VII.

Es war um die Mittagszeit, als Kapitän Irwin aus dem Bungalo des

Obersten trat und sich seinem Hause zuwandte. Die Unterhaltung mit

seinem Vorgesetzten mußte für ihn sehr bedeutungsvoll und wenig

erfreulich gewesen sein. Denn er war sehr bleich. Auf seinen Wangen

brannten rote Flecken und seine tiefliegenden Augen blickten finster,

wie in mühsam beherrschtem Zorn.

Kurze Zeit darauf wurde das Pferd des Obersten vorgeführt und

gleichzeitig ritt ein Zug Lancers unter dem Kommando eines

Wachtmeisters in den Hof ein. Der Kommandierende erschien in großer

Uniform und setzte sich an die Spitze des Zuges, der im Galopp dem

Schlosse des Maharadjah zusprengte.

Unmittelbar vor dem Palast machten die Reiter Halt, und in befehlendem

Ton rief Oberst Baird den am Eingangstor lungernden Dienern zu, daß er

den Maharadjah zu sprechen wünsche.

Ein paar Minuten vergingen, ehe ein prächtig gekleideter Palastbeamter

mit der Meldung zurückkam, daß Seine Hoheit augenblicklich niemanden

empfangen könne. Der Herr Oberst würde Nachricht erhalten, sobald die

erbetene Audienz bewilligt werden würde.

Jetzt schwang sich der Befehlshaber aus dem Sattel und ging festen,

sporenklirrenden Schrittes in das Schloß, seinen Säbel mit lautem

Gerassel hinter sich her über die Marmorfliesen schleifend.

„Melden Sie dem Fürsten, daß ich auf der Stelle mit ihm zu reden habe!“

rief er mit drohender Stimme den Palastbeamten und Dienern zu, die ihm

in sichtlicher Bestürzung folgten.

Einer so kategorischen Erklärung wagte man offenbar keinen Widerstand

mehr entgegenzusetzen. Alle Tore öffneten sich vor dem Engländer, und

auch im Vorzimmer brauchte er kaum eine Minute lang zu warten, ehe sich

der Fürst bereitfinden ließ, ihn zu empfangen.

Auf einer kleinen, hochgelegenen Terrasse des Erdgeschosses saß der

Maharadjah beim Luncheon. Er veränderte seine absichtlich lässige

Haltung nicht, als der englische Resident auf ihn zutrat. Und der

sprühende Blick, mit dem seine dunklen Augen sich auf den Eindringling

richteten, sollte den Fremden offenbar einschüchtern.

Den Helm auf dem Kopf, die Faust auf den Säbel gestützt blieb der

Oberst hart vor dem Fürsten stehen.

„Ich habe mit Ihnen zu sprechen, Maharadjah!“

„Und ich habe Ihnen durch meine Diener sagen lassen, daß ich jetzt

nicht zu sprechen bin. Sie sehen, ich bin bei der Mahlzeit!“

„Das darf für Sie kein Hindernis sein, den Vertreter Seiner britischen

Majestät zu empfangen. Der Bescheid, den Sie mir erteilen ließen, war

eine Beleidigung, die bei einer Wiederholung nicht ungesühnt bleiben

würde.“

In aufloderndem Zorn fuhr der Fürst von seinem Sessel empor. Er

schleuderte dem Obersten ein Schmähwort ins Gesicht, und seine Rechte

fuhr gleichzeitig nach dem Dolche in seinem Leibgurt. Erschrocken

prallte der Diener zurück, der eben im Begriff gewesen war, ihm auf

silberner Schale eine rotschimmernde Languste zu präsentieren. Der

Oberst aber setzte, ohne sich auch nur um Haaresbreite von seinem

Platze zu rühren, das silberne Jagdpfeifchen an den Mund, das an

seiner Schulter hing. Zwei gellende Pfiffe ertönten, und unmittelbar

darauf wurde das Trappeln von Pferdehufen und das Klirren von Waffen

vernehmlich. Die hohen, blaugestreiften Turbane der Reiter und die

Fähnchen ihrer Lanzen tauchten neben der Terrasse auf.

„Man rufe meine Leibgarde!“ schrie der Fürst mit vor Wut heiserer

Stimme.

Aber mit eisiger Ruhe klang es von den Lippen des Obersten:

„Wenn Sie Ihre Leibgarde kommen lassen, Maharadjah, sind Sie ein toter

Mann. Das wäre Rebellion. Und mit Rebellen pflegen wir keine Umstände

zu machen.“

Der Fürst preßte die Lippen zusammen. Die mit ungeheurer Anstrengung

beherrschte Wut ließ seinen Körper wie im Fieber erzittern. Aber er

mußte einsehen, daß er hier der schwächere sei, denn ohne ein weiteres

Wort ließ er sich wieder in seinen Sessel fallen.

Der Oberst trat an die Brüstung der Terrasse.

„Wachtmeister Thomson!“ rief er in den Park hinaus.

Auf den Marmorstufen erklangen schwere Schritte, und der Gerufene, dem

zwei Soldaten folgten, trat in dienstlicher Haltung seinem Vorgesetzten

gegenüber.

„Wissen Sie, Wachtmeister, wer der Herr dort am Tische ist?“

„Zu Befehl, Herr Oberst! Das ist Seine Hoheit der Maharadjah.“

„Wenn ich Ihnen Befehl erteilte, den Herrn zu verhaften und zum Camp zu

führen, -- würden Sie Bedenken tragen, zu gehorchen?“

Der Wachtmeister sah den Fragenden an, als ob der Zweifel an seinem

bedingungslosen, militärischen Gehorsam ihn in Erstaunen setzte. Dann

machte er eine Kopfbewegung gegen die beiden Soldaten hin und trat, als

wollte er den Auftrag sofort zur Ausführung bringen, um einen weiteren

Schritt auf den Fürsten zu.

„Halt, Wachtmeister!“ rief der Oberst. „Ich hoffe, Seine Hoheit wird es

nicht zum äußersten kommen lassen. Sie sind doch bereit, Maharadjah,

mir jetzt Rede zu stehen?“

Schweigend deutete der Inder auf den vergoldeten Sessel an der anderen

Seite des Tisches. Auf einen Wink des Obersten traten der Wachtmeister

und die beiden Soldaten wieder ab.

„Ich habe eine sehr ernste Frage an Sie zu richten, Maharadjah!“

„Sprechen Sie!“

„In der letzten Nacht, während der Kapitän Irwin abwesend war, sind

einige verbrecherische Leute in sein Haus eingedrungen in der Absicht,

sich tätlich an der Gemahlin des Kapitäns zu vergreifen. Was wissen Sie

von dieser Sache, Maharadjah?“

„Ich verstehe Sie nicht, Oberst! Was sollte ich davon wissen?“

„Vielleicht täten Sie doch gut, sich zu besinnen. Sie hören von dieser

Affäre zum ersten Mal?“

„Gewiß. Ich habe bisher nicht das geringste davon gewußt.“

„Auch das hat man Ihnen also nicht gemeldet, daß derjenige von den

Einbrechern, der tot auf dem Platze geblieben ist, einer Ihrer Diener

war?“

„Nein. Ich habe sehr viele Diener, und ich bin nicht verantwortlich für

das, was sie tun, wenn es nicht in meinem Auftrage geschah.“

„Gerade das aber ist es, was ich vermute. Sie werden mir schwerlich

zumuten zu glauben, daß einer Ihrer Diener einen derartigen Ueberfall

auf eigene Hand gewagt haben sollte. Die anderen Schurken sind zwar

entkommen, aber einer von ihnen hat einen Säbel zurücklassen müssen,

der einem Manne Ihrer Leibgarde angehörte.“

Der Maharadjah kämpfte augenscheinlich einen schweren Kampf, seine

Fassung zu bewahren. Indem er seine Wut hinter einem verächtlichen

Lächeln zu verbergen suchte, sagte er:

„Es ist unter meiner Würde, Oberst, Ihnen darauf zu antworten.“

„Von irgend einer Würde, die Sie berechtigte, eine von dem britischen

Residenten verlangte Auskunft zu verweigern, kann nicht die Rede sein.

Sie haben es nicht mit einem einfachen englischen Offizier, sondern mit

dem Vertreter Seiner Majestät des indischen Kaisers zu tun. Wie es

meine Pflicht ist, Sie zu fragen, so ist es die Ihre, mir zu antworten.

Eine Weigerung könnte leicht die schwersten Folgen für Eure Hoheit

haben. Denn die Regierungskommissare, die man auf meinen Bericht hin

von Kalkutta nach Chanidigot entsenden würde, dürften sich von Ihrer

Würde sehr wenig imponieren lassen.“

Wieder biß der Inder die Zähne zusammen, und ein wilder,

leidenschaftlicher Haß glänzte in seinen Augen. Aber er mochte zu

gleicher Zeit daran denken, daß er nicht der erste unter den indischen

Fürsten gewesen wäre, den man wegen eines geringfügigen Uebergriffes

auch um den letzten Rest seiner Scheinherrschaft gebracht hätte. Darum

zwang er sich zu einer äußerlich ruhigen Entgegnung.

„Wenn Sie es für nötig halten, nach Kalkutta zu berichten, so kann

ich Sie daran nicht hindern. Aber ich denke, der Vizekönig wird sich

besinnen, einen treuen Alliierten Englands gerade in dem Augenblick zu

beleidigen, wo er ihn um die Entsendung einer Hilfstruppe angeht.“

„Da Sie dieses Umstandes einmal erwähnen -- wer ist zum Kommandeur der

Truppe bestimmt?“

„Mein Vetter Tasatat Radjah.“

„Und wann wird er marschieren?“

„In etwa vier Wochen, wie ich hoffe.“

Der Offizier schüttelte den Kopf.

„Das wäre viel mehr Zeit, als wir Ihnen geben können. Ihre Truppe

soll sich meinem Detachement anschließen, und ich werde spätestens in

vierzehn Tagen ausrücken.“

„Sie verlangen Unmögliches. Es fehlt vorläufig noch an Pferden,

und ich weiß nicht, woher ich in so kurzer Zeit zweitausend Kamele

nehmen sollte. Auch habe ich bei weitem nicht genug Munition für die

Infanterie.“

„Die fehlende Munition kann für Rechnung Eurer Hoheit aus dem Arsenal

zu Mooltan geliefert werden. Was aber die Pferde und Kamele betrifft,

so werden Sie bei einiger Anstrengung die nötige Anzahl ohne Zweifel

zu rechter Zeit stellen können. Ich wiederhole, daß in vierzehn

Tagen alles bereit sein muß. Vergessen Sie nicht, daß die pünktliche

Ausführung des Ihnen erteilten Befehls gewissermaßen eine Probe auf

Ihre Treue und Ihren Eifer darstellt. Jedes unnötige Zaudern und jede

Zweideutigkeit in Ihrer Haltung müßten Ihnen verhängnisvoll werden.“

Der Nachdruck, mit dem diese Worte gesprochen waren, verriet

hinlänglich, wie ernst sie gemeint seien. Und der Maharadjah, dessen

gelbliche Haut sich für einen Moment dunkler gefärbt hatte, neigte

schweigend den Kopf.

Oberst Baird erhob sich von seinem Sitz.

„Was die Angelegenheit der Mrs. Irwin betrifft, so erwarte ich

die sofortige Einleitung einer gründlichen Untersuchung. Und ich

verlange, daß sie mit schonungsloser Strenge, ohne alle Winkelzüge

und Heimlichkeiten geführt werde. Die Beleidigung, die von einigen

Ihrer Untertanen einem Offizier Seiner Majestät und einer britischen

Dame zugefügt wurde, ist eine so ungeheuerliche, daß nicht nur die

Verbrecher selbst, sondern auch der Anstifter dieser Tat der verdienten

Strafe überliefert werden müssen. Ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden

Zeit. Wenn ich nicht vor Ablauf dieser Frist einen befriedigenden

Bericht von Ihnen erhalten habe, so werde ich selbst die Untersuchung

führen. Und Sie dürfen gewiß sein, daß die gewünschte Aufklärung dann

binnen kürzester Frist erfolgt sein wird.“

Er legte militärisch grüßend die Hand an den Helm und schritt, diesmal

den kürzesten Weg wählend, die Stufen der Terrasse hinab. Klirrend und

rasselnd sprengte der Reiterzug davon.

Mit düster funkelnden Augen blickte ihm der Maharadjah nach. Dann

befahl er dem Diener, Mohammed Bhawon, seinen Leibarzt, zu rufen.

Und als wenige Minuten später das ganz in weißen Musselin gekleidete

magere, verhutzelte Männchen mit dem faltigen braunen Gesicht und den

stechenden schwarzen Augen zu ihm trat, winkte er ihm gnädig zu, sich

auf dem goldgestickten Polster an seiner Seite niederzulassen.

Eine zweite gebieterische Handbewegung wies den Diener hinaus. Und

indem er seinen Arm vertraulich um den Nacken des Arztes legte, sprach

der Maharadjah lange und angelegentlich mit behutsam gedämpfter Stimme

auf ihn ein -- freundlich und schmeichelnd, wie man zu jemandem redet,

von dem man außerordentliches verlangt -- aber noch immer mit dem

Glitzern einer leidenschaftlichen Wut und eines tödlichen Hasses in den

Augen.

[Illustration]

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman · 第 13 / 49 题