IX.

Der deutsche Kaiser weilte, wie alljährlich, im Wildpark von

Springe. Aber für das edle Weidwerk, bei dem der Monarch sonst in

der nervenstählenden Waldeinsamkeit Erholung und neue Kräfte suchte,

blieb diesmal nur selten eine Stunde übrig. Der Telegraph war in

ununterbrochener Tätigkeit, und täglich erschienen in dem Jagdschlosse

Staatsmänner, Diplomaten und hohe Offiziere, mit denen der Kaiser lange

Besprechungen hatte. Die Fenster seines Arbeitszimmers blieben bis tief

in die Nacht hinein erleuchtet, und gewöhnlich fand schon der frühe

Morgen den Herrscher wieder an seinem Schreibtisch.

Heute aber hatte nach halbdurchwachter Nacht die Sehnsucht nach einem

Atemzug frischer Gottesluft den Kaiser beim Morgengrauen hinausgeführt

in den schweigenden Tannenwald.

Ein leichter Rauhreif, der über Nacht gefallen war, bedeckte die Zweige

und den Boden mit feinen, weißschimmernden Eiskristallen. Zwischen den

Stämmen lagen noch die Schatten der Dämmerung. Im Osten aber flammte

glühendes Rot über den fahlen, graublauen Himmel hin.

Dorthin richteten sich die Blicke des Kaisers. Unter einer hohen, alten

Fichte hemmte der Monarch seinen Schritt, und seine Lippen bewegten

sich zu einem leisen Gebet. Von dem Lenker der Geschicke aller Völker

erflehte er in dieser ernsten Zeit Rat und Kraft für seinen schweren

Entschluß.

Da schlug der Ton menschlicher Stimmen an sein Ohr. Er sah zwei Männer,

die seine Nähe nicht ahnten, in lebhaftem Gespräch auf dem unfern

vorüberführenden schmalen Pirschpfade daherkommen. Des Kaisers scharfes

Jägerauge erkannte in dem einen der beiden hochgewachsenen Herren

seinen Oberstallmeister, den Grafen Wedel. Der andere aber war ihm

fremd.

Und dieser Unbekannte war es, der jetzt sagte:

„Es ist mir eine Freude, daß wir uns endlich einmal Auge in Auge

aussprechen können. Ich habe den tiefen Riß in unserer alten

Freundschaft und Kameradschaft sehr beklagt. Aber auf meiner Seite ist

die Mißstimmung längst vorüber. Ich hatte damals nicht in preußische

Dienste treten wollen, weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, daß

unsere alte tapfere hannoversche Armee aufgehört hatte, zu existieren,

und ich zürnte dir, mein lieber Ernst, weil du, ein hannoverscher Garde

du Corps, vergessen zu haben schienst, was du der Ehre deines engeren

Vaterlandes schuldig warst. Aber du hast weiter gesehen als ich. Der

hochherzige Entschluß des Kaisers, die Traditionen der Hannoveraner

wieder zu beleben, unserem alten Offizierkorps eine Heimstätte in den

neuen preußischen Regimentern zu eröffnen und unsere ruhmvollen Devisen

auf die Fahnen und Standarten dieser neuen Regimenter zu schreiben,

hat alles wieder gut gemacht. Ich hoffe, die Zeit ist nicht mehr fern,

wo auch diejenigen Hannoveraner, die jetzt noch grollend beiseite

stehen, einsehen werden, daß ein Kriegsherr, der so hochsinnig denkt,

der berufene Sammler und Führer aller Kräfte des großen, gemeinsamen

Vaterlandes ist.“

„Nun, ich habe dich und deinen Eisenkopf nie verkannt. Du hast dich ja

inzwischen tüchtig in der Welt umgesehen, und da du jetzt ein Hamburger

Großkaufmann bist, wirst du wohl ein großes Vermögen haben.“

„Mein Leben ist interessant und erfolgreich gewesen, aber mir fehlt

doch das beste. Ich sehne mich nach einer Tätigkeit, die meiner Natur

entspricht. Ich bin nun einmal Soldat, wie meine Vorfahren es seit

Jahrhunderten gewesen sind. Wäre ich 1866 in die preußische Armee

eingetreten, so könnte ich heute Kommandierender sein, und vielleicht

hätte ich binnen kurzem die Ehre, mein Korps unter den Augen unseres

Kaisers ins Feld zu führen.“

„Du glaubst, daß Deutschland in den Krieg verwickelt werden könnte?

Gegen wen sollten wir fechten?“

„Wenn unser Kaiser der scharfblickende und energische Geist ist, für

den ich ihn halte, -- -- --“

Es widerstrebte dem Monarchen, die Sprechenden noch länger in

Unkenntnis seiner Anwesenheit zu lassen.

„Heda, ihr Herren!“ rief er jovial hinüber. „Verratet eure Geheimnisse

nicht, ohne zu wissen, wer sie hört!“

„Seine Majestät!“ sagte der Graf halblaut, indem er mit tiefer

Verbeugung seinen Hut zog. Der Begleiter folgte seinem Beispiel, und da

ihn der Kaiser fragend ansah, sagte er:

„Untertänigst zu melden: Grubenhagen aus Hamburg.“

Der Monarch ließ seinen Blick über die hohe, breitschultrige Gestalt

des stattlichen Mannes hingleiten und fragte lächelnd:

„Sie haben gedient?“

„Zu Befehl, Majestät -- als Leutnant beim Königlich hannoverschen

Regiment Garde du Corps.“

„Haben denn auch bürgerliche Offiziere bei dem Regiment gestanden?“

„Majestät halten zu Gnaden: Mein Name ist Freiherr von Grubenhagen.

Aber der Freiherr war dem Kaufmann im Wege.“

Das bei aller schuldigen Ehrerbietung freimütige und mannhafte Wesen

des Freiherrn schien dem Kaiser zu gefallen. Lange blickte er in das

scharfgeschnittene, energische Gesicht, aus dem ein Paar kühne und

intelligente Augen leuchteten.

„Sie haben viel von der Welt gesehen?“

„Majestät, ich war in Amerika und viele Jahre in England, bevor ich

mein Geschäft in Hamburg errichtete.“

„Ein guter Kaufmann sieht oft mehr als ein Diplomat, denn sein Blick

ist unbefangener und freier. Ich liebe Ihr Hamburg; es ist eine loyale

Stadt voll Einsicht und Unternehmungsgeist.“

„Man würde an der Alster glücklich sein, Eure Majestät so sprechen zu

hören.“

„Fürchtet man in Hamburg nicht große Verluste durch den Krieg?“

„In Hamburg, Majestät, denken viele Leute so wie ich.“

„Und wie denken Sie?“

„Daß unter Eurer Majestät glorreicher Regierung alle Deutschen

des Kontinents sich zu einem einzigen und einigen großen Volk

zusammenschließen werden, dem alle germanischen Stämme des Nordens,

Dänen, Schweden und Norweger, kraft des Gravitationsgesetzes, sich

ankristallisieren müssen.“

„O! -- Sie haben Mut!“

„Majestät, wir leben in einem Zeitalter, dessen charakteristisches

Zeichen die Bildung großer Staatswesen ist.“

Mit einer freundlichen Handbewegung unterbrach ihn der Monarch:

„Lassen Sie uns zum Frühstück gehen, meine Herren! Freiherr von

Grubenhagen, Sie sind mein Gast. Es wird mich interessieren, noch

einiges von Ihren kühnen Ideen zu hören.“

* * * * *

Unmittelbar nachdem der Kaiser das Jagdschloß betreten hatte, war

ihm der mit dem Nachtzuge von Berlin herübergekommene Reichskanzler

gemeldet worden. Auch er nahm mit dem Gefolge des Monarchen an der

Frühstückstafel teil, und er mochte nicht wenig erstaunt sein über den

fremden Gast, den er da in der Umgebung des Kaisers fand und der von

dem Herrscher mit offenkundigem Wohlwollen ausgezeichnet wurde.

Als man sich nach aufgehobener Tafel um den runden Tisch im

Rauchzimmer gruppiert und auf einen Wink des Kaisers der diensttuende

Flügeladjutant für die Entfernung der Dienerschaft Sorge getragen

hatte, wandte sich Kaiser Wilhelm mit ernster Miene an den Freiherrn

von Grubenhagen.

„Und nun lassen Sie uns einmal ganz frei und unumwunden hören, wie

nach Ihren Beobachtungen das deutsche Volk über die Möglichkeit eines

Krieges denkt.“

Der Freiherr erhob den schönen, charaktervollen Kopf, und indem er dem

Kaiser frei und unbefangen in die Augen sah, erwiderte er:

„Niemand, Majestät, ist darüber im Ungewissen, daß es ein

verhängnisvoller Schritt sein würde, den Krieg zu erklären. Vielen

Tausenden wird damit ein frühes Grab geöffnet, verwüstete Länder,

ein vielleicht auf lange Zeit hinaus zerstörter Handel und unzählige

Tränen sind die unvermeidlichen Begleiter des Kriegs. Aber es gibt ein

höchstes Gesetz, vor dem alle andern zurücktreten müssen: das Gebot,

die Ehre zu erhalten. Und ein Volk hat seine Ehre, wie der einzelne.

Wo diese Ehre auf dem Spiele steht, soll es den Krieg nicht scheuen.

Denn von der Bewahrung der nationalen Ehre hängt schließlich doch die

Bewahrung aller andern nationalen Güter ab, und wo der Friede um jeden

Preis, selbst um den Preis der Ehre erhalten bleiben soll, müssen

allmählich alle Güter des Friedens verloren gehen, und das Volk muß

zur Beute seiner stärkeren Nachbarn werden. Eisen ist wertvoller als

Gold, denn dem Eisen verdanken wir all' unsern Besitz. Wozu wären

denn auch Armee und Marine? Sie sind der Ausdruck der politischen

Wahrheit, daß nur Mut und Kraft die Bürgschaft für das Bestehen und

Gedeihen eines Volkes bilden. Rußland und Frankreich stehen zusammen,

um England zu bekämpfen. Und das deutsche Volk hat das Gefühl, daß

es an der Zeit sei, in diesen Kämpfen Partei zu ergreifen. Darüber

aber, auf welche Seite es sich zu stellen habe, besteht nirgends eine

Ungewißheit. Unser Volk ist seit langem erbittert durch Englands

Intriguen und Uebergriffe. Tiefer und mächtiger als irgend ein anderes

Gefühl in der Menschenbrust ist die Liebe zur Gerechtigkeit, und dieses

Gerechtigkeitsgefühl ist beständig durch Englands Politik verletzt

worden. Es bedarf nur eines Kaiserwortes, um die deutsche Volksseele

bis in ihre tiefsten Tiefen aufzuregen und eine Flamme der Begeisterung

emporschlagen zu lassen, die alle innere Uneinigkeit, allen Hader der

Parteien verzehren wird. Wir sollten nicht fragen, was kommen könnte;

wir sollten tun, was die Stunde gebietet. Wo Deutschland mit Einsetzung

seiner ganzen Kraft um den Sieg ringt, da wird er ihm zufallen. Der

Sieg aber hat seine eigene Weisheit.“

[Illustration]

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman · 第 15 / 49 题