Baird mit einem Ausdruck des

Mißtrauens auf sich gerichtet. Er war unzufrieden mit sich selbst, daß

die berauschende Nähe des geliebten Weibes und seine fast schon bis zu

leidenschaftlichem Haß gesteigerte Abneigung gegen ihren unwürdigen

Gatten ihn in die Gefahr gebracht hatten, sie zu kompromittieren. Aber

als er sich bald nachher gleichzeitig mit den anderen Gästen empfahl,

bewies ihm ein warmer, beglückender Druck von Ediths Hand, daß sie weit

davon entfernt war, ihm zu zürnen.

[Illustration]

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman · 第 16 / 49 题