Der deutsche Kaiser weilte, wie alljährlich, im Wildpark von
Springe. Aber für das edle Weidwerk, bei dem der Monarch sonst in
der nervenstählenden Waldeinsamkeit Erholung und neue Kräfte suchte,
blieb diesmal nur selten eine Stunde übrig. Der Telegraph war in
ununterbrochener Tätigkeit, und täglich erschienen in dem Jagdschlosse
Staatsmänner, Diplomaten und hohe Offiziere, mit denen der Kaiser lange
Besprechungen hatte. Die Fenster seines Arbeitszimmers blieben bis tief
in die Nacht hinein erleuchtet, und gewöhnlich fand schon der frühe
Morgen den Herrscher wieder an seinem Schreibtisch.
Heute aber hatte nach halbdurchwachter Nacht die Sehnsucht nach einem
Atemzug frischer Gottesluft den Kaiser beim Morgengrauen hinausgeführt
in den schweigenden Tannenwald.
Ein leichter Rauhreif, der über Nacht gefallen war, bedeckte die Zweige
und den Boden mit feinen, weißschimmernden Eiskristallen. Zwischen den
Stämmen lagen noch die Schatten der Dämmerung. Im Osten aber flammte
glühendes Rot über den fahlen, graublauen Himmel hin.
Dorthin richteten sich die Blicke des Kaisers. Unter einer hohen, alten
Fichte hemmte der Monarch seinen Schritt, und seine Lippen bewegten
sich zu einem leisen Gebet. Von dem Lenker der Geschicke aller Völker
erflehte er in dieser ernsten Zeit Rat und Kraft für seinen schweren
Entschluß.
Da schlug der Ton menschlicher Stimmen an sein Ohr. Er sah zwei Männer,
die seine Nähe nicht ahnten, in lebhaftem Gespräch auf dem unfern
vorüberführenden schmalen Pirschpfade daherkommen. Des Kaisers scharfes
Jägerauge erkannte in dem einen der beiden hochgewachsenen Herren
seinen Oberstallmeister, den Grafen Wedel. Der andere aber war ihm
fremd.
Und dieser Unbekannte war es, der jetzt sagte:
„Es ist mir eine Freude, daß wir uns endlich einmal Auge in Auge
aussprechen können. Ich habe den tiefen Riß in unserer alten
Freundschaft und Kameradschaft sehr beklagt. Aber auf meiner Seite ist
die Mißstimmung längst vorüber. Ich hatte damals nicht in preußische
Dienste treten wollen, weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, daß
unsere alte tapfere hannoversche Armee aufgehört hatte, zu existieren,
und ich zürnte dir, mein lieber Ernst, weil du, ein hannoverscher Garde
du Corps, vergessen zu haben schienst, was du der Ehre deines engeren
Vaterlandes schuldig warst. Aber du hast weiter gesehen als ich. Der
hochherzige Entschluß des Kaisers, die Traditionen der Hannoveraner
wieder zu beleben, unserem alten Offizierkorps eine Heimstätte in den
neuen preußischen Regimentern zu eröffnen und unsere ruhmvollen Devisen
auf die Fahnen und Standarten dieser neuen Regimenter zu schreiben,
hat alles wieder gut gemacht. Ich hoffe, die Zeit ist nicht mehr fern,
wo auch diejenigen Hannoveraner, die jetzt noch grollend beiseite
stehen, einsehen werden, daß ein Kriegsherr, der so hochsinnig denkt,
der berufene Sammler und Führer aller Kräfte des großen, gemeinsamen
Vaterlandes ist.“
„Nun, ich habe dich und deinen Eisenkopf nie verkannt. Du hast dich ja
inzwischen tüchtig in der Welt umgesehen, und da du jetzt ein Hamburger
Großkaufmann bist, wirst du wohl ein großes Vermögen haben.“
„Mein Leben ist interessant und erfolgreich gewesen, aber mir fehlt
doch das beste. Ich sehne mich nach einer Tätigkeit, die meiner Natur
entspricht. Ich bin nun einmal Soldat, wie meine Vorfahren es seit
Jahrhunderten gewesen sind. Wäre ich 1866 in die preußische Armee
eingetreten, so könnte ich heute Kommandierender sein, und vielleicht
hätte ich binnen kurzem die Ehre, mein Korps unter den Augen unseres
Kaisers ins Feld zu führen.“
„Du glaubst, daß Deutschland in den Krieg verwickelt werden könnte?
Gegen wen sollten wir fechten?“
„Wenn unser Kaiser der scharfblickende und energische Geist ist, für
den ich ihn halte, -- -- --“
Es widerstrebte dem Monarchen, die Sprechenden noch länger in
Unkenntnis seiner Anwesenheit zu lassen.
„Heda, ihr Herren!“ rief er jovial hinüber. „Verratet eure Geheimnisse
nicht, ohne zu wissen, wer sie hört!“
„Seine Majestät!“ sagte der Graf halblaut, indem er mit tiefer
Verbeugung seinen Hut zog. Der Begleiter folgte seinem Beispiel, und da
ihn der Kaiser fragend ansah, sagte er:
„Untertänigst zu melden: Grubenhagen aus Hamburg.“
Der Monarch ließ seinen Blick über die hohe, breitschultrige Gestalt
des stattlichen Mannes hingleiten und fragte lächelnd:
„Sie haben gedient?“
„Zu Befehl, Majestät -- als Leutnant beim Königlich hannoverschen
Regiment Garde du Corps.“
„Haben denn auch bürgerliche Offiziere bei dem Regiment gestanden?“
„Majestät halten zu Gnaden: Mein Name ist Freiherr von Grubenhagen.
Aber der Freiherr war dem Kaufmann im Wege.“
Das bei aller schuldigen Ehrerbietung freimütige und mannhafte Wesen
des Freiherrn schien dem Kaiser zu gefallen. Lange blickte er in das
scharfgeschnittene, energische Gesicht, aus dem ein Paar kühne und
intelligente Augen leuchteten.
„Sie haben viel von der Welt gesehen?“
„Majestät, ich war in Amerika und viele Jahre in England, bevor ich
mein Geschäft in Hamburg errichtete.“
„Ein guter Kaufmann sieht oft mehr als ein Diplomat, denn sein Blick
ist unbefangener und freier. Ich liebe Ihr Hamburg; es ist eine loyale
Stadt voll Einsicht und Unternehmungsgeist.“
„Man würde an der Alster glücklich sein, Eure Majestät so sprechen zu
hören.“
„Fürchtet man in Hamburg nicht große Verluste durch den Krieg?“
„In Hamburg, Majestät, denken viele Leute so wie ich.“
„Und wie denken Sie?“
„Daß unter Eurer Majestät glorreicher Regierung alle Deutschen
des Kontinents sich zu einem einzigen und einigen großen Volk
zusammenschließen werden, dem alle germanischen Stämme des Nordens,
Dänen, Schweden und Norweger, kraft des Gravitationsgesetzes, sich
ankristallisieren müssen.“
„O! -- Sie haben Mut!“
„Majestät, wir leben in einem Zeitalter, dessen charakteristisches
Zeichen die Bildung großer Staatswesen ist.“
Mit einer freundlichen Handbewegung unterbrach ihn der Monarch:
„Lassen Sie uns zum Frühstück gehen, meine Herren! Freiherr von
Grubenhagen, Sie sind mein Gast. Es wird mich interessieren, noch
einiges von Ihren kühnen Ideen zu hören.“
* * * * *
Unmittelbar nachdem der Kaiser das Jagdschloß betreten hatte, war
ihm der mit dem Nachtzuge von Berlin herübergekommene Reichskanzler
gemeldet worden. Auch er nahm mit dem Gefolge des Monarchen an der
Frühstückstafel teil, und er mochte nicht wenig erstaunt sein über den
fremden Gast, den er da in der Umgebung des Kaisers fand und der von
dem Herrscher mit offenkundigem Wohlwollen ausgezeichnet wurde.
Als man sich nach aufgehobener Tafel um den runden Tisch im
Rauchzimmer gruppiert und auf einen Wink des Kaisers der diensttuende
Flügeladjutant für die Entfernung der Dienerschaft Sorge getragen
hatte, wandte sich Kaiser Wilhelm mit ernster Miene an den Freiherrn
von Grubenhagen.
„Und nun lassen Sie uns einmal ganz frei und unumwunden hören, wie
nach Ihren Beobachtungen das deutsche Volk über die Möglichkeit eines
Krieges denkt.“
Der Freiherr erhob den schönen, charaktervollen Kopf, und indem er dem
Kaiser frei und unbefangen in die Augen sah, erwiderte er:
„Niemand, Majestät, ist darüber im Ungewissen, daß es ein
verhängnisvoller Schritt sein würde, den Krieg zu erklären. Vielen
Tausenden wird damit ein frühes Grab geöffnet, verwüstete Länder,
ein vielleicht auf lange Zeit hinaus zerstörter Handel und unzählige
Tränen sind die unvermeidlichen Begleiter des Kriegs. Aber es gibt ein
höchstes Gesetz, vor dem alle andern zurücktreten müssen: das Gebot,
die Ehre zu erhalten. Und ein Volk hat seine Ehre, wie der einzelne.
Wo diese Ehre auf dem Spiele steht, soll es den Krieg nicht scheuen.
Denn von der Bewahrung der nationalen Ehre hängt schließlich doch die
Bewahrung aller andern nationalen Güter ab, und wo der Friede um jeden
Preis, selbst um den Preis der Ehre erhalten bleiben soll, müssen
allmählich alle Güter des Friedens verloren gehen, und das Volk muß
zur Beute seiner stärkeren Nachbarn werden. Eisen ist wertvoller als
Gold, denn dem Eisen verdanken wir all' unsern Besitz. Wozu wären
denn auch Armee und Marine? Sie sind der Ausdruck der politischen
Wahrheit, daß nur Mut und Kraft die Bürgschaft für das Bestehen und
Gedeihen eines Volkes bilden. Rußland und Frankreich stehen zusammen,
um England zu bekämpfen. Und das deutsche Volk hat das Gefühl, daß
es an der Zeit sei, in diesen Kämpfen Partei zu ergreifen. Darüber
aber, auf welche Seite es sich zu stellen habe, besteht nirgends eine
Ungewißheit. Unser Volk ist seit langem erbittert durch Englands
Intriguen und Uebergriffe. Tiefer und mächtiger als irgend ein anderes
Gefühl in der Menschenbrust ist die Liebe zur Gerechtigkeit, und dieses
Gerechtigkeitsgefühl ist beständig durch Englands Politik verletzt
worden. Es bedarf nur eines Kaiserwortes, um die deutsche Volksseele
bis in ihre tiefsten Tiefen aufzuregen und eine Flamme der Begeisterung
emporschlagen zu lassen, die alle innere Uneinigkeit, allen Hader der
Parteien verzehren wird. Wir sollten nicht fragen, was kommen könnte;
wir sollten tun, was die Stunde gebietet. Wo Deutschland mit Einsetzung
seiner ganzen Kraft um den Sieg ringt, da wird er ihm zufallen. Der
Sieg aber hat seine eigene Weisheit.“
[Illustration]