VIII.

Vergebens wartete Heideck am Tage nach dem nächtlichen Ueberfall auf

eine Botschaft von Edith, die ihm die Möglichkeit gewährt hätte, sie

wiederzusehen. Er war darauf gefaßt, von Irwin wegen seines abendlichen

Besuchs in der Villa zur Rede gestellt zu werden. Aber der Kapitän ließ

sich nicht bei ihm blicken.

Am frühen Morgen schon war Heideck zu dem Obersten beschieden worden,

um über den Hergang des nächtlichen Ereignisses Bericht zu erstatten.

Die Vernehmung war sehr kurz gewesen, und Heideck hatte den Eindruck,

daß der Oberst in seinen Fragen eine eigentümliche Zurückhaltung

beobachtete. Offenbar wünschte er in dem Deutschen die Vorstellung

zu erwecken, daß er selbst fest überzeugt sei, man habe es nur mit

verwegenen Einbrechern zu tun, die auf ihre eigene Faust gehandelt

hätten. Ganz beiläufig nur erwähnte er, daß der Tote als ein Mann von

der Leibwache des Maharadjah rekognosziert worden sei. Als Heideck

fragte, ob ihm aus der Tötung des Mannes von seiten der Zivilbehörden

noch Weiterungen erwachsen könnten, beruhigte ihn der Oberst durch ein

entschiedenes Nein.

„Sie haben in berechtigter Abwehr gehandelt, als Sie den Burschen

niederschossen, und ich verbürge mich dafür, daß Sie weder von den

englischen Behörden noch von dem Maharadjah deshalb behelligt werden

sollen.“

Auf seine Erkundigung nach Mrs. Irwins Befinden wurde ihm ebenfalls

eine beruhigende Antwort gegeben.

„Die Dame erfreut sich glücklicherweise des besten Wohlseins,“

sagte der Oberst. „Sie ist eben eine Frau von bewundernswürdiger

Seelenstärke.“

Auch bis zum nächsten Morgen hatte Kapitän Irwin noch nichts von sich

hören lassen. Heideck und Fürst Tschadschawadse saßen in ihrem Bungalo

beim Frühstück und plauderten über die wichtigen Nachrichten, welche

die eben eingetroffenen Zeitungen gebracht hatten.

Die ‚India Times‘ schrieb, daß Rußland durch seinen Einmarsch in

Afghanistan die Londoner Verträge verletzt habe und daß England

dadurch ebenfalls berechtigt und genötigt würde, eine Armee

nach Afghanistan zu senden. Es sei zu hoffen, daß friedliche

Verhandlungen den drohenden Konflikt lösen würden. Wenn aber die

russische Armee nicht nach Turkestan zurückkehre, würde England sich

ebenfalls zu energischen Maßregeln veranlaßt sehen. Eine englische

Truppenmacht würde Afghanistan besetzen und den Emir zwingen, seinen

Bündnisverpflichtungen gegen die indische Regierung nachzukommen. Auf

alle Fälle würde eine starke Flotte in den Häfen von Plymouth und

Portsmouth ausgerüstet, um im gegebenen Moment in die Ostsee zu gehen.

„Bezeichnender als das,“ sagte Heideck, „ist die Tatsache, daß die

zweieinhalbprozentigen Konsols an der Londoner Börse gestern einen Kurs

von neunzig notierten, während sie vor acht Tagen auf sechsundneunzig

standen. Die Engländer scheuen sich, offen auszusprechen, daß der Krieg

tatsächlich begonnen hat.“

„Ein Krieg ohne Kriegserklärung,“ stimmte der Fürst zu. „Jedenfalls

müssen wir uns beeilen, über die Grenze zu kommen. Ich möchte nicht

gern den Augenblick versäumen, wo man in Afghanistan losschlägt.“

„Das kann ich Ihnen nachfühlen. Aber es dürfte alsdann in der Tat keine

Zeit zu verlieren sein.“

„Wenn Sie damit einverstanden sind, reisen wir noch heute ab. Dann

sind wir um Mitternacht in Mooltan und morgen Mittag in Attock.

Morgen Abend können wir in Peschawar eintreffen. Dort lassen wir uns

die Erlaubnisscheine zum Ueberschreiten des Kaiberpasses geben. Je

früher wir durch den Paß kommen, desto besser, denn später dürfte es

Schwierigkeiten haben, die Erlaubnis zu erlangen.“

„Sie führen doch nichts Verdächtiges bei sich -- Karten, Zeichnungen

oder dergleichen?“

Der Russe schüttelte lächelnd den Kopf, „Nichts als Murrays Handbuch,

den unentbehrlichen Begleiter jedes Reisenden. Ich würde mich wohl

hüten, etwas anderes mitzunehmen. Für Sie liegt die Sache ja weniger

ängstlich.“

„Weshalb für mich?“

„Weil Sie ein Deutscher sind. Mit Deutschland ist man nicht im Kriege.

Ich aber würde sofort in Gefahr sein, für einen Spion gehalten zu

werden.“

„Uebrigens glaube ich, daß wir beide nichts zu fürchten hätten, selbst

wenn man uns als Offiziere erkennen würde. Es dürften in diesem

Augenblick mindestens ebensoviele englische Offiziere auf russischem

Gebiet als russische hier in Indien sein.“

„Solange der Krieg noch nicht erklärt ist, pflegt man mit den

Offizieren fremder Mächte allerdings höflich zu verfahren. Aber unter

den obwaltenden Umständen möchte ich es doch nicht gern darauf ankommen

lassen. Die Möglichkeit, standrechtlich erschossen zu werden, läge

nicht allzu fern. Besser schon, ich suche die Maske eines harmlosen

Kaufmanns festzuhalten und beeile mich, aus dem Machtbereich unserer

Gegner zu kommen. Was ich an Aufzeichnungen, Karten und Festungsplänen

in meinem Gedächtnis bewahre, könnte man ja glücklicherweise selbst mit

Röntgenstrahlen nicht entdecken. Aber Sie haben sich noch gar nicht

geäußert, Herr Kamerad -- sind Sie bereit, mich heute zu begleiten?“

„Ich bitte Sie, nicht auf mich zu rechnen. Ich möchte vorläufig noch

bleiben.“

Und da er das Erstaunen des Russen bemerkte, fuhr er fort:

„Sie sagten selbst, daß ich mich als Deutscher in einer weniger

gefährlichen Lage befinde. Selbst wenn man mich als Offizier erkennt,

kann man mir kaum ernstliche Unannehmlichkeiten bereiten. Am wenigsten

hier, wo nichts auszuspionieren wäre.“

Daß es lediglich der Gedanke an Mrs. Irwin war, der die plötzliche

Aenderung seiner Entschlüsse herbeigeführt hatte, verriet er nicht.

Und der Russe zerbrach sich über seine Beweggründe allem Anschein nach

nicht weiter den Kopf.

„Wissen Sie, was mir in diesem Augenblick allein Sorge macht?“ fragte

er. „Ich fürchte, daß Deutschland die gute Gelegenheit benutzen könnte,

uns in den Rücken zu fallen. Ihr Volk liebt uns nicht, darüber wollen

wir uns nicht täuschen. Es gab ja eine Zeit, wo das Deutschtum bei uns

eine entscheidende Rolle spielte. Aber seit den Tagen Alexanders III.

ist das anders geworden. Auch wir können nicht so leicht vergessen, daß

Ihr großer Bismarck uns auf dem Berliner Kongreß um den Preis unseres

Sieges über die Türken gebracht hat.“

„Verzeihen Sie, mein Fürst, wenn ich Ihnen da widerspreche. Die Schuld

lag einzig bei Ihrem Kanzler Gortschakow, der seinen Vorteil nicht zu

verfolgen verstand. Die Engländer haben das benutzt. Bismarck selbst

würde ohne Zweifel jeder russischen Forderung zugestimmt haben. Im

übrigen kann ich Ihnen versichern, daß von einer nationalen Feindschaft

gegen Rußland bei uns, namentlich in den gebildeten Kreisen, nicht die

Rede ist.“

„Es mag ja sein, aber in Rußland wird diese Abneigung jedenfalls

als ein Faktor betrachtet, mit dem man in kritischen Augenblicken

rechnen müsse. Der Vertrag mit Frankreich würde sonst wahrscheinlich

niemals zu stande gekommen sein. Und ich könnte Ihrer Nation gewisse

Feindseligkeiten gegen uns nicht im mindesten verübeln. Wir besitzen

nun einmal verschiedene Landesgebiete, die geographisch viel

natürlicher zu Deutschland gehören würden. Wenn Ihr Vaterland von

seinem Ueberfluß an Menschen acht Millionen Bauern in Polen ansiedeln

könnte, wäre ihm in mancher Hinsicht geholfen. Stände ich an der

Spitze Ihrer Regierung, so würde ich mich zunächst mit Oesterreichs

Zustimmung des russischen Polen bemächtigen, dann aber Oesterreich

zerschlagen, Böhmen, Mähren, Kärnthen, Steiermark, Tirol als deutsches

Land annektieren und die österreichische Dynastie auf Transleithanien

beschränken.“

Heideck konnte nicht umhin, zu lächeln.

„Das sind kühne Phantasien, Fürst! Und Sie dürfen versichert sein, daß

bei uns niemand im Ernst an solche Pläne denkt.“

„Seltsam genug, wenn es so wäre. Denn mich dünkt, es müßte Ihnen als

das Natürlichste erscheinen. Was bedeutet denn euer deutsches Reich,

wenn euch gerade die deutschesten Länder fehlen? Sollte euch nicht die

Bevölkerung der deutschen Provinzen Oesterreichs näher stehen als die

des nordöstlichen Preußen? Aber es ist ja möglich, daß man bei euch zu

gewissenhaft und zu vertragstreu ist, um eine so großzügige Politik zu

treiben.“

Heideck lenkte das Gespräch nicht ohne Absicht wieder auf das

ursprüngliche Thema zurück.

„Welche Route gedenken Sie zu nehmen? Haben Sie sich bestimmt für

Peschawar entschieden oder ziehen Sie auch Quetta in Betracht?“

„Darüber bin ich mit mir noch nicht ganz im Reinen. Jedenfalls möchte

ich denjenigen Weg wählen, auf dem ich am schnellsten zu unserer Armee

gelange.“

„Dann würde ich Ihnen die Route über Quetta vorschlagen. Denn es ist

wohl das wahrscheinlichste, daß die russische Hauptarmee sich nach

Süden wendet. Herat dürfte ihr nächster Angriffspunkt sein. Dorthin

führen die besten Straßen, von Norden und Nordwesten her. Es ist der

Kreuzungspunkt der Karawanenwege aus Indien, Persien und Turkestan.

In Herat kann eine große Armee konzentriert werden, weil es inmitten

fruchtbaren Landes liegt. Wenn Ihre Vorhut da festen Fuß faßt, lassen

sich mit der transkaspischen Bahn in verhältnismäßig kurzer Zeit

sechzigtausend Mann dorthin schaffen. Rücken die Engländer bis Kandahar

vor, so wird dort der Zusammenstoß erfolgen. Aber die russische Armee

wird so überlegen sein, daß der Gegner schwerlich den Marsch auf

Kandahar wagen wird. Durch die afghanischen Truppen verstärkt, kann

General Iwanow mit hunderttausend Mann ungehindert bis zum Bolanpaß

kommen.“

„Wenn ihm das gelänge,“ meinte der Fürst, „so stände ihm der Weg in

das Tal des Indus offen. Denn gegen eine solche Streitmacht vermöchte

England den Paß nicht zu halten.“

„Ist der Bolanpaß wirklich so schwer zu passieren, wie man sagt?“

fragte Heideck.

„Der Paß ist etwa fünfzig Werst lang. Im Jahre 1839 ging das

bengalische Korps der Indusarmee durch den Paß zum Angriff auf das

afghanische Heer und brachte vierundzwanzigpfündige Haubitzen, sowie

achtzehnpfündige Kanonen ohne Schwierigkeiten hindurch.“

„Wenn ich mich recht besinne, kamen sie ohne nennenswerten Kampf bis

nach Kandahar und besetzten ganz Afghanistan. Aber der endliche Ausgang

war doch eine fürchterliche Niederlage. Von ihren fünfzehntausend Mann

sind nur viertausendfünfhundert in eiliger Flucht durch den Kaiberpaß

nach Indien zurückgekehrt.“

Fürst Tschadschawadse lachte spöttisch auf.

„Fünfzehntausend? Ja, wenn man den englischen Quellen Glauben schenken

wollte! Aber ich kann Ihnen nach besseren Informationen versichern, daß

die Engländer im Jahre 1839 mit nicht weniger als einundzwanzigtausend

Soldaten nebst einem Train von siebzigtausend Mann und sechzigtausend

Kamelen gegen Afghanistan ausgezogen sind. Sie marschierten durch

den Bolanpaß, nahmen Kandahar und Gasna, rückten in Kabul ein und

setzten Schah Tschudscha auf den Thron. Eine entscheidende Niederlage

erlitten sie eigentlich nicht, aber ein allgemeiner Aufstand der

Afghanen vertrieb sie aus ihrer Position und rieb ihren Truppenbestand

vollständig auf.“

„Ich bewundere Ihr Gedächtnis, mein Fürst!“

„O, das alles müssen wir auf Generalstabsschule am Schnürchen haben,

wenn wir nicht jämmerlich durchs Examen rasseln wollen. Im November

1878, als wir den Krieg gegen die Türken mit allen Mitteln zu Ende

führen mußten und deshalb in Zentralasien ziemlich schwach waren, sind

die Engländer abermals in Afghanistan eingerückt. Sie gedachten, sich

unsere Verlegenheit zu nutze zu machen und das Land ganz unter ihre

Herrschaft zu bringen. In drei Kolonnen gingen sie durch den Bolanpaß,

das Kuramtal und den Kaiberpaß. Aber auch diesmal konnten sie sich

nicht behaupten und mußten unter großen Verlusten den Rückzug antreten.

Wer nicht die eingeborene Bevölkerung für sich hat, wird in Afghanistan

niemals festen Fuß fassen. Und die Sympathieen der Afghanen sind auf

unserer Seite. Wir verstehen es, mit diesen Leuten umzugehen; die

Engländer dagegen gelten ihnen für unreine Ungläubige.“

„Glauben Sie, daß Rußland es jetzt nur auf den Besitz des Pufferstaates

Afghanistan abgesehen hat? Oder sollten seine Absichten noch weiter

gehen?“

„O, mein bester Kamerad, jetzt geht es um Indien. Seit mehr als hundert

Jahren schon haben wir unsere Blicke auf dieses reiche Land gerichtet.

Alle unsere Eroberungen in Zentralasien haben Indien zum letzten Ziel.

Schon Kaiser Paul befahl 1801 dem Ataman des donischen Heeres, Orlow,

mit 22000 Kosaken bis zum Ganges vorzudringen. Man stellte sich damals

den Feldzug allerdings viel zu leicht vor. Der Kaiser starb, und sein

tollkühner Plan kam nicht zur Ausführung. Während des Krimkrieges erbot

sich General Kauffmann, mit 25000 Mann Indien zu erobern. Es kam nicht

dazu. Seitdem haben sich die Ansichten geändert. Wir haben eingesehen,

daß nur ein schrittweises Vorgehen zum Ziele führen kann. Und wir haben

unsere Zeit nicht verloren. Im Westen sind wir bis auf 100 Kilometer an

Herat herangerückt, und im Osten, im Pamirgebiet, sind wir Indien noch

viel näher gekommen.“

„Es ist mir interessant, das zu hören. Ich selbst habe mir bisher

trotz alles Bemühens keine recht klare Vorstellung von der Grenze am

Pamirgebiet machen können.“

„Und Sie sind wahrhaftig nicht der Einzige, dem es so ergeht.

Niemand, der nicht an Ort und Stelle war, kann die dortige Lage

verstehen. Und wer dagewesen ist, kennt die Grenze auch nicht, weil

es gar keine bestimmte Grenze gibt. Das Pamirplateau liegt nördlich

von Peschawar und wird im Süden vom Hindukuschgebirge begrenzt. Die

Besitzverhältnisse aber sind außerordentlich verwickelt. Der Emir des

benachbarten Afghanistan beansprucht die Herrschaft über die Chanate

Schugnan und Roschan, die den Hauptteil des Pamirgebietes ausmachen.

Weiter erhebt er ja auch Anspruch auf die Provinz Seistan, die außerdem

noch von Persien reklamiert wird. Gerade diese Provinz ist von

besonderer Wichtigkeit, denn die Engländer würden, wenn sie sich ihrer

bemächtigten, was von Beludschistan aus ohne große Schwierigkeiten

geschehen könnte, eine starke Flankenstellung im Süden unserer

Marschlinie Merw-Herat durch Kandahar-Quetta gewinnen.“

„Das sind allerdings recht unklare Verhältnisse.“

„So unklar, daß wir mit den Engländern seit langen Jahren über die

Grenzfrage streiten. Unsere britischen Freunde haben den Emir von

Afghanistan schon wiederholt veranlaßt, Truppen dorthin zu senden. Und

englische Expeditionen zum Zwecke der Grenzfeststellung sind oft genug

in den Bergen von Pamir herumgeklettert. Natürlich stehen wir in dieser

Hinsicht nicht hinter ihnen zurück. Ich selbst habe seinerzeit an einer

solchen wissenschaftlichen Expedition teilgenommen.“

„Und es handelte sich wirklich um ein wissenschaftliches Unternehmen?“

„Sagen wir: um ein kriegswissenschaftliches!“ erwiderte der Fürst

lächelnd. „Wir hatten zweitausend Kosaken bei uns und kamen bis auf den

Hindukusch, zum Baragilpaß und einem andern, der keinen Namen hatte,

und den wir unserem Obersten zu Ehren Jonowpaß nannten. Da stießen wir

auf afghanische Truppen und schlugen sie bei Somatsch. Der Emir Abdur

Rahman mußte das auf Geheiß der Engländer, die ihm Subsidien zahlten,

übelnehmen und sie um Beistand bitten. Ein englischer Gesandter

erschien in Kabul, und es kam zu Verhandlungen, die wir recht geschickt

in die Länge zogen, um Zeit für die Erbauung kleiner Forts auf dem

Pamirgebiet zu gewinnen. In London wurde schließlich vereinbart, daß

der Pentsch die Grenze zwischen Rußland und Afghanistan im Pamirgebiet

sein solle. Und ein paar Monate später trafen wir am Ssary-Kul mit

einer englischen Expedition zusammen, die im Verein mit uns die genaue

Grenzlinie feststellen sollte. Es gab eine höchst ergötzliche Komödie;

denn die englischen Kameraden wollten uns durchaus nicht merken lassen,

daß sie Befehl hatten, nachgiebig zu sein. Wir aber waren sehr rasch

dahintergekommen und zogen die Grenze, wie es uns gefiel. Das Ende

war, daß nur noch ein ganz schmaler Streifen zwischen Buchara und der

indischen Grenze dem Emir verblieb, der sich außerdem verpflichten

mußte, dort weder Truppen zu halten, noch Befestigungen anzulegen. Also

unser Gebiet war auf 20 Kilometer an das englische herangerückt. Dort

sind wir Indien am nächsten, und wenn wir wollen, können wir jederzeit

von den Pässen des Hindukusch nach dem unter englischem Einfluß

stehenden Tschitratal hinabsteigen.“

Die Unterhaltung wurde durch das Erscheinen eines Dieners unterbrochen,

der Heideck eine Einladung von Mrs. Baird zum Diner am Abend dieses

Tages brachte. Der Hauptmann vermochte seine Freude kaum zu verbergen;

denn er zweifelte nicht, daß es Edith war, der er diese Einladung

verdankte, und er war glücklich in der Hoffnung, sie endlich

wiederzusehen.

„Sie stehen sich gut mit dem Obersten,“ sagte der Fürst, als der Diener

mit Heidecks zusagendem Bescheide gegangen war. „Das kann Ihnen unter

den gegenwärtigen Verhältnissen von großem Vorteil sein. Lassen Sie

sich doch einen Passierschein ausstellen und reisen Sie mit mir!“

„Es tut mir leid, mein Fürst! Ich würde gewiß sehr gern in so

angenehmer Gesellschaft reisen, aber meine Geschäfte halten mich

einstweilen noch hier zurück.“

„Nun -- wie Sie wollen, -- ich darf Ihnen nicht weiter zureden. Aber

ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß wir einander nochmals begegnen

werden, und es ist überflüssig, zu versichern, daß Sie in jeder Lage

auf mich zählen dürfen.“

[Illustration]

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman · 第 14 / 49 题