Vergebens wartete Heideck am Tage nach dem nächtlichen Ueberfall auf
eine Botschaft von Edith, die ihm die Möglichkeit gewährt hätte, sie
wiederzusehen. Er war darauf gefaßt, von Irwin wegen seines abendlichen
Besuchs in der Villa zur Rede gestellt zu werden. Aber der Kapitän ließ
sich nicht bei ihm blicken.
Am frühen Morgen schon war Heideck zu dem Obersten beschieden worden,
um über den Hergang des nächtlichen Ereignisses Bericht zu erstatten.
Die Vernehmung war sehr kurz gewesen, und Heideck hatte den Eindruck,
daß der Oberst in seinen Fragen eine eigentümliche Zurückhaltung
beobachtete. Offenbar wünschte er in dem Deutschen die Vorstellung
zu erwecken, daß er selbst fest überzeugt sei, man habe es nur mit
verwegenen Einbrechern zu tun, die auf ihre eigene Faust gehandelt
hätten. Ganz beiläufig nur erwähnte er, daß der Tote als ein Mann von
der Leibwache des Maharadjah rekognosziert worden sei. Als Heideck
fragte, ob ihm aus der Tötung des Mannes von seiten der Zivilbehörden
noch Weiterungen erwachsen könnten, beruhigte ihn der Oberst durch ein
entschiedenes Nein.
„Sie haben in berechtigter Abwehr gehandelt, als Sie den Burschen
niederschossen, und ich verbürge mich dafür, daß Sie weder von den
englischen Behörden noch von dem Maharadjah deshalb behelligt werden
sollen.“
Auf seine Erkundigung nach Mrs. Irwins Befinden wurde ihm ebenfalls
eine beruhigende Antwort gegeben.
„Die Dame erfreut sich glücklicherweise des besten Wohlseins,“
sagte der Oberst. „Sie ist eben eine Frau von bewundernswürdiger
Seelenstärke.“
Auch bis zum nächsten Morgen hatte Kapitän Irwin noch nichts von sich
hören lassen. Heideck und Fürst Tschadschawadse saßen in ihrem Bungalo
beim Frühstück und plauderten über die wichtigen Nachrichten, welche
die eben eingetroffenen Zeitungen gebracht hatten.
Die ‚India Times‘ schrieb, daß Rußland durch seinen Einmarsch in
Afghanistan die Londoner Verträge verletzt habe und daß England
dadurch ebenfalls berechtigt und genötigt würde, eine Armee
nach Afghanistan zu senden. Es sei zu hoffen, daß friedliche
Verhandlungen den drohenden Konflikt lösen würden. Wenn aber die
russische Armee nicht nach Turkestan zurückkehre, würde England sich
ebenfalls zu energischen Maßregeln veranlaßt sehen. Eine englische
Truppenmacht würde Afghanistan besetzen und den Emir zwingen, seinen
Bündnisverpflichtungen gegen die indische Regierung nachzukommen. Auf
alle Fälle würde eine starke Flotte in den Häfen von Plymouth und
Portsmouth ausgerüstet, um im gegebenen Moment in die Ostsee zu gehen.
„Bezeichnender als das,“ sagte Heideck, „ist die Tatsache, daß die
zweieinhalbprozentigen Konsols an der Londoner Börse gestern einen Kurs
von neunzig notierten, während sie vor acht Tagen auf sechsundneunzig
standen. Die Engländer scheuen sich, offen auszusprechen, daß der Krieg
tatsächlich begonnen hat.“
„Ein Krieg ohne Kriegserklärung,“ stimmte der Fürst zu. „Jedenfalls
müssen wir uns beeilen, über die Grenze zu kommen. Ich möchte nicht
gern den Augenblick versäumen, wo man in Afghanistan losschlägt.“
„Das kann ich Ihnen nachfühlen. Aber es dürfte alsdann in der Tat keine
Zeit zu verlieren sein.“
„Wenn Sie damit einverstanden sind, reisen wir noch heute ab. Dann
sind wir um Mitternacht in Mooltan und morgen Mittag in Attock.
Morgen Abend können wir in Peschawar eintreffen. Dort lassen wir uns
die Erlaubnisscheine zum Ueberschreiten des Kaiberpasses geben. Je
früher wir durch den Paß kommen, desto besser, denn später dürfte es
Schwierigkeiten haben, die Erlaubnis zu erlangen.“
„Sie führen doch nichts Verdächtiges bei sich -- Karten, Zeichnungen
oder dergleichen?“
Der Russe schüttelte lächelnd den Kopf, „Nichts als Murrays Handbuch,
den unentbehrlichen Begleiter jedes Reisenden. Ich würde mich wohl
hüten, etwas anderes mitzunehmen. Für Sie liegt die Sache ja weniger
ängstlich.“
„Weshalb für mich?“
„Weil Sie ein Deutscher sind. Mit Deutschland ist man nicht im Kriege.
Ich aber würde sofort in Gefahr sein, für einen Spion gehalten zu
werden.“
„Uebrigens glaube ich, daß wir beide nichts zu fürchten hätten, selbst
wenn man uns als Offiziere erkennen würde. Es dürften in diesem
Augenblick mindestens ebensoviele englische Offiziere auf russischem
Gebiet als russische hier in Indien sein.“
„Solange der Krieg noch nicht erklärt ist, pflegt man mit den
Offizieren fremder Mächte allerdings höflich zu verfahren. Aber unter
den obwaltenden Umständen möchte ich es doch nicht gern darauf ankommen
lassen. Die Möglichkeit, standrechtlich erschossen zu werden, läge
nicht allzu fern. Besser schon, ich suche die Maske eines harmlosen
Kaufmanns festzuhalten und beeile mich, aus dem Machtbereich unserer
Gegner zu kommen. Was ich an Aufzeichnungen, Karten und Festungsplänen
in meinem Gedächtnis bewahre, könnte man ja glücklicherweise selbst mit
Röntgenstrahlen nicht entdecken. Aber Sie haben sich noch gar nicht
geäußert, Herr Kamerad -- sind Sie bereit, mich heute zu begleiten?“
„Ich bitte Sie, nicht auf mich zu rechnen. Ich möchte vorläufig noch
bleiben.“
Und da er das Erstaunen des Russen bemerkte, fuhr er fort:
„Sie sagten selbst, daß ich mich als Deutscher in einer weniger
gefährlichen Lage befinde. Selbst wenn man mich als Offizier erkennt,
kann man mir kaum ernstliche Unannehmlichkeiten bereiten. Am wenigsten
hier, wo nichts auszuspionieren wäre.“
Daß es lediglich der Gedanke an Mrs. Irwin war, der die plötzliche
Aenderung seiner Entschlüsse herbeigeführt hatte, verriet er nicht.
Und der Russe zerbrach sich über seine Beweggründe allem Anschein nach
nicht weiter den Kopf.
„Wissen Sie, was mir in diesem Augenblick allein Sorge macht?“ fragte
er. „Ich fürchte, daß Deutschland die gute Gelegenheit benutzen könnte,
uns in den Rücken zu fallen. Ihr Volk liebt uns nicht, darüber wollen
wir uns nicht täuschen. Es gab ja eine Zeit, wo das Deutschtum bei uns
eine entscheidende Rolle spielte. Aber seit den Tagen Alexanders III.
ist das anders geworden. Auch wir können nicht so leicht vergessen, daß
Ihr großer Bismarck uns auf dem Berliner Kongreß um den Preis unseres
Sieges über die Türken gebracht hat.“
„Verzeihen Sie, mein Fürst, wenn ich Ihnen da widerspreche. Die Schuld
lag einzig bei Ihrem Kanzler Gortschakow, der seinen Vorteil nicht zu
verfolgen verstand. Die Engländer haben das benutzt. Bismarck selbst
würde ohne Zweifel jeder russischen Forderung zugestimmt haben. Im
übrigen kann ich Ihnen versichern, daß von einer nationalen Feindschaft
gegen Rußland bei uns, namentlich in den gebildeten Kreisen, nicht die
Rede ist.“
„Es mag ja sein, aber in Rußland wird diese Abneigung jedenfalls
als ein Faktor betrachtet, mit dem man in kritischen Augenblicken
rechnen müsse. Der Vertrag mit Frankreich würde sonst wahrscheinlich
niemals zu stande gekommen sein. Und ich könnte Ihrer Nation gewisse
Feindseligkeiten gegen uns nicht im mindesten verübeln. Wir besitzen
nun einmal verschiedene Landesgebiete, die geographisch viel
natürlicher zu Deutschland gehören würden. Wenn Ihr Vaterland von
seinem Ueberfluß an Menschen acht Millionen Bauern in Polen ansiedeln
könnte, wäre ihm in mancher Hinsicht geholfen. Stände ich an der
Spitze Ihrer Regierung, so würde ich mich zunächst mit Oesterreichs
Zustimmung des russischen Polen bemächtigen, dann aber Oesterreich
zerschlagen, Böhmen, Mähren, Kärnthen, Steiermark, Tirol als deutsches
Land annektieren und die österreichische Dynastie auf Transleithanien
beschränken.“
Heideck konnte nicht umhin, zu lächeln.
„Das sind kühne Phantasien, Fürst! Und Sie dürfen versichert sein, daß
bei uns niemand im Ernst an solche Pläne denkt.“
„Seltsam genug, wenn es so wäre. Denn mich dünkt, es müßte Ihnen als
das Natürlichste erscheinen. Was bedeutet denn euer deutsches Reich,
wenn euch gerade die deutschesten Länder fehlen? Sollte euch nicht die
Bevölkerung der deutschen Provinzen Oesterreichs näher stehen als die
des nordöstlichen Preußen? Aber es ist ja möglich, daß man bei euch zu
gewissenhaft und zu vertragstreu ist, um eine so großzügige Politik zu
treiben.“
Heideck lenkte das Gespräch nicht ohne Absicht wieder auf das
ursprüngliche Thema zurück.
„Welche Route gedenken Sie zu nehmen? Haben Sie sich bestimmt für
Peschawar entschieden oder ziehen Sie auch Quetta in Betracht?“
„Darüber bin ich mit mir noch nicht ganz im Reinen. Jedenfalls möchte
ich denjenigen Weg wählen, auf dem ich am schnellsten zu unserer Armee
gelange.“
„Dann würde ich Ihnen die Route über Quetta vorschlagen. Denn es ist
wohl das wahrscheinlichste, daß die russische Hauptarmee sich nach
Süden wendet. Herat dürfte ihr nächster Angriffspunkt sein. Dorthin
führen die besten Straßen, von Norden und Nordwesten her. Es ist der
Kreuzungspunkt der Karawanenwege aus Indien, Persien und Turkestan.
In Herat kann eine große Armee konzentriert werden, weil es inmitten
fruchtbaren Landes liegt. Wenn Ihre Vorhut da festen Fuß faßt, lassen
sich mit der transkaspischen Bahn in verhältnismäßig kurzer Zeit
sechzigtausend Mann dorthin schaffen. Rücken die Engländer bis Kandahar
vor, so wird dort der Zusammenstoß erfolgen. Aber die russische Armee
wird so überlegen sein, daß der Gegner schwerlich den Marsch auf
Kandahar wagen wird. Durch die afghanischen Truppen verstärkt, kann
General Iwanow mit hunderttausend Mann ungehindert bis zum Bolanpaß
kommen.“
„Wenn ihm das gelänge,“ meinte der Fürst, „so stände ihm der Weg in
das Tal des Indus offen. Denn gegen eine solche Streitmacht vermöchte
England den Paß nicht zu halten.“
„Ist der Bolanpaß wirklich so schwer zu passieren, wie man sagt?“
fragte Heideck.
„Der Paß ist etwa fünfzig Werst lang. Im Jahre 1839 ging das
bengalische Korps der Indusarmee durch den Paß zum Angriff auf das
afghanische Heer und brachte vierundzwanzigpfündige Haubitzen, sowie
achtzehnpfündige Kanonen ohne Schwierigkeiten hindurch.“
„Wenn ich mich recht besinne, kamen sie ohne nennenswerten Kampf bis
nach Kandahar und besetzten ganz Afghanistan. Aber der endliche Ausgang
war doch eine fürchterliche Niederlage. Von ihren fünfzehntausend Mann
sind nur viertausendfünfhundert in eiliger Flucht durch den Kaiberpaß
nach Indien zurückgekehrt.“
Fürst Tschadschawadse lachte spöttisch auf.
„Fünfzehntausend? Ja, wenn man den englischen Quellen Glauben schenken
wollte! Aber ich kann Ihnen nach besseren Informationen versichern, daß
die Engländer im Jahre 1839 mit nicht weniger als einundzwanzigtausend
Soldaten nebst einem Train von siebzigtausend Mann und sechzigtausend
Kamelen gegen Afghanistan ausgezogen sind. Sie marschierten durch
den Bolanpaß, nahmen Kandahar und Gasna, rückten in Kabul ein und
setzten Schah Tschudscha auf den Thron. Eine entscheidende Niederlage
erlitten sie eigentlich nicht, aber ein allgemeiner Aufstand der
Afghanen vertrieb sie aus ihrer Position und rieb ihren Truppenbestand
vollständig auf.“
„Ich bewundere Ihr Gedächtnis, mein Fürst!“
„O, das alles müssen wir auf Generalstabsschule am Schnürchen haben,
wenn wir nicht jämmerlich durchs Examen rasseln wollen. Im November
1878, als wir den Krieg gegen die Türken mit allen Mitteln zu Ende
führen mußten und deshalb in Zentralasien ziemlich schwach waren, sind
die Engländer abermals in Afghanistan eingerückt. Sie gedachten, sich
unsere Verlegenheit zu nutze zu machen und das Land ganz unter ihre
Herrschaft zu bringen. In drei Kolonnen gingen sie durch den Bolanpaß,
das Kuramtal und den Kaiberpaß. Aber auch diesmal konnten sie sich
nicht behaupten und mußten unter großen Verlusten den Rückzug antreten.
Wer nicht die eingeborene Bevölkerung für sich hat, wird in Afghanistan
niemals festen Fuß fassen. Und die Sympathieen der Afghanen sind auf
unserer Seite. Wir verstehen es, mit diesen Leuten umzugehen; die
Engländer dagegen gelten ihnen für unreine Ungläubige.“
„Glauben Sie, daß Rußland es jetzt nur auf den Besitz des Pufferstaates
Afghanistan abgesehen hat? Oder sollten seine Absichten noch weiter
gehen?“
„O, mein bester Kamerad, jetzt geht es um Indien. Seit mehr als hundert
Jahren schon haben wir unsere Blicke auf dieses reiche Land gerichtet.
Alle unsere Eroberungen in Zentralasien haben Indien zum letzten Ziel.
Schon Kaiser Paul befahl 1801 dem Ataman des donischen Heeres, Orlow,
mit 22000 Kosaken bis zum Ganges vorzudringen. Man stellte sich damals
den Feldzug allerdings viel zu leicht vor. Der Kaiser starb, und sein
tollkühner Plan kam nicht zur Ausführung. Während des Krimkrieges erbot
sich General Kauffmann, mit 25000 Mann Indien zu erobern. Es kam nicht
dazu. Seitdem haben sich die Ansichten geändert. Wir haben eingesehen,
daß nur ein schrittweises Vorgehen zum Ziele führen kann. Und wir haben
unsere Zeit nicht verloren. Im Westen sind wir bis auf 100 Kilometer an
Herat herangerückt, und im Osten, im Pamirgebiet, sind wir Indien noch
viel näher gekommen.“
„Es ist mir interessant, das zu hören. Ich selbst habe mir bisher
trotz alles Bemühens keine recht klare Vorstellung von der Grenze am
Pamirgebiet machen können.“
„Und Sie sind wahrhaftig nicht der Einzige, dem es so ergeht.
Niemand, der nicht an Ort und Stelle war, kann die dortige Lage
verstehen. Und wer dagewesen ist, kennt die Grenze auch nicht, weil
es gar keine bestimmte Grenze gibt. Das Pamirplateau liegt nördlich
von Peschawar und wird im Süden vom Hindukuschgebirge begrenzt. Die
Besitzverhältnisse aber sind außerordentlich verwickelt. Der Emir des
benachbarten Afghanistan beansprucht die Herrschaft über die Chanate
Schugnan und Roschan, die den Hauptteil des Pamirgebietes ausmachen.
Weiter erhebt er ja auch Anspruch auf die Provinz Seistan, die außerdem
noch von Persien reklamiert wird. Gerade diese Provinz ist von
besonderer Wichtigkeit, denn die Engländer würden, wenn sie sich ihrer
bemächtigten, was von Beludschistan aus ohne große Schwierigkeiten
geschehen könnte, eine starke Flankenstellung im Süden unserer
Marschlinie Merw-Herat durch Kandahar-Quetta gewinnen.“
„Das sind allerdings recht unklare Verhältnisse.“
„So unklar, daß wir mit den Engländern seit langen Jahren über die
Grenzfrage streiten. Unsere britischen Freunde haben den Emir von
Afghanistan schon wiederholt veranlaßt, Truppen dorthin zu senden. Und
englische Expeditionen zum Zwecke der Grenzfeststellung sind oft genug
in den Bergen von Pamir herumgeklettert. Natürlich stehen wir in dieser
Hinsicht nicht hinter ihnen zurück. Ich selbst habe seinerzeit an einer
solchen wissenschaftlichen Expedition teilgenommen.“
„Und es handelte sich wirklich um ein wissenschaftliches Unternehmen?“
„Sagen wir: um ein kriegswissenschaftliches!“ erwiderte der Fürst
lächelnd. „Wir hatten zweitausend Kosaken bei uns und kamen bis auf den
Hindukusch, zum Baragilpaß und einem andern, der keinen Namen hatte,
und den wir unserem Obersten zu Ehren Jonowpaß nannten. Da stießen wir
auf afghanische Truppen und schlugen sie bei Somatsch. Der Emir Abdur
Rahman mußte das auf Geheiß der Engländer, die ihm Subsidien zahlten,
übelnehmen und sie um Beistand bitten. Ein englischer Gesandter
erschien in Kabul, und es kam zu Verhandlungen, die wir recht geschickt
in die Länge zogen, um Zeit für die Erbauung kleiner Forts auf dem
Pamirgebiet zu gewinnen. In London wurde schließlich vereinbart, daß
der Pentsch die Grenze zwischen Rußland und Afghanistan im Pamirgebiet
sein solle. Und ein paar Monate später trafen wir am Ssary-Kul mit
einer englischen Expedition zusammen, die im Verein mit uns die genaue
Grenzlinie feststellen sollte. Es gab eine höchst ergötzliche Komödie;
denn die englischen Kameraden wollten uns durchaus nicht merken lassen,
daß sie Befehl hatten, nachgiebig zu sein. Wir aber waren sehr rasch
dahintergekommen und zogen die Grenze, wie es uns gefiel. Das Ende
war, daß nur noch ein ganz schmaler Streifen zwischen Buchara und der
indischen Grenze dem Emir verblieb, der sich außerdem verpflichten
mußte, dort weder Truppen zu halten, noch Befestigungen anzulegen. Also
unser Gebiet war auf 20 Kilometer an das englische herangerückt. Dort
sind wir Indien am nächsten, und wenn wir wollen, können wir jederzeit
von den Pässen des Hindukusch nach dem unter englischem Einfluß
stehenden Tschitratal hinabsteigen.“
Die Unterhaltung wurde durch das Erscheinen eines Dieners unterbrochen,
der Heideck eine Einladung von Mrs. Baird zum Diner am Abend dieses
Tages brachte. Der Hauptmann vermochte seine Freude kaum zu verbergen;
denn er zweifelte nicht, daß es Edith war, der er diese Einladung
verdankte, und er war glücklich in der Hoffnung, sie endlich
wiederzusehen.
„Sie stehen sich gut mit dem Obersten,“ sagte der Fürst, als der Diener
mit Heidecks zusagendem Bescheide gegangen war. „Das kann Ihnen unter
den gegenwärtigen Verhältnissen von großem Vorteil sein. Lassen Sie
sich doch einen Passierschein ausstellen und reisen Sie mit mir!“
„Es tut mir leid, mein Fürst! Ich würde gewiß sehr gern in so
angenehmer Gesellschaft reisen, aber meine Geschäfte halten mich
einstweilen noch hier zurück.“
„Nun -- wie Sie wollen, -- ich darf Ihnen nicht weiter zureden. Aber
ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß wir einander nochmals begegnen
werden, und es ist überflüssig, zu versichern, daß Sie in jeder Lage
auf mich zählen dürfen.“
[Illustration]