Um die Mittagszeit war Fürst Tschadschawadse mit seinem Pagen Georgij
und seinem indischen Diener nach dem Norden abgereist. Heideck hatte
während der wenigen Tage ihrer Bekanntschaft der schönen Cirkassierin
gegenüber die größte Zurückhaltung beobachtet und hatte nicht zu
erkennen gegeben, daß er das Geheimnis ihrer Verkleidung durchschaut
habe. Und es war, als ob sie ihm dafür Dank wisse. Zwar hatte er
nicht ein einziges Mal mit ihr gesprochen, aber ihr Lächeln und die
freundlichen Blicke, die sie ihm bei zufälligen Begegnungen zuwarf,
waren hinlänglich deutliche Beweise für die Art ihrer Gesinnung. Ueber
die Natur der Beziehungen, die zwischen dem schönen Pagen und seinem
Herrn bestanden, konnte Heideck nicht im Zweifel sein. Wäre seine
Seele nicht so ganz ausgefüllt gewesen von dem Gedanken an Edith, so
hätte er sich leicht versucht fühlen können, den Russen um das Glück
dieser holden Reisegesellschaft zu beneiden; denn er erinnerte sich
kaum je ein reizvolleres weibliches Wesen gesehen zu haben, als es
die Cirkassierin in ihrer malerischen Kleidung war. Vor den Augen
Fremder wußte sie ihre Dienerrolle meisterlich durchzuführen, aber
es war unverkennbar, daß sie in Wahrheit die Gebieterin war. Ein
einziger Blick ihrer feurigen Augen reichte hin, die gelegentlichen
brutalen Aufwallungen des Fürsten niederzuhalten, und er wagte in
ihrer Gegenwart keinen der etwas freien Scherze, zu denen er sonst,
namentlich unter dem Einfluß geistiger Getränke, leicht geneigt war.
Heideck empfand eine Neigung aufrichtigen Bedauerns, als er den bei
all seinen kleinen Schwächen sehr liebenswürdigen Kameraden scheiden
sah. Er hegte wenig Hoffnung, daß die Erwartung des Fürsten, ihm noch
einmal zu begegnen, sich erfüllen würde; aber er zählte ihn unter
die erfreulichsten und interessantesten Bekanntschaften seiner an
wechselvollen Erlebnissen schon so reichen Reise.
* * * * *
Pünktlich um 7 Uhr betrat Heideck in dem vorschriftsmäßigen
Gesellschaftsanzuge den Empfangssalon des Obersten. Ein Gefühl heißer
Freude wallte in seinem Herzen auf, als er sah, daß niemand außer Edith
Irwin darin anwesend war. Sie sah schöner aus denn je. Einzig eine
leichte Blässe mochte an die Wirkung der Schrecknisse erinnern, die sie
erlebt. Lächelnd ging sie ihm um einige Schritte entgegen und reichte
ihm die Hand, die er bewegt an seine Lippen zog.
„Ich bin beauftragt, Mrs. Baird und den Obersten noch für eine
Viertelstunde bei Ihnen zu entschuldigen,“ sagte sie. „Die
Vorbereitungen für die Mobilmachung nehmen den Obersten völlig in
Anspruch, und seine Gattin war vorhin durch einen kleinen Migräneanfall
genötigt, sich auf kurze Zeit zurückzuziehen.“
Wie gern Heideck seinen Gastgebern den kleinen Verstoß gegen die
Pflichten der Höflichkeit verzieh, stand deutlich genug auf seinem
Gesicht geschrieben. Er nahm auf Ediths Einladung ihr gegenüber Platz
und sagte:
„Ich hoffe, Mrs. Irwin, daß Sie von seiten Ihres Gatten keine
Unannehmlichkeiten wegen meines späten Besuchs gehabt haben. Während
des ganzen gestrigen Tages hat mich diese Sorge unablässig verfolgt.“
Mit einem etwas herben Lächeln schüttelte die junge Frau den Kopf:
„O nein. Mein Mann hat mir im Gegenteil aufgetragen, ihn zu
entschuldigen, daß er die persönliche Abstattung seines Dankes
für Ihre heldenmütige Tat auf später verschieben müßte. Er wurde
in dienstlicher Angelegenheit auf unbestimmte Zeit nach Lahore
abkommandiert, und sein Aufbruch erfolgte in solcher Hast, daß ihm
nicht die Zeit blieb, Ihnen seinen Dank auszusprechen.“
Heideck glaubte zu verstehen, was dieses Kommando zu bedeuten habe.
Aber er fragte nur:
„Und Sie werden während der Abwesenheit des Kapitäns unter dem Schutz
des Obersten bleiben?“
„Es ist noch nichts bestimmtes darüber beschlossen worden. Weiß doch
augenblicklich hier niemand, was uns die nächsten Tage bringen werden.
Es ist gewiß, daß sich außerordentliche Ereignisse vorbereiten, und wir
armen Frauen müssen im Falle eines Krieges geduldig über uns ergehen
lassen, was man über unser Schicksal beschlossen hat.“
„Und der Maharadjah? Sie haben noch nichts von ihm gehört?“
„Oberst Baird hat gestern eine amtliche Unterredung mit dem Fürsten
gehabt; aber ich kenne ihren Inhalt nicht, da ich nicht den Mut
hatte, danach zu fragen. Daß der Maharadjah sich augenblicklich in
feindseliger Stimmung gegen den Obersten befindet, scheint mir indessen
leider nur zu gewiß. Ich müßte mich sehr schlecht auf die Eigenart
dieser indischen Despoten verstehen, wenn das Ereignis, das sich heute
hier zugetragen, nicht unmittelbar auf den Maharadjah zurückzuführen
wäre.“
„Ist es unbescheiden, nach der Natur dieses Ereignisses zu fragen?“
„Man hat versucht, den Obersten an seinem eigenen Tische zu vergiften.“
„Wie?“ fragte Heideck erstaunt. „Zu vergiften?“
„Ja. Mr. Baird hat die Gewohnheit, vor jeder Mahlzeit ein Glas
Eiswasser zu trinken, und bei dem heutigen Tiffin wurde es ihm,
wie immer, von seinem indischen Tafeldecker dargereicht. Aber
eine eigentümliche Trübung des Wassers fiel dem Obersten auf. Er
leerte das Glas nicht sofort, sondern ließ es ein paar Minuten lang
stehen, und nun wurde deutlich ein feiner, weißer Niederschlag auf
dem Boden des Gefäßes sichtbar. Die Vermutung, daß es sich um einen
Vergiftungsversuch handle, lag um so näher, als der Tafeldecker,
den man wegen der Beimischung befragen wollte, plötzlich spurlos
verschwunden und auch bis zur Stunde noch nicht wieder aufzufinden ist.
Man schüttete einen kleinen Teil der Flüssigkeit in das Futtergefäß
der Hunde und stellte es in eine Rattenfalle, die fünf oder sechs
dieser gefräßigen Nager enthielt. Zehn Minuten später war nicht eines
der Tiere mehr am Leben. Der Rest des Wassers wurde dem Regimentsarzt
Doktor Hopkins, einem eifrigen Chemiker, zur Untersuchung übergeben,
und er hat versprochen, uns beim Diner über das Ergebnis zu berichten.“
Noch ehe Heideck Gelegenheit gefunden hatte, das Gespräch auf Ediths
persönliche Angelegenheiten zurückzuführen, erschien Mrs. Baird in
Gesellschaft ihres Gatten und seines Adjutanten. Der Gast wurde mit
gewinnender Liebenswürdigkeit begrüßt, und als wenige Minuten später
auch der kleine, bewegliche Doktor Hopkins eingetroffen war, setzte man
sich zu Tisch.
Vielleicht wäre es dem Obersten lieber gewesen, wenn von der
Vergiftungsaffaire in Heidecks Gegenwart nicht die Rede gewesen wäre.
Aber die Ungeduld seiner durch den Vorfall in begreifliche Aufregung
versetzten Gemahlin ließ sich nicht zügeln.
„Nun, Herr Doktor,“ fragte sie, „was haben Sie gefunden?“
Der Regimentsarzt hatte offenbar nur auf diese Frage gewartet.
„Eines der gefährlichsten aller bekannten indischen Gifte,“ erklärte
er mit ernster Miene, „das sogenannte Diamantpulver, gegen das es kein
Gegengift gibt und das sich im Körper des Vergifteten nicht nachweisen
läßt, weil es pflanzlicher Natur ist und von den Geweben aufgesogen
wird.“
Mrs. Baird stieß einen Schrei des Entsetzens aus und legte für einen
Moment die Hand über die Augen.
Mr. Hopkins aber fuhr fort: „Ich habe das Diamantpulver noch niemals
unter den Händen gehabt, obwohl es gar nicht so selten zur Anwendung
gelangen soll. Die Zubereitung ist für uns Europäer bis jetzt noch ein
undurchdringliches Geheimnis, das von den indischen Aerzten sorgfältig
gehütet wird. An den indischen Fürstenhöfen soll es früher dieselbe
Rolle gespielt haben, wie im Mittelalter die berühmte ~acqua toffana~
bei den italienischen Despoten.“
Die Ausführungen des Arztes waren unter dem frischen Eindruck des nur
durch einen Zufall vereitelten abscheulichen Attentats natürlich nicht
danach angetan, die gedrückte Stimmung der kleinen Tischgesellschaft
zu heben. Und der Oberst, dem die gelehrten Auseinandersetzungen des
Regimentsarztes ersichtlich besonders unbehaglich waren, machte seiner
Gattin früher, als es sonst zu geschehen pflegte, ein Zeichen, die
Tafel aufzuheben.
Man begab sich auf die von einer Hängelampe beleuchtete Veranda, wo Tee
und eisgekühlte Getränke gereicht wurden. Obwohl Heideck während des
ganzen Abends nur Augen für Edith Irwin gehabt, hatte er doch beinahe
ängstlich alles vermieden, was den Anwesenden seine Empfindungen für
die junge Frau verraten konnte. Und auch jetzt, nachdem Edith sich in
den äußersten, halbdunklen Winkel der Veranda zurückgezogen, würde er
sicherlich nicht gewagt haben, sich in dem Korbsessel niederzulassen,
der an ihrer Seite freigeblieben war, wenn sie selbst ihn nicht in
vollkommen unbefangenem Tone dazu aufgefordert hätte.
„Sie haben keinen Platz, Herr Heideck -- bitte -- hier ist noch ein
Stuhl frei.“
Und mit einer graziösen Bewegung raffte sie die Falten ihres
Foulardkleides zusammen, um ihn vorüber zu lassen. Wieder begegneten
sich, von den anderen unbemerkt, für einen Moment ihre Augen. Und
wenn er es nicht gewußt hätte, daß er sich rettungslos im Banne dieses
schönen jungen Weibes befand, so würde der stürmische Schlag seines
Herzens ihn darüber belehrt haben.
Der Abend war ziemlich hell, und als jetzt plötzlich unter dem üblichen
Lärmen und Schreien der indischen Kutscher zwischen den Zelten des
Lagers ein sonderbarer Wagenzug auftauchte, verstummte die kaum in
Fluß gekommene Unterhaltung auf der Veranda, weil alle Blicke sich dem
unerwarteten Schauspiel zuwandten, für das -- den Obersten vielleicht
ausgenommen -- zunächst wohl noch niemand eine Erklärung hatte.
Man sah, daß es fünf, von reich geschmückten weißen Buckelochsen
gezogene Wagen waren, die ein Reitertrupp in der Kleidung der Leibgarde
des Maharadjah eskortierte.
Ihr Anführer ritt bis hart an die Stufen der beleuchteten Veranda,
schwang sich hier aus dem Sattel und stieg in vornehmer, würdevoller
Haltung zu der in begreiflicher Spannung harrenden Gesellschaft des
Obersten empor.
Er war ein schöner junger Mann mit griechisch geschnittenem Gesicht und
großen, schwermütigen Augen. Sein Anzug bestand aus einer gelbseidenen
Bluse, die mit einem Schal aus violetter Seide umgürtet war, englischen
Reithosen und hohen gelben Stiefeln. Sein violett gestreifter seidener
Turban war mit einer Perlenschnur durchflochten, und an seiner Brust
sandten haselnußgroße Brillanten im Licht der Lampe ihre buntfarbigen
Strahlen aus.
„Es ist Tasatat Radjah, der Vetter und der besondere Liebling des
Fürsten,“ flüsterte Edith Heideck zu, in dessen Gesicht sie etwas
wie eine Frage gelesen haben mochte. „Ohne Zweifel schickt ihn der
Maharadjah in einer besonderen Mission.“
Der Oberst hatte sich erhoben und war dem Besucher um einige Schritte
entgegengegangen. Aber er reichte ihm nicht die Hand und lud ihn auch
nicht zum Niedersitzen ein.
„Ich grüße dich, Sahib, im Namen Seiner Hoheit,“ sagte der Prinz
mit jenem edlen Anstand, der dem vornehmen Inder angeboren ist, „und
ich wünsche dir Glück und langes Leben. Seine Hoheit übersendet dir
als Zeichen seines Wohlwollens wie seiner hohen Achtung vor deinem
Amte und deinen Verdiensten ein geringes Geschenk. Er bittet dich,
es anzunehmen, zum Beweise, daß auch du vergessen hast, was gestern
infolge eines beklagenswerten Mißverständnisses zwischen dir und Seiner
Hoheit gesprochen wurde.“
„Seine Hoheit ist sehr gütig,“ sagte der Oberst kühl und gemessen.
„Darf ich fragen, worin das mir zugedachte Geschenk besteht?“
Mit einer lässigen Handbewegung wies der Prinz auf die unten haltenden
Gefährte.
„Jeder dieser fünf Wagen, Sahib, enthält hunderttausend Rupien.“
„Das wären also fünf Lakh?“
„So ist es. Und ich bitte dich noch einmal, Seine Hoheit durch eine
günstige Antwort zu erfreuen.“
Der Oberst überlegte ruhig und kühl seine Antwort, dann sagte er in
derselben ruhigen Haltung und mit demselben undurchdringlichen Gesicht,
wie zuvor:
„Ich danke dir, Prinz! Laß den Inhalt dieser Wagen in die Vorhalle
meines Hauses schaffen. Ueber das, was weiter damit geschehen soll,
werde ich die Entscheidung des Vizekönigs abwarten.“
Auf dem Gesicht des Prinzen zeigte sich deutlich ein Ausdruck der
Enttäuschung. Eine Weile verharrte er wie in unentschlossenem
Nachdenken. Dann, da er aus der Haltung des Obersten erkennen mußte,
daß der Engländer die Unterhaltung als beendet ansah, berührte er mit
der Rechten leicht die Mitte der Stirn, verbeugte sich und stieg die
Stufen der Veranda wieder hinab. Viele kleine Tonnen wurden auf sein
Geheiß von den niedrigen Karren herabgehoben und unter dem Beistande
englischer Soldaten in den Flur des Hauses geschafft. Dann setzte sich
der Zug unter demselben Lärm und Geschrei, wie er gekommen war, wieder
in Bewegung und verschwand in der Ferne.
Ein Lächeln lag auf dem eben noch so kalten Gesicht des Obersten, als
er sich jetzt seinen Gästen zuwandte; wohl von der Empfindung geleitet,
daß er ihnen gewissermaßen eine Erklärung für sein Benehmen schuldig
sei.
„Ich betrachte diese halbe Million als einen sehr erwünschten Beitrag
zu den Kriegskosten meines Detachements. Diese Orientalen können
sich eben niemals in unsere Denkweise hineinversetzen, und unsere
Ehrbegriffe werden ihnen immer ein unlösliches Rätsel bleiben. Mit
einem Geschenk, das er natürlich mir persönlich zugedacht hat,
glaubt dieser Despot alles aus der Welt geschafft zu haben, was ihm
möglicherweise Ungelegenheiten bereiten könnte -- sowohl den Anschlag
gegen Mrs. Irwin, wie die Geschichte mit dem Diamantpulver. Denn er
ist durch den verschwundenen Tafeldecker natürlich bereits über den
Mißerfolg unterrichtet, und er weiß recht gut, was für ihn auf dem
Spiele stehen würde, wenn ich diese skandalöse Geschichte nach Kalkutta
berichtete.“
Zum ersten Male sprach der Oberst hier vor andern offen aus, daß er den
Maharadjah für den Urheber der beiden Anschläge hielt. Er mußte einen
besonderen Grund hierzu haben, und Heideck glaubte ihn zu erraten,
als der Oberst auf die Frage des Regimentsarztes, ob er denn nicht
gesonnen sei, einen solchen Bericht an den Vizekönig abgehen zu lassen,
erwiderte:
„Ich weiß es nicht -- ich weiß es wirklich noch nicht. Nach dem
Grundsatze: „~fiat justitia, pereat mundus~“ müßte ich es ja
unzweifelhaft tun. Aber mit dem „~pereat mundus~“ ist es doch so ein
eigen Ding. Wir stehen wahrscheinlich unmittelbar vor dem Kriege, und
der Vizekönig würde mir, wie ich vermute, wenig Dank wissen, wenn ich
ihm zu seinen mancherlei anderen Sorgen noch neue aufbürden wollte.
Wir brauchen diese indischen Fürsten jetzt sehr notwendig. Sie müssen
uns ihre Truppen zur Verfügung stellen, und wir dürfen keine Feinde
im Rücken haben, wenn unsere Armee in Afghanistan engagiert ist. Ein
schroffes Vorgehen gegen einen von ihnen aber könnte uns alle diese
Fürsten rebellisch machen. Und es wäre ganz unabsehbar, welche Folgen
eine einzige Niederlage oder auch nur das falsche Gerücht von einer
solchen haben würde.“
Doktor Hopkins stimmte ihm ohne weiteres zu, und auch die anwesenden
Offiziere waren der Meinung ihres Vorgesetzten. Wie immer in diesen
letzten Tagen, entspann sich ein lebhaftes Gespräch über die
Kriegsgefahr und über den wahrscheinlichen Verlauf der bevorstehenden
Ereignisse. Heideck aber, der sicher war, aus dem Munde dieser
siegesgewissen Herren nichts neues mehr zu vernehmen, benutzte das
laute Durcheinander, um Edith leise zu fragen:
„Es geschieht nicht bloß aus politischen Rücksichten, sondern auch auf
Ihren Wunsch, wenn der Oberst nichts von dem nächtlichen Ueberfall nach
Kalkutta berichtet -- nicht wahr?“
„Ich habe ihn allerdings darum gebeten,“ gab sie in demselben
vorsichtigen Flüsterton zurück. „Heute aber, nach dem mißlungenen
Anschlag auf sein Leben, habe ich ihm gesagt, daß ich für meine Person
und für -- für die Person meines Gatten keinerlei Rücksicht mehr
verlange.“
„Sie halten es also im Ernst für möglich, daß Kapitän Irwin bei jenem
Ueberfall -- --“
„Lassen Sie uns nicht jetzt davon sprechen, Mr. Heideck -- nicht jetzt
und nicht hier,“ bat sie, indem sich ihre Augen mit einem flehenden
Blick zu ihm erhoben. „Sie können nicht ahnen, wie furchtbar ich unter
diesen schrecklichen Dingen leide. Es ist mir, als wäre vor mir nur
finstere, undurchdringliche Nacht. Und wenn ich daran denke, daß ich
eines Tages wieder gezwungen sein könnte -- --“
Sie beendete den angefangenen Satz nicht, aber Heideck wußte gut genug,
wie sein Schluß hatte lauten sollen. Und ein unwiderstehlicher Impuls
trieb ihn, ihr zu antworten:
„Sie dürfen sich zu nichts zwingen lassen, Mrs. Irwin, gegen das Ihr
Herz sich auflehnt. Wer könnte denn auch versuchen, solchen Zwang auf
Sie zu üben?“
„O, Sie wissen nicht, Mr. Heideck, was für uns Engländer die Rücksicht
auf die sogenannte gute Sitte bedeutet. Nur keinen Skandal -- nur um
des Himmels willen keinen Skandal! Das ist das erste und vornehmste
Gesetz in unserer Gesellschaft. So liebenswürdig der Oberst und seine
Gattin bis jetzt gegen mich gewesen sind -- ich fürchte sehr, daß sie
mich ohne Rücksicht auf meine Schuld oder Unschuld sofort fallen lassen
würden, wenn ich es zu dem kommen ließe, was ihnen als ein Skandal
erscheint.“
„Und doch sollen Sie nur Ihrem eigenen Empfinden -- nur Ihrem Herzen
und Ihrem Gewissen folgen, Mrs. Irwin -- nicht den engherzigen
Ansichten des Obersten oder irgend eines anderen Menschen. Sie dürfen
nicht die Märtyrerin eines Vorurteils werden -- ich kann diese
Vorstellung einfach nicht ertragen. Und Sie müssen mir versprechen --
--“
Er kam nicht weiter. Eine plötzlich eingetretene Pause im Gespräch der
anderen zwang auch ihn, zu verstummen. Und es war ihm, als sähe er die
klugen, durchdringenden Augen der Mrs. Baird mit einem Ausdruck des
Mißtrauens auf sich gerichtet. Er war unzufrieden mit sich selbst, daß
die berauschende Nähe des geliebten Weibes und seine fast schon bis zu
leidenschaftlichem Haß gesteigerte Abneigung gegen ihren unwürdigen
Gatten ihn in die Gefahr gebracht hatten, sie zu kompromittieren. Aber
als er sich bald nachher gleichzeitig mit den anderen Gästen empfahl,
bewies ihm ein warmer, beglückender Druck von Ediths Hand, daß sie weit
davon entfernt war, ihm zu zürnen.
[Illustration]